1961–1963

Joschi hätte von Bremen aus nach Düsseldorf fahren können, aber er wollte nicht. Er wollte Rosl gerade nicht sehen. Bestimmt hätte sie ihn gefragt, wie es Dora ging, und wenn er ehrlich gewesen wäre – doch wer war schon ehrlich zu anderen, wenn es um seine Ehe ging? –, hätte er gestehen müssen, dass er die Albträume seiner Frau nicht länger ertrug. Dafür schämte er sich. Als Ehemann war es doch seine Pflicht, ihren Schmerz wenn schon nicht wie früher zu lindern, so doch wenigstens auszuhalten. Hätte er Rosl von seiner Scham erzählt, hätte die nur den Kopf geschüttelt und ihm erklärt, er sei zu weich für diese Welt. Und da er das nicht hören wollte, hätte er seine Schwester angelogen, und ihm wäre dabei noch bewusster gewesen als ohnehin schon, dass er niemanden auf der Welt hatte, zu dem er ganz und gar ehrlich sein konnte.

Hauptsächlich aber hatte Joschi nicht nach Düsseldorf fahren wollen, weil er es hasste zu sehen, wie die Westdeutschen von Jahr zu Jahr reicher wurden. Millionen Verbrecher genossen ungestraft das Leben, während seine Eltern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen, bis auf eine, für immer ausgelöscht waren.

Joschi zog es daher vor, nicht durch das Wirtschaftswunderland zu reisen. Rosl könnte er zu Chanukka sehen, wenn sie mit Charlie zu ihrem jährlichen Besuch nach Haifa kam und sich gewiss wieder beim gemeinsamen Abendessen mit Nachbarin Selma stritt, weil die frühere Ghettokämpferin es nicht fassen konnte, wie man als Jüdin in Deutschland leben konnte. Letztes Jahr war Rosl so wütend auf Joschi gewesen, weil er sie nicht verteidigt hatte, dass sie anschließend scharf zischte, Selmas Bengel würde seine Augenpartie besitzen. Gut, dass Dora gerade in der Küche gewesen war, um die Kartoffelpuffer zuzubereiten.

An Bord des Schiffes wollte Joschi jedoch auch nicht bleiben. Zu lange dauerte die Reparatur der Schiffsturbine schon, zu schön war das Mai-Wetter. So legte er, wie bei jedem Landgang, seinen Ehering in die Schublade – man wusste nie, ob man nicht überfallen wurde – und ging in Uniformhose und hellem Kurzarmhemd von Bord, um im Hafen spazieren zu gehen. Hier war er, seiner Meinung nach, noch nicht in Deutschland, sahen doch alle Hafenanlagen der Welt ähnlich aus. Er sah einen jungen Hafenarbeiter in einer Pause ein Bier trinken. Beck’s . Das wurde ja in Bremen gebraut und sollte angeblich sehr gut schmecken, nicht so wie das dünne amerikanische Bier oder das öde holländische oder das furchtbare Gesöff, das sie ihm in Albanien hingestellt hatten. Joschi sehnte sich danach, endlich mal wieder ein gutes Helles zu genießen. Er ging aus dem Hafen heraus, befand sich aber dennoch nicht im wohlhabenden Deutschland. Hafengegenden auf der Welt ähnelten sich eben auch: Sie waren heruntergekommen, und es gab billigen Alkohol, billiges Essen und billige Frauen. Zu solchen ging Joschi nicht mehr. Die wenigen Besuche, die er getätigt hatte, waren trostlos gewesen.

Die Sonne stand hoch, als Joschi die Hauptstraße betrat. In Bremen war es an diesem Tag fast so heiß wie in Haifa. Er erblickte eine Kneipe mit dem Namen ‹Zur rrrascheligen Elke›, mochte aber nicht in der Anwesenheit einer rrrascheligen Elke sein Bier trinken. Nach etwa hundert Metern entdeckte Joschi eine italienische Eisdiele. Er erinnerte sich an das Eis, das er in Neapel gegessen hatte. Es war eine der größten süßen Gaumenfreuden seines Lebens gewesen, übertroffen nur vom Palatschinken, den er in Wien an den gemeinsamen Geburtstagen mit seinem Vater im Café Central gegessen hatte. Wenn das Eis in dieser italienischen Diele nur halb so gut war wie jenes in Neapel, konnte das Beck’s-Bier warten. Joschi ging schnurstracks auf die Eisdiele zu und öffnete die Tür. Kühle Luft und der Geruch von italienischem Kaffee schlugen ihm entgegen. Und Gesang. Nicht etwa aus dem Radio. Sondern von zwei jungen Frauen, die einer dritten ein Ständchen sangen: «Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag, liebe Waltraut, zum Geburtstag viel Glück.»

***

Glück. Daran dachte Waltraut nicht einmal. Sie staunte, dass sie überhaupt bis zu diesem 25. Geburtstag durchgehalten hatte, ohne sich die Adern aufzuschneiden. Immerhin dachte sie nicht mehr so oft an Friedrich und schlief sogar schon wieder ganze Nächte durch. Vielleicht würde sein Tod irgendwann nicht mehr so schmerzen, dass sie es aushalten könnte, mit Gabi das Grab in Essen zu besuchen. Auch wenn die beiden dabei nicht Friedrichs Mutter Brigitte besuchen könnten. Schorse hatte Waltraut gesagt, dass sie nicht über den Tod des Sohnes hinwegkam, deshalb schwere Medikamente nahm und eine Begegnung mit der Enkeltochter alles nur schlimmer machen würde. Waltraut hatte das verletzt. Und wütend gemacht: Wenn sie so stark war weiterzumachen, hätte es Brigitte auch sein müssen!

Die kleine Gabi fragte nicht nach ihrem Vater. Es war doch gut, dass sie kein Junge war, dann hätte sie als Vorbild nur Opa Hinrich gehabt, und wo das hinführte, konnte man ja bei Klaus sehen, der die Hafenkneipen genauso gerne aufsuchte wie sein alter Herr. Gut auch, dass die Kleine eine Oma hatte, die sich tagsüber in der gemeinsamen Wohnung um sie kümmerte, während Mama zur Arbeit ‹nach› Karstadt ging.

Waltraut wollte nur überleben, bis ihre Tochter als Erwachsene auf eigenen Füßen stehen konnte. Füße, mit denen die Kleine im Übrigen so viel schneller laufen konnte als jeder Junge auf dem Spielplatz. Opa Hinrich wollte ihr schon den Spitznamen Armin Hary verpassen, nach dem deutschen Hundertmeter-Olympiasieger. Aber Waltraut hatte ihn mit einem «Wehe!» davon abhalten können.

«Glück, Glück, Glück!», rief Zopf-Inge und gab Waltraut einen dicken Schmatzer auf die Wange. Sie sah inzwischen noch weniger nach Zopf aus als früher, denn sie hatte eine freche Kurzhaar-Frisur, die sie in einem französischen Film gesehen hatte. ‹Außer Atem› hieß der, und Zopf-Inge konnte gar nicht mehr aufhören, von ihm zu schwärmen.

«Und noch viel mehr Glück», lachte die dicke Frau, die bei den beiden saß. Sie hieß Barbara, genannt Babsi, und war eine neue Freundin von Waltraut. Die beiden hatten sich auf dem Kinderspielplatz kennengelernt, weil Gabi und Babsis kleine Kerstin miteinander spielten. Die dicke Frau war gutmütig, wenn auch bieder.

«So viel Glück kann ja kein Mensch aushalten», versuchte Waltraut das freundlich zu beenden. Glück war keine Kategorie mehr für ihr Leben, fand sie.

«Du hast es aber verdient», sagte Zopf-Inge.

«Womit?»

«Du bist eine gute Mama.»

Waltraut konnte nur hoffen, dass ihre Freundin recht hatte.

«Und mit deiner Schönheit», sagte eine tiefe, angenehme Stimme. Ganz kurz dachte sie, es müsste ein Schlagersänger hinter ihr stehen. Einer wie dieser Udo Jürgens, dessen Lied ‹Jenny› sie sehr mochte, während Zopf-Inge ja nur Rock ’n’ Roll hörte und ihr heimlich anvertraut hatte, dass sie mit einem der schwarzen US -Soldaten, die in Bremerhaven stationiert waren, ins Bett gegangen war. Waltraut verurteilte sie nicht dafür, im Gegensatz zur gesamten Welt, falls die es denn jemals erfahren sollte.

In jenem kurzen Augenblick, in dem sie von einem schönen Sänger fantasierte, ließ Waltraut das erste Mal seit Friedrichs Tod die Hoffnung zu, jemand könnte sie doch wieder ein kleines bisschen glücklich machen.

Neugierig drehte Waltraut sich um. Leider sah sie keinen Udo Jürgens, noch nicht einmal einen Freddy Quinn und schon gar keinen Friedrich. Sie sah einen älteren, braun gebrannten Mann in Uniform mit dunklen, an den Schläfen bereits ergrauten Haaren.

Glück. Es war töricht gewesen, darauf zu hoffen.

***

Joschi stand am Tisch der drei Frauen: Eine war dick, die zweite hatte kurze Haare wie ein Junge, aber die dritte, die, die Geburtstag hatte, war wunderschön. Eine Erscheinung, die ihn sofort in ihren Bann schlug. Und alle drei so jung, dass sie nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun haben konnten.

Er hatte lange nicht mehr mit einer jungen Frau geflirtet. Ewig lange. Aber jetzt wollte er es mit einem Male wieder, so verzaubert war er von dem Anblick des Geburtstagsfräuleins. Und er wusste noch genau, wie es funktionierte: Man musste mit den Komplimenten genau im richtigen Maß übertreiben.

Doch wie sollte das bei dieser Frau gehen? Sie war so schön, dass man höchstens mit einem Vergleich mit Aphrodite übertreiben konnte. Was sollte er also sagen? Wie immer einfach das Erste, was ihm in den Sinn kam. Bisher hatte er sich stets auf seine Stimme und sein charmantes Lächeln verlassen können: «Darf ich Sie zu einem Geburtstagsessen einladen?»

***

Waltraut traute ihren Ohren nicht. Der Fremde wollte sie zum Essen einladen? In ein echtes Restaurant etwa? Der einzige Mann, der das bisher wollte – welcher Kerl will sich schon eine Witwe mit einem vierjährigen Kind ans Bein binden? –, war ein Sackschleppkollege von Klaus gewesen, der sie zu einem Jägerschnitzel in der Niedersachsenklause eingeladen hatte. Sie war nur aus Höflichkeit gegenüber ihrem Bruder mitgegangen. Kaum war das zugegeben leckere Schnitzel verspeist, hatte sie sich aus der langweiligen Verabredung mit dem Hinweis verabschiedet, sie müsste am nächsten Morgen noch vor der Arbeit die Tochter zum Kindergarten bringen.

Also, was sollte sie auf das Angebot eines übermütigen Wildfremden, der sich nicht mal vorgestellt hatte, antworten? Ganz einfach: «Wie wäre es, wenn Sie erst mal unsere Rechnung übernehmen?»

***

Joschi staunte selbst, dass ihm die Essenseinladung herausgerutscht war. Aber als er die Antwort der jungen Frau hörte, war er froh darüber. Sie hatte Pep! Ein Abendessen mit ihr müsste Spaß machen.

«Sehr, sehr gerne übernehme ich die.»

«Danke. Dann nehmen wir noch jede einen Sekt.»

«Aber sicher doch», reagierte Joschi souverän. «Kann ich mich dazusetzen?»

«Wir feiern hier unter uns», lächelte ihn die schöne Frau an. Charmant. Provozierend. Sodass er ihr auch für diese Frechheit gar nicht böse sein konnte. Statt also zu insistieren, wollte er sich nur die Bestätigung abholen, dass sich seine Investition lohnen würde: «Und wir beide feiern dann heute Abend Geburtstag?»

«Gleich heute Abend?», staunte das Geburtstagsfräulein.

«Man muss die Feste feiern, wie sie fallen», lächelte Joschi.

«Am Wochenende hätte ich mehr Zeit», schien sie Zeit gewinnen zu wollen.

«Mein Schiff läuft aber morgen aus.»

«Schiff? Wohin?», fragte die Frau mit den kurzen Haaren.

«Amerika. Boston», antwortete Joschi. Dass es in Wirklichkeit zurück nach Haifa ging, verheimlichte er lieber. Er wusste nicht, wie die freche Deutsche auf das Land Israel reagieren würde. Außerdem würde das Reiseziel Amerika sie gewiss beeindrucken. Leider jedoch war die Kurzhaarige davon viel mehr angetan: «Amerika!»

«Und von dort aus nach Kolumbien», legte Joschi nach, aber auch das schien das Geburtstagsfräulein nicht ansatzweise so spannend zu finden wie ihre Freundinnen. Eine harte Nuss. Das machte sie umso attraktiver.

«In Ordnung, treffen wir uns heute Abend. Aber ich möchte nur das Beste.»

«Das Beste?», nun war Joschi sich nicht so sicher, ob ihm das Spiel noch gefiel. Aber er hatte nun mal damit begonnen, und so setzte er nach: «Das Beste ist gerade gut genug.»

«Dann will ich in den Ratskeller!»

Die Kurzhaarige prustete los. Die Dicke verschluckte sich vor Schreck an ihrem Schokoladeneis.

«Wo ist dieser Keller?», fragte Joschi.

«Unten im Rathaus. Sagen wir acht Uhr heute Abend.»

«So soll es sein», lächelte Joschi.

«Und nicht vergessen, die Rechnung und die drei Sekt zu zahlen.»

«Aber natürlich nicht», Joschi legte ein paar Dollarscheine auf den Tisch, sagte: «Bis heute Abend», verließ die Eisdiele und suchte vor lauter Freude keine Kneipe mehr auf.

***

«Halleluja, du magst ja den Kapitän», lachte Zopf-Inge.

«Ich glaube», sagte Babsi, «das war kein Kapitän.»

«Aber ein Offizier ist er auf jeden Fall, der hatte ja eine Uniformhose an.»

«Auch Matrosen können die anhaben.»

«Aber der hat mehr Geld in den Taschen. Und er führt Waltraut in den Ratskeller aus.»

«Tut er nicht», sagte Waltraut.

«Du hast dich doch mit ihm verabredet», staunte Babsi.

«Damit er verschwindet.»

«Ich verstehe nicht ganz.»

«Ich geh doch nicht in den Ratskeller mit dem alten Knacker.»

«Für sein Alter ist er ganz schön fesch», sagte Zopf-Inge. «Und er hat eine unglaubliche Stimme.»

«Das stimmt», musste Waltraut zugeben. Ob er fesch für sein Alter war, konnte sie jedoch nicht beurteilen. Gegen Friedrich konnte vielleicht Udo Jürgens mithalten oder der ein oder andere Filmstar, den man auf der Leinwand und in den Illustrierten sah, aber nie und nimmer dieser Seemann. «Aber er ist alt.»

«O.W. Fischer ist auch alt, und den fandst du in dem Film ‹Peter Voss, der Millionendieb› total schick.»

«Den würde ich auch im Ratskeller sitzen lassen.»

«Würdest du nicht!»

«Vielleicht nicht», lenkte Waltraut ein, sie wusste nicht, was sie machen würde, wenn O.W. Fischer sie zu einem Geburtstagsessen in den Ratskeller einladen würde. Aber eins war klar: «Mit dem Seemann …»

«Kapitän», korrigierte Zopf-Inge.

«Oder auch nur Offizier», korrigierte Babsi.

«Mit dem Kerl», korrigierte Waltraut beide, «gehe ich jedenfalls nicht essen.»

«Du versetzt ihn?», Babsi konnte es nicht fassen, wie frech ihre neue Bekannte war.

«Ja», machte Waltraut klar. Manchmal nervte sie es, dass Babsi etwas schwer von Begriff war.

«Du kannst im Ratskeller essen!», sagte Zopf-Inge. «Das würde ich mir nicht entgehen lassen!»

«Kann ich auch so», antwortete Waltraut trotzig.

«Der Wein da ist teuer.»

«Den kann ich mir auch allein leisten, wenn ich lange spare.»

«Oder eben heute Abend schon trinken.»

«Heute Abend bringe ich wie immer meine Tochter ins Bett und lese ihr ‹Mecki› vor!» Waltraut sagte dies mit so einer Vehemenz, dass kein ‹Basta› nötig war, um das Thema zu beenden. Nichts war ihr wichtiger als die kleine Gabi. Schon gar nicht der Ratskeller oder ein alter Knacker, an den sie keinen weiteren Gedanken mehr verschwenden würde.

Alle aßen schweigend ihr Eis. Der Kellner brachte die drei Sekt und stellte sie auf den Tisch. Waltraut überlegte sich, ob sie jetzt auf ihre lieben Freundinnen anstoßen sollte, da sagte Babsi leise: «Der Seemann wird aber ganz schön wütend auf dich sein.»

«Kann mir doch egal sein.»

Babsi staunte.

«Du hast doch gehört. Der fährt morgen nach Amerika und dann immer weiter. Den sehe ich nie wieder.»

***

Bei wunderschönem Abendwetter schlenderte Joschi über den Bremer Marktplatz auf das Rathaus zu, in dessen Keller sich das Restaurant befand, in das er gleich das schöne Geburtstagsfräulein ausführen würde. Er fragte sich, wie sie wohl hieß. Marlene? Lilian? Veronika? Bei Letzterem musste er grinsen, denn es fiel ihm ‹Veronika, der Lenz ist da› von den Comedian Harmonists ein. An das Lied hatte er seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht. Und auch nicht, wie er es mit den Jungen aus seiner zehnten Klasse der Zwi-Perez-Chajes-Schule gesungen hatte: «Die Mädchen singen tralala», und wie sie über die darauffolgende Liedzeile «Veronika, der Spargel wächst» gekichert hatten, wie es nur fünfzehnjährige Jungs tun konnten.

Joschi musste lachen.

Er war in Deutschland.

Was für ein verrückter Tag.

Beschwingt ging er die Treppen zum Ratskeller hinunter, öffnete die Tür und sagte zu einem jungen Kellner, der Pomade im Haar hatte wie Joschi früher in Wien: «Geben Sie mir den besten Platz. Ich führe eine wunderschöne Frau aus!»

***

Waltraut hatte ‹Mecki› vorgelesen und gab der kleinen Gabi einen Kuss auf die Stirn. Sie wollte das Licht ausmachen und sich zu den Eltern ins Wohnzimmer setzen, um mit ihnen ‹Zum Blauen Bock› zu schauen. Für sie war es immer noch etwas Außergewöhnliches, dass die Familie nicht nur in einer Wohnung lebte, sondern sogar mittlerweile einen Fernseher besaß. Doch Gabi wollte ihre Mami nicht gehen lassen. Sie hielt sie am Arm fest und sagte: «Andreas und Christoph ärgern mich im Kindergarten.»

«Dann musst du dich wehren», antwortete Waltraut, die sich für ihre Tochter wünschte, sie wäre ebenfalls eine Löwin, jedoch ahnte, dass sie eher ein sanftes Lämmchen war.

«Ich habe Christoph geschubst.»

«Sehr gut!»

«Dann hat er mich gehauen», Gabi kamen bei der Erinnerung die Tränen.

Waltraut wollte dem Bengel nun auch eine langen und seinen Eltern gleich mit, dafür, dass sie ihn in die Welt gesetzt, aber nicht erzogen hatten.

«Gegen die Schulter.» Gabi zog ihr Nachthemdchen ein wenig herunter und zeigte einen blauen Fleck.

«Was hat Frau Polle gesagt?», Waltraut hatte die Kindergärtnerin noch nie gemocht.

«Ich soll aufhören, die Jungs zu ärgern. Dann hören die auch auf.»

«Du ärgerst die Jungs?», Waltraut konnte es nicht glauben. Wenn die schüchterne Gabi mal den Mund aufmachte, dann sagte sie nie etwas Böses.

«Frau Polle sagt, weil ich so schnell laufen kann. Wenn ich die Jungs beim Laufen gewinnen lasse, hauen sie mich nicht.»

In Waltraut kochte die Wut hoch: Gabi konnte nicht gut malen, nicht gut singen, nicht gut lernen, aber sie konnte laufen wie keine Zweite. Und das wollte die Kindergärtnerin ihr nehmen?

«Du wirst so schnell laufen, wie du willst.»

«Aber Frau Polle …»

«Die wird was von mir zu hören bekommen!»

«Und die Jungs?»

«Du bist mehr wert als die!»

Gabi staunte und fragte dann: «Warum?»

«Weil du etwas Besonderes bist.»

«Warum bin ich das?»

Was sollte Waltraut darauf antworten? Weil das so ist? Weil du meine Tochter bist? Die deines verstorbenen Vaters? Das würde nie und nimmer reichen, um der Kleinen das Selbstbewusstsein zu verleihen, das gegen die Jungs nötig war.

Weil du eine Löwin bist?

Kein Lämmchen könnte so etwas glauben.

«Warum bin ich etwas Besonderes?»

Mit einem Male verstand Waltraut, warum Oma Henriette eine andere Herkunft herbeifantasiert hatte: Wenn man keine Löwin war, brauchte man etwas anderes, das einem Selbstbewusstsein verlieh.

«Warum?», fragte Gabi noch mal, sie dürstete danach, besonders zu sein.

«Weil du aus einer Adelsfamilie stammst.»

***

«Na, kommt die schöne Frau noch?», fragte der junge Kellner mit der Pomade im Haar, und Joschi hätte ihm am liebsten eine geschmiert. Er saß in einem holzvertäfelten Separee – der beste Platz im Restaurant – vor seinem zum dritten Mal geleerten Rotweinglas. Er hatte sich wie ein törichter alter Kerl versetzen lassen und musste sich nun auch noch das süffisante Grinsen des Pomaden-Kellners gefallen lassen.

«Bringen Sie mir bitte die Rechnung», sagte Joschi und schwor sich, dem Mann kein Trinkgeld zu geben.

«Sehr wohl, mein Herr», ging der Pomaden-Kellner Richtung Kasse, blieb aber auf halbem Weg stehen, um einem anderen pomadigen Kellner etwas zu erzählen. Die beiden lachten. Gewiss über ihn.

Scheißdeutschland.

Die Pomaden-Kellner blickten zu ihm. Als sie bemerkten, dass auch Joschi sie ansah, schauten sie schnell weg und gingen davon. Bestimmt mit einem Grinsen im Gesicht.

Die blöde Gans konnte von Glück reden, dass sein Schiff morgen auslief!

 

Das Schiff lief nicht aus.

Die Turbine war immer noch nicht repariert. Joschi tigerte auf Deck auf und ab, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die ganze Nacht war er nicht in den Schlaf gekommen, weil er sich so sehr geärgert hatte. Über die dumme Gans. Und noch mehr über sich selbst. So dumm war er sich bei einer Frau nicht mehr vorgekommen, seitdem er am Prater auf Hedy gewartet hatte. Diese Deutsche war aber nicht mal ansatzweise so bezaubernd wie Hedy! Und er war keine 20 mehr. Er war ein gestandener Mann! Mit einer Ehefrau!

Übers Knie legen müsste man die Gans. Natürlich nicht wirklich. So was taten nur gehörnte Männer in albernen Komödien, die Joschi in Wiener Schmierentheatern gesehen hatte. Aber ihr gehörig die Meinung geigen, das würde er schon gerne. Leider kannte er weder ihre Adresse noch ihren Arbeitsplatz. Auch nicht ihren Namen. Er konnte nur hoffen, dass sie heute wieder Eis essen ging.

***

Waltraut hatte ihre Mutter gebeten, der kleinen Gabi am Nachmittag alles über ihre adelige Familie zu erzählen. Das hatte die Oma glücklich gemacht. Sie selbst hatte keine Lust, sich das Gerede anzuhören, da lauschte sie doch lieber in der Eisdiele Zopf-Inges verliebten Träumereien: Der schwarze Soldat in Bremerhaven wollte sie mit nach Amerika nehmen. Nach Messetschutsches oder so ähnlich.

«Wir machen da eine Blues-Kneipe auf!»

«Eine was?», fragte Waltraut, während sie ordentlich Milch in ihren Kaffee goss. Die Italiener machten ihn immer so stark.

«Blues ist die Musik der Schwarzen. Du solltest Isiah mal singen hören. Das geht dir durch und durch.»

«Inge, das wird so aussehen: Der singt in der Kneipe, und du kochst, bedienst und putzt.»

Waltraut glaubte nicht mehr an Träume, sah stets nur die Mühsal.

«Nur am Anfang. Wenn die Kneipe läuft, stellen wir ganz viele Leute ein, sagt Isiah.»

«Hmm», murmelte Waltraut, die sich nicht vorstellen konnte, dass ihre Freundin auch nur eine Woche in dem harten Gaststättengewerbe durchhalten würde. Sie klagte doch schon jetzt darüber, wie ihr die Füße vom vielen Stehen im Frisiersalon wehtaten. Die von Waltraut schmerzten am Verkaufstresen ebenfalls, aber sie hatte sich vorgenommen, nie über ihr Schicksal zu jammern: nicht über schmerzende Füße, nicht über das Los als alleinstehende Mutter und auch nicht über den Tod von Friedrich.

Jammern bedeutete Verlust von Würde. Und nichts, außer Gabi, war Waltraut in den Jahren als Witwe wichtiger geworden als die Würde.

«Du wirst schon sehen!», sagte Zopf-Inge, die sich über die Zweifel ihrer Freundin ärgerte.

«Werde ich?»

«Du besuchst mich in Amerika, und dann suchen wir dir auch einen schönen Schwarzen …»

«Inge!»

«Schon gut, schon gut.»

Waltraut schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Kaffee, der ihr immer noch viel zu stark war.

«Isiah hat noch fünf Monate und drei Tage Dienst, dann geht es los und wir werden … Mist!»

«Ihr werdet … Mist?», Waltraut war irritiert.

«Da», deutete Zopf-Inge aus dem Fenster.

Waltraut blickte sich um und sah den Seemann von gestern entschlossen auf die Eisdiele zugehen.

«Mist», sagte sie.

«Hab ich doch gesagt», raunte Zopf-Inge.

Der Seemann schien sehr zornig zu sein.

«Geh aufs Klo», schlug die Freundin vor. «Dahin wird er dir schon nicht folgen. Ich wimmele ihn dann ab.»

«Löwin», sagte Waltraut leise zu sich selbst und blieb sitzen.

«Was?», fragte Zopf-Inge.

«Ich werde schon mit ihm fertig.»

eee

Joschi sah die blöde Gans schon durch das Fenster. Er öffnete die Tür so energisch, wie er noch nie eine Tür geöffnet hatte, und die Glocke läutete dabei so laut, wie sie vermutlich noch nie geläutet hatte. Wäre er nicht so wütend gewesen, hätte er wahrgenommen, wie erschrocken der Eisverkäufer aussah. Und die beiden alten Damen erst, die in der Ecke saßen. Er bemerkte auch nicht die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur, die erschrocken dreinblickte. Er fixierte nur die Gans, die bei seinem Anblick den Rücken durchdrückte und das Kinn leicht anhob.

«Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?», ging er sie scharf an.

«Waltraut Kampe», sie betonte ihren Nachnamen, als ob man auf ihn besonders stolz sein könnte.

«Du hast mich versetzt!»

Die Gans drückte den Rücken noch mehr durch.

«Und komm mir jetzt nicht mit irgendwelchen Ausreden!»

«Ich habe gar keine benutzt.»

Das stimmte, dachte Joschi, ließ sich davon aber nur kurz bremsen: «Du wirst dich jetzt bei mir entschuldigen!»

Sie entschuldigte sich nicht.

«Ich höre.»

«Was hören Sie denn?», fragte die Deutsche mit ruhiger, fester Stimme.

«Du entschuldigst dich jetzt auf der Stelle!», Joschis Stimme bebte vor Wut.

«Kennen Sie das HB -Männchen?»

«Aus der Werbung?», fragte Joschi, mitten in seinem Zornesausbruch irritiert.

«Das Männchen geht auch immer so vor Wut in die Luft wie Sie.»

Joschi hielt inne: Machte er sich etwa gerade so lächerlich wie das HB -Männchen?

«Vielleicht sollten Sie eine rauchen, um sich zu beruhigen.»

In der Tat schmachtete Joschi nach einer Zigarette. Er atmete durch. Ganz offensichtlich machte er sich gerade vor der gesamten Eisdiele zum Affen. Das hatte ihm die Gans geschickt klargemacht.

Was für eine ungewöhnliche Frau. Waltraut hieß sie. Klassischer deutscher Name. Aber anscheinend keine typische Deutsche, die Befehlen folgte.

Er atmete ein weiteres Mal durch und antwortete: «Nur, wenn du eine mitrauchst.»

***

Der Seemann lächelte.

Er hatte ein schönes Lächeln.

Das fiel Waltraut jetzt erst auf.

Und er war ein kleiner Hitzkopf. Aber keiner, vor dem man Angst haben musste. Es wirkte eher süß, wie er sich aufregte. Vielleicht würde es sogar nett sein, mit ihm eine zu rauchen. Jedenfalls netter, als sich weiter Zopf-Inges spinnerte Träume anzuhören, die sie ihr irgendwann austreiben musste, damit sie nicht ins Unglück rannte. Außerdem war eine Zigarette allesamt besser als dieser starke Kaffee. Und dennoch antwortete Waltraut: «Ich möchte nicht.»

Ein wenig hoffte sie, dass der Mann auch jetzt nicht lockerließ. Doch er sagte nur: «Joschi.»

«Was?»

«Joschi. So heiße ich. Eigentlich Josef. Aber alle nennen mich Joschi.»

«Aha.»

«Das sag ich dir, damit du weißt, wen du dir entgehen lassen hast», lächelte er charmant. Danach drehte er sich um und ging.

Waltraut war erst bass erstaunt, dann musste sie lachen. Der Kerl hatte was an sich. Sie schaute ihm nach, und kurz bevor er aus der Tür trat, rief sie: «Heute Abend versetze ich dich nicht!»

***

Joschi drehte sich um, blickte Waltraut in die Augen und erkannte, dass sie es ernst meinte. Beschwingt verließ er die Eisdiele und ging wieder in Richtung Hafen. Was für ein Tag: Die Sonne schien, er hatte eine Verabredung mit einer jungen Schönen – diesmal wirklich! Er freute sich schon auf die Blicke der beiden Pomaden-Kellner.

***

Waltraut stieg an der Domsheide aus der Straßenbahn und ging am Dom vorbei in Richtung Rathaus, unsicher, ob das Ganze nicht doch eine Schnapsidee war. Sie trug ihr zweitbestes von fünf Kleidern. Sie wollte gut aussehen, wenn sie in das Restaurant der Reichen ging, sich aber auch nicht auftakeln, damit der Seemann nicht dachte, sie wolle etwas von ihm. Außerdem sollten ihre Eltern nicht auf den Gedanken kommen, sie hätte ein Rendezvous. Waltraut hatte ihnen nichts von Joschi erzählt, als wäre sie immer noch eine Minderjährige und nicht eine Frau, die bereits ein eigenes Kind hatte. Papa würde es missbilligen, dass sie einen Kerl traf, der nur unwesentlich jünger war als er selbst. Und Mama, die Friedrich so sehr gemocht hatte, würde es gewiss als Verrat an ihm empfinden. Waltraut empfand es selbst ja auch als solchen und konnte ihn nur damit entschuldigen, dass diese Verabredung nichts Ernstes war. Nur ein Essen. Um zehn Uhr würde sie wieder zu Hause sein und der Seemann danach übers Meer davonfahren.

Sie ging über den Marktplatz, vorbei an der Roland-Statue, an der sie vor Jahren verhaftet worden war, hin zum Eingang des Ratskellers, wo er schon auf sie wartete. Waltraut setzte ein Lächeln auf wie für ihre Kunden. Er erwiderte das Lächeln. Aber seins schien von Herzen zu kommen. Und plötzlich spürte sie, dass sie sich auf die kommenden Stunden freute.

«Es ist viel schöner, hier zu sein, wenn man nicht versetzt wird», sagte der Seemann und bedeutete ihr mit einer eleganten Handbewegung den Weg zur Treppe des Ratskellers. Sie nahm die ersten Stufen nach unten, da traten zwei leicht angetrunkene Geschäftsleute in feinen Anzügen, wie sie bei Karstadt nicht verkauft wurden, aus der Tür heraus. Sie trugen Rolex-Uhren an der Hand. Waltraut besaß einen Blick für so einen ausgestellten Reichtum, konnte sie doch nicht begreifen, wie Menschen mehr Geld für eine Uhr ausgaben, als sie selbst für Jahre zum Leben brauchte.

Gleich hinter den beiden Männern kamen die Ehefrauen aus dem Restaurant. Ihr Schmuck wirkte sogar noch teurer als die Uhren. Waltraut hasste es, dass es Leute gab, die sich so etwas Teures leisten konnten. Und sie spürte Neid in sich aufkochen. Vor allen Dingen aber fühlte sie sich unterlegen, als die Paare die Treppe hochgingen und sie und den Seemann keines Blickes würdigten. Als ob sie Luft wären. Das schnürte Waltraut die Kehle zu. In dem Keller würden nur solche Menschen sein. Keine fünf Minuten würde sie es darin aushalten.

«Hast du etwas?», fragte Joschi.

«Nein … wieso?», antwortete Waltraut.

«Du bist mitten auf der Treppe stehen geblieben. Ich wäre beinahe in dich hineingelaufen, wir wären gestürzt und in den Ratskeller gepurzelt wie Stan Laurel und Oliver Hardy.»

Waltraut musste, trotz ihrer zugeschnürten Kehle, ein klein wenig lächeln.

«Du hast doch was», stellte der Seemann fest.

«Hättest du …», hob sie an, nur um dann mit dem Weiterreden zu zögern.

«Hätte ich was?», fragte Joschi lieb. Sie nannte ihn in ihren Gedanken nicht mehr Seemann oder alten Knacker.

«Was dagegen, wenn wir da nicht reingehen?», sie gehörte einfach nicht in diesen Keller.

«Nein, das habe ich nicht», machte Joschi gute Miene zum merkwürdigen Spiel. Er drehte sich um und ging die Treppe wieder hoch. Waltraut kam sich schäbig vor, erst hatte sie ihn versetzt und nun machte sie wieder einen Rückzieher: «Bitte sei nicht wütend.»

«Bin ich nicht», lächelte Joschi, «in dem Ding ist es eh muffig.»

Waltraut musste wieder lächeln.

«Und die Pomade der Kellner tropft einem in den Wein.»

Und jetzt sogar grinsen.

«Komm, ich bringe dich zur Straßenbahn», Joschi, fand Waltraut, benahm sich wie ein feiner Kerl. Sie wollte daher nicht, dass die Verabredung so zu Ende ging, und fragte: «Magst du noch ein Bier trinken?»

«Wer mag das nicht?», fragte Joschi.

eee

Joschi ging mit Waltraut an der Weser, die im Abendlicht funkelte, spazieren, beide mit einer Flasche Beck’s in der Hand. Seine war die dritte, die er sich an einem der Kioske am Deich geholt hatte, zweimal mit einem Underberg dazu. Waltraut hielt sich noch an ihrem ersten Bier fest. Joschi war wohl ums Herz. Ein Gefühl, das er schon lange nicht mehr verspürt hatte. Waltraut lachte bei all den Geschichten, die er von seinen Reisen erzählte. Besonders über die, wie er in Algier mal betrunken in das Hafenbecken geplumpst war. Neugierig fragte sie nach, wie es in den einzelnen Ländern so zuging: Südafrika, Italien, Frankreich und immer wieder nach Amerika, weil sie sich um ihre kurzhaarige Freundin sorgte, die dorthin ziehen wollte. Joschi begriff, dass seine Begleitung Bremen noch nie verlassen hatte. Erst hatte er Mitgefühl mit ihr, weil ihre Welt so klein war. Dann aber, als Waltraut mit leuchtenden Augen davon erzählte, wie gut es in ihrer Schmink- und Parfümabteilung bei Karstadt roch, freute er sich für sie: Wie wunderbar musste es sein, wenn man für immer an seinem Geburtsort leben durfte. Wie wunderbar wäre es für ihn gewesen, wenn er für immer in Wien hätte bleiben können. Mit Hedy. Und mit einem gemeinsamen Kind.

«Warum auf einmal so traurig?», fragte Waltraut.

«Äh, was?»

«Die ganze Zeit warst du fröhlich, und mit einem Male schaust du so traurig?»

Niemand hatte Joschi in Israel jemals gefragt, warum er traurig aussah. Da kannte man den Schmerz und fragte nie nach.

«Es ist nichts», sagte Joschi und setzte ein Lächeln auf.

«Ui, wie schlecht», sagte Waltraut.

«Schlecht?»

«So ein schlechtes Schauspielerlächeln habe ich noch nie gesehen.»

Joschi sah in Waltrauts freundliches Gesicht. Es lud ihn ein, sich ihr anzuvertrauen. Für ein paar Sekunden dachte er, diese Deutsche könnte der erste Mensch sein, zu dem er uneingeschränkt ehrlich wäre. Aber natürlich war das Quatsch. Sie war so jung. Unbeschwert. So frech und frei! Da könnte er doch nicht von den Toten aus Wien sprechen. Sie würde das nie verstehen. Außerdem würde er den Zauber des Abends damit brechen. So wehrte Joschi ab: «Ein anderes Mal.»

«Ein anderes Mal? Ich dachte, du fährst morgen wieder weg», der Gedanke schien ihr zu missfallen. Und das wiederum gefiel Joschi.

«Ich komme bestimmt mal wieder nach Bremen», lächelte er.

«Wann?»

Woher sollte er das wissen? In einem halben Jahr? In zwei? Seine nächste Reise nach Europa führte ihn in ein paar Monaten nur bis Amsterdam.

«Wann auch immer», sagte er, «wir sollten das Beste aus diesem Abend machen.»

«Ich steige nicht mit dir in die Kiste», wehrte Waltraut ab.

«An so was habe ich überhaupt nicht gedacht», antwortete Joschi und war selbst von sich überrascht. Bei Selma war das anders gewesen, und auch bei anderen Frauen, mit denen er sich im Laufe seines Lebens verabredet hatte. Eigentlich war er bisher nur nicht bei Dora sofort auf solche Gedanken gekommen. Weil sie ihm von Anfang an etwas bedeutete.

Bedeutete ihm diese Deutsche etwa auch …?

Blödsinn.

Aber er genoss ihre Nähe so sehr, dass er sie jetzt nicht, da der Gedanke von ihr ausgesprochen war, durch irgendein ungestümes Verhalten verprellen wollte: «Ich dachte, wir trinken und gehen vielleicht etwas tanzen. Mehr nicht.»

«Das geht leider nicht.»

Am Tag zuvor versetzt zu werden, hatte Joschi noch wütend gemacht, aber dass dieser wundervolle Abend bereits zu Ende gehen sollte, betrübte ihn: «Wieso?»

«Ich muss zu meiner Tochter.»

Sie hatte eine Tochter? Also auch einen Mann? Er betrachtete ihre Hände. Da war kein Ring. Das musste nichts bedeuten, er trug seinen auch nicht. Und diesmal nicht etwa nur, weil er Angst vor Überfällen hatte, sondern weil Waltraut nicht erfahren musste, dass er verheiratet war. Offensichtlich hatte sie seinen Blick auf ihre Hände bemerkt, denn sie sagte: «Witwe.»

So jung und schon Witwe?

Sie war also doch nicht so unbeschwert.

«Schon gut», sagte Waltraut, «wir kommen gut zurecht.»

Sie wirkte dabei stark. Und älter als ihre 25 Jahre. Und noch faszinierender.

«Du kannst mich aber noch gerne nach Hause bringen», bot sie an. Und Joschi war froh, dass auch sie den Abend nicht sofort beenden wollte.

***

Waltraut ging mit Joschi zurück zum Marktplatz, der noch voller Leben war: Menschen flanierten durch die Stadt oder saßen an den Außentischen der Gaststätten. Ein Trio von südländischen Straßenmusikanten – zwei mit Gitarre und einer mit Teufelsgeige – spielte fröhliche Musik.

«Wollen wir tanzen?», fragte Joschi.

«Wie bitte?»

«Wollen wir tanzen?», seine Augen leuchteten bei der Vorstellung.

«Ich … ich kann nicht tanzen», wehrte Waltraut ab.

«Jeder Mensch kann tanzen. Wenn sogar ich es kann.»

«Ich bin nicht jeder Mensch.»

«Nein, du bist wirklich nicht wie jeder Mensch», lächelte Joschi. Seine Worte machten Waltraut froh. Niemand in ihrer Familie oder bei Karstadt hielt sie für etwas Besonderes, dieser Kerl anscheinend schon.

Joschi ging zu den Musikanten, warf ihnen ein Fünfmarkstück in den Hut – er war nicht nur ein wenig verrückt, sondern auch großzügig – und bat: «Könntet ihr etwas richtig Schwungvolles spielen?»

Die Musikanten legten los. Joschi trat auf Waltraut zu und machte eine elegante Verbeugung: «Darf ich bitten?»

Sie sah sich um, zu all den Passanten, ihr war klar, dass sie sich lächerlich machen würde, wenn sie der Aufforderung nachkam. Und, was noch viel schwerer wog: Es wäre nun wirklich ein Verrat an Friedrich gewesen, dem einzigen Mann, mit dem sie bisher getanzt hatte. Am Tag ihrer Hochzeit. Also antwortete Waltraut freundlich, aber bestimmt: «Nein, das darfst du nicht.»

Joschi lachte, und anstatt sie zum Tanz zu drängen, sagte er zu ihrer großen Verblüffung: «Dann tanze ich eben allein.»

***

Joschi war beschwipst, aber nicht betrunken. Zudem beseelt von diesem Abend. Das erste Mal in Deutschland hatte er nicht mehr das Gefühl, dass Nazis ihm etwas anhaben konnten. Er war ein freier Jude – ach was – ein freier Mann – mitten auf einem deutschen Marktplatz. Und er wollte vor Freude darüber tanzen! So rief er: «Sirtaki», und tanzte, wie er es mal bei einem Landgang auf Kreta in einer Kneipe gesehen hatte. Na ja, so ähnlich. Genau hatte er sich die Tanzschritte nicht gemerkt. Viele der Passanten blieben stehen. Für sie machte er lustige Bewegungen, als wäre er ein tanzender Charlie Chaplin. Sie begannen zu klatschen. Er blickte zu Waltraut: Sie lachte und klatschte ebenfalls. Und es schien, als ob sie … ihn mochte? Wirklich, wirklich mochte?

Joschi schloss die Augen. Und fühlte sich unbeschwert, wie zuletzt in der Leopoldstadt.

***

Der verrückte Kerl hörte erst, zehn Sekunden nachdem das Lied zu Ende war, auf zu tanzen. Die Menge applaudierte, er verbeugte sich, dann deutete er zu den Musikern. Er nahm den Hut, ging herum und kassierte für sie das Geld. Als er es ihnen gab, klopften sie ihm fröhlich auf die Schulter, und er kehrte anschließend zu Waltraut zurück. Dabei strahlte er so glücklich, dass sie ihn am liebsten umarmt hätte, um etwas von seinem Glück abzubekommen.

«Wollen wir?», fragte Joschi.

Meinte er tanzen?

Sie konnte es sich mit einem Male vorstellen.

«Du musst nach Hause. Zu deiner Tochter. Da sind Taxis», deutete er zum Stand. «Ich begleite dich.»

Waltraut schüttelte sich leicht und sagte: «Danke.»

Auf der Fahrt erzählte Joschi noch von Griechenland, wo er den Tanz, wenn man ihn denn so nennen konnte, aufgeschnappt hatte. Er hatte so viel mehr von der Welt gesehen als sie, war spontaner, lebensfroher und schien jenes aufregende Weltenbummler-Leben zu führen, das Friedrich sich gewünscht hatte.

Friedrich hätte ihn gewiss gemocht.

Das Taxi hielt, Joschi zahlte dem Fahrer ein unverschämt gutes Trinkgeld, öffnete ihr galant die Tür und ließ sie aussteigen, als ob sie eine Edelfrau wäre. Dass es ihre erste Taxifahrt war, verschwieg Waltraut ihm. Er sollte sie nicht noch mehr für eine Landpomeranze halten, als er es vermutlich ohnehin schon tat. Ihr war es einerlei, was die Nachbarn denken würden – gewiss würden sie, obwohl es schon elf Uhr und dementsprechend dunkel war, hinter den Gardinen stehen und gaffen, Taxis verirrten sich nicht allzu oft in ihre Straße. Es war Waltraut sogar egal, ob die Eltern sie mit Joschi sahen. Sie war eine erwachsene Frau. Die mit einem älteren Mann aus war. Was war daran verkehrt? Es war doch ihr Leben!

Ihr Leben.

Seit Friedrichs Tod hatte sie gedacht, dass es nicht das ihre, sondern das für Gabi war.

Gabi! Hoffentlich schlief die Kleine schon.

Hoffentlich stärkte es sie, zu denken, eine Adelige zu sein.

«Jetzt siehst du traurig aus», stellte Joschi fest.

«Nein, nein», wehrte Waltraut ab.

«Und bist die schlechte Schauspielerin.»

Waltraut verzog das Gesicht.

«Du bist traurig, weil wir uns verabschieden», sagte Joschi mit einem so charmanten Selbstvertrauen, dass sie lachen musste.

«Etwa nicht?»

«Doch, doch», lachte sie. Sie konnte ihn ruhig in dem Glauben lassen. Besser, als von den Adelsträumereien ihrer Mutter zu reden. Und ein wenig stimmte es sogar: Sie fand es schade, dass der Abend zu Ende ging.

«In Spanien gibt man sich», sagte Joschi, «Wangenküsschen zum Abschied.»

«Wir sind nicht in Spanien.»

«Noch nicht.»

«Wie bitte?»

«Ich würde dir gerne die Welt zeigen und mit dir nach Spanien fahren.»

Waltraut musste schon wieder lachen: «Du bist ein Spinner.»

«Du wirst schon sehen.»

«Was immer du sagst.»

«Und dann werden wir auch tanzen», er sagte es mit einer solchen Gewissheit, dass Waltraut in ihrer Vorstellung mit Joschi über ein Parkett schwebte und dabei eine viel bessere Figur abgab als im richtigen Leben. Um diese Fantasie wieder zu verdrängen, sagte sie: «Auf Wiedersehen.»

«Und Wieder-Bier-Trinken», antwortete Joschi.

Waltraut lachte erneut und ging die Treppen zum Hauseingang hoch. Dabei spürte sie, wie ihr Joschi hinterherblickte. Sie wollte sich nicht mehr umdrehen. Doch kurz bevor sie die Tür hinter sich schloss, sah sie doch zu ihm. Er rief ihr zu: «Wir werden tanzen!»

Sie lächelte und machte die Tür hinter sich zu. Als sie das Treppenhaus hochging, wusste sie nicht, was sie mehr hoffen sollte: dass sie den Seemann wiedersah. Oder dass sie ihn nie wiedersehen würde.

***

Was sollte er nur schreiben? Was nur? Joschi hockte in einem Straßencafé am Fischmarkt von Le Havre und starrte umweht von Fischgeruch auf die Postkarte, die er für Waltraut in Rotterdam gekauft hatte und die er ihr bereits dort hatte schicken wollen, Straße und Hausnummer hatte er sich ja gemerkt. Nach vier französischen Cafés und zwei Cognacs war er noch aufgeregter und unsicherer als zuvor. Ein baldiges Wiedersehen konnte er ihr kaum versprechen, fuhr er doch so schnell nicht mehr nach Bremen, vielleicht würde er es gar nicht mehr tun. Ihr lediglich zu schreiben, dass er sich in Rotterdam oder in Le Havre befand, wäre zu simpel gewesen und Letzteres bei einer Karte, die den Hafen von Rotterdam abbildete, auch etwas merkwürdig. Verdammt, er hätte sich eine mit der Kathedrale von Le Havre kaufen sollen!

Schon allein die Anrede fiel Joschi schwer. Sollte er ‹Liebe Waltraut› schreiben oder, etwas aufdringlicher, ‹Liebste Waltraut›? Erst beim dritten Cognac fand er den Kompromiss. Er schrieb zwar ‹Liebste›, ansonsten formulierte er aber fast so sparsam wie in einem Telegramm, dass es ihm gut ginge und sie doch bitte ihre Tochter Gabi grüßen sollte. Auf diese Weise war die Postkarte ebenso herzlich wie unverbindlich.

Joschi bezahlte seine Getränke, ging zum Postamt und warf die Karte ein. Und weil ihm dieser Akt jenem wunderbar wohligen Gefühl, das er mit Waltraut empfunden hatte, wieder näherbrachte, schickte er in den nächsten Wochen auch eine Karte aus Marseille und eine weitere aus Athen.

Als Joschi in Haifa von Bord ging, hätte er am liebsten gleich wieder eine geschrieben, traute sich jedoch nicht. Gegenüber Waltraut hatte er nicht erwähnt, dass er ein Jude aus Israel war. Er glaubte zwar, dass sie keine Vorurteile haben würde, aber wer wusste das schon so genau? Wer wollte das schon so genau wissen?

 

«Und wenn ich nächste Woche die Leitungsstelle antrete, werde ich Änderungen durchdrücken», sagte Dora animiert, während den beiden vom Kellner des Hafenrestaurants Fisch serviert wurde. «Besonders wenn es um unser Verhältnis zu den Ärzten geht. Die behandeln uns wie Sklavinnen!»

Joschi staunte, wie viel lebendiger seine Frau wirkte im Vergleich zu seiner Abreise. Dass man ihr die Stationsleitung übertragen hatte, machte sie fast zu einem neuen Menschen.

«Wir Frauen rackern mehr als die Männer. In ganz Israel. Golda Meir ist Außenministerin, und die feinen Herren Ärzte glauben immer noch, wir sind nur kleine dumme Häschen. Aber das sind wir nicht …»

Joschi nahm einen Schluck Wein, hörte Dora nicht mehr richtig zu und ließ seinen Blick über den Hafen schweifen. Waltraut war auch kein dummes Häschen.

«… Gleichberechtigung. Das ist doch ein genauso zionistischer wie sozialistischer Gedanke.»

Das Meer roch und funkelte genau so, wie Joschi es liebte. Und dennoch wäre er jetzt gerne auf dem Bremer Marktplatz gewesen.

«Ich werde den Laden umkrempeln, Joschi.»

Bei der Erwähnung seines Namens sah er wieder zu Dora. Ihr Gesicht war voller Leben. Da begriff Joschi, dass sich seine Frau gerade ein neues Leben aufbaute, während er zur See fuhr, immer mit einer neuen Fahrtroute, doch stets ohne Ziel.

 

Als die beiden zu Hause im Bett unter der dünnen Decke lagen, die man in Wien für ein zu dickes Laken gehalten hätte, fragte Dora: «Ich habe jetzt so viel erzählt. Wie war es bei dir? Du hast das letzte Mal aus Göteborg eine Postkarte geschickt.»

«Ganz normal, wie immer.»

«Wirklich nichts geschehen?», fragte sie ohne Argwohn.

«Wirklich nicht. Wir hatten nur die ganze Zeit Ärger mit der Schiffsturbine.» Kaum hatte Joschi es ausgesprochen, ärgerte er sich darüber. Die Reparatur war nun mal in Bremen gewesen, und natürlich war das Letzte, was er seiner Ehefrau erzählen mochte, wie er mit einer anderen, zudem noch jüngeren Frau ausgegangen war und an jenem Abend so etwas wie Glück empfunden hatte.

«Klingt ärgerlich», sagte Dora, machte das Licht aus und kuschelte sich an ihren Mann. «Das habe ich vermisst.»

«Ich auch», antwortete Joschi und merkte erst während er die Worte sprach, dass er es nicht vermisst hatte.

«Ich muss morgen früh raus. Ich habe einen Termin mit dem Direktor.»

Dora schloss die Augen. Joschi tat es ihr gleich. Er dachte nicht mal daran, wie früher, wenn er von Reisen zurückgekehrt war, mit ihr schlafen zu wollen. Stattdessen wanderten seine Gedanken erneut nach Bremen. Zu Waltraut.

«Woran denkst du?», fragte Dora mit einem Male.

Ahnte sie etwas?

«An … an …»

«An?»

«Marjem», antwortete Joschi und hoffte, dass es glaubwürdig klang. «Und wie es ihr wohl in Jerusalem ergeht.»

«Du hast sie lange nicht gesehen.»

«Vielleicht sollte ich sie besuchen?»

«Das solltest du», sagte Dora, ohne anzubieten, ihn zu begleiten. Dabei hatte er doch nur zwei Wochen Urlaub, bis es wieder aufs Schiff ging. Wollte sie nicht jeden Tag mit ihm zusammen sein? Anscheinend nicht. Das verletzte Joschi in seinem Stolz. Doch wenn er ehrlich war, hatte er nichts dagegen, ein paar Tage ohne seine Ehefrau in Jerusalem zu verbringen.

 

Bereits am nächsten Morgen trat Joschi mit einer kleinen Reisetasche aus dem Haus. Vor dem Eingang stand der kleine Abraham ganz allein in der Sonne und schien auf etwas oder jemanden zu warten. Joschi staunte, wie schnell Selmas Junge, von dem er sich selbst verbat, ihn als seinen anzusehen, wuchs. Nicht mehr lange und er würde zur Schule gehen.

«Hallo, kleiner Mann, wie geht’s?», sagte Joschi freundlich, als sei er nichts anderes als ein befreundeter Nachbar. Dabei blickte er ihm lieber nicht in die Augen, von denen Rosl meinte, es wären seine.

«Gut», antwortete Abraham und behandelte Joschi dabei nicht wie einen befreundeten Nachbar, sondern wie einen vage bekannten.

Eigentlich wusste Joschi auch nichts über den Jungen. Deshalb fragte er: «Spielst du gerne Fußball?»

«Ja», kam es knapp zurück. Eine Quasselstrippe war der Kleine nicht gerade. Kein Wunder, sein Vater Jakov sagte auch kein Wort zu viel. Joschi überlegte, ob er anbieten sollte, mal mit ihm Fußball zu spielen – er konnte sich nicht vorstellen, dass Jakov so etwas tat. Aber noch bevor er etwas sagen konnte, öffnete sich hinter ihm die Haustür und Selma hastete heraus. Seitdem sie eine Mutter war, hatte sie sehr an Attraktivität eingebüßt. Nicht etwa, weil sich ihr Körper verändert hatte, sondern weil sie mit ihrer neuen Rolle ständig überfordert war. Sie herrschte ihren Sohn an: «Geh schon mal vor!»

Der Kleine tat, wie ihm geheißen, und Selma wandte sich an Joschi: «Wir haben keine Zeit. Wir sind schon zu spät für den Kindergarten.»

Joschi wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte.

«Und», zischte sie, «ich habe dir schon tausendmal gesagt: Abraham ist nicht dein Sohn.»

Eigentlich hatte sie ihm das noch nie gesagt. Nur öfter angedeutet. Es nun so deutlich zu tun, sprach dafür, dass es nicht stimmte, sondern ein Geheimnis war, das Selma mit aller Macht bewahren wollte.

«Du wirst ihn nie, nie wieder ansprechen», bestimmte sie.

Sie hastete zu Abraham, nahm seine Hand und eilte mit ihm davon. Wie auf der Flucht. Joschi sah den beiden nach. Selma würde ihm den Kontakt zu diesem Kind niemals erlauben. Nicht mal den als einfachen Nachbar, der ab und an mit dem Jungen Fußball spielt.

 

«Ich liebe es hier!», sagte Marjem. Seine kleine Cousine, der ihre schwarze Rezeptionistinnen-Uniform mit der weißen Bluse außerordentlich gut stand, führte Joschi durch das King David. Sie war eine hübsche, wenn auch sehr dünne junge Frau geworden, und Joschi war stolz auf sich, dass er ihr dank seiner alten Kontakte eine Lehrstelle in dem Nobelhotel hatte besorgen können.

«Ich darf bereits nachts allein die Rezeption besetzen. In der Nachtschicht ist es am schönsten. Wenig Menschen. Aber die, die da sind, sind die interessantesten.»

Joschi erinnerte sich an die lang vergangenen Zeiten, als er in dem deutlich weniger glamourösen Hotel Yehuda selbst Nachtschichten an der Rezeption schieben musste. Keine einzige Minute davon hatte er als schön in Erinnerung und so einige der nächtlichen Gäste als ausgesprochen unangenehm.

«Komm Joschi, ich lade dich zu einem Kaffee in der Bar ein!»

Die Bar. Würde Winston dort noch arbeiten? Er wollte den alten Freund an die Brust drücken.

«Komm schon!», Marjem drängelte regelrecht.

«Da ist doch der Kaffee viel zu teuer für dich.»

«Na hör mal, ich kann den zahlen.»

«Ich lad dich ein.»

«Nein, nein, nein! Ich verdiene mein eigenes Geld. Ich lade dich ein!», Marjem strahlte dabei so stolz, dass Joschi nichts anderes tun konnte, als ihr zu folgen. Sie besaß den Dickkopf von Rosl. Mama Scheindel hatte auch einen gehabt. Er schien bei den Klapholz-Frauen vererbbar zu sein.

Als Joschi die Bar betrat, hatte sie sich nur in einer, dafür aber bedeutenden, Hinsicht verändert: Statt der englischen Offiziere wurde sie nun vor allem von Geschäftsleuten und wohlhabenden Touristen frequentiert.

«Arbeitet hier noch ein Winston?», fragte er seine Cousine.

«Nein. Nicht mehr. Man hat mir erzählt, dass er einen wohlhabenden Engländer kennengelernt hat und mit ihm nach London gegangen ist.»

Joschi freute sich für Winston. Nach all den heimlichen, flüchtigen Begegnungen mit Männern hatte er endlich einen fürs Leben gefunden. Dann betrachtete Joschi sich Marjem, wie sie formvollendet Kaffee für sie beide bestellte. Offensichtlich schaute sie sich die guten Manieren der vornehmen Gäste ab. Es war gewiss nur eine Frage der Zeit, bis auch ihr ein wohlhabender Gast einen Antrag machte. Hoffentlich hatte sie vorher keine heimlichen, flüchtigen Begegnungen. Am liebsten hätte er seine Cousine davor bewahrt.

«Du brauchst mir», sagte sie, «kein Geld mehr zu schicken.»

«Ich tue das aber gerne.»

«Ich stehe jetzt auf meinen eigenen Füßen.»

«Ja, das tust du wohl», stellte Joschi fest.

Marjem brauchte ihn nicht mehr. Selma und der kleine Abraham ohnehin nicht. Dora immer weniger. Es war ernüchternd, zugleich jedoch auch befreiend.

 

Nach dem Kaffee musste Marjem zurück zu ihrer Schicht. Joschi gab ihr zum Abschied ein Wangenküsschen, verließ das Nobelhotel und ging durch die schwülheißen Jerusalemer Straßen, in denen das abendliche Treiben so laut und wild war wie eh und je. Anfangs ließ er sich ziellos umhertreiben, machte sich dann aber auf zum Café Royal. Enttäuscht stellte er fest, dass es nun Café Shneor hieß und rein gar nichts mehr mit dem Einwanderertreff von damals zu tun hatte. Er blieb vor der Tür stehen und dachte an seinen Freund Amos. Das Letzte, was Joschi von ihm gehört hatte, war, dass er doch nicht in Amerika, sondern in Hamburg gelandet war und dort als erfolgreicher Liedtexter arbeitete. Wie konnte Amos in Deutschland leben, hatte er eine anständige Deutsche kennengelernt, so wie es Waltraut in Joschis Vorstellung war?

Joschi hatte plötzlich große Lust, mit seinem Freund zu reden. Er ging zurück in das kleine Hotel, in das er sich eingebucht hatte, und bat um ein Telefon. Auch wenn ein Gespräch nach Deutschland teuer sein würde, ließ er sich mit Amos in Hamburg verbinden. Es klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Beim sechsten Mal wollte Joschi schon wieder auflegen, als jemand abhob.

Joschi freute sich, gleich die Stimme seines Freundes zu hören. Doch es war die Stimme einer Frau: «Horstmann.»

War das eine deutsche Freundin von Amos? Jedenfalls war es keine junge Frau, so verlebt, wie ihre Stimme klang.

«Hallo, ich möchte Amos sprechen.»

«Der lebt nicht mehr hier.»

«Oh, können Sie mir vielleicht seine neue Telefonnummer geben?»

«Das kann ich nicht.»

«Warum nicht?»

«Der lebt gar nicht mehr.»

Joschi traf es wie ein Schlag.

«Ich bin die Nachmieterin.»

«Woran», versuchte Joschi sich zu sammeln, «ist Amos gestorben?»

«Hat sich aufgeknüpft.»

Joschis Herz zog sich zu einem kleinen Klumpen zusammen.

«Gott sei Dank auf dem Dachboden und nicht in der Wohnung. Sonst hätte ich hier nicht einziehen können.»

«W… wieso hat er das getan?»

«Die Nachbarin von gegenüber sagt, dass er einen dunklen Herbst in sich trug. Was immer das auch heißen mag.»

Sein fröhlicher Freund war schwermütig gewesen?

«Wollen Sie noch etwas von mir wissen?»

Joschi hätte gerne Antworten gehabt, aber er wusste nicht, welche Fragen er stellen sollte.

«Dann lege ich jetzt auf.»

Es machte Klick. Joschi hielt erschüttert den Hörer in der Hand. Amos hatte das große Morden überlebt und sich letztlich selbst das Leben genommen.

Es dauerte eine Weile, bis Joschi den Hörer auflegte. Er setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und starrte auf die belebte Straße. Zwei vorübergehende Männer lachten wie einst Amos und er, wenn sie gemeinsamen unterwegs waren. Joschi fragte sich, ob er um seinen Freund weinen sollte, beschloss aber, lieber einen auf ihn zu trinken.

Er machte sich auf, eine Bar zu suchen. Auf dem Weg schnürte sich seine Brust zu, denn er fürchtete, dass auch er eines Tages so einen dunklen Herbst in sich tragen könnte wie sein Freund. Je weiter Joschi ging, desto größer wurde der Druck auf seiner Brust, bis er drohte, keine Luft mehr zu bekommen.

An einer Kreuzung hielt er inne. Versuchte durchzuatmen. Vergeblich. Er hatte das Gefühl zu ersticken. Er lockerte seinen Schlips. Es half nichts. Ihm wurde schwummerig vor Augen. Er beugte sich nach vorne. Stützte sich mit seinen Händen auf den Knien ab. Atmete durch. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es half nicht. Hilfe suchend blickte er zur Seite. Sah einen Kiosk. Wollte sich Wasser kaufen. Sah Postkarten. Dachte an jene, die er Waltraut geschickt hatte. Begann wieder ein bisschen Luft zu bekommen. Etwas klarer zu sehen. Die Panik verflog langsam.

Ungefähr nach zwei Minuten richtete er sich wieder auf, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn, ging auf den Kiosk zu und schaute sich die Postkarten genauer an. Überlegte, ob er Waltraut nicht doch eine aus Israel schicken sollte. Er könnte ja schreiben, dass die Schiffsroute sich geändert habe und er deswegen in Israel sei. Er wählte eine Karte aus, auf der die Grabeskirche abgebildet war – so könnte Waltraut immer noch denken, er sei ein Christ. Joschi kaufte die Karte und eine Flasche Wasser, die er fast vollständig leerte, den Rest schüttete er sich ins Gesicht und trocknete es mit dem Hemd ab. Anschließend legte er die Karte auf einen Stapel Zeitungen und schrieb Waltraut eine Einladung.

***

Mit jedem Tag dachte Waltraut weniger an Joschi. Bei der Arbeit gab es im Sommer enorm viel zu tun, weil mehr Leute einkauften als sonst. Darunter auch ein etwa 30 Jahre alter, schüchterner, blonder Mann im maßgeschneiderten Anzug. Hätte er statt seiner akkurat gescheitelten Kurzhaarfrisur längere Haare gehabt, wäre er eine Idealbesetzung für Tarzan gewesen. In Waltrauts Anwesenheit stammelte der Anzugtarzan wie der Dschungelheld wenig Zusammenhängendes. Schon den vierten Tag in Folge kaufte er etwas für seine Ehefrau, von der Waltraut der festen Überzeugung war, dass sie gar nicht existierte, denn der Anzugtarzan trug zwar einen edlen Siegel-, aber keinen Ehering. Vermutlich war er schwul, was Waltraut einerlei war. Ob Zopf-Inge was mit Schwarzen hatte, Männer andere Männer liebten, was ging sie das an? Was ging es andere an, dass sie alleinerziehend war? Jeder sollte sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern!

Waltraut sprach kein überflüssiges Wort mit dem Anzugtarzan, dennoch sagte er zum Abschied: «Sie sind eine sehr gute Verkäuferin.» Und da Waltraut das auch fand, freute sie das Lob so sehr, dass sie dem Blonden hinterhersah, als er das Kaufhaus verließ.

 

Als Waltraut abends nach Hause kam, empfing sie ihre Mutter schon an der Haustür und sagte: «Geh mal zu Gabi. Die liegt im Bett.»

«Ist sie krank?», fragte Waltraut besorgt. Die Kleine war gesundheitlich eigentlich robust, aber das war Gabis Vater auch gewesen, bis er es nicht mehr war. Daher versetzte Waltraut jedes noch so kleines Wehwehchen ihrer Tochter in Alarmstimmung.

«Nein, sie ist nicht krank.»

«Gut», Waltraut hätte gerne durchgeatmet, aber dafür blickte die Mutter zu besorgt drein.

«Auf eine gewisse Art ist es übler.»

«Was ist geschehen?»

«Geh zu Gabi.» Mama Henriette wandte sich ab, als ob sie ein schlechtes Gewissen hatte. Waltraut ging in das Zimmer, in dem sowohl ihr eigenes schmales Bett als auch das Kinderbettchen von Gabi stand, und sah sofort, was los war: Ihre Tochter hatte ein blaues Auge und ein paar Schrammen an Armen und Beinen.

«Was ist geschehen?»

«Sie haben darüber gelacht, dass ich adelig bin. Und Christoph hat mich geschubst, und da bin ich hingefallen.»

Kein Wunder, dass Mutter Henriette ein schlechtes Gewissen hatte. Waltraut wusste, dass sie auch eins hätte haben müssen – schließlich war sie es gewesen, die wollte, dass ihre Mutter die Lügengeschichte Gabi erzählt –, aber sie verspürte nur Wut auf die Kindergärtnerin.

«Was hat Frau Polle getan?», fragte sie ihre Tochter.

«Sie hat gesagt, ich solle nicht so einen Quatsch erzählen. Und endlich aufhören, die Jungen zu ärgern.»

Waltraut nahm ihr verzweifeltes Kind nicht in den Arm. Stattdessen stürmte sie aus dem Zimmer heraus in den Flur zu der wackeligen Kommode, die der Vater vom Sperrmüll geholt und deren Beine er immer noch nicht angeglichen hatte. Sie schlug das Telefonbuch auf, fand die Adresse der Kindergärtnerin und machte sich auf den Weg durch Bremen-Walle zu einer Siedlung mit einstöckigen Arbeiterhäuschen. Sie klingelte. Es dauerte ein wenig, bis Frau Polle, eine grauhaarige Frau mit Tränensäcken, die Tür öffnete. Der Geruch von gekochtem Rosenkohl begleitete sie. Genervt fragte die Kindergärtnerin: «Frau Kampe? Was wollen Sie denn hier? Wenn Sie etwas zu bereden haben, ist der Kindergarten dafür der richtige Ort.»

Waltraut bebte vor Wut.

«Zeigen Sie bitte ein wenig Respekt und gehen Sie.»

Waltraut sah keine Person vor sich, die ihren Respekt verdiente. Nur eine Kindergärtnerin, die ihre Tochter nicht beschützte. Auch ein wenig Frau Scharper, jene Lehrerin, die sie in ihrer Schulzeit gequält hatte. Und Waltraut tat, weswegen sie hergekommen war: Sie verpasste Frau Polle eine schallende Ohrfeige.

«Ah!», schrie die Kindergärtnerin auf, taumelte von der Wucht des Schlages und hielt sich am Türrahmen fest. Am liebsten hätte Waltraut ihr noch eine gelangt, drohte aber stattdessen: «Wenn Sie meine Tochter nicht vor den Jungs beschützen, komme ich wieder. Und immer wieder, bis Sie es tun.»

Die Löwenmutter hätte ihr Opfer so gerne jetzt schon gerissen. Aber es hielt ihr den Hals hin: «Ja … ja … ich passe auf Ihre Tochter auf …»

Waltraut ging, ohne sich zu verabschieden. Immer noch vor Zorn bebend. Aber auch mit der Euphorie einer Löwin, die das Blut ihres Opfers an den Lippen schmeckte.

 

«Ich muss Ihnen etwas gestehen», sagte der Anzugtarzan mit seiner für den imposanten Körper etwas zu hohen Stimme.

«Was denn?», fragte Waltraut, die an der Kasse gerade den fünften Lippenstift innerhalb von zwei Wochen abrechnete und sein etwas zu strenges, dafür aber sehr teures Eau de Toilette roch.

«Ich bin nicht verheiratet.»

«Nicht?» Waltraut gab sich Mühe, erstaunt zu wirken.

«Nein, bin ich nicht», der Hüne und blickte zu Boden und schwieg. Wenn er sich eine Nachfrage von Waltraut erhoffte, konnte er lange warten. Von ihr aus könnte er sich zu Hause so viel Lippenstift auftragen, wie er wollte, und auch in Frauenkleidern rumlaufen, aber sie mochte jetzt nicht die Beichtdame für ihn spielen. Anzugtarzan schaute wieder auf und sagte: «Ich … ich …»

«Sie benutzen den Lippenstift gerne selbst», sagte Waltraut verständnisvoll.

«Was? Nein! Nein!», wehrte der Hüne empört ab, «ich komme immer wieder, weil ich Ihre Bekanntschaft machen will.»

«Ach so», lachte Waltraut über ihre etwas peinliche Fehleinschätzung.

«Finden Sie das etwa lustig?», der Mann war von ihrem Verhalten verwirrt.

«Es tut mir leid», sagte Waltraut aufrichtig.

Das schien ihn ein wenig zu erleichtern.

«Sie wollen mich kennenlernen?», Waltraut war verblüfft. Ein Mann, der sich so einen teuren Anzug leisten konnte, wollte die Bekanntschaft einer einfachen Verkäuferin machen?

«Ich habe Sie zufällig in der Obernstraße gesehen, als ich auf den Weg ins Büro war, und dachte sofort, ich muss wissen, wer Sie sind. Da bin ich Ihnen zur Arbeit gefolgt.»

«Machen Sie das öfter?»

«Nein, Sie sind die Erste. Ich schwöre es!»

Es gab viele Männer, denen Waltraut die Meinung gegeigt hätte, dass sie nicht das Recht besäßen, ihr einfach so zu folgen. Aber dieser hier wirkte hilflos. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet.

«Würden Sie», nahm der Anzugtarzan all seinen Mut zusammen, «mit mir ausgehen, vielleicht in ein Konzert des Bremer Philharmonischen Staatsorchesters?»

Waltraut wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie suchte keinen Mann, und nun war der stattliche Hüne nach dem Seemann schon der Zweite innerhalb kürzester Zeit, der sie ausführen wollte. Beide Kerle waren ein wenig verrückt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Anscheinend zog sie solche Irren an. Was sagte das eigentlich über sie aus?

«Sagen Sie nicht sofort Nein», bat der Anzugtarzan hastig.

Waltraut war in Gedanken noch nicht einmal so weit gekommen, über ein Ja oder Nein nachzudenken.

«Hier ist meine Karte, rufen Sie mich bitte an, wenn Sie mögen», der Hüne überreichte ihr eine Visitenkarte, auf der das gleiche Siegel abgebildet war wie auf seinem Ring. Sie las seinen Namen, und ihr wurde klar, dass ihr gut aussehender Verehrer einer der bekanntesten Bremer Unternehmerfamilien angehörte. Er musste so viele Millionen schwer sein wie alle Einwohner von Walle zusammen. Durfte sie einen so reichen Mann überhaupt verprellen? Am Ende beschwerte er sich noch beim Kaufhausdirektor über sie. Aber zusagen mochte Waltraut auch nicht. Deshalb antwortete sie: «Ich werde es mir überlegen.»

«Mehr kann ich nicht wünschen», war der Unternehmersprössling erleichtert, sich keinen Korb geholt zu haben. Waltraut sah ihm ungläubig nach. Ein Mann aus der feinen Bremer Gesellschaft wollte mit ihr ausgehen. So nahe war sie an dem längst vergessenen Traum ihrer frühen Jugend, dieser Schicht einmal anzugehören, noch nie gewesen.

Aber selbst wenn sie sich auf diese Verabredung einließ: Sie hatte sich ja nicht einmal getraut, mit Joschi in den Ratskeller zu gehen. Wie unangenehm würde erst der Besuch eines klassischen Konzerts sein? Sie hatte doch noch nie eines besucht. Noch nicht mal ein normales, wie von Peter Kraus. Andererseits: Würde sie sich an dem Arm eines Mannes, der die feine Gesellschaft kannte, nicht sicherer fühlen als mit einem Seemann?

 

Während des ganzen Arbeitstages und auch auf der Nachhausefahrt blickte Waltraut immer wieder unschlüssig auf die Visitenkarte. Und als sie die Wohnungstür öffnete und hörte, wie Gabi mit der Oma über die Hühner sprach, die einst vor dem Eisenbahnwaggon frei herumgelaufen waren, fragte sie sich, ob es für ihre Tochter nicht wunderbar wäre, in einer reichen Familie aufzuwachsen. Frau Polle hatte zwar dafür gesorgt, dass Gabi im Kindergarten nicht mehr von den Jungs geärgert wurde und sie auch endlich so schnell laufen durfte, wie sie wollte, aber wie gut müsste es der Kleinen erst gehen, wenn sie nicht einem erschwindelten Adelsgeschlecht entstammte, sondern einer echten Unternehmerfamilie angehörte?

Waltraut schalt sich selbst, dass die Fantasie mit ihr durchging: Der Mann, der laut Karte mit Vornamen Gerhard hieß, war zwar offensichtlich in sie verschossen, aber dies hieß noch lange nicht, dass er sie auch heiraten würde. Dennoch ging sie zur Kommode, um sich das Telefon zu schnappen und ihn anzurufen, das gebot die Höflichkeit. Als sie den Finger in die Wählscheibe steckte, sah sie neben dem Telefon eine Postkarte liegen. Gewiss war es wieder eine von Joschi. Sie nahm den Finger aus der Scheibe und griff nach der Karte, die die Grabeskirche Christi abbildete, von deren Existenz sie gar nicht gewusst hatte, und las, was auf deren Rückseite stand: Es war eine Einladung. Nach Amsterdam.

 

«Das steht dir!», jubelte Babsi, während sich Waltraut im Spiegel einer der Karstadt-Umkleidekabinen betrachtete: Sie trug ein schwarzes Abendkleid. Es wallte bis zum Boden und war für Waltrauts Verhältnisse viel zu teuer. Doch mittlerweile besaß sie in dem Kaufhaus einen so guten Ruf, dass sie nicht mehr Frau Siegens Hilfe benötigte, um sich unter der Hand ein teures Stück Garderobe auszuleihen.

«Wirklich, ganz, ganz toll!»

Waltraut konnte Babsi in Gedanken nur zustimmen. Wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, die das Abendkleid und dazu diesen schönen roten Seidenschal trug, sondern eine Freundin, hätte sie zu ihr gesagt: «Du bist für solche Kleider geboren.»

«Nicht schlecht, Frau Specht.» Zopf-Inge steckte den Kopf durch den Vorhang. Mit der dicken Babsi zusammen hätte sie nicht zu Waltraut in die Kabine gepasst. Waltraut betrachtete sich weiterhin stolz im Spiegel: So könnte sie heute Abend bei dem Konzert in der Glocke neben Gerhard bestehen.

«Aber an deiner Stelle», sagte Zopf-Inge, «würde ich dennoch heute den Nachtzug nach Amsterdam nehmen.»

«Inge, jetzt hör doch mal auf damit!»

«Das ist doch ein Zeichen, dass der Seemann ausgerechnet morgen in Amsterdam ist. Und er dir eine Karte für den Nachtzug direkt nach dem Konzert geschickt hat.»

«Das ist ein dummer Zufall.»

«Zeichen.»

«Zufall!»

«Deine Kleine ist noch für eine Woche mit deinen Eltern am Dümmer See. Du hast endlich ein paar Tage für dich. Das ist ein Zeichen.»

Waltraut seufzte. Auch das war ein Zufall. Es waren nun mal Sommerferien. Und mehr als die eine Woche Zelten konnte sich ihre Familie nicht leisten. Aber falls der Unternehmer ihr heute Abend auch nur halb so sehr gefallen würde wie sie offensichtlich ihm, könnte die Kleine vielleicht irgendwann ganz woanders Urlaub machen. Babsi hatte gehört, dass Gerhards Familie ein Haus auf Sylt besaß. Und eins auf Mallorca. Und eins am Comer See, wo immer der auch liegen mochte.

Waltrauts Leben drehte sich nun mal um die eigene Tochter. Ein besseres würde es für die Kleine mit dem Seemann nicht geben, höchstens ein flüchtiges Abenteuer, das Waltraut partout nicht eingehen wollte: «Wie oft denn noch: Ich fahre doch nicht einfach nach Amsterdam, nur weil er es will!»

«Du gehst ja auch in ein Konzert, weil es der Bonze will.»

«Und eben deswegen kann ich doch nicht gleich danach in einen Zug steigen. Wie sieht das denn aus?»

«Nach einer tollen Frau, die endlich mal was von der Welt sieht.»

«Schwachsinn!»

«Weißt du was, ich packe dir eine Reisetasche und bring sie dir zum Bahnhof aufs Gleis.»

«Die Mühe kannst du dir sparen.»

«Werden wir ja sehen», grinste Zopf-Inge.

«Was soll das denn heißen?»

«Du passt nicht zu den feinen Pinkeln.»

«Na, vielen Dank!»

Zopf-Inge zog den Kopf wieder zurück, und die beiden in der Kabine konnten hören, wie sie davonging. Dabei rief sie so laut, dass es halb Karstadt hören konnte: «Wir sehen uns um 23:09 Uhr auf dem Gleis!»

 

Klopfenden Herzens betrat Waltraut mit Gerhard das Foyer der Glocke, in dem sich Hunderte Menschen in Abendgarderobe tummelten. Die meisten tranken Sekt. Andere aßen, ganz wie normale Menschen, Brezeln. Vielleicht, so hoffte Waltraut, waren die feinen Pinkel ja nicht halb so angsteinflößend, wie sie dachte.

Sie waren es doch.

Kaum wurden die ersten Leute gewahr, dass Gerhard anwesend war, richteten sich ihre Augenpaare auf die beiden. Noch viel unangenehmer als der Blick der Männer auf Waltrauts Busen und Po war jener der Frauen, die sie von Kopf bis Fuß eingehend musterten.

Ein etwas älterer Freund von Gerhard trat mit seiner Frau zu ihnen, und Gerhard stellte Waltraut als seine Begleitung vor. Der Freund namens Matthias trug eine goldgefasste Brille, während seine Frau Annegret ein dunkelgrünes Kleid anhatte, das gewiss ein Unikat war. Gegen sie kam sich Waltraut sogar mit der von Babsis Mutter geliehenen Perlenkette vor wie eine arme Kirchenmaus.

«Mögen Sie auch so sehr Puccini, Frau Kampe?», fragte Annegret mit einem falschen Lächeln, für das sie bei einer Verkäuferinnenlehre von einer Ausbilderin wie Frau Siegen gescholten worden wäre.

«Sehr», schwindelte Waltraut, die, wenn sie aus Versehen im Radio eine Oper erwischte, schnell weiterdrehte, um den Sender zu wechseln.

«Und was mögen Sie genau an Puccini?», die Frau schien zu wittern, dass Waltraut nicht hierhergehörte.

«Die Musik», ging Waltraut mit einem strahlenden Lachen in die Offensive.

«Ah ja», wusste Annegret nicht ganz, wie sie darauf reagieren sollte. Waltraut sah zu Gerhard, doch der befand sich schon im Gespräch mit seinem Freund über die steigenden Kaffeepreise. Offensichtlich verdiente der Brillenträger sein Geld mit ebenjenen Kaffeesäcken, die Waltrauds Bruder den Rücken ruinierten. Bestimmt lief hier auch irgendwo der Werfteigentümer herum, für den ihr Vater schuftete.

«So», stellte Annegret fest, «Sie wollen sich also unseres Gerhards annehmen.»

Waltraut hätte ihr am liebsten geantwortet, dass nicht sie es war, die sich Gerhard schnappen wollte, sondern er ihr hinterhergelaufen war. Aber das gehörte sich wohl nicht und würde außerdem Gerhard blamieren. Daher antwortete sie mit einer Gegenfrage: «Unseres Gerhards?»

«Gerhard hat viele Freunde», die Frau deutete mit ihrem Sektglas ins Foyer, als ob sie mit einer Armee drohen wollte, «wir wollen, dass es ihm gut geht.»

«Natürlich», antwortete Waltraut.

Eine Glocke läutete.

«Ich glaube, wir müssen in den Saal», sagte der Goldbrillenträger und hakte seine Frau unter. Am liebsten hätte Waltraut ihn dafür geküsst.

«Wir müssen uns unbedingt einmal zum Essen im Park-Hotel treffen», sagte Annegret, die Waltraut anscheinend noch genauer auf den Zahn fühlen wollte.

«Eine wundervolle Idee», fand Gerhard und wandte sich an Waltraut: «Was sagst du dazu?»

«Sehr gerne», lächelte Waltraut die Frau an. Sie konnte sicher sein, dass ihr falsches Lächeln um Längen besser war als das der scheinheiligen Kuh.

Die Glocke läutete erneut, und alle machten sich auf den Weg die Treppen nach oben zum Saal. Und Waltraut dachte, dass es selbst die stärkste Löwin unter so vielen Hyänen nicht leicht haben würde.

 

Für Waltraut war die Darbietung eine Tortur. Das Orchester spielte zwar schön, aber der Opernsänger und die Sängerin bölkten die ganze Zeit, was Waltraut schrecklich fand. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass all den feinen Damen und Herren das Gejaule wirklich gefiel. Immer wieder sah sie sich um und stellte fest, dass der ein oder andere ältere Herr bereits eingeschlafen war. Gerhards Freund schien gedanklich abwesend, vermutlich war er immer noch mit den steigenden Kaffeepreisen beschäftigt oder mit der Frage, wie er seine Arbeiter noch besser ausbeuten konnte. Seine Frau saß mit geschlossenen Augen da und lächelte, was wohl den anderen zeigen sollte, wie sehr sie die Musik genoss. Nur Gerhard schien das Konzert aufrichtig zu gefallen.

Was Zopf-Inge wohl zu all dem sagen würde? Dass sie die Musik ihres Schwarzen ehrlicher fand. Und Waltraut den Zug nach Amsterdam nehmen sollte.

 

«Wie gefiel dir das Konzert?», fragte Gerhard, als sie aus dem Saal traten. Da seine Augen dabei so leuchteten, brachte Waltraut es nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu sagen: «Sehr gut.»

«Das freut mich», sagte er. Er war ein freundlicher Mensch. Wenn auch ein wenig steif. Vielleicht konnte sie ihn ja ein wenig lockerer machen?

«Annegret hat vorgeschlagen», schlug Gerhard vor, «dass wir in den Ratskeller gehen und noch ein Glas Grauburgunder trinken.»

Wir können uns auch, dachte Waltraut, von einer Brücke stürzen.

«Was hältst du davon?»

Waltraut überlegte sich, dass sie mit dem ‹locker machen› gleich mal anfangen konnte: «Wir beide können uns auch ein Bier holen und spazieren gehen. Vielleicht finden wir auch noch irgendwo eine leckere Bratwurst und ein bisschen modernere Musik.»

«Bratwurst …», Gerhard dachte nach, «nein, nein … wir gehen lieber in den Ratskeller.»

So viel also zum Lockermachen.

Und dazu, dass dieser Mann auf Wünsche von ihr eingehen würde.

Annegret trat mit ihrem Goldbrillenträger hinzu – er war zwar der reiche Unternehmer, aber sie anscheinend diejenige, die bestimmte, wo es langging – und fragte: «Wie spät ist es?»

«22:39 Uhr», antwortete Gerhard mit Blick auf seine goldene Taschenuhr.

In genau einer halben Stunde, schoss es Waltraut durch den Kopf, fuhr der Nachtzug ab.

«Unsere Kinderfrau kann bis eins», sagte Annegret und lächelte Waltraut an: «Wir haben also genug Zeit, um zu sehen, wie wunderbar du zu Gerhard passt.»

«Wir haben uns doch gar nicht das Du angeboten», hörte Waltraut sich selbst sagen.

«Freunde von Gerhard sind auch unsere Freunde», hielt Annegret entgegen.

«Aber nicht unbedingt meine», rutschte es Waltraut heraus.

«Waltraut», sagte Gerhard tadelnd, «Annegret meint es doch nur gut.»

«Nein, sie will herausfinden, ob ich hinter deinem Geld her bin.» Waltraut sah Annegret direkt an: «Oder etwa nicht?»

Annegret antwortete nicht. Blickte nur pikiert. Das erzürnte Waltraut erst recht: «Ich bin es nicht!»

«Waltraut», versuchte Gerhard zu besänftigen.

«Es könnte ja auch die Frage sein, ob du überhaupt zu mir passt!», redete Waltraut sich in Rage.

«Passe ich nicht zu dir?», fragte Gerhard und wirkte mit einem Male sehr verletzlich.

Das ließ Waltrauts Wut entweichen: «Entschuldige.»

Gerhard wusste nicht, was er sagen sollte.

«Ich … ich … brauche etwas Zeit für mich», erklärte Waltraut und ging davon.

«Waltraut!», rief Gerhard hinterher.

«Woher hast du die überhaupt?», hörte Waltraut den Brillenträger noch fragen.

«Ich habe sie bei Karstadt kennengelernt», antwortete Gerhard.

«Habt ihr da beide was gekauft?»

«Nein, sie arbeitet dort als Verkäuferin.»

Da lachte Annegret laut auf.

Kein Gelächter hatte Waltraut so sehr getroffen, seit Frau Scharper am ersten Schultag die Mitschüler dazu gebracht hatte, sie auszulachen.

 

Waltraut ging in Richtung Bremer Dom und setzte sich auf seine Stufen. Sie steckte sich eine Zigarette an und fragte sich, wie sie nur so dumm hatte sein können, sich auf diesen Albtraumabend einzulassen.

Die Dom-Uhr schlug Viertel vor zwölf. Wenn sie sich beeilte, könnte sie noch rechtzeitig am Bahnhof sein, um den Nachtzug zu erreichen.

Aber wäre sie nicht noch dümmer, wenn sie jetzt in den Zug springen würde? Der Seemann hatte für das Ticket bezahlt, da war doch klar, dass er mit ihr auch in die Kiste steigen wollte. Andererseits wurde sie zu Hause endlich mal für einige Tage nicht benötigt. Und wenn der Seemann sie anfassen würde, würde sie ihm einfach auf die Hand schlagen und gehen. Ein Rückfahrtticket hatte er ja auch beigelegt.

Waltraut drückte die Zigarette aus, erhob sich und ging, so schnell die hohen Schuhe und das Abendkleid es erlaubten, in Richtung Bahnhof. Dort starrten die wenigen Reisenden in der Halle sie an, aber anders als die feine Gesellschaft zuvor. Waltraut erklomm die Treppen zum Gleis. Dort stand tatsächlich Zopf-Inge mit ihrer Reisetasche und grinste über beide Ohren.

Waltraut ging auf sie zu, nahm die Tasche, öffnete sie und war verwirrt: «Nur Zugticket, Waschzeug, Pass und Unterwäsche?»

«Na, was meinst du wohl, was der Seemann staunen wird, wenn du in dem Kleid aus dem Zug steigst.»

«Inge!»

«Waltraut!», äffte Zopf-Inge sie gut gelaunt nach.

«Du bist unmöglich!»

«Und du in dem Kleid wunderschön.»

Waltraut seufzte.

«Und jetzt ab in den Zug!»

«Und wenn nicht?»

«Hau ich dich!»

Waltraut lachte schallend. Dann drückte sie ihre Freundin, stieg – begleitet vom staunenden Blick des Schaffners – in den Wagen und reiste zum ersten Mal ins Ausland.

***

Joschi wartete auf Gleis 1 des Amsterdamer Centraal-Bahnhofs. Ihm kam in den Sinn, dass er noch nie auf einem Bahnsteig gestanden hatte, um jemanden abzuholen. Und auch nur einmal, um jemanden wegfahren zu sehen. Rosl, als sie mit dem Zug der Betar aus Wien floh, verabschiedet von Adolf Eichmann persönlich.

Joschi fühlte bei der Erinnerung wieder einen Druck auf der Brust. Er dachte an den Prozess, der dem Massenmörder gerade in Jerusalem gemacht wurde. Dass man ihn nicht sofort hingerichtet hatte – am besten mit Gas –, hatte Joschi zuerst nicht verstanden. Doch mittlerweile war er dankbar, dass es zu der in Israel überall in den Radios und in den wenigen Fernsehern übertragenen Verhandlung gekommen war. Nicht etwa, weil er mit einem Mal doch fand, Eichmann hätte einen gerechten Prozess verdient. Und schon gar nicht, weil er dessen lächerliche Verteidigung, er wäre nur ein Rädchen im System gewesen, hören wollte. Es waren die Zeugenaussagen, für die Joschi dankbar war. So sprach Ghettokämpferin Zivia Lubetkin über das Leben und den Aufstand im Warschauer Ghetto. Erst dadurch begriff Joschi, was Selma und Jakov durchgemacht hatten. Und er verstand, warum Selma ihren Mann niemals verlassen würde.

Andere Zeugen berichteten über die Lager. Ein Mann schilderte, wie er von seiner Familie an der Rampe von Auschwitz getrennt wurde und seiner kleinen Tochter, die einen roten Mantel trug, nachblickte, bis der immer kleiner werdende rote Punkt in der Menge verschwand.

Am Abend dieses Zeugenberichts kam Dora von der Arbeit im Krankenhaus, in dem während des Prozesses ebenfalls ständig das Radio lief, nach Hause. Sie sagte kein Wort, legte sich, trotz der frühen Abendstunden, sofort ins Bett und schloss die Augen. Dora war, das hatte sie Joschi gegenüber nur einmal kurz erwähnt und dann nie wieder, auf ebenjener Rampe von ihrer Mutter getrennt worden. Doch erst durch die Aussage des Mannes wurde dieser Fakt für Joschi real.

Dora.

Er hätte sich nicht mit Waltraut verabreden dürfen.

Der Zug fuhr ein.

Sollte er jetzt noch schnell verschwinden?

Der Zug hielt.

Noch war es nicht zu spät.

Aber dann würde er sich gegenüber Waltraut schäbig verhalten.

Dora?

Waltraut?

Wen sollte er verletzen?

Sich selbst?

Er wollte sich gerade zum Gleisabgang wenden, da trat Waltraut aus dem Zug. Im schwarzen Abendkleid und mit rotem Seidenschal. Eine Erscheinung. Als ob in einem Hollywood-Film die Prinzessin von einer royalen Krönung entflohen war, um ihrem Seemannsfreund in die Arme zu fallen. Bei ihrem Anblick dachte Joschi nicht mehr an Dora. Oder Eichmann. Der Druck auf seiner Brust war mit einem Schlag verschwunden.

***

«Mund zu, Fliegen kommen rein», lachte Waltraut, die sich von der Zugfahrt regelgerecht durchgeschüttelt vorkam.

«Du …», suchte Joschi nach Worten, «du …»

«Ich?»

«Siehst wunderschön aus.»

Waltraut erkannte, dass dies kein routiniertes Kompliment war, und sagte erfreut: «Danke.»

Eine Weile standen die beiden sich lächelnd gegenüber, bis Joschi die Sprache wiederfand: «Ich bring dich zum Hotel.»

«Ich würde mir erst mal gerne Kleidung zum Wechseln kaufen.»

«Du hast nur dieses Kleid dabei?»

«Lange Geschichte.»

«Bist du von einem royalen Termin geflohen?», lachte Joschi.

«Termin?»

«Wie Audrey Hepburn in ‹Roman Holiday›?»

«Den kenn ich nicht.»

«Du bist ja auch jung.»

Es war ein Moment, in dem Waltraut wieder mal bewusst wurde, dass der Seemann viel älter war als sie. Doch es machte ihr nichts aus. Sie war in Amsterdam. Und sie wollte es genießen!

«Ich bin», erklärte sie, «von einer noch viel langweiligeren Veranstaltung geflohen.»

Joschi nahm ihr die Tasche ab und antwortete: «Mit mir wird es nicht langweilig, versprochen!»

 

Waltraut fand es aufregend, dass die Menschen auf den Straßen kein Deutsch redeten. Auf der Fahrt noch hatte sie befürchtet, dass ihr das Angst bereiten könnte, doch dafür sprachen die Holländer viel zu lustig. Und noch lustiger war es, wie Joschi sie in einer Fantasiesprache nachmachte. Das tat er auch, als eine alte Frau ihr böse zurief: «Walgelijke Duitse vrouw!»

Joschi ging auf die Alte zu und sagte lächelnd: «Vergibje mir, alte Dame, maar sie stinke.»

Die Alte schaute empört, wandte sich ab und ging fluchend davon. Waltraut war gerührt: Joschi hatte sie verteidigt! Zwar nur gegen eine alte Frau, aber etwas sagte ihr, dass er es auch tun würde, wenn sechs Matrosen sie bedrohen würden. Nicht dass der kleine Mann gegen die Männer bestehen könnte, aber im Stich lassen würde er sie nicht.

Joschi und Waltraut gingen in die nächste Boutique. Er half ihr bei der Verständigung mit der Verkäuferin, indem er auf Englisch mit ihr sprach, und bezahlte trotz Waltrauts Protests den grünen Hosenanzug, den sie sich ausgesucht hatte. Es war der erste, den sie jemals trug, und als sie in ihm durch die Amsterdamer Straßen in Richtung Hotel ging, kam sie sich vor wie eine Frau von Welt.

In dem kleinen süßen Hotel hatte Joschi zu ihrer Überraschung nicht ein, sondern zwei Zimmer reserviert. In ihrem Zimmer hängte Waltraut ihr Abendkleid in den Schrank, öffnete das Fenster und sah direkt auf eine Gracht, deren Wasser in der Sonne funkelte. Wie gut, dass sie auf Zopf-Inge gehört hatte!

***

Nach dem großartigen Start des Tages legte Joschi sich in seinem Hotelzimmer zwei Pläne für den Abend zurecht. Beide besagten, dass er bis zum frühen Abend die Zeit mit Waltraut genießen würde. Aber nur Plan A sah vor, dass die beiden in die Nacht tanzten. Plan B besagte, dass er sie noch in dieser Nacht zu einem Zug heim nach Bremen begleiten würde. Es hing alles davon ab, ob es ein Fehler gewesen war, eine junge Deutsche gegenüber einer alten Holländerin verteidigt zu haben.

 

Joschi fuhr mit Waltraut Bötchen in den Grachten, sah sich gemeinsam mit ihr das Rembrandt-Haus an und lud sie zu Poffertjes ein. Bei alldem hatten sie beide sehr viel Spaß. Besonders als eine Taube auf Joschis Schulter machte und er dem Viech hinterherfluchte: «Pass auf! Ich mach das auch mal mit dir!» Da lachte Waltraut so laut, dass Joschi sich über nichts auf der Welt mehr freute als über dieses Lachen.

 

Am frühen Abend trübte sich seine Laune jedoch. Es galt endlich herauszufinden, ob er Plan A oder Plan B verfolgen würde.

Er setzte sich mit Waltraut in ein Straßencafé an einer besonders schönen Gracht, sie bestellten Kaffee und er sich zusätzlich einen Weinbrand.

«Was hast du?», fragte sie.

«Wie bitte?», antwortete Joschi ertappt.

«Du wirkst mit einem Mal so ernst.»

Der Kellner brachte die Getränke.

«Habe ich etwas falsch gemacht?»

«Nein, nein!», sagte Joschi hastig. Waltraut hatte gar nichts falsch gemacht. Umso härter wäre es, wenn sie es gleich tun würde.

«Was ist es dann?»

Joschi blickte zum Kellner, wollte nichts sagen, solange der noch servierte. So einige Holländer verstanden nun mal Deutsch.

«Ich weiß, was es ist», wirkte Waltraut mit einem Male ganz ernst.

«Ja?», staunte Joschi.

«Du bist …»

Joschi blickte auf eine Weise zum Kellner, durch die Waltraut begriff, dass er in dessen Anwesenheit nicht weiterreden mochte, und die beiden warteten, bis der Mann endlich gegangen war. Joschi nutzte die Zeit, um den Weinbrand in einem Zug auszutrinken.

«Du bist verheiratet», stellte Waltraut fest.

Sie wusste das?

Joschi blickte in sein Glas, ob noch etwas Weinbrand drin war.

Nicht mal ein kleiner Rest.

«Wo du sonst den Ring trägst», deutete Waltraut auf seine Hand, «ist die Stelle nicht so braun gebrannt.»

Es war nicht das, was Joschi ihr hatte gestehen wollen, aber nun, wo es schon mal raus war, musste er sich dem stellen: «Meine Ehe …»

«Geht mich nichts an», unterbrach Waltraut.

«Nicht?»

«Ich will hier einfach nur ein wenig Spaß haben. Nicht mehr.»

Joschi prüfte ihren Blick: Sie meinte es ernst.

«Nicht so, wie du denkst», wehrte sie ab. «Ins Bett gehe ich immer noch nicht mit dir!»

Das gehörte weder zu Plan A noch zu Plan B. Zum einen wollte er so etwas wie mit Selma nicht noch einmal erleben. Zum anderen war der Tag bisher viel zu bezaubernd gewesen, um an eine gemeinsame Nacht im Bett überhaupt nur zu denken. Mit Waltraut war es wie bei Dora am Anfang, bei der er auch lange nicht an so etwas gedacht hatte. Anscheinend bedeutete ihm Waltraut tatsächlich etwas.

«Das», sagte Joschi, «wollte ich auch nicht.»

«Lügner», erwiderte Waltraut. Nicht böse, sondern mit einem Lächeln.

«Ich bin kein Lügner.»

«Du hast mir nichts von deiner Frau erzählt.»

«Das ist kein Lügen, sondern nur ein ‹Nicht die ganze Wahrheit sagen›.» Kaum hatte Joschi das ausgesprochen, merkte er selbst, wie albern er klang.

«Gut», lachte Waltraut ihn nun doch ein wenig aus, «nennen wir dich ‹Nicht-die-ganze-Wahrheit-Sager›.»

«Entschuldige», sagte Joschi das einzig noch Mögliche. Er war froh, dass zumindest die Karte mit der Ehe jetzt offen auf dem Tisch lag. Es fehlte jedoch eine weitere, für ihn sogar wichtigere: «Es gibt da noch etwas.»

«Hast du etwa noch eine zweite Ehefrau?», scherzte Waltraut.

«Ich bin Jude.»

«Oh.»

«Oh?», fragte Joschi misstrauisch.

«Das macht mir auch nichts aus.»

«Wirklich nicht?»

«Einen Gott gibt es ohnehin nicht.»

Joschi verstand: Waltraut hatte ihren Mann verloren. Dass sie so dachte wie so viele Juden, war da nur allzu verständlich.

«Und es gibt nur zwei Sorten Menschen auf der Welt: Nette und Arschlöcher.»

Diese junge Deutsche war nicht nur schön, sondern auch lebensklug.

«So», fragte sie, «können wir jetzt wieder ein wenig Spaß haben?»

«Ich muss noch etwas wissen.»

«Gleich nehme ich den Zug nach Hause.»

«Deine Eltern …»

«Waren keine Nazis.»

Joschi atmete durch.

«Können wir jetzt endlich wieder etwas Spaß haben?»

«Nein», antwortete Joschi.

«Nein?», jetzt wurde Waltraut langsam böse.

«Wir werden unglaublich viel Spaß haben!»

Sie lachte.

Joschi wollte dieses Lachen nie wieder missen.

***

Der Verrückte hatte nicht zu viel versprochen. Er hatte ihr gesagt, sie solle wieder das Abendkleid tragen, und sie in ein kleines, gemütliches Restaurant geführt, in dem er alle sieben Tische nur für sie beide reserviert hatte.

«Meine Güte, was kostet das denn?», fragte Waltraut.

«Du bist jeden Gulden wert.»

Joschi schien es aufrichtig zu meinen, so wie sie es aufrichtig gemeint hatte, dass sie kein Problem damit hatte, dass er verheiratet und Jude war. Der einzige Jude, den sie bisher gesehen hatte, war jener, den die Nazis aus dem Kamin im Haus gegenüber gezerrt hatten. Ob es in Bremen überhaupt noch Juden gab? Egal! Dieser hier machte ihr tolle Komplimente. Das gefiel ihr. Und sie wollte noch mehr hören: «Warum bin ich jeden Gulden wert?»

«Du bist eigentlich unbezahlbar.»

«Hah!», lachte Waltraut.

«Ich will», lachte Joschi, «heute mit dir tanzen.»

«Tanzen?»

«Und vorher essen. Und trinken!»

«Na», lachte Waltraut, «das kann ja was werden!»

 

Waltraut machte sich über das Steak her, aß die Hälfte der Kartoffeln und trank zwei Gläser von dem großartigen Rotwein. Als das Dessert verspeist war – eine Art göttlicher Schokopudding, der Muus-oh-Schokalah hieß oder so ähnlich –, wollte sie auch selbst gerne tanzen, obwohl sie es gar nicht konnte.

«Wohin gehen wir zum Tanzen?»

«Wir bleiben hier», grinste Joschi, der ein paar Gläser Rotwein mehr getrunken hatte.

«Hier?»

Statt lange Erklärungen abzugeben, gab Joschi den Kellnern ein Zeichen. Sie stellten ein paar der Tische zur Seite und machten Platz für eine Tanzfläche.

«Spielen die», fragte Waltraut verblüfft, «jetzt Radiomusik für uns?»

«Radio? Für wen hältst du mich?», antwortete Joschi und stand vom Tisch auf.

«Für einen Irren.»

«Wir haben natürlich eine Kapelle!», Joschi gab dem Oberkellner noch ein Zeichen. Der öffnete eine Tür am anderen Ende des Raumes, und vier Musikanten, drei davon mit Gitarren, einer ohne Instrument, aber alle mit schmalzigem Lächeln im Gesicht, traten heraus. Sie spielten die ersten Klänge eines langsamen Liedes. Joschi verbeugte sich galant und fragte: «Darf ich bitten, schöne Frau?»

«Du darfst», lachte Waltraut.

Joschi führte sie auf die improvisierte Tanzfläche. Der Musikant ohne Gitarre begann zu singen:

«Moon River, wider than a mile

I’m crossing you in style some day

Oh, dream maker, you heart breaker

Wherever you’re goin’, I’m goin’ your way.»

Waltraut fühlte sich beim langsamen Hin-und-her-Wiegen in Joschis Armen wohl. Nicht so wie an ihrem Hochzeitstag in den Armen von Friedrich, aber es war schön, endlich wieder einem anderen Menschen körperlich nah zu sein.

 

«Suppe, Suppe, Suppe», sang Joschi lallend zu irgendeiner Fantasiemelodie, als Waltraut ihn auf sein Hotelbett legte. «Suppe, Suppe, Suppe!»

Zu ihrer eigenen Verblüffung fand Waltraut es schade, dass der Seemann zu betrunken war, um sie aufzufordern, sich dazuzulegen. Einen anderen Körper neben sich zu spüren … Zum ersten Mal, seit sie eine Witwe war, vermisste sie das.

«Suppe, Suppe, Suppe.»

«Ich hol dir Suppe», schwindelte sie.

«Du bist wunderbar», lallte er und machte die Augen zu.

Waltraut gab ihm ein kleines Küsschen auf die Stirn und antwortete: «Und du wirklich durchgedreht.»

Sie hörte noch, wie Joschi weiter «Suppe, Suppe, Suppe» sang, und schloss leise hinter sich die Tür.

***

Im Dezember 1961 traf Joschi Waltraut am zweiten Adventswochenende in Kopenhagen. Freitagabends war sie es, die ihn mit auf ihr Hotelzimmer nahm. Am Samstagmorgen stornierte er sein Zimmer, damit sie sich für die zweite Nacht eins teilen konnten.

 

Im Jahr 1962 traf Joschi Waltraut in Ostende, in Paris und ein weiteres Mal in Amsterdam. In der Zwischenzeit schrieb er ihr aus jedem Hafen Postkarten, und Waltraut antwortete ihm auf jede zweite mit einer aus Bremen: dass es ihr gut gehe, Gabi auch, dass das Wetter schön sei und sie sich auf die nächste Begegnung mit ihm freue. Joschi lebte auf die Postkarten hin und viel mehr noch auf die gemeinsamen Treffen. Manchmal an Deck, häufiger aber in Israel, erschrak er sich, weil ihn der Gedanke überkam, sie wären das Einzige, wofür er überhaupt noch lebte.

 

«Wofür», fragte Dora kurz vor dem Schlafengehen im Bad, «gibst du auf deinen Reisen das viele Geld aus?»

«Geld?», Joschi war von der Frage, die für ihn aus dem Nichts kam, überrascht.

«Ich habe die Bankauszüge gesehen.»

«Ich … spiele manchmal Karten. Und ich bin nicht gut darin», schwindelte Joschi.

«Eine Sucht reicht dir wohl nicht», sagte Dora und behandelte ihn zum ersten Mal abfällig.

«Sucht?», Joschi verstand nicht.

«Du trinkst zu viel.»

«Das stimmt nicht!»

«Doch, das stimmt», bekräftigte Dora.

«Du musst mal meine Matrosen sehen. Die saufen! Nicht ich!»

Dora sah ihn an, als ob sie ihm erneut widersprechen wollte, doch sie winkte nur müde ab, als hätte sie schon all ihre Kraft damit verbraucht, den Vorwurf überhaupt auszusprechen. Sie verschwand ins Schlafzimmer.

«Ich trinke ganz normal!», rief er ihr hinterher.

Es kam keine Antwort.

Joschi betrachtete sich im Badezimmerspiegel und schüttelte den Kopf: Dora hatte anscheinend den Verstand verloren. Er trank gerne, das ja, wer tat das nicht, aber so was machte ihn ja wohl noch lange nicht zu einem Säufer!

 

1963 verbrachte Joschi mit Waltraut Tage in Rotterdam, Kiel, wieder Amsterdam, wieder Ostende und schließlich in Hamburg. Dort gingen sie auch zum ersten Mal ins Kino und sahen sich ‹My Fair Lady› an. Als der Abspann lief, sagte Waltraut: «Ich würde mich nie von einem Mann so dressieren lassen wie die Frau im Film.»

«Natürlich nicht», Joschi wusste und schätzte, dass er mit einer stolzen jungen Frau unterwegs war.

«Kein Mann würde mir sagen können, wie ich mich zu verhalten habe!»

Joschi betrachtete Waltraut, wie sie mit ihrem unnachahmlichen Funkeln in den Augen im Kinosessel saß, und fragte: «Wieso sollte man das auch tun? Du bist wundervoll, wie du bist.»

«Viele Männer wollen, dass ihre Frauen gehorchen.»

«Das würde ich nie wollen.»

Er hatte Dora nicht ändern wollen. Hedy ebenfalls nicht. Die Welt war schon so anstrengend genug. Da musste man sich als Mann und Frau nicht auch noch gegenseitig auf die Nerven fallen. So wie Rosl dem armen Charlie. Oder Dora ihm wegen seines völlig akzeptablen Alkoholkonsums.

«Versprichst du mir das?», fragte Waltraut.

«Ich verspreche dir alles», lachte er.

«Irgendwann», lächelte Waltraut frech, «werde ich dich sicher noch mal daran erinnern.»

 

Am nächsten Vormittag besuchte Joschi das Grab seines Freundes Amos. Waltraut begleitete ihn. Stellte keine Fragen. Nahm ihn nur in den Arm. Danach hätte er ihr, obwohl verheiratet, am liebsten einen Antrag gemacht.

 

«Jetzt weiß ich, woher Waltraut ihre Schönheit hat», charmierte Joschi gleich zur Begrüßung Waltrauts Mama. Bevor er in Hamburg wieder ablegen musste, machte er einen Abstecher nach Bremen. Henriette war zwar nur unwesentlich älter als er, wirkte aber viel grauer. Dennoch lachte sie herzlich über sein Kompliment.

«Ich hole Gabi», sagte Waltraut und ging durch den recht kargen Flur der kleinen Wohnung in ein Zimmer. Als sie verschwunden war, fragte die Frau namens Henriette ernst: «Was sind Ihre Absichten, Herr Safier?»

«Mit Waltraut und ihrer Tochter ein Eis essen zu gehen», antwortete Joschi, als hätte er nicht verstanden.

«Ihre Absichten mit Waltraut.»

Was sollte er schon für Absichten haben? Weiter wundervolle Tage mit ihr zu verbringen.

«Sie holen sie doch nicht etwa von hier weg?»

«Von hier weg?», staunte Joschi.

«Na, dahin, von wo Sie kommen.»

Mit Waltraut nach Israel?

Joschi zog es in diesem Augenblick zum ersten Mal in Erwägung. Stellte sich vor, wie die beiden in einer Wohnung zusammenlebten. Wegen Dora nicht in Haifa, so viel Anstand musste nach einer Scheidung, die man vorher in so einem Falle durchführen müsste, schon sein, aber vielleicht in Tel Aviv, und da …

… würde Waltraut als Deutsche auf der Straße beschimpft, bespuckt, womöglich sogar tätlich angegriffen werden. Vielleicht sogar ihr kleines Töchterchen, welches just in diesem Moment mit Waltraut den Flur betrat und ihn vor lauter Schüchternheit nicht mal ansehen mochte.

«Nein, das werde ich nicht tun», antwortete Joschi Henriette. Die atmete erleichtert auf.

«Was wirst du nicht tun?», fragte Waltraut.

«Deiner Tochter verraten, dass wir Eis essen gehen.»

Gabis Augen leuchteten bei der Aussicht.

«Hoppla, da habe ich mich wohl verplappert.»

Gabi kicherte. Die Oma lächelte. Nur Waltraut schaute ihn skeptisch an, schien zu wittern, dass er schwindelte.

«Das hat er wirklich gesagt», bestätigte Henriette, und Waltraut seufzte: «Ich sehe schon, ihr zwei versteht euch.»

«Und wie!», lachte Joschi und gab der alten Frau einen Schmatzer auf die Wange, der sie genauso kichern ließ wie die Enkelin.

Die Oma war eingewickelt. Jetzt musste er nur noch Gabi für sich gewinnen!

***

«Wir sind Adelige», sagte Gabi stolz, während sie den Rest ihres großen Eisbechers mit drei Kugeln Vanille und ganz, ganz, ganz viel Sahne verputzte.

«Adelige?», staunte Joschi.

Waltraut wäre am liebsten im Erdboden versunken.

«Mein Uropa ist Graf!»

«Das ist ja ein dolles Ding!», Joschi sah zu Waltraut. Leider tat sich kein Erdloch auf. Was sollte sie nun sagen? Sie konnte vor der Kleinen ja schlecht erklären, dass das alles nur Spinnerei war, um Gabis Selbstbewusstsein zu stärken.

«Deine Mama», wechselte Joschi das Thema, «hat mir erzählt, dass du schnell laufen kannst.» Er hatte offensichtlich bemerkt, wie unangenehm ihr das Ganze war, und verhielt sich, wie immer, sehr rücksichtsvoll.

«Ich renne schneller als alle in meiner Schulklasse!», freute sich Gabi.

«Aber nicht als ich», erwiderte Joschi spielerisch.

«Oh doch!»

«Wollen wir wetten?», fragte Joschi.

«Wetten tun nur die Juden», sagte die Kleine empört.

«Gabi!», rief Waltraut aus. «So was sagt man nicht!»

Joschi legte seine Hand beruhigend auf ihre und fragte die Kleine: «Wo hast du das denn gehört?»

«Von Frau Polle, meiner alten Kindergärtnerin.»

«Da irrt sich die Frau Polle», erklärte Joschi.

Waltraut staunte, wie ruhig er blieb, während sie selbst doch vor Wut bebte.

«Mama hat der mal eine Ohrfeige gegeben. Hat Frau Polle mir selbst verraten.»

Joschi sah wieder zu Waltraut: «Stimmt das?»

«Ja. Sie hat Gabi nicht vor den anderen Kindern beschützt. Jetzt schon.»

Jetzt sah er sie an wie noch nie zuvor.

«Was schaust du so?»

«Du bist eine unglaubliche Mutter», antwortete Joschi und wandte sich erneut Gabi zu: «Wollen wir mal rausfinden, wer von uns schneller laufen kann?»

«Ja!»

Die beiden gingen raus. Aber Waltraut blieb sitzen. Was war das für ein Blick gewesen? War Joschi etwa … in sie verliebt?

Sie mochte ihn. Sogar sehr. Fand die Zeit mit ihm schön. Und wollte sie um keinen Preis der Welt missen. Aber ihn lieben?

Sie hatte Friedrich geliebt. Und das Gefühl war anders gewesen. Völlig anders.

***

Als Joschis Schiff in Hamburg ablegte und Waltraut und Gabi, die aus Bremen mitgefahren waren, um sich von ihm zu verabschieden, vom Hafenkai aus zuwinkten, winkte auch er und dachte, dass dieser Besuch ein voller Erfolg gewesen war: Gabi mochte ihn. Henriette liebte seine Komplimente. Selbst mit Waltrauts Vater hatte er trinken können: Als die Frauen im Bett lagen, hatten sich die beiden Männer gegenseitig in der Küche beim Bier versaute Witze erzählt.

Er beobachtete, wie Waltraut beim Winken den Arm um die Schulter der Tochter legte, und dachte, was für eine großartige Mama sie doch war. So wie Dora sicherlich eine geworden wäre, wenn sie beide ein Kind bekommen hätten.

Vielleicht könnte er mit Waltraut …?

Nein. Auch für ein gemeinsames Kind galt: In Israel würde es leiden müssen.

Aber womöglich … in Deutschland?

Könnte er in diesem Land leben?

Selbst wenn er sich ein Leben hier vorstellen könnte, womit sollte er eine Familie ernähren?

Joschi hatte gedankenverloren aufgehört zu winken. Die kleine Gabi sprang auf und ab, um auf sich aufmerksam zu machen. Joschi zwang sich zu einem Lächeln und winkte so lange, bis das Schiff ausgelaufen war.

 

Als Waltraut auf seine Karte aus Indien nicht antwortete, dachte Joschi, sie wäre vielleicht nicht dazu gekommen. Als auf die aus Ägypten ebenfalls keine Antwort kam, hoffte er noch, dass sie in der Post verloren gegangen war. Aber als auch auf die aus Madagaskar nichts kam, schickte Joschi ein Telegramm und fragte besorgt nach. Außerdem schlug er am 23. November ein Treffen in Nizza vor. Das Flugticket würde er spendieren. Aber selbst darauf erhielt er keine Antwort.

War Waltraut etwas zugestoßen? Lag sie vielleicht im Krankenhaus? Oder wollte sie – der Gedanke war auf eine andere Art und Weise genauso unerträglich – keinen Kontakt mehr mit ihm? Sich nicht in Nizza treffen? Nirgendwo? Nie mehr bei ihm liegen?

Er lebte doch nur für diese Treffen!

Wofür sollte er es denn sonst noch tun?

Mit jedem Tag, an dem Joschi nichts von Waltraut hörte, trank er mehr in seiner Kabine. Er verschlief sogar die Ankunft in Kapstadt, die er so herbeigesehnt hatte, um von dort bei Waltraut anzurufen. Als er sich aus der Koje hochrappelte, sah er auf seine Omega-Uhr – der mit Abstand teuerste Gegenstand, den er sich je gekauft hatte – und stellte fest, dass die Postämter bald schließen würden. Er nahm ein Taxi, gab dem schwarzen Fahrer einige Extra-Dollar, damit er ihn schnell zum nächsten Amt bringt. In einer stickigen Telefonkabine ließ er sich nach Bremen verbinden. Nach dreimal Klingeln wurde abgenommen: «Behrens.»

«Hallo Hinrich, hier ist Joschi. Kann ich die Waltraut sprechen?»

«Von mir aus», kam die Antwort, und erst jetzt merkte Joschi, dass Hinrich müde klang. Bestimmt hatte er eine harte Schicht hinter sich. Weiter dachte Joschi nicht über den Mann nach, denn aus seiner Antwort war zu schließen, dass Waltraut in der Wohnung und ansprechbar war. Es war ihr also nichts geschehen! Joschi atmete auf. Bis ihn trotz südafrikanischer Hitze die Angst erzittern ließ, dass Waltraut tatsächlich nicht geantwortet haben könnte, weil sie ihn nicht mehr sehen wollte. Er griff in die Innentasche seiner Uniformjacke, um zu fühlen, ob er seinen Flachmann bei sich hatte, aber den hatte er bereits gestern ausgetrunken.

«Waltraut hier.»

Es war wundervoll, ihre Stimme zu hören!

«Und Joschi hier.»

«Joschi», so, wie sie es sagte, wusste er nicht, ob sie sich freute, ihn zu hören, oder ob es für sie unangenehm war. Es klang wie eine Mischung aus beidem.

«Du hast nicht auf mein Telegramm geantwortet.»

«Nein …»

«Warum?»

Schweigen.

«Willst du nicht nach Nizza kommen?»

«Um Wollen geht es nicht.»

Sie konnte nicht nach Nizza?

«Ich muss in Bremen bleiben.»

«Warum?»

«Mama hatte einen Schlaganfall.»

«Oh nein. Ist es schlimm?»

«Die linke Körperhälfte ist gelähmt.»

«Die Arme.»

«Sie hatte wohl schon einen vor vielen Jahren, der unerkannt blieb. Danach hatte sie zwar aufgehört zu arbeiten, aber vielleicht hätten wir anders auf sie achten müssen, sie häufiger zum Arzt schicken …», Waltraut redete nicht weiter.

«Kann ich etwas für euch tun?»

Es kam keine Antwort.

«Waltraut?»

«Du kannst.»

«Was denn?»

«Mich bitte ab jetzt in Ruhe lassen.»

Für Joschi fühlte es sich an, als ob sein Leben zu Ende wäre.

«Ich … ich hatte viel Spaß mit dir …»

«Ich auch mit dir!»

«Aber meine Familie braucht mich jetzt. Ich kann nicht mehr wegfahren. Nicht nach Nizza. Nirgendwohin.»

«Aber ich kann dich doch besuchen …»

«Was soll das bringen?»

«Dass wir uns sehen.»

«Einmal im Jahr?»

«Vielleicht kann ich auch auf andere Routen wechseln und jedes halbe zu dir …»

«Was für eine Zukunft hätten wir da?»

Zukunft.

Nie zuvor hatte sie ihm gegenüber das Wort ausgesprochen.

«Würdest du denn eine Zukunft wollen?», fragte er leise hoffend.

«Joschi, ich habe dich gerade gebeten, mich in Ruhe zu lassen.»

«Aber …»

«Meine Mutter ist schwer krank.»

Joschi meinte zu hören, wie Waltraut bei den letzten Worten mit den Tränen kämpfte. Er wollte ihr nicht noch mehr Kummer bereiten: «Verzeih, verzeih …»

«Schon gut.»

Die beiden schwiegen eine Weile.

«Ich mag dich wirklich sehr», sagte Waltraut.

«Und ich liebe dich.» Joschi hatte das bisher nie ausgesprochen, sich noch nicht einmal selbst eingestanden, doch jetzt fühlte es sich wie die einzig absolute Wahrheit auf Erden an.

Waltraut antwortete nicht.

Stattdessen machte es Klick.

Die Verbindung war unterbrochen worden. Nicht von Waltraut. Vom verdammten Amt! Joschi wollte eine neue Verbindung herstellen lassen. Doch der schwarze Postbeamte sagte ihm, dass sie nun schließen würden. Joschi wedelte mit Dollar-Scheinen. Aber dem Mann war es wichtiger, vor der Dunkelheit zu Hause zu sein, als Geld zu kassieren.

Joschi verließ das Postamt. Er überlegte, zu einem Hotel zu fahren, um von dort aus wieder mit Waltraut zu telefonieren. Doch was sollte er ihr sagen? Er hatte doch nichts, was er ihr bieten konnte. Außer einmal im Jahr zu ihr nach Bremen zu reisen und ihr etwas Geld zu überweisen für die Pflege der Mutter. Keine echte gemeinsame Zukunft, von der er noch nicht mal wusste, ob Waltraut sie überhaupt wollte.

Joschi ließ sich von einem Taxi ans Meer bringen, das im Abendrot schimmerte. An einer Strandbar kaufte er sich eine Flasche Whiskey, ging ein paar Schritte, setzte sich in den Sand und atmete die Seeluft, die hier so anders roch als auf dem Indischen Ozean. Oder auf der Nordsee. Oder auf dem Mittelmeer.

Als er einst in Israel am Strand gesessen und beschlossen hatte, den Militärdienst zu quittieren, dachte er, dass er auf dem Meer frei sein würde. Jetzt wusste er, dass er sein Lebensgefängnis lediglich vergrößert hatte.

Joschi nahm einen tiefen Zug aus der Flasche. Und noch einen. Und noch einen. Von der Strandbar aus hörte er:

I get a kick every time I see you

Standing there before me

I get a kick though it’s clear to see

You obviously do not adore me

Das Lied hatte Amos gesungen, an jenem Tag, an dem er ihn kennengelernt hatte. Joschi verstand nun, warum sein Freund sich das Leben genommen hatte. Auch er wollte keinen Tag länger auf dieser Welt sein.

You give me a boot

I get a kick out of you

Joschi stand auf, zog sich Uniformjacke, Schuhe und Socken aus, krempelte sich die Hose hoch, ging zum Wasser, setzte sich auf die Jacke und ließ sich das Wasser im nassen Sand um seine nackten Füße spülen. Er trank. Und trank. Und weinte. Als er keine Tränen mehr hatte, legte er sich in den Sand …

Müde.

So, so müde des Lebens.

… und schlief ein.

 

 

Meerwasser klatschte in Joschis Gesicht und spritzte in seinen Mund. Er wurde wach, spuckte, krabbelte auf allen vieren in den trockenen Sand und wischte sich mit seinem Hemdsärmel das Gesicht ab, seine Uniformjacke war völlig durchnässt. Er sah nach oben zu dem fast vollen Mond. Den Sternen. Dachte dabei an seine Mutter. An seinen Vater. Sie hatten so viel auf sich genommen, um von ihrem verarmten Schtetl durch die Wirren des Ersten Weltkrieges nach Wien zu gelangen, damit die Kinder ein besseres Leben hätten. Ihr Sohn Abitur machen konnte. Gar studieren. Wie sie sich gefreut hätten, dass er die Nazis überlebt hatte.

Was würden sie sagen, wenn er sich wie Amos das Leben nehmen würde? Mussten sie nicht denken, dass all ihre Opfer umsonst gewesen wären?

Das kalte Wasser hatte seinen Kopf wieder klarer gemacht: Bevor er sich von einer Reling ins Meer stürzen würde, musste er noch einmal alles auf eine Karte setzen. Das war er sich selbst schuldig. Und seinen Eltern.

***

«Du?», Waltraut traute ihren Augen nicht. Vor drei Tagen hatte sie noch mit Joschi telefoniert, da war er noch in Südafrika gewesen. Jetzt stand er im leichten Schneefall vor ihr, ohne Mantel, nur im Anzug, und trug einen Kasten in der Hand. Was war da drin? Noch viel wichtiger war: «Was machst du hier?»

«Ich wohne ab jetzt bei dir.»

Er sagte das so bestimmt, als ob er eine allgemeine und unverrückbare Wahrheit verkündete: Das Gras ist grün, der Himmel oben und Mücken stechen.

«Du willst was?»

«Bei dir wohnen.»

Es war so verrückt, dass Waltraut lachen musste.

«Das ist nicht zum Lachen.»

«Nein, ist es nicht.»

Sie lachte noch mehr.

«Ich mein es ernst.»

«Das sehe ich», grinste sie, es war ihr immer noch alles viel zu verrückt.

«Ich habe bei der Reederei gekündigt.»

«Gekündigt?», Waltraut hörte auf zu grinsen.

«Gekündigt.»

«Hast du getrunken?»

«Ich bin nüchtern wie noch nie.»

Joschi war offensichtlich tatsächlich endgültig verrückt geworden. Aber sie konnte ihn ja schlecht im Schnee vor der Tür stehen lassen. Daher bedeutete sie ihm einzutreten: «Du kannst so lange hierbleiben, bis du wieder nach Hause fährst. Schlafen würdest du bei mir und Gabi im Zimmer. Papa liegt sowieso im Wohnzimmer auf dem Sofa. Er ekelt sich seit Neuestem davor, mit seiner Frau in einem Bett zu liegen.» Sie bemühte sich gar nicht erst, ihren Zorn über den Vater zu verbergen.

Joschi blieb stehen.

«Was ist?», fragte sie.

«Ich bleibe nicht nur für eine Weile in Bremen.»

Joschi wirkte entschlossen. Bibberte nicht mal ein kleines bisschen in der Kälte.

«Was soll das heißen?»

«Wir können nur ein gemeinsames Leben haben, wenn ich hierbleibe.»

Ein gemeinsames Leben?

Das war für sie nie in Betracht gekommen. Es war ja auch das Wundervolle an der Beziehung, die sie führten. Geführt hatten. Zwei Welten. Voneinander getrennt. Und nun wollte Joschi diese Welten zusammenführen?

Wollte sie das denn?

Einen Mann an ihrer Seite?

So wie Babsi ihren langweiligen Beamtengatten, der sich den ganzen Tag in der Kfz-Zulassung mit Formularen beschäftigte. Oder Zopf-Inge, die ihren Frisörmeister Dieter geheiratet hatte, zwei Jahre nachdem ihr Schwarzer doch ohne sie nach Amerika zurückgegangen war und ein Jahr nachdem die Wunden davon endlich verheilt waren.

Die Freundinnen hatten es mit Mann einfacher als sie, die sich allein um Gabi kümmern musste und nun auch um die Mutter. Weder Vater Hinrich noch Bruder Klaus halfen ihr bei der Pflege. Doch wenn Joschi Geld nach Hause bringen würde …

… und sie mochte ihn ja nun mal wirklich. Wie er da so entschlossen dastand: Das war wirklich liebenswert.

Liebenswert.

Wert zu lieben.

Ja, das war Joschi.

Jetzt müsste sie es eigentlich nur tun.

«Was ist das für ein Ding da?», deutete sie auf den Kasten.

«Eine Schreibmaschine. Die habe ich der Reederei abgekauft. Die kann ich brauchen, wenn ich mir hier eine neue Existenz aufbaue.»

«Mehr hast du nicht mit?»

«Die Sachen, die ich anhabe. Und meine Uhr. Alles andere soll meine Frau behalten. Das ist das Mindeste, was ich für sie tun kann.»

«Du hast noch nicht mal eine Unterhose zum Wechseln?»

«Eine, im Schreibmaschinenkoffer.»

Da lachte Waltraut.