1967–1976

«Joschi!»

«Rosl!»

«Joschi!»

Joschi stürmte auf seine Schwester in der Kneipe Zum Kamin zu, nahm sie in die Arme, und die beiden küssten und herzten sich überschwänglich. Aus dem Augenwinkel sah Joschi, wie Charlie das Spektakel genauso befremdet beobachtete wie die hoffnungslos übermüdete Waltraut, die nervös rauchend hinter dem Tresen stand, besonders schön zurechtgemacht für die erste Begegnung mit der Schwägerin. Gäste waren keine in dem holzvertäfelten Hauptraum der Gaststätte in Bremen-Osterfeuerberg. Am Nachmittag gab es nur Betrieb auf den beiden Kegelbahnen unten im Keller. Die Kegelbrüder waren für Joschi gute Gäste, die ihren Sport weniger bierernst denn bierselig nahmen. Teils waren sie sogar spendierfreudiger als die Kneipenbesucher, die bis spätnachts an der Theke hockten und Joschi und Waltraut ihr Leid über die Ehe und die harte Arbeit in den Fabriken oder Werften klagten, während die beiden sich nach ihrem Bett sehnten, das eine Etage über der Kneipe lag. Der Schlaf war für Joschis arme Frau ohnehin schon viel zu knapp, da der kleine David – Israel hatte Waltraut als Namen für das Kind nicht akzeptiert – frühmorgens immer das Fläschchen bekommen musste und Gabi kurz darauf ihr Frühstück, bevor sie dann zu ihrer neuen Hauptschule ging.

Joschi ließ nach jeder Menge Küsschen von seiner Schwester ab, ging zu seinem Schwager, schüttelte ihm die Hand hin und sagte: «Schön, dass du da bist.»

«Schön, dass ich hier sein kann», antwortete Charlie, dessen Haupthaar sich schon sehr gelichtet hatte. Kein Wunder, dachte Joschi, wenn ich mit Rosl verheiratet wäre, würde ich mir auch die Haare raufen.

«Wir beide in Deutschland», lachte Rosl.

«Wir beide in Deutschland», lächelte Joschi und herzte seine Schwester gleich noch mal.

«Ihr beide in Deutschland», sagte Charlie, und Joschi fragte sich, ob er damit andeuten wollte, dass sie mit ihm drei Juden in Deutschland waren und ihn bitte schön nicht vergessen sollten.

«Möchte jemand etwas essen?», fragte Waltraut hinter der Theke und drückte dabei ihre Nervositätszigarette im vollen Glasaschenbecher aus.

Alle drei blickten zu ihr.

«Das ist Waltraut!», verkündete Joschi mit enormem Stolz in der Stimme.

«Ich bin Rosl!», ging Rosl ganz verzückt auf ihre neue Schwägerin zu. «Du bist ja noch schöner, als Joschi gesagt hat!»

Joschi war sehr froh, dass seine Schwester so freundlich zu seiner neuen Ehefrau war. Kein Gerede mehr von Schickse. Keine Erwähnung von Dora. Alles weil Waltraut einen neuen Safier geboren hatte.

Waltraut lächelte Rosl an, erleichtert, dass sie sich nicht als Drache erwies.

«Du siehst müde aus», sagte Rosl voller Mitgefühl, «und auch sehr dünn.»

Waltraut waren die Worte sichtlich unangenehm, daher sprang ihr Joschi bei: «Also, ich hätte schon Hunger.»

«Was gibt es denn?», fragte Rosl freundlich.

«Ich kann Ochsenschwanzsuppe machen», antwortete Waltraut und lächelte so strahlend, wie die Erschöpfung es ihr ermöglichte.

«Die Suppe ist immer lecker», sagte Joschi, der sehr wohl bemerkte, dass sich die Begeisterung der beiden Besucher in Grenzen hielt. Aber die Dosensuppe, die sie in ihrer Kneipe servierten, schmeckte gut und besser als alles, was Waltraut hätte kochen können. Sie war nun mal leider eine genauso schlechte Köchin wie Rosl. Und wie Mama Scheindel. Küche wie bei Muttern , musste Joschi jedes Mal innerlich lachen, wenn ihm von seiner Frau etwas Missratenes aufgetischt wurde.

«Ich nehme gerne eine Suppe», sagte Charlie freundlich.

«Ich auch», rang sich Rosl ebenfalls ein Lächeln ab.

«Kommt sofort», sagte Waltraut. Kaum dass sie sich auf den Weg machte, wirkte sie wieder todmüde. Kein Wunder, es waren nicht nur die Kinder und die langen Stunden in der Kneipe, die ihr die Kraft raubten, sondern auch ihr Gemütszustand. Waltrauts Mama Henriette war nach langem Leid gestorben. Sieben Tage vor der Geburt des kleinen David. Mit Vater und Bruder hatte Waltraut wie erwartet gebrochen. Für ihre Freundinnen Babsi und Zopf-Inge besaß sie bei der vielen Arbeit keine Zeit mehr. So war nur Joschi da, um Waltraut die Hand zu halten, wenn sie mal wieder um die Mama trauerte. Leider schaffte er es nicht, sie aus ihrem dunklen Loch herauszuholen, obwohl er in seinem 52. Lebensjahr mehr Kraft hatte als mit vierzig. Jeder Augenblick, an dem er seine Frau sah oder seinen Sohn in der Wiege betrachtete, war für ihn ein Geschenk Gottes, den es vielleicht doch gab.

Um Waltraut etwas von der Last zu nehmen, hatte Joschi mit seiner Schwester über die letzten Wochen hinweg am Telefon eine Idee entwickelt, die auch Rosl und Charlie glücklich machen würde. Eine Idee, die sie Waltraut gleich bei der Ochsenschwanzsuppe vorstellen wollten.

***

Erschöpft. Waltraut war zutiefst erschöpft, als sie mit Gabi und Joschi auf dem Bahngleis stand. Die Kleine hatte einen schweren Koffer vor sich und einen Wanderrucksack auf dem Rücken. Die ganzen letzten Tage hatte sie kaum gesprochen. Gabi wollte nicht weg von zu Hause, von den neuen Freunden aus der Hauptschule. Und schon gar nicht nach Düsseldorf, zu den alten Leuten, die sie kaum kannte, auch wenn sie ihr immer so teure Geschenke schickten: eine Puppe, einen Haarreif, und letztens erst kam ein Brief mit einem Foto, auf dem ein schönes Fahrrad zu sehen war, das sie in Düsseldorf fahren konnte.

Waltraut sah zu, wie Joschi der Kleinen ein Küsschen gab und ihr ganz, ganz viel Spaß wünschte: Sie würde schon sehen, Rosl und Charlie würden sie unglaublich verwöhnen, wenn sie bei ihnen lebte.

Erschöpft. Zutiefst erschöpft gab Waltraut ihre Tochter in fremde Hände. Für ein Jahr. Zwei, wenn alles gut lief. Wer wusste schon, vielleicht sogar für länger. Joschi, Rosl und selbst der zurückhaltende Charlie hatten sie überzeugt, dass es für alle das Beste war. Und Waltraut wollte es auch glauben. Rosl konnte der schlechten Schülerin bei den Hausaufgaben nicht jene Hilfe geben, die Gabi brauchte, nicht nur aus Zeitmangel, sondern auch weil ihre Bildung dafür nicht reichte. Wenn Gabi jemals den Wechsel von der Haupt- auf die Realschule schaffen sollte, dann mit einer so klugen Frau wie Rosl, die noch dazu alle Zeit der Welt hatte, Gabi zu unterstützen.

«Du musst jetzt in den Zug», sagte Joschi zu Gabi.

Die Kleine nickte, wie ein Mädchen, das sich entschlossen hatte, für immer das Sprechen einzustellen. Waltraut drückte sie fest an sich, sagte nichts davon, dass Gabi eine Löwin wäre oder dass sie dem Adel entstammte. Stattdessen blieb sie stumm.

Der Schaffner trillerte seine Pfeife.

Erschöpft. Zutiefst erschöpft ließ Waltraut ihr Kind los. Gabi stieg in den Zug. Joschi reichte den Koffer an. Die Kleine konnte ihn nur wenige Zentimeter über den Boden heben und schleppte ihn in Richtung Abteil. Sie musste ganz allein die vielen Stunden nach Düsseldorf fahren – ihre Eltern konnten Kneipe und Säugling nicht allein lassen. Charlie und Rosl würden sie am Gleis in Düsseldorf in Empfang nehmen.

Erst jetzt, als der Schaffner aus der Tür hängend ein weiteres Mal in seine Trillerpfeife pfiff, um gleich anschließend die Tür zu schließen, fragte sich Waltraut, was das eigentlich für Menschen sind, die sich noch nicht einmal die Mühe machen, Gabi aus Bremen abzuholen. Wohin schickte sie ihre Tochter?

Der Zug fuhr ab.

Waltrauts Herz tat weh.

«Jetzt wird Rosl», sagte Joschi, «staunen, wenn sie mit der Kleinen unterwegs ist.»

Waltraut blickte zu ihm.

«Na ja, die Leute denken, ich wäre ihr Opa, wenn ich mit Gabi irgendwo bin. Jetzt werden sie Rosl fragen, ob sie die Oma ist. Das wird ihr ganz und gar nicht gefallen.» Joschi lachte bei der Vorstellung. Und das erste Mal in all den Jahren, die Waltraut ihn nun kannte, konnte sie sein Lachen nicht ausstehen.

 

«Wie geht es dir?», fragte Waltraut ihr Tochter am Telefon, das sie auf die Theke gestellt hatte.

«Gut», antwortete Gabi einsilbig wie immer.

«Wie läuft es in der Schule?»

Die Frage stellte Waltraut gerne, da die Noten der Kleinen in Düsseldorf sich so sehr verbessert hatten, dass sie dort nach den Sommerferien auf die Realschule gehen konnte. Das beruhigte Waltrauts geplagtes Gewissen stets ein bisschen.

«Gut.»

«Mehr gibt es nicht zu erzählen?»

«Der Sportlehrer will, dass ich für die Schule bei den Landesmeisterschaften laufe. 100 Meter. 200 Meter. Und 400 Meter.»

«Das ist ja toll.»

Gabi schwieg.

«Da kannst du stolz sein», Waltraut war es jedenfalls.

Gabi schwieg weiter.

«Bist du doch, oder?»

Keine Antwort.

«Ist was mit dem Lehrer?»

Wieder keine Antwort.

«Ist er nicht gut zu dir?»

Die Löwin in ihr wollte allein schon bei dem Gedanken dem Mann das Gesicht zerfetzen.

«Er schon …», Gabi brach ab, als ob sie zu viel gesagt hat.

«Wer denn nicht?»

Gabi schwieg.

«Gabi, du musst mir sagen, wenn etwas ist. Nur so kann ich dir helfen.»

«Du kannst mir nicht helfen.»

«Doch, natürlich kann ich das.»

«Nein, du bist ja gar nicht hier», Gabi sagte es nicht anklagend, sondern tieftraurig.

«Ich komme sofort nach Düsseldorf!», sagte Waltraut. Die Kraft für eine solche Reise würde sie schon aufbringen. Den kleinen David würde sie mitnehmen. Sollte Joschi sich doch allein um die Kneipe kümmern und selbst mit den Gästen am Tresen schäkern, damit die noch mehr tranken.

«Tante Rosl wird böse sein.»

«Wieso wird sie böse sein?», war Waltraut verwirrt.

«Sie … sie schimpft immer mit mir, wenn ich was nicht verstehe. Und wenn ich nicht einschlafe. Manchmal auch einfach nur so.»

«Ist sie gemein zu dir?», Waltraut konnte es nicht fassen.

«Die meiste Zeit ist sie lieb, aber ich weiß nie, wann sie böse wird.»

Waltraut bemühte sich, ihren Zorn nicht allzu sehr zu zeigen: «Und was sagt Onkel Charlie dazu?»

«Der ist immer lieb. Und er verteidigt mich. Dann schimpft sie auch mit ihm.»

«Warum hast du mir das nicht früher erzählt?»

Keine Antwort.

«Du warst doch Ostern hier.»

«Ich … ich wollte euch nicht das Fest verderben.»

Waltraut zerriss es das Herz. Sie feierten doch Ostern und Weihnachten überhaupt nur wegen Gabi.

«Und ihr liebt David doch sowieso mehr als mich.»

«Nein, nein, nein, was sagst du da? Das stimmt doch nicht!»

«Dann hättet ihr ihn doch zu Tante Rosl geben können …»

«Er ist dafür doch noch viel zu klein», sagte Waltraut verzweifelt.

Wieder keine Antwort.

Waltraut begriff erst jetzt, dass auch Gabi viel zu klein dafür war.

«Ich komme dich holen!»

«Ich will noch die Meisterschaften gewinnen.»

«Wann sind die denn?»

«Ende des Schuljahrs.»

«In dreieinhalb Wochen also», Waltraut wusste immer ganz genau, wann die nächsten Ferien in Nordrhein-Westfalen begannen.

«Kann schon sein.»

«Dann komm ich dich danach holen!»

«Danke, Mama», sagte Gabi.

«Danke, dass du es mir gesagt hast», sagte Waltraut und begann zu weinen.

«Weinst du, Mama?»

«Nein», schwindelte Waltraut.

«Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen.»

«Ich weine vor Freude, dass du für immer wieder zu uns kommst», sagte Waltraut und bemühte sich, nicht völlig vergeblich, ein Lächeln in ihre Stimme zu legen.

«Ich muss zum Abendbrot», sagte Gabi.

«Tschüss», sagte Waltraut.

«Tschüss», sagte Gabi und legte auf.

Waltraut wollte weiter weinen, aber eine Stimme rief: «Die Leute von Bahn 3 wollen noch sechs Bier.» Sie gehörte Willi, einem Kellner aus Oberösterreich, der vor wenigen Wochen angeheuert hatte. Willi war ein sympathischer Mann, mit dem Joschi die halbe Nacht blödeln konnte. So jemanden hatte Waltraut nicht in ihrem Leben. Zopf-Inge hatte ihren Ehemann verlassen und war nach St. Peter-Ording gezogen, um dort in einem mondänen Salon für reiche Badegäste anzuheuern – ihre letzte Chance, sich in ihrem Alter einen Millionär zu angeln, wie sie gelacht hatte. Und Babsi hatte vor Monaten zu Waltraut gesagt: «Ich würde nie ein Kind weggeben, so wie du.» Das hatte Waltraut so sehr verletzt, dass sie ihr die Freundschaft aufgekündigt hatte. Babsi hatte sich noch mal telefonisch entschuldigen wollen, aber Waltraut war hart geblieben. Wer es sich einmal mit ihr verscherzt hatte, der hatte es für immer getan. So wie ihr Vater.

So wie ihr Bruder.

So wie Rosl jetzt.

***

«Gabi übertreibt sicherlich», versuchte Joschi seine aufgebrachte Frau zu beschwichtigen. Die beiden standen in der kleinen Kochnische der Kneipe, in der Waltraut Erbsensuppe aus der Dose für Joschi und den neuen Kellner aufwärmte. Er machte sich Sorgen um seine Frau, der es zwar etwas besser ging, die aber so gut wie jede Nacht am Rand der Erschöpfung war. Aber auch um Rosl. Sie hatte zwar noch nie gesagt, dass sie sich ein Kind wünschte, nicht in Wien, als sie mit dem Wasserballer verheiratet war, nicht in Israel, als sie für die Unabhängigkeit kämpfte, und auch nicht während ihrer Ehe mit Charlie. Dennoch war Joschi fest davon überzeugt, dass die Anwesenheit der Nichte ihrem Leben einen Sinn verlieh. Rosl klang am Telefon immer glücklich, wenn sie von Gabis Erfolgen in der Schule und beim Laufen erzählte. Und Charlies Augen hatten zu Weihnachten geleuchtet, als er in der kleinen Wohnung der Safiers auf dem Boden mit Gabi stundenlang Rommé spielte. Es wäre das Beste für alle, wenn die Kleine tatsächlich mit ihren Äußerungen über Rosl übertrieben hatte.

«Ich hole Gabi nach Hause, egal was du sagst!»

«Waltraut …»

«Nichts Waltraut!»

«Ich kann doch noch mal mit Rosl reden.»

«Es ist entschieden!»

«Sie kann das sicherlich aufklären.»

«Ich glaube meiner Tochter!», Waltraut nahm den Topf mit der Erbsensuppe vom Herd und stellte ihn scheppernd auf den kleinen Tisch. Einiges von der Suppe schwappte auf die ohnehin schon etwas dreckige Plastiktischdecke.

«Aber Rosl wird so nicht sein …»

«Auf welcher Seite stehst du eigentlich? Auf der Seite deiner Schwester oder auf meiner?»

Waltrauts Augen funkelten Joschi mit einem Zorn an, der ihn erschreckte.

«Es geht doch nicht um Seiten …», versuchte er abzuwiegeln.

«Oh doch, genau darum geht es!»

Hasste Waltraut ihn etwa gerade?

Sie durfte ihn nicht hassen!

«Du hast mich dazu gebracht, meine Tochter wegzugeben.»

Joschi hatte eine solche Furcht, dass die von ihm abgöttisch geliebte Frau ihn tatsächlich hassen könnte, dass er erstmals, seitdem sie sich kannten, ihr gegenüber laut wurde: «Es war unsere gemeinsame Entscheidung!»

«Eure!»

«Du warst doch auch dafür!»

«Ich war so erschöpft, ich konnte gar nicht klar denken!»

«Ganz genau. Deswegen haben wir es doch getan!»

Waltraut wurde unsicher. Gewiss, weil sie wusste, dass er recht hatte. Doch schnell wurden ihre Augen eiskalt: «Entscheide dich. Sie oder ich.»

Wie sollte er sich da entscheiden? Rosl war seine Schwester, seit 54 Jahren. Die letzte Verbindung zu der Familie, die von den Nazis ermordet worden war. Die Einzige, die außer ihm noch wusste, wie die Eltern aussahen. Wer Hedy war. Die dafür gesorgt hatte, dass er nach Israel fliehen konnte, und ihn dann dort aufgenommen hatte. In die Hagana brachte. Wenn man es genau nahm, war sie die Frau seines bisherigen Lebens. Und Waltraut dagegen?

Sie war die Frau, die er liebte.

Die ihn niemals hassen durfte.

Rosl war die Vergangenheit.

Waltraut, David und, ja, auch Gabi, die Zukunft.

Es war also leicht, sich zu entscheiden.

Auch wenn es wehtat.

«Ich bin immer auf deiner Seite», sagte Joschi mit fester Stimme.

Aus Waltraut entwich sämtlicher Zorn. Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn und lehnte sich an seine Schulter. Joschi befürchtete, sie würde in seinen Armen zusammensacken, und hörte vor lauter Schreck auf, sich Gedanken um seine Schwester zu machen. Es war eindeutig: Mit der Arbeit in der Kneipe ging es für Waltraut so nicht mehr weiter. Schon gar nicht, wenn Gabi wieder zurück sein würde. Kegelbahnen und saufende Werftarbeiter, die seine Frau nachts an der Theke vollquatschten, konnten nicht ihre Zukunft sein. Er müsste ein Lokal eröffnen, in dem sie nicht mehr so viel arbeiten müsste. Eins, in das die feine Gesellschaft kam. Und in dem, so seine Hoffnung, Rosl und Waltraut sich irgendwann wieder vertragen könnten. Er brauchte doch beide Frauen.

 

Bei der Eröffnung des Scandia war Joschi höllisch aufgeregt. Das modern eingerichtete Restaurant war seine geniale Idee gewesen: das erste skandinavische Restaurant in Bremen. Ach was, in ganz Deutschland! Lachs, Rentierfleisch, ausgefallene Spezialitäten, zubereitet von einem ehemaligen norwegischen Schiffskoch namens Iver Solheim, der sich, wie Joschi, bei der Anlandung in eine Bremerin verliebt hatte. «Joschi, unser letzter Hafen ist die Ehe», sagte der Riese mit dem lustigen norwegischen Akzent gerne.

Das Restaurant lag mitten in der Innenstadt. Gegenüber vom Hertie-Kaufhaus, in dem Joschi bei seinem ersten Besuch mit Waltraut erstaunt feststellte, dass seine Frau nicht nur den einbeinigen Fahrstuhlführer kannte, sondern dass die beiden offenbar auch eine gemeinsame Protest-Vergangenheit hatten. Waltraut wollte nicht darüber reden, erzählte Joschi aber anschließend beim Aussuchen der Restaurant-Tischdecken, wie Wolle sein Bein im Krieg durch eine Tretmine verloren hatte.

In der folgenden Nacht hatte Joschi Albträume vom Krieg in Israel, von jenem Tag, an dem Zvi zerfetzt worden war.

Joschi hatte im gleichen Haus, in dem sich das Restaurant befand, eine Drei-Zimmer-Wohnung für die Familie gemietet. Aus dem Hinterhof stiegen die Küchengerüche in die Räume hoch. Besonders ins Elternschlafzimmer, in dem David, mittlerweile vier Jahre alt, auch sein Bettchen stehen hatte. Die 13-jährige Gabi verbrachte die meiste Zeit in dem von ihr so sehnlich gewünschten eigenen Zimmer. Waltraut hatte Joschi bei der Heimkehr der Tochter aus Düsseldorf vor zwei Jahren unmissverständlich klargemacht, dass sie sie genauso verwöhnen würde, wie es Rosl und Charlie getan hatten. Joschi hatte daraufhin versprochen, dass eines Tages genug Geld für alle Wünsche da sein würde.

Jetzt war dieser Tag nahe, schließlich würden die wohlhabenden Bremer, die sich in den letzten Jahren schon an italienische, jugoslawische und chinesische Speisen gewöhnt hatten, garantiert begeistert auf das exzellente skandinavische Essen ihres neuen Restaurants reagieren. Statt in den Ratskeller oder ins Parkhotel zu gehen, würde man in Zukunft das Scandia aufsuchen!

Zur Eröffnung lud Joschi, der vor Kurzem der Jüdischen Gemeinde Bremen beigetreten war, deren Vorstandsmitglieder ein. Sie kamen alle, einige begleitet von Freunden aus der Bremer Gesellschaft, die sie von ihren Geschäften oder der Politik kannten. Sogar der Intendant von Radio Bremen war mit seiner Frau da. Journalisten, das waren in Joschis Augen moderne Helden der Gerechtigkeit.

Waltraut bezauberte die Gäste mit ihrer freundlichen Art und ihrem wunderschönen Aussehen. Besonders einen blonden Hünen, der mit seiner ebenfalls großen und blonden Ehefrau beim Schatzmeister der Gemeinde saß. Er starrte Waltraut die ganze Zeit wie hypnotisiert an. Als Joschi sie beiseitenahm und fragte, ob sie ihn kannte, antwortete sie knapp: «Den hast du damals ausgestochen.»

Joschi betrachtete den Mann genauer und freute sich: Er, ein kleiner älterer Jude, hatte den Wettstreit um eine wundervolle Frau gegen einen reichen blonden Deutschen gewonnen. Ohne überhaupt von diesem Wettstreit zu wissen.

Beschwingt ging Joschi von Tisch zu Tisch. Dabei nahm ihn der Gemeindevorsitzende beiseite und fragte, ob er nicht bei den nächsten Vorstandswahlen kandidieren wollte. Und wie er das wollte. Für Joschi Safier ging es spät im Leben endlich aufwärts!

***

Waltraut betrachtete am grauen Küchentisch das schlechte Zeugnis von Gabi. Sie war gerade noch so versetzt worden.

«Das ist nicht so gut, junges Fräulein», sagte sie.

«Ich bin kein Fräulein!», kam es patzig zurück.

Nein, das war Gabi nicht, sie war das, was man neudeutsch Teenagerin nannte. Ein Mädchen mit Jeans und ersten, nicht allzu gelungenen Schminkversuchen.

«Du hast auch eine 4 in Sport, du warst doch mal Landesmeisterin über 400 Meter», Waltraut war darauf so stolz gewesen. «Willst du nicht wieder anfangen zu trainieren?»

«Hab keinen Bock mehr drauf.»

«Bock?»

«Lust!»

«Hör mal, deine neuen Freunde …», hob Waltraut an, um auf die von ihr ausgemachte Wurzel des Übels zu kommen.

«Was ist mit denen?», Gabi schoss sogleich scharf zurück.

«Na ja, ich habe aus dem Fenster gesehen, wie du auf der Straße mit ihnen rauchst.»

«Schau dir die Tapeten an. Schau dir die Tapeten an!», Gabi zeigte mit dem Finger auf die vergilbte Wand. «Ihr pafft so viel, dass wir nach zwei Jahren schon neu streichen lassen müssen, und du willst mir etwas übers Rauchen erzählen?»

«Deine Freunde», lenkte Waltraut lieber wieder vom Rauchen weg, «scheinen dich vom Lernen abzuhalten.»

«Willst du mir etwa meine Freunde verbieten?»

«Vielleicht gibt es ja andere …»

«Du kannst mich ja wieder nach Düsseldorf schicken!»

Hinter dem Zorn spürte Waltraut den alten Schmerz ihrer Tochter. Und auch ihren eigenen aus jener Zeit. Er machte sie hilflos. Sie wollte Gabi auf keinen Fall erneut wehtun, deshalb knickte sie ein: «Wir reden später über dein Zeugnis», und wusste genau, dass sie nie mehr darüber sprechen würden.

«Gut, kann ich dann jetzt in mein Zimmer?»

«Ja», antwortete Waltraut geschlagen.

Gabi verließ die Küche, und Waltraut war froh, dass sie den Streit nicht hatte eskalieren lassen. Sie wollte ihr Gemüt nicht belasten, ging es ihr doch inzwischen viel besser als noch vor ein paar Monaten. Joschi hatte sein Versprechen gehalten, sie musste nicht mehr die halbe Nacht durcharbeiten. Erstmals seit Jahrzehnten hatte sie nicht das Gefühl, jede Minute ihres Lebens kämpfen zu müssen. Da musste sie es doch auch nicht mit ihrer Tochter tun.

***

Das darauffolgende Jahr befand sich Israel im Krieg. Ausgerechnet zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hatten die Araber angegriffen. Joschi machte sich Sorgen um Marjem, Dora und den kleinen Abraham. Aber auch um sein Geschäft. Die arabischen Länder setzten steigende Ölpreise als Druckmittel ein, damit die westlichen Staaten Israel nicht mehr unterstützten. Die Inflation in Deutschland stieg. Das Essen wurde im Einkauf teurer. Heizen und Benzin ebenfalls. Und die Regierung redete davon, autofreie Sonntage einzuführen. Das Schwierigste für ihn war allerdings, dass die Menschen schlagartig begannen zu sparen. Auch die Reichen. Sie kamen kaum noch ins Scandia. Einer von Joschis Vorstandskollegen in der Gemeinde, ein Baumwollimporteur, erklärte ihm: «Die Arbeitslosenquote hat sich von 0,7 auf 1,2 fast verdoppelt, und das wird in den nächsten Jahren vermutlich so weitergehen. Da wollen meine Freunde nicht so gerne von ihren Arbeitern in der Innenstadt beim Geldausgeben gesehen werden. Die fahren jetzt lieber in Sterne-Restaurants nach Hamburg.»

«Na», lachte Joschi, «nach der Logik müssten die reichen Hamburger ja zu mir kommen.»

«Kein Hamburger kommt jemals nach Bremen. Und die wohlhabenden Bauern im Umland wollen lieber Schnitzel. Du solltest umsatteln.»

Aber Joschi wollte nicht umsatteln. Die Ölkrise war gewiss nur vorübergehend. Und dann würde die Inflation auch wieder sinken. Seiner Familie würde – musste – es weiterhin gut gehen!

***

«Ich habe deinen Vater getroffen», sagte Frau Siegen, als Waltraut und sie im Café Knigge saßen. Mit der frischgebackenen Rentnerin traf Waltraut sich mittlerweile einmal die Woche.

«Ah ja?» Waltrauts Magen zog sich zusammen.

«Ich soll dich grüßen.»

Grüßen?

Wollte er damit etwa Kontakt mit ihr aufnehmen? Sich vielleicht sogar mit ihr treffen? Könnte sie ihm je verzeihen, dass er Mama in ihrer schweren Krankheit komplett alleingelassen hatte?

Jetzt, wo sie nicht mehr erschöpft war, wäre sie vielleicht sogar stark genug für eine Begegnung mit ihm. Den Kindern zuliebe. David hatte seinen Opa noch nicht einmal kennengelernt.

«Er war», berichtete Frau Siegen, «bei Woolworth in der Obernstraße.»

«Hat er Kleidung gekauft?»

«Er hat seine Verlobte besucht.»

«Seine was?»

«Du weißt gar nicht, dass dein Vater verlobt ist?»

«Nein», sagte Waltraut fast tonlos. Sie war zutiefst getroffen. Ihr Vater hatte die Mama endgültig hinter sich gelassen. Und es ihr nicht einmal mitgeteilt.

«Sie ist eine sympathische, wenn auch recht korpulente Frau.»

Vaters Neue hätte auch Mary Poppins sein können, es hätte nichts an ihren Gefühlen geändert.

«Die beiden wirken glücklich», Frau Siegen sagte es so, als ob Waltraut davon milde werden und sich für ihren Vater freuen sollte. Aber es war ihr egal, ob er glücklich war oder nicht. Und es wäre ihr auch gerne egal gewesen, dass er neu heiraten wollte. Doch das war es nicht. Sie empfand es als Verrat an der Mama. Und an sich.

***

Drei Jahre später war das Wirtschaftswunderland abgebrannt. Ölkrise. Hohe Inflation. Mittlerweile 4,7 Prozent Arbeitslose. Jeden Tag beugte Joschi sich über die Buchhaltung, um anschließend stundenlang durch sein kleines Büro zu tigern, ohne einen Ausweg zu finden. Die tiefroten Zahlen änderten nicht die Richtung. Wie lange könnte er Waltraut die schlimme Lage noch verheimlichen? Wie lange würde er das hier noch durchhalten können, bis er den Offenbarungseid leisten müsste? Dreißig Jahre lang müsste er dann alle Einnahmen an seine Gläubiger abtreten. Dreißig Jahre lang würde er kein eigenes Geld mehr sparen können. Er wäre am Ende dieser Zeit 88 Jahre alt.

Waltraut allein könnte die Familie nicht ernähren. Sie würde nicht mal die Miete aufbringen können. Sie würden das Auto verlieren. Die Möbel. Alles.

Die Zukunft von Gabi.

Von David.

Weil er es nicht schaffte, das Ruder herumzureißen.

Joschi hielt beim Tigern inne. Er spürte Schmerzen am Brustbein, hielt sich die Brust und starrte wieder auf die Zahlen. Irgendwo in ihnen musste es doch Hoffnung geben.

Es gab keine.

Er hatte versagt.

Auch der Arm begann zu schmerzen.

Als Familienvater, völlig versagt.

Wie er sich schämte.

Die Zahlen verschwammen vor seinen Augen.

Die Brust brannte regelrecht.

Der Oberkörper wurde taub.

Joschi brach zusammen.

***

Waltraut war gerade mit dem Eindecken der Tische beschäftigt, als sie das Poltern aus dem Büro hörte. Sie ließ das Besteck aus ihren Händen gleiten und rannte zu Joschi. Ihr Mann keuchte, konnte nicht sprechen. Er hielt sich das Brustbein, atmete flach. Waltraut kniete sich zu ihm, hob seinen Oberkörper an, in diesem Moment verlor er das Bewusstsein. Sie legte ihn behutsam ab, griff nach dem Hörer des modernen orangenen Tastentelefons und rief den Notarzt. Eine halbe Stunde später lag ihr Mann auf der Intensivstation und rang um sein Leben.

 

Vom Krankenhaus aus rief Waltraut Gabi an, dass sie sich um David kümmern sollte, aber ihm auf keinen Fall erzählen durfte, wie schlecht es Papa ging. Anschließend telefonierte sie mit dem Koch Iver, um ihm zu erklären, was geschehen war: «Du kannst zu Hause bleiben. Heute lassen wir das Restaurant zu.»

«Nur heute oder schließen wir es ganz?»

«Ganz?», Waltraut verstand nicht, wie Iver darauf kam. «Joschi wird überleben.»

«Ja, selbstverständlich wird er das.»

«Also machen wir es auch wieder auf», sagte Waltraut.

«Wenn du meinst.»

«Natürlich meine ich das! Warum sollte ich es nicht meinen?» Waltraut war krank vor Sorge um ihren Mann, und jetzt redete der Koch so merkwürdige Sachen. Was sollte das?

«Joschi redet nicht mit dir über die Finanzen, oder?»

«Natürlich tut er das!»

Er tat es nicht. Und Waltraut hatten sie auch nie interessiert. Aber sie wollte sich dem Koch gegenüber keine Blöße geben.

«Dann sagt er dir nicht alles.»

«Was sagt er mir nicht?»

«Das solltest du mit ihm besprechen, wenn es ihm besser geht.»

«Sag du es mir!»

«Das steht mir nicht zu. Tut mir leid, Waltraut», Iver legte auf.

Alarmiert machte sich Waltraut auf den Weg ins Restaurant. Sie schloss die Tür auf, eilte ins Büro und sah sich die Unterlagen auf dem Schreibtisch an. Neben der alten Reiseschreibmaschine lag eine Kreditvereinbarung mit dem Baumwollimporteur aus der Gemeinde. Bei der Summe wurde Waltraut schwindelig. Joschi hatte also nicht nur bei der Bank Kredite aufgenommen, sondern auch privat. Bei wem noch? Was bedeutete das alles? Sie musste Wege finden, das Ausmaß des Schlamassels herauszufinden. Und dazu musste sie erst mal mit dem Mann reden, dessen Kreditvereinbarung mit Joschi sie in den zitternden Händen hielt.

eee

Als Joschi auf der Intensivstation begriff, was geschehen war, bekam er Todesangst. Sein Herz schaffte etwas, was den Nazis und den Arabern nicht gelungen war: ihn fast zu töten. David war doch erst sieben. Joschi wollte sehen, wie er aufwuchs. Vielleicht sogar eines Tages mit ihm zusammen in Wien einen Palatschinken essen, wie mit seinem Vater früher an den gemeinsamen Geburtstagen. Gab es das Café Central eigentlich noch? Er wollte es noch mal sehen. Auch Israel. Haifa. Das Meer dort. Marjem. Abraham. Vielleicht sogar Dora. Er durfte nicht sterben. Er durfte nicht! Wegen David. Waltraut. Gabi. Rosl – er musste sich wieder mit ihr versöhnen. Vor allem aber durfte sein Leben nicht mit so einem Versagen enden. Nach Jahrzehnten betete Joschi wieder zu Gott und machte ihm einen Vorschlag: Wenn er verschont bliebe und alles wiedergutmachen dürfe, würde er wieder an ihn glauben und seinen Sohn zum jüdischen Glauben bringen.

***

Der Baumwollimporteur verzichtete auf seine Forderung, nachdem Waltraut ihm das Ausmaß des Schreckens erklärt hatte. Er half ihr sogar bei den Gesprächen mit der Bremer Sparkasse, die signalisierte, ihnen entgegenzukommen. Aber es gab noch einen weiteren privaten Gläubiger, einen nichtjüdischen Spediteur – woher kannte Joschi ihn überhaupt? –, der stur blieb. Sie stand mit dem schmerbäuchigen Mann auf einer Laderampe und sagte zu ihm, so tapfer wie möglich: «Wir können Ihnen ohnehin nichts zahlen.»

«Dann pfände ich eben Ihre Restaurant- und die Wohnungseinrichtung.»

«Das … das können Sie doch nicht tun.»

«Und wie ich das kann», er holte aus seiner hinteren Hosentasche ein zusammengefaltetes Blatt Papier und überreichte es ihr. Waltraut entfaltete es und konnte kaum glauben, was darauf stand.

«Ihr Mann hat mir die Einrichtung und Ihren ganzen Besitz als Sicherheiten überschrieben.»

Waltraut sah sich und die Kinder nur noch mit den Kleidern, die sie am Leib trugen, und rang mit den Tränen.

«Geheule hilft da auch nicht», der Spediteur nahm das Blatt wieder an sich und ließ sie allein auf der Rampe stehen. Waltraut drückte die Tränen weg. Sie würde nicht weinen. Ihr Mann hatte sie zwar zu einer Bettlerin gemacht, aber einen Rest an Würde wollte sie sich bewahren.

***

«Wir durften Sie gar nicht sterben lassen», sagte der Chefarzt zu Joschi, als er wieder auf der Normalstation lag, «Ihre Frau hätte uns sonst umgebracht.»

Hinter dem Weißkittel kicherten zwei Diakonissen. Und Joschi kicherte mit. Eigentlich musste er immer ein wenig kichern, wenn er die menschlichen Pinguine sah. Was hätten seine Eltern gestaunt, wenn sie wüssten, dass er von Nonnen gepflegt wurde.

«Ihre Frau hat uns so lange bearbeitet, bis wir Ihnen ein Einzelzimmer gegeben haben.»

Und nicht nur das, dachte Joschi: Waltraut hatte dafür auch die Nonnen mit zweihundert Mark, die die Safiers sich eigentlich nicht mehr leisten konnten, für die Stationskasse bestochen. Ja, ob Rabbis oder Nonnen, Geld nahmen alle Gottesdiener.

Zudem, und viel wichtiger, hatte Waltraut von den Kindern ferngehalten, wie sehr sein Leben auf Messers Schneide gestanden hatte. Nun kämpfte sie wie eine Löwin darum, dass sie beide nicht den Rest ihres Lebens auf Sozialhilfe angewiesen sein würden. Sie hatte sogar die Sparkasse überzeugt, die Hälfte der Schulden zu erlassen, wenn die übrige Summe bezahlt würde. Das jedoch ging nur mit einem neuen Kredit.

«Wenn Sie und Ihre Frau so weitermachen», lachte der Arzt, «dann sind Sie ganz schnell wieder auf den Beinen.»

Und Joschi wusste auch schon, von wem sie den Kredit bekommen könnten, um wieder auf die Beine zu kommen.

***

«Rosl? Wir sollen von Rosl Geld nehmen?» Waltraut konnte nicht fassen, was ihr Mann da bei einer Tasse Blümchenkaffee im Krankenhaus vorschlug. Sie war so schon wütend auf ihn, in welche Lage er sie gebracht hatte, aber jetzt hätte sie ihm am liebsten den Kaffee ins Gesicht geschüttet.

«Eigentlich von Charlie. Er hat es. Aber Rosl muss ihn überzeugen.»

«Niemals nehme ich Geld von ihr an!»

«Wir haben keine andere Wahl.»

Die hatten sie sehr wohl. Waltraut könnte ihren Verehrer Gerhard fragen, den sie zweimal durch die Scheiben des seit Wochen geschlossenen Restaurants hat blicken sehen, ohne ihm die Tür zu öffnen. Doch wenn sie diesen Vorschlag machte, würde Joschi vermutlich einen zweiten Herzinfarkt kriegen.

«Bitte, ruf Rosl an», bat er inständig.

«Ich? Wieso ich?»

«Du musst ihr verzeihen.»

Waltraut wurde schlagartig müde, wie in den Monaten nach Davids Geburt. So müde, dass sie noch nicht einmal die Energie aufbrachte, zornig zu sein. Und erst recht keine, um diese schreckliche Frau anzurufen.

 

Waltraut ging mit David durch die Innenstadt spazieren. Sie brauchte frische Luft. Und der Junge auch. Der Stubenhocker sollte nicht ständig im Wohnzimmer vor dem Fernseher mit seinen neuen Playmobil-Figuren spielen. Gabi hatte nicht mitkommen wollen. Anstatt zu lernen, verbrachte sie jede Sekunde mit ihren Freunden, zu denen, wie Waltraut inzwischen mitbekommen hatte, auch Haschischraucher zählten. Irgendwann würde sie den Kontakt verbieten.

«Ist das etwa mein Enkelkind?», hörte Waltraut eine Stimme hinter sich sagen. Es war die ihres Vaters. Waltraut drehte sich um. Neben Hinrich, der einen erstaunlich guten Anzug und sogar eine teure Armbahnuhr trug, stand eine dicke Frau, in die Waltraut zweimal hineingepasst hätte. Vielleicht sogar zweieinhalbmal, hatte sie doch in den letzten Wochen bestimmt fünf Kilo verloren.

«Darf ich vorstellen, das ist meine Verlobte, die Gisela.»

«Hallo, Waltraut. Schön, dich endlich kennenzulernen, ich habe schon einiges von dir gehört.»

Die Dicke war wirklich, wie Frau Siegen gesagt hatte, eine freundliche Person. Dennoch hätte Waltraut am liebsten geantwortet: ‹Und ich will nichts von dir hören.› Aber da ihr Sohn neben ihr stand, sagte sie matt: «David, das ist dein Opa Hinrich.»

Der Junge sah Hinrich an, ohne große Regung zu zeigen. Kein Wunder, er wusste aus eigenem Erleben ja gar nicht, wie man sich gegenüber Großeltern verhielt.

«Wir müssen uns mal näher kennenlernen», sagte Hinrich zu David.

Der nickte fast unmerklich.

Waltraut war von dem Vorschlag nicht begeistert, mochte ihrem Sohn eine Begegnung jedoch nicht verwehren. Ob Gabi ihren Opa auch mal wiedersehen mochte? Würde sie dafür auf einen Nachmittag mit ihren Freunden verzichten?

«Wir können ja mal», schlug Waltraut vor, «alle zusammen zu Knigge gehen. Nächste Woche Montag?»

«Da sind wir beide doch schon auf Weltreise», sagte Gisela.

«Weltreise?», staunte Waltraut. So etwas machte doch kein Tischler, der bald in Rente ging, und erst recht keine Woolworth-Verkäuferin.

«Acht Wochen», Gisela platzte vor Vorfreude.

Waltraut sah Hinrich fragend an. Er lächelte: «Ich hab im Lotto gewonnen. Sechs Richtige.»

Ihr Vater war Millionär?

Er könnte ihnen helfen. Sie müsste Rosl also nicht anrufen!

Aber könnte sie ihm eher verzeihen als der Schwägerin?

Sie musste, damit der Junge an ihrer Hand nicht in Armut aufwachsen würde.

«Papa?»

«Ja?»

Waltraut hielt inne, wandte sich an David und sagte: «Du, hol dir doch eben ein Eis.» Sie gab ihm fünfzig Pfennig und er lief los.

«Was soll dein Sohn nicht hören?», Hinrich nannte ihn nicht ‹mein Enkel›, ihm war das Kind genauso fremd wie er ihm.

«Wir haben Geldsorgen», dies gegenüber dem Vater zu gestehen, war für Waltraut noch erniedrigender, als bei dem Spediteur auf der Rampe zu stehen.

«Acht Jahre lang sprichst du kein Wort mit mir, und jetzt willst du Geld?»

Waltraut hätte ihn am liebsten angeschrien, dass sie aus gutem Grund nicht mit ihm geredet hatte, sagte aber nur leise: «Wir haben Probleme.»

«Über wie viel Geld reden wir?»

«125000 Mark.»

«125000?», Hinrich klappte die Kinnlade runter.

«Ja», gestand Waltraut für andere kaum hörbar und sah dabei zu Boden.

Hinrich schüttelte den Kopf. Schwieg. Sagte dann: «Du glaubst nicht, wie viele Schnorrer mich um Geld bitten.»

Waltraut blickte Hilfe suchend zu Gisela. Die verstand und sagte: «Das ist deine Tochter, Hinrich.»

«Ich werde es mir überlegen», lenkte Hinrich ein.

David kam mit dem Eis zurück. Schokolade, wie immer. Hinrich verstand offensichtlich, dass man so ein Thema nicht vor dem Jungen besprechen sollte, hatte aber auch sichtlich keine Lust mehr, sich mit ihm und Waltraut weiter zu beschäftigen. Er sagte: «Ich melde mich die Tage», hakte sich bei Gisela unter und ging davon.

 

Hinrich meldete sich nicht. Und Waltraut schwor sich, weder zu seiner Hochzeit noch zu seiner Beerdigung zu gehen.

 

Nach einer Woche griff Waltraut in Joschis Büro zum orangenen Telefonhörer, wählte Rosls Nummer und hoffte, dass sie besetzt sein würde. Das Freizeichen ertönte. Nach dem zweiten Klingeln wollte Waltraut wieder auflegen, da hörte sie Charlies Stimme: «Morris.» Charlie hatte seinen Elternnamen vor dem Umzug nach Düsseldorf abgelegt und sich einen neuen, nicht jüdisch klingenden gegeben. Das war auch schon das Schillerndste an dem Mann.

«Hier ist Waltraut …», sagte Waltraut tapfer.

«Waltraut?», staunte Charlie.

«Ich müsste mal Rosl sprechen.»

«Ist was mit Joschi?»

«Ja.»

«Und was ist mit ihm?»

«Er hatte einen Herzinfarkt.»

«Du meine Güte.»

«Er ist auf dem Weg der Besserung, keine Sorge, aber es gibt noch ein schlimmes Problem.»

«Welches?»

Sollte sie die Schulden bei der Sparkasse und dem Spediteur nicht lieber gleich mit Charlie besprechen? Es war schließlich sein Geld, um das sie bitten wollte. Nicht das von Rosl.

«Joschi hat gesagt, ich soll mit Rosl darüber reden.»

«Geld?» Charlie war scharfsinnig.

«Ja.» Es machte keinen Sinn, es zu leugnen.

«Und sie soll mich überzeugen, es euch zu geben.»

«Ja.»

«Das Restaurant ist in Schieflage?»

«Pleite.»

«Skandinavisches Essen war ja auch eine Schnapsidee.»

Waltraut hätte am liebsten geantwortet, dass das schon Willi, der Kellner im Kamin, zu ihr gesagt hatte, aber sie wollte nicht illoyal gegenüber ihrem Mann erscheinen.

«Wie viel?», fragte Charlie nüchtern, war nun ganz Geschäftsmann.

«125000.»

Charlie schwieg. War ihm die Kinnlade heruntergefallen wie Hinrich, der jetzt gerade mit seiner Gisela die Welt bereiste? Waltraut konnte sich das nicht vorstellen. Charlie war gewohnt, mit größeren Summen zu jonglieren. Nach einer Weile sagte er: «Gabi ist mir in dem Jahr bei uns wirklich ans Herz gewachsen.»

Waltraut staunte.

«Ich würde sie gerne wiedersehen.»

Gabi hatte ihr vor Wochen erst erzählt, dass Charlie immer gut zu ihr gewesen ist. Deshalb antwortete Waltraut: «Selbstverständlich.»

«Ich gebe euch das Geld.»

«Danke», Steine fielen von Waltrauts Herzen.

«Aber ihr müsst danach ein Geschäft finden, von dem ihr etwas versteht.»

«Der Kamin ist damals ganz ordentlich gelaufen. Wir sind nicht reich geworden, aber auch nicht arm.»

«Dann macht wieder so eine Kneipe auf. Ich unterstütze euch dabei.»

«Wirklich?»

«Ich mag Gabi.»

Waltraut wusste, wie hart die Arbeit in einer Kneipe war. Wie viele Stunden sie in der Nacht an der Theke stehen müsste. Dennoch antwortete sie: «Ich werde die Anzeigen nach Übernahmemöglichkeiten durchforsten.»

«Und du darfst nie wieder Rosl den Zugang zu Joschi verbieten», jetzt konnte Waltraut eine Bitterkeit in Charlies Stimme hören. «Ich kenne die beiden Geschwister schon lange, schon aus Israel. Sie haben eine Affenliebe zueinander. Rosl liebt Joschi mehr als mich.»

Waltraut hatte Mitgefühl mit dem Schwager: Wie hart musste es sein, so etwas über die eigene Frau sagen zu müssen? Sie konnte Joschi viel vorwerfen und tat es auch mal mehr, mal weniger, aber nicht, dass er sie nicht über alles liebte.

«Diese Verbindung zwischen den beiden», sagte Charlie, «werden wir nie verstehen. Nie. Also sollten wir uns nicht dagegenstellen.»

«Sind sie so, weil sie beide überlebt haben?», fragte Waltraut.

«Sie sind so, weil sie irre sind.»

Waltraut lachte kurz auf. Charlie hatte so recht! Dann sagte sie: «Ich werde Rosl wieder zu uns einladen.»

«Gut.»

«Soll ich mich jetzt gleich bei ihr entschuldigen?»

Charlie überlegte kurz. Dann sagte er: «Ich werde es ihr ausrichten.»

Waltraut verspürte Dankbarkeit. Und Verbundenheit. Ausgerechnet zum drögen Charlie, mit dem sie das Schicksal teilte, jemanden aus der verrückten Safier-Familie geheiratet zu haben.

Die beiden plauderten noch eine Weile über Gabi und dass sie, wie Charlie einst, nach der Schule eine Kaufmannslehre machen würde. Dabei überlegte Waltraut, ob sie ihm auch ihren Kummer wegen Gabis Freunden anvertrauen könnte, ließ es aber bleiben. Bei der Verabschiedung versicherte er ihr, dass sie sich keine Sorgen machen sollte. Waltraut legte den orangenen Telefonhörer auf die Gabel und erlaubte sich endlich zu weinen.

 

«Ein Nachtclub?», Gabi war entsetzt.

«Das ist kein Nachtclub. Es ist eine Kneipe mit drei Kegelbahnen im Keller. So eine hatten wir schon mal.»

«Willst du mich verarschen? Wir stehen auf einer Tanzfläche!», deutete Gabi erst auf den Tanzboden und dann auf die Diskokugel über ihr. Dass sie mit ihrer Schlaghose, der modischen Halblangfrisur und ihrem nach oben ausgestreckten Finger selbst aussah wie eine Diskogängerin aus der von ihr abonnierten ‹Bravo›, behielt Waltraut für sich. Stattdessen antwortete sie so sachlich wie möglich: «Dank der bleiben die Gäste länger.»

«Und du wirst dann ab nächsten Monat mit den Männern tanzen?» Gabis Verachtung in der Stimme tat Waltraut weh. Natürlich würde sie mit den Männern tanzen. Vor allen Dingen sie zum Trinken animieren. Möglichst teure Drinks. Joschi war zuerst auch skeptisch gewesen, als die beiden sich den Laden in der Hochstraße am Bahnhof zwecks Übernahme ansahen, aber die Zahlen, die ihnen die Vorbesitzer präsentiert hatten, waren sehr überzeugend gewesen. Falls sie vergleichbare Umsätze erwirtschaften konnten, würden sie die Schulden bei der Sparkasse und bei Charlie in fünfzehn bis zwanzig Jahren abbezahlen können. Charlie, der die Bilanzen geprüft hatte, meinte, sie könnten auf dieser Basis zusätzlich sogar einen Kredit für eine Eigentumswohnung aufnehmen, für den er bürgen würde. Eine Eigentumswohnung!

«Du und Inge kümmern sich also wirklich um die Männer.»

Waltraut hatte Zopf-Inge angeheuert. Die Freundin hatte sich in St. Peter-Ording zwar keinen Millionär geangelt, dafür aber eine uneheliche Tochter in die Welt gesetzt und benötigte einen Job, der besser bezahlt wurde als der einer Frisörin.

«Und das macht ihr dann in solchen Ecken!», Gabi deutete zu den mit rotem Samt ausgekleideten Separees am Rande der Tanzfläche. Waltraut hatte die Vorhänge bereits entfernen lassen, damit man die Separees jederzeit einsehen konnte. Dass sie mit einem Gast unbeobachtet allein saß, kam für sie nicht infrage. Und erst recht nicht für Joschi.

«Jetzt hör mal gut zu, junge Dame. Ich mach das auch für dich.»

«Für mich bestimmt nicht!»

«Von deinem Lehrlingsgehalt allein wirst du nicht leben können. Falls du mit deinem schlechten Zeugnis überhaupt eine Lehrstelle kriegst.» Am liebsten hätte Waltraut noch nachgelegt, dass die Noten ein Resultat von Gabis schlechtem Umgang waren – mittlerweile hegte sie sogar den Verdacht, dass ihre Tochter ebenfalls Haschisch rauchte.

«Ich ziehe zu Holger», verkündete Gabi.

«Du tust was?»

«Ich ziehe zu Holger.»

«Wer ist Holger?»

«Wenn du dich auch nur ein kleines bisschen für mich interessieren würdest, wüsstest du, dass er ein Tischler ist.»

Wie Hinrich, der geizige Lottogewinner. Na, wunderbar.

«Ist er dein Freund?»

«Seit acht Wochen.»

«Und dann willst du schon zu ihm ziehen?»

«Willst du mir das etwa verbieten?»

Waltraut wollte es. Hatte aber Angst, dass Gabi antworten würde: ‹Als ich klein war, war es dir auch egal, dass ich woanders wohne.› Diese Art Vorwürfe hatte Waltraut mittlerweile so einige Male von ihrer Tochter zu hören bekommen. Und obwohl sie von Gabi meistens nur eingesetzt wurden, um immer neue Zugeständnisse in Sachen Freiheit zu erlangen, hatten sie ihr jedes Mal das Herz zerrissen.

«Du kümmerst dich», motzte Gabi, «eh nur um Papa und um David. Und jetzt auch noch um das hier», sie deutete wieder zu den Separees.

«Glaubst du, ich habe mir dieses Leben gewünscht?», platzte es aus Waltraut wütend heraus. Das nahm Gabi schlagartig den Wind aus den Segeln.

«Komm mit!», befahl Waltraut der Tochter, ging mit ihr zum braun gelackten Tresen, auf dem noch ihrer beider Colagläser standen, und setzte sich mit ihr auf die schwarzen Barhocker. Sie nahm Gabis Hand und sagte, etwas ruhiger: «Ich tue das alles für euch Kinder.»

«Ich will das aber nicht.»

«Und wie soll es anders gehen?»

Gabi wusste darauf nichts zu erwidern.

«Weißt du», seufzte Waltraut, «ich habe in der letzten Zeit etwas begriffen.»

Gabi fragte nicht ‹Und was?›, hörte aber weiterhin zu.

«Es gibt kein leichtes Leben. Auf eines zu hoffen, enttäuscht nur.»

Gabi zog ihre Hand weg.

«Glaub mir, je eher du das begreifst, desto besser: Leben heißt leiden.» Waltraut nahm Gabis Hand wieder, hielt sie ganz fest und wiederholte, damit die Tochter auch begriff: «Leben heißt leiden.»

***

Leben heißt leiden – diesen fürchterlichen Satz hatte Waltraut in Joschis Anwesenheit nun schon ein paarmal gesagt. Es war paradox: Er war dem Schicksal, sogar Gott, dankbar für dieses Leben, diese Familie; seine Frau hingegen schien die Hoffnung auf ein glückliches Leben beerdigt zu haben. Es machte Joschi unendlich traurig, dass sie so dachte. Würde sie so nicht irgendwann verkümmern? Er musste etwas dagegen unternehmen!

Joschi ging zu der Hi-Fi-Anlage des Clubs, den er in Country Club umgetauft hatte. Der Name klang edel und würde die in- und ausländischen Kaufleute, die für ihre Geschäfte in Bremen weilten und nach Abwechslung suchten, gewiss anziehen. Und wenn einer von denen seine Frau belästigen sollte, würde er es mit ihm zu tun bekommen. Oder mit dem neuen bulligen Kellner, der nur Schulz genannt werden wollte. Bei der Auswahl hatte Joschi weniger nach Referenzen geschaut, vielmehr danach, wer seiner Frau und Zopf-Inge im Fall der Fälle zur Seite stehen konnte.

 

Nachts sollten auf der Anlage Musikkassetten laufen, aber jetzt, kurz bevor er den Nachmittagskeglern erstmals die Türen öffnen würde, legte Joschi eine Schallplatte auf. ‹Beautiful Noise› von Neil Diamond. Diese Platte hatte Gabi Tag und Nacht in ihrem Zimmer gespielt, bevor sie zu diesem Holger gezogen war, von dem Waltraut sagte, er sei nicht gut für die Kleine. Joschi mochte den langhaarigen Kerl ebenfalls nicht, er hatte ihm noch nicht einmal ordentlich die Hand gegeben, sondern nur «Hi, Herr Safier» genuschelt. Joschi vermisste Gabi. Und er hatte Angst, dass seine Tochter ihnen entgleiten würde. Wie so viele geliebte Menschen zuvor.

Waltraut lugte hinter der Theke hervor, wo sie noch vor der Eröffnung schnell den Champagner- und Sektvorrat im Kühlschrank prüfen wollte. Sie hatte einen feschen weißen Hosenanzug an – das figurbetonte Abendkleid würde sie erst nachher zu Hause anziehen, nachdem sie David ins Bett gebracht hatte, und anschließend mit einem Taxi in den Club zurückkehren. Waltraut trug dazu eine der Perücken, die sie für die Arbeit angeschafft hatte, nun aber auch privat gerne mochte. Diesmal war es die dunkelbraune, deren gewelltes Haar bis zu den Schultern fiel. Joschi fand sie mit allen Perücken schön. Hellbraun, Schwarz, Dunkelbraun. Kürzer. Länger. Egal. Am liebsten mochte er Waltraut aber mit ihrem natürlichen Haar.

«Wieso spielst du denn Musik?», fragte sie genervt. Sie war immer noch wütend auf ihn wegen des Scandia-Debakels.

«Ich möchte mit dir den ersten Tanz hier.»

«Spinner.»

«Komm schon», lächelte Joschi charmant.

Waltraut kam skeptisch dreinblickend hinter der Theke hervor.

«Von mir altem, dummen Konkurs-Knacker kannst du noch ein paar Tanzschritte lernen.»

«Blödmann», musste sie grinsen.

Joschi freute sich darüber, führte sie galant auf die Tanzfläche und begann mit ihr zu tanzen. Nach einer Weile lächelte Waltraut in seinen Armen. Es war ein klein wenig wie damals in Amsterdam. Nur dass Waltraut inzwischen besser tanzen konnte, hatte sie doch ein paar Stunden bei einem Lehrer der Tanzschule Schipfer-Hausa genommen, um sich auf den Country Club vorzubereiten.

«Siehst du, Leben ist nicht leiden», sagte Joschi.

«Na ja», zuckte Waltraut mit den Schultern.

«Ist es nicht», bekräftigte Joschi.

«Nicht nur», seufzte sie.

«Nicht nur», einigte Joschi sich mit ihr. Mehr würde er ihr erst mal nicht an Zugeständnis abringen können. Aber es würde ihm schon noch gelingen, dass sie die Welt so sehen würde wie er. Und hoffentlich würde ihr Zorn auf ihn ebenfalls bald vergehen.