Kapitel 1
Ulrich Krämer ignorierte die Frage seiner Kollegin, während er gedankenverloren aus dem Bürofenster auf das Treiben in der Frankfurter Innenstadt blickte. Es war ein buntes Treiben, ein Durcheinander farbiger Regenschirme, das dem seit Tagen anhaltenden Sauwetter zu verdanken war. Doch weder die vielen Farben der Schirme noch die bunten Lackierungen der vorbeifahrenden Autos hatten die Macht, der Trostlosigkeit der Szenerie entgegenzusteuern. Aus der Höhe des fünften Stocks betrachtet, erinnerte dieses Durcheinander an einen Ameisenhaufen, der möglicherweise einem System folgte, das aber nach außen hin nicht erkennbar war. Würde man dem Bild die Farben entziehen und alles auf Schwarz und Weiß reduzieren, käme ein wildes Chaos dabei heraus, welches an das Bildrauschen eines Fernsehgerätes ohne Empfang erinnerte. Da die meteorologischen Gegebenheiten ohnehin alles entsättigten, lag über allem ein tristes Grau, das von dem prasselnden Geräusch der gegen die Scheiben schlagenden Regentropfen unterstrichen wurde.
»Uli?«
Diesmal riss Trudels Stimme ihn aus seinen Gedanken. Trudel Schubert – was für ein Name. Vermutlich hieß sie in Wirklichkeit Gertrud oder so, da hatte er keine Ahnung. Als Kollegin nannte man sie nur Trudel und alles, was er von ihr wusste, war, dass sie schon kurz vor der Rente stand. Dieser Name gesellte sich zu vielen anderen nichtssagenden Namen in seiner Umgebung; farblose Nummerierungen von Söhnen und Töchtern, ausgesucht von konservativ gesteuerten Eltern. Auch er selbst war ein solches Opfer. Ulrich Krämer – passte fast zu Trudel Schubert. Nur war Trudel über sechzig, er selbst erst zweiunddreißig. War also recht unpassend … glücklicherweise.
»Uli!«, ertönte nun wieder ihre Stimme, diesmal mit Nachdruck. »Bekomme ich eine Antwort auf meine Frage?«
»Entschuldige, Trudel«, meinte Ulrich. »Ich war abwesend.«
»Das habe ich gemerkt. Bist wohl schon im Urlaubsmodus, was?«
Richtig, heute war ja sein letzter Arbeitstag. Das hatte er fast vergessen, zumal ohnehin Freitag war. Urlaub war sowieso eine verkehrte Bezeichnung für das, was vor ihm lag – immerhin hatte er eine Menge zu tun. Kein Relaxen am Strand von Mallorca oder ähnliche Ferienaktivitäten. Er musste hier im verregneten Frankfurt bleiben, um sein Vorhaben zu realisieren.
»Und was ist nun?«, drängelte Trudel sehr ungeduldig.
»Deine Frage ist völlig an mir vorbeigerauscht«, antwortete er. »Was wolltest du wissen?«
»Ob der Alte sich bei dir gemeldet hat.«
»Bei mir? Nein. Warum sollte er?«
»War nur so ein Gedanke. Seit zwei Tagen ist der olle Krause nicht mehr im Betrieb erschienen. Das ist ziemlich untypisch für ihn. Und es ist schlecht, wenn der Laden lange führungslos bleibt. Wo steckt der bloß?«
»Ach, der taucht wieder auf. Und bis dahin haben wir doch hoffentlich alles im Griff, oder?«
»Na, ich weiß nicht. Der Chef war nie länger als einen Tag abwesend, geschweige denn unangekündigt. Er wurde ja auch offiziell als vermisst gemeldet. Aber mal was anderes: Hast du die technischen Details für Kaufmann & Söhne zusammengestellt?«
»Da hat mir keiner was von gesagt. Was wollen die denn wissen?«
»Anja wollte doch Bescheid geben. Das hat sie dann offenbar vergessen. Die interessieren sich für ein paar unserer Werkbänke und wollen etwas über die Besonderheiten erfahren. Um alles muss man sich selber kümmern …! Ich werd ihr mal auf die Finger klopfen. Bis heute wollten die das nämlich haben.«
Ja, Kaufmann & Söhne. Wieder so ein nichtssagender Firmenname. Aber gute Kunden. Seit den 1960er-Jahren stellte Ernst Krause alles an Zubehör für Werkstätten her, von der Arbeitsplatte bis hin zum Schraubendreher. Und genauso lange war die Firma Kaufmann zufriedener Kunde. Ulrich Krämers Aufgabe war es, die Gerätschaften zu entwerfen und die Pläne dann der Produktion vorzulegen, die sich abseits dieses Bürogebäudes befand. Sie war, ebenso wie das Außenlager, am anderen Stadtende. Dort war Ulrich jedoch nur selten persönlich. Was er ausarbeitete, schickte er meistens per E-Mail dorthin. Sein Chef lobte ihn für seinen technischen Verstand und hielt ihn erklärtermaßen für ein Ass auf seinem Gebiet. Finanziell machte sich dies jedoch kaum bemerkbar. Nach über sieben Jahren in diesem Job bekam er immer noch sein Einstiegsgehalt. Doch dies würde sich, wie so vieles in seinem Leben, ja bald ändern, dafür sorgte er bereits. Schließlich nutzte er seine Entwicklungen auch in privater Hinsicht. Zum Glück bekam er sie von Krause zu einem erheblich günstigeren als dem normalen Verkaufspreis. Allerdings ging er seinen diesbezüglichen Tätigkeiten fern von zu Hause nach. Seine geschätzte Mutter war einfach zu neugierig. Um seine Ungestörtheit zu garantieren, hatte er eine leer stehende Lagerhalle gemietet, die ebenfalls Ernst Krause gehörte. Sein Chef war froh, dass sie durch diese Nutzung ein paar Euro abwarf bei den Kosten, die sie verschlang.
Etwas rumorte in seinem Magen und Ulrich befürchtete das Schlimmste. Er musste schnell die nächste Tablette nehmen, bevor sich Gegessenes den Weg zurück nach draußen bahnte. Seine Mutter, bei der er wohnte, würde ihm den Hintern versohlen, wenn er seinen guten Pullunder bekotzte.
Das war auch so ein Thema. Nein, nicht der Pullunder. Ebenso wenig seine Magenprobleme; dafür hatte er seine Pillen. Vielmehr war seine Mutter eine echte Herausforderung. Inge Krämer war konservativ bis ins Mark und übertrieben fürsorglich. Seit Vaters Tod war sie ganz auf Ulrich fixiert – auf mehreren Ebenen. Und dank ihrer fanatischen christlichen Überzeugung würde sie vermutlich einen Exorzisten bestellen, wenn sie herausbekäme, was ihr Sohn in dieser Halle trieb. Dabei war es keineswegs an dem, dass er das alles unbedingt gern tat. Es war mehr eine Art … nun … Mahnwesen.
Dass Trudel inzwischen gegangen war, bemerkte der erneut in Gedanken versunkene Ulrich nur, weil sie wiederkam. Die burschikosen Schritte, die sich ihm von hinten näherten, waren unverkennbar. Ihre Stimme bestätigte seine Wahrnehmung.
»Anja hat dir die Sachen auf deinen Mailaccount geschickt. Bevor du heute Feierabend machst und in Urlaub gehst, sollte das rausgehen.«
»Ist okay.«
»Weißt du, Uli, irgendwie bist du gar nicht richtig bei der Sache. Keine Ahnung, was dich so beschäftigt. Aber bau bitte keinen Mist bei den Beschreibungen, ja?«
»Das mach ich doch mit links, Trudel.«
»Was machst du mit links? Mist?«
»Die Infos für Kaufmann. Mist mache ich grundsätzlich mit rechts.« Er warf ihr einen raschen Blick und ein schiefes Grinsen über die Schulter hinweg zu.
Trudel setzte ein angedeutetes Lächeln auf und ging wieder. Ulrich öffnete sein Postfach und las die E-Mail von Anja Weber. Natürlich handelte es sich um reine Standardanfragen, die ihn kaum irgendwie besonders beanspruchen würden. Die Informationen für Kaufmann dürfte er in zehn Minuten zusammengetragen haben.
Bevor er mit seiner Arbeit begann, schweiften seine Gedanken erneut ab. Trudel hatte völlig recht: Er war wirklich geistig abwesend. Doch es war weniger so, dass der anstehende Urlaub den Grund für seine dauernde Ablenkung darstellte. Es war eher umgekehrt. Seine anhaltende geistige Abwesenheit hatte ihn dazu veranlasst, endlich Urlaub zu nehmen. Das, womit er gerade so akribisch beschäftigt war, erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit. Und er hoffte, dass er das alles in den vier Wochen über die Bühne bringen konnte. Dann wären auch die Sorgen seiner Kollegen endlich vom Tisch, was ihm ebenfalls ein Bedürfnis war. Momentan musste er jedoch aus taktischen Gründen darüber schweigen. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch.
Die Wahrheit war nämlich, dass sich sein Chef, der alte Ernst Krause, bei ihm befand. Genauer gesagt, hielt er sich in der Lagerhalle auf, die Ulrich von ihm gemietet hatte. Und er war dort in guter Gesellschaft. Dr. Helmut Müller und Helga Schmidt leisteten ihm Gesellschaft. Drei Menschen mit unbedeutenden Allerweltsnamen – deren Existenzen für Ulrich Krämer jedoch derzeit von höchster Bedeutung waren. Die Zusammenarbeit mit ihnen war vonnöten, um das Grau aus seinem Leben zu vertreiben.