271. Burne-Jones, Aschenputtel, 1863. Aquarell und Tempera auf Papier, auf Leinwand aufgezogen. Museum of Fine Arts, Boston.
Charles Perrault – Drei Märchen
Aschenputtel
Der gestiefelte Kater
Der kleine Däumling
Die unzähligen Versionen dieser drei Märchen, die für Kinder bearbeitet wurden, drängen die ursprünglich von Perrault für Erwachsene verfassten Texte in den Hintergrund. Diese Schuhtrilogie kann unter drei Gesichtspunkten betrachtet werden: Aschenputtel oder der Schuh der Verführung, Der gestiefelte Kater oder die Stiefel, durch die Anschen und Würde wiedererlangt werden und Der kleine Däumling oder die Stiefel der Macht. Es genügt, die Originalfassung zu lesen, um sich davon zu überzeugen. In Aschenputtel wird der gläserne Schuh zum zentralen Element des Märchens. „Seine Patin berührte es nur mit ihrem Stab … Sodann gab sie ihm ein Paar gläserne Schuhe, wie es sie schöner auf der ganzen Welt nicht geben konnte.“ (S. 99)
Auf dem Ball: „Das junge Fräulein empfand alles andere als Langeweile und vergaß, was ihre Patin ihr eingeschärft hatte, so dass es bereits den ersten Schlag der Mitternachtsglocke hörte, als es glaubte, es sei noch nicht einmal elf Uhr. Da stand es auf und entfloh so leichtfüßig wie ein Reh. Der Prinz folgte ihm, vermochte es jedoch nicht einzuholen. Es verlor einen seiner gläsernen Schuhe, und der Prinz hob ihn sorgsam auf. Aschenputtel kam ganz außer Atem zu Hause an, ohne Kutsche, ohne Lakaien und in seinen schlechten Kleidern; nichts war ihm von all seiner Pracht geblieben als einer seiner kleinen Schuhe, das Gegenstück zu dem Schuh, den es verloren hatte.“ (S. 102)
Diese Episode erinnert an die Legende von Rhodopis, die Strabon im ersten Jahrhundert vor Christus erzählt und die Perrault wahrscheinlich kennt. Schon in der Bibel finden wir mehrere Stellen, an denen der leichtfüßige Gang mit dem eines Rehs verglichen wird, zum Beispiel bei Habakuk:
„… er wird meine Füße machen wie Hirschfüße und wird mich über die Höhen führen.“ (III, 19) oder auch in den Psalmen oder im Buch Samuel. Wir erinnern uns noch an die buddhistische Legende von Padmavati, Tocher eines Brahmanen und eines Rehs, deren Hufe in Seidenbändern verhüllt sind; dies bringt uns zu Charles Jourdans Marke Seducta zurück, deren Symbol ein im Sprung begriffenes Reh ist.
Aber wir wollen auf Aschenputtels verlorenen Schuh zurückkommen:
„Als seine beiden Schwestern vom Ball zurückkamen, fragte Aschenputtel, ob sie sich gut unterhalten hätten und ob die schöne Dame da gewesen sei. Sie sagten: Ja, sie sei jedoch beim Klang der Mitternachtsglocken entflohen, und zwar so schnell, dass sie einen ihrer kleinen gläsernen Schuhe habe fallen lassen, der aber sei so schön, wie man ihn auf der ganzen Welt nicht finden könne. Der Sohn des Königs hätte ihn aufgehoben und bis zum Ende des Balls fortwährend betrachtet; er sei sicherlich ganz verliebt in die schöne Dame, der der kleine Schuh gehöre.
Sie hatten Recht, denn wenige Tage darauf ließ der Sohn des Königs bei Trompetenschall kundtun, dass er das Mädchen heiraten werde, dessen Fuß genau in den Schuh hineinpasse.
Da begann man damit, ihn den Prinzessinnen anzuprobieren, anschließend den Herzoginnen, dann dem ganzen Hof, doch vergebens. Auch den beiden Schwestern wurde er gebracht; sie taten ihr Möglichstes, um ihren Fuß in den Schuh hineinzuzwängen, doch es wollte ihnen nicht gelingen. Aschenputtel sah ihnen zu, erkannte ihren Schuh und sagte lachend: „Ich will einmal sehen, ob er mir nicht passt!“
Der Edelmann, der die Anprobe des Schuhs durchführte, hatte aber Aschenputtel aufmerksam betrachtet und wohl gesehen, wie schön es war; so sprach er, dass es nur recht sei und dass er den Befehl habe, ihn allen Mädchen anzuprobieren. Er hieß Aschenputtel sich niedersetzen, und als er den Schuh an ihren kleinen Fuß führte, sah er, dass er mühelos darüber ging und wie angegossen saß. Da war das Staunen der beiden Schwestern groß, und es wurde noch größer, als Aschenputtel aus seiner Tasche den anderen Schuh hervorholte und anzog.“ (S. 102, 103)
Das glückliche Ende ist allen bekannt:
„Darauf brachte man es in seinem schönen Putz zu dem jungen Prinzen. Er fand es noch schöner als zuvor, und wenige Tage darauf wurde die Hochzeit gefeiert.“ (S. 104) (Auszug aus dem von Charles Perrault 1697 in Paris veröffentlichten Originaltext).
In den oben stehenden Auszügen lassen sich eindeutige sexuelle Anspielungen erkennen. Aschenputtels „gläserner“ Schuh veranschaulicht die französische Redewendung: „trouver chaussure à son pied“ (den richtigen Partner – wörtlich: Schuh – finden). Anfang des 19. Jahrhunderts erzählt Jakob Ludwig Grimm eine leicht veränderte Fassung des Märchens:
Aschenputtel hat zwei sehr hässliche Schwestern. Der älteren befiehlt die Mutter, sich den großen Zeh abzuschneiden, um in den Pantoffel, den der Prinz gefunden hat, zu passen, die andere schneidet sich ein Stück von der Ferse ab.
„Am nächsten Morgen ging der Prinz zum König, seinem Vater und sagte zu ihm: „Keine andere soll meine Gemahlin werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh passt.“ Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie konnte mit der großen Zehe nicht hineinkommen, und der Schuh war ihr zu klein; da reichte ihr die Mutter ein Messer und sprach: „Hau die Zehe ab – wenn du Königin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“
Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging heraus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort.“
Der Prinz entdeckt die Täuschung, denn das Blut quillt aus dem Schuh. Er bringt die Tochter zur Mutter zurück, die ihm die zweite Tochter gibt. Aber auch diesmal verrät das Blut die List. Da tritt Aschenputtel herein, ihrem schönen Fuß passt die Pantoffel wie angegossen und sie gewinnt für immer das Herz des Prinzen.
Der gestiefelte Kater
Von der Mühle zum Schloss
In diesem Märchen gibt Perrault im Stil Jean de la Fontaines der Katze das Wort: „Seid nicht traurig, mein Herr, Ihr braucht mir nur einen Sack zu geben und mir ein Paar Stiefel machen zu lassen, mit denen ich durchs Gebüsch streifen kann, und Ihr werdet sehen, dass Ihr gar kein so schlechtes Teil erhalten habt, wie Ihr meint.“ (S. 82) Der Mäuse- und Rattenjäger, dem durch die Stiefel das Aussehen eines Menschen verliehen wird, ist das einzige Erbe des jüngsten Müllersohnes. „Als der Kater seinen Wunsch erfüllt sah, zog er artig seine Stiefel an, warf sich den Sack über die Schulter, nahm die Schnüre in die beiden Vorderpfoten und machte sich auf den Weg zu einem Wildgehege, wo es Kaninchen im Überfluss gab.“ (S. 82, 83) Wenn die Stiefel auch für die Jagdausflüge des Katers geeignet sind und ihn im Gestrüpp schützen, so sind sie ihm doch hinderlich, als er angesichts des in einen Löwen verwandelten Menschenfressers auf das Dach klettert. „Der Kater war so entsetzt, einen Löwen vor sich zu sehen, dass er augenblicklich auf die Dachrinne floh, was nicht ganz ungefährlich war, denn seine Stiefel eigneten sich nicht zum Klettern auf den Dachziegeln.“ (S. 87) Im Gegensatz zu den zweckmäßigen Siebenmeilenstiefeln des kleinen Däumlings, mit denen er im Nu große Entfernungen zurücklegen kann, haben die Stiefel des listigen Katers nur eine strategische Funktion: Der Kater hilft seinem Herrn aus dem Elend heraus und macht ihn zum Marquis von Carabas, einem reichen Schlossherrn und Grundbesitzer und obendrein zum Schwiegersohn des Königs.