2005

Epilog

Ich betrat das Pflegezimmer meiner Mutter. Es lag in einem schönen, neu erbauten Heim, in dem es, im Gegensatz zu allen anderen, die ich mir bei der Suche nach einem Platz für sie angesehen hatte, nicht nach einer Mischung aus alten Menschen und Desinfektionsmittel roch.

Ich ging durch den kleinen Flur, vorbei an der Küchenzeile, hin zu ihrem Bett, in dem ihr Leichnam lag. Wie Gabis vom Krebs gezeichneter Körper sah man ihm nicht an, dass kurz zuvor noch eine Seele in ihm gewohnt hatte. Sobald die Seele einen Körper verlässt, ist er nur noch eine verlassene Hülle.

Für ein paar Jahre hatte meine Mutter trotz halbseitiger Lähmung noch ein gutes Leben gehabt. In vielerlei Hinsicht war der erste Schlaganfall, soweit man das bei so einem fürchterlichen Ereignis sagen darf, ein Segen gewesen: Die Monate nach dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter es kaum geschafft, allein zu wohnen. Ihre Rente reichte selbst mit meiner Unterstützung – auch Rosl war zwischenzeitlich verstorben, und Charlie hatte daraufhin sämtliche Gelder gestrichen – nicht aus, weil sie in ihrem Zustand ihre Ausgaben nicht unter Kontrolle hatte. Hätte sie auch nur einen Monat so weitergemacht, wären sämtliche Ersparnisse aufgebraucht gewesen und sie hätte die Miete nicht mehr zahlen können.

Der Schlaganfall war auch in anderer Hinsicht ein Segen gewesen: Auf der Intensivstation machte meine Mutter unfreiwillig einen kalten Entzug. Als sie entlassen wurde, war sie trocken und nahm nie wieder einen Tropfen Alkohol zu sich.

Im Pflegeheim genoss sie, dass der 85-jährige Herr Blohme aus dem Nachbarzimmer sie umwarb, mit ihr Fernsehen schaute und sie im Rollstuhl spazieren fuhr. Vielleicht hatten die beiden sogar eine Beziehung?

Ich hätte nichts dagegen gehabt, er war lieb zu ihr und hatte bei unseren Besuchen für unsere beiden Söhne immer eine Süßigkeit parat.

Am allerschönsten war es für meine Mama jedoch, dass man sich um sie kümmerte. Endlich waren andere für sie da, und sie musste für niemanden mehr leben und leiden. Sie legte Wert auf gute Kleidung und schminkte sich selbst mit der gelähmten Hand noch geschickt. Dreimal die Woche besuchte sie den heimeigenen Frisörsalon. Sie war die einzige Bewohnerin unter siebzig und genoss es in vollen Zügen, der junge Hüpfer im Heim zu sein! Überall erzählte sie herum, ich wäre ein berühmter Regisseur in Amerika, sie war ja auch die Enkelin eines Grafen. Von Gabi sprach sie nicht mehr und auch nicht von Papa. Das änderte sich nie: Über den Schmerz redete man nicht. Ich sprach meine Mutter auch nicht darauf an.

Sechs Jahre lebte meine Mutter in dem Heim, die letzten zwei davon gefangen in ihrem Körper. Zwei weitere Schlaganfälle kurz hintereinander führten zu einer Ganzkörperlähmung, bei der jedoch die Seite des Gehirns, die für den Verstand zuständig war, nicht vollständig betroffen war. Marion und ich konnten nur ihre Hand halten und ihr das Neueste aus unserem Leben berichten.

Was sie in jenen letzten, bewegungslosen Jahren dachte oder empfand, wenn wir nicht da waren, kann ich noch nicht einmal erahnen. Ob sie noch viel an Gabi und Papa dachte? Oder nur dem Fernseher lauschte, der ständig lief?

Nach all dem, was sie erlebt hatte, hatte das Schicksal meiner Mutter einen finalen Hieb versetzt. Es war, als ob es ihr Feind gewesen war und auch der meines Vaters.

Hatte das Schicksal ihre Liebe besiegen können?

Die meines Vaters nicht.

Die meiner Mutter zu ihm am Ende?

Was wusste ich schon über das Leben meiner Eltern?

Außer dass es oft grausam war?

Und manchmal wundervoll?

Und dass sie sich liebten?

Eine Weile blieb ich am Bett meiner verstorbenen Mutter stehen. Ich sagte ihr, dass ihre Qual endlich vorbei war, und gab ihr zum Abschied einen Kuss. Dabei spürte ich die Kälte des Körpers. Anschließend verließ ich das Zimmer.

Was war noch übrig, jetzt, da alle tot waren?

Wenn man in Geschichten denkt – und das tun wir Menschen gerne, denn sie verleihen allem, was im Leben geschieht, nachträglich einen Sinn –, ist mein Leben mit Frau, zwei Kindern und einem wunderbaren Beruf in einem friedlichen Deutschland das Happy End der Geschichte meiner Eltern.

Solange man an jemanden denkt, ist er nicht ganz tot.

Ich denke an meine Eltern jeden Tag.