279. „Oh, Schuhe!”, Christina Tarares. Internationales Schuhe Museum, Romans.
Marcel Aymé – Die Geschichten des Chat Perché
Oh, hohe Absätze!
Marcel Aymé erzählt voller Ungezwungenheit und Lebendigkeit die real anmutende Geschichte von Delphine und Marinette. Die beiden Mädchen führen zwischen Schule und Bauernhof ein braves Dasein. Doch eines Tages erhalten sie den Besuch ihrer Cousine Flora, einer eingebildeten Gans mit hohen Absätzen. Von da an träumen die Mädchen nur noch von Eleganz und Firlefanz. „Eines Tages erklären Delphine und Marinette ihren Eltern, dass sie keine Holzschuhe mehr tragen wollen. Es hatte sich folgendes zugetragen: Ihre ältere, knapp vierzehnjährige Cousine Flora war aus der Kantonshauptstadt für eine Woche auf den Bauernhof gekommen. Sie hatte vor einem Monat die Volksschule erfolgreich abgeschlossen, und ihr Vater und ihre Mutter hatten ihr deswegen eine Armbanduhr, einen Silberring und ein Paar Schuhe mit hohen Absätzen gekauft. Eines Tages also, nachdem Flora abgefahren war, machten sich die zwei Kleinen gegenseitig Mut und Delphine sagte zu den Eltern: „Holzschuhe sind nicht so bequem wie man glaubt. Die Füße tun einem weh und es passiert auch, dass Wasser eindringt, während dies bei Schuhen weniger der Fall ist, vor allem wenn der Absatz erhöht ist, und außerdem sehen Schuhe schöner aus.“ Die Eltern holten tief Luft und nachdem sie ihre Töchter einen Augenblick lang mit gerunzelter Stirn betrachtet hatten, antworteten sie mit Furcht erregender Stimme. Die Kleinen wagten es nie wieder, Haarfrisuren, Kleider oder Schuhe zu erwähnen. Aber sobald sie auf dem Weg zur Schule waren, auf der Weide Kühe hüteten oder im Wald Erdbeeren pflückten, legten sie Steine als Absätze in ihre Holzschuhe, zogen ihre Kleider falsch herum an, um das Gefühl zu haben, etwas Neues zu tragen, und befestigten ihre Haare oben am Kopf mit einem Bindfaden.“ Der Text wurde 1939 geschrieben und ist noch heute aufgrund des subtilen Wechsels zwischen Zukunft und Vergangenheit aktuell. Dank seiner Beobachtungsgabe stellt der feinsinnige Autor mit scheinbarer Ungezwungenheit die Psychologie unzähliger kleiner Mädchen dar, die es nicht erwarten können, erwachsen zu werden. Die erwähnten Schuhe stehen als Symbol der weiblichen Verführung. Gleichzeitig wirken die aufkommenden Erinnerungen wie ein Zauberspiegel, der die Erwachsenen in ihre eigene Kindheit zurückversetzt.