Gabi hatte Unterleibskrebs.
Er wurde spät erkannt.
Zu spät?
Im Krankenhauszimmer wartete Waltraut nach der bereits zweiten OP auf die Ergebnisse. In Gedanken hörte sie dabei Oma Lose immer wieder sagen: ‹Deine Mutter ist bald tot.›
Als der behandelnde Arzt eintrat, sprang Waltraut auf und bedeutete ihm mit dem Zeigefinger an ihren Lippen, die schlafende Tochter nicht zu wecken. Sie zog den jungen Mann auf den Gang und befahl ihm mehr, als dass sie ihn bat: «Bevor Sie meiner Tochter die Diagnose sagen, erzählen Sie sie bitte mir.»
«Ohne Einverständnis der Patientin darf ich das nicht», antwortete der junge Arzt bestimmt und schob sich mit der Hand seine blonde Haartolle nach hinten.
«Ich bin die Mutter.»
«Auch dann nicht.»
«Verstehen Sie nicht? Meine Tochter muss es von mir hören, sie könnte sonst einen Schock bekommen. Sie ist gerade frisch getrennt, hat ein kleines Kind …»
«Ich darf es nicht.»
Waltraut wollte den jungen Mann schütteln, doch dann überlegte sie es sich anders. Sie wühlte in ihrer Handtasche nach Geld und nahm alles heraus, was sie finden konnte: 64 Mark und 30 Pfennige. Das hielt sie dem Arzt hin.
«Das darf ich nicht annehmen.»
«Kaufen Sie Ihrer Frau etwas davon.»
«Ich habe noch nicht mal eine Freundin.»
«Nehmen Sie das!», Waltraut packte seine Hand, legte die Scheine und Münzen rein und drückte sie zu. Jetzt erst schien er ihre pure Verzweiflung zu realisieren. Er steckte das Geld in seine Kitteltasche, sein Gesicht wurde ernst. Es sah mit einem Mal viel älter aus. Waltraut wusste, dass sie nun eine fürchterliche Wahrheit erfahren würde. In ihren Ohren hallte es schrill: ‹Deine Mutter ist bald tot.›
«Der Krebs», sagte der Arzt, bemüht, sachlich zu wirken, «ist breit gestreut.»
«Wie lange hat meine Tochter noch?»
«Höchstens drei bis sechs Monate.»
«Man kann gar nichts machen?»
«Chemotherapie und Bestrahlung helfen da nicht mehr.»
Waltraut blickte sich nach einem Stuhl um, auf den sie sich setzen konnte, fand jedoch keinen. Sie stützte sich an der Wand ab und bat: «Bitte erzählen Sie meiner Tochter nicht, dass sie nur noch so wenig Zeit hat.»
«Wir machen das nur, wenn die Patienten uns direkt danach fragen. Von uns aus sagen wir nicht, dass sie sterben werden.»
Ärzte, dachte sie sich, waren Feiglinge.
«Es tut mir leid», sagte der Arzt.
Waltraut antwortete nicht. Der Arzt nickte kurz zur Verabschiedung und ging mit den 64 Mark und 30 Pfennigen in der Kitteltasche davon. Sie hoffte, dass Gabi ihn nicht nach der verbleibenden Lebenszeit fragen würde. Es wäre nicht zu ertragen, ihren Zusammenbruch mitzuerleben. Und ihre Angst um Annika.
‹Deine Mutter ist bald tot.›
«Du willst es ihr nicht sagen?», fragte Joschi in die Dunkelheit. Die beiden lagen schlaflos im Bett.
«Nein.»
Waltraut hatte bisher keine Träne vergossen. Sie beide hatten bisher noch keine Träne vergossen: Die Nachricht lähmte sie.
«Bist du sicher, Waltraut?»
«Ich bin sicher.»
Hatte ein Mensch nicht das Recht zu wissen, wenn er stirbt? Sich zu verabschieden von allen? Er würde es wissen wollen. Am liebsten sogar selbst den Zeitpunkt bestimmen.
«Ahnt Gabi es nicht?»
«Sie hat den Arzt nicht gefragt.»
Das war keine Antwort.
«Was denkt sie denn, was kommen wird?», versuchte Joschi es auf andere Art.
«Ich mache ihr Mut, dass sie es schon schaffen wird.»
«Du lügst sie an?»
«Sie soll noch ein wenig unbeschwerte Zeit haben.»
«Und mit falscher Hoffnung leben?»
«Mit irgendeiner Hoffnung leben.»
Es machte keinen Sinn, Waltraut zu widersprechen. In der Krise war Gabi ihre Tochter. Er nur der Adoptivvater. Und zudem ein nutzloser Greis.
Die beiden schwiegen. Waltraut schloss die Augen. Nach einer Weile sagte sie leise: «Ich werde die Hexe töten.»
«Oma Lose?»
«Sie hat Gabi verflucht.»
Er wollte Waltrauts Hand nehmen.
«Nicht», sagte sie.
Joschi zog die Hand wieder weg, bevor er die ihre auch nur berühren könnte.
Sie lagen noch lange wach, ohne ein Wort zu sagen.
Ein Mini-Stück Erdbeerkuchen bei Knigge.
Eine schöne Vase kaufen für die neue Wohnung.
Mit Annika auf dem Schoß Sandmännchen schauen.
Kleines Glück.
Alles, was es davon noch gab für die Tochter.
Die Qualen wurden immer größer. Gabi musste im Krankenhaus die Schmerzmittel intravenös bekommen. Waltraut half ihr beim Ankleiden, beim Waschen, versuchte ihr ein wenig Nahrung einzuflößen. Und als Gabi nicht mehr aufstehen konnte, wechselte sie auch die Bettpfannen.
Joschi stand am Fenster und blickte auf die schneebedeckte Straße. Der Himmel war grau. Kein Wind wehte in den Ästen der fast vollständig entlaubten Bäume. Er hatte immer gedacht, er wäre der Erste, der sterben würde. Und wenn nicht er, dann Rosl. Oder Charlie. Und nun war es Gabi, die bald gehen würde. Gott gab es also doch nicht. Weder den gütigen, der nicht genug Macht besaß, noch den mächtigen, der nicht gütig war. Kein Gott hatte ihm ein Leben mit Frau und Kindern geschenkt. Das war Waltraut. Gabi würde nicht mehr aus dem Krankenhaus kommen. In ihm sterben. Und er würde sie nie wiedersehen.
«Wie war Papa?», fragte Gabi leise.
«Papa?», fragte Waltraut.
«Mein echter», Gabis Stimme krächzte.
«Papa ist dein echter Papa.»
«Die Krankheit habe ich von dem anderen.»
Friedrich hatte einen Hirntumor gehabt, Gabi jetzt Krebs. Das war wohl das Erbe, das er ihr hinterlassen hatte. Gabi hatte bisher nie auch nur ein einziges Mal nach ihm gefragt. Und Waltraut ihr nie etwas von ihm erzählt.
Wie war Friedrich gewesen?
Waltraut versuchte, sich an ihn zu erinnern. Es gelang ihr: «Ein schüchternes Kind und ein kräftiger großer Mann.»
Gabi lächelte.
«Wart ihr glücklich zusammen?», wollte sie wissen.
«Ja, das waren wir.»
«Wenn er dich glücklich gemacht hat», lächelte Gabi noch ein wenig mehr, «dann mag ich ihn.»
Waltraut spürte ihre Liebe. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie sagte: «Ich hole mir einen Kaffee», verließ das Zimmer, machte hinter sich die Tür zu, hielt mit aller Macht und schließlich erfolgreich die Tränen zurück. Anschließend ging sie zur Toilette, frischte ihr Make-up auf, um wieder gefasst vor ihre Tochter treten zu können.
Gabis mit Morphium vollgepumpter Körper war wie ausgehungert. Der Mund ihres skelettartigen Schädels war beständig offen, zu einer Grimasse verzerrt und atmete nur noch unregelmäßig ein und aus.
«Wie lange hat sie noch?», fragte David im Krankenzimmer. Er war der Einzige, dem Waltraut noch erlaubte, Gabi zu besuchen. In diesem Zustand sollte Annika ihre Mutter nicht sehen. Jens war vor einer Woche einmal aufgetaucht und war von dem Anblick so schockiert gewesen, dass er gleich wieder heulend weglief. Waltraut hingegen hatte seit der Diagnose keiner einzigen Träne gestattet zu fließen.
Waltraut hatte eine Ahnung, wie die Antwort auf Davids Frage lautete. Aber sie behielt sie für sich und sagte: «Lass uns ein Stück Kuchen in der Cafeteria essen gehen.»
«Und ab nächster Woche moderiere ich den ‹Bremer Kaffeepott›», erzählte David in der Cafeteria von seiner neuen Arbeit, «dann könnt ihr mich zweimal die Woche von sechs bis neun auf der ‹Hansawelle› hören.»
«Schön», sagte Waltraut. Sie wusste, dass David so viel von seinem Beruf erzählte, weil er sie ablenken wollte. Aber sie war mit ihren Gedanken im Krankenzimmer. Sie wusste, was dort geschah. Solange jemand bei Gabi saß, würde sie nicht loslassen können. Dafür musste sie allein sein.
«Ich habe übrigens eine Tontechnikerin kennengelernt, sie heißt Marion …» David erzählte weiter und weiter, aber sie hörte gar nicht mehr hin. Sie war mit Gabi verbunden.
Als der Kaffee ausgetrunken und David sein Stück Kuchen und mehr als die Hälfte von ihrem verspeist hatte, war Waltraut sich sicher, dass ihre Tochter es endlich geschafft hatte.
Waltraut und David traten ins Zimmer. Das Leben war aus Gabis Körper entwichen. Jetzt durfte Waltraut endlich weinen, ohne die Tochter mit ihrer Trauer zu belasten.
David nahm sie in die Arme. Als sie sich beruhigt hatte, betrachtete sie ihren Sohn: Er lebte noch. Wenn Joschi starb, wäre er als Einziger übrig. Sie sagte zu ihm: «Jetzt kann ich nur noch für dich leben.»
«Nein, Mama», antwortete David leise, «du musst endlich für dich leben.»
Für sich leben?
Wie sollte das gehen?
Als Joschi hörte, wie der Schlüssel in der Eingangstür umgedreht wurde, wischte er sich mit dem Ärmel seines Bademantels die Tränen aus dem Gesicht, strich sich durch sein kürzlich geschnittenes Haar und ging mit dem Stock vom Wohnzimmerfenster in den Flur. Waltraut trat ein. Sagte nichts. Sie zog ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Dann erst blickte sie in Joschis Richtung. Joschi sah in ihre Augen und erkannte: Nicht nur seine Tochter war gestorben, seine Frau war ebenfalls verloschen.
Am Tag nach Gabis Tod klingelte nachmittags das Telefon. Waltraut machte den Fehler ranzugehen.
«Safier», meldete sie sich matt.
«Jens hier», kam es von der anderen Seite. Er war besoffen.
Sie wollte wieder auflegen, aber selbst dafür war sie zu kraftlos.
«Ich bin ja jetzt der alleinige Erziehungsberechtigte von Annika», sagte er.
Waltraut schaute ins Leere. Seine Stimme schien ihr wie aus einer weit entfernten Welt, die mit der ihres Schmerzes nichts zu tun hatte.
«Ich verbiete euch ab jetzt den Umgang mit ihr.»
Die Worte erreichten sie zuerst nicht.
Jens legte auf, ohne sich zu verabschieden.
Waltraut wollte zurück ins Bett. Aber auch dafür fehlte es an Kraft. Sie legte sich einfach auf den grauen Teppichboden im Flur und rollte sich zusammen.
Waltraut ging durch den Schneematsch hinter David, der die Urne zum Grab trug. Hinter ihr heulte Jens, der Annika an der Hand hielt, wie ein Schlosshund. Wie sie ihn dafür verachtete.
Am Grab angekommen, überreichte David dem Friedhofsgärtner die Urne. Sie nahm kaum wahr, dass ein Kranz von ‹Tante Rosl und Onkel Charlie› dalag.
Die Urne wurde an Seilen ins Grab gelassen. Jeder warf eine Rose auf sie. Am zweitlautesten weinte dabei Jens, am lautesten die Hexe. Warum lag Gabi im Grab und nicht die beiden? Oder sie selbst?
Das Taxi hielt vor dem Eingang zum Friedhof. Waltraut wollte nur noch schlafen. David öffnete ihr die Tür, da rief Annika: «Oma!»
Waltraut drehte sich um. Ihre Enkelin stand nur wenige Meter entfernt von ihr und sah sie verwirrt an.
«Wo willst du hin?», fragte die Kleine.
In den Tod.
Zu Gabi.
«Nimmst du mich mit?»
Es war Waltraut verboten, Annika zu sich nach Hause zu nehmen. Sie hätte es auch gar nicht geschafft. Was sollte sie dem Kind sagen?
Es ging nicht.
Sie flüchtete ins Taxi, David folgte ihr als hilfloser Bodyguard auf die Hinterbank. Er sagte zu dem Fahrer: «Lortzingstraße 9, bitte.»
Der Wagen fuhr los.
Ihr Blick fiel in den Rückspiegel.
Sie sah, wie Annika ihr nachblickte.
Winkte.
Immer kleiner wurde, bis der Fahrer auf die Hauptstraße bog und sie nicht mehr zu sehen war.
Waltraut jaulte auf wie ein Tier.