265. Kinderschuh in der Form eines Katzenkopfs, besticke Seide, China, 19. Jh., Sammlung Guillen, Internationales Schuhmuseum, Romans.
Wie bei Gérard de Nerval spielt auch Alain Fourniers Roman in der geliebten Landschaft seiner Kindheit. Meaulnes verschwindet auf geheimnisvolle Weise drei Tage lang. Er verläuft sich in der einsamsten Gegend der Sologne. Er stößt auf ein Landgut, dringt in eines der verlassenen Zimmer ein und schläft ein. Am nächsten Morgen entdeckt er neben sich Kleider von früher, die für ihn bestimmt zu sein scheinen: „Es waren Kleider für junge Leute aus einer vergangenen Zeit. Gehröcke mit hohem Samtkragen, weit offene, feine Westen, unzählige weiße Krawatten und Lackschuhe vom Anfang des Jahrhunderts. Er wagte es nicht, auch nur etwas mit den Fingerspitzen anzurühren. Aber nachdem er sich zitternd gewaschen hatte, zog er über seinen Schulkittel einen der weiten Mäntel, stellte den gefältelten Kragen hoch, tauschte seine eisenbeschlagenen Schuhe gegen feine Lackschuhe und ging ohne Kopfbedeckung nach unten.“ Beide Autoren führen den Leser ständig zwischen Traum und Wirklichkeit hin und her, Gegenwart und Vergangenheit vermischen sich. Die Überraschung und Freude Sylvias und des Großen Meaulnes, als sie die alten Schuhe entdecken, ist augenscheinlich. Gérard de Nerval und Alain Fournier lassen die Welt der Kindheit und Jugend wieder lebendig werden. Noch heute lassen wir uns in eine Traumwelt entführen, wenn wir uns anlässlich festlicher Veranstaltungen verkleiden.
Pierre Loti – Madame Chrysanthème
Vorstellungen …
„Ich sehe von hinten eine kleine, angekleidete Puppe, deren Putz gerade auf der verlassenen Straße überprüft wird: ein letzter mütterlicher Blick auf die riesigen Schleifen des Gürtels, auf die Falten in der Taille. Sie trägt ein perlgraues Seidenkleid mit malvenfarbigem Obi (1) aus Satin; in ihren schwarzen Haaren ein Stäbchen aus silbernen Blumen; ein letzter Strahl der untergehenden Sonne erhellt sie; fünf oder sechs Personen begleiten sie... Ja, natürlich, das ist Fräulein Jasmin ... meine Braut wird zu mir gebracht! … Ich stürze ins Erdgeschoss, wo die alte Frau Prune, meine Vermieterin, und ihr alter Gatte wohnen; sie beten gerade vor dem Altar ihrer Vorfahren. „Hier sind sie, Frau Prune, hier sind sie, sage ich auf Japanisch! Holen Sie schnell den Tee, das Rechaud, die Glut, die kleinen Pfeifen für die Damen, die kleinen Bambusspuckschalen! Bringen Sie mir eiligst das für meinen Empfang nötige Zubehör!“ Ich höre, wie das Tor geöffnet wird, ich gehe wieder hinauf. Holzschuhe werden am Boden abgestellt; die Treppe knarrt unter den Füßen …“
(1) Zum japanischen Kimono getragener breiter Gürtel.
Pierre Loti reist in damals unbekannte Länder. Seine Begeisterung für exotische Länder kommt in seinem literarischen Werk zum Ausdruck. Er besucht Japan 1886 und veröffentlicht im Jahr 1887 Madame Chrysanthème. In diesem Roman schildert der Schriftsteller auf sehr pittoreske Weise, wie ihm im Land der aufgehenden Sonne eine Braut vorgestellt wurde.
Der überlieferte Brauch, seine Holzschuhe vor dem Betreten des Hauses auszuziehen, wird auch hier eingehalten und das Geräusch der unbeschuhten Füße auf der Treppe genau wiedergegeben.
André Chamson – Les hommes de la route
Les hommes de la route erscheint im Jahr 1927. In diesem Roman beobachtet André Chamson Männer, die eine Straße in den Cevennen bauen. Für die mühsame Arbeit in den schroffen Granitbergen brauchen sie robustes Schuhwerk:
„Ein langer Landstreifen erstreckte sich flach, wie um sich zu unterwerfen, vor den dunkelhäutigen Männern, die schwarze, vom Regen und den schweißnassen Fingern blank polierte Filzhüte trugen; gedrungene Männer in Hemdsärmeln, offenen Kragen und ohne Krawatte, mit schwarzer Brust, flinke Männer in groben Cordsamthosen, die durch einen roten oder blauen Gürtel gehalten werden; robuste Männer mit schweren genagelten Lederschuhen, die stärker sind als der grobkörnige, wie Stahl glänzende Granit – Männer gleich denen, die auf den schlanken Pfeilern von Kathedralen zu sehen sind oder die mähen, Brot in den Ofen schieben, Jahreszeit um Jahreszeit und Jahr um Jahr ihre Arbeit verrichten – Männer in zeitloser Kleidung, die für schwere Arbeiten wie geschaffen ist, Freunde der Sonne und des Regens, die schwer auf den harten Steinen inmitten der Funken einherschreiten.“
Margaret Mitchell
Vom Winde verweht
Margaret Mitchell hat diesen Roman im Jahr 1936 geschrieben, der 1939 von Victor Fleming mit den unvergesslichen Schauspielern Vivien Leigh und Clark Gable verfilmt wurde. Die Handlung spielt in der Zeit des Sezessionskriegs (1861–1865) in den Vereinigten Staaten: Süd- und Nordstaaten führen gegeneinander Krieg.
Es ist regelmäßig von Schuhen die Rede. Aber interessant ist, festzustellen, dass sie zu Beginn des Buches, als alle Figuren noch im Wohlstand leben, nie erwähnt werden. Die erste Gelegenheit ergibt sich, als Scarlett während des Kriegs nach Atlanta kommt: „Scarlett stand auf dem unteren Trittbrett des Zuges, eine bleiche, hübsche Erscheinung in ihrer schwarzen Trauerkleidung mit dem Kreppschleier, der lang herunterfiel. Sie zauderte, sich Schuhe und Rocksaum zu beschmutzen und hielt in dem lärmenden Durcheinander von Lastwagen, Einspännern und Equipagen nach der pausbackigen Miss Pittypat Ausschau.“ (Seite 163)
In der Folge wird dieses Thema noch vielfach behandelt. Der Schuh wird entweder in Verbindung mit Not oder Reichtum erwähnt. Der Zustand der Schuhe zeugt von den sozialen Lebensbedingungen der Figuren: „Wie können wir diese Schmutzfinken mit ihren Lackstiefeln in unserer Mitte dulden, während unsere Söhne barfuß in die Schlacht gehen?“ (Seite 260)
Zur eleganten Kleidung Rhett Butlers gehören immer neue Stiefel, die sich deutlich von dem herrschenden Elend abheben: „Wie durfte er es wagen, mit seinen glänzenden Lackstiefeln und seinem eleganten Leinenanzug das schönste Pferd zu reiten, glatt und wohlgenährt, die teure Zigarre im Mund, während Ashley und all die anderen barfuß, vor Hitze schmachtend, hungrig, mit kranken Eingeweiden gegen die Yankees kämpften!“ (Seite 282)
Der Schuhmangel der konföderierten Soldaten weist übrigens klar auf die Verhältnisse in der Armee hin. Dies lässt sich in mehreren Abschnitten ablesen, so zum Beispiel, als Melanie die Militärkleidung von Ashley betrachtet und dieser ihr antwortet: „Ein Wunder übrigens, dass dein Mann nicht auch noch barfuß nach Hause kommt. Vorige Woche waren meine alten Stiefel vollkommen erledigt, und ich wäre mit Säcken um die Füße heimgekommen, hätten wir nicht das Glück gehabt, zwei feindliche Kundschafter totzuschießen. Die Stiefel des einen passten mir wie angegossen.“ Er streckte seine langen Beine aus, damit sie seine verschrammten Stiefel bewunderten. „Mir aber passten die Stiefel des anderen nicht“ sagte Cade.
„Die sind zwei Nummern zu klein, und ich werde noch verrückt vor Schmerzen. Wenigstens komme ich aber anständig mit Stiefeln nach Hause.“ „Das eigensüchtige Schwein will sie keinem von uns geben“, sagte Tony, „und unseren aristokratischen Füßen würden sie doch ausgezeichnet passen. Ich schäme mich, in diesen Kähnen vor Mutter zu erscheinen. Vor dem Krieg hätten wir sie nicht einmal einen unserer Neger tragen lassen.“ „Beruhige dich, sagte Alex und betrachtete die Stiefel des Bruders. Wir ziehen sie ihm im Zug auf der Heimfahrt aus.“ (Seite 293)
Am aussagestärksten ist aber sicherlich der Brief, den Darcey Meade von der Front an seine Eltern schickt, und in dem er sie darum bittet, ein Paar Stiefel für ihn ausfindig zu machen, da er auf Grund seines neu errungenen Grades angemessene Schuhe tragen will: „Pa, kannst Du mir denn nicht ein Paar Stiefel verschaffen? Ich laufe seit vierzehn Tagen barfuß und habe nicht die geringste Aussicht, neue zu bekommen. Wenn ich nicht so große Füße hätte, so könnte ich wie die anderen den gefallenen Yankees die Schuhe ausziehen, aber ich bin noch nirgends auf einen gestoßen, der annähernd so große Füße hatte wie ich. Wenn Du welche bekommen kannst, schicke sie nicht mit der Post. Es könnte sie jemand unterwegs stehlen, und ich würde es ihm nicht einmal verdenken. Setz deshalb Phil in den Zug und gib sie ihm mit. … Pa, bitte, sieh zu, dass Du ein Paar Stiefel für mich bekommst. Ich bin jetzt Hauptmann, und ein Hauptmann sollte wenigstens Stiefel haben, wenn er auch keine neue Uniform und keine Achselstücke hat.“ (Seite 278, 279)
“Ja, Scarlett, die Yankees schlagen uns. Gettysburg war der Anfang vom Ende. Zu Hause weiß man es noch nicht. Viele unserer Leute gehen barfuß, und in Virginia liegt hoher Schnee. Wenn ich ihre erfrorenen Füße, mit Lumpen und Säcken umwickelt, sehe und die Blutspuren, die sie im Schnee hinterlassen, und weiß, ich habe ein Paar heile Stiefel, dann habe ich das Gefühl, ich sollte sie weggeben und auch barfuß laufen. „Ach, Ashley, versprich mir, sie nicht wegzugeben!“ Auch in diesem Abschnitt kann man anhand der Schuhe die Lage erkennen. In einer Zeit, in der das Geld an Wert verliert und die Preise steigen, sind Schuhe Mangelware.
So bringen selbst die Damen von Atlanta großen Einfallsreichtum auf, um sich Schuhe zu beschaffen: „Schuhe kosteten zwischen zweihundert und achthundert Dollar das Paar, je nachdem, ob sie aus „Karton-Ersatzleder“ oder echtem Leder waren. Damen trugen jetzt Halbschuhe, die sie sich aus alten Wollschals und Teppichstücken anfertigen ließen. Die Sohlen waren aus Holz.“ (Seite 382)
Scarletts Schwierigkeiten, sozial aufzusteigen, lassen sich an ihren Schuhen ablesen: „Die völlig durchgelaufenen Sohlen ihrer Schuhe waren mit alten Teppichstücken ausgebessert.“ (Seite 549)
Wenn Scarlett an das üppige Leben von früher zurückdenkt, kommen ihr ihre zarten, grünen Lederpantoffeln in den Sinn. Der Krieg ist beendet, in Tara ist man jedoch ohne Nachricht von Ashley. Alle sind höchst beunruhigt. „Weine nicht, Melly. Ashley wird zurückkommen. Er hat einen langen Weg und vielleicht hat er keine Stiefel.“ Bei dem Gedanken, Ashley könnte barfuß laufen, war Scarlett den Tränen nahe. Sollten doch die anderen Soldaten in Lumpen daherkommen, und Säcke oder Teppichstücke um ihre Füße wickeln, aber nicht Ashley. Er wird gut gekleidet, mit Lackstiefeln und einer Feder am Hut auf einem Pferd antänzeln. Es war ihr unvorstellbar, dass Ashley in dem gleichen Zustand wie die anderen armen Soldaten zurückkehren könnte.“
Die Erscheinung von Tante Pittypat, die ihren Namen ihren kleinen Füßen verdankt, aber selbst sehr dick ist, lockert die so ernste Lage etwas auf. Die Frau wird mit einem zu engen Paar Schuhe dargestellt, das ihre Füße anschwellen lässt. In Vom Winde verweht beschreibt Margaret Mitchell vor allem die Schuhe des Militärs. Vielleicht erinnert sie sich an den Ausspruch Napoleons I.: „… für die Ausstattung eines Soldaten sind drei Dinge wichtig: ein gutes Gewehr, ein Kapuzenmantel und gute Schuhe.“ Die Bedeutung, die sie dem Schuhmangel der Armee beimisst, lässt dies vermuten.