278. Zeichnung von Pinocchio, Fondation Nationale Carlo Collodi.

 

 

Pinocchios Abenteuer – ein Märchen

Pinocchios Abenteuer, von Carlo Collodi verfasst, erscheinen zuerst als Fortset- zungsroman. Das Buch wird erst 1883 publiziert und hat einen riesigen Erfolg. Mit Hilfe der Fee mit den blauen Haaren verwandelt sich die vom Spielzeugmacher Gepetto entworfene Holzpuppe in einen kleinen Jungen. In der Geschichte dieser Metamorphose verwendet der Autor fünfzig Mal das Wort „Fuß“, sieben Mal das Wort „Schuh“, fünfzehn Mal das Wort „gehen“, dreizehn Mal das Wort „laufen“, fünf Mal das Wort „springen“, vier Mal das Wort „hüpfen“ und einmal das Wort „klettern“. Dieses Vokabular macht Pinocchio zum Helden auf zwei Füßen. Dieser kleine Lügner, dessen Nase länger wird, wenn er nicht die Wahrheit sagt, dieser Vagabund mit einem Holzkopf ohne Gehirn, beweist außergewöhnliche Fähigkeiten, wenn er seine gelenkigen Füße bewegt, die sein Vater Gepetto mit eigenen Händen angefertigt hat. Wenn man untersucht, wie Pinocchio in verschiedenen Situationen seine Füße gebraucht, zeigt sich der psychologische Umgang der Holzpuppe mit dem Fuß, der einmal unverschämt, mal schläfrig, mal in Verteidigungshaltung und mal wütend ist. Die Unverschämtheit Pinocchios beginnt bereits im Moment seiner Entstehung: „Noch mussten die Beine und Füße gemacht werden. Als Gepetto mit den Füßen fertig war, erhielt er auch schon einen Fußtritt gegen seine Nasenspitze.“ Dann wird ein neues Schelmenstück der Holzpuppe berichtet, die ihre nagelneuen Füße ausprobiert, als der Vater ihr das Gehen beibringt und ihr bei den ersten Schritten hilft: „Dann fasste er die Holzpuppe unter den Armen, stellte sie auf die Erde hinunter, auf den Zimmerboden, um ihr das Gehen beizubringen. Pinocchio hatte aber ganz steife Beine und konnte sich nicht bewegen. Gepetto führte ihn an der Hand, um ihm zu zeigen, wie man einen Fuß vor den anderen setzt. Als Pinocchio seine Beine bewegen konnte, begann er, von alleine zu gehen und durch das Zimmer zu laufen; schließlich schlüpfte er durch die Haustüre, sprang auf die Straße und brannte durch. Und der arme Gepetto lief vergeblich hinter ihm her, denn dieser Schlingel von Pinocchio schlug Haken und klapperte mit seinen Holzfüßen so auf dem Straßenpflaster, dass es einen Lärm gab wie von zwanzig Bauern mit Holzschuhen.“ Aber sein Leichtsinn spielt ihm einen bösen Streich, als er einschläft: „Wie ein begossener Pudel kehrte er vor Müdigkeit und Hunger erschöpft nach Hause zurück. Und weil er nicht mehr die Kraft hatte, sich aufrecht zu halten, und da er nicht mehr stehen konnte, setzte er sich und legte seine nassen, schmutzigen Füße auf das Becken voll glühender Kohle. Und dort schlief er ein. Und während er schlief, fingen seine Füße, die ja aus Holz waren, zu glimmen an, verkohlten allmählich und wurden zu Asche.“ Wenn er sich bei einem Streit mit seinen Kameraden verteidigt, treten seine Füße in Aktion: „Obwohl Pinocchio ganz alleine stand, verteidigte er sich heldenhaft. Mit seinen harten Holzfüßen arbeitete er so trefflich, dass er seine Gegner immer in respektvoller Entfernung halten konnte. Wo seine Füße landeten, hinterließen sie als Andenken blaue Flecken“, was ihn genau in diesem Moment zu einem verbalen Angriff gegen einen fetten Krebs veranlasste: „Halte die Luft an, du langweiliger Krebs. Lutsche lieber zwei Hustenbonbons, um deine Halsentzündung zu kurieren.“ Pinocchios Füße geraten bei seiner Rückkehr zum Haus der Fee in Wut, als deren Kammerzofe, eine große Schnecke, ihm nicht gleich die Tür öffnet und Stunden braucht, um vier Treppen hinunter zu steigen. Da verliert die Holzpuppe die Geduld: „Aha!“ schrie Pinocchio immer wütender. „Wenn der Türklopfer verschwunden ist, werde ich die Tür mit Fußtritten bearbeiten.“ Er trat ein wenig zurück und versetzte der Haustür einen gewaltigen Fußtritt. Der war so gewaltig, dass sein Fuß bis zur Hälfte in das Holz eindrang. Und als der hölzerne Junge versuchte, ihn wieder herauszuziehen, war alle Mühe vergeblich, weil der Fuß wie ein vernieteter Nagel drinsteckte. Stellt euch den armen Pinocchio vor! Er musste den Rest der Nacht mit einem Fuß am Boden und dem andern in der Luft zubringen.“ Als die Fee mit den blauen Haaren Pinocchio halbtot in ihr Haus aufnimmt, nachdem er in die Hände von zwei mörderischen Schurken, der Katze und dem Fuchs, gefallen war, zieht sie am Bett des Holzjungen drei Ärzte zu Rat: einen Raben, eine Eule und eine sprechende Grille. Der Hausbesuch der Ärzte erfüllt die Erwartungen der Fee: „Sagt mir doch bitte, ob der Kasperl lebendig oder tot ist.“ Daraufhin fühlt der Rabe Pinocchio zuerst den Puls, dann berührt er seine Nase, dann den kleinen Zeh. Und nachdem er diese mehrmals berührt hat, spricht er feierlich: „Meiner Meinung nach ist der hölzerne Junge mausetot; aber wenn er unglücklicherweise doch nicht tot sein sollte, wäre das ein sicheres Zeichen dafür, dass er noch lebt.“ In diesem Fall stellt der Arzt seine Diagnose nach der Untersuchung des kleinen Zehs. Von den Schuhen ist sechs Mal die Rede, einmal bei Medor, dem Hund der Fee und ein Mal bei dem Eselsgespann, das in das Land des Spielzeugs aufbricht. Nach der Episode der verbrannten Schuhe macht Gepetto dem Kasperl neue Füße, der den löblichen Entschluss fasst, in die Schule zu gehen: „Ich will gleich in die Schule gehen.“ „Bravo, mein Junge.“ „Aber um zur Schule zu gehen, brauche ich noch etwas zum Anziehen.“

Gepetto, der arm war und nicht einmal einen Pfennig in der Tasche hatte, machte ihm einen kleinen Anzug aus geblümtem Papier, ein Paar Schuhe aus Baumrinde und eine kleine Mütze aus Brotkrumen. Pinocchio macht sich auf den Weg in die Schule, widersteht aber nicht der Versuchung, ins Marionettentheater zu gehen. Da er nicht die vier Groschen für den Eintritt hat, möchte er einem kleinen Jungen seine Schuhe verkaufen, der seinen Vorschlag jedoch ablehnt: Sie sind gerade gut genug, um Feuer zu machen. Medor, der Hund der Fee, geht aufrecht auf seinen Hinterbeinen wie ein Mensch. Sein Gewand, das sich Carlo Collodi ausgedacht hat, ist hübsch, lustig und raffiniert und führt uns ins Reiche der Träume und der Wunder: „Der Hund trug eine festliche Kutscher-Livree. Auf dem Kopf hatte er einen kleinen goldbetressten Dreispitz, eine weiße Perücke mit Locken, die ihm bis zum Hals herunterhingen. Er trug eine schokoladenbraune Jacke mit Knöpfen aus Brillanten und zwei großen Taschen, in denen er die Knochen, die ihm die Herrin bei Tisch schenkte, aufzubewahren pflegte, ferner hatte er kurze Hosen aus karmesinrotem Samt an, Seidenstrümpfe, Halbschühchen und hinten eine Art Schirmfutteral, ganz aus dunkelblauer Atlasseide, in das er bei Regen seinen Schwanz stecken konnte.“ Der Autor lässt sich hier von der Mode des 18. Jahrhunderts inspirieren, als man kurze Hosen, Seidenstrümpfe und flache Schuhe trug. Pinocchio trifft von neuem den Fuchs und die Katze und geht mit ihnen auf das am Rand der Stadt „Dummenfang“ gelegene Feld der Wunder, um dort seine vier Goldstücke zu säen. „Da wären wir also“, sagte der Fuchs zum hölzernen Jungen. „Nun bücke dich, mach mit den Händen ein kleines Loch in den Boden und lege die Goldstücke hinein.“ Pinocchio gehorchte. Er grub das Loch in die Erde, legte die vier Goldmünzen, die ihm verblieben waren, hinein und bedeckte das Loch mit ein bisschen Erde. „Und jetzt“, sagte der Fuchs, „geh zum Wassergraben dort und hole einen Eimer Wasser und begieße die Stelle, wo du gesät hast.“ Pinocchio ging zum Wassergraben, und weil kein Eimer zur Hand war, zog er einen Holzschuh aus, füllte ihn mit Wasser und begoss die Erde über dem Loch. Diese improvisierte Gießkanne benutzt er in seiner Naivität ein zweites Mal: „Er gelangte in die Nähe des Feldes und blieb stehen um zu sehen, ob er nicht schon ein Bäumchen mit Zweigen voller Goldstücke ausmachen könnte, sah aber nichts. Er ging zum Wassergraben, füllte seinen Holzschuh wiederum mit Wasser und wollte aufs Neue die Erde begießen, unter der die Goldmünzen lagen.“ Pinocchios Abreise ins Spielzeugland mit einer Eselskutsche verläuft, wie der Leser erfährt, spektakulär: Ein Gespann aus vierundzwanzig Eseln, jeder mit Stiefeln an den vier Hufen, was zusammen achtundvierzig Paar Stiefel und insgesamt sechsundneunzig Stiefel macht! „Endlich kam der Wagen an und zwar völlig geräuschlos, weil seine Räder mit Werg und Lumpen umwickelt waren. Er wurde von zwölf kleinen Eselsgespannen gezogen. Die Eselchen waren zwar gleich groß, aber von unterschiedlicher Fellfärbung. Einige waren grau, einige weiß, andere waren wie Pfeffer und Salz gesprenkelt, und wiederum andere hatten breite gelbe und blaue Streifen. Aber das Seltsamste war, dass diese zwölf Gespanne oder vierundzwanzig Eselchen nicht wie alle anderen Zug- oder Lasttiere mit Eisen beschlagen waren, sondern wie Mensche weiße Rindlederstiefelchen trugen.“

Diese Stiefel sollten symbolisch an die frühere Erscheinung der kleinen Jungen erinnern, die wegen ihrer Faulheit in Esel verwandelt worden waren. Aber das gute Herz von Pinocchio hilft ihm, seine schlechten Eigenschaften zu verbessern. Der nichtsnutzige und faule Holzkasper verwandelt sich in einen Arbeiter. Er beschließt, mit seinen Ersparnissen Schuhe zu kaufen: Eines Morgens sagt er zu seinem Vater: „Ich gehe hier zum nahe gelegenen Markt, um mir ein Jäckchen, ein Hütchen und ein Paar Schuhe zu kaufen.“ Endlich hört Pinocchio auf, eine Holzpuppe zu sein und wird ein kleiner Junge. Die Fee erscheint ihm im Traum, verzeiht ihm seine Dummheiten und lobt sein gutes Betragen. „An dieser Stelle endete der Traum und Pinocchio wachte mit weit aufgerissenen Augen auf. Jetzt stellt euch sein Erstaunen vor, als er beim Aufwachen bemerkte, dass er kein Holzkasper mehr war, sondern ein richtiger Junge wie alle anderen. Er blickte um sich und sah statt der gewohnten Wände der Strohhütte ein schönes Zimmerchen, das schlicht und vornehm zugleich eingerichtet und möbliert war. Er sprang aus dem Bett und da lag ein schöner neuer Anzug bereit, ein neues Hütchen und ein Paar Lederstiefelchen, die ihm wie angegossen passten.“ Nicht mehr länger Sklave seiner Faulheit, erlangt Pinocchio eine neue Würde, er ist kein armer Schlucker mehr, der keine Schuhe hat, seine Stiefel sind der sprechende Beweis.