1964–1966

«Ich habe mit Dora gesprochen», sagte Rosl am anderen Ende der Leitung streng, «wie du es dir gewünscht hast.»

«Danke.»

Rosl redete nicht weiter. Auch ohne sie zu sehen, wusste Joschi, dass seine Schwester wütend dreinblickte. Er hatte sie gebeten, das Gespräch zu übernehmen, weil er dachte, das wäre für Dora schonender. Und auch für ihn. Feige war er. Natürlich. Aber war es nicht vielleicht in Ordnung, feige zu sein, wenn es für alle besser war?

«Und, was hat Dora gesagt?»

«Sie hat geweint.»

Joschi hatte so sehr gehofft, dass Dora erleichtert wäre, ihn, «den Trinker», loszuwerden.

«Und sie hat gesagt, dass sie auf dich wartet.»

«Ich gehe nicht mehr zurück nach Israel. Hast du ihr das gesagt?»

«Nein, das habe ich nicht.»

«Warum nicht? Ich hatte dich doch darum gebeten.»

«Ich hoffe genauso wie sie, dass du wieder zur Besinnung kommst», antwortete Rosl.

«Du lebst doch auch in Deutschland.»

«Darum geht es nicht.»

«Ach, worum denn dann?»

«Es geht darum, dass du hier mit einer Schickse zusammenlebst.»

«Nenn sie nicht Schickse!», rief Joschi empört und war gleich darauf froh, dass er, bis auf die schlafende Henriette, allein in der Wohnung war. Gabi war in der Schule, Hinrich und Waltraut bei der Arbeit. Seine neue Liebe sollte so eine Beleidigung nicht hören.

«Sie ist nun mal keine Jüdin», schimpfte Rosl.

«Nein, das ist sie nicht …», konnte Joschi dem nun mal nicht widersprechen. Egal, wie sehr er es sich auch wünschte.

«Charlie begreift auch nicht, wie du so eine gute Frau wie Dora verlassen kannst.»

«So gut ist sie gar nicht.»

«Sie ist herzensgut!»

«Sie ist völlig verbiestert. Hält mich für einen Trinker!»

Rosl schwieg.

«Was ist?», fragte Joschi gereizt. Hielt seine Schwester ihn etwa auch für einen?

«Sie macht sich eben Sorgen um dich.»

«Das muss sie nicht. Und du auch nicht.»

Rosl schwieg wieder.

«Ich bin kein Trinker!»

«Verlass die Schickse!»

«Ich habe dir gesagt: Nenn sie nicht so!», es gab immer noch keinen Menschen auf der ganzen Welt, der Joschi so zur Weißglut bringen konnte wie seine Schwester. Die Alliierten, das hatte er schon öfter gedacht, hätten Rosl über Hitlers Haus in Berchtesgaden abwerfen sollen. Sie hätte den cholerischen Führer bestimmt so gereizt, dass er an einem Herzinfarkt gestorben wäre.

«Schickse hat noch eine andere Bedeutung», sagte Rosl mit eisigem Zorn in der Stimme.

«Ich weiß!»

«Leichtlebige Schlampe», sprach Rosl es dennoch aus.

Joschi wäre am liebsten durch den Hörer gekrochen, um sie zu schütteln.

«Du bist 50 …»

«49!»

«Und sie noch keine 30!»

«Sie ist schon fast 29!»

«Hörst du eigentlich gar nicht, wie lächerlich du klingst?»

«Ich bin ganz und gar nicht lächerlich», hielt Joschi dagegen, obwohl seine Schwester ihn mit dieser Äußerung verunsicherte. Benahm er sich gerade töricht?

«Du musst zu Sinnen kommen. Dora ist wirklich eine gutmütige Frau.»

Joschi konnte sich nicht vorstellen, zu seiner Ehefrau zurückzukehren. Er liebte Waltraut. Und wenn dies töricht sein sollte, sei’s drum!

«Dora hat noch nicht mal Verdacht geschöpft, dass Selmas Junge von dir ist.»

Es gab niemanden auf der ganzen Welt, der ihn so treffen konnte wie Rosl…

«Als Einzige von uns allen», legte sie nach.

… mitten ins Herz, wie mit einem Dolch.

«Charlie zahlt dir auch ein Flugticket.»

«Ich brauche kein Geld. Ich habe hier Arbeit gefunden.»

«Arbeit?», der Furor von Rosl war von dieser für sie unerwarteten Information unterbrochen. «Was für eine Arbeit?»

«Ich bin Geschäftsführer.»

«Wer stellt dich denn als Geschäftsführer ein?»

«Sag das nicht so herablassend.»

«Wer?», fragte Rosl noch mal, etwas weniger herablassend, dafür umso ungeduldiger.

«Das Astoria.»

«Astoria?»

«Ein Varieté-Theater hier in Bremen», sagte Joschi nicht ohne Stolz. «Heinz Erhardt, Bruce Low und Trude Herr sind da schon mal aufgetreten.» Marika Rökk, die einstige Nazi-Favoritin, erwähnte Joschi lieber nicht. Auch nicht Zarah Leander. Die war zwar selbst kein Nazi gewesen, hatte aber für die Deutschen im Tausendjährigen Reich Filme gedreht.

«Vom Astoria habe ich schon mal gehört», sagte Rosl. Ihr Furor verflüchtigte sich ganz.

«Wir beide lieben nun mal das Theater», sagte Joschi und lächelte. Er wusste, dass er damit das Herz seiner Schwester erreichte.

«Oh ja, das tun wir», sagte sie wehmütig.

«Du und Charlie müsst kommen und euch das ansehen.»

«Hmm», murmelte Rosl. Sie zog es anscheinend in Erwägung.

«Dann lernt ihr auch Waltraut kennen.»

Rosl antwortete nicht. Aber sie nannte Waltraut auch nicht mehr Schickse. Das war schon mal ein Fortschritt. Und gewiss würde sie milder werden, wenn sie seine neue Liebe in Bremen kennenlernen würde. Daher sagte Joschi: «Überlege es dir», und legte auf.

***

Waltraut fütterte ihre Mutter mit Brei. Sie hatte sie im Ehebett der Eltern aufgesetzt, ihr ein Handtuch als Lätzchen um die Schultern gelegt und erzählte: «Gabi gefällt es in der Stephani-Schule so richtig gut. Joschi bringt sie morgens hin und nimmt sie nachmittags mit zu sich ins Astoria.» Nur so konnte Waltraut die Mutter in Walle vor und nach der Arbeit bei Karstadt pflegen. Öfters schaffte sie es sogar, wie jetzt, in den Mittagspausen, die Frau Siegen ihr dafür großzügig verlängerte.

«Uns ist übrigens gestern etwas total Lustiges passiert», Waltraut legte den Löffel zur Seite und wischte ihrer Mutter den Mund ab. «Die alten Herrschaften von gegenüber schauen uns ja immer so pikiert an, weil wir in wilder Ehe wohnen. Gestern hat Joschi zu ihnen im Treppenhaus gesagt: ‹Ach, nur dass Sie sich nicht wundern, nächste Woche zieht meine neue Freundin bei uns beiden ein.› Da hättest du mal ihre Gesichter sehen müssen.» Waltraut lachte, und Mama Henriette reagierte darauf mit einem Grunzen. Sie versuchte immer mitzumachen, wenn Waltraut lachte. Ob sie begriff, worum es ging? Waltraut bezweifelte es. Seit dem dritten Schlaganfall in nur wenigen Monaten war ihr Verstand samt Sprachzentrum offenbar stark beschädigt.

«Und dann hat Joschi noch zu den Nachbarn gesagt: ‹Sie beide können gerne mal abends rüberkommen, und wir schauen, was sich alles so ergibt.›» Waltraut lachte noch lauter. Mama Henriette grunzte wieder. Es war Waltraut nicht wichtig, dass Henriette verstand, was sie erzählte. Sie wollte für sie da sein, sie teilhaben lassen. Sonst war keiner da für sie. Der Bruder kam nicht zu Besuch. Und Vater Hinrich behandelte seine Frau, als sei sie nun wertlos geworden.

«Joschi ist total lustig, und ich glaube, ich lerne ihn langsam zu lieben.»

Henriette grunzte.

Verstand sie das etwa?

«Ich würde es vielleicht ganz tun, aber er trinkt. Mehr als Vater.»

Oma Henriette grunzte traurig.

Sie verstand anscheinend wirklich.

«Und er sagt mir ständig, dass er ein Kind mit mir haben will.»

Henriette reagierte nicht.

Sie verstand also doch nicht.

«So, jetzt sind wir so weit», Waltraut nahm Henriette das Handtuch ab, putzte ihren Mund ein letztes Mal ab und bettete sie. Anschließend betrachtete sie noch einen Moment ihre Mutter, die die Augen schloss und zu schlafen begann.

«Ich kann doch nicht», fragte Waltraut ihre schnarchende Mutter, «ein Kind mit einem Trinker haben, oder?»

Oma Henriette schnarchte laut auf.

«Ich wusste, dass du das auch so siehst», lächelte Waltraut. Sie gab der Mama einen Kuss auf die Stirn und machte sich auf den Weg zurück nach Karstadt.

***

Nazi. Kein Nazi. Nazi. Nazi. Keiner. Der auch nicht? Nein, sieht doch aus wie einer. Joschi saß auf einem der purpurfarbenen Hocker in der Astoria-Bar und schaute sich die vielen Gäste an, die an den Tischen speisten und tranken und auf den Beginn der Bühnenshow warteten. Er wollte nicht darüber nachdenken, was das genau für Menschen waren, denen er half, sich zu vergnügen. Aber er konnte nicht anders. In Israel trugen so viele unermessliches Leid im Herzen. Hier so viele Schuld, die ihr Herz nie erreicht hatte. In Israel war er einer von vielen. Hier einer unter vielen.

Joschi hatte unvorsichtigerweise dem Bühnenmeister, als dieser ihn auf seinen Nachnamen angesprochen hatte, gesagt, dass er Jude war. Der Kerl war eine Tratschtante vor dem Herrn. Was erzählte der nicht alles: Bruce Low war arrogant, die Zauberin gestern betrunken, die schwarze Sängerin soll mit einem verheirateten Bremer Notar die Nacht im Parkhotel verbracht haben und, und, und. Gewiss wusste dank ihm nun die ganze Belegschaft von Joschis Herkunft. Keiner sprach ihn jemals darauf an. Keiner behandelte ihn anders. Und dennoch hatte Joschi das Gefühl, dass eine unsichtbare Mauer zwischen ihm und den Leuten stand. Wohl fühlte er sich vor allem mit den ausländischen Künstlern: Artisten, Musikern, Tänzern. Volk, das durch die ganze Welt reiste. Wie er einst. Nach den Vorstellungen trank Joschi gerne mit ihnen und mixte dabei, wie einst im King David, hinter der Theke die Drinks.

Das Saallicht wurde dunkel. Schmissige Musik ertönte. Der Vorhang öffnete sich und fünf Tänzerinnen in knapper Kleidung und Federboas traten auf. Verkauft wurden sie dem Publikum als Brasilianerinnen, kamen aber aus Chile. Joschi sah, wie die Männer an den Tischen – Nazi, Nazi, kein Nazi – sie angafften, obwohl ihre Ehefrauen danebensaßen, großenteils bereits ergraute Damen mit Handtäschchen. Auf Joschi besaßen die Tänzerinnen keinerlei Anziehungskraft, selbst wenn er sie hinter der Bühne einmal nackt sah. Seitdem er Waltraut kannte, fand er auf der ganzen Welt nur noch diese eine Frau schön.

Meine Güte, wie sehr er sie liebte.

Für sie hatte er sich von Dora scheiden lassen und Israel verlassen. Für sie würde er es auch aushalten, zwischen Nazis zu leben und ihnen beim Johlen, Lachen und Klatschen zuzusehen.

Joschi gönnte den Künstlern den Applaus, war selbst jedoch von ihren Darbietungen keineswegs begeistert. Da war die mittelmäßige Zauberin mit der blonden Perücke, die eine Taube aus dem Hut und einen Rosenstrauß aus dem Ärmel ziehen konnte, ein Tellerjongleur im Glitzerjackett, der es gerade mal schaffte, fünf Teller auf den Stäben zu wirbeln – der sechste ging in jeder zweiten Vorstellung zu Bruch –, und zum krönenden Abschluss ein begabter schwarzer Stepptänzer, der seinen Zenit allerdings schon vor vielen Jahren überschritten hatte. Vom Niveau der großen Showbühnen in Las Vegas und in Kuba, bevor Fidel Castro kam, war das Bühnenprogramm so weit entfernt wie Bremen von jenen fernen Orten. In Vegas und Kuba hätte man nie so etwas Albernes gesehen wie den Schnellzeichner, der das deutsche Publikum besonders amüsierte. Nur die beiden jungen Kerle Siegfried und Roy, die hier vor zwei Wochen noch aufgetreten waren und sich jetzt auf Tournee befanden, hatten eine passable Figur gemacht.

Überall in Deutschland starben die Varietés, und man schob es auf das Fernsehen. Aber es lag eben auch daran, dass man sich keine Künstler von hohem Niveau leisten konnte. Joschi wusste, wie die Zahlen der Buchhaltung waren: Selbst wenn er Stars hätte engagieren wollen, es war kein Geld für sie da. Und dennoch: Falls das Astoria nicht bald ein anderes Geschäftsmodell fand, würde es in absehbarer Zeit pleitegehen. Aber was könnte das sein? Mehr Humor? Ein Komiker ist nun mal kostengünstiger als eine Band oder eine Tanzgruppe. Aber die Deutschen hatten ja ihre Humoristen in die Gaskammern gejagt. Nun gab es nur noch Schnellzeichner.

Hach, vielleicht sollte er es machen wie damals im Prater: Wien bei Nacht . Das würde Kosten sparen. Joschi musste über den Gedanken lachen.

«Na, was ist so amüsant?», fragte die Inhaberin des Theaters, die sich zu ihm an die Bar gesellte, während das Publikum aus dem Saal strömte. Sie war eine resolute und sympathische Frau, die stets schlichte, elegante Kleidung trug, um – wie sie einmal sagte – nicht auffälliger herumzulaufen als die Künstler. Joschi mochte sie, allein schon durch den Umstand, dass sie ihn eingestellt hatte.

«Ach, nichts, nichts», antwortete Joschi.

«Ich möchte auch mal lachen», ließ die Dame nicht locker.

«Wenn Sie es richtig tun wollen …»

«Ich will.»

«Müssten wir ganz andere Leute engagieren als Schnellzeichner», seufzte Joschi.

«Ja», lachte sie. «Aber die Gäste mögen ihn.»

Joschi antwortete nicht, wollte die Dame nicht mit seinen trüben Gedanken über ermordete jüdische Komiker abschrecken.

«Ich habe mir die Zahlen der fünf Monate angesehen, seitdem Sie bei uns sind.» Die Inhaberin lächelte, und dennoch wusste Joschi, dass es nun ernst wurde. Er war noch in der Probezeit.

«Ja?», fragte er vorsichtig.

«Sie sehen nicht so gut aus.»

Wollte sie ihn nicht übernehmen?

Joschi ging hinter die Theke, um sich zur Beruhigung einen Martini einzuschenken, das Lieblingsgetränk der alten Dame: «Wollen Sie auch einen?»

«Damit ich den Zahlen gegenüber gewogener werde?», lächelte sie, und Joschi sah ihre zwei Goldkronen im roten Licht der Barbeleuchtung aufblitzen. Sie hatte zwar ‹den Zahlen gegenüber› gesagt, meinte aber gewiss ‹Ihnen gegenüber›.

«Ein Drink kann nie schaden», stellte Joschi ihr ein Martiniglas hin und schenkte ein.

«Erst die Arbeit …», erwiderte sie.

«Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich …»

«Nein, trinken Sie nur.»

Joschi nahm einen Schluck.

«Um ehrlich zu sein», die Inhaberin lächelte, ohne dass das Lächeln ihre Augen erreichte, «ich hatte mir mehr von Ihnen erhofft.»

Sie wollte ihn nicht übernehmen.

Das spürte Joschi genau.

Er würde die Wohnung nicht halten können.

Und Waltraut und Gabi nicht ernähren.

Erst recht kein zweites Kind.

Einen Sohn.

Der ganz bestimmt nicht mehr Henoch, wie der Urgroßvater, heißen sollte, sondern Israel, wie der Vater. Und ein besseres Leben haben sollte als alle Vorfahren.

Joschi trank einen zweiten, größeren Schluck.

«Also», jetzt verschwand das Lächeln, «was haben Sie vorzuschlagen?»

‹Wien bei Nacht›, hätte Joschi beinahe sarkastisch geantwortet. Was anderes fiel ihm nicht ein, wie sollte er ganz allein das große Varieté-Sterben in Deutschland aufhalten? Er konnte der deutschen Bevölkerung nun mal schlecht die neuen liebgewonnenen Fernseher wegnehmen.

«Sie haben keine Ideen?», fragte sie.

Joschi schaute in das Glas, es war nur noch ein Pfützchen darin. Er trank auch das.

«Herr Safier?»

Sollte er jetzt um seine Stelle flehen? Ihr sagen, dass er sich schon etwas einfallen lassen würde, wenn sie ihm nur bitte, bitte, bitte die Gelegenheit dazu gebe?

«Hallo?», winkte sie nun mit der Hand vor seinem Gesicht.

Ja, er würde flehen.

Joschi suchte nach den richtigen Worten, da kam ihm die Dame zuvor: «Wissen Sie, warum ich Sie auch eingestellt habe?»

Am liebsten wollte er antworten: ‹Weil Sie keinen anderen gefunden haben, der für das kleine Geld so ein Himmelfahrtskommando übernimmt?› Aber er sagte: «Nein, warum?»

«Sie sind doch Jude.»

«Ja», das hatte Joschi in dem Bewerbungsgespräch nicht verheimlicht. Besser bei so etwas gleich Klarheit schaffen, als nachher unangenehm überrascht zu werden. Erst später hatte er vom tratschenden Bühnenmeister erfahren, dass ihr verstorbener Ehemann und Theatergründer in der NSDAP gewesen war.

«Und ich dachte, Juden können mit Geld umgehen.»

Joschi traf es wie ein Schlag.

«Schauen Sie nicht so, das war ein Scherz», lachte die Dame.

Die Wut kochte in ihm hoch.

«Hören Sie nicht? Ich habe gesagt, das war ein Scherz.»

«Ich», seine Stimme bebte vor Zorn. «Ich kündige.»

«Wie bitte?»

Joschi nahm ihr Glas, trank es in einem Zug aus und stürmte aus dem Saal. Die Inhaberin rief ihm noch hinterher: «Es war wirklich nicht so gemeint!»

Doch Joschi wusste: Es war immer so gemeint.

***

«Dich stellen nur Leute ein, die Probleme haben», sagte Waltraut, halb amüsiert, halb besorgt, am kleinen Küchentisch, nachdem ihr neuer Lebensgefährte auch als Geschäftsführer eines Edelweiß-Restaurants gekündigt hatte. Die deutschlandweite Kette gehörte dem in finanzielle Nöte geratenen Kölner Großgastronom Blatzheim, dem Ehemann von Magda und Stiefvater von Romy Schneider, deren Karriere er managte und die Waltraut gerne mal kennengelernt hätte. Joschi hatte nicht das ganze versprochene Gehalt überwiesen bekommen, aber Waltraut hegte den Verdacht, dass er die Stelle in erster Linie hingeschmissen hatte, weil er als Chef eines Restaurants von Tag eins an überfordert war.

«Ich bin nun mal», klagte Joschi, «ohne Ausbildung im kaufmännischen Bereich. Hier in Deutschland wollen sie überall Bescheinigungen über Schule, Ausbildung, wenn nicht sogar Studium. Ich habe nichts davon.» Seitdem Joschi in Bremen lebte, hatte Waltraut ihn noch nie so bedrückt gesehen. «Ich muss uns doch irgendwie ernähren können.»

«Wir», korrigierte Waltraut. «Wir müssen uns irgendwie ernähren können. Ich trage meinen Teil bei.»

«Ja, das tust du», setzte sich Joschi wieder etwas aufrechter hin. Das gehörte auch zu seinen guten Seiten: Er würde ihr nie verbieten zu arbeiten, wie Männer es ihren Ehefrauen laut Gesetz konnten. Wie es Babsis Ehemann tat.

«Also, wenn mich immer nur die falschen Bosse anstellen …», Joschi hielt mitten im Gedanken inne.

«Ja?»

«Muss ich wohl mein eigener werden.»

«Dein eigener?»

«Boss. Selbst etwas aufmachen.»

«Hast du so etwas schon mal gemacht?»

Joschi schüttelte den Kopf. Das flößte Waltraut nicht unbedingt Vertrauen ein.

«An was denkst du denn?»

«Restaurant ist schwierig, eine Kneipe vielleicht.»

«Der Bock wird zum Gärtner», rutschte es ihr heraus.

«Was hast du gesagt?»

Waltraut überlegte, ob sie ‹Nichts, nichts› antworten sollte. Doch es musste mal ausgesprochen werden. Jetzt war ein besserer Augenblick als einer in der Zukunft. Und auch dieser hier war vielleicht bereits zu spät.

«Da», deutete sie auf die beiden ausgetrunkenen Bierflaschen, die vor Joschi auf dem Tisch standen.

«Hältst du mich etwa auch für einen Trinker?», fragte Joschi empört.

«Auch?», staunte Waltraut. Bisher hatte noch niemand in ihrer Anwesenheit Joschi als einen Trinker bezeichnet.

«Rosl, Charlie …», erklärte Joschi bitter.

Waltraut spürte, dass er noch einen Namen sagen wollte, es aber sein ließ. Sie hakte nach: «Dora?»

Joschi nickte.

Waltraut kannte die Frau nicht, würde sie wohl auch niemals kennenlernen, fühlte sich ihr aber gerade sehr verbunden.

«In den ‹Bremer Nachrichten› habe ich eine Anzeige gesehen, in der jemand seine Gaststätte übergeben will», versuchte Joschi das Thema zu wechseln, aber Waltraut ließ es nicht zu: «Man kann keine Kneipe führen, wenn man selbst zu viel trinkt.»

«Lass den Quatsch!», wischte Joschi ärgerlich mit der Hand durch die Luft.

«Du musst damit aufhören», bat Waltraut im ruhigen Ton.

«Ich muss Geld verdienen, sonst können wir doch nicht …», er hielt erneut mitten im Reden inne.

«Können wir was nicht?»

Joschi wurde mit einem Male leise, der Zorn in den Augen wich einer Hoffnung: «Ich will doch ein Kind mit dir.»

Joschi hatte es oft schon zu ihr gesagt, aber noch nie so verzweifelt.

Er war gut zu Gabi. Und zu ihr. Er liebte sie. Hatte sein altes Leben für sie aufgegeben. Wohl auch seine Schwester, die ihn nie in Bremen besuchen kam, obwohl Joschi sie und ihren Mann schon sechsmal ins Astoria und einmal ins Edelweiß eingeladen hatte.

«Willst du kein Kind mit mir?», Joschi hatte ihr diese Frage noch nie gestellt und zitterte nun vor der Antwort. Er wollte sich eine weitere Flasche Bier öffnen. Waltraut hielt ihn davon ab, indem sie seine Hand nahm: «Ich will nicht mitansehen, wie du dich zerstörst.»

Ihre Mama würde bald sterben. Mit dem Vater redete sie nur noch, um das Nötigste zu besprechen. Die alte Familie war so gut wie am Ende, eine neue wäre schön. Aber Gabi sollte nicht mit einem Mann aufwachsen, der sich zu Tode trank. Und auch kein anderes Kind.

«Ich zerstöre mich doch nicht», sagte Joschi fast flehentlich.

Waltraut schmerzte es, wie er seine Krankheit – nichts anderes war es doch, oder? – leugnete.

«Waltraut, denk nicht so von mir», seine Augen wurden feucht.

Sie wollte ihn retten.

Ihr Zusammenleben.

Dafür musste sie Joschi etwas anbieten, was er sich – so hoffte sie jedenfalls – mehr wünschte als das nächste Glas, die nächste Flasche. Wenn er die Kraft dafür fand, nicht mehr zu trinken, würde sie die Kraft dafür finden, das Angebot auch einzulösen. Denn dann könnte sie ihn gewiss von ganzem Herzen lieben.

«Weißt du noch, was du mir vorletztes Jahr in Hamburg gesagt hast?»

«In Hamburg?»

«Du hast gesagt: Ich verspreche dir alles.»

Joschi schwieg.

«Ich verspreche dir auch etwas, wenn du mir jetzt etwas versprichst.»

«Und was?»

«Ich bekomme mit dir ein Kind, wenn du aufhörst zu trinken.»

Joschi sah sie an und begann zu weinen: «Ich schwöre, ich hör auf.»

Waltraut stand von ihrem Küchenstuhl auf, ging zu ihm und drückte seinen Kopf an ihren Bauch.

«Ich bin ein Trinker», schluchzte er.

«Und das werden wir ändern», antwortete sie und streichelte dem Häuflein Elend über den Kopf.

«Wie?», schluchzte er.

«Ich helfe dir beim Entzug.»

Joschi weinte und weinte und schluchzte dabei ein Wort, das nach Danke klang.

 

Die beiden fuhren in Joschis rotem, gebraucht gekauftem Opel Rekord in das knapp eine Stunde entfernte Bad Zwischenahn. Dort bezogen sie ein Hotelzimmer mit Blick auf das Zwischenahner Meer. Joschi beklagte, dass es doch nur ein großer See sei und warum die Deutschen es dann Meer nannten, er würde ja auch nicht den Baum vor ihrer Wohnung als Wald bezeichnen. Waltraut wusste, dass Joschi so schimpfte, weil er zwar zum Entzug entschlossen, aber auch unsicher war, ob er ihn durchhalten würde. Sie war ebenfalls unsicher, hatte sogar große Angst vor dem Scheitern. Denn eins war ihr klar: Sollte Joschi weiter an der Flasche hängen, würde sie ihn verlassen. Auch und gerade um Gabis Willen.

Die Kleine war für die nächsten Tage bei Babsi untergekommen. Zopf-Inge hatte sich bereit erklärt, sich um Mama Henriette zu kümmern. Waltraut war erleichtert, dass sie zwei so gute Freundinnen hatte. Wenn sie sich von Joschi trennen müsste und Mama gestorben war und sie anschließend mit ihrem Vater und Bruder brach, weil sie sich einen Dreck um ihre Ehefrau und Mutter gekümmert hatten, wäre sie trotz allem nicht ganz allein auf der Welt.

Das Hotel hatte unten ein Restaurant, aus dem Waltraut Essen nach oben bringen konnte, war aber dankenswerterweise so altmodisch, dass es in den Zimmern keine Minibar mit alkoholischen Getränken besaß. So musste sie keine Flaschen vor ihm verstecken.

Joschi rauchte auf dem Balkon und tigerte auf und ab. Waltraut räumte die Kleidung in den kleinen Eichenschrank und legte ihm einen Kriminalroman auf das Bett – ‹Der rote Kreis› von Edgar Wallace –, damit er zur Ablenkung etwas lesen konnte. Sie schloss die Tür von innen ab, sah zu Joschi, um sicherzugehen, dass er sie nicht beobachtete, und legte den Schlüssel in die Schublade des Nachttisches auf ihrer Bettseite.

 

Bereits nach vier Stunden zitterten Joschis Hände so sehr, dass Waltraut ihm dabei helfen musste, sich seine Zigaretten anzustecken. Ans Lesen war für ihn nicht zu denken. Beide setzten sich auf die Balkonstühle, deren braune Farbe schon teilweise abgeblättert war, und starrten auf das Gewässer namens Meer, das doch nur ein großer See war.

Joschi zitterte von Minute zu Minute mehr. So schnell, so heftig hatte Waltraut die Entzugsreaktionen nicht erwartet. Sie stand auf und legte die Hand auf seine Schulter. An Joschis Zittern änderte das nichts. Sie holte eine Wolldecke und legte sie ihm um die Schultern.

«Hier soll es lecker Aale geben», versuchte Joschi tapfer ein Gespräch zu führen.

«Klingt ekelhaft», fand Waltraut.

«Ist es auch», grinste Joschi. «Aber auf eine gute Weise.»

«Wenn du willst, essen wir Aal, wenn wir hier wieder raus sind.»

«Dann haben wir uns den auch verdient», sagte Joschi und zitterte so sehr, dass sogar seine Zähne klapperten.

 

Joschi bekam zusätzlich Kopfschmerzen. Waltraut holte ihm Tabletten aus der kleinen Reiseapotheke, die sie eingepackt hatte, und gab ihm gleich zwei mit einem Glas Wasser. Es half nichts.

«Mein Schädel … dröhnt … und ich … schwitze wie ein Schwein …»

Tatsächlich rann Joschi der Schweiß nur so herunter. Als ob er hohes Fieber hatte. Waltraut fühlte seine Stirn. Sie war nicht heiß, nur schweißüberströmt. Sie holte ein weiteres Glas Wasser und ein Handtuch, mit dem sie sein Gesicht trocknete.

«Du musst viel trinken.»

«Das will ich auch.»

«Ich meine, keinen Alkohol.»

«Ich weiß …», artig nahm Joschi das Glas Wasser.

«Lass uns ins Bett gehen», schlug Waltraut vor. Der Mond schien schon. Es wurde kalt auf dem Balkon, sodass auch die Decke, mit der sie Joschi zusätzlich eingehüllt hatte, nicht mehr ausreichen würde. Joschi nickte, stand auf, ihm wurde schwindelig, Waltraut stützte ihn und führte ihn zum Bett.

«Wie ein alter Mann», keuchte er.

«Du bist nicht alt», sagte Waltraut.

«Manchmal», gestand er, während sie ihn aufs Bett setzte und ihm half, sich auszuziehen, «habe ich Angst, dass ich zu alt für dich bin.»

Waltraut sah in seinen Augen diese Angst. Joschi wirkte nun nicht nur alt, sondern auch zerbrechlich.

«Du bist nicht zu alt für mich», lächelte sie.

«Wirklich nicht?»

«Nein. Nur eben oft zu betrunken.»

Joschi lächelte: «Ich schaffe das. Für dich.»

«Für uns», lächelte Waltraut zurück und war gerührt davon, welche Qualen er für eine gemeinsame Zukunft auf sich nahm.

 

Waltraut las schon seit fast einer Stunde aus dem Edgar-Wallace-Krimi vor. Nicht allzu flüssig. Lautes Lesen war für sie in der Schule fast noch mühsamer gewesen als Rechnen. Würde Joschi das hier bestehen? Bisher hatte er noch kein einziges Mal nach Alkohol verlangt. Aber er zitterte immer mehr und mehr, stöhnte und wälzte sich.

«Ich glaub, ich muss mich übergeben», sagte Joschi, der seinen königsblauen Lieblingsschlafanzug trug. Das Oberteil war falsch geknöpft, weil er es selbst mit zitternden Händen hatte tun wollen, um zu beweisen, dass er kein alter Mann war.

«Ich führe dich zum Klo», sagte Waltraut.

Joschi wollte sich aufrichten. Schaffte es aber nicht. Sie versuchte ihm zu helfen. Vergeblich. Er sackte immer wieder in sich zusammen. Waltraut ging in den Flur, holte den Abfalleimer aus dem Bad und hielt ihn Joschi hin. Er spuckte hinein. Sie stellte den Eimer in der hintersten Ecke des Balkons ab, kehrte wieder ins Zimmer zurück, ließ die Balkontür dabei etwas offen, damit frische Luft hereinwehen konnte. Sie setzte sich zu Joschi aufs Bett. Mühsam scherzte er: «Gut, dass wir vorher nicht Aal essen waren.»

«Soll ich dir weiter vorlesen?»

«Nein … nein …»

Waltraut war dankbar dafür. Es war alles schon anstrengend genug, und das Lesen hatte ihr eine solche Mühe bereitet.

«Erzähle mir etwas», bat der erschöpfte Joschi.

Sie hatte Gabi oft Geschichten vorgelesen und erzählt. Aber Joschi konnte doch nicht ernsthaft meinen, dass sie ihm jetzt etwas vom Igel Mecki erzählte. Oder von Hänsel und Gretel, die die Hexe in den Ofen steckten, wie – das fiel ihr jetzt erst auf – die Nazis das wohl mit den Juden getan hatten. Zumindest hatte Joschi diese Gräueltat ihr gegenüber mal erwähnt, nur um gleich zu sagen: «Über so etwas sollten wir niemals reden.» Die beiden hatten es dementsprechend nicht mehr getan, ebenso wie er niemals von seinen Eltern gesprochen hatte und sie nie von Friedrich.

«Was willst du denn hören?», fragte Waltraut.

«Dass du mich liebst.»

«Das weißt du doch.»

«Du sagst immer nur ‹auch›, wenn ich es dir sage.»

«Was?», verstand Waltraut nicht ganz, worauf er hinauswollte.

«Ich sage ‹Ich liebe dich›, dann sagst du ‹Ich dich auch›, aber nie ‹Ich liebe dich›», seine Stimme wurde beim Sprechen etwas fester. Gewiss fand er die Kraft dafür, weil es ihm so wichtig war.

Waltraut überlegte kurz. Er hatte recht. Sie hatte es wirklich noch nie von sich aus gesagt.

Joschi sah sie sehnsüchtig an. Er brauchte ihre Worte zum Durchhalten, das spürte sie genau, und so sagte sie: «Ich liebe dich.»

Er lächelte.

Es war richtig, es auszusprechen.

Auch wenn es nicht der Wahrheit entsprach.

Noch nicht?

 

Joschi wälzte sich unruhig im Schlaf. Waltraut nahm seine Hand. Er umklammerte sie fest, wurde dadurch ruhiger. Und obwohl ihre Hand in seinem festen Griff schmerzte, ließ Waltraut ihn nicht los.

 

Gegen zwei Uhr nachts, Waltraut war gerade eingeschlafen, richtete sich Joschi mit einem Mal auf.

«Was ist los?», fragte sie schlaftrunken.

«Ich hol mir jetzt was.»

Waltraut wurde schlagartig wach und knipste das Licht an.

«Ich halt’s nicht mehr aus.»

«Joschi …»

«Ich halt’s nicht mehr aus, hab ich gesagt!», brüllte er.

Waltraut hielt abwehrend die Hände hoch.

Joschi rappelte sich auf, merkte nicht, dass er noch im Schlafanzug war, und begriff auch nicht, dass er um diese Zeit nirgendwo etwas bekommen würde, hatte das Hotelrestaurant doch schon lange zu und gewiss auch alle anderen Gaststätten in diesem langweiligen Kurort.

Er ging, halb stolpernd, durch das Zimmer in Richtung Tür. Schaffte es gerade so, sie ohne Sturz zu erreichen. Die Tür ging nicht auf. Er versuchte es noch mal und noch mal und noch mal, fluchte und keuchte, begriff aber nicht, dass die Tür abgeschlossen war, bis Waltraut rief: «Ich habe den Schlüssel.»

«Gib ihn mir!»

«Nein», antwortete sie ruhig.

«Gib ihn mir!» Joschis Kopf lief blutrot an.

«Nein.»

«Gib ihn mir, hab ich gesagt!»

«Nein», sie blieb weiterhin ganz ruhig.

«Du gibt’s ihn mir, oder …»

«Oder was?» Waltraut stand aus dem Bett auf und ging auf ihn zu.

Joschi bebte vor Zorn.

«Oder was?», fragte sie noch mal, als sie vor ihm stand.

Joschis Gesicht wurde nun dunkelrot.

«Willst du mich dann schlagen?»

Joschi sah sie verwirrt an.

«Ich habe gefragt: Willst du mich dann schlagen?»

Das Blut schoss aus seinem Gesicht.

«Das … das würde ich nie tun.»

«Gut. Dann leg dich wieder hin.»

Joschi nickte.

«Ich … ich wollte dir keine Angst machen …»

Sie stützte ihn und ging mit ihm zum Bett. «Du hast mir keine Angst gemacht.»

«Ich … würde dir wirklich nie etwas tun.»

«Ich weiß, ich weiß …»

«Nie.»

Sie setzte ihn auf das Bett …

«Nie.»

… nahm ihn erneut in die Arme. Eine Weile hielten sie sich nur fest. Erst nachdem sie ihn wieder hingelegt hatte, realisierte sie, dass ihre Hände vor Angst zitterten.

 

Kurz bevor die Sonne aufging, begann Joschi Wahnvorstellungen zu bekommen. Er warf sich im Bett hin und her und rief Sätze, die Waltraut kaum verstand: «Zvi! … Zvi … die Araber haben da Minen … Zvi! Mein Gott, Zvi!»

Wo war Joschi gerade?

Wer war Zvi? Was war mit ihm passiert? War er auf eine Mine getreten? Wie Wolle, der danach verkrüppelt war?

«Zviiiii!»

War es bei Zvi schlimmer gewesen? Waltraut traute sich nicht, Joschi zu fragen, sagte nur: «Du bist hier, bei mir. Bei mir.»

«Mame?»

«Nein, ich bin’s, Waltraut.»

«Mame. Mame. Ist Tatte wieder da? Ist Tatte wieder da?»

Tatte? Mame? Papa? Mama? Joschi sprach ein merkwürdiges Gemisch.

«Ja», sagte Waltraut, um ihn zu beruhigen. «Tatte ist wieder da.»

«Sie schießen auf uns, die Araber schießen auf uns!»

«Hier gibt es keine Araber …»

«Haben sie jetzt Tatte?»

Waltraut wusste nicht mehr, was sie sagen sollte.

«Tatte …», rief Joschi panisch. Und dann stieß er einen Schrei aus, wie Waltraut ihn noch von keinem Menschen gehört hatte: «Tatteeee!»

Er ging ihr durch Mark und Bein.

Hatte sie etwa auch so geschrien, nachdem ihre Mama ihr von Friedrichs Tod erzählt hatte? Sie wusste nichts mehr von den Stunden danach.

«Tatteeee!»

Sie wollte Joschi nun Alkohol holen. Alles, alles tun, damit seine Qual endete.

«Mame …», begann er zu wimmern.

«Ja?»

«Mame …»

«Was ist?»

«Mein Bein, es tut so weh.»

Waltraut nahm die Decke hoch. Joschis Bein war verkrampft. Und nicht nur das. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. Er begann zu zucken.

Waltraut bekam Angst. Wie gefährlich war das, was sie hier taten? Würde Joschi das hier überleben?

Sie würde ihm jetzt Alkohol holen. Von irgendwoher. Und wenn sie den Hotelbesitzer aus dem Schlaf klingeln und ihn zwingen müsste, welchen aus seiner Wohnung abzugeben!

Waltraut rannte zur Tür. Drückte die Klinke. Erinnerte sich daran, dass sie die Tür verschlossen hatte. Rannte zum Bett. Zog die Nachttischschublade auf. Holte den Schlüssel raus. Rannte erneut zu Tür. Da röchelte Joschi: «Wo gehst du hin?»

Sollte sie ihm wieder als seine Mama antworten?

Ja, das würde ihn beruhigen.

«Ich seh nach Papa …», sagte sie.

«Was ist mit Hinrich?», presste Joschi in seinem Leid hervor.

Er war wieder zurück und erkannte sie!

«Ich … ich hol dir was zum Trinken.»

«Wasser? Das kannst du aus dem Bad holen», röchelte Joschi.

«Bier, Wein, egal!»

«Nein», krächzte Joschi.

«Du hältst das nicht aus.»

«Ich … ich … halt das aus.»

Sie sah ihn an. Seine Wahnvorstellungen waren vorbei. Aber seine Schmerzen. Was musste er für Schmerzen erdulden?

«Ich … will doch … ein … Kind mit dir», presste er hervor.

Trotz all dem Schmerz wollte er keinen Alkohol.

Er liebte sie von ganzem Herzen.

Es war unglaublich, dass er überhaupt lieben konnte, obwohl er so viel Leid in seinem Leben ertragen hatte. Mit dem Vater. Der Mutter. Und mit … wer auch immer Zvi war. Mit Minen, Schüssen, Krieg. Wie konnte sie einen so mutigen Mann nicht lieben?

Waltraut ging zu ihm und sagte ganz aufrichtig: «Ich liebe dich.»

 

Am nächsten Mittag war das Schlimmste überstanden. Joschi konnte sogar ein wenig essen. Schlafen. Auf dem Balkon sitzen und Edgar Wallace lesen. Natürlich keinen Aal essen. Am Nachmittag, am Abend und auch noch an den folgenden Tagen hatte er Stimmungsschwankungen, fragte aber kein einziges Mal nach Alkohol. Und Waltraut fragte ihn nicht nach Zvi. Oder nach seinen Eltern. Nur, ob er sich noch an seine Wahnvorstellungen erinnern konnte. Er tat es nicht. Waltraut betete in Gedanken, obwohl sie nicht an Gott glaubte, dass Joschi all sein Leid irgendwann vergessen konnte. Und sie irgendwann auch ihres.

***

Joschi wurde auf dem Standesamt von einem wortkargen Beamten – Nazi? Kein Nazi? – sein deutscher Pass ausgehändigt und anschließend der israelische Pass ungültig gestempelt. Er hatte erwartet, es würde ihn mehr schmerzen, den Staat, für den er gekämpft hatte, hinter sich zu lassen. Aber die Freude überwog: Nun war auch das letzte Hindernis beiseitegeräumt, um ein Leben in Deutschland mit Waltraut zu führen.

***

Da weder die schwangere Waltraut Wert auf eine kirchliche Trauung legte noch Joschi eine christliche Zeremonie in Erwägung gezogen hatte, bestand ihre Hochzeit aus einer kleinen Zeremonie im Standesamt gegenüber dem Bürgerpark.

«Wie ist Ihre Religionszugehörigkeit, Herr Safier?», fragte der joviale rundliche Beamte, der Waltraut bereits beim Eintreten das Kompliment gemacht hatte, sie wäre die schönste Braut, die ihm diesen Monat untergekommen sei.

«Mosaisch.»

«Aha», die ganze Fröhlichkeit verschwand aus dem Gesicht des Beamten. Er trug die Information ein, schaute wieder auf und sah Waltraut an, als sei sie eine Volksverräterin. Sie hätte ihn gerne behandelt wie die Kindergärtnerin Frau Polle. Aber das war ihre Hochzeit.

Im Amtsraum anwesend waren sonst nur noch Gabi, Hinrich und Klaus samt seiner Frau und ihren beiden kleinen Mädchen. Für eine richtige Feier im Anschluss mit Zopf-Inge, Babsi, deren Ehepartnern, Frau Siegen und 32 fehlte das Geld. Außerdem, wie hätte Waltraut fröhlich feiern können, wenn es ihrer Mutter täglich schlechter ging?

Die Trauung verwandelte der Beamte in einen unterkühlten Verwaltungsakt. Selbst das «Sie dürfen die Braut nun küssen» klang bei ihm eher wie ‹Sie müssen noch das Formular 23B unterschreiben›.

Joschi küsste sie dennoch leidenschaftlich, was Waltraut so überraschte, dass sie lachen musste. Er strahlte, und sie ließ sich von seinem Überschwang anstecken. Fröhlich streckte sie beim Gehen dem Beamten die Zunge raus.

Als Waltraut im Sonnenschein auf die Stufen vor dem Standesamt trat, betrachtete sie ihren neuen, funkelnden Ring. Erst jetzt dachte sie an Friedrich. Sie sah ihn vor sich, wie er ihr damals vor dem Waggon den Antrag gemacht hatte.

Er war tot.

Sie nicht.

***

Jeden verdammten Tag sehnte sich Joschi nach einem Schluck. Besonders an jenem, an dem sein Antrag auf Wiedergutmachung vom österreichischen Staat abgelehnt wurde. Er wollte für sein entgangenes Studium und die damit entfallenen Berufschancen entschädigt werden, schließlich brauchte er für seine neue Familie Geld. Die Verwaltung forderte jedoch Beweise dafür, dass Joschi sein Studium aufgrund der Nationalsozialisten hatte abbrechen müssen. Als ob das nicht offensichtlich gewesen wäre. Aber es war eben nun mal Österreich. Da wollte man, wie in Deutschland auch, immer nur Dokumente sehen. Eine schriftliche Entlassung aus dem Studium zum Beispiel. Am besten noch unterschrieben von Adolf Hitler persönlich.

Joschi besaß keinerlei Dokumente aus jener Zeit. Wie auch, er hatte ja noch nicht mal Fotos von seinen Eltern retten können. Ihre Gesichter existierten nur noch in der Erinnerung von Rosl und ihm. Vielleicht noch in der ihrer Mörder. Falls sie noch lebten.

Aber Joschi wusste eben auch an jedem verdammten Tag, warum er keinen Alkohol anrührte.

Und an keinem Tag spürte er es deutlicher als an jenem, an dem sein Sohn geboren wurde.