Karstadt. Traum. Ziel. Lösung. Da wollte Waltraut arbeiten, nicht nur stehlen. Sie war fünfzehn, nicht zu jung für eine Lehre als Verkäuferin. Aber sie war wegen des vielen Schwänzens ohne Schulabschluss, und daher erschien es unmöglich, einen Ausbildungsplatz in einem respektablen Geschäft wie Karstadt zu ergattern. So würden für sie, wie für ihren Säcke schleppenden Bruder, dessen Hände schon so rau waren wie die eines alten Mannes, nur Hilfsarbeiten möglich sein. Es gab also nur eine Wahl: Waltraut musste das Unmögliche wahr machen!
Waltraut schminkte sich in ihrem Abteil mit den in den Kaufhäusern zusammengeklauten Sachen. Sie hatte einen unbändigen Wunsch, sich diese einmal selbst leisten zu können – Stehlen war so unwürdig. Am Ende sah sie wie immer perfekt aus. Anschließend zog sie sich ihr geblümtes Kleid an, das nicht ganz so perfekt war. Das andere Kleid, das Waltraut besaß, das blaue, stand ihr zwar besser, aber es hatte einen kleinen Riss, und Mama hatte es noch nicht wieder genäht. Mit einem kaputten Kleid konnte sie nicht zum Vorstellungsgespräch nach Karstadt – in Bremen ging man nach Karstadt, nicht zu, jedenfalls in der Schicht, aus der Waltraut stammte. Irgendwann, das nahm sie sich fest vor, würde sie sich in Kreisen bewegen, in denen man zu Karstadt ging.
Als Waltraut sich in dem geblümten Kleid im Spiegel betrachtete, kam ihre Mutter herein und fragte: «Wo willst du denn hin? Willst du dich etwa mit einem jungen Mann treffen?»
Mutter hoffte, ihre Tochter würde mal einen Tischlergesellen kennenlernen oder einen Klempner. Zu mehr reichte ihre Fantasie nicht. Und das, obwohl sie doch mit ebenjener Fantasie eine eigene adelige Familie ersponnen hatte.
Was sie vorhatte, konnte Waltraut ihr nicht sagen. Mutter hätte versucht, es ihr auszureden: Sie sei doch nach den drei Lungenentzündungen in den letzten Jahren körperlich viel zu schwach für eine Lehre. Doch Waltraut war klar, dass sie niemals richtig gesund werden könnte, wenn sie nicht aus dem Eisenbahnwaggon herauskäme, der im Winter viel zu kalt und im Sommer viel zu heiß war.
«Ich treffe mich mit Hannes», schwindelte Waltraut, «der macht in der Sparkasse eine Ausbildung und will mir seine Bank in der Mittagspause zeigen.»
Sparkassenmann! Das klang sogar noch besser als Handwerker. Es konnte nicht schaden, ein wenig dick aufzutragen. Und wenn Waltraut nach Hause kommen und Mutter nach dem Sparkassenmann fragen sollte, würde sie verkünden, dass sie von nun an bei Karstadt arbeiten könnte. Da würde ihre Mutter staunen und Waltraut zu ihr sagen: Mund zu, Fliegen kommen rein!
Mutter war überglücklich, dass ihre Tochter so eine wunderbare Verabredung hatte, und gab ihr sogar noch das Geld für die Straßenbahn. In der Stadt spazierte Waltraut durch die Sögestraße, vorbei am Café Knigge, betrachtete die gut gekleideten Frauen an den Außentischen und beschloss, auch dort zu sitzen, wenn sie ihr erstes Geld verdiente.
Je näher Waltraut Karstadt kam, desto mehr pochte ihr Herz. Sie bekam Angst vor ihrem eigenen Wagemut – das französische Wort Courage konnte sie nie richtig aussprechen –, hach, wie gerne hätte sie nicht nur besser schreiben, sondern auch noch Fremdsprachen gekonnt. Eins nach dem anderen, dachte sie sich, erst mal nach Karstadt. Nein, zu Karstadt!
Waltraut atmete vor der Eingangstür des Kaufhauses tief ein. Ihre Lungen waren immer noch nicht genesen, daher röchelte sie beim Ausatmen. Sie öffnete die Tür und ging hinein. Gleich vorn war die Abteilung für die Parfüms und die Kosmetik. In ihr war Waltraut oft auf und ab gegangen, hatte sich die Sachen angeschaut und zurückgelegt und manchmal auch etwas mitgehen lassen. Schnurstracks ging sie auf die Verkäuferin zu. Diese war in etwa so alt wie ihre Mutter, sah aber mehr wie eine Adelige aus, als die Mutter es jemals getan hatte. Eine, von der man in der «Quick» lesen konnte, die Waltraut vom Kioskbudenbesitzer immer zum Durchblättern bekam, bevor er sie in die Auslage steckte.
«Guten Tag. Ich möchte Ihren Chef sprechen», sagte Waltraut so bestimmt sie konnte. Freundlich wäre sie gleich abgewimmelt worden.
«Worum geht es denn?», die Verkäuferin schien gleichermaßen überrascht wie misstrauisch zu sein.
«Das weiß Ihr Chef schon.»
Die Verkäuferin wog ab, betrachtete Waltraut, die ihrem Blick standhielt, und entschied sich, auf die Sprechanlage zu drücken: «32 bitte an Kasse 6. 32 bitte an Kasse 6.»
Es dauerte nicht lange, bis 32 an Kasse 6 erschien. So früh am Tag gab es für ihn anscheinend noch nicht viel zu tun. 32 war ein rundlicher Mann mit Glatze. Älter als Waltrauts Vater. In einem grauen Anzug. Gute Ware von der Karstadt-Stange, wie es sich für einen Abteilungsleiter gehörte. Allerdings hatte er zwei Butterflecke auf seiner blauen Krawatte.
«Was gibt es?», fragte 32 die Frau von Kasse 6. Die deutete auf Waltraut und sagte: «Sie meinte, Sie wüssten schon, worum es geht.»
Der Mann schaute Waltraut erstaunt an. Die Frau von Kasse 6 starrte Waltraut erwartungsvoll an. Am liebsten wäre Waltraut weggerannt.
«Ich weiß es nicht», sagte 32 und fragte daher: «Also, worum geht es?»
Waltraut bekam kein Wort heraus.
«Bist du stumm?», 32 klang eher väterlich.
«Eben konnte sie noch sprechen», grinste die Frau von Kasse 6 nicht mehr ganz so freundlich.
Waltraut atmete tief ein, um Mut zu tanken, da musste sie wieder röcheln.
«Alles in Ordnung, Kleine?», fragte 32.
Sie wollte auf keinen Fall schwach erscheinen und sagte: «Ja.»
«Du kannst ja doch sprechen», lachte 32.
«Ja, kann ich.»
«Dann sag mir jetzt bitte, was du von mir möchtest.»
«Eine Ausbildung.»
Kaum hatte Waltraut es ausgesprochen, begann sie zu zittern. Es war das eine, sich so einen Plan auszumalen. Es war etwas völlig anderes, ihn durchzuführen und Gefahr zu laufen, eine Absage zu kassieren. Dann wäre der Traum, das eigene Geld an diesem wunderbaren Ort zu verdienen, ausgeträumt, und wenn sie im Eisenbahnwagen aus dem Fenster sah, würde sie sich nicht mehr daran klammern können.
«Hast du denn dein Schulzeugnis dabei?», fragte 32.
Waltraut schüttelte den Kopf und sah zu Boden.
«Wie ist es denn ausgefallen?»
Sollte sie nun flunkern? Oder besser die Wahrheit sagen? Die würde ja ohnehin herauskommen. Waltraut schaute wieder auf und sagte ganz klar: «Ich bin ohne Abschluss.»
32 staunte.
Die Frau von Kasse 6 verzog die Miene.
«Warum sollte ich jemanden ohne Schulabschluss einstellen?»
Sie hatte schon einmal die Wahrheit gesagt, jetzt konnte sie damit auch gleich weitermachen: «Weil ich es so sehr will, dass ich mir hier den Arsch aufreißen werde wie keine andere!»
Die Frau von Kasse 6 musste lachen. Nicht böse, sondern anerkennend. Und 32 ließ sich davon anstecken: «Also, so etwas habe ich noch in keinem Bewerbungsgespräch gehört.»
Waltraut wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, bis 32 sagte: «Ich werde mal schauen, ob ich etwas für dich machen kann.»
Und 32 konnte etwas machen.
Am Monatsende saß Waltraut draußen im Café Knigge und gönnte sich von ihrem ersten Lohn ein Stück Erdbeerkuchen. Mit extra viel Schlagsahne.
«Ich werde für deine Schwester sorgen», sagte Charlie, als er bei Joschi und Dora in deren neuer Wohnung in Haifa zu Besuch war. Der Buchhalter warb bei einem Glas Rotwein am Küchentisch um Joschis Einverständnis für die Ehe mit Rosl, ein halbes Jahr nachdem seine Schwester Dora für würdig erklärt hatte, ihren Bruder zu heiraten. Pakt war Pakt.
Charlie war Anfang 40, wirkte aber älter und auch deutlich seriöser als Joschi. Sicher lag es daran, dass Charlie, in dessen Pass der Geburtsname Wilhelm stand, der Sohn eines hochdekorierten Ersten-Weltkriegs-Offiziers war. Nicht, dass die Orden den Vater davor bewahrt hatten, in der Kristallnacht von den Nazis erschlagen zu werden.
Charlie hatte schon 1934 die Zeichen der Zeit erkannt und war im Alter von 22 Jahren mit dem Rad aus Hamburg erst durch ganz Deutschland, dann nachts über die grüne Grenze nach Österreich und von da weiter durch den Balkan nach Griechenland gefahren, um sich anschließend via Zypern illegal nach Palästina einzuschiffen. «Alle Juden», so sagte er häufig, «hätten 1933 mit dem Fahrrad wegfahren sollen.» Joschis Scherz «Das wäre dann die ‹Tour de Palestine› gewesen» hatte Charlie nicht komisch gefunden. Hamburger Offiziersfamilienhumor schien mit Joschis Wiener Humor noch weniger kompatibel zu sein als mit Doras ungarischem.
Charlie hatte die ersten Jahre in Israel als Kellner gearbeitet, fand dank seiner Kaufmannsausbildung bei der M.M. Warburg-Bank rasch eine Stelle in einer expandierenden Firma, die hauptsächlich Orangen und Mandarinen in alle Welt exportierte, aber auch Grapefruits, Zitronen oder Granatäpfel, und machte dort große Karriere. Ganz bestimmt konnte er finanziell für Rosl sorgen. Und dennoch mochte Joschi diesen Mann nicht. Er fühlte sich ihm unterlegen, weil er sein Leben mehr im Griff zu haben schien als Joschi. Um genau zu sein, Joschi hatte schon seit fast zwei Jahrzehnten das Gefühl, das Leben hatte ihn im Griff. Daher sagte er etwas patzig: «Es geht in der Ehe nicht nur um finanzielle Sicherheit.»
«Aber auch», erklärte Charlie.
Joschi antwortete nicht. Er wusste ja, dass dem nicht nur so war, sondern auch, dass seine Schwester auf eine finanziell abgesicherte Zukunft großen Wert legte.
«Ich werde immer für Rosl da sein. Auch wenn sie irgendwann keine Schönheit mehr sein wird. Kein anderer Mann würde das tun.»
Charlie hatte sich wie so viele in Rosl aufgrund ihres Aussehens verliebt. Nur besaß er, im Gegensatz zu den anderen, keine Erfahrung mit Frauen, denn er war ein zurückhaltender Mann mit Halbglatze und ständig laufender Nase. Aber er hatte Erfahrung mit Transaktionen: Sein Geld und seine Karriereaussichten machten ihn zu einem gleichwertigen Partner, zumal Rosl nicht jünger wurde. Vor Jahren noch hätte sie einen Mann wie ihn nicht einmal angesehen. Jetzt war sie 40 und hatte sich wütend die ersten grauen Haare ausgerissen. Im Hotel bei Mosche drohte sie zu versauern, auch in der Hagana gab es keine Aufgabe mehr, die sie entflammte. Charlie verhieß ihr eine sichere Zukunft.
Wo die Liebe hinfällt, hatte Dora Charlies Faszination für Rosl kommentiert und Joschi damit verunsichert, fragte er sich doch immer wieder, womit ein Kerl wie er, der seine Eltern im Stich gelassen, im Krieg getötet und so viele Männer in von ihm befehligten Einheiten verloren hatte, die Liebe seiner Frau verdiente.
Oder irgendeine Liebe.
Vielleicht damit, dass Dora in seinen Armen mittlerweile nachts kaum noch wimmerte.
Joschi wollte das ganze Gespräch schon beenden und seine Zustimmung erteilen, als sein zukünftiger Schwager plötzlich den Tonfall eines Bankiers anschlug, der eine unangenehme Nachricht zu überbringen hatte. «Bevor du mir deinen Segen gibst, ist da eine Sache, die du wissen solltest.»
«Welche?»
«Ich werde mit Rosl nach Düsseldorf gehen.»
«Düsseldorf?», fragte Joschi ungläubig. Für ihn, wie für alle, die er kannte, war der Gedanke, nach Deutschland oder Österreich zurückzukehren, unerträglich, selbst wenn man in Israel nie richtig angekommen war. Juden, die wieder ins Land der Täter zogen, galten einigen sogar als Verräter. Auch und vor allem Rosl.
«Ich werde dort die Stelle als Europadirektor meiner Firma antreten.»
«Und Rosl ist damit einverstanden?», fragte er fassungslos.
«Sie weiß, was so eine Position bedeutet.»
Joschi fühlte sich betrogen. Warum hatte seine Schwester es Charlie überlassen, ihm davon zu erzählen? Weil sie sich schämte, eine Verräterin zu sein?
«Und was ist, wenn die Deutschen …», hob Joschi an.
«Das wird nie wieder geschehen.»
Joschi schüttelte stumm den Kopf.
«Habe ich dennoch deinen Segen?»
«Ist das nicht egal?»
«Rosl nicht, und deswegen auch mir nicht.»
«Beschützt du meine Schwester, wenn etwas geschieht?»
«Es wird nichts geschehen.»
«Das habe ich nicht gefragt.»
«Ich werde immer dafür sorgen, dass wir von einer Sekunde auf die andere das Land verlassen können. Und all mein Geld in die Schweiz schaffen, damit sie keinen Zugriff haben. Ich habe schon das Eigentum meiner Eltern in Hamburg verloren. Glaube mir, ich werde niemals zulassen, dass man mir noch einmal etwas wegnimmt.»
Joschi nickte, dennoch war er nicht so weit, ihm seinen Segen zu geben. Nicht nur weil er seine Schwester vermissen würde – auf keinen Fall würde er sie in Düsseldorf besuchen –, es gab noch etwas, das ihn störte. Er musste an Marjem denken, die mittlerweile vierzehn Jahre alt war, gesprächiger als früher, sogar gut in der Schule und dennoch vom Schatten der Vernichtung umhüllt war wie Dora. Wie er selbst, wenn er ehrlich war, auch wenn seine Schatten nicht ganz so finster waren. Rosl und Charlie waren Erwachsene, aber wie würde es einem jüdischen Kind in Deutschland ergehen?
«Wollt ihr Kinder?»
«Rosl ist alt», stellte Charlie nüchtern fest. Ob er sich Kinder gewünscht hatte, konnte Joschi aus der Antwort nicht heraushören. Aber natürlich hatte er recht, die beiden würden vermutlich keine Kinder mehr bekommen.
«Wenn», lächelte Charlie mit einem Mal, «wir Kinder in unserer Familie haben werden, dann durch Dora und dich. Eure Kinder können mich dann Onkel Charlie nennen.»
Joschi sagte nichts.
«Und ich werde mich auch um sie kümmern. Versprochen.»
Joschi sagte wieder nichts.
«Joschi, ist alles in Ordnung?»
«Jaja», rang sich Joschi ein Lächeln ab.
Seit neun Monaten versuchten er und Dora vergeblich, ein Kind zu zeugen.
«Heidewitzka», rief Zopf-Inge, die schon lange keine Zöpfe mehr trug und mit Waltraut auf dem Waggondach in der Sonne nicht nur eine, sondern so einige rauchte. Die beiden konnten sich sogar Marlboro leisten, denn auch Zopf-Inge machte eine Ausbildung, zur Frisörin. Dank ihrer Freundin hatte Waltraut jetzt nicht nur das schönste Gesicht, die beste Figur, sondern auch noch die modischste Frisur weit und breit. Obwohl sich mittlerweile auch erwachsene Männer nach ihr umsahen, hatte sie seit Wolle keinen mehr geküsst. Sie wollte sich, ganz romantisch, für ihre erste große Liebe aufsparen. Dabei träumte sie, obwohl sie wusste, dass ihre Mutter über ihre Herkunft Blödsinn erzählt hatte, davon, dass sich ein Adeliger in sie verlieben und sie von hier wegführen würde. Oder zumindest ein reicher Mann. Sonst würde sie wohl auf ewig hier wohnen müssen. Nach dem Ende ihrer Ausbildung hätte sie zwar genug Geld, um ein kleines Zimmer zu mieten, aber sie musste mit ihrem Lohn die Familie unterstützen, da die Mutter ihre Arbeit in der Werftkantine verloren hatte. Sie war dreimal in Ohnmacht gefallen, ohne dass der Hausarzt eine Erklärung dafür fand. Einmal hatte sie sich dabei an der Thekenkante den Kopf aufgeschlagen, die Wunde musste mit vielen Stichen genäht werden. Nun bewirtschaftete ihre Mutter das Gelände rund um den Eisenbahnwagen. Sie hatte Gemüse und Kartoffeln angebaut und sich sogar Hühner angeschafft.
«Schau mal da», sagte Zopf-Inge.
Waltraut sah in Richtung Gleise, ein junger Mann näherte sich, wie der Vater damals, als er aus dem Krieg kam. Nur schien die Sonne. Und es war warm. Und der Mann hatte einen flotteren, aufrechten Gang.
«Das ist», staunte die Freundin, «der größte Kerl, den ich je gesehen habe. Aber was trägt der für einen Hut?»
Als Tochter eines Tischlers erkannte Waltraut es sofort: schwarzer großer Schlapphut, schwarze Hosen, Wanderstock, kleiner Beutel für die nötigsten Sachen – das war ein Zimmermann auf der Walz.
«Hallo Traudel», rief der stattliche Mann mit den breiten Schultern schon von Weitem.
Woher kannte der Kerl sie, fragte sich Waltraut. Zopf-Inge, die ihre Gedanken erriet, sagte leise grinsend: «Ich hab’s dir doch gesagt, halb Walle weiß, wer du bist.»
Das mochte sein, aber der Zimmermannslehrling war nun mal auf der Walz, durfte sich also während seiner Wanderjahre nicht seinem Heimatort nähern und war demnach kein Bremer.
«Der hat ja … Ohrringe», flüsterte die Freundin, halb angewidert, halb fasziniert.
«Weißt du nicht mehr», rief der Wandervogel, «wer ich bin, Traudel?»
«Du kennst den Tippelbruder?», flüsterte Zopf-Inge noch leiser.
«Nenn ihn nicht so», zischte Waltraut zurück. Sie wollte nicht, dass ihre Freundin den Fremden beleidigte. Hach, manchmal konnte die Inge echt ein Biest sein.
«Ich bin’s!», sagte der Mann mit dem Schlapphut und den Ohrringen und baute sich unter ihnen vor dem Waggon auf. Er wirkte von Nahem noch stattlicher und hatte für einen Mann sehr langes blondes Haar. Doch wenn man genau hinsah, war er gerade mal so alt wie Waltraut.
«Komm schon!», lachte er.
Seine Gestalt erkannte Waltraut nicht, aber dennoch fühlte er sich vertraut an, als würde sie ihn schon lange kennen …
«Friedrich?»
«Du bist echt eine Schnellmerkerin», lachte Friedrich. Und Waltraut fand, er hatte ein wunderbares Lachen.
Friedrich durfte für die sechs Wochen, in denen er an einem Dachstuhl eines neuen Hauses in Walle arbeitete, bei den Behrens’ übernachten – auf der Walz war man darauf angewiesen, dass Menschen einem umsonst ein Dach über den Kopf gaben, sonst schlief man bei Wind und Wetter draußen auf der Baustelle. Es hatte etwas gedauert, bis Friedrich den neuen Wohnort der Familie gefunden hatte. Zuerst hatte er die Straße aufgesucht, in der die Familie noch bis 1944 gewohnt hatte. Aber anstelle ihres alten Hauses stand dort ein neues, rot geklinkertes, und die junge Familienmutter, die die Tür öffnete, hatte Friedrich an den Bäcker verwiesen. Dieser wiederum an den Kioskbudenbesitzer, und der verriet ihm dann den neuen Wohnort. Nach Feierabend half Friedrich Waltrauts Vater noch dabei, eine schöne Veranda vor den Wagen zu bauen. Sosehr Waltraut das Leben auf den zerstörten Gleisen hasste, sosehr schien ihr Vater es zu lieben. Ihr Bruder spielte mit dem Gedanken, mit seiner Verlobten Dagmar in eine eigene Wohnung zu ziehen. Und Mama hatte nur noch Augen für ihre Hühner.
Die Nächte hatten Friedrich und Waltraut für sich. Sie rauchten in Waltrauts Abteil, redeten über Gott und die Welt, den Kommunismus und über seine Mutter Brigitte, die sich einen alten Witwer angelacht hatte, so einen Zahlenverdreher vom Finanzamt, mit dem er nichts anfangen konnte, weswegen er sich einen Beruf ausgesucht hatte, mit dem er aus Essen wegkonnte. Die beiden redeten auch über ihre Träume, er wollte am liebsten die ganze Welt bereisen, sie eines Tages in der feinen Bremer Gesellschaft einen Platz finden.
Friedrich lachte sie aus, dass dies nicht sehr kommunistisch klang, aber auf eine freundliche Art und Weise.
Küssen oder, wie einst als Kinder, nebeneinander im Bett oder auch nur im gleichen Abteil zu schlafen, kam für beide nicht infrage. Sie kannten sich zwar schon so lange und nach den sechs gemeinsamen Wochen so viel besser, aber Waltraut vermied jede noch so flüchtige Berührung. Sie wusste, dass Jungs oft alles falsch verstanden, und wollte die Freundschaft zu ihm nicht gefährden. Dass Friedrich gar keine Annäherungsversuche unternahm, verunsicherte sie jedoch: Fand er sie nicht attraktiv? Und wieso störte sie dieser Gedanke, wenn sie doch für ihn nicht mehr als Freundschaft empfand?
Die erste Berührung der beiden fand an einem Sommersonntag statt. Obwohl die Geschäfte geschlossen hatten, zog es sie in die Innenstadt. Erst Erdbeerkuchen mit Sahne im Café Knigge und dann nach Karstadt. Vor das Schaufenster. In dem standen zu einer Pyramide aufgebaute Fernseher, die das Endspiel zur Fußballweltmeisterschaft zeigten.
Weil die beiden aber erst Kuchen essen waren, anstatt sich schon Stunden vorher vor dem Schaufenster in die erste Reihe zu stellen, standen sie weit hinten im Gedränge. Der große Friedrich konnte von dort den Bildschirm des obersten Apparates gut sehen, aber Waltraut sah nur die Rücken der anderen. Da hob Friedrich sie auf seine starken Schultern.
Das Fußballspiel hätte sie kaum weniger interessieren können. Aber sie liebte es, von Friedrich getragen zu werden und dabei mit ihren Händen durch seine langen blonden Haare zu wuscheln, seine Ohrringe zu schnipsen und seinen Duft von Holz und gebräunter Haut einzuatmen. Aber am meisten liebte sie es, überschwänglich mit den anderen Menschen zu jubeln, immer wenn die Deutschen ein Tor schossen, und dabei die Arme hochzureißen wie auf der Achterbahn. Immer mit dem Gefühl, dass ihr jemand Sicherheit gab. Halt. Nie zulassen würde, dass sie fallen könnte, egal wie wild sie sich verhielt.
Drei Jahre hatten sie versucht, Kinder zu bekommen, und dann aufgegeben. Weder Joschi noch Dora hatten dem jeweils anderen Vorwürfe gemacht. Sie hatten nicht mal darüber geredet, woran es liegen könnte. An ihrem Alter? An seinem? An dem, was in Auschwitz geschehen war?
Über das Lager hatte Dora immer noch nicht gesprochen. Selbst nicht, wenn sie von ihren Albträumen geweckt wurde. Joschi hatte aus Zeitungen und Erzählungen anderer mehr über das KZ erfahren als von seiner eigenen Frau. Der wiederum hatte ihr nie erzählt, wie er seinen Vater das letzte Mal im Wiener Gefängnis gesehen hatte. Oder wie seine Kommilitonen vor seinen Augen aus dem Fenster der Universität geworfen wurden. Oder wie er die verstümmelten Leichen im Krieg gefunden hatte.
Die Vergangenheit wurde hinter eine große, dicke Tür gesperrt. Eine Zukunft, in der die beiden ein Kind, eine neue Familie haben würden, war verschlossen. Also lebten sie in der Gegenwart. Joschi, der unbedingt am Meer hatte leben wollen, ging am liebsten mit seiner Frau am Strand spazieren. Sie tranken viel Wein, mal zusammen mit ihren Freunden und Nachbarn im Mietshaus, der bildschönen Selma und dem verschlossenen Jakov, viel öfter aber zu zweit, einfach so, um den Abend ausklingen zu lassen, an freien Tagen auch tagsüber. Ansonsten widmeten sie sich der Arbeit. Dora im Krankenhaus, Joschi in der Armee. Obwohl er kurz davorstand, Major zu werden, fühlte Joschi sich in der Armee immer noch wie ein Fremder. Eine Waffe zu halten, stets bereit zu sein, wieder in den Krieg zu ziehen, wenn es nötig war, hatte trotz des Erlebten etwas Unwirkliches. Oder gerade deshalb. Die meiste Zeit fühlte es sich an, als ob ein anderer Mensch die Uniform trug und er selbst von außen auf diesen Menschen blickte.
Nur heute nicht.
Heute hatte er eine angenehme Aufgabe als Offizier. Er sollte für die Sicherheit an einem Filmset sorgen. Kirk Douglas war zu Besuch in Israel. Ein Jude. Amerikaner. Filmstar. Den Streifen ‹Champion› hatte Joschi im Kino in Jerusalem gesehen, darin hatte der in Weißrussland geborene Douglas einen egoistischen Boxer gespielt. Und in ‹Ace in the Hole› einen zynischen Reporter. Der Film war von Billy Wilder. Juden in Hollywood, überall. Vielleicht mochte Joschi deswegen so gerne amerikanische Filme.
Jetzt drehte Douglas einen richtig jüdischen Film: ‹The Juggler›. Er spielte darin einen berühmten Jongleur, dessen Familie von den Nazis in die Gaskammern geschickt wurde, der aber selbst das KZ überlebte und als Flüchtling nach Haifa kam. In den Straßen der Stadt irrte er umher und traf auf einen Waisenjungen, in etwa so alt wie Marjem. Joschi musste deshalb an seine Cousine denken. Mit dem Jungen wanderte der Jongleur durch Israel, geplagt von Schuldgefühlen. Er hätte seine Familie retten können, wenn er früher geflohen wäre. Aber er hatte gedacht, dass er aufgrund seiner Berühmtheit von den Nazis verschont bliebe.
‹Alle Juden hätten 1933 mit dem Rad wegfahren sollen.›
An diesem Tag drehte Douglas in der Wüste. Joschi war, obwohl er schon den dritten Tag das Filmset mit seinen Männern schützte, immer noch erstaunt, wie viel Menschen an so einem Dreh beteiligt waren und wie wenig sie den ganzen Tag machten. Es dauerte ewig, bis ein Schauspieler mal vor die Kamera trat. Gut, dass er zum Zeitvertreib stets Zigaretten und einen Flachmann mit Cognac dabeihatte.
Erst nach zwei Stunden Vorbereitung und nach einer weiteren Stunde warten, bis Regisseur Dmytryk, in kurzen Hosen und verbrannten Beinen, der Ansicht war, die Sonne würde richtig stehen, ging es los: Douglas ging als Jongleur Hans mit dem Jungen durch die Wüste, brachte ihm dabei mit Orangen das Jonglieren bei – vielleicht wäre das auch etwas für Marjem? –, als die beiden plötzlich ein Glockenläuten hörten. Menschen riefen ihnen aufgeregt etwas zu. Der Junge sagte: «Can’t hear a word, something about fields.»
Douglas antwortete: «Better get moving, Josh.»
Josh, dachte sich Joschi. Er war auch mal ein Junge gewesen, der von keiner Gefahr auf der Welt etwas ahnte.
Jetzt aber war Joschi, auch ohne das Drehbuch zu kennen, nur zu bewusst, welcher Gefahr der Knabe und Douglas an dieser Stelle des Films ausgesetzt waren.
«They told us to stay here», sagte Josh, «they told us not to move.»
«Come on», antwortete Douglas und zog den Jungen mit sich. Josh verlor dabei eine der Orangen und rannte zurück. Douglas rief: «Come on, Josh!»
«I need it to juggle», erwiderte der Junge und rannte der eine kleine Sanddüne herunterrollenden Orange hinterher, die von Regisseur Dmytryk höchstselbst geworfen worden war. Nach ein paar Schritten gab es hinter dem Jungen eine Explosion, und er stürzte zu Boden.
Eine Mine aus dem Unabhängigkeitskrieg. Wie es sie zu Tausenden in diesem Land gab und von denen eine den 17-jährigen Zvi unter Joschis Kommando im Krieg zerfetzt hatte.
Dmytryk war nicht glücklich mit der Explosion. Der Junge war seiner Meinung nach viel zu weit entfernt gewesen, damit man als Zuschauer glauben konnte, er wäre lebensgefährlich verletzt. Der Regisseur beorderte seinen Sprengstoffmeister, die Ladung für den nächsten «Take» früher zu zünden, gleich nachdem der Junge vorbeigerannt ist.
Joschi mochte sich keine weitere Explosion einer Mine ansehen. Weder die einer falschen am Set noch eine echte in seiner Erinnerung. Er behauptete, dass er in der Kaserne noch Bürokram zu erledigen habe, stieg in seinen Jeep und fuhr ans Meer. Das war das Faszinierende an diesem Land: Binnen einer Dreiviertelstunde konnte man von fast überallher zum Meer gelangen. Oder in arabische Gefangenschaft.
Joschi setzte sich in einer einsamen Bucht an den Strand, trank Cognac aus seinem Flachmann und dachte an den Film: Hans, der Jongleur, war nach Israel aus einem Land gekommen, in dem er seine Familie verloren hatte, und fühlte sich schuldig, überlebt zu haben.
Willkommen im Club, in dem alle Flüchtlingsjuden Mitglieder waren.
Nun war Hans erneut schuldig geworden, weil er mit dem Jungen nicht einfach stehen geblieben war. So wie Joschi im Krieg Schuld auf sich geladen hatte. Und sich neue aufladen würde, sollte er wieder kämpfen müssen.
Joschi sah auf das Meer. Hörte das Rauschen. Roch das Salz.
Es gab keine andere Wahl. Egal ob er Major, Oberst oder gar General werden würde, er würde immer mehr Schuld auf sich laden. Er hatte zwar keine Ahnung, womit er sich und Dora ernähren sollte, aber er wusste nun mit großer Gewissheit, dass er keine Sekunde länger in der Armee bleiben konnte.
«Weißt du was?», fragte Friedrich, der nach Karstadt in Waltrauts Abteilung gekommen war, um sich zu verabschieden. Für ihn ging es nun weiter ins Emsland. Die Frau von Kasse 6, Frau Siegen, die die fleißige Waltraut, die sogar mit Fieber zur Arbeit erschien, ins Herz geschlossen hatte, gab ihr außerplanmäßig zehn Minuten Pause für diesen feschen Kerl – Friedrich machte mit seinem kernigen Aussehen des Walz-Zimmermanns sogar Eindruck auf die Adenauer-Anhängerin.
«Was soll ich denn wissen?», fragte Waltraut, die sich nicht anmerken lassen wollte, wie traurig sie war, dass die sechs Wochen, die wie im Flug vergangen waren, nun vorbei sein sollten und die beiden sich vielleicht nie wiedersehen würden.
«Warum ich zu euch gekommen bin.»
«Du brauchtest einen Platz zum Übernachten.»
«Da hätte ich was Besseres finden können.»
Waltraut sah ihn verletzt an, und Friedrich fügte hastig hinzu: «Entschuldigung, das meinte ich nicht so.»
«Also, warum bist du dann gekommen?», ging Waltraut auf die Entschuldigung nicht ein.
«Weil du lieb zu mir warst.»
«Lieb?»
«Als wir Kinder waren.»
Waltraut fragte sich, ob sie beide nicht immer noch Kinder waren. Immer sein würden.
«Als ich damals schlecht geträumt hatte, hast du mich in den Arm genommen.»
«Das hast du bemerkt?»
«Ja.»
«Ich dachte, du hättest geschlafen.»
«Du hast mir ein Küsschen auf die Wange gegeben. Davon bin ich aufgewacht.»
«Aber du hattest die Augen zu.»
«Ich wollte nicht, dass du mich loslässt.»
Waltraut lächelte.
«Du bist eine Gute», sagte Friedrich, beugte sich zu ihr runter, gab ihr einen Kuss auf die Wange und nahm sie in den Arm. Lange. Bis er wieder losließ: «Jetzt sind wir quitt.»
Er drehte sich um, verließ Karstadt, und Waltraut sah ihm dabei mit weichen Knien nach. Bis Frau Siegen lachte: «Na, die Stelle wirst du dir nie mehr waschen, was?»
Waltraut lief rot an.
«Was willst du jetzt machen?», fragte Dora, als sie beide auf dem Balkon ihrer kleinen Eigentumswohnung in Haifa saßen. Eine Wohnung im Übrigen, die sie sich nur weiter leisten konnten, wenn Joschi im nächsten Monat die neue Stelle antrat, von der er seiner Frau noch nichts erzählt hatte. Die Sonne ging in der Ferne über dem Meer unter, das man vom Balkon aus leider nicht sehen konnte. Joschi hatte gerade die zweite Flasche Weißwein entkorkt, nachdem sie die Falafel bis auf einen kläglichen Rest aufgegessen hatten. Dora hatte ihm keine Vorwürfe gemacht, dass er den Armeedienst quittiert hatte. Im Gegenteil, sie hatte zu ihm gesagt: «Die Umstände haben dich zum Soldaten gemacht. Jetzt musst du keiner mehr sein.»
Nie hatte er seine Frau mehr geliebt.
Natürlich wollte sie dennoch wissen, was er nun vorhatte. Und Joschi hatte Angst, es ihr zu sagen.
«Ich …», hob er an, nahm aber lieber einen Schluck Weißwein, statt weiterzureden.
«Du?», lächelte Dora lieb. Wenn sie lächelte, sah sie für ihn immer noch aus wie ein Engel. Umso schwerer wurde es, mit der Sprache herauszurücken. Er nahm lieber noch einen Schluck.
«Hallo?», lachte sie.
«Ich …», Joschi brach wieder ab, spießte mit der Gabel einen Krümel Falafel auf.
«So weit waren wir schon», lächelte Dora.
Joschi konnte sich nicht vorstellen, dass sie jemals richtig zornig auf ihn sein könnte, umso schlechter fühlte er sich, dass er ihr nun wehtun würde: «Ich habe mit Charlie gesprochen.»
«Mit Charlie?», staunte Dora.
«Er hat mir mit seinen Kontakten eine Stelle besorgt.»
«Du willst doch nicht etwa mit mir nach Düsseldorf ziehen?», das Entsetzen stand Dora ins Gesicht geschrieben. Sie begann zu zittern.
«Nein, nein, nein!», wiegelte Joschi ab.
«Nach Tel Aviv?» Dort war die Zentrale von Charlies Obstfirma.
«Wir ziehen nicht weg aus Haifa.»
«Ich verstehe nicht ganz.»
«Ich …», Joschi musste es nun sagen: «Ich gehe auf ein Schiff.»
«Was für ein Schiff?» Dora schluckte.
«Ich habe bei einer Reederei, der Charlie Aufträge gibt, angeheuert. Als Zahlmeister.»
Dora schwieg, sah von ihm weg, in Richtung Wohnzimmer zu den vielen Pflanzen, die sie hegte und pflegte, als ob sie von Beruf Gärtnerin wäre und die Wohnung ein Gewächshaus.
«Das ist das Beste, was ich bekommen konnte, eine echte Chance», sagte Joschi, dabei war dies nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit war, dass er das Meer liebte, seitdem er auf dem Deck der ‹Draga II › gestanden und so etwas wie inneren Frieden empfunden hatte. Er hatte eine große Sehnsucht danach, diesen Frieden täglich zu erleben.
Doras Unterlippe begann zu zittern.
«Ich habe doch nichts gelernt», sagte Joschi. «Wer gibt mir sonst eine gut bezahlte Arbeit, mit der wir die Wohnung weiter finanzieren können?»
«Die Wohnung ist mir egal …» Die Stimme seiner Frau brach, als sie ihn wieder anblickte.
Was sollte er darauf antworten? Dass er wegwollte? Aus diesem Land. Auch von Dora, die sich nicht damit hatte abfinden können, dass sie keine Eltern wurden. Obwohl sie nie über ihren Schmerz redete, war er ständig präsent. Und Joschi empfand diesen Schmerz auch. Und ihrer beider Schmerz war gemeinsam schwerer zu ertragen als allein.
Welchen Sinn hatte ihr Überleben, wenn kein neues Leben entstand? Wenn ihrer beider Familien mit ihnen ausstarben?
«Wie lange wirst du auf Reisen sein?»
«Das weiß ich noch nicht», log Joschi.
Dora ahnte, dass er kaum mehr zu Hause sein würde. Sie sah wieder von ihm weg, diesmal über die Balkonbrüstung ins Weite. Es dauerte etwas, bis sie sich wieder zu ihm wandte und gefasst sagte: «Wenn es dich glücklich macht.» Sie klang dabei nicht vorwurfsvoll, sondern eher, als würde sie sich wünschen, dass Joschis Entscheidung ihn tatsächlich glücklich machte.
Es wäre einfacher gewesen, wenn sie ihm Vorwürfe gemacht hätte.
«Ich habe keine andere Möglichkeit», wollte Joschi den Eindruck gar nicht erst aufkommen lassen, es könnte ihn erleichtern, nicht mehr ständig bei ihr sein zu müssen, gefangen in der gemeinsamen Trauer.
«Ich liebe dich», sagte sie, beugte sich über den Tisch und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Ja, Vorwürfe wären sehr viel einfacher gewesen.
«Kein Verbot der KPD ! Kein Verbot der KPD !», skandierte Waltraut mit etwa dreißig anderen, zum großen Teil jungen Demonstranten auf dem Bremer Marktplatz. Wolle war tags zuvor zu ihr gekommen und hatte von dem Skandal berichtet, dass die einzige echte Arbeiterpartei verboten würde und man dagegen protestieren müsse, sonst sei man kein Mensch.
Zopf-Inge hatte sie nicht begleiten wollen. Auch keine andere Freundin. Waltrauts Bruder und seine frisch angetraute Dagmar, die gemeinsam eine winzige Dachwohnung in Walle bezogen hatten und damit Waltraut umso mehr an den Eisenbahnwagen fesselten, hatten sie erst ausgelacht und dann gewarnt, dass so eine Demonstration gefährlich sein könnte. Ihr Vater wollte ihr gar die Teilnahme verbieten. Aber die Welt war doch so himmelschreiend ungerecht! Links und rechts konnte Waltraut sehen, wie die Menschen reicher wurden, nur sie und ihre Familie nicht. Alle Arbeiter nicht!
Waltraut liebte es zwar, die wohlhabenden Frauen in der Kosmetikabteilung zu beraten, aber sie beneidete sie auch, dass sie beim Einkauf nicht auf Mark und Pfennig achten mussten. Und sie hasste es regelrecht, wenn die ein oder andere sie spüren ließ, dass sie Waltraut für ein niederes, dummes Ding hielt. Dann musste sie sich immer zurückhalten, ihr den Lippenstift nicht absichtlich durch das ganze Gesicht zu ziehen. Außerdem war sie schon neunzehn, also schon in zwei Jahren volljährig, was konnte Vater ihr da noch groß verbieten? So stand Waltraut an der Roland-Statue neben Wolle, der sich mit der einen Hand auf seiner Krücke aufstützte, während er mit der anderen ein Megafon hielt und die Menge aufpeitschte: «Nieder mit dem Kapital! Nieder mit dem Kapital!»
Die Passanten machten einen weiten Bogen um die Demonstranten. Ein alter Mann spuckte sogar vor ihnen aus und deutete anschließend auf die Inschrift am wieder neu aufgebauten Deutschen Haus: ‹Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen›.
Was das mit der KPD zu tun haben sollte, verstand Waltraut nicht. Woher auch? Wenn Wolle auf seinen Krücken mit ihr zur Mittagspause eine Bratwurst beim Imbiss von Kiefert aß und über den Marxismus schwadronierte, begriff sie höchstens einen halben von zehn Sätzen. Sie wusste ja noch nicht einmal, dass die Worte der Inschrift vom Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen stammten, den Vater so verehrte. Die SPD war seine Partei und Kommunist Wolle für ihn ein Vollidiot, dem man seine Ansichten aber verzeihen konnte, fehlten ihm doch ein Bein und daher auch ein paar Latten am Zaun.
«Scheiße!», fluchte neben Waltraut ein drahtiger Kerl mit Schiebermütze. Sie blickte in die Richtung, in die er sah. Zehn Polizeiautos fuhren auf den Marktplatz, darunter auch grüne Minnas. Im Gegensatz zu einem Kerl neben ihr, der sich die Schiebermütze ins Gesicht zog und auf die andere Straßenseite eilte, um von da aus Richtung Straßenbahn Linie 3 zu flüchten, war Waltraut nicht klar, was hier passierte.
«Wir werden nicht weichen!», rief Wolle durch das Megafon nicht etwa den Passanten oder den Polizisten zu, die immer näher kamen, sondern den eigenen Leuten, damit sie nicht abhauten. Waltraut blieb standhaft. Nach langer Zeit dachte sie wieder daran, eine Löwin zu sein.
«Ihr seid alle verhaftet!», rief ein Polizist, «leistet keinen Widerstand!»
«Verhaftet?», staunte die Löwin.
«Ja, was glaubst denn du?», keuchte ein schlanker, fast schon ausgehungert wirkender Jüngling neben ihr, «dass die Demonstration hier erlaubt ist?»
Darüber hatte Waltraut nicht nachgedacht. Sie sah zu Wolle, der ihr nicht verraten hatte, auf welches Risiko sie sich hier eingelassen hatte. Ihr Freund humpelte mithilfe seiner Krücke auf den Polizisten zu und rief ihm durch das Megafon ins Gesicht: «Wir werden nicht weichen! Wir werden nicht weichen!»
Der Polizist trat ihm das Standbein weg. Wolle fiel zu Boden. Schrie auf.
Waltraut erstarrte.
Aus der Löwin war plötzlich ein Reh geworden, das wie in Schockstarre dastand und sich nicht mehr bewegen konnte. Und so wurde es gemeinsam mit Wolle festgenommen, wie zehn andere Demonstranten auch, die nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten.
Waltraut saß die ganze Nacht in einer Zelle im Polizeipräsidium am Wall. Zusammen mit einer sich immer wieder übergebenden alten Pennerin und einer Taschendiebin, die ihr unter dem Mantel der Verschwiegenheit verriet, dass sie wie die Giftmörderin Gesche Gottfried schon drei Ehemänner um die Ecke gebracht hatte. Ob das stimmte oder nicht, vermochte Waltraut nicht zu beurteilen, aber sie hatte keine Angst vor der Frau. Auch nicht vor der Pennerin und ihren Spuckattacken. All ihre Furcht und ihre Gedanken kreisten darum, dass sie keine drei Wochen vor Ende ihrer Ausbildung stand und nun vermutlich ihre Stelle verlieren würde. Weil sie jetzt eine Verbrecherin war. Die im Gefängnis einsaß.
Sie war keine Löwin. Auch kein Reh. Sie war eine arme Kirchenmaus und würde jetzt auf ewig eine bleiben. Weil sie so, so, so dumm war.
Wie sie sich schämte.
Auch und besonders, weil einer der Polizisten, ein großer Mann, den sie unter anderen Umständen vielleicht sogar ganz attraktiv gefunden hätte, ihr bei der Festnahme an den Busen gefasst hatte. Am meisten aber schämte sie sich, weil sie daraufhin in Tränen ausgebrochen war, anstatt ihm eine zu scheuern.
Am nächsten Morgen wurde Waltraut freigelassen. Der große Polizist sagte zu ihr, sie könne froh sein, dass sie als Minderjährige keine Anzeige bekam. Aber noch bevor sie auch nur den Ansatz von Erleichterung empfinden konnte, fasste er ihr noch mal an die Brüste und lachte laut auf, bevor er sie nach draußen schob. Die Sonne blendete. In zwanzig Minuten würde ihr Dienst beginnen, zu wenig Zeit, um noch nach Hause zu fahren, aber genug, um sich in der Toilette bei Karstadt für die Arbeit frisch zu machen. Als sie dabei in den Spiegel sah, beschloss sie, nie wieder eine Revolutionärin sein zu wollen. Nur noch eine einfache Verkäuferin. Eine, die sich nie wieder so hilflos fühlen wollte wie in dieser Nacht.
Man weiß nicht, ob man das Meer liebt, wenn man es nicht bei rauer See befahren hat. Joschi liebte es. Das Kreuzfahrtschiff ‹Tamar› wogte bei seiner Reise von Dover nach Göteborg in den Wellen auf und ab, und Joschi stand an der Reling. Er hatte sich über seine schmucke neue Uniform – wenn Uniformen nichts mit Militär zu tun hatten, trug er sie sehr gerne – eine Jacke gezogen und ließ den Regen und die Gischt der Nordsee auf sich niederprasseln. Wenn er die salzige Luft einatmete, war ihm, als wäre er für das Meer geboren: Nicht ein einziges Mal war er auf einer Schiffsreise seekrank geworden, und wenn er in den wachen Augenblicken, in denen er sich nicht um das Zahlenwerk des Schiffes kümmern musste, auf die See blickte, die ihre Stimmung täglich, stündlich, manchmal sogar minütlich wechselte, ließ er seine Gedanken in die weite Ferne schweifen: zur Elfenbeinküste, nach Indien, Argentinien, Australien, zum Kap Hoorn.
Auch verschwand er gerne gedanklich in glücklichere Zeiten, in denen er sich in den Cafés, Heurigen, Theatern und Cabarets der Leopoldstadt vergnügte. Er erinnerte sich daran, wie er die Schule schwänzte, mit seinem Vater die gemeinsamen Geburtstage feierte oder Mama Scheindel ihm vor dem Einschlafen Geschichten aus dem Schtetl erzählte. Sie sprach dabei oft von ihrem Großvater, dem Wunderrabbiner, bei dem die Menschen stundenlang vor der Haustür warteten, um sich dessen Ratschläge anzuhören. Dann überhäuften sie ihn mit Gaben, mit denen er sich, die Familie, seine Religionsschüler und Diener ernährte. Das war bestimmt, sinnierte Joschi schmunzelnd, ein angenehmer Beruf gewesen.
Joschi dachte auch an den Vater seines Vaters. Großvater oder gar Opa mochte er den Vagabunden, der immer nur kurz in Dębica aufschlug, um seine Frau zu schwängern, nicht nennen, er hatte ihn ja nie kennengelernt. Joschi fühlte sich mit diesem fremden Mann, den es nie an einem Ort gehalten hatte, verbunden, war er doch selbst eine Art Vagabund. Ein Vagabund der Meere. Wie sein Vorfahr ließ auch er seine Frau zurück, nur lebte Dora in der Stadt und nicht in einem polnischen Schtetl. Und sie hatten kein gemeinsames Kind.
Ob der Vagabund auch in anderen Städten Frauen und Kinder zurückgelassen hatte? Hatte Joschi also noch mehr unbekannte Verwandte, die von den Nazis umgebracht worden waren? Vermutlich.
Jedes Mal, wenn der Gedanke auf die Toten kam, die er geliebt hatte – Mama Scheindel, Vater Israel, Hedy –, musste Joschi an die letzten Augenblicke denken, die er mit ihnen verbracht hatte: mit Israel im Gefängnis, mit Mama Scheindel an der Wohnungstür, mit Hedy auf den Treppenstufen.
Wie er diese Frau geliebt hatte. Wenn er ehrlich zu sich war – und wenn er nicht hier auf dem Meer, weitab von allem, ehrlich sein konnte, wo dann? –, liebte er Dora heute nicht so sehr wie damals Hedy.
Er steckte sich eine Zigarette an. Wenn etwas besser roch als die Meeresbrise im Regen, dann war es eine Meeresbrise im Regen, deren Duft sich mit dem einer Camel vermischte.
Waltraut hatte die Ausbildung bestanden. Im Kaufhaus hatte sie sich Bestnoten verdient, in der Berufsschule hingegen wäre sie beinahe durchgefallen. Rechnen war für sie ein Albtraum, und ihre Rechtschreibung ließ ebenfalls zu wünschen übrig, sagte ihr Lehrer Braun. Aber da der Mann ein guter Freund ihres Vorgesetzten 32 war – die beiden kegelten zusammen im Bremer Kegelverein von 1890 –, hatte 32 ihn mithilfe einiger Malteser bearbeiten können, ein so talentiertes junges Ding wie Waltraut nicht das Leben mit einer Sechs in Mathe zu verbauen.
32 spendierte zur Feier des Tages eine Flasche Sekt und stieß mit Frau Siegen und seiner neuen ausgebildeten Verkäuferin an, sodass Waltraut danach ein, zwei Stunden angeschickert die Kundschaft bediente. Alkohol mied sie normalerweise wie die Pest, sah sie doch, wie sehr das Bier und der Korn zum Leben ihres Vaters und Bruders gehörten.
Es war für Waltraut überraschend angenehm, in diesem Zustand zu arbeiten, denn sie fühlte sich nicht mehr so unsicher. Seit dem Erlebnis mit dem Polizisten im Gefängnis war es um ihr Selbstbewusstsein geschehen. Hatte sie früher eher Zorn empfunden, wenn wohlhabende Kundinnen sie von oben herab behandelten, begann sie nun fahrig zu werden, immer mit dem Bewusstsein, dass sie nichts wert war.
Als die Wirkung des Sekts nachgelassen hatte, bediente Waltraut eine vornehm gekleidete, schlanke Frau um die vierzig, die in jedem zweiten Satz betonte, dass ihr Ehemann Zahnarzt war. Sie war mit ihm zu einem Ball im Park-Hotel eingeladen und müsste dafür picobello aussehen.
«Was bedeutet picobello?», fragte Waltraut.
«Du warst wohl noch nie in Italien?»
«Nein», antwortete Waltraut leise. Sie hatte noch nicht einmal von einer Reise in den Süden geträumt, die sie sich ohnehin nicht hätte leisten können.
«Das hätte ich mir denken können. Wohnst du in Gröpelingen?»
«Walle.»
«In Walle wohnen sie alle», lachte die Frau über ihren eigenen lahmen Scherz, den so gut wie jeder Bewohner des Stadtteils schon tausendmal gehört hatte. «Na denn: Picobello heißt perfekt! Was ist der teuerste rote Lippenstift?»
«Dieser hier», Waltraut deutete auf den teuersten, der jedoch ihrer Meinung nach bei Weitem nicht der Beste war, aber die Kundin war nun mal Königin, auch und erst recht, wenn sie sich wie eine aufspielte.
«Dann nehme ich den.»
Waltraut gab ihn ihr, auch wenn sie sich dachte, dass diese Ziege, wie viele reiche Frauen, das Wort «bitte» anscheinend nicht kannte. Sie stellte ihr einen kleinen, mit falschem Gold umrandeten Spiegel auf die Vitrine, damit sie sich den Lippenstift auftragen konnte. Als sie fertig war, fragte sie Waltraut: «Und, wie sehe ich aus?»
«Er steht Ihnen sehr gut», lächelte Waltraut. Es war nicht ihre Meinung – das Rot war einfach zu dunkel für ihre blasse Haut –, aber es war die Antwort, die Frau Siegen ihr beigebracht hatte, wenn man teure Dinge verkaufen oder unangenehme Kundinnen schnell wieder loswerden wollte. Oder, wie in diesem Fall, beides zugleich.
«Kindchen», sagte die Zahnarztfrau, «du hast aber auch gar keinen Geschmack.»
Waltraut war getroffen. Wenn sie auf eins stolz war, dann war es ihr Geschmack. Jede Kundin, die sich wirklich auf die Beratung von Waltraut einließ und nicht nur in ihrer Eitelkeit bestätigt und umschmeichelt werden wollte, verließ zufrieden das Kaufhaus und kehrte immer wieder gerne zurück. Die 93-jährige Frau Wehrle, die auch im hohen Alter auf ihr Äußeres Wert legte, drückte Waltraut sogar bei jedem Besuch eine Mark extra in die Hand, egal ob sie etwas kaufte oder nicht. Und das, obwohl man doch in Kaufhäusern normalerweise kein Trinkgeld gab.
«Aber du musst auch keinen Geschmack haben», sagte die Frau, «mit deinen großen Brüsten findest du immer einen Bauarbeiter.»
Waltraut begann zu heulen. Wie ein Wasserfall. Sie versuchte nicht einmal, die Tränen aufzuhalten.
«Was ist denn mit dir los?», fragte die Frau genervt.
Waltraut schluchzte erbärmlich.
«Also, dein Verhalten ist unmöglich.»
«Sie sollten schnell verschwinden», hörte Waltraut eine vertraute Stimme sagen.
«Wer sind Sie denn?», fragte die Zahnarztfrau indigniert.
«Der, der Ihnen sagt, dass Sie auf der Stelle verschwinden sollen», antwortete Friedrich. Er trug nicht mehr seine Walzkleidung, sondern einen alten grauen Anzug und ein leicht schmuddeliges Hemd. Beides wirkte, als ob er es auf dem Flohmarkt gekauft hatte.
Waltraut war von seinem Auftauchen so überrascht, dass sie ihren Weinkrampf unter Kontrolle brachte.
«Das ist unmöglich», zeterte die Zahnarztfrau, «ich werde mich bei der Geschäftsführung über Sie beide beschweren!»
«Wirklich?», fragte Friedrich, baute sich vor ihr auf und schaute auf sie hinab.
Die Frau schüttelte den Kopf und verließ hastig das Kaufhaus.
«Was … was machst du hier …?», fragte Waltraut leise.
«Dich in den Arm nehmen», antwortete Friedrich. «Das scheinst du gerade zu brauchen.»
«Ja …», antwortete Waltraut und ließ sich von ihm drücken.
Als sie sich wieder beruhigt hatte, war ihr Make-up ganz verwischt. Friedrich lächelte sie an. Sie lächelte zurück und fragte erneut, diesmal mit etwas festerer Stimme: «Was machst du hier?»
«Dich im Arm halten, siehst du doch.»
Waltraut musste lachen.
«So gefällst du mir besser.»
Sie gefiel ihm?
Das war schön.
Schöner, als sie je gedacht hätte.
«Ich bin jetzt Zimmermannsgeselle.»
«Wo?»
«Ich suche nach einer Stelle.»
«Etwa in …», Waltraut wagte kaum, das auszusprechen, «Bremen?»
«Warum eigentlich nicht?»
«Du wolltest doch um die Welt reisen.»
«Wo hübsche Menschen sind, da lass dich nieder», lächelte er charmant.
Waltraut wusste nicht, was sie daraufhin sagen sollte.
«Es sei denn, du hast etwas dagegen?»
«Nein», lachte sie, und nun flossen wieder ein paar kleine Tränen. Aber ganz andere als Minuten zuvor.
«Steht dir, die Uniform», lächelte die schöne Selma, als Joschi mit seinem Seesack die Treppen zu seiner Wohnung hinauflief. Die von der Sonne stets braun gebrannte Nachbarin war vor die Tür getreten, sie trug ein kurzes schwarzes Kleid und knalligen Lippenstift und sah mit ihrem frechen Bobschnitt, von dem sie sagte, er wäre in Paris gerade en vogue, so verführerisch aus, dass sich die Kerle den Kopf nach ihr verdrehten. Es war ein offenes Geheimnis, dass Selma ihren Ehemann Jakov mit anderen Männern betrog, wenn er für seine Import-Export-Firma unterwegs war. Dora mutmaßte, dass es Selmas Art war, sich lebendig zu fühlen und für einige Stunden den Tod zu vergessen, den sie als junge Frau im Warschauer Ghetto hatte erleben müssen. Damals hatten Jakov und sie sich mit wenigen anderen zu den Widerstandskämpfern durchschlagen können. Die gemeinsame Vergangenheit schien das Einzige zu sein, was diese beiden so unterschiedlichen Menschen verband.
«Danke», sagte Joschi, durchaus geschmeichelt, während er seinen Seesack auf den Treppenabsatz stellte.
«Wirklich schick bist du», Selma machte Komplimente wie sonst nur Männer den Frauen. «Ich habe Dora immer gesagt: Du hast dir den hübschesten Mann weit und breit geangelt.»
Joschi wusste, dass Selma übertrieb. Aber es gefiel ihm, dass eine Frau, die nicht seine war, so über ihn sprach.
«Willst du mit mir etwas trinken?»
«Ich komme gerade erst an, und Dora und ich wollen den Abend miteinander verbringen», erwiderte Joschi, der sich gar nicht so sicher war, ob er wirklich den Abend mit Dora verbringen wollte. Er fürchtete sich davor, dass sie beide wieder von der Schwermut eingeholt würden.
«Deine Dora hat Nachtdienst im Krankenhaus», sagte Selma. «Sie kommt erst morgen früh zurück.»
Joschi tadelte sich in Gedanken: Er hätte ein Telegramm mit seiner genauen Ankunftszeit schicken sollen, damit Dora ihren Dienst entsprechend hätte legen können.
«Also, wollen wir was trinken?», lächelte Selma.
«Warum nicht?», antwortete Joschi. Etwas trinken war immer gut.
«Dann komm rein.»
«Ich dachte, du wolltest ausgehen?»
«Das muss ich nicht mehr, ich habe ja jetzt Gesellschaft», lachte Selma.
Joschi zögerte. Dora und er waren schon oft bei den Nachbarn gewesen, er allein allerdings noch nie.
«Jakov hat bei seiner letzten Reise wunderbaren irischen Whiskey eingeschmuggelt. Schmuggeln ist das Einzige, was er wirklich gut kann, hat so schon für sich und seinen kleinen Bruder Essen ins Ghetto gebracht. So ist der Kleine nicht verhungert und hat noch die Gaskammern von Treblinka erleben dürfen.»
So gut wie jeder, den Joschi kannte, hatte im Krieg größeres Leid erfahren als er selbst: Dora, Marjem, Selma, Jakov. Seitdem ihm klar war, dass die Familie Safier mit ihm aussterben würde, wachte er öfter mitten in der Nacht auf, und der Schmerz über das Schicksal seiner Familie übermannte ihn dermaßen, dass er am liebsten nicht mehr weitergelebt hätte. Und sogleich schämte er sich dafür, dass er nicht die Kraft der anderen, noch nicht mal die von seiner kleinen Cousine, besaß, dem Leid zu trotzen. Und weil er sich so schämte, wollte er noch weniger weiterleben. Nach solchen Nächten dauerte es am nächsten Tag lange, manchmal bis zum Abend und dem dritten Glas, bevor er sich wieder ein wenig lebendig fühlen konnte.
«Also, was sagst du?»
Zu einer anderen Frau zu gehen, wenn deren Mann nicht da war, fühlte sich für Joschi ein wenig an, als ob er Dora hintergehen würde. Als Seemann hatte er viele Gelegenheiten zu Seitensprüngen. Die anderen Offiziere nahmen ihn in die entsprechenden Etablissements in den Häfen mit, wo Joschi auch gutes Geld für Drinks ließ, aber seiner Dora treu blieb. Außerdem war es unter seiner männlichen Würde, für Geschlechtsverkehr zu zahlen.
«Du sagst nichts», gab sich Selma die Antwort auf ihre eigene Frage.
Joschi rang sich ein halbherziges Lächeln ab.
«Du hast doch nicht etwa Angst davor, mit mir allein zu sein?», Selma schien amüsiert.
«Nein, natürlich nicht», antwortete Joschi und riss sich zusammen: Mit einer Nachbarin etwas zu trinken, zumal einer, die Dora gut kannte, war kein Hintergehen. Abgesehen davon: Wenn er sich nachher schlafen legte, ohne für eine gewisse Bettschwere gesorgt zu haben, bestand die Gefahr, dass er die ganze Nacht wach liegen würde und schwermütig würde.
«Ich fress dich schon nicht auf. Es sei denn, du willst es», lachte Selma frech. Auf eine lockende Art und Weise.
Joschi wurde bei dem Gedanken rot. Selma war eine bildschöne Frau. Und er hatte schon seit über einem Jahr nicht mehr mit Dora geschlafen. Er wusste, dass er in seine eigene Wohnung gehen sollte und Selma Selma sein zu lassen hatte. Doch bevor Joschi sich regen konnte, legte sie den Arm um seine Schultern und flüsterte ihm ins Ohr: «Komm.»
Dabei bemerkte er, dass ihr Parfüm ihn an jenes von Hedy erinnerte.
Als Joschi vier Monate darauf an der Elfenbeinküste im Hafen von Abidjan ankam, erreichte ihn ein Telegramm von Dora: ‹Herzlichen Glückwunsch zum 42. Geburtstag. Liebe Dich. Vermisse Dich. PS : Selma und Jakov werden Eltern.›
«Ich dachte, wir sind hier am Meer», sagte Waltraut.
«Sind wir ja auch», antwortete Friedrich.
«Hier ist nur Matsch.»
«Das ist das Watt.»
«Und wo ist das Meer?»
«Das wird mit der Flut kommen. So ist das halt am Wattenmeer.»
Waltraut war das erste Mal seit dem Krieg von Bremen weg. Wie hatte sie sich auf den Ausflug nach Duhnen in Cuxhaven gefreut, und nun war das Wasser nicht da.
«Eis essen?», fragte Friedrich.
«Eis essen ist immer gut», sagte Waltraut.
Die beiden kauften sich an einer Kioskbude jeweils ein Domino – Vanille, oben mit Schoko, unten mit Waffel. Sie gingen damit die Promenade entlang und atmeten die Seeluft ein, die trotz Ebbe so viel reiner war als die in Bremen-Walle. In der Bremer Innenstadt konnte man sogar den fürchterlichen Malzgestank von Beck’s riechen, wenn der Wind falsch stand. Noch mehr als die Seeluft genoss Waltraut den Duft des Eau de Toilette, das sie Friedrich zu seinem 20. Geburtstag geschenkt hatte.
Während die beiden so über die Promenade schlenderten und Eis schleckten, berührten sich durch Zufall ihre Hände. Nur ganz kurz. Sie sahen sich an, lächelten verlegen und gingen weiter, ohne allerdings den Abstand zwischen sich zu vergrößern.
Natürlich berührten sich die Hände noch mal.
Diesmal absichtlich. Von Friedrichs Seite aus. Jedenfalls glaubte Waltraut das. So kurz hintereinander, das konnte doch kein Zufall sein. Falls doch, wäre es ein schöner gewesen.
Friedrich berührte sie ein drittes Mal «zufällig». Seine Finger strichen über die ihren. Sanft. Geradezu zärtlich. Einmal. Zweimal. Immer wieder.
Waltrauts Herz pochte. Sie nahm all ihren Mut zusammen, den einer Löwin, und …
… ergriff Friedrichs Hand.
So gingen Waltraut und Friedrich Händchen haltend die Promenade entlang. Ohne etwas zu sagen. Sie wagten es nicht einmal, sich anzusehen. Aber sie hielten sich fest. Und in der Ferne sah Waltraut das Meer.
Die beiden teilten sich ein Zelt, das Friedrich von seinem Zimmermannsmeister geliehen hatte. Ein zweites aufzutreiben, war ihnen nicht gelungen, und sie dachten, es wäre nichts dabei, zusammen in einem zu schlafen. Als Kinder hatten sie doch auch schon in einem Bett gelegen. Jetzt betteten sie sich unter Decken, und Friedrich erklärte ihr, wie die Gezeiten mit dem Mond zusammenhingen. Waltraut interessierte sich nicht für die Gezeiten, aber sie liebte es, seine Stimme zu hören und seinen Duft einzuatmen, der sie vergessen ließ, dass das Zelt etwas modrig roch. Friedrich hätte noch stundenlang so reden können, es wäre Waltraut nicht langweilig geworden.
Er erzählte jedoch nicht stundenlang. Stattdessen nahm er wieder ihre Hand. Waltraut ließ sich das gerne gefallen. Auch, dass er sich zu ihr rüber beugte und ihr einen vorsichtigen Kuss gab. Und noch einen. Und noch einen. Aber keinen vierten. Beide waren von den drei Küssen so überwältigt, dass sie erneut, ohne zu reden, dalagen und Händchen hielten. Erst nach einer Weile brach Friedrich das Schweigen: «Wollen wir draußen die Sterne betrachten?»
Er hätte Waltraut auch fragen können: «Wollen wir in den Wilden Westen reisen und uns dort den Indianern anschließen?» Sie hätte es getan.
Die beiden legten sich in das trockene Gras unter ihre Decken. Anstatt des muffigen Zelts rochen sie nun den intensiven Duft des Meeres, dessen Wellen gleichmäßig an Land spülten, und betrachteten den Halbmond und die Sterne. Friedrich erklärte, welcher Stern welcher war: Der Große Bär … die Venus … Dahinten, da müsste der Mars sein, den man jetzt aber nicht sieht …
Waltraut kuschelte sich an seine starke Brust. Das erste Mal, seitdem das kleine Haus, in dem die Familie Behrens gewohnt hatte, zerbombt worden war, fühlte sie sich wieder zu Hause.
«Der Kleine ist so hübsch», sagte Dora mit einer Mischung aus Verzückung und Wehmut. Joschi, Dora, Selma und Jakov standen mit Sektgläsern in der Hand im Schlafzimmer der Nachbarn. Neben der Wiege war das mit bunten orientalischen Decken belegte Bett – Selma hatte einen extravaganten Geschmack –, in dem Joschi vor etwas über neun Monaten mit ihr gelegen hatte. Die vier betrachteten den Säugling, der ein kleines Büschel schwarzer Haare auf seinem Köpfchen trug und mit offenen, glasigen Augen ganz ruhig dalag.
Seit Monaten versuchte Joschi sich selbst davon zu überzeugen, dass Selmas Kind in keinem Falle von ihm sein konnte. Zum einem hatte er zwar nur schwache Erinnerungen an die alkoholselige Nacht, meinte aber zu wissen, dass er ein Kondom benutzt hatte, auch wenn er sich nicht ganz sicher war, ob es korrekt angelegt wurde. Zum anderen wäre es ein Fluch Gottes – vielleicht eine Strafe, weil er von ihm nichts hielt? –, wenn er ausgerechnet bei dem ersten und einzigen Mal mit Selma ein Kind gezeugt hätte, obwohl es ihm in all den Jahren mit Dora nicht gelungen war.
Seiner Frau hatte Joschi nie von der Nacht erzählt. Die Gefahr war zu groß, sie zu verlieren und wieder allein auf der Welt zu sein.
Mit Selma hatte er ebenfalls nie über die Nacht gesprochen, und sie hatte ihn bei seinem Heimaturlaub, als sie im sechsten Monat schwanger gewesen war, auch nicht darauf angesprochen. Dass sie es nicht getan hatte, sprach ebenfalls dafür, dass der Kleine nicht sein Sohn war.
«Wie nennt ihr ihn denn nun?», fragte Dora.
«Josef war meine erste Wahl», antwortete Selma.
«Nach Joschi?», staunte Dora.
Joschis Magen zog sich zusammen.
«Nach dem Josef in der Bibel.»
Das ließ Joschi sich nicht besser fühlen.
«Aber das», lächelte Selma ihn direkt an, «ging ja jetzt nicht mehr.»
Warum grinste Selma ihn so an, fragte sich Joschi. Wollte sie mit ihm spielen? Und mit dem Herzen von Dora und dem ihres Mannes? Sie war exzentrisch, aber war ihr so etwas zuzutrauen?
«Warum ging der Name nicht mehr?», fragte Dora arglos. Sie schien nicht zu merken, dass Joschi der beißende Angstschweiß aus den Poren trat, wie bisher nur in dem grünen Heinrich in Wien und während des Unabhängigkeitskriegs.
«Weil Jakov mir gesagt hat, dass er ihn unbedingt nach seinem Vater Abraham nennen will. Stimmt’s, Jakov?»
«Ja», bestätigte Jakov knapp. Wäre eine knappere Antwort als ‹Ja› möglich gewesen, hätte der hagere zurückhaltende Mann diese gewählt.
Unter normalen Umständen hätte Joschi seine Ansicht zum Besten gegeben, dass Abraham kein guter Name für ein Kind war, würde der Kleine doch schon von Anfang an alt wirken. Auch hätte er sich darüber mokiert, dass Abraham aus der Bibel ein Irrer gewesen war. Nur weil der alte Knacker eine Stimme gehört hatte, die ihm sagte, er solle sein Kind opfern, hätte er beinahe seinen Sohn mit einem Messer geschlachtet. Das klang seines Erachtens nicht nach geistiger Gesundheit.
Aber Joschi sagte nichts von alledem. Er sah zu Boden und versuchte sich in Gedanken zu beruhigen: Es ist nicht von mir, es ist nicht von mir, es ist nicht von mir …
«Hast du was, Joschi?», fragte Selma lachend.
Hatte er seine Gedanken etwa laut gebrabbelt?
«Willst du nicht auf den Kleinen anstoßen?»
Er blickte auf und sah erst jetzt, dass die anderen drei ihr Glas erhoben hatten. Er tat es ihnen gleich.
«Auf Abraham!», sagte Selma.
«Auf Abraham», wiederholte Dora freudig, Jakov knapp und Joschi mit leicht brüchiger Stimme. Die vier stießen an und tranken den Sekt. Joschi sehnte sich nach etwas Härterem.
«Er hat wirklich Ähnlichkeit mit Jakov», sagte Dora.
Joschi erleichterte es ungemein, das zu hören.
«Findest du?», sagte Selma. «Ich finde, er schlägt mehr nach mir.»
Solange der Junge nicht nach ihm geriet, dachte sich Joschi, sollte ihm alles recht sein.
«Die Augen», fand Dora, «erinnern mich aber an Jakov.»
«Nein, da ist gar keine Ähnlichkeit», lachte Selma. «Die sehen dann schon eher aus wie die von Joschi.»
Joschi traf dieser Satz. Weshalb sagte Selma das? Um ihm etwas mitzuteilen? Oder ihn zu ärgern, dass das Kind seines hätte sein können, obwohl es das nicht war? Dieser Frau war alles zuzutrauen.
Er sah sich das Baby genauer an. Die Augen … Sahen sie nicht aus wie die von Papa Israel? … Also wie seine? … Ja? … Nein? …
Der Angstschweiß sammelte sich in seinem Nacken.
Dora beugte sich über das Baby.
Joschi hoffte, dass seine Frau wiederholte, die Augen wären wie die von Jakov. Doch sie sagte nur: «Mit ganz viel Fantasie gibt es da eine Ähnlichkeit.» Dora klang dabei, als ob ihr gar nicht der Gedanke kam, das Kind könnte von ihm sein. Dennoch wurde Joschi übel.
«Aber sie sind», fuhr Dora fort, «viel mehr wie Jakovs.»
Sagte sie es, um sich das selbst einzureden? Oder ihr und sein Gesicht zu wahren? Oder hegte sie wirklich keinen Verdacht? Trotz allem, was Dora während des Krieges widerfahren war, war sie kein Mensch, der überall Täuschung und Verrat witterte.
«Nun», sagte Selma und blickte dabei Joschi an, «das ist nun mal auch Jakovs Sohn.»
In Joschis Ohren klang das demonstrativ: Komm bloß auf keinen anderen Gedanken.
Was auch immer die Wahrheit über die gemeinsame Nacht war, dieses Kind würde nie das seine sein. Diese Erkenntnis machte Joschi weder traurig noch erleichterte sie ihn. Mit einem Mal war er sehr erschöpft.
Joschi und Dora lagen bereits seit über einer Stunde mit geschlossenen Augen nebeneinander in ihrem Bett, ohne in den Schlaf zu finden. Joschi war müde und aufgewühlt zugleich. Er konnte das Bild des kleinen Abraham nicht aus seinen Gedanken vertreiben. Und er musste an Hedys und sein Ungeborenes denken. Jenes Kind, das Joschi, wäre es als Junge auf die Welt gekommen, Henoch genannt hätte und als Mädchen Rosl. Es wäre nun schon 17 Jahre alt.
«Alles in Ordnung?», fragte Dora, der Joschi nie von Hedy oder der Schwangerschaft erzählt hatte.
«Ja, ist wohl der Sekt, der in mir rumort», log Joschi. «Warum schläfst du nicht?»
«Es ist so ungerecht.»
«Was ist ungerecht?», fragte Joschi.
«Warum dürfen Selma und Jakov ein Kind haben und wir nicht?»
Einerseits war Joschi erleichtert, da nun gewiss war, dass Dora keinerlei Verdacht schöpfte. Sonst hätte sie ihn spätestens jetzt ausgesprochen oder zumindest angedeutet. Zum anderen tat es ihm weh, seine Frau leiden zu sehen. Aufrichtig sagte er: «Du wärst eine so viel bessere Mutter als Selma.»
«Kunststück», sagte Dora, «selbst du wärst eine bessere Mutter als Selma.»
Joschi musste lachen. Je länger er mit Dora verheiratet war, desto mehr näherte sich ihr Humor seinem an. Er sah, wie sie lächelte. Trotz des Schmerzes. Beschienen vom Licht der Straßenlaterne gegenüber, das durch das Fenster fiel. Sie sah so schön aus wie noch nie. Und er sagte: «Du wärst wirklich eine wunderbare Mutter.»
«Vielleicht.»
«Ganz sicher.»
«Nur hat Selma ein Kind und ich nicht.»
Joschi atmete aus.
Er küsste ihre Stirn.
Danach lagen sie eine Weile da. Schweigend. Bis sie leise fragte: «Wollen wir es noch einmal versuchen?»
«Ja», antwortete Joschi aus tiefstem Herzen.
Und so liebten sie sich das erste Mal seit langer Zeit.
Voller verzweifelter Hoffnung.
«Du bist schwanger», erklärte der alte Frauenarzt mit den kalten Augen. Waltraut saß auf dem schäbigen Stuhl vor seinem nicht minder schäbigen Schreibtisch. Die Praxis war nicht ausgebombt worden, und der Arzt hatte sie nie erneuert, im Gegensatz zu dem jungen HNO -Arzt, zu dem Waltraut immer ging, wenn ihre Nebenhöhlen verstopft waren. Der hatte die von seinem Vater übernommenen Räume modern eingerichtet. Waltraut verstand, warum so viele junge Frauen Arzthelferinnen werden wollten. Sie hofften, so einen feschen Kerl zu heiraten und in der Gesellschaft aufzusteigen. Waltraut aber hatte mit Friedrich ihre Liebe gefunden, für kein Geld der Welt würde sie mit einer Arztfrau tauschen wollen.
«Hast du gehört, was ich gesagt habe?», fragte der Frauenarzt.
In der Nacht am Meer hatten Waltraut und Friedrich nicht miteinander geschlafen. Aber danach in jeder weiteren Nacht, in der sie zusammenlagen. Selbstverständlich blieb dies im Eisenbahnwagen nicht verborgen. Mama hatte zu Waltraut gesagt, sie solle heiraten. Vielleicht wäre dies sogar auf dem Schloss des Großvaters möglich. Waltraut hatte nur abgewunken. Für eine Hochzeit fand sie sich zu jung, für die Geschichten ihrer Mutter schon seit Jahren zu alt. Zu alt sogar, um sich noch über das Gerede von der adeligen Herkunft zu ärgern.
«Du bist schwanger», wiederholte der alte Mann, als ob sie schwerhörig war. Sie war es nicht. Sie wusste nur nicht, was sie fühlen sollte.
«Komm mir nur nicht auf dumme Gedanken.»
Dumme Gedanken? Wovon redete er?
«Ich stehe für so was nicht zur Verfügung.»
Für was?
«Ich mache keine Abtreibungen.»
«Abtreibungen?»
«Ich seh doch, dass du dich nicht freust. Und du bist nicht verheiratet und noch minderjährig. Wie willst du denn für ein Kind sorgen, das in Schande geboren wird?»
Waltraut schluckte.
«Du bist nicht das erste unverheiratete junge Ding, das ungewollt schwanger wird. Aber zu mir musst du nicht kommen. Kinder wegzumachen, ist illegal.»
Waltraut wollte nie wieder etwas Illegales machen. Nie wieder ins Gefängnis gehen.
«Aber ich habe einen Freund, der das macht. Er ist nicht durch die Entnazifizierung gekommen und darf nicht mehr praktizieren. Das hat ihn kaputtgemacht. Er verdient sich Geld mit Diensten an jungen Dingern wie dir. Hier, ich schreibe dir seine Adresse auf.»
Der Arzt nahm seinen Block und kritzelte hastig etwas auf ein Blatt, riss es ab und wollte es Waltraut reichen. Doch sie ließ seinen Arm in der Luft baumeln und dachte stattdessen nach. Nicht über die Prozedur, die wollte sie sich nicht ausmalen, es war schon unangenehm genug gewesen, bei diesem Mann auf dem Frauenarztstuhl zu liegen und sich von ihm anfassen zu lassen. Sie dachte darüber nach, was er da vorschlug: ein ungeborenes Kind zu töten. Ihr Kind.
In Waltraut erwachte der Zorn.
Der Beschützerinstinkt der Löwin.
Und mit einem Male wurde ihr klar: Egal, was auch geschah, sie würde ihr Kind bis an ihr Lebensende verteidigen.
Waltraut stand auf, nahm das Blatt entgegen, zerknüllte es und warf es dem Arzt ins Gesicht. Energisch ging sie, ohne ein Wort zu sagen, aus der Praxis, die viel befahrene Waller Heerstraße entlang, bis sie an einer roten Ampel zum Stehen kam. Beim Warten auf Grün legte sie eine Hand auf den Bauch. In ihm wuchs Leben. Waltraut verspürte mit einem Male das Glück einer werdenden Mutter. Es war so überwältigend, dass sie auch noch stehen blieb und es genoss, als die Ampel schon lange auf Grün umgesprungen war.
Nach dem ersten Glück bekam Waltraut Angst, wie Friedrich auf die Nachricht reagieren würde. Obwohl er bei ihr lebte und, das wusste sie nun, wegen ihr nach Bremen gezogen war, schien es ihr unwahrscheinlich, dass er sich über die Schwangerschaft so freuen würde wie sie. Zum einen würde es eine große Verantwortung bedeuten, mit dem wenigen Geld, das er verdiente, ein Kind großzuziehen. Sie selbst würde für eine Weile keines beisteuern können, müsste sie doch bei Karstadt aufhören, um sich um das Kleine zu kümmern. Und zum anderen würde es für Friedrich bedeuten, dass er seinen Traum, die Welt zu bereisen, aufgeben müsste.
Würde er sie verlassen? Oder bitten, das Kind abzutreiben? Und was von beidem wäre schlimmer?
«Du hast was», stellte Friedrich fest, als er von der Arbeit heimkam und sie auf dem Dach des Eisenbahnwaggons saß.
«Wie kommst du darauf?», versuchte sie mehr schlecht als recht abzuwiegeln.
«Du hast seit Ewigkeiten nicht mehr da oben gesessen.»
«Mir gefällt es hier.»
«Was ist los?», fragte er zu ihr hoch.
«Nichts.»
«Weißt du noch, wie wir vor fünf Wochen im Kino waren?»
«In ‹Sissi, die junge Kaiserin›? Als du eingeschlafen bist?»
«Ich hab den ganzen Tag in der Hitze Holzbalken geschleppt», verteidigte sich Friedrich.
«Und dich beim Film zu Tode gelangweilt.»
«Und mich beim Film zu Tode gelangweilt.»
Waltraut musste lächeln. Es war süß gewesen, wie Friedrich seinen Kopf auf ihre Schulter gelegt und dabei ganz leise geschnarcht hatte. Sie hatte eindeutig den süßeren Kerl abbekommen als Romy Schneider im Film.
«Ich meine ‹Pinocchio›», sagte er.
«‹Pinocchio›?», staunte Waltraut.
«In ‹Sissi› waren wir vor zwei Monaten im Ufa-Kino und vor fünf Wochen in dem Zeichentrickfilm im Europa-Kino.»
«Und?», Waltraut verstand nicht, worauf er hinauswollte, erinnerte sich aber an den Kino-Besuch, bei dem sie zum ersten Mal im Rang auf dem Balkon gesessen hatte.
«Dir wächst vor lauter Lügen gleich eine lange Nase wie Pinocchio.»
Waltraut begann zu zittern.
«Also, was ist los?»
Sie rang mit sich. Irgendwann musste Friedrich ja die Wahrheit erfahren. Besser, es gleich hinter sich zu bringen. Gleich zu hören, dass er sie verlassen würde oder dass sie abtreiben sollte, was sie nicht übers Herz bringen würde. Aber ein Leben ohne ihn konnte sie sich genauso wenig vorstellen.
Friedrich stand vor ihr unten am Waggon und lächelte sie lieb an.
«Ich bin …», hob sie mit zittriger Stimme an, hörte aber gleich wieder auf zu reden.
«Wunderschön?», machte er ihr ein Kompliment.
Waltraut musste trotz des Zitterns lachen.
«Wunderbar?»
Jetzt kamen ihr die Tränen.
«Was bist du?», fragte Friedrich nun so rührend besorgt, dass Waltraut sich vorstellen konnte, er könnte bei ihr bleiben und gemeinsam mit ihr das Kind aufziehen. Leise wagte sie daher zu sagen: «Schwanger.»
«Was?», Friedrich war verblüfft.
«Schwanger», sagte sie noch leiser.
Er hatte es schon beim ersten Mal gehört. Und antwortete nicht. Starrte nur hoch zu ihr.
Waltraut konnte es kaum ertragen, zitterte am ganzen Körper, als habe sie Schüttelfrost.
«Bitte», sagte sie, «sag was.»
Besser, jetzt zu hören, dass alles aus war, als noch eine Sekunde länger darauf zu warten.
Friedrich schaute Waltraut nur an.
«Sag was», flehte sie.
Er schluckte.
«Bitte …»
«Gut, ich sage etwas.»
Waltraut schloss die Augen, als ob sie so vermeiden könnte, es zu hören.
«Waltraut», sagte Friedrich, «willst du meine Frau werden?»
Sie öffnete die Augen wieder und sah, wie Friedrich vor dem Waggon auf sein rechtes Knie ging und ihr einen Ring entgegenstreckte.
Dora wurde nicht schwanger. Natürlich nicht. Und sie wimmerte wieder im Schlaf. Mit jeder Nacht mehr. Die furchtbaren Träume waren zurück. Mit aller Macht. Und wenn er jetzt versuchte, ihren Schmerz zu lindern, gelang es ihm nicht mehr. Weil die Liebe zwischen ihnen von Tag zu Tag schwächer wurde?
Der schönste Tag im Leben – das sollte die Hochzeit sein, hatte Waltraut immer gehört, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was das genau bedeutete. Jetzt bekam sie die.
Im altehrwürdigen Standesamt gegenüber dem Bürgerpark streifte ihr Friedrich jenen blattvergoldeten Ring über, den er schon Wochen vor seinem Antrag gekauft hatte. Waltraut sah wunderschön aus in ihrem weißen, schlichten und den leichten Bauch kaschierenden Kleid, das sie sich bei Karstadt lediglich geliehen hatte. Frau Siegen hatte den Abteilungsleiter der Damenmode beschwatzt, das hochwertige Stück herauszugeben, und dem Mann sogar geschworen, dass sie höchstpersönlich für die Reinigung sorgen und das Kleid dann immer noch wie neu aussehen würde. Niemand würde je etwas von der Leihgabe erfahren. Schon gar nicht der Kaufhausdirektor, der ohnehin nur in die Damenmode-Abteilung kam, wenn er mal wieder einer Frau aus der feinen Bremer Gesellschaft höchstpersönlich die Ehre erwies.
Gemeinsam mit Waltrauts Eltern, den Trauzeugen (Klaus für Friedrich und Zopf-Inge für Waltraut), Klaus’ Ehefrau Dagmar, Frau Siegen, 32 sowie Friedrichs Mutter Brigitte und deren neuem Ehemann, einem älteren Finanzbeamten namens Georg – «Ihr könnt mich Schorse nennen» –, wurde anschließend mit Sekt auf den hohen Treppen angestoßen. Die Stimmung war ausgelassen. Papa Hinrich ließ sich sogar dazu hinreißen, seine Tochter zu umarmen. Das verblüffte Waltraut fast so sehr wie die Tatsache, dass sie die Umarmung wohlig fand. Danach nahm Hinrich sie ein wenig zur Seite und erklärte: «Es wird Zeit, dass wir alle in eine Wohnung ziehen. Ein Waggon ist kein Platz für einen Säugling.»
«Ich dachte, dafür fehlt das Geld.»
«Die Gewerkschaften haben gute Lohnerhöhungen rausgeholt, und zusammen mit Friedrichs Geld können wir uns eine schöne Gelegenheit leisten, die sich mir bietet. Mein Meister zieht in der Rüstringer Straße auf der Fläche seines zerbombten Elternhauses ein neues Haus mit sechs Wohnungen hoch. Er würde uns bei der Miete entgegenkommen, wenn Friedrich, Klaus und ich nach Feierabend beim Bau helfen.»
Waltraut strahlte. Endlich würden sie aus dem Waggon rauskommen. Konnte der Tag noch schöner werden?
Er konnte.
Vor dem Wagen grillte Papa die leckersten Würstchen der Welt. Mama machte ihr neues Kofferradio an, es ertönte die Hansawelle von Radio Bremen mit einem schwungvollen Lied von Caterina Valente: ‹O Mama, O Mama, O Mamajo›. Erst tanzten Brigitte und ihr Schorse, der dafür extra seine Anzugsjacke ablegte, die gewiss mehr gekostet hatte als die Anzüge von Friedrich, Papa und Klaus zusammen. Gleich darauf zog Papa seine Henriette vom Stuhl und wog sie in seinen Armen hin und her. So hatte Waltraut ihre Eltern bisher noch nie gesehen. Schließlich tanzten alle – Klaus mit seiner Dagmar, sogar Frau Siegen mit dem ungelenken 32. Nur Friedrich und Waltraut nicht, die auf den Treppenstufen des Waggons saßen und sich das Treiben betrachteten. Die beiden hatten, im Gegensatz zu den anderen, niemals eine Tanzschule von innen gesehen. Selbst Klaus war von Dagmar in die Tanzschule Schipfer-Hausa geschleppt worden, wo man auch feines Benehmen lernte. Nicht, dass bei Klaus viel davon hängen geblieben war. Doch während Caterina Valente die Laute ‹Ole olehehu, ole, olaho› sang, nahm Friedrich seinen Mut zusammen und fragte seine frisch Angetraute: «Tanzt du mit mir?»
«Das haben wir doch noch nie gemacht.»
«Wir haben auch nie geheiratet», lächelte Friedrich, stand auf und zog seine Braut hoch. Anfangs versuchten die beiden, sich nur gegenseitig hin und her zu wiegen. Mit klassischem Tanzen hatte es wenig zu tun, aber nach und nach wurden sie lockerer, beschwingter. Und als eine Stunde später Vico Torriani ‹Ananas aus Caracas› schmetterte, tanzte das Hochzeitspaar beklatscht von den Feierenden ausgelassen auf dem Schotter vor dem Eisenbahnwagen. Waltraut tanzte dabei so elegant, dass Schorse rief: «Menschenskind, du bist ja ein Naturtalent!», und sie davon zu träumen begann, gemeinsam mit Friedrich einen Tanzkurs bei Schipfer-Hausa zu belegen.
Als Freddy Quinn im Radio Vico Torriani mit dem Lied ‹Heimweh› ablöste und melancholisch von ‹brennend heißem Wüstensand› und ‹viele Jahre schwerer Fron›, aber auch von ‹goldenen Sternen› und ‹Liebe in der Ferne› sang, lagen sich Waltraut und Friedrich eng in den Armen. Und als Freddy Quinns Chor ‹So schön, schön war die Zeit› trällerte, sagte Friedrich leise zu Waltraut: «Ich liebe dich.»
Der schönste Tag im Leben.
Nach dem schönsten Tag folgt im Leben die Hochzeitsnacht. Vor der hatte Waltraut gehörigen Bammel. Friedrich und sie hatten sehr oft miteinander geschlafen, er war unersättlich, und sie, bis sie schwanger geworden war, ebenfalls. Doch auf so einer Hochzeitsnacht lag für Waltraut ein ganz besonderer Druck. Musste diese Nacht, in der eine Braut normalerweise entjungfert wird, nicht besonders schön werden?
Waltraut zog sich ihr Kleid aus und krabbelte zu Friedrich, der bereits in Unterhose in dem gemeinsamen Bett lag. Er wirkte müde. Und er war … irgendwie … bleich im Gesicht? Nein, das war nur das Licht. Eine einzelne Wolke hatte sich vor den Mond gezogen. Waltraut kuschelte sich an ihn, in der Erwartung, dass er das Vorspiel beginnen würde, indem er ihr, so wie immer, zuerst den Nacken küsste. Friedrich tat es nicht. Verspürte er etwa auch einen Druck in dieser besonderen Nacht? Das würde doch gar nicht zu ihm passen. Waltraut wartete darauf, dass Friedrich etwas tat oder wenigstens etwas sagte. Er tat nichts. Bis er leicht stöhnte.
«Was ist?», fragte Waltraut besorgt.
«Nichts, nichts.»
«Du hast was», wusste sie, ohne zu wissen, was genau er hatte.
«Kopfweh.»
Seit Friedrich in Bremen war, hatte ihm noch nie etwas wehgetan. Er war nie krank gewesen, hatte nicht mal einen leichten Schnupfen gehabt.
«Ist wohl der Sekt. Oder das viele Bier.»
«Oder die Mischung.»
«Mit dem Korn?», lachte Friedrich, doch da durchzuckte ihn wieder ein Kopfschmerz: «Au.»
Waltraut fühlte seine Stirn: «Kein Fieber.»
«Von Alkohol bekommt man auch keins», lächelte er und fragte dann: «Was dagegen, wenn wir heute einfach nur so daliegen?»
«Nein», erwiderte Waltraut das Lächeln. Dass sie sogar ein wenig erleichtert war, verschwieg sie ihm. Sie schaute aus dem Fenster, während Friedrich die Augen schloss. Er stöhnte noch das ein oder andere Mal leise, bevor er einschlief. Und sie dachte sich: Der arme Kerl wird morgen einen ganz schönen Kater haben.
Joschi saß im Zug von Hamburg nach Düsseldorf. Erstmals hatte er mit einem Schiff in einem deutschen Hafen angelegt und wollte seine Schwester besuchen. Immer wenn der Zug in eine Stadt ein- oder ausfuhr – Osnabrück, Dortmund, Essen –, sah Joschi, dass wie wild gebaut wurde. Werbetafeln hingen in den wieder aufgebauten Bahnhöfen, Reisende trugen zum großen Teil gute Kleidung, und nichts, rein gar nichts war davon zu sehen oder auch nur zu spüren, dass hier einst Juden abgeschlachtet worden waren. Die Deutschen wurden sogar von der wunderbareren Mai-Sonne beschienen, als hätten sie diese verdient und nicht dauerhaften Sturm, Hagel und Feuerwalzen.
Ob es in Wien auch so aussah?
Wohl nicht. Die Österreicher waren ja fauler als die Deutschen. Nur nicht, als es darum ging, Juden zu töten.
Bei jedem Fahrgast, der sich zu ihm ins Abteil setzte, fragte Joschi sich, ob er Blut an den Händen hatte. Insbesondere bei den Männern, die etwa sein Alter waren. Bei einem war er fest davon überzeugt, dass er ein Vollblutnazi gewesen war, sah der blonde Hüne mit Seitenscheitel doch so aus, wie Hitler sich Arier vorgestellt hatte. Fehlte nur noch, dass der Kerl eine Uniform trug statt eines grauen Anzugs. Aber auch bei älteren Herrschaften galt die Schuldvermutung. Irgendwer musste ja in den Amtsstuben die Transporte organisiert haben. Frauen waren für Joschi potenzielle ehemalige KZ -Wärterinnen. Bei so gut wie jeder, die am Abteil vorbei zur Toilette oder zum Ausgang ging, schossen ihm die Erinnerungen an den Heldenplatz durch den Kopf. Wie die Frauen dort Hitler zugejubelt hatten, entschlossen, auf seinen Befehl hin andere Menschen in Stücke zu reißen …
Zur Ablenkung las Joschi in der ‹Frankfurter Allgemeinen Zeitung›, die er sich am Hamburger Bahnhof gekauft hatte: Adenauer hält in Bonn eine Rede über die Bundeswehr, Herberger verliert mit der Nationalmannschaft in Stuttgart 1:3 gegen Schottland, Gründgens stellt seine Ideen für die Zukunft des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg vor. Kein einziger Jude in der Zeitung, und Nazis durften sogar Theater leiten. Wie konnte Rosl nur in diesem Land leben?
«Gabriele?», fragte Waltraut fassungslos, als sie mit Friedrich auf jenem Gleis stand, auf dem gleich der Zug nach Essen einfahren sollte.
«Das ist ein wunderbarer Name für eine Tochter.»
«Nein, ist es nicht», widersprach Waltraut vehement.
«Ich finde ihn …», Friedrich hielt kurz inne, machte die Augen zu und sprach dann lächelnd weiter, «einfach großartig.»
In den letzten Wochen hatte er es zur Meisterschaft gebracht, seine immer häufigeren Kopfschmerz-Attacken mit Augenschließen und anschließendem Lächeln zu kaschieren. Mal hielt er die Augen länger geschlossen, mal, wie eben, kürzer. Waltraut hatte sich abgewöhnt, Friedrich zu raten, einen Arzt aufzusuchen. Er hörte doch nicht auf sie. Seiner Meinung nach kamen die Kopfschmerzen daher, dass er schon seit Monaten auf einer unfassbar lauten Großbaustelle arbeitete und anschließend noch mit Hinrich und Klaus an dem Bau des neuen Zuhauses rackerte. Vielleicht war auch irgendetwas in der Farbe für die Außenfassade, die Hinrich von der Werft hatte mitgehen lassen. Und seine Appetitlosigkeit der letzten Wochen führte Friedrich auf die Kanalarbeiten in der Nähe der Großbaustelle zurück, der Gestank war unerträglich. Waltrauts Mama meinte, der liebe Junge bräuchte nur mal Urlaub. Ihre eigenen Beschwerden waren doch vor einigen Jahren auch vergangen, nachdem sie aufgehört hatte zu arbeiten. Und Waltrauts Vater Hinrich lachte nur: «Du musst besser kochen, Traudel, dann wird er auch wieder zunehmen.»
«Welchen Namen willst du denn?», fragte Friedrich.
«Mama würde sich Karla wünschen», antwortete Waltraut.
«Wir sollen unser Kind nach deiner als Säugling verstorbenen Schwester nennen? Bringt das nicht Unglück?»
Das befürchtete Waltraut auch. Aber Mama wünschte es sich so sehr. Wären nicht alle Fotos von der kleinen Karla im Krieg verbrannt worden, hätte sie sich ihre «große» Schwester wenigstens mal betrachten können, um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, ob sie eine eigene Tochter nach ihr benennen mochte.
«Ich sag dir was», schlug Friedrich vor, laut, weil die Einfahrt des Zuges angesagt wurde, «ich darf mir den Namen aussuchen, wenn es ein Mädchen wird. Dann nennen wir sie Gabriele.»
«Wie kommst du nur auf den Namen?», rief Waltraut.
«Keine Ahnung. Fand ich schon als Kind schön», rief Friedrich noch lauter. Da die Zugdurchsage schon währenddessen zu Ende ging, sahen sich einige Leute auf dem Gleis kurz nach den beiden um.
«Puh», stieß Waltraut aus.
«Und wenn es ein Sohn wird, darfst du dir den Namen aussuchen.»
Der Zug fuhr neben ihnen ein. Gleich würde Friedrich einsteigen, um zu seiner Mutter und Schorse zu fahren. Waltraut reiste nicht mit. Sie hatte schon seit dem sechsten Monat immer wieder mal Unterleibsschmerzen – das lange Stehen am Verkaufstresen tat ihr nicht gut –, und der neue Frauenarzt hatte ihr geraten, sich mehr zu schonen. Zum Abschied wollte Waltraut sich nicht mit ihrem Mann – es erfüllte sie stets mit Stolz, von Friedrich als ‹mein Mann› zu sprechen – über Namen kabbeln, aber sie wollte seinem Vorschlag auch nicht zustimmen.
«Du musst», sagte Friedrich, «mir nur eins versprechen.»
«Und was?»
«Wenn’s wirklich ein Junge wird, darfst du ihn nicht Schorse nennen.»
Waltraut musste lachen. Hinter ihnen öffneten sich die Zugtüren, die Passagiere strömten auf den Bahnsteig. Friedrich umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Dann sagte er: «Ich bin Dienstag wieder da», und Waltraut freute sich schon jetzt darauf. Er stieg ein. Waltraut sah ihm nach, aber er war sogleich zwischen all den Leuten, die in die Abteile strömten, verschwunden. Kurz darauf fuhr der Zug ab. Waltraut dachte, dass es schön war, Wagen zu sehen, die ihrem ursprünglichen Zweck folgten, anstatt seit 13 Jahren auf Gleisen zu stehen, und machte sich auf den Weg die Treppen herunter, durch den Bahnhof, hinaus in Richtung Haltestelle der Straßenbahn Linie 2 nach Walle. Dabei bemerkte sie, wie einige Passanten ihren kugelrunden Bauch anschauten. Sie schob ihn stolz ein wenig weiter nach vorn. Jeder konnte und sollte sehen, dass sie schwanger war. Sie war so glücklich darüber, trotz der gelegentlichen Schmerzen. In ihrem Bauch wuchs das Kind von ihr und ihrem Mann, da war es doch egal, wie es heißen würde, egal ob Gabriele, Karla oder Schorse.
Als Joschis Schwester die Tür zu der schönen Wohnung mit den hohen Decken öffnete – kein Safier und kein Klapholz hatte bisher so herrschaftlich gewohnt –, sah sie kleiner und älter aus, als er sie in Erinnerung hatte.
«Steht dir, die Uniform», sagte Rosl, und für einen Moment musste Joschi an Selma denken, die ihn an dem Abend, als er Dora betrog, mit den gleichen Worten begrüßt hatte. Er verdrängte das Schuldgefühl mit aller Macht und umarmte seine Schwester, ohne etwas zu sagen. Sie fühlte sich zarter an als früher, zerbrechlicher. Auch ihre Umarmung war nicht so fest wie einst.
«Komm herein», sagte Rosl und löste sich von ihm. Die nächsten zwanzig Minuten führte sie ihn durch die Wohnung, als wäre sie eine Maklerin, und zeigte ihm, wie schön sie die mit modernen Möbeln und alten Bildern eingerichtet hatte. Sogar Silberbesteck besaß sie, das sie neben die Porzellanteller auf den Esstisch aus Eiche legte.
Joschi machte der Anblick traurig. Egal wie sehr sich Rosl anstrengen mochte, in der Wohnung würde es nie auch nur ansatzweise so geschmackvoll aussehen wie in der von Hedys Eltern. Charlie verdiente zwar sehr gutes Geld, aber nicht so viel, wie für eine hochherrschaftliche Einrichtung nötig war. Außerdem würden Leute aus Verhältnissen wie Rosl und Joschi – gemessen an Hedys und Charlies Familien waren die Safiers arme Schlucker gewesen, gemessen an den Juden, die in Bretterbuden am Prater hatten hausen müssen, hingegen Könige mit einem Klo auf dem Gang – nie einen so feinen Geschmack entwickeln wie Menschen, die schon seit Generationen wohlhabend waren.
Noch mehr betrübte ihn, dass Rosl, die Schauspielerin, die Hagana-Offizierin, die Strahlende, sich nur noch Gedanken über Einrichtung machte.
Sie trug Essen auf, Schnitzel mit Salzkartoffeln. Leider konnte Rosl in etwa so gut kochen wie Joschi mit fünfzehn Keulen jonglieren. Das Fleisch war an vielen Stellen verbrannt, die Kartoffeln hingegen noch nicht durch. Wenn er seiner Schwester jetzt sagte, dass sie in Hinblick auf ihre Kochkünste Ähnlichkeit mit ihrer Mutter aufwies, würde sie gewiss beleidigt sein. Das Risiko wollte Joschi nicht eingehen. Er hatte sich fest vorgenommen, die vier Stunden, die er mit ihr in Düsseldorf hatte, bevor er den Nachtzug zurück nach Hamburg nehmen musste, ohne Streit zu verbringen.
«Charlie schafft es nicht heute Abend», sagte Rosl. «Er muss noch länger in Amsterdam bleiben. Er hat da ein Gespräch mit einem wichtigen Kunden.»
Und bestimmt auch besseres Essen, hätte Joschi beinahe ergänzt. Er war froh, dass er mit seiner Schwester allein war. Es wäre ihm zuwider, über das Grab der Eltern, das Rosl in Wien neu angelegt hatte, in Anwesenheit anderer zu sprechen. Die Geschwister waren die Einzigen, die Mama Scheindel und Papa Israel noch gekannt hatten. Die Erinnerungen an sie gehörten nur ihnen, und Joschi wollte sie mit niemandem teilen. Auch nicht mit Charlie, dessen Erinnerungen an seine Eltern wiederum er nicht teilen wollte. Jeder hatte seine eigenen Toten, und so sollte es bleiben.
«Wie war es in Wien?», fragte Joschi.
«Iss erst mal auf», antwortete Rosl und legte ihm zu allem Überfluss noch ihre halbe Portion auf den Teller. Weil er nicht streiten wollte, kämpfte er sich durch, spülte besonders verbrannte Stücke mit ordentlich Rotwein herunter und hörte sich von Rosl Geschichten aus der Jüdischen Gemeinde von Düsseldorf an: Der Herzchirurg aus dem Vorstand hat ihr besonders hübsche Komplimente gemacht, während der Zahnarzt, dessen Ehefrau oft neben ihr im Gottesdienst saß, sie links liegen ließ. Beide Männer waren übrigens in Treblinka gewesen.
So wie der kleine Bruder von Jakov. Hedy und ihre Familie.
Dass Rosl die Gemeinde besuchte, da war sich Joschi sicher, lag nicht daran, dass sie plötzlich religiös geworden war. Wo sonst sollte sie Gesellschaft finden? Etwa unter Deutschen?
Nachdem Joschi tapfer alles aufgegessen und bei der Frage nach Nachschlag beinahe aufgestöhnt hatte, aber gerade noch ein «Es war köstlich, aber ich bin pappsatt» hinbekam, setzten die beiden sich nebeneinander auf das unbequeme, dafür aber gewiss teure Wohnzimmersofa und tranken Sherry. Ein Gesöff, das Rosl in Düsseldorf lieben gelernt hatte.
«Ich habe Mamas Namen auf den Stein von Papa einmeißeln lassen», erklärte sie.
Mama Scheindels Leichnam war im Gegensatz zur Asche von Papa Israel nie nach Wien überführt worden. Wo immer die Gebeine auch waren, sie verrotteten anonym.
«Und ich habe für den Grabstein eine sehr schöne Stelle auf dem Zentralfriedhof gefunden.»
Joschi fragte sich, ob er das Grab je besuchen würde, ob er die Kraft besäße, nach Wien zu fahren, wo ihm doch Düsseldorf schon so auf den Magen schlug.
«Wie», fragte er, «ist es in Wien?»
«Ich habe darüber ein Gedicht geschrieben.»
«Du hast was?», staunte Joschi.
«Ein Gedicht geschrieben.»
Rosl stand auf, holte von einem Sekretär einen Bogen Papier, auf dem in schwarzer Tinte viele schön geschriebene Zeilen standen, und gab ihn Joschi. Er fand es schön, dass seine Schwester sich neben Kochen, Haushalt und Einrichten noch mit anderen Dingen beschäftigte. Die alte Rosl, die auf der Bühne die Menschen zum Lachen gebracht und verzaubert hatte, lebte also noch in ihr weiter. Er las das Gedicht mit dem Namen Seitwärts von der Taborstraße – da lag die Rotensterngasse, in der er einst so gerne gelebt hatte. Mit Rosl. Papa Israel. Mama Scheindel.
Ich kehrte nach Jahren nach Wien mal zurück
Und fand auch das Gässchen, doch ich hatte kein Glück
Im Hause da wohnte kein einziger Kohn
Kein Rappaport, Ginsberg, kein Abrahamson
Die Schilder der Läden, die waren mir fremd …
Ich hatt’ so viel Fragen, doch ich war gehemmt
Man lebt ferner – so-fern man lebt! – ferner,
ferner …
ferner …
Joschi legte das Blatt zur Seite. Ihm war nun klar: Er würde nie wieder nach Wien zurückkehren. Nicht einmal, um das Grab der Eltern, das in Wahrheit nur die Überreste seines Vaters enthielt, zu besuchen. Der Ort, den er so geliebt hatte, war für immer vergangen.
Endlich war es Dienstag. Vier Tage und zweieinhalb Stunden hatte Waltraut ihren Mann schon nicht gesehen. So lange waren die beiden nicht getrennt voneinander gewesen, seitdem er nach Bremen gezogen war. So lange würde Waltraut es nie wieder sein wollen.
Gleich nach der Arbeit machte sie sich mit der Straßenbahn auf nach Walle und dort durch den Schneematsch zur Baustelle in der Rüstringer Straße. Dorthin wollte Friedrich nach seiner Ankunft am Bremer Hauptbahnhof fahren, um Hinrich und Klaus bei den Arbeiten in der neuen Wohnung zu helfen. Waltraut hingegen nahm nicht den schnellsten Weg. Der hätte durch die Straße geführt, in der früher das Haus der Familie Behrens gestanden hatte. An der immer noch bestehenden Baulücke vorbeizugehen, erschien ihr als ein schlechtes Omen für das neue Heim.
Als Waltraut in der Rüstringer Straße ankam, standen Hinrich und Klaus vor der Tür des eingerüsteten neuen Gebäudes. Trotz der Temperaturen um die null Grad und des kalten Windes trugen sie nur ihre Maleranzüge und tranken Pausenbierchen.
«Was willst du denn hier?», fragte Hinrich.
«Hast du was zu essen dabei?», fragte Klaus.
«Ich wollte Friedrich begrüßen.»
«Der ist nicht hier», antwortete Hinrich.
Waltraut staunte, hatte sie etwas falsch verstanden? Das Ankunftsdatum bestimmt nicht, sie hatte ja die Stunden und manchmal sogar die Minuten bis dahin gezählt. Es gab nur eine Erklärung: «Dann ist er bestimmt erst nach Hause.»
«Willst du die Wohnung sehen?», fragte Hinrich.
Waltraut hätte es gerne getan, aber lieber noch wollte sie in den Armen ihres Mannes liegen. Also antwortete sie: «Nein, ich geh direkt nach Hause.»
«Friedrich soll», sagte Klaus, «herkommen und Papa helfen. In ’ner halben Stunde muss ich zu Dagmars Eltern.» Waltraut konnte ihrem Bruder ansehen, dass er dazu keine Lust hatte. Doch er hatte von seinen Schwiegereltern Geld für einen fabrikneuen VW -Käfer zugeschossen bekommen, da musste er jetzt besonders nett zu ihnen sein.
«Und sag Mama», fügte Hinrich hinzu, «sie soll Friedrich ein paar Stullen mitgeben. Ein Mensch kann sich nicht von Bier allein ernähren. Auch wenn er das will.»
«In Ordnung», antwortete Waltraut und fragte sich auf dem Nachhauseweg in der Kälte, was Friedrich wohl veranlasst hatte, zuerst zum Wagen zu gehen. Seinen Malerkittel hätte er nicht holen müssen, den ließ er ja immer auf der Baustelle liegen. Vielleicht hatte er sie einfach zuerst begrüßen wollen, weil er sie auch so sehr vermisst hatte. Hach, was für ein schöner Gedanke.
Waltraut spürte, wie ihr Baby von innen gegen den Bauch trat. Das war ein ganz schön lebhafter Kerl, der da in ihr wuchs. Obwohl sie nicht wusste, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen werden würde, hoffte sie, das Geschlecht des Kleinen beeinflussen zu können, wenn sie von ihm ausschließlich als ‹Er› dachte. Männer hatten es im Leben nun mal einfacher als Frauen. Sie konnten Abteilungsleiter werden, durften sich benehmen, wie sie wollten, und wurden nicht an den Busen gegrapscht.
Das Baby kickte noch mal, und Waltraut fragte sich, ob sie den Jungen nicht Fritz nennen sollte, nach Fritz Walter, einen der wenigen Fußballspieler, dessen Name sie kannte. Aber eigentlich wollte sie einen Namen, der mehr nach feiner Gesellschaft klang: Arnim, Burkhard, Konstantin. Alles schöne Namen. Einer aber gefiel ihr am allermeisten: Friedrich Junior. Junior – das klang doch danach, dass aus dem Burschen ein Rechtsanwalt werden könnte. Ja, Friedrich Junior schälte sich immer mehr als der Name heraus, den der Kleine bekommen sollte. Und sein Papa würde sich nicht dagegen wehren können, war er es doch, der vorgeschlagen hatte, sie könne allein entscheiden, wenn es ein Junge wird.
Beschwingt von diesem Gedanken, betrat Waltraut den Wagen und rief: «Friedrich, ich muss dir was sagen!»
«Friedrich ist nicht hier», sagte Henriette, die durch den Gang Holz zum Ofen trug. Bald würde das Geschleppe ein Ende haben, in dem neuen Haus gab es eine Ölheizung. Das Leben dort würde besonders für Mama besser werden, selbst wenn sie auf ihre geliebten Hühner verzichten musste. Schlachten und essen, wie von Hinrich vorgeschlagen, wollte sie die jedoch nicht. Lieber an eine Freundin mit einem Garten geben, da könnte sie sie besuchen.
«Wo ist Friedrich denn?», fragte Waltraut.
«Keine Ahnung. Willst du nachher Eier mit Speck?»
Waltraut war zu verwirrt, um zu antworten. Wenn Friedrich nicht auf der Baustelle war und nicht hier, wo dann? Noch im Zug? Dann hätte er einen Unfall haben müssen. Das mochte sie sich nicht vorstellen. War Friedrich vielleicht in Essen geblieben, weil er seiner Mutter noch bei irgendetwas helfen musste? War sie gar krank? Oder Schorse?
Der kleine Friedrich Junior trat heftig gegen die Bauchwand.
«Au», fuhr es Waltraut leise aus.
«Was hast du?», hielt die Mama inne.
«Schon gut. Ich geh noch mal weg.»
«Wo willst du denn hin?»
«Telefonieren.»
In dem immer heftigeren Wind ging Waltraut frierend zur Telefonzelle an der Hauptstraße. Als sie die betrat, begann es schlagartig zu regnen. Die Tropfen prasselten auf das Dach der Zelle und liefen die Glasscheiben herunter. Die Autos rauschten draußen vorbei und hatten bereits ihre Scheinwerfer an. Waltraut warf Markstücke in den Schlitz – so ein Ferngespräch war teuer –, wählte die Nummer und wartete auf das Freizeichen. Es kam eins. Ein zweites. Ein drittes und ein viertes. Mitten im fünften nahm jemand ab. Schorse meldete sich: «Bracht.» Für Waltraut war es immer noch ungewohnt, den Namen zu hören, Friedrichs Mutter Brigitte hatte vor der Heirat mit dem Finanzbeamten Kampe geheißen, so wie Waltraut jetzt.
«Hier ist Waltraut.»
Auf der anderen Seite konnte man hören, wie Schorse die Luft einzog.
Das Kind im Bauch trat heftig.
Waltraut verkniff sich ein ‹Au› und fragte: «Ist Friedrich bei euch? Er ist nicht in Bremen angekommen.»
«Der Friedrich», sagte Schorse in einem betrübten Ton, der Waltraut die Kehle zuschnürte, «ist im Krankenhaus.»
Das Kind trat noch heftiger.
«Was ist mit ihm?» Waltraut versuchte gefasst zu klingen, doch es gelang ihr nicht.
«Er hatte Sprachaussetzer.»
«Aussetzer?»
«Hat genuschelt, als ob er gelähmt wäre.»
Friedrich war doch viel zu jung für einen Schlaganfall.
«Ich habe ihn gleich ins Städtische Krankenhaus gefahren. Ich kenne da einen Chefarzt. Bei dessen Steuersachen hab ich mal ein Auge zugedrückt. Hab mir dabei gedacht, so einen kann man mal für einen Gefallen brauchen. Der untersucht Friedrich jetzt.»
«Ich komme morgen mit dem ersten Zug», sagte Waltraut.
«Kindchen, du kannst doch nichts machen. Da musst du doch nicht hochschwanger durch die Gegend reisen.»
«Friedrich ist mein Ehemann!»
«Waltraut …»
«Ich komme morgen!»
«Gut, gut … Ruf mich vom Bahnhof in Bremen an, wenn du die Fahrkarte hast und weißt, wann du in Essen ankommst. Dann hole ich dich hier ab.»
«Danke …», sagte Waltraut, und bevor sie ‹dir» hinzufügen konnte, war die letzte Mark durchgelaufen und das Telefonat beendet. Jetzt waren nur noch das Prasseln des Regens, der heulende Wind und die Autos, die durch Pfützen sausten, zu hören.
Friedrich Junior trat wie wild. Um ihn zu beruhigen, legte Waltraut die Hand auf ihren Bauch und sagte: «Papa wird ganz bestimmt gesund.» In Wahrheit sagte sie es mehr zu sich selbst.
Waltraut kam nicht in den Schlaf, obwohl Friedrich Junior ruhig im Bauch lag. Am liebsten wäre sie schon auf dem Weg nach Essen gewesen. Sie hatte Klaus sogar gebeten, sie mit seinem Käfer zu fahren, aber er musste zur Sonderfrühschicht in den Hafen, Kaffeesäcke für Jacobs mussten ausgeladen werden. Waltraut selbst würde morgen bei der Arbeit blaumachen. Ihre Mama sollte nach Karstadt fahren und ihr Fehlen erklären. Frau Siegen würde das verstehen. Die mochte Friedrich, und falls 32 ein Problem haben sollte, würde sie ihn schon zurechtstutzen.
Gegen drei Uhr musste Waltraut aufs Klo. Hoffentlich wachte Friedrich Junior davon nicht auf. Er tat es nicht. Sie warf sich den Mantel über das Nachthemd, schlich sich bibbernd durch den Waggon, hörte das laute Schnarchen ihres Vaters und das leisere ihrer Mutter, öffnete die Tür zur Toilette, und just, als sie sich hinsetzen wollte, bemerkte sie das Blut zwischen ihren Beinen.
Im Krankenhaus konnten sie Waltraut beruhigen: Das Kind war nicht verloren. Aber sie musste nun bis zur Geburt absolute Bettruhe halten. Nur so könnte eine Frühgeburt oder gar ein Abgang vermieden werden.
Jetzt machte Waltraut sich wieder Sorgen um Friedrich. Und verzweifelte schier daran, dass sie nicht zu ihm fahren konnte. Sie war doch seine Frau. Sie musste an seiner Seite sein. Jetzt, wo der Arme nicht in der Lage war, ihr beizustehen.
Nachdem sie am späten Nachmittag aus dem Krankenhaus entlassen und von Klaus in seinem dunkelgrünen VW -Käfer heimgefahren wurde, war Waltraut überrascht, dass ihre Mama ihr ein schönes Lager bereitet hatte: frische Bettwäsche, heißen Kamillentee auf einem kleinen Tischchen daneben, sogar ein Büchlein hatte sie ihr hingelegt: ‹Das doppelte Lottchen› von Erich Kästner. Dazu sagte sie: «Bei der Geschichte regst du dich nicht so auf wie bei den Krimis, die du sonst so liest.»
Waltraut musste trotz allem lachen und legte sich in ihr Bett, obwohl sie am liebsten sofort zur Telefonzelle in der Hauptstraße gerannt wäre. Sie bat die Mama, sich nach Friedrichs Zustand zu erkundigen. Und das tat Henriette auch. Sie telefonierte mit Schorse und brachte Waltraut die neuesten Nachrichten mit, als sie sich zu ihr auf die Bettkante setzte: «Man hat bei Friedrich einen gutartigen Tumor im Hirn festgestellt. Der verursacht die Kopfschmerzen, und weil er so groß ist, hat er gestern so sehr gedrückt, dass Friedrich nicht mehr richtig sprechen konnte.»
«Und was machen sie jetzt mit ihm?», fragte Waltraut voller Sorge.
«Sie werden ihn operieren.»
«Ist das gefährlich?»
«Nein, hat Schorse gesagt», antwortete Henriette und nahm Waltrauts Hand ganz fest in ihre. «Alles wird gut.»
Waltraut sah ihre Mutter ob der Geste erstaunt an. Anfangs hatte sie noch gedacht, die Mama freue sich einfach, dass sie ihre Tochter wieder betüddeln konnte wie einst – wie sonst wäre sie auf die Idee gekommen, ihr ein Kinderbuch hinzulegen –, doch sie wirkte anders als sonst. Stärker. Waltraut hatte sie in den letzten Jahren nur als Hausfrau wahrgenommen, die sich um Kochen, Putzen, Waschen und Hühner kümmerte und von der sie viel zu viel in die Hausarbeit eingespannt wurde – wie Waltraut es hasste, dass sie keine Waschmaschine besaßen. Doch jetzt wirkte Mama wie ausgewechselt. Wie eine Mutter, die ihr Kind, obwohl es schon zwanzig Jahre alt war, behütet und ihm mit ihrem Händedruck Kraft verleihen will.
«Mach dir keine Sorgen», sagte Henriette, «das ist nicht gut für dein Kind.»
«Ich werde es versuchen.» Waltraut glaubte selbst nicht, dass ihr das gelingen könnte.
«Du kannst nichts für Friedrich tun, aber alles für Junior.»
«Junior?», staunte Waltraut, dass ihre Mutter den Namen kannte, dem sie den Jungen geben wollte.
«Ich habe gehört, wie du gestern Nacht zu ihm gesprochen hast», lächelte Henriette und gab Waltraut einen Kuss auf die Stirn. Sie stand von der Bettkante auf und erteilte den mütterlichen Befehl: «Ich verbiete dir, dass du dir Sorgen machst.»
Waltraut nickte. Sie wusste auch, dass es besser für Friedrich Junior war, wenn sie sich so gut wie möglich ablenkte, und nahm, als ihre Mutter gegangen war, tatsächlich ‹Das doppelte Lottchen› zur Hand. Noch bevor sie an die Stelle kam, in der die Zwillinge sich in dem Buch begegneten, schlief Waltraut ein.
Henriette umhegte und pflegte Waltraut die folgenden Wochen und übermittelte ihr auch stets die neuesten Nachrichten über Friedrich:
«Die Operation war ein Erfolg.»
«Friedrich muss noch eine Weile im Krankenhaus bleiben und sich ausruhen.»
«Ich soll dir ausrichten, wie sehr er dich liebt.»
«Nein, Friedrich kann noch nicht nach Hause kommen, haben die Ärzte gesagt.»
«Leider kann er immer noch nicht raus. Die Wunde am Kopf verheilt einfach nicht. War auch ein Riesenschnitt, den sie da gemacht haben.»
«Ich konnte mit ihm sprechen. Er vermisst dich sehr.»
«Ich weiß, dass es jetzt schon drei Wochen sind. Er leidet darunter mehr als du.»
«Dein Mann isst jetzt wieder wie ein Scheunendrescher.»
«Wenn alles gut geht, ist er genau zur Geburt wieder da.»
Auch Waltrauts Vater kam immer wieder mit neuen Nachrichten:
«Klaus und ich streichen nun die Wände in der Wohnung.»
«Heute haben wir die Küche eingebaut.»
«Ich habe eine Wiege für Friedrich Junior gezimmert.»
Bei der letzten Nachricht hatte Hinrich feuchte Augen.
Das Kind kam zu früh, aber nur zwanzig Tage. So schwer die letzten Wochen der Schwangerschaft für Waltraut gewesen waren, so fürchterlich die Geburtswehen und die aufmunternd gemeinten Sprüche des Krankenhausarztes, dass sie doch ein junges, gesundes Mädel sei, da sind doch Wehen ein Klacks, so groß war Waltrauts Glück, als das Mädchen auf ihrem Bauch lag.
«Hallo Gabi», sagte Waltraut zu der Kleinen, während der Arzt unten noch eine Wunde vernähte. Es war für sie nun selbstverständlich, dass das neue Menschenkind nicht Karla, sondern, wie mit Friedrich besprochen, Gabriele heißen sollte. Aber sie würde es immer nur Gabi nennen.
Nachdem das Baby auf die Säuglingsstation gebracht wurde, fuhr eine Schwester Waltraut im Bett in ein Krankenhauszimmer, in dem außer ihr noch vier weitere Frauen lagen. Waltraut sah aus dem Fenster in den dunklen Abendhimmel in Richtung des leuchtenden Fernsehturms, während die Zimmergenossinnen, allesamt älter als sie, sich über ihre Beschwerden austauschten: Der einen zog die Brust, die nächste leckte unten, die dritte wollte nie wieder zu ihrem Alten nach Hause. Waltraut aber dachte an Friedrich. Wie sehr er sich über die kleine Tochter und ihren Namen freuen würde. Vielleicht könnte sie ihn vom Krankenhaus aus endlich selbst anrufen und wieder seine Stimme hören. Mama hatte ja erzählt, dass er mittlerweile den ganzen Tag in der Wohnung von Brigitte und Schorse auf dem Sofa lag und es genoss, Fernsehen zu schauen. Besonders ‹Die große Galerie der Detektive›.
Die Tür ging auf. Waltraut sah sofort hin. Sie hoffte so sehr, dass es Friedrich war. Aber es war Mama, die ins Zimmer trat. Sie ging zu Waltrauts Bett, setzte sich auf einen Hocker neben sie und sagte ernst: «Waltraut, ich muss dir etwas beichten.»
Waltraut befürchtete, dass sie sich jetzt wieder eine ihrer Geschichten über die adeligen Vorfahren anhören musste, und fragte vorsichtig: «Was denn?»
«Ich habe dich angelogen.»
«Womit?»
«Es war ein bösartiger Tumor.»
Waltraut verstand zuerst nicht, was ihre Mutter da sagte.
«Und es war eine Notoperation.»
«Bei Friedrich?», Waltraut spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte.
«Er ist zwei Tage später gestorben.»
Für Waltraut fühlte es sich an, als ob ihr eigenes Leben endete.
«An einem Blutgerinnsel.»
Henriette ergriff Waltrauts Hand und hielt sie sehr fest: «Hätte ich es dir gesagt, hättest du dein Kind verloren.»
In Houston war die Sommerhitze unerträglich. So sehr, dass Joschi sich nach seinem ersten Besuch bei einer Prostituierten nichts sehnlicher wünschte als eine Klimaanlage. Und wo gab es die besten, die öffentlich zugänglich waren? In Kinos. Er nahm ein Taxi in die Innenstadt, kurbelte bei der Fahrt das Fenster runter, um wenigstens ein wenig kühle Brise abzubekommen. Es half nichts.
Der Taxifahrer setzte ihn an einem Kino ab. Joschi kaufte sich eine Karte für die nächste Vorstellung, der Film war ihm egal. Er erwarb noch zwei Flaschen Bier, ging in den leeren Saal, setzte sich in einen Sessel und freute sich über die Kühle. Hier konnte man es aushalten. Erst als der Vorspann lief, erkannte Joschi, in welchem Film er saß: ‹Vikings›. Er musste schmunzeln, Kirk Douglas, dessen Film ‹The Juggler› er nie angeschaut hatte, spielte darin die Hauptrolle. Er hätte es nicht ertragen, noch mal zu sehen, wie ein junger Mensch auf eine Mine trat, selbst wenn die Explosion aus der Trickkiste stammte.
Joschi musste bei Douglas’ Anblick daran denken, wie er damals von dem Filmdreh in der Wüste zum Meer abgehauen war und dort beschlossen hatte, ein neues Leben zu beginnen, fernab des Militärs.
Es hätte ein besseres werden sollen.
Es war nur ein anderes geworden.
Nun war er Mitte 40. Und während der fast gleichaltrige Douglas von Film zu Film eilte, dabei vom Jongleur zum Wikinger wurde und gewiss noch viele weitere großartige Rollen spielen und sich dabei immer und immer wieder verändern durfte, hatte Joschi das Gefühl, er würde immer derselbe bleiben. Nie mehr sein Glück finden. Egal was er auch unternahm: aus der Armee austreten. Heiraten. Die Welt sehen.
Er hatte inzwischen die Welt gesehen. Selbst auf den Falklandinseln war er gewesen. Aber sie waren ihm keine Heimat geworden. Genauso wenig wie seine Ehe.
Wenn er nicht etwas in seinem Leben änderte, würde er bis zu seinem Tod so heimatlos sein wie jetzt.
Nur was sollte er ändern?
Er konnte nun mal schlecht Jongleur, Wikinger oder Filmstar werden.
Er war doch nur Joschi.
Waltraut weinte schon seit über zwei Stunden. Die Zimmergenossinnen stöhnten, weil sie nicht in den Schlaf kamen. Jene Mutter, die nicht zu ihrem Alten nach Hause wollte, beschwerte sich sogar, Waltraut solle endlich die Schnauze halten. Doch sie konnte nicht aufhören. Noch nicht mal, als die Krankenschwester kam, um sie zum Stillen zu holen. Gabi hatte Hunger.
Die Schwester stützte Waltraut beim Gehen durch die Gänge hin zur Säuglingsstation. Dabei gab es Augenblicke, in denen Waltraut wie ein nasser Sack zu Boden gefallen wäre, hätte die Schwester sie nicht gehalten. Wie erlösend wäre es gewesen, einfach auf dem Boden liegen zu bleiben und zu sterben.
Waltraut wurde in einen Raum geführt, in dem zwei erschöpfte Mütter ihre Säuglinge stillten, und von der Schwester in einen Stuhl gesetzt. Die sagte noch irgendetwas zu ihr, was genau, nahm Waltraut nicht wahr, und ging hinaus. Die Tränensäcke waren nun endgültig leer, Waltraut schluchzte nur noch vor sich hin. Die Schwester kam wieder und legte ihr Gabi in die Arme. Waltraut hörte auf zu schluchzen. Es war wie ein Schock, dass es da noch etwas anderes auf der Welt gab als ihren Schmerz.
Benommen ließ sie geschehen, dass die Schwester ihr half, die Brust freizulegen. Genauso ließ sie zu, dass die Schwester die Kleine an die Brust andockte. Als Gabi anfing zu saugen, beobachtete Waltraut sie dabei. Nach einer Weile begriff sie, dass sie ihrem Töchterchen Leben spendete. Und als die Brust fast leer gesaugt war, sagte sie zu Gabi: «Ich muss weiterleben. Für dich.»