311. Mitglieder des Swann-Clubs während einer Poliersitzung bei Paul Mincelli, 1996.
Der Swann-Club
Oder die Schuhputzlektion Olga Berlutis
Die von Olga Berluti entdeckte Wirkung des Mondscheins auf die Patina des Schuhs gibt Aufschluss über die Bedeutung, die sie dem Schuhputzen beimisst. Liebhaber schöner Schuhe lauschen andächtig Olgas Worten in der Rue Marbeuf. Zur Erinnerung an die bei Proust herrschende vornehme Atmosphäre entsteht aus den professionellen, freundschaftlichen und herzlichen Begegnungen der Swann-Club.
Die hundert Mitglieder dieses Kreises privilegierter Ästheten kommen einmal im Jahr zu einer von Olga organisierten ungezwungenen Schuhputzlektion zusammen. Die Teilnehmer ziehen bei Mondschein ihre Schuhe aus; die Schuhe werden auf ein auf dem Tisch ausgebreitetes weißes Damasttischtuch gestellt, dessen Glanz durch die die Zeremonie erleuchtenden Lüster verstärkt wird. Sodann wird das Leder von den mit Schuhcreme getränkten, um die Finger gewickelten venezianischen Leinen massiert. Danach wird es zuerst mit Wasser und anschließend mit Champagner poliert. Es kommen nie alle Mitglieder gleichzeitig zusammen. Manche reisen von weit an. Der Ort dieser ungewöhnlichen, unterhaltsamen Zusammenkünfte wechselt jedes Mal.
Auch das Haus von Adolphe Carraz, der 1909 eine Fabrik mit zweiunddreißig Arbeitern gründet, gehört zu den großen Namen. Er ist auf die Herstellung luxuriöser Damenschuhe spezialisiert. Durch eine Heirat trägt die Firma ab 1931 den Namen Carraz et Caty, die 1948 den Ballerina herausbringt. Bis Ende der 50er Jahre wird das Haus zusehends erfolgreicher.
Lange vor Charles Perrault und nach Strabon erzählt ein chinesischer Text aus dem 9. Jahrhundert eine orientalische Version des Märchens von Aschenputtel: Ein mächtiger Mann hat zwei Frauen, von denen jede eine Tochter hat. Die eine heißt Sheh-Hsien. Ihre Eltern sterben.
Die Stiefmutter schickt das junge Mädchen zum Brunnen, in dem sie eines Tages einen Fisch mit goldenen Kiemen und goldenen Augen fängt. Sie trägt ihn zu einem See und immer, wenn sie ihn ruft, kommt er angeschwommen. Als Sheh-Hsien einmal nicht zu Hause ist, tötet die Stiefmutter den Fisch, isst ihn und versteckt die Gräten unter dem Misthaufen. das junge Mädchen weint, als es seinen Fisch nicht mehr findet. Eine himmlische Erscheinung sagt ihr, sie solle die Gräten unter dem Mist hervorholen und in ihr Zimmer tragen, von nun an würden sie ihr jeden Wunsch erfüllen. Sie bekommt Gold, Perlen und feine Speisen. Ihre Halbschwester und die Stiefmutter gehen zu einem Fest in die Stadt, und Sheh-Hsien soll das Haus hüten. Sie aber zieht ein blaues Kleid und goldene Schuhe an und geht ebenfalls zum Fest, bei dem die Leute sie gebannt ansehen.
Später, als sie zum Haus zurückkehrt, bevor die Stiefmutter und die Halbschwester nach Hause kommen, verliert sie in der Eile einen goldenen Schuh, der auf irgendeine Weise in den Besitz des mächtigen Königs einer benachbarten Insel gelangt. Alle jungen Mädchen seines Königreichs müssen ihn anprobieren, aber keiner passt er. Er findet schließlich den anderen Schuh bei Sheh-Hsien und heiratet sie.