1987–1992

Waltraut stieg aus dem Taxi, mit dem sie direkt nach der Arbeit zu dem an der Weser gelegenen Einfamilienhaus im niedersächsischen Achim-Baden gefahren war. Zögerlich ging sie auf die Eingangstür aus dunklem Holz und grünem Milchglas zu und überlegte, ob sie nicht doch lieber wieder umdrehen sollte. Aber da hörte sie das Taxi hinter sich schon wieder wegfahren. Waltraut stellte sich vor die Tür und klingelte. Nach einer Weile sah sie durch das Milchglas ihre Tochter. Gabi, bekleidet mit lila Aerobic-Hose, gelbem T-Shirt und pinkem Stirnband, öffnete verschwitzt die Tür und war sofort beunruhigt: «Ist etwas passiert?»

«Es ist nichts.»

«Nichts? Du bist total verheult.»

«Kann ich bitte reinkommen?»

«Klar, klar», Gabi führte ihre Mutter in das schicke Wohnzimmer, das sie mit ihrem neuen Freund Jens vor wenigen Wochen eingerichtet hatte. Der große, massige, immer etwas zu laute Besitzer zweier Apotheken im Ort hatte Gabi zum Einzug einen Heiratsantrag gemacht. Waltraut mochte den Mittvierziger nicht sonderlich, dennoch war sie froh, dass jemand Gabi ein so schönes Zuhause geben konnte. Besonders heute, wo endgültig klar war, dass sie es selbst nie mehr würde tun können.

Waltraut ließ sich in einen der beiden braunen Ledersessel fallen. Gabi bot ihr einen Sherry an, den sie in einem Zug austrank. Waltraut sah durch die Fensterfront auf die unten am Hang fließende Weser. Am liebsten hätte sie noch zwei weitere getrunken, aber dann wäre sie, die Alkohol nicht gewohnt war, nicht mehr so sicher auf den Beinen gewesen und Gabis Apotheker hätte sie, wenn er von der Arbeit nach Hause käme, in diesem Zustand gesehen.

«Also, was ist los?», fragte Gabi und setzte sich in den Sessel gegenüber.

«Wir sind pleite», es fiel Waltraut wirklich schwer, das einzugestehen. Und noch schwerer, es gegenüber der eigenen Tochter zu tun. Doch mit irgendjemandem musste sie reden. Der Kontakt zu der nun endlich wohlhabenden Zopf-Inge war abgebrochen, Frau Siegen im Pflegeheim verstorben, und mit Klaus hatte sie sich, obwohl es sich beide doch anders vorgenommen hatten, schon lange nicht mehr getroffen. Gabi war mit ihren Anfang dreißig der einzige Mensch, dem sie sich noch anvertrauen konnte.

«Pleite?», Gabi war völlig überrascht. Kein Wunder, wie immer hatten Waltraut und Joschi den Kindern Besorgniserregendes verheimlicht. Nur Joschis Hautkrebsentfernungen hatten Sohn und Tochter mitbekommen, es waren einfach zu viele Wundpflaster und Verbände an Joschis Armen, Händen und auf seinem Schädel gewesen. Und zu viele Tage im Krankenhaus. Der Arzt hatte erklärt, dass die Sonneneinstrahlung von all den Reisen auf dem Meer und dem Leben in Israel für die Haut schädlich gewesen war. Was für eine Welt: Jetzt war sogar die Sonne eine Gefahr für Menschen. Wenigstens hatte der Krebs nicht allzu sehr gestreut.

«Kein Mensch geht durch die Hillmann-Passage», erklärte Waltraut, «die Bremer wollen keine Abkürzung und laufen lieber ihre alten Trampelpfade um das Europa-Kino herum. Wir sind nicht der einzige Laden, der aufgeben muss.»

«Und was bedeutet das für euch?»

«Offenbarungseid.»

Gabi verstand nicht recht.

«Wir sind am Ende.»

«Und … was macht ihr nun?»

«Wir müssen die Wohnung verkaufen, umziehen und hoffen … hoffen … dass Rosl …», Waltrauts Stimme versiegte.

«Und wenn sie euch nicht unterstützt?»

«Dann bleibt uns nur die Sozialhilfe.»

Gabi schnaufte durch. Waltraut erkannte, dass ihre Tochter mit der Situation überfordert war. Sie hätte nicht herkommen sollen. Was war sie nur für eine Mutter, die der Tochter die Ohren volljammerte? Kein Kind sollte sich jemals um die Mutter sorgen. Und keine Mutter dürfte der Tochter jemals Anlass dafür geben.

«Du musst ihn verlassen», sagte Gabi.

«Was?»

«Du musst Papa verlassen.»

«Was redest du da?»

«Er hat dich das zweite Mal ins Elend geführt. Dessous und Schmuck in einem Laden zu verkaufen, das war eine idiotische Idee.»

«Die Dessous haben sich gut verkauft!», wehrte Waltraut ab, schließlich war sie trotz allem stolz darauf, dass ihr Teil der Idee funktioniert hatte, auch wenn es nicht gereicht hatte, um den Laden zu retten.

«Das hätte ich euch gleich sagen können, dass die Menschen nicht durch diese Kack-Passage gehen …»

«Willst du mir jetzt Vorwürfe machen?»

«Nein, ihm! Du machst alles für ihn, und was tut er? Er reitet euch jedes Mal in die Scheiße!»

Waltraut überraschte die Vehemenz, war sogar von ihr eingeschüchtert, wie von Gabis Anklagen als Teenager, sie als kleines Mädchen zu Tante Rosl weggegeben zu haben.

«Papa ist alt. Krank. Du bist jung. Gerade mal 52. Er hat es nicht verdient, dass du dein ganzes Leben für ihn opferst.»

Waltraut fühlte sich bei dem Gedanken mit einem Mal schwer wie Blei.

«Verlass ihn, pfeif auf Rosl und such dir eine Arbeit als Verkäuferin. Und dann einen neuen Mann. Einen besseren.»

«Und er?»

«Hätte besser für dich sorgen müssen.»

«Ich», schluckte Waltraut, «habe nicht gewusst, dass du ihn so hasst.»

«Ich hasse ihn nicht, überhaupt nicht. Ich mag ihn sogar. Aber ich liebe dich und will nicht, dass du zugrunde gehst!»

Zugrunde gehen.

Wenn es ganz, ganz schnell gehen würde, wäre es ein schöner Ausweg aus allem. Aber so was ging leider nie schnell.

«Und David …?»

«Ist alt genug, der kann arbeiten gehen und dir was abgeben.»

Es war ungeheuerlich, was Gabi ihr da vorschlug. Aber noch ungeheuerlicher war es, dass ein Teil von ihr der Tochter recht gab: Joschi hatte sie endgültig ins Elend geritten.

***

Joschi maß sich, in Pyjama und Bademantel, den Blutdruck. Der Arzt hatte gesagt, er solle es dreimal am Tag tun, aber er maß viel häufiger und hoffte jedes Mal vergeblich, dass sich die Werte besserten. Sie machten ihm Angst. Er nahm doch schon hohe Dosen an Blutdrucksenkern.

157 zu 122.

Joschi nahm das Stethoskop aus den Ohren, riss die Lasche vom Arm und warf das Gerät auf den Schreibtisch, von dem Waltraut gesagt hatte, er solle ihn auf den Sperrmüll tun, da er ihn ohnehin nicht mehr brauchen würde. Aber Joschi mochte nicht auf ihn verzichten. So stand der Tisch mit der mittig drapierten Reiseschreibmaschine weiterhin in dem Kabuff der Drei-Zimmer-Wohnung, deren Miete sich Joschi nur leisten konnte, weil Charlie ihn finanziell unterstützte und David das BA föG vollständig zu Hause ablieferte.

Wie er sich schämte. Jeden verdammten Tag, jede wache Minute. Er hatte versagt. Total versagt. Schon wieder und zugleich ein letztes Mal. Nie mehr würde er Geld verdienen können oder dürfen.

Waltraut blickte zu ihm ins Kabuff und sagte: «Ich fahre zu Gabi.»

Sie fuhr immer häufiger zur Tochter. Kein Wunder, dachte sich Joschi, wer wollte schon mit einem solchen Versager den Tag in der kleinen Wohnung verbringen?

«Es tut mir alles so leid», sagte er.

«Hör endlich auf mit den Entschuldigungen», antwortete Waltraut gereizt.

«Es ist alles meine Schuld.»

«Ich kann es wirklich nicht mehr hören», sagte sie und wandte sich zum Gehen. «Und hör endlich auf mit dem verdammten Blutdruckmessen. Du machst dich und mich ganz verrückt damit. Je öfter du das machst, desto höher wird er!»

«Waltraut?», fragte Joschi zaghaft.

«Ja?», drehte sie sich genervt zu ihm um. Er stand von seinem Stuhl auf und hob an: «Du …», er wagte nicht, den Gedanken auszusprechen, der ihn in den Monaten des Abstiegs zunehmend plagte.

«Ich?», sie wurde immer gereizter.

«Schon gut.»

«Ich?», hakte sie fast schon wütend nach.

«Du … wirst doch bei mir bleiben?», fragte er leise

Waltraut überlegte kurz, dann antwortete sie: «Natürlich.» Anschließend drehte sie sich um und ging. Dass sie vor der Antwort eine Pause gemacht hatte, bereitete Joschi eine Furcht, die er, trotz Krieg und Vertreibung, nicht kannte.

***

«Wie sehe ich aus?», fragte Gabi, als sie in der Achimer Nobelboutique in einer schönen Kombination von weißem Faltenrock, weißem Oberteil und beigem Jäckchen aus der Umkleidekabine heraustrat. Sie und ihr Jens wollten lediglich standesamtlich heiraten, von der Kirche hielten sie genauso wenig wie Waltraut.

«Wie eine Prinzessin», lächelte Waltraut und bemerkte dabei erst, wie selten sie noch lächelte. Dabei war es wunderbar, es zu tun.

«Aber doch nicht wie Diana», fragte Gabi, der ihre Phase des Diana-Kopierens mittlerweile ein wenig unangenehm war, obwohl sie ihren Apotheker ohne die Ähnlichkeit zur Prinzessin gar nicht erst kennengelernt hätte. Nur wegen ihr hatte Jens sie auf dem Bremer Freimarkt angesprochen und sie so lange verfolgt, bis sie seinem bollerigen Charme nachgegeben hatte. Jetzt aber wollte Gabi offensichtlich nicht, dass er Diana heiratete, sondern sie.

«Nein, du siehst aus wie Prinzessin Gabi», sagte Waltraut.

Gabi lächelte froh, betrachtete sich im Spiegel – ihr gefiel, was sie da sah – und fragte dann: «Sag mal, was Oma früher immer erzählt hatte, dass wir von einem Grafen abstammen, das war alles Quatsch, oder?»

«Wer weiß das schon?»

«Du!»

Waltraut überlegte: Sie wusste doch auch nicht zu tausend Prozent, dass das nicht stimmte. Nachgeforscht hatte sie nie. Daher antwortete sie: «Es wäre schon schön.»

«Ja», grinste Gabi und betrachtete sich im Spiegel: «Gräfin Gabi.»

«Klingt ein bisschen nach Graf Koks», lachte Waltraut.

«Du bist doof», lachte Gabi ebenfalls.

Waltraut fand es wunderbar, mit ihrer Tochter zu lachen. Wie mit einer Freundin.

***

Joschi ging langsam die Treppen herunter. Er wollte sich eine Zeitung kaufen gehen. Waltraut hatte ihn tags zuvor ausgeschimpft, er solle sich endlich mal wieder vernünftig anziehen und die Wohnung verlassen, anstatt sich die ganze Zeit in seinem Kabuff zu verschanzen. Er hatte jedoch unterschätzt, wie schwach sein Körper nach den Hautkrebs-Entfernungen und den Monaten in der neuen Wohnung mittlerweile war.

Ein Schritt nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

Joschi fluchte innerlich, warum Waltraut keine Mietswohnung im Erdgeschoss hatte finden können, nur um sich sogleich zu schämen, weil sie erst gar keine hätte suchen müssen, wenn er nicht die hirnverbrannte Idee mit der Hillmann-Passage gehabt hätte.

Ein Schritt nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

Als er auf dem Absatz der zweiten Etage angekommen war, verschnaufte er ein wenig und blickte nach oben: Nachher würde er die ganzen Stufen wieder hochgehen müssen. Sollte er abbrechen?

Nein, was würde Waltraut von ihm denken, wenn er gleich wieder zurückkehrte? Sie würde ihn endgültig für altes Eisen halten und ihn womöglich tatsächlich verlassen. Da draußen gab es doch tausend jüngere Männer, die nur darauf warteten, eine so hübsche Frau zu becircen!

Ein Schritt nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen, ein Schritt …

Joschi wurde schwindelig. Er hielt sich am Geländer fest. Nur nicht gleich wieder hochgehen. Nur nicht wieder hochgehen. Als sein Blick wieder etwas klarer wurde, machte er den nächsten Schritt und … vertrat sich. Er purzelte sieben Treppenstufen herunter, schlug sich den Kopf auf und wurde bewusstlos.

Eine Woche später, nachdem die Wundfäden gezogen und die Gehirnerschütterung ausgeheilt war, kehrte Joschi zurück in die Wohnung und traute sich fortan nie wieder, sie zu verlassen.

***

«Gabi hat mit meinem Jens einen richtig guten Fang gemacht», flötete Jens’ Mutter beim Hochzeitsessen im noblen Park-Hotel. Sie war schon 80, aber fit und drahtig, und hatte eisblaue Augen. Waltraut kam die Feier vor wie ein Leichenschmaus. Nicht weil die Stimmung schlecht war, im Gegenteil, alle hatten gute Laune, nur sie selbst nicht, sondern weil eine unbestimmte Furcht um ihre Tochter sie ergriffen hatte.

«Mein Jens baut richtig was auf. Er kauft demnächst eine Apotheke in Verden und eine weitere in Nienburg», gab die alte Schachtel an.

Erfolg – das schien in dieser Familie das Wichtigste zu sein. Dabei hatte die Apothekersgattin während ihrer Ehe garantiert keine einzige Sekunde gearbeitet.

«Die Kinder von Gabi müssen nicht so aufwachsen wie sie.»

Jens’ Mutter lächelte, aber in Waltrauts Ohren klang es, als ob es ihre Schuld war, dass Gabi die ersten Jahre in armen Verhältnissen hatte leben müssen.

«Das ist schön», lächelte Waltraut zurück und entschied, die Botschaft, die Jens’ Mutter ihr mitteilen wollte, einfach zu ignorieren: Gabi war nicht gut genug für ihren Sohn.

«Und wenn Gabi sich Mühe gibt …»

«Entschuldigen Sie», unterbrach Waltraut. Sie siezte die Frau konsequent, obwohl die ihr beim Begrüßungssekt das Du angeboten hatte. «Ich muss mal ein bisschen an die frische Luft. Wissen Sie, das ist die Rührung, dass meine Tochter einen so wunderbaren Fang gemacht hat.»

Ihre Worte waren süßlich gesprochen, ätzten aber Jens’ Mutter das Lächeln aus dem faltigen Gesicht. Waltraut stand auf und sah sie beim Herausgehen auf die Hotelterrasse nicht mal mehr mit dem Hintern an.

Draußen zündete sie sich, von wunderschöner Septembersonne beschienen, eine Zigarette an, trat an das Terrassengeländer und atmete den Rauch tief ein. Jetzt wusste sie, woher die Furcht kam. Wenn schon die Mutter von Jens so war, wie würde er sich, einmal verheiratet, der Tochter gegenüber benehmen?

«Hallo! Hallo, Waltraut!»

Waltrauts Blick fiel nach unten. Da stand ein großer Mann im feinen Anzug, der ihr zuwinkte. Sie verschluckte sich darauf so sehr, dass sie husten musste. Die Angst durchzuckte sie, dass es sich um den Kerl handelte, der sie im Country Club Judenschlampe genannt hatte. Ihre Beine gaben nach, sie hielt sich am Geländer fest, doch dann rief der Mann: «Waltraut!»

«Gerhard?», erkannte sie ihn nun.

«Du erinnerst dich an mich!»

Es war tatsächlich der stattliche Unternehmer, den sie vor fast dreißig Jahren im Konzerthaus für Joschi hatte sitzen lassen und der ab und an mit seiner großen blonden Frau im Scandia essen war.

«Komm herunter!», rief er.

Waltraut blickte durch die Scheibe zur Hochzeitsgesellschaft, sah, wie Jens’ Mutter sich stolz bei ihrem Sohn einhakte, und verspürte keinerlei Lust, wieder zu ihr zurückzukehren. Sie warf die Zigarette zu Boden, trat sie mit der Sohle ihres hochhackigen Schuhs aus und ging die Treppen herunter zu dem freundlich lächelnden Herrn. Sein Haar war etwas schütterer geworden, aber er war braun gebrannt, als ob er gerade wochenlang im Urlaub gewesen war. Waltraut selber hatte seit dem Besuch in Wien an Reisen noch nicht mal mehr gedacht. Und in den letzten Jahren auch nur selten so lang in der Sonne gestanden wie jetzt.

«Was machst du hier?», fragte Gerhard.

«Meine Tochter hat eben auf dem Standesamt geheiratet und wir feiern da drinnen.»

«Oh, dann will ich nicht stören.»

«Schon gut, schon gut, ein bisschen kann ich noch draußen bleiben.»

«Schön.»

Waltraut fand es schön, dass Gerhard es schön fand, und fragte: «Wie geht es dir so?»

«Glücklich geschieden», er hielt die Hand hoch, um zu zeigen, dass er keinen Ehering mehr trug. «Und du?»

«Verheiratet.»

«Glücklich verheiratet?»

«Selbstverständlich», sagte Waltraut. Die Wahrheit war nicht für Fremde bestimmt.

«Oh», sagte Gerhard, «das ist schön.»

Waltraut fand es schön, dass er es ganz offensichtlich nicht schön fand.

«Warst du gerade im Urlaub?», fragte sie.

«Ich habe jetzt immer Urlaub.»

«Wirklich?»

«Mein Bruder aus der zweiten Ehe meines Vaters hat die Geschäfte übernommen.»

«Das ist gut, nehme ich an?»

«Eine Erleichterung», sagte Gerhard, aber irgendetwas schien ihn zu belasten. Waltraut wollte jedoch nicht nachhaken, sie kannten sich ja kaum. Nach etwas Schweigen sagte er: «Du siehst schön aus wie eh und je.»

«Ich bin älter geworden …»

«Schönheit kennt kein Alter», befand Gerhard.

Waltraut fühlte sich geschmeichelt. Seit dem Konkurs hatte sie von niemandem außer Joschi ein Kompliment für ihr Aussehen bekommen, dabei war es ihr doch so wichtig, trotz all der Sorgen, immer gut gekleidet, frisiert und geschminkt aus dem Haus zu treten, selbst wenn es nur zum Einkauf ging.

«Mama!», hörte Waltraut ihre Tochter rufen. Sie blickte nach oben zur Terrasse. «Wir schneiden die Hochzeitstorte an!»

«Ich muss dann jetzt wohl», sagte sie zu Gerhard, obwohl sie sehr gerne weiter mit ihm geplaudert hätte.

«Wollen wir unser Gespräch irgendwann fortsetzen?», fragte er.

Waltraut war von seinem Ansinnen überrascht.

«Keine Sorge, ich will nicht in ein klassisches Konzert.»

Waltraut musste lachen.

«Also?»

«Dann bin ich einverstanden.»

«Kann ich dich anrufen?»

Joschi war immer zu Hause, da konnte sie nicht mit einem anderen Mann telefonieren. Deshalb sagte sie: «Wir treffen uns nächste Woche Mittwoch um 12 mittags in der Parfümabteilung von Karstadt.»

Nun war es Gerhard, der lachen musste.

 

Auch wenn Waltrauts ehemalige Abteilung an einem anderen Platz im Erdgeschoss war und schlichtere Verkaufstresen und Vitrinen hatte als zu ihren Zeiten, freute sie sich immer wieder, sie zu betreten. Gerhard stand bereits an der Kasse und ließ ein Parfüm einpacken. Etwa für sie?

«Ich war mir nicht sicher, ob du kommst», sagte er erfreut, als er Waltraut erblickte. Sie war sich zuerst auch nicht sicher gewesen, ob sie in die Stadt fahren sollte, hatte es aber am Morgen beschlossen, nachdem Joschi sich zum tausendsten Mal für sein Versagen entschuldigt hatte. Sie erzählte ihm, dass sie in der Stadt eine kleine Vase für Gabis Wohnzimmertisch besorgen wollte.

«Du warst einkaufen?», deutete Waltraut auf das Parfüm.

«Das ist für dich.»

«Und wenn ich nicht gekommen wäre?»

«Hätte ich es bei irgendeiner Geburtstagseinladung als Geschenk mitgenommen.»

Waltraut lachte. Ihr gefiel die Ehrlichkeit, Gerhard hatte nicht mehr so einen Stock im Hintern wie früher. Er überreichte ihr das hübsch verpackte Parfüm, sie bedankte sich und steckte es in ihre Tasche. Zu Hause würde sie Joschi erzählen, dass sie sich selbst ein Geschenk gegönnt hatte.

«Und was machen wir nun?», fragte Waltraut.

«Wir gehen eine Bratwurst essen.»

«Bratwurst?» Waltraut hatte von ihm etwas Nobleres erwartet, zum Beispiel einen Mittagstisch im Ratskeller.

«Die hattest du dir damals nach dem Konzert gewünscht», erklärte er.

Gerhard erinnerte sich an den Abend besser als sie. Das schmeichelte Waltraut noch mehr als seine Komplimente, und so sagte sie: «Bratwurst soll es sein!»

 

Im Kiefert Imbiss an der Liebfrauenkirche aßen sie Würste und gönnten sich jeweils ein Bier dazu.

«Wie ist dein Leben so als Rentner?», fragte sie Gerhard beschwingt.

«Ich bevorzuge den Begriff Privatier.»

«Was heißt das?»

«Dass man so viel Geld hat, dass man nicht mehr arbeiten muss.»

«Klingt nach einem tollen Beruf», lächelte Waltraut.

«Ich wollte nie Unternehmer werden.»

Waltraut kannte das von dem ein oder anderen Besucher des Country Club. Männer, die am liebsten Philosophie oder Musik oder Fotografie oder irgendetwas Schöngeistiges studiert hätten und dennoch die Firma übernahmen. Entweder weil der Patriarch früh gestorben war, oder weil sie erkannten, dass es besser war, reich zu sein als kreativ.

«Was hättest du denn gerne gemacht?», fragte sie, während er sich den Mund mit der Papierserviette abputzte.

«Das ist das Schlimmste, ich weiß es nicht.»

«Du weißt es nicht?»

«Es war für meinen Vater und mich immer klar, dass ich in das Unternehmen gehe.»

Waltraut hatte Mitgefühl: Gerhard war ein Mann, der begriffen hatte, dass er nie nach seinen eigenen Bedürfnissen gelebt hatte.

«Und du?», fragte er.

«Wie und ich?»

«Hast du alles so gemacht, wie du wolltest?»

Waltraut musste lachen. So etwas konnten nur Leute fragen, die eine Wahl besaßen.

«Ich habe die Familie über Wasser gehalten.»

«Ja, aber hättest du denn etwas anders machen wollen?»

Waltraut hatte sich diese Frage noch nie gestellt.

«Dann sind wir beide gar nicht so verschieden», stellte Gerhard fest. Das überraschte Waltraut. Noch mehr, dass sie sich ihm in diesem Moment wirklich nahe fühlte. Und es erschrak sie. So sehr, dass sie fieberhaft darüber nachdachte, ob sie nicht doch auch in dieser Hinsicht komplett anders war als Gerhard. Was hätte sie gewollt?

Sie wäre gerne wie Frau Siegen eine Abteilungsleiterin geworden.

So weit hatte sie als junge Frau niemals gedacht.

«Was ist?», fragte Gerhard.

«Was soll sein?»

«Du wirkst betrübt.»

«Schon gut.»

«Was machst du nächste Woche Samstag?»

«Wieso?»

«Ich habe zwei Karten für ein Konzert …»

«Ach», stöhnte Waltraut auf.

«Nicht so eins. Udo Jürgens ist in der Stadt.»

Waltrauts trübe Gedanken waren mit einem Male verflogen: Sie mochte die Musik von Jürgens immer noch sehr, wenn er im Fernsehen in Shows wie ‹Wetten, dass..?› auftrat.

«Kommst du mit mir?»

«Für wen wäre denn sonst die zweite Karte gewesen?», fragte Waltraut.

«Für meine Schwester.»

«Du willst deine Schwester für mich stehen lassen?»

«Die hat mich auch schon mal für ihre Lebensgefährtin versetzt.»

«Lebensgefährtin?»

«Hättest mal meinen Vater sehen sollen, als er von ihrer Neigung erfuhr.»

Weil Gerhard darüber lächelte, traute Waltraut es sich auch.

«Und du glaubst gar nicht, wie die Bremer Gesellschaft sich über sie das Maul zerreißt.»

«Das kann ich mir gut vorstellen.»

«Aber meiner Schwester ist das beneidenswert egal.»

Diese Frau wollte Waltraut gerne mal kennenlernen.

«Also, kommst du mit?»

«Ich … ich werde es mir überlegen.»

«Überlege es dir gut», lächelte Gerhard.

Waltraut trank vor lauter Schreck darüber, nicht gleich mit ‹Nein› geantwortet zu haben, den Rest des Biers auf Ex aus.

 

«Natürlich gehst du da hin!», sagte Gabi, als Waltraut mit ihr auf der Hausterrasse mit Weserblick Tee trank.

«Natürlich tue ich das nicht», erwiderte Waltraut, die sich in den letzten Tagen – Udo Jürgens hin, Gerhard her – dazu entschlossen hatte, ihren Mann nicht mit einem Konzertbesuch zu hintergehen. Es war ihr schon unangenehm genug gewesen, das Bratwurstessen verheimlicht zu haben. Und dass Joschi fand, ihr neues Parfüm dufte großartig.

«Und ob du das tust!», grinste Gabi, die es nicht allzu sehr störte, allein zu Hause zu sein, anstatt auf Hochzeitsreise. Jens hatte sie vertröstet, er müsste erst die Übernahmen der neuen Apotheken durchführen. Über Weihnachten könnten sie dann nach Hawaii fliegen. Je mehr Waltraut von seinem Verhalten mitbekam, desto unsympathischer fand sie ihn.

«Wie stellst du dir das vor? Ich kann Papa doch nicht so lange allein lassen.»

«Du lässt ihn doch auch jetzt allein.»

«Aber er weiß, dass ich bei dir bin.»

«Dann erzählen wir ihm das Gleiche, wenn du aufs Konzert gehst.»

«Und wenn er bei dir anruft?»

Da wusste Gabi auch keine Antwort drauf.

«Siehst du? Und jetzt hör auf mit dem Blödsinn.»

«Ich will doch nur, dass du etwas Spaß hast», antwortete Gabi mitfühlend.

Das Telefon klingelte.

«Vielleicht Jens, der ausnahmsweise mal früher von der Arbeit kommt.» Gabi stand auf, ging ins Wohnzimmer und hob ab. Waltraut wärmte ihre Finger an der Tasse Tee und starrte dabei auf das Wasser im Abendlicht.

Etwas Spaß.

Udo Jürgens.

Schön wäre es ja.

Gabi kehrte wieder auf die Terrasse zurück. Sie war bleich. Waltraut wusste sofort, dass etwas Schlimmes geschehen war.

***

Warum funktionierte das verdammte Telefon nicht? Er wollte doch die kleine Gabi anrufen. Sie fragen, ob sie Eis essen gehen wollte. Egal, wie Joschi auch tippte und drückte, es gab kein Freizeichen. Oh, er hatte ja gar keinen Hörer in der Hand. Wo war denn das verdammte Ding?

«Was machst du da?», fragte Waltraut.

Joschi sah zu ihr, wie sie ins Zimmer trat. Es war nicht das Wohnzimmer. Da stand ein Bett. Aber es war auch nicht das Schlafzimmer. Was für ein Zimmer war es dann?

«Du sollst nicht im Krankenzimmer herumlaufen», sagte Waltraut.

«Ich kann Gabi nicht anrufen.»

«Gabi?»

«Ich drücke die ganze Zeit auf die Tasten …»

«Das ist kein Telefon, das ist dein Infusionsbeutel.»

«Infusion?»

«Du hattest letzte Woche einen Infarkt, bis gestern warst du auf der Intensivstation und bist jetzt in deinem Krankenhauszimmer …», Waltraut war ganz aufgewühlt.

«Infarkt?»

«Du erinnerst dich nicht?»

Das Letzte, woran er sich erinnerte, war … war … war … das Kabarett? Rosl auf der Bühne?

«Gut», sagte Waltraut. «Ich rede sofort mit einem Arzt, der muss klären, was mit dir ist, aber erst mal bringe ich dich wieder ins Bett.»

Sie ging zu ihm und nahm ihn am Arm. Das machte ihn glücklich. Es war so wunderbar, wenn Waltraut ihn hielt.

«So, siehst du, und jetzt legst du dich hin … Achtung, der Beutel …»

Das war wirklich kein Telefon?

«… so ist gut … so ist gut … und jetzt decke ich dich zu …»

Es war schön, von ihr zugedeckt zu werden.

«Der Locarno-Pakt», musste Joschi lachen. Er sah Hans Moser vor sich, wie er das sagte. Oder war das Karl Kraus gewesen?

«Locarno-Pakt?», fragte Waltraut.

«Der Locarno packt? Wo will er denn hin?», Joschi musste über diesen alten Witz lachen.

«Herr Doktor!», rief Waltraut.

«Ja?», sagte ein Mann im weißen Kittel, der ins Zimmer trat.

«Mein Mann», sagte Waltraut. «Er ist ganz wirr.»

Joschi schloss die Augen, sah Rosl vor sich mit dem Moser auf der Bühne.

«Das kann ein leichter Schlaganfall sein», sagte der Moser. «Wir bringen ihn sofort wieder auf die Intensivstation.»

Warum hatte der Moser keinen Wiener Singsang?

«Wird er das überleben?», fragte Rosl den Moser.

Was redeten die da? Sollte das etwa lustig sein?

«Ich kann Ihnen das nicht sagen», antwortete der Moser.

Joschi mochte das Stück nicht.

Aber er musste in ihm leben.

***

Waltraut nahm Joschi zum Sterben nach Hause. Er konnte zwar wieder klar denken, aber er aß schon seit sieben Tagen nicht mehr. Die Ärzte gaben ihm noch eine, maximal zwei Wochen, eine der Nonnen sogar nur wenige Tage. Joschi sollte in seiner gewohnten Umgebung sein. Bei ihr. Bis ans Lebensende. Auch wenn Waltraut das lediglich in einem Standesamt vor einem judenfeindlichen Beamten versprochen hatte, war es für sie selbstverständlich. So wie es für sie keine Frage gewesen war, hochschwanger ihre Mutter bis in den Tod zu pflegen.

Waltraut zog Joschi den Mantel aus, brachte ihn ins Schlafzimmer, half ihm erst in den Pyjama und anschließend ins Ehebett. Als sie ihn zudeckte, sagte er: «Ich habe Hunger.»

«Du hast was?»

«Hunger.»

Im Krankenhaus hatte er die Teller unangerührt stehen lassen, auch die Ersatznahrung aus der Tube verweigert. Daher fragte Waltraut irritiert: «Und was wünschst du dir?»

«Suppe.»

«Suppe?»

«Hühnersuppe, die du immer so gut machst.»

Sie machte sie so gut, weil sie aus der Dose kam. Eine stand noch in einem der Küchenschränke, deren braune Farbe Waltraut sich selbst nie ausgesucht hätte. Der griechische Vermieter, der das Geld aus seinen beiden Restaurants in Häusern anlegte, hatte keinen Geschmack.

«Wenn du willst.»

«Ich will», lächelte Joschi.

Waltraut ging in die Küche in der Gewissheit, dass Joschi höchstens ein, zwei Löffel von der Suppe nehmen würde.

Joschi saß aufrecht im Bett mit einem Tablett auf dem Schoß. Er löffelte die ganze Suppe auf. Waltraut hatte gedacht, sie müsste ihn füttern. Aber er schlürfte sie ganz allein. Sogar ohne die Bettwäsche und die Laken zu bekleckern.

«Die war köstlich. Hast du noch einen Toast für mich?»

«Einen Toast?», staunte Waltraut.

«Ich hab noch Hunger», lächelte Joschi lieb.

«Im Krankenhaus hast du nichts gegessen.»

«Das Essen war auch mies.»

Waltraut konnte es nicht fassen.

«Ich mag nur dein Essen», sagte Joschi und sah sie voller Liebe an. Jetzt erst begriff Waltraut, dass sie eine echte Chance hatte, sein Leben zu retten. Dass es nicht so sein würde wie bei der Mama. Zu ihrer eigenen Überraschung überrollte sie eine Welle des Glücks: Sie würde Joschi nicht verlieren!

Waltraut sah Gerhard nicht wieder.

eee

«Meine Güte, die Kleine ist vielleicht ein Wirbelwind!», lachte Joschi als Gabis Tochter Annika, ein süßer Lockenkopf, der ihm stets das Herz aufgehen ließ, auf seinem Sessel herumturnte. Annika war so ganz anders als damals die schüchterne Marjem. Die Cousine hatte sich vor Kurzem mit einem Brief bei ihm gemeldet: Sie hatte im Hotel einen amerikanischen Ölmagnaten kennen- und lieben gelernt und war mit ihm in seine Heimat Alaska gezogen. Joschi hatte sich für sie gefreut. Wer hätte es mehr verdient, die letzten Jahrzehnte des Lebens in Reichtum und Liebe zu verbringen, als eine Frau, die als Kind im KZ gewesen war?

«Opa, Opa!», setzte sich Annika jetzt auf die Sessellehne.

«Ja?»

«Du hast schöne Haare», sie begann mit ihren kleinen Händen seine lang gewachsenen Haare – Waltraut müsste sie bald mal wieder schneiden – zu kringeln. Joschi fühlte sich, auch wenn das Kompliment von einer Dreijährigen kam, geschmeichelt. Er war stolz auf sein dichtes, silbernes Haupthaar.

«Du hast einen echten Fan!», lachte Gabi.

Joschi genoss es, wenn Gabi mit Annika oder sein Sohn David zu Besuch kamen. Außer Waltraut sah er sonst niemanden mehr. Die Bekannten aus der Bremer Gesellschaft hatten sich seit dem Konkurs nicht mehr blicken lassen, und die fast blinde Rosl konnte die Reise nach Bremen nicht mehr antreten. In der ersten Zeit nach Joschis Treppensturz hatte er noch jeden Tag mit der Schwester telefoniert und, da sie beide nicht viel erlebten, über Politik geredet – Radio und Fernsehen hören konnte Rosl ja. Die deutsche Wiedervereinigung behagte Joschi nicht, Rosl fand sie sogar furchterregend. Besonders nachdem Charlie in der Düsseldorfer Altstadt einer Horde Fußballfans von Hansa Rostock begegnet war, die johlend durch die Gassen zogen und sangen: «Hängt die Juden an der nächsten Laterne auf!» Rosl erzählte es Joschi und sagte schaudernd: «Die haben damals auch nicht gewusst, was sie da riefen, und am Ende haben alle mitgemacht.»

Fortan wurden die Gespräche mit der Schwester immer düsterer. Als ihr Augenlicht so schlecht wurde, dass sie sich kaum noch traute, allein durch ihre große Altbauwohnung zu gehen, wurde sie depressiv. Aus der Frau, die jüdisch-politisches Kabarett aufgeführt hatte, die mit Chupze und Unerschrockenheit durchs Leben gegangen war, wurde eine, die keine Nachrichten mehr sehen mochte. Und kaum noch reden. Joschis große, starke Schwester hatte der Lebensmut verlassen – und es brach ihm das Herz. Er hatte seine Familie, seit drei Jahren sogar eine Enkeltochter, sie hatte nur Charlie, der sich um sie kümmerte. Aber auch der Schwager machte sich nicht mehr auf den Weg nach Bremen. Er telefonierte nicht mal mehr mit Joschi. Vielleicht weil Rosl ihren Bruder mehr liebte als ihn?

«Opa, ich mach dir jetzt die Haare zu einem Zopf!»

«Einen Zopf? Den tragen doch nur Mädchen!»

«Ach Quatsch», lachte Waltraut, «das ist jetzt auch für Männer voll in!»

«Na, wenn ich dann in bin!», sagte Joschi und ließ sie gewähren.

«Damit kannst du in die Diskothek», lachte Gabi.

«Da werden die Augen machen, wenn ich mit meinem Stock reinkomme!»

Gabi und Waltraut lachten, während Annika voller Konzentration versuchte, die Haare zusammenzubinden. Dass er das alles noch erleben durfte! Er lebte doch schon seit dem ersten Herzinfarkt in den 70ern von geliehener Zeit. Eigentlich schon seit 1938. Und dennoch war er immer noch da und konnte ein neues Kind wachsen sehen.

***

Nachdem Joschi sich in die Küche zurückzog, um Radio zu hören, und Annika sich im Wohnzimmer so müde getobt hatte, dass sie auf Joschis Sessel einschlief, unterhielten sich Mutter und Tochter zum wiederholten Mal über deren Probleme: Jens baute eine Apothekenkette auf, um seinem Vater zu beweisen, dass man mit Apotheken so richtig reich werden kann, und kam daher immer später heim. Er trank zu viel und schrie dann oft Gabi an. Mal, weil sie seiner Meinung nach das Haus nicht ordentlich geputzt hatte, mal, weil sie zu fett sei, mal, weil sie angeblich Annika verzog.

«Lass dich scheiden», riet Waltraut ihr, wohl wissend dass Gabi ihr den gleichen Ratschlag vor wenigen Jahren gegeben hatte.

«Das kann ich nicht.»

«Er macht dir das Leben zu Hölle.»

«Nicht zur Hölle …»

«Seit Monaten ist es doch das Gleiche …»

«Er steht bei der Arbeit so unter Druck.»

«Das ist kein Grund, dich anzuschreien», es regte Waltraut auf, dass Gabi diesen Mistkerl auch noch verteidigte.

«Er entschuldigt sich doch dafür.»

«Wenn er nüchtern ist.»

«Daran siehst du doch, dass er es nicht so meint. Er ist nur ein anderer Mensch, wenn er getrunken hat.»

«Dann soll er gefälligst damit aufhören!»

«Das will er ja auch.»

«Aber er tut es nicht.»

«Er wird es.»

Waltraut hatte da große Zweifel. Sie dachte an Joschis Entzug zurück. Er war stärker gewesen, als Gabis Jens es jemals sein würde. Ein starker Mann schrie seine Frau nicht an. Und eine starke Frau würde es gar nicht erst zulassen. Gabi war keine Löwin. Waltraut musste aufpassen, dass sie ihre Tochter für deren Schwäche nicht verachtete.

«Wenn Jens endlich einen geeigneten Geschäftsführer gefunden hat, hat er weniger Druck und wird bestimmt auch weniger trinken.»

Waltraut war im Country Club vielen selbstmitleidigen Männern begegnet, die sich vorgenommen hatten, in irgendeiner nahen Zukunft weniger zu trinken. Wie viele von ihnen wohl schon unter der Erde lagen?

Es war sinnlos, Gabi von ihren Zweifeln zu erzählen. Sie würde sie doch nicht hören wollen, solange sie die Hoffnung auf Besserung hatte. Sie könnten sie sogar gegen Waltraut aufbringen. So seufzte sie nur mit Blick auf die schlafende Annika und sagte: «Ich hoffe es. Für dich. Und die Kleine.»

 

«Mama», sagte Gabi mit zitternder Stimme am anderen Ende der Leitung. Waltraut war die spätabendlichen Anrufe ihrer Tochter mittlerweile gewöhnt. In den letzten Monaten waren die Streitereien mit ihrem Mann auch um das Ehebett gegangen. Gabi hatte öfter Unterleibsschmerzen und entsprechend keine Lust auf Sex. Jens glaubte, dass sie nur markierte. Zum Arzt, wie von Waltraut vorgeschlagen, ging sie aber auch nicht. Gabi schob den Schmerz auf den Stress, den sie in der Ehe hatte, und wenn der Arzt dies bestätigen würde, hätte Jens ja recht damit, dass sie nur markierte, und er würde sie noch mehr dafür ausschimpfen, den Haushalt nicht zu seiner Zufriedenheit zu führen.

«Mama …», wiederholte Gabi nun ganz leise.

Waltraut begriff erst jetzt, dass diesmal etwas anders war. Die Tochter war zwar schon 35 Jahre alt, klang aber wie das kleine Mädchen, das von Düsseldorf aus angerufen hatte.

«Was ist los?», fragte Waltraut.

Gabi schwieg.

«Was ist los?»

Keine Antwort, nur ein Schluchzen.

«Gabi», Waltraut bekam es mit der Angst zu tun.

«Jens …», Gabi war kaum hörbar, so leise sprach sie. Weil sie Angst hatte, dass der Ehemann sie hörte? Weil ihr etwas Schreckliches geschehen war? Beides?

«Was ist mit Jens?

«Er …»

«Er?»

«… hat mich geschlagen.»

Waltrauts Herz stand still.

«Ich bin die Treppen heruntergefallen.»

Und nun schlug es rasend.

«Nur drei Stufen, ich habe mir kaum wehgetan, und die Ohrfeige war auch nur leicht», es klang fast so, als ob sie Jens mildernde Umstände zugestehen wollte. Aber es hätte auch nur eine Stufe sein können, Waltraut wollte ihn töten. Die Löwin in ihr erwachte: «Ich hol Annika und dich da jetzt raus!»

 

Im Herbstwind, der den Geruch der Weser zu ihr hinübertrug, klingelte Waltraut an der Milchglastür Sturm. Gabi trat verheult und ohne auch nur ein Wort herausbringen zu können, mit Annika auf dem Arm heraus.

«Lauf, lauf, zum Taxi!», deutete Waltraut ihr mit wedelndem Arm den Weg zum Wagen und machte sich bereit, sich Jens in den Weg zu stellen, würde er versuchen, Gabi aufzuhalten. Sie hatte David zur Verstärkung mitgenommen und sich vorher mit einem Schluck aus der Wohnzimmerkaraffe Mut angetrunken.

Aber Jens kam nicht. Stattdessen hörte sie ihn nur lallend aus dem Haus rufen: «Komm zurück, Gabi, komm zurück!»

«Der ist total besoffen», stellte David an der Tür fest.

Waltraut lugte neben ihm ins Haus. Jens saß in Unterwäsche auf der Treppe. Mit dem fetten Schwein wäre sie auch allein fertiggeworden. Am liebsten hätte sie ihm, wie damals Frau Polle, eine geschallert. Jeder, der ihrer Tochter wehtat …

Bei dem Gedanken, dass Gabi von ihm geschlagen wurde, kamen ihr die Tränen. David legte den Arm um sie. Sie wollte aber vor ihrem Sohn nicht schwach wirken. Und vor Jens schon gar nicht.

«Komm!», sagte sie und eilte mit David zum Taxi, in dem Gabi und Annika schon warteten. Als sie ins Auto stiegen, sah Waltraut zum Haus: Jens stand an der Tür und rief lallend: «Gabi, das war nicht so gemeint!»

Annika blickte völlig verängstigt drein, deshalb wies Waltraut den Fahrer an loszufahren. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, fragte Annika mit dünnem Stimmchen: «Wohin fahren wir?» Und Waltraut antwortete: «Ihr wohnt ab jetzt bei Oma und Opa.»

***

In jungen Jahren hätte Joschi den Schwiegersohn verprügelt, selbst mit Mitte sechzig ihm noch ein paar auf die Schnauze gehauen, wie dem Judenhasser damals im Country Club. Jetzt tat er nichts, er konnte nichts tun, außer am Fenster stehen und auf das Taxi warten. Er war ein alter Mann. Ein Greis. Er musste über sich selbst lachen: Seit über drei Jahren verließ er nicht das Haus, ging in der Wohnung nur mit Krückstock hin und her, um ein wenig die Muskeln zu trainieren, und dachte dennoch erst jetzt von sich selbst als Greis. Was für ein Narr er doch war. Sogleich verdüsterte sich sein Gemüt wieder: Er war nicht nur ein Greis, sondern ein nutzloser Greis, der nicht einmal seine Tochter beschützen konnte.

***

«Aber was ist mit Annika, wenn ich arbeite?», fragte Gabi in der Safier-Küche. In den Wochen seit der Flucht hatte Waltraut mit ihrer Tochter hier schon sehr viele Stunden im Gespräch verbracht.

«Wenn du eine Ganztagsstelle findest, hole ich die Kleine vom Kindergarten ab», antwortete Waltraut, während sie wegen Gabis Unterleibsschmerzen eine Wärmflasche machte, «dann habe ich zwei Kinder, die ich betreue: Annika und Joschi.»

Gabi prustete vor Lachen ihren Tee auf den Tisch.

Es war schön, sie mal wieder fröhlich zu sehen.

«Und mach dir nicht so viel Sorgen, dass das Geld nicht reichen wird», sagte Waltraut, während Gabi mit einem Lappen den Tee von der Plastikdecke wischte, «wir werden das Schwein vor Gericht ausziehen. Joschi hat heute mit einem Bekannten telefoniert, der ein sehr guter Scheidungsanwalt ist. Er sagt, du hast sehr gute Chancen. Besonders weil Jens dich das eine Mal geschlagen hat. Das mag kein Richter. Und schon gar keine Richterin.»

«Er hat mich mehr als einmal geohrfeigt.»

«Er hat was?», Waltraut war fassungslos. Beinahe hätte sie sich beim Befüllen der Wärmflasche die Finger verbrüht.

«Er hat das schon zweimal davor gemacht.»

«Warum hast du mir das nicht gesagt?»

«Jens hat sich immer sofort entschuldigt. Und dabei so geweint.»

Bei der Vorstellung hasste Waltraut ihn noch mehr.

«Er hat beide Male gesagt, dass es nicht wieder vorkommt.»

«Warum», platzte es aus Waltraut heraus, «hast du das so lange mitgemacht?»

«Das hast du mir beigebracht.»

«Ich?», staunte Waltraut.

Gabi nahm ihr die Wärmflasche aus der Hand und drückte sie fest an ihren Bauch. «Du bist doch auch bei Papa geblieben, als hier alles den Bach runterging mit dem Scandia.»

«Das ist doch was anderes.»

«Und auch als er gesoffen hatte.»

Waltraut schluckte. Gabi hatte anscheinend viel mehr von der schweren Sucht des Vaters, der damals noch nicht ihr Vater gewesen war, mitbekommen als gedacht. Womöglich konnte man das Übel nicht, egal wie sehr man sich bemühte, von den Kindern fernhalten. Vielleicht konnte man gar nichts von ihnen fernhalten.

«Und ich», sagte Gabi, «habe gedacht, ich muss das auch aushalten. Für Annika. So wie du für uns.»

«So etwas muss kein Mensch durchhalten!»

«Leben heißt doch leiden.»

Das Echo ihrer eigenen Worte erschütterte Waltraut.

«Das hast du mir beigebracht.»

Es stimmte: Waltraut sah das Leben so, aber dass ihre Tochter es auch tat, hatte sie nicht gewollt. Sie selbst war zu alt, um sich zu ändern. Aber für Gabi wäre es noch nicht zu spät. Sie könnte immer noch ein anderes Leben führen. Und Waltraut würde von nun an alles tun, um ihr dabei zu helfen.

 

«Hier, die Kleine ist pünktlich wieder bei euch», sagte Jens, als er im königsblauen Anzug und braunen Kaschmirmantel vor der Tür der hübschen kleinen Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung stand, die Waltraut für Gabi nahe der eigenen Mietswohnung gefunden und auch eingerichtet hatte.

«Ich habe nichts anderes erwartet», antwortete Waltraut kühl. Obwohl sie nichts als Verachtung für ihren Schwiegersohn empfand, beherrschte sie sich. Es ging um Gabi und Annika, nicht um ihre Rachegelüste. Die Scheidung war auf dem Weg, Jens war mit ihr sehr einverstanden und würde auch zahlen, solange er seine Tochter regelmäßig sehen konnte. Man konnte einem Kind nicht seinen Vater verwehren, zumindest nicht tagsüber, wenn er nüchtern war.

«Ist Gabi da?», fragte Jens.

«Liegt im Bett.»

«Hat sie wieder Schmerzen?»

Sie glaubte, einen Hauch von Geringschätzung in der Stimme zu hören. Jens glaubte wohl, dass Gabi immer noch markierte. Dabei hatte sie viel durchgemacht. Zu viel. Jetzt, wo der Umzug hinter ihr lag, würde Waltraut sie dazu zwingen, zum Arzt zu gehen. Schon dreimal hatte Gabi einen von ihrer Mutter vereinbarten Termin ausfallen lassen, weil sie meinte, alles wäre schon wieder viel besser.

«Ich muss noch ein paar Dinge erledigen», log Waltraut.

«Ich auch», antwortete Jens, beugte sich zu der Tochter, knuddelte sie demonstrativ, um zu zeigen, was für ein liebevoller Vater er doch war, und sagte: «Wir sehen uns nächste Woche Samstag, Prinzessin.»

«Ja», antwortete Annika.

«Bekomm ich noch ein Küsschen?»

Einen Arschtritt könnte er bekommen.

«Ja», sagte Annika und gab ihm ein Küsschen auf die Wange.

«Und du bekommst ein Küsschen von mir», Jens gab ihr einen Knutscher auf dem Mund, sagte zu Waltraut «Tschüss» und ging endlich die Treppe hinunter. Waltraut machte die Tür zu und fragte die Kleine: «Willst du baden?»

«Ja!», rief Annika freudig.

«Ich mache auch wieder ganz viel Schaum.»

«Ganz, ganz viel!», rief Annika.

«Und danach gibt es Sesamstraße.»

Oma und Enkelin bogen aus dem kleinen Flur direkt ins winzige Badezimmer ein.

«Und, wie war es bei Oma Lose?» Der Geburtstag von Jens’ Mutter war im Kreise der Familie, zu dem Gabi dankenswerterweise nicht mehr gehörte, in einem edlen Restaurant am Verdener Dom gefeiert worden.

«Doof», antwortete Annika. Sie wirkte dabei bedrückt. Nicht wie ein Kind, das sich einfach nur gelangweilt hatte.

«Ist etwas passiert?», fragte Waltraut alarmiert.

Annika schaute zu Boden.

«Du kannst es mir ruhig sagen.»

«Oma Lose hat mir was über Mama verraten.»

Die Wut kochte in Waltraut hoch: Die Frau hetzte die Kleine gegen Gabi auf!

«Was hat Oma Lose denn gesagt?»

«Sie hat gesagt: Deine Mutter ist bald tot.»

Waltraut fühlte sich, als würde der Boden unter ihr weggerissen.

«Wird Mama sterben?»

«Nein, nein, natürlich nicht», sagte Waltraut und drückte die Kleine fest an sich.