258. Der Schuhflicker und der Bankier. Fabel von Jean de la Fontaine, illustriert von Gustave Doré, 19. Jh.

 

 

Mainard - La Bruyère - La Fontaine

François Mainard, ein Schüler von Malherbe, schreibt gern Spottgedichte, so verfasst er zum Beispiel eine Satire über einen Neureichen, der ehemals Schuster war.

„Pierre, der während seiner jungen Jahre

ein angesehener Schuster war,

strahlt über seinen Reichtum

und schämt sich seines früheren Handwerks.“

 

Dieser geistreiche Autor ist ein Vorläufer von La Bruyère:

„Iphis sieht in der Kirche einen modischen Schuh; er betrachtet seinen Schuh und errötet; er hat das Gefühl, nicht mehr angezogen zu sein. Er ist zur Messe gekommen, um sich zu zeigen und nun versteckt er sich; sein Fuß hält ihn für den Rest des Tages in seinem Zimmer zurück.“

Nach diesem Sittenbild eines Zeitgenossen von La Bruyère bekommt La Fontaine mit seiner Fabel vom Schuster und vom Bankier, in der es um Weisheit und gesunden Menschenverstand geht, das letzte Wort.

„Ein muntrer Schuster sang vom Morgen bis zum Abend,

Es war sein Anblick wahrlich labend

Wie sein Gesang; er war bei seinen Liederweisen

Zufriedner als die sieben Weisen.

Sein Nachbar aber, der gespickt mit Golde war,

Sang wenig, schlief noch wen’ger gar,

Ein Mann war’s, reich an Gut und Geld.

Oft, wenn der Morgen ihm ein wenig Schlaf beschied,

Erweckte ihn sogleich des Schusters lautes Lied;

Worauf ins Klagen er geriet,

Es wär auf Erden schlecht bestellt,

Dass man zu kaufen nicht den Schlaf auch könnt bekommen,

Wie alles, was man isst und trinkt. In seine Wohnung ließ er kommen

Den Sänger, sprach zu ihm: „Nun, Meister, sagt, was bringt

Euch das Geschäft im Jahr?“ „Im Jahr! Herr, meiner Treu“,

Ruft lachend ohne alle Scheu

Der Schuster fröhlich, „die Berechnung macht nur Plage.

Ich zähle kaum von Tag zu Tage;

Froh bin ich, wenn ich durch zur Not

Mich bis zum Jahresschlusse schlag.

Ein jeder Tag bringt auch sein Brot.“

„Wohlan so saget, was verdient Ihr jeden Tag?“

„Bald mehr, bald minder. Was ich schlimm allein nur find

Wär’ das nicht, nährte mich ja das Geschäft, das Beste,

Ist, dass im Jahre so viel Feiertage sind,

Man ruiniert wahrhaftig uns durch Feste;

Eins drängt das andere, und der Herr Pfarrer bringt

Stets neue Heilige, die müssen Ehr empfangen.“

Der Geldmann lacht, wie das offenherzig klingt,

Spricht: „Heute sollt durch mich Ihr auf den Thron gelangen.

Nehmt hundert Taler hier, verwahret sie recht gut

Für Zeiten, wo vielleicht Euch not die Summe tut.“

-Der arme Schuster glaubt zu sehen, was die Welt Hervorgebracht seit hundert Jahren An schönen Münzen, blanken, baren.

Nach Hause geht er, gräbt im Keller ein das Geld,

Zugleich auch seinen frohen Sinn.

Die Stimme des Gesangs war hin, Seit er gewonnen, was uns so viel Unruh macht.

Es ging der Schlaf von ihm hinaus, Die Sorgen kamen in sein Haus,

Der Argwohn, der beständig wacht.

Am Tage passt’ er auf, und wenn des nachts sich nur

Rührt’ eine Katze auf dem Flur,

Nimmt sie das Geld. Zuletzt geht er in seinem Kummer

Zu jenem, den nun nicht mehr wecken seine Lieder,

Spricht: „Gebet den Gesang zurück mir und den Schlummer,

Und nehmt die hundert Taler wieder.“

 

Perette in der Fabel Die Frau und der Milchtopf will viel Geld verdienen. Sie steht wirklich nicht mit beiden Füßen auf der Erde. In einer Hinsicht allerdings doch, denn La Fontaine lässt sie flache Schuhe tragen:

„Leichtfüßig, hoch geschürzt, geht sie mit großen Schritten, Weil angezogen sie einfachen Rock nur hat Und leichte Schuh, die ausgeschnitten“.

In diesem Fall hat die Bäuerin nichts mit den Kleidersorgen von Iphis, der nur auf sein Aussehen bedacht war, gemein.