309. David Ryckart, Schuhflicker und seine Gefährten in seiner Werkstatt, 1864. Museum der bildenden Künste, Leipzig.

 

 

Auf den Spuren Sankt Crépins und Sankt Crépiniens

Im Paris des 17. Jahrhunderts schließen sich drei Männer unterschiedlicher Herkunft zusammen und gründen im Jahr 1645 in der Nachfolge Sankt Crépins und Sankt Crépiniens die Bruderschaft der Schuster. Bei den drei Männern handelt es sich um:

Henri Buch, der 1598 in Arlon, im belgischen Teil Luxemburgs geboren wurde. Er stammte aus einer armen Familie und lernte von seinem Onkel das Schusterhandwerk.

Gaston de Renty, 1611 in der Normandie in Bessy Bocage geboren. Dieser begüterte Edelmann war das Patenkind von Gaston von Orléans, dem Bruder König Ludwigs XIII., und führte in einer prunkvollen Umgebung ein den Seligpreisungen des Evangeliums entsprechendes losgelöstes Dasein.

Jean-Antoine le Vachet. Der gelehrte Priester wurde 1601 als Sohn einer bürgerlichen Familie in Romans-sur-Isère, der Stadt der Gerber und Weißgerber in der Dauphiné, geboren. Er übte sein Priesteramt in Paris in der Nachfolge von Vincent de Paul, einem engen Freund, aus.

Die Werkstatt in der Rue de la Tixanderie, die an der Kreuzung der Rue de Rivoli und der Rue Lobau am Rande der prachtvollen, sich im Bau befindlichen Stadthäuser liegt, vereinigt eine Laiengemeinschaft, die sich dem Paris der Armen widmet. Ziel der Drei ist es, die dem Elend zugrunde liegenden Ursachen zu bekämpfen, dazu teilen sich die Freiwilligen, die für die sozialen Probleme ihrer Zeit offen sind, die Aufgaben auf. Aufgrund seiner Kenntnisse wird „der gute Henri“, wie er von allen gerufen wird, zum Werkstattleiter. Gaston de Renty, der Gönner der Gemeinschaft, ist der Meinung, dass es nicht genügt, den unmittelbaren Bedürfnissen der Armen und Außenseiter in den Krankenhäusern und Gefängnissen nachzukommen.

Er wird zum Verfechter einer in der damaligen Zeit ganz neuen Maßnahme: Wiedereingliederung durch aufgewertete und aufwertende Arbeit. Auch Jean-Antoine le Vachet, geistlicher Ratgeber und religiöses Vorbild, unterstützt die anfangs sieben Handwerker, deren persönliche und gemeinschaftliche Lebensführung beispielhaft ist. Die Schusterbrüder tragen die einfache, aus einem Kittel und einer Schürze bestehende Kleidung des damaligen Arbeiters. Sie legen kein Gelübde ab und leben ohne Klausur.

Entsprechend einem festgelegten Zeitplan arbeiten sie sechs Tage pro Woche von fünf Uhr morgens bis acht Uhr abends. Der Tag beginnt mit einer Opfergabe, einem Gebet in der Hauskapelle und einer Meditation. Dann begeben sie sich im Sinne des mit Josef arbeitenden Jesus in ihre Werkstatt. Abwechselnd besucht einer der Schusterbrüder für die Gemeinschaft die Messe. Während der Mahlzeiten wird wie im Kloster laut vorgelesen und nach einer kurzen Pause, während der sie miteinander sprechen können, werden Ahle und Hammer in der nach neuem Leder, Färbemittel und Schuhwichse riechenden Werkstatt wieder aufgenommen. Die demütigen Handwerker erfüllen ihre Aufgabe für Gott und unter seiner Aufsicht, allein dies macht sie glücklich. Tatsächlich singen sie, während sie das Leder klopfen, religiöse Lieder, was die Qualität ihrer Schuhe und ihr Ansehen jedoch nicht beeinträchtigt.

Mit vereinten Kräften bemühen sich der Priester, der Handwerker und der Edelmann um die Notleidenden, Armen, Kranken und Gefangenen, indem sie selbst wie Arme unter den Ärmsten leben. In der Tat verursachen der Dreißigjährige Krieg und die Fronde zunehmendes Elend. Zwischen 1648 und 1651 werden in der Hauptstadt und ihren Vorstädten über hunderttausend Bettler und Landstreicher gezählt. Viele von denen, die im Hospiz von Paris eingesperrt sind, werden als Aufständische gefürchtet. Die Gefängniswelt im 17. Jahrhundert ist für Schuldige wie Unschuldige die Hölle. Die in den Kerkern Eingeschlossenen werden vom Ungeziefer geplagt und an ihren Füßen tragen sie statt Schuhen schwere Ketten. Der Abt Vachet tut alles, um die nur gerechte Freilassung von so manch einem zu erreichen.

Angesichts eines so großen Elends ermöglichen es die Schusterbrüder einigen dieser Notleidenden, ihr Handwerk zu erlernen und ein neues Leben zu beginnen. Die Gemeinschaft ist immer um Gastfreundschaft sowie Gerechtigkeit bemüht und verschafft den Behinderten und Obdachlosen Arbeit.

Mit Hilfe von verheirateten Laien oder früheren Mitgliedern der Gemeinschaft gelingt es, die Bewegung bis nach Toulouse, Lyon und sogar bis ins Ausland auszudehnen. Eugénie Debouté machte mit seinem bemerkenswerten Buch Sans feu ni lieu un maître spirituel au temps de la Fronde Jean-Antoine le Vachet auf das beispielhafte Wirken der Schustergemeinschaft aufmerksam.

 

Über den Ursprung des Godillot (Knobelbechers)

Alexis Godillot, 1816 in Besançon geboren, wird 1854 Armeelieferant und entwickelt das Werkzeug für die mechanische Fabrikation von Schuhen. Er besitzt Werke in Saint-Ouen, Bordeaux, Nantes, aber auch in der Pariser Rue Rouchechouart. Die Schuhe von Godillot wiegen drei Kilo, nicht gerade eine Erleichterung auf den langen Märschen der Soldaten, die fünfundzwanzig bis dreißig Kilometer am Tag zurücklegen. Im Handel werden sie für 7 Francs verkauft, die Armee zahlt 8,25 Francs. Nachdem er ein Vermögen gemacht und den Orden der Légion d’Honneur erhalten hat, zieht sich Godillot nach Hyères zurück, dort ist die vom Bahnhof ausgehende Palmenallee nach ihm benannt.

 

Schuhmacher und Flickschuster – Kurze Geschichte

Aller Wahrscheinlichkeit nach existiert der Beruf des Schusters, seitdem der Mensch der Vorgeschichte darauf kam, seine Füße mit Hilfe einer einfach zusammengenähten Hülle zu schützen. Aber vermutlich verdanken wir die ältesten Abbildungen dieses Handwerks den Ägyptern, wie es die Reproduktion eines Freskos aus der 18. Dynastie (1567-1320 v. Chr.) bestätigt, das einen Sandalenfabrikanten bei der Arbeit zeigt und im Metropolitan Museum in New York aufbewahrt wird. Die Schuhmacherei blühte in Griechenland und hielt ganze Dörfer am Leben, wie in Sicyone, wo Sandalen von großem Luxus hergestellt werden. Das Ashmolean Museum in Oxford besitzt außerdem eine griechische Vase (um 500 v. Chr.), die mit dem Bild eines Schuhflickers in seiner Werkstatt bemalt ist. Im antiken Rom unterteilt der Kaiser Pompilius (715–672) die Bürger in neun Wählerschaften. Die der Schuhmacher, auf Lateinisch sutores, steht an fünfter Stelle. Die Schuster sind in Rom daher keine Sklaven, sondern Bürger und arbeiten in ihren Verkaufsbuden. Das Nationalmuseum in Rom beherbergt ein Flachrelief aus Ostia (2. Jh.), das einen Schuhmacher bei der Ausübung seines Handwerks darstellt.

Auch wenn zahlreiche Belege aus der Malerei, Keramik oder Skulptur die Herstellung von Schuhen in der Antike bezeugen, die Etymologie des Wortes „Schuhmacher“ (auf Französisch cordonnier) geht jedoch lediglich auf das Mittelalter zurück. Im 11. Jahrhundert bezeichnete das Wort cordouannier, das im 15. Jahrhundert zu cordonnier wird, eigentlich denjenigen, der das Leder von Córdoba bearbeitet, sowie die Handwerker, die es zur Fabrikation von der Aristokratie vorbehaltenen Schuhen verwenden durften. Die Produkte der savetiers, der Schuhflicker, sind gewöhnlich gröber. Im Mittelalter erzielten Schuhe exorbitante Preise. Sie kommen auch in Testamenten oder Urkunden vor, insofern diese ein großzügiges Vermächtnis eines Herren an seinen Vasallen oder eine Schenkung an Klöster darstellen. Ab dem 13. Jahrhundert entwickelt sich die Schuhherstellung in Frankreich und schafft für nicht weniger als vier Zünfte Arbeit, wobei jede ihre Besonderheit und ihre eigenen Statuten hat. Hierbei handelt es sich um cordouaniers (Schuster), sueurs, savetonniers und um savetiers (Schuhflicker).

Die cordouaniers (Schuster) kennen als einzige das Geheimnis des Kordouan-Leders und produzieren Luxus-Schuhwerk, auf das sie ihr Kennzeichen einprägen müssen. Aufgabe der sueurs ist es, die letzten Arbeitsschritte der Lederbehandlung vorzunehmen und die Schuhe zuzuschneiden, die einst vom Schuster selbst geschnitten wurden. Die savetonniers oder basaniers stellen leichte und kleine Halbschuhe her; ihnen ist es verboten, ein anderes als das Basanleder zu benutzen, ein Schafsleder, das sie selbst gerben. Die savetiers (Schuhflicker) geben sich damit zufrieden, alte Schuhe zu reparieren, indem sie Sohlen oder Oberleder ausbessern oder auswechseln. Die Bevölkerung dankt es ihnen mit bildhaften Spitznamen, wie Schuh-Fliesenleger oder Leder-Goldschmied. Im Lauf des 10. und des 11. Jahrhunderts schließen sich diese Handwerker zu Gilden zusammen. Diese vereinen Händler, Handwerker oder Künstler zu Solidargemeinschaften. Im Nordwesten Europas steht das Zunftwesen bis zum 13. Jahrhundert in voller Blüte, ab dem 11. Jahrhundert erlassen die Gilden ihr eigenes Reglement und überwachen die Einhaltung von Festpreisen, Qualitätskontrollen, Regelung der Produktion, Arbeitszeiten und die Zulassung zur Ausbildung der Lehrlinge, die man später Gesellen nannte. Nach der Ausbildung bei einem Meister musste der Lehrling auf „Wanderschaft“ gehen, die seine Kenntnisse bei anderen Meistern erweitern und vertiefen sollte. Die Lehrzeit dauerte etwa sechs bis neun Jahre, beschränkte sich aber nach dem 17. Jahrhundert auf achtzehn Monate. Nach dieser Lehre konnte der junge Mann schließlich sein Meisterstück anfertigen, um vor einer Prüfungskommission seine Kunstfertigkeit zu beweisen und so den Meistertitel und damit die Eintrittskarte in die Zunft zu erlangen. Die Bruderschaft der Schustergesellen wird 1379 von König Karl dem Weisen in der Kathedrale von Paris gegründet. Die Schuhmacher erwählen sich Sankt Crépin und Sankt Crépinien zu ihren Schutzheiligen. Im 17. und 18. Jahrhundert wird das Reglement der Gilde weniger streng. So kann ein Schuhmachermeister sein Geschäft in der Stadt eröffnen, in der er auch seine Lehre gemacht hat. In der Folge zerteilt sich der Berufsstand je nach der hergestellten Schuhart. Bis zum 20. Jahrhundert trifft man daher Schuhmacher für Männer, Schuster für Frauen und Kinder, Stiefelschuster oder Stiefelmacher und schließlich Flickschuster, ein Beruf, den Jean de la Fontaine in seiner berühmten Fabel Der Schuhflicker und der Bankier verewigt. Jede Gruppe kann nur die Schuhe herstellen, für die sie bestimmt ist. Auf Stichen aus dem 17. Jahrhundert ist die Unterscheidung zwischen den beiden Berufen offensichtlich: In der geräumigen Boutique des Schusters nehmen Meister und Gesellen Maß am Fuß eines Kunden, dessen Eleganz von guter gesellschaftliche Stellung zeugt. Die Verkaufsbude des Flickschusters dagegen, an ein Haus angebaut, kann nur zwei Leute aufnehmen, während auf der Straße der Wind bläst. Die Holzabsätze sind das Werk eines Spezialarbeiters: des „Absatzmaches“. Die Leistenmacher stellen Leisten und Schuhspanner für die Schuster her, können aber weder den Eid der Zunft ablegen noch dort Mitglied werden. Sie arbeiten ohne Meistertitel; unter ihnen befinden sich viele arme Schuhmacher. Trotzdem fordern die vereidigten Mitglieder der Innung, die Schuster, vergeblich das Recht, frei über sie zu verfügen.

Die lehrhaften Bildtafeln der Schuhmacherwerkzeuge, die von erklärenden Anmerkungen begleitet in der Encyclopédie von Diderot und Alembert enthalten sind, geben uns einen echten Einblick in die Technik der Schuhherstellung im 18. Jahrhundert. In den Jahren vor der Französischen Revolution unterhalten viele Schuster blühende Geschäfte und der Schriftsteller Sébastien Mercier bemerkt, dass „sie mit ihrer schwarzen Kleidung und ihrer gepuderten Perücke wie Gerichtsschreiber aussehen“. Im 19. Jahrhundert organisiert sich der Berufsstand. So gründet sich die „Gesellschaft der Schustergesellen der Wanderschaft in Frankreich“ (Société des Compagnons Cordonniers Bottiers du Devoir de Tour de France). Sie ermöglicht es den Lehrlingen, den Meistertitel sukzessiv in verschiedenen Städten Frankreichs, den so genannten „Pflichtstädten“ zu erlangen. 1829 erfindet Thimonier die Nähmaschine, die sich nach und nach in den Werkstätten durchsetzt und das Schuhmacherhandwerk von Grund auf verändert. Heute reparieren Schuster auf den Spuren der Schuhflicker Schuhe, und Stiefelschuster fertigen wie früher die Schuster Schuhe nach Maß an. Der Verkaufsstand des Schusters: Sein Aussehen bleibt sehr lange unverändert. Inmitten des Zimmers befindet sich eine Werkbank mit verschiedenen Werkzeugen hier und dort. Diese lassen sich in drei Kategorien einteilen: Werkzeuge für die Herstellung von Modellen und für das Zuschneiden: Pfriem, Zirkel, Schustermesser, Dreikantfeile, Schleifstein, Feile Werkzeuge der Montage und der Ausführung: Schusterahle, Kneif, Zange, Beißzange, Nagel, Nadelzange, Nagelhammer, Biegehammer, Feile, Spannriemen Werkzeuge für die Fertigstellung: Polierbürste, verschiedene Poliereisen, Holzschlegel

Eine Kerze oder eine Öllampe unter einer Glasglocke, genannt „Schusterkugel“ sorgt für die schwache Beleuchtung im Schusteratelier. Unter dieser Werkbank befindet sich ein Wassereimer, ein „Zuber der Wissenschaft“, der zum Nässen des Leders dient. Der Schuster oder Schuhflicker arbeitet am häufigsten auf einem Schemel. In dieser Werkstatt gibt es immer einen Vogelkäfig, „Käfig der Zeisige“ genannt. Die Tradition will es, dass der Flickschuster immer einen Topf mit Basilikum, dem „Orangenbaum des Schuhflickers“ besitzt, um die Gerüche der benutzten Schuhe zu überdecken. Der Handwerker kann sich „Schuster für Altes und Neues“ nennen, was bedeutet, dass er neue Schuhe anfertigt oder bereits getragene repariert. Die Bilder im MIC in Romans erlaubt es uns , in die Welt der Schuhfabrikation des 17. bis Ende 19. Jahrhunderts einzutauchen. Sie erlauben uns vor allem, die sich über Jahrhunderte erstreckende Beständigkeit der schuhspezifischen Werkzeugausrüstung zu erkennen, die die Besucher noch heutzutage in den Werkstätten sehen können.