268. Foto eines verkrümmten Fußes. The Peabody & Essex Museum, Salem, Massachusetts.

 

 

Pearl S. Buck
„Ostwind, Westwind und Pivoine“

Pearl S. Buck lebt ab 1923 in Nordchina. Ihr erster Roman Ostwind, Westwind erscheint im Jahr 1929. Ihre Beschreibungen verschiedener Lebensaspekte in China sind von dokumentarischem Wert. Der Leser hat das Gefühl, in den Alltag der Figuren, wie zum Beispiel Pivoine im gleichnamigen Roman, einzudringen. In den beiden genannten Romanen werden häufig der Schuh und die Tradition der eingebundenen Füße erwähnt. Pearl S. Buck zeigt, wie wichtig sie für die chinesischen Frauen und wie stolz diese darauf sind. Dennoch lässt sie auch den Westen zu Wort kommen, wenn sie offen die Grausamkeit einer solchen Tradition, die von den Peinigern selbst verteidigt wird, verurteilt. Kurz vor ihrer Heirat mit dem Mann, dem sie schon vor ihrer Geburt versprochen worden war, lauscht Kwei-Lan den Ratschlägen ihrer Mutter:

„Du bist nun in allen Aufgaben, denen eine Dame aus gutem Hause nachkommen muss, unterrichtet Die Wirkung der Schuhe an deinen kleinen Füßen oh! Deine armen Füße, wie viele Tränen sie gekostet haben! Aber ich kenne niemanden in deiner Generation mit so zierlichen Füßen. Als ich so alt war, waren meine längst nicht mehr so schmal. Ich hoffe nur, die Familie von Li hat meine Ratschläge befolgt und die Füße ihrer Tochter, der Verlobten deines Bruders und meines Sohnes, auch so eng eingebunden.“

Am Vorabend der kommunistischen Revolution hält Kwei-Lan immer noch an den Traditionen und der Autorität ihrer Eltern fest. Ihr Gatte, ein junger Arzt, überredet sie, auf eine derartige Verstümmelung zu verzichten.

„Seit unserer Hochzeit will ich Sie bitten, Ihre Füße nicht mehr einzubinden. Es ist ungesund für den ganzen Körper. Sehen Sie, Ihre Knochen sehen so aus.“ Er nahm einen Bleistift und zeichnete schnell einen furchtbar hässlichen nackten, vollkommen zusammengedrückten Fuß auf ein Blatt in seinem Buch. Woher wusste er es? Ich hatte nie meine Füße vor ihm eingebunden. Wir Chinesinnen lassen nie unsere Füße sehen. Selbst nachts behalten wir weiße Leinenstrümpfe an.

„Woher wissen Sie es?“ fragte ich ihn zitternd.

„Weil ich ein Arzt bin, der im Westen studiert hat. Deswegen wünsche ich, dass Sie Ihre Füße nicht mehr wickeln, denn es ist weder schön noch modern. Geht Ihnen das nicht zu Herzen?“

Er lächelte ein wenig und schaute mich wohlwollend an. Aber ich zog hastig meine Füße unter den Sessel zurück. Seine Worte hatten mich schockiert. Nicht schön? Ich, die ich immer so stolz auf meine kleinen Füße war! Während meiner ganzen Kindheit hatte meine Mutter jeden Abend mein heißes Bad und das jeden Tag engere Einbinden meiner Füße überwacht. Wenn ich vor Schmerzen weinte, bat sie mich, an den Augenblick zu denken, da mein Mann die Schönheit meiner Füße preisen würde. Ich beugte den Kopf vor, um meine Tränen zu verbergen.

Ich dachte an all die unruhigen Nächte, an all die Tage, an denen ich weder essen noch spielen mochte, an denen ich auf meiner Bettkante sitzen blieb und meine armen Füße auf und ab baumeln ließ, um den Druck des Bluts zu vermindern. Nur um jetzt, nachdem ich das alles erduldet habe und erst seit einem Jahr keine Schmerzen mehr leide, zu hören, dass er sie hässlich fand! „Ich kann nicht“, sagte ich. Ich glaubte zu ersticken, als ich aufstand und ich musste das Wohnzimmer verlassen, da ich unfähig war, meine Tränen zurückzuhalten.

Es lag mir nicht übertrieben viel an meinen Füßen, aber wenn meine Füße in den so geschickt bestickten Schuhen vor seinen Augen keine Gnade fanden, wie könnte ich jemals hoffen, seine Liebe zu gewinnen? Zwei Wochen später stattete ich nach chinesischer Sitte meiner Mutter einen ersten Besuch ab. Mein Mann hatte nicht wieder davon gesprochen, meine Füße nicht mehr zu wickeln. Er hatte mich auch nicht bei meinem Namen genannt.