HIER SPRICHT DAS PUBLIKUM. DAS GROSSE MISSTRAUEN

Bilder einer Silvesternacht: Zwischen Fakten und Gefühl

Immer weniger Menschen wissen es zu schätzen, was Journalisten im oft recht gnadenlosen, schnelllebigen 24-Stunden-Nachrichtenbetrieb leisten – im Interesse der Bürger und manchmal sogar unter Einsatz von Leib und Leben. Sie zählen Reporterinnen und Redakteure stattdessen zur »Elite«, verorten sie auf »der anderen Seite«, dort, wo die Restaurants teurer, die Flugzeugsitze breiter und die Gesprächspartner glamouröser sind als im Alltag des Bankangestellten, der Aldi-Kassiererin, des Polizisten oder der Verwaltungsfachkraft im mittleren Dienst.

Nicht einmal jede/r Zweite in Deutschland vertraut den Medien, wie der bereits erwähnte »Digital News Report 2019« ergab, dessen deutsche Daten vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung betreut und ausgewertet werden.1 Selbst den Quellen, die sie regelmäßig nutzen, bescheinigen nur 60 Prozent der Befragten mehr oder weniger volles Vertrauen. Deutschland ist dabei statistisch betrachtet keine Ausnahme. Der Durchschnittswert für das Vertrauen in Medien, den der Report für alle untersuchten 38 Märkte für 2019 ermittelt hat, liegt bei 42 Prozent.2

Mit am besten schneiden in vielen Umfragen die Regional- und Lokalzeitungen ab. Nach einer Studie der Universität Mainz halten in Deutschland 63 Prozent der Bürger ihre regionale Tageszeitung für »sehr oder eher vertrauenswürdig«, für die Kategorie überregionale Zeitungen gibt das nur etwa jeder Zweite an.3 Nur die öffentlich-rechtlichen Sender, die qua Auftrag ebenfalls stark in den Regionen verankert sind, liegen in der Vertrauensskala noch weiter oben. In den USA, wo die Gesellschaft viel polarisierter ist und sich das Vertrauen gegenüber nationalen Medien stark an der jeweiligen politischen Ausrichtung der Nutzer orientiert, ist der Unterschied noch größer. Quer durch alle Lager vertrauen dort nämlich sogar 76 Prozent ihren lokalen Fernsehnachrichten und 73 Prozent ihrer Lokalzeitung.4

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Nicht nur können Lokalreporterinnen und -reporter besonders gut einschätzen, worauf es ihrem Publikum ankommt. Oft sind sie diesem sogar persönlich bekannt oder wenigstens dessen Lebenswelten nahe. Sie wohnen im selben Viertel, kaufen im Supermarkt in der Nachbarschaft ein, schicken ihre Kinder auf die örtliche Schule. Folglich geraten sie seltener in den Verdacht, mit den Mächtigen gemeinsame Sache zu machen oder sich nur mit ihresgleichen zu beschäftigen, etwas, das ansonsten vielen Medien unterstellt wird. Auf Deutschland bezogen, stimmte in der Mainzer Studie mehr als jeder Vierte (27 Prozent) der Aussage zu: »Die Themen, die mir wichtig sind, werden von den Medien gar nicht ernst genommen.« Ebenso viele fanden sich in dem Satz wieder: »Die Medien haben den Kontakt zu Menschen wie mir verloren.« Das waren drei beziehungsweise neun Prozentpunkte mehr als im Jahr 2017. Und 43 Prozent der Befragten sagten, die Medien stellten die gesellschaftlichen Zustände ganz anders dar, als es die Menschen im eigenen Umfeld wahrnehmen. Journalisten muss das zu denken geben.

Nun sinkt das Vertrauen in Medien nicht gar so stetig und vor allem so rasant, wie das Alarmisten und allzu Besorgte gerne behaupten. Es stabilisiert sich eher auf dem eben genannten Niveau und variiert sehr stark je nach Medienmarke und in manchen Ländern auch je nach politischer Orientierung der Leute. Die Bemühungen von Redaktionen, sich stärker mit ihrem Publikum auseinanderzusetzen, mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihm die journalistische Arbeit zu erklären, scheinen sich zumindest etwas auszuzahlen, wie verschiedene Erhebungen ergeben.5 Für Deutschland stellen die Bredow-Forscher aber fest: »In der langfristigen Betrachtung wird deutlich, dass das allgemeine Vertrauen in Nachrichten seit einem deutlichen Verlust im Jahr 2016 sich noch nicht wieder erholen konnte.«6

2016: Das war das Jahr, in dem das Land damit kämpfte, eine Million neu eingereiste Flüchtlinge unterzubringen, ihre Herkunft zu überprüfen und ihnen beim Einleben zu helfen – und das möglichst unfallfrei. Und es war das Jahr nach der Silvesternacht 2015. In der Innenstadt von Köln hatten Gruppen von Migranten am Vorabend des neuen Jahres massenhaft Frauen attackiert. Die Lage war selbst für die Polizei so unübersichtlich gewesen, dass das Ausmaß der Belästigungen und Straftaten erst Tage später bekannt wurde. Viele Menschen waren deshalb fassungslos – und wütend auf die Medien. Redaktionen wurden verdächtigt, die Vorfälle einerseits aus Rücksicht auf Merkels »Wir schaffen das«-Ansage, andererseits in einer vermeintlich links-grün-gefärbten Wohlfühl-Integrationsromantik in den Tiefen der Nachrichtenspalten versenkt zu haben, wo sie keiner fand. Und mancher Politiker übte ebenfalls heftige Medienschelte in der Hoffnung auf ein paar schnelle Sympathiepunkte im Volk. So raunte der ehemalige Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) gar von einem »Schweigekartell« der öffentlich-rechtlichen Medien, die »Nachrichtensperren« verhängten, sobald Ausländer an Vorfällen beteiligt seien.7 Bei etlichen Zeitungen hagelte es in jenen Januartagen Abo-Kündigungen, und bei den Rundfunkanstalten gingen zahllose Beschwerden ein. Bei der Süddeutschen Zeitung beispielsweise waren leitende Redakteure inklusive Chefredaktion wochenlang damit beschäftigt, schäumende Leserinnen und Leser zu besänftigen.8 Nie zuvor war die Zahl der sogenannten VER-Kündigungen – kurz für: Verärgerung über die Redaktion – so hoch gewesen.

Grund zur Verärgerung hatten die Leser allemal. Die Bilder aus Köln hatten Ängste ausgelöst, und viele Journalisten waren dem mit Routine begegnet. Statt ihrem Publikum dasselbe Maß an Empathie entgegenzubringen wie verschiedenen Flüchtlingsschicksalen, wirkte die Antwort aus vielen Redaktionen nach außen wie ein belehrendes »Habt euch nicht so«. Auf die Emotionen reagierte man lieber mit Kriminalstatistiken, die beweisen sollten, dass doch alles nicht so schlimm sei. Das ist zwar legitim und entspricht dem Auftrag der Medien, die den Bürgern die Fakten zu liefern haben. Aber auch die Existenz von Gefühlen ist ein Fakt. Werden sie ignoriert, staut sich Ärger an.

Die verzögerte Berichterstattung über die Kölner Ereignisse zeigte, was passiert, wenn Medien zu sehr in Routinen verfallen und nur mit stark reduziertem Personal arbeiten können: an Feiertagen zum Beispiel. Es begann mit einem Fax der Polizeipressestelle von Köln, das für den Abend vermutlich vorformuliert und dann lediglich per Sendeknopf in die Welt geschickt worden war. Von »ausgelassener Stimmung« war die Rede, »Feiern weitgehend friedlich«. Erst Tage später, am Nachmittag des 4. Januar, rückte der Polizeipräsident die Ereignisse bei einer Pressekonferenz in ein ganz anderes Licht. Das geschah gerade noch rechtzeitig für eine Meldung in der Tagesschau und in den elektronischen Medien, aber zu kurz vor dem Redaktionsschluss für gedruckte Zeitungen, als dass diese ihre Recherchen rechtzeitig und umfassend hätten platzieren können – und welche Behörde erreicht man noch nach 16 Uhr?

Ein mehr als 1300 Seiten umfassender Abschlussbericht des Landtags von Nordrhein-Westfalen dokumentiert das, was aufseiten der Polizei schiefgelaufen war.9 Aber der erschien erst Ende März, also nach wochenlangen Befragungen, Recherchen und Untersuchungen. Von den Medien erwarteten die Bürger hingegen sofortige Aufklärung. Redaktionen in Feiertagsstärke, eine unklare Lage und lückenhafte Informationen, all das erschwerte eine ausführliche, auf überprüften Fakten beruhende Berichterstattung, der das Publikum bei solchen aufwühlenden Ereignissen – zu Recht – entgegenfiebert. Als die Nachrichtenmaschine wieder auf normalen Touren lief, war es zu spät. Die Medien als Aufklärer hatten in den Augen der Bürger versagt, Vertrauen war zerstört worden. Und das wirkt bis heute auf fatale Weise nach. Der bereits zitierten Studie der Universität Mainz zufolge hielt noch zwei Jahre nach Köln jeder vierte Bürger in Deutschland die Medien nicht für vertrauenswürdig. Genauso viele, also 25 Prozent, stimmten obendrein der Aussage zu: »Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren.« Und 16 Prozent gaben sogar die Annahme zu Protokoll, die Medien würden die Bevölkerung systematisch belügen. »Die Lügenpresse-Debatte hinterlässt Spuren«, schlussfolgerten die Autoren der Studie.10

Prägende Ereignisse wie die massenhafte Einreise von Flüchtlingen mit allen Begleiterscheinungen, die Deutschland verunsichert haben, erschüttern das Vertrauen in Medien besonders stark. In Frankreich hatten die sogenannten Gelbwesten-Proteste einen solchen Effekt. Sie hatten sich im Herbst 2018 an einer geplanten Steuerreform der Regierung von Präsident Emmanuel Macron entzündet, die unter anderem drastisch steigende Benzinpreise befürchten ließ. Wenn Autofahren teurer wird, trifft das besonders Geringverdiener und die Landbevölkerung, haben sie in der Regel doch weitere Wege zurückzulegen als die Bewohner städtischer Gründerzeithäuser, die sich gerne damit brüsten, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Die französischen Politiker und Medien, die sich mehr oder weniger alle auf die Metropole Paris konzentrieren, hatten eine solche Welle der Unzufriedenheit nicht vorhergesehen. Dies rächte sich nun eben auch für die Medien, denn die Demonstranten sahen sie – nicht ganz zu Unrecht – als Teil einer abgehobenen Elite. Und sie wollten nicht nur eine angemessen ausgewogene Berichterstattung, sie erwarteten Sympathie. Als die nicht in ausreichendem Maße kam, griffen Demonstranten Journalisten an, die sich ihnen mit Kameras und Mikrofonen genähert hatten. Der verbreitete Unmut schlug sich schließlich auch in der Statistik nieder: Der vom »Digital News Report 2019« erhobene Vertrauenswert sank in Frankreich binnen eines Jahres um elf Prozentpunkte auf nur noch 24 Prozent.11

Ereignisse wie die in Köln oder die Proteste der Gelbwesten stellen Journalisten und ihr Publikum also auf die Probe. Das Gefühl vieler Menschen, sich nicht mehr auf das verlassen zu können, was berichtet wird, hat darüber hinaus aber auch strukturelle Ursachen. Besonders die Digitalisierung hat die Kommunikation, ihre Form und ihre Strukturen vollkommen verändert. Das hat auch Auswirkungen darauf, was die Menschen von Institutionen wie den Medien erwarten, nämlich vor allem mehr Analyse, Transparenz und Kundenorientierung.

Die sozialen Netzwerke sind schuld – oder?

Das Bild vom Nachrichtenstrom wird oft verwendet, um die gewaltige Menge an Informationen und Reizen zu beschreiben, mit denen die Menschen jeden Tag pausenlos konfrontiert werden, sofern sie sich nicht wegducken. Aber genau genommen passt das Bild eher auf die alte als auf die neue Welt der Informationen. Denn ein Strom fließt in eine Richtung und hat ein Ziel, er bricht sich Bahn, reißt alles mit und mündet irgendwann ins Meer.

Wenn Forscher digitale Kommunikationsströme abbilden, sieht das dagegen eher aus wie eine geborstene Windschutzscheibe nach einem Hagelschauer. Grobe und feine Netze spannen sich um größere und kleinere Einschläge, die sich willkürlich auf der Fläche verteilen. Manche sind miteinander verbunden, andere nicht, die Strukturen sind chaotisch und folgen keiner Logik. Der größte Einschlag allerdings verursacht die meisten Risse.

Kommunikation über soziale Netzwerke ist vergleichbar chaotisch, multizentrisch, und dort, wo die größten Brocken niedergehen, breiten sich die Fäden am stärksten aus. Eine besonders starke Botschaft – im positiven wie im negativen Sinne – hinterlässt die deutlichsten Spuren. Das Geschäftsmodell der sozialen Netzwerke und von Suchmaschinen basiert auf Anzeigen und belohnt deshalb starke Einschläge mit viel Wirkung, die Hingucker also. Man nennt das den Verstärkereffekt.

Nun können die meisten Menschen einem Hagelschaden nichts Positives abgewinnen. Das ist mit der digitalen Kommunikation anders. Starke gute Nachrichten verbreiten sich besser als langweilige schlechte, starke schlechte effektiver als komplexe gute. Anders als beim Hagel, der offensichtlich etwas zerstört hat, lässt sich außerdem »gut« und »schlecht« in den sozialen Medien oft schwer unterscheiden. Ist ein Nacktbild nun Kunst oder Pornografie? Wann ist eine bestimmte Äußerung Hetze oder Satire? Algorithmen wissen das noch weniger gut zu entscheiden als Menschen.

Die vielen, die dieser Tage deshalb in einem Anfall von seltsamer Mediennostalgie die digitale Kommunikation als Ganzes verdammen, tun jedoch der Gesellschaft keinen Gefallen. Alan Rusbridger, zwanzig Jahre lang Chefredakteur des britischen Guardian, ist ein Schwergewicht des Journalismus alter Schule, aber gleichzeitig jemand, der das digitale Potenzial früh erkannt hat. Er warnt seine Kollegen vor Überheblichkeit. Mit Blick auf sein bereits zitiertes Buch Breaking News sagte er: »Das einfache Buch wäre gewesen: Journalismus ist großartig, soziale Netzwerke sind durchweg schlecht. Aber es gibt viel Großartiges in den sozialen Netzwerken und viel miesen Journalismus.« Er hatte in seiner Laufbahn allzu oft mit politisch gegnerischen britischen Boulevardmedien zu kämpfen.12

Die Herausforderung beim Durchforsten von Informationslandschaften besteht einerseits darin, das Gute vom Mist zu trennen. Andererseits und vor allem aber auch darin, sich im unbegrenzten digitalen Raum nicht von der schieren Masse überwältigen zu lassen. Auf Facebook, Google, Instagram, LinkedIn und anderen Plattformen stehen journalistische Inhalte ständig in Konkurrenz mit Beiträgen von Freunden, Blogposts von echten oder selbst ernannten Experten, Satireformaten und Informationen aller möglichen Organisationen. Wobei von Konkurrenz nicht wirklich die Rede sein kann. Im Facebook Newsfeed zum Beispiel liegt der Anteil der Inhalte aus der Kategorie Nachrichten und Journalismus im niedrigen einstelligen Bereich, bei YouTube ist er niedrig zweistellig.13

Mit Informationen sind Bürgerinnen und Bürger der offenen Demokratien heute eher überversorgt. Das trägt zur großen Verwirrung bei. »Früher«, erklärt die Internetsoziologin Gina Neff, »war die Grundannahme immer: Mehr Information ist besser. Lasst uns die Demokratie verbessern, indem wir die Informationsumgebung verbessern. Das ist vorbei.« Es gehe heute vielmehr um »Netzwerke der Solidarität«, darum, wo Menschen sinnstiftende Verbindungen zu anderen fänden.14 Das heißt aber auch, dass sie nicht immer der besten Quelle vertrauen, sondern manchmal auch derjenigen, der sie sich am nächsten fühlen.

Natürlich kann jede und jeder Einzelne versuchen, alles selbst zu recherchieren: die beste Therapie bei Lungenkrebs, die lukrativsten Aktieninvestments oder was Angela Merkel in den Augen ihrer Kritiker wirklich meinte, als sie sagte: »Wir schaffen das«. Aber woran orientiert man sich in dem Überangebot? Man kann bewährten Medienmarken vertrauen, aber wer Verschwörungstheorien zuneigt, unterstellt diesen Marken oft, sie wollten etwas verschweigen. In den sozialen Netzwerken gibt es kaum wirkungsvolle Filter gegen falsche Fakten und selbst ernannte Experten. Ob man diesen glaubt oder nicht, hängt laut Forschung vor allem von den jeweiligen politischen Einstellungen ab. So lassen sich Menschen mit populistischen Überzeugungen deutlich stärker von Verschwörungstheorien beeindrucken als andere, wie eine große Studie des You Gov-Cambridge Globalism Project ergab, einem großen, fortlaufenden Forschungsprojekt an der Universität Cambridge.15 Sie stimmten sehr viel häufiger Behauptungen zu wie »Der Klimawandel ist ein Scherz«, »Die CIA hat Aids erfunden«, »Schädliche Folgen von Impfungen werden von der Öffentlichkeit ferngehalten« und »Die US-Regierung war in die 9/11-Terrorangriffe involviert«.

Außerdem spielt es eine Rolle, welcher Generation man angehört. Gerade ältere Nutzer, die es noch gewöhnt sind, alles erst einmal für wahr zu halten, was schwarz auf weiß zu lesen ist, lassen sich da schon mal von einem Prof. Dr. Dr. beeindrucken, der ihnen in einem Newsletter erklärt, warum die Impfung für den Enkel gefährlich ist. Ihnen fehlt offenbar zuweilen die kritische Distanz, die nötig ist, um sich in der digitalen Informationssphäre zurechtzufinden, wie Forscher belegen.16 In einer Studie der New York University und der Princeton University teilten Nutzer, die über 65 Jahre alt waren, siebenmal so viele Posts von Fake-News-Domänen wie jene der jüngsten Altersgruppe.17

Jüngere hingegen schauen sich sämtliche Inhalte eher kritisch an, egal ob sie von einer altehrwürdigen Rundfunkanstalt oder einem Portal stammen, das nur online produziert. Ob da ein Blogger schreibt, der einfach mal tief in der eigenen Gedankenwelt fischt, eine PR-Agentur, die im Auftrag einer Firma ein Advertorial verfasst hat, oder die Journalistin einer großen Medienmarke, die ihr Handwerk gelernt und mindestens eine kritische Gegenleserin hat, macht für sie zunächst nicht viel Unterschied.* Das Misstrauen ist ihnen antrainiert, und ihre Loyalität zu Medienmarken ist noch wenig entwickelt. Das ist wohl auch eine durchaus positive Folge der Medienbildung, wie sie immer mehr Schulen in den Lehrplan aufnehmen. Kinder und Jugendliche lernen dort, einen kritischen Blick zu entwickeln: Sie sollen nicht alles glauben, was digital verbreitet wird, Quellen prüfen und auch mal gegenchecken, ob die Inhalte überhaupt stimmen können.

Allerdings fällt es selbst Profis häufig schwer, wahr von halb wahr oder falsch und Fakten von Erzählung oder Meinung zu unterscheiden. Hat das Publikum schon mit den etablierten Medien seine Schwierigkeiten, sind die Vertrauenswerte für soziale Netzwerke und Suchmaschinen auch deshalb sehr viel schlechter. So ermittelte der »Digital News Report 2019«, dass nur 23 Prozent der Befragten dem vertrauen, was sie in sozialen Netzwerken wie Facebook finden, und nur 33 Prozent den Ergebnissen, die Suchmaschinen wie Google zutage fördern. Nur noch etwa jeder dritte Online-Nutzer geht direkt auf die Nachrichten-Website seiner Wahl, um sich zu informieren. Insbesondere jüngere Nutzer nehmen Journalismus allenfalls noch nebenbei in ihren Newsfeeds wahr. Redaktionen müssen deshalb dorthin, wo sie diese Kunden vermuten: Instagram, Facebook, Apple oder Google News – und die Vorlieben ändern sich schnell.

Erreicht die Nachricht auf diese Weise ihre Adressaten? Letztlich haben die Redakteure darauf wenig Einfluss. Denn Facebook und Google beziehungsweise deren Tochtergesellschaften Instagram oder YouTube spielen Inhalte über eigene Algorithmen aus, und diese Berechnungen richten sich nach den bisherigen Vorlieben der Empfänger und jenen der Freundes-Netzwerke, in denen diese sich vor allem bewegen. Das Publikum weiß wiederum nicht mehr so genau, von welcher Medienmarke einzelne Interviews, Kommentare oder Buchempfehlungen stammen, die es gerade gelesen, gehört oder gesehen hat. Eine Studie mit dem sprechenden Titel »I saw the news on Facebook« zeigt, dass sich Userinnen und User kaum noch an die Quelle erinnern, wenn Inhalte sie über eine Plattform erreicht haben.18

Filterblase, Echokammern.
Zwei Begriffe machen Karriere

Den Online-Kommunikationsplattformen wird mittlerweile die Verantwortung für so ziemlich alles zugeschrieben, was Bürger verstört, seien es der Populismus, die Verrohung, Verdummung oder Radikalisierung der Gesellschaft, der Verfall von Sitten und Moral oder der Terrorismus.19 Soziale Netzwerke haben angeblich die Wahl von Trump und den Brexit herbeigeführt (so mancher vermutet die Russen dahinter) und bescheren uns jene viel beschriebenen »Filterblasen« und »Echokammern«, aus denen wir aus eigener Kraft nicht mehr herausfinden. Renommierte Wissenschaftler argumentieren so, zum Beispiel der Harvard-Jurist Cass Sunstein, aber auch enttäuschte Intellektuelle aus dem Mitte-Links-Spektrum oder Politiker, die gerade eine Wahl verloren haben.20 In der CDU waren im Mai 2019 nicht wenige der Meinung, das desaströse Abschneiden der Union bei der Europawahl sei alleine auf ein binnen weniger Tage mehr als 13 Millionen Mal geklicktes Video mit dem Titel »Die Zerstörung der CDU« zurückzuführen, in dem der YouTuber Rezo die etablierten Parteien – und nicht nur die CDU – vorgeführt hatte. Schon die Annahme, junge Wählerinnen und Wähler seien so leicht zu beeindrucken, spricht Bände.

Gerne wird dann von einer digitalen »Filterblase« gesprochen. Der von dem Internetaktivisten Eli Pariser geprägte Begriff gehört heute selbst für den Bundespräsidenten zum Vokabular. Das Problem ist nur: Es handelt sich hier um eine schöne Theorie. Belastbare Belege gibt es für sie nicht. Das Gleiche gilt für die begrifflich oft strapazierten »Echokammern«.21 Im Internetdiskurs gehört beides zur Folklore, auch weil Journalisten die Begriffe permanent verwenden – aber das macht sie nicht richtiger. Jeff Jarvis, der an der City University of New York Journalismus unterrichtet, treibt dies zur Verzweiflung. »Der Zustand der Medien- und Technologie-Berichterstattung stinkt zum Himmel«, schrieb er im Juli 2019 in einem Blog.22 Der australische Kommunikationswissenschaftler Axel Bruns warnt gar vor »moralischer Panik«. Die ewige Diskussion um Filterblasen und Echokammern lenke von den wahren Ursachen der politischen Polarisierung ab, argumentierte er in einem Artikel: »Der Aufstieg von hyper-parteiischen, populistischen und illiberalen ideologischen Agitatoren und Propagandisten an den Rändern des politischen Spektrums und die Ablehnung von demokratischen Prinzipien und Prozessen ist nicht in erster Linie ein Phänomen der Kommunikationstechnologien, die sie nutzen: Es ist im Kern ein gesellschaftliches Problem.«23

Ein paar Fakten zur digitalen Kommunikation werden im Twitter-Zeitalter gerne ignoriert. Zunächst einmal hat es Filterblasen, wenn man sie so nennen will, schon immer gegeben. Die abonnierte Tageszeitung oder der voreingestellte Radiosender sind und waren die effektivsten Filterblasen schlechthin. Man las die Beiträge seiner Lieblingsautoren und fühlte sich rundum gut informiert. Wozu noch woanders suchen?

Tatsache ist, dass die Menschen sich heute aus wesentlich mehr verschiedenen Quellen informieren als früher – Untersuchungen wie der »Digital News Report 2017« belegen das. Und genau diese Veränderung macht den etablierten Medien zu schaffen: Gerade die gebildeten jungen Bürgerinnen und Bürger geben sich nicht mehr mit einem Nachrichtenkanal zufrieden, wenn sie sich eine Meinung bilden wollen. Sie bekräftigen die Loyalität zu einer Medienmarke deshalb auch nicht so schnell mit einem Abo. Vielfalt und Vergleich sind verfügbar und werden genutzt.

Tatsache ist auch, dass soziale Netzwerke besonders krude, drastische, plakative und auf andere Weise »laute« O-Töne oder Bilder wie Lautsprecher oder Vergrößerungsgläser verstärken. Dahinter steht das weitgehend von Anzeigen und deshalb Reichweite getriebene Geschäftsmodell der Plattformen. Algorithmen sortieren Inhalte zusätzlich so, dass sie den Interessen des Empfängers entsprechen. Es ist deshalb wesentlich einfacher als früher, auch über große räumliche Distanzen hinweg Gleichgesinnte und Bestätigung für das eigene Weltbild zu finden. Das verzerrt die Wahrnehmung. Medienkonsum hat das zwar schon immer getan: Wer zum Beispiel früher nur das Boulevardblatt las, glaubte sich womöglich in einer Welt, in der Kriminelle das Sagen haben. Was Menschen über ihr Umfeld denken, hängt stark von ihren Informationsquellen ab, nur können die heute sehr unterschiedlich sein.

Allerdings unterschätzen viele, die von neuen Kommunikationsformen verunsichert sind, welchen Einfluss die traditionellen Medien noch immer haben. Die Forschung hat ein ums andere Mal ergeben: In den sozialen Netzwerken beherrschen sie nach wie vor die Debatte.24 Auch wenn der US-Präsident häufig auf Twitter herumkrakeelt, erreicht er dort bei Weitem nicht alle Amerikaner, ja nicht einmal alle seine Anhänger. Tatsächlich ist die Reichweite gerade von Twitter deutlich geringer als zum Beispiel die von Facebook. Populisten beziehen ihre Neuigkeiten zudem überproportional durch das Fernsehen und nicht etwa über soziale Netzwerke, in den USA zum Beispiel über den Sender Fox News, in Deutschland über Privatsender wie RTL.25 Das Bildungsbürgertum hingegen ist in den sozialen Netzwerken sehr präsent, das gilt auf Twitter vor allem für Politiker und Medienschaffende. Der unbeabsichtigte Effekt: Journalisten verschaffen manchem Tweet erst dadurch Reichweite, dass sie ihn zur Story hochjazzen.

Polarisierung gab es zudem schon lange vor Erfindung der sozialen Medien. Sie wurde nur nicht so sichtbar. Die USA zum Beispiel sind schon immer eine gespaltene Gesellschaft gewesen: Nobelpreis-verdächtige Intellektualität und Oscar-würdige Kreativität auf der einen und kruder Rassismus auf der anderen Seite existieren dort nebeneinander, manchmal an ein und demselben Ort.26 Man sollte nie vergessen: Es sind Menschen, die polarisieren, nicht deren Kommunikationswerkzeuge.

Auch der Brexit in Großbritannien war kein Social Media-Phänomen. Eine Clique von Politikern hatte ihn ersonnen und Briten, die sich abgehängt fühlten, als Chance für mehr Selbstbestimmung verkauft. Die EU steht dabei symbolisch ausgerechnet für jene Fremdbestimmung, wie sie Bewohner großer Teile des Landes empfinden, weil eine Londoner Elite fernab von ihrer Lebenswirklichkeit über ihre Geschicke verhandelt. Die Abstimmung über leave oder remain wurde jedenfalls ganz klar von den traditionellen Medien beeinflusst. Wie eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung von neun überregionalen britischen Tageszeitungen vor dem Referendum ergab, sprachen sich von den fast 2400 Artikeln direkt oder indirekt 41 Prozent für einen Brexit aus. Demgegenüber waren nur 27 Prozent erkennbar dafür, in der EU zu bleiben.27

All das heißt allerdings im Umkehrschluss nicht, dass die neuen Kommunikationswege keinen Einfluss haben und man sie deshalb getrost ignorieren kann. Soziale Netzwerke werden für die Stimmungsmache genutzt. Es gab und gibt weltweit immer wieder Versuche, Wahlen gezielt durch Kampagnen in den sozialen Netzwerken zu beeinflussen. Diese Art Kriegsführung über scheinbar harmlose Kommunikation nimmt in der Sicherheitspolitik vieler Staaten strategisch einen immer größeren Raum ein. Gut möglich, dass sie tatsächlich auch schon Bürgerinnen und Bürger auf dem Weg in die Wahlkabine beeinflusst hat.28 Aber so wie keine Partei ihr schlechtes Wahlergebnis auf einen YouTuber schieben sollte, wäre es zu simpel, ausländische Mächte oder Internetkonzerne für jede Meinungsäußerung oder Wahlentscheidung von Bürgern verantwortlich zu machen, die einem gerade nicht in den Kram passt.

Tatsächlich gilt immer noch: Die weitaus meisten Menschen halten sich mehr oder weniger grummelnd an Regeln, lassen ihre Mitmenschen in Frieden leben und ihrer Wege gehen und ringen täglich darum, ihrer Verantwortung als Mitbürger, Mutter, Vater, Mitarbeiter, Chefin, Freund oder Nachbarin gerecht zu werden. Die digitale Kommunikation macht die Lauten unter ihnen lauter. Aber die anderen, die Leiseren, sind trotzdem noch da. Und meistens sind sie in der Mehrheit.

Journalismus heute: Das Beste ist nicht gut genug

Je unübersichtlicher die Welt, umso mehr suchen Menschen Orientierung, einen Kompass, der sie durchs Leben führt. Unabhängige Medien – egal, ob sie gedruckt oder online, in Bild oder Ton daherkommen – können ein solcher Kompass sein. Aber nehmen die Bürgerinnen und Bürger sie als einen solchen wahr? Was die Nutzer wirklich wollen, ist gar nicht so leicht zu ermitteln. Dank Digitalisierung kann man zwar genau nachvollziehen, welche Texte online gut ankommen und welche niemanden interessieren, bei welcher Zeile Leser aussteigen oder ab welcher Minute des Podcasts Hörer. Man kann sogar sehen, welche Stücke jemanden dazu veranlassen, ein Probeabo abzuschließen. Versucht man aber, den Leservorlieben genauer auf die Spur zu kommen, entstehen gleich mehrere Probleme.

Zunächst einmal hat das, was Leserinnen und Leser konsumieren, nicht immer etwas mit dem zu tun, was sie fordern. »Wir haben es satt, über den Brexit zu lesen!« ist zum Beispiel eine Aussage, die man aus dem »Digital News Report 2019« leicht ableiten könnte. 71 Prozent der befragten Briten sagen nämlich, das Gerangel um Leave, Remain, Deal oder No Deal verleide ihnen regelmäßig den Blick auf das aktuelle Geschehen. Lieber schalten sie dann ganz ab. Datenspezialisten aus den Redaktionen beobachten aber ganz anderes. »Unsere Leser verschlingen alles, was mit Brexit zu tun hat«, sagt zum Beispiel Chris Moran vom Guardian. Ebenso verhält es sich mit allem, was mit dem amerikanischen Präsidenten zu tun hat. Leser sagen, ihnen hänge die tägliche Trump-Story zum Hals heraus, aber worauf klicken sie, wenn sie die Wahl haben? Richtig, auf die Geschichte über Trumps neuesten Tweet.

Solche scheinbaren Widersprüche machen Marktforschung schwer, denn dort beschreiben Menschen ihr Verhalten meistens so, wie sie sich gerne sehen würden, wenn sie in den Spiegel schauen. Keinesfalls möge man Klatsch und Tratsch, heißt es dann, auf den redaktionellen Wetterbericht könne man leicht verzichten, und der schlimmste Vertrauenskiller sei Clickbait, also das Zeug, auf das man wegen seiner reißerischen Qualitäten draufklickt, ohne es wirklich zu wollen. Klar, der stolze Fisch schwimmt elegant um den Köder herum. Stattdessen hätten sie gerne mehr Politik und Wirtschaft, sagen sie.

Redaktionen, die das Verhalten ihrer Kunden mittlerweile durchweg analysieren, ahnten es schon früher, jetzt wissen sie es: In Wahrheit gönnt sich das Publikum natürlich die Meldung über den vermeintlichen Streit zwischen den Schwiegertöchtern von Prinz Charles, und es zieht auch die Gebildeten immer wieder zum Wetterbericht, selbst wenn das die Temperatur um kein einziges Grad nach oben oder unten treibt. Stattdessen hängt das Update zur Krise Iran-USA auf der Homepage wie ein toter Fisch am Haken. Ernährung, Erziehung, Geldanlage gehen immer, Sport je nach Publikum, Außenpolitik – schwierige Sache.

Die Versuchung ist groß, Leserschaft und Zuschauer mit dem zu füttern, was sie mögen. Redakteure entwickeln ein Gefühl dafür, was geht und was nicht, so wie der Kantinenbetreiber weiß, wie viel Nudelgerichte er noch verkaufen wird, wenn gleichzeitig Currywurst auf dem Speiseplan steht. Auf der anderen Seite gibt es den Auftrag zu informieren und aufzuklären, und das schließt schwerere Kost mit ein oder eben solche mit weniger Würze, um im Bild zu bleiben. Und genau dieser Auftrag ist es ja, der Journalisten ihre Existenzberechtigung verleiht. Würde man nur Präferenzen der Kundschaft bedienen wollen, könnte man die Nachrichtenauswahl gleich einem Standard-Algorithmus anvertrauen, der Inhalte den potenziellen Abnehmern zuspielt wie das Google mit Suchergebnissen, Amazon mit Black-Friday-Angeboten oder Spotify mit Songs macht.

Befragt man Medienkonsumenten in Fokusgruppen, also kleinen, zu Marktforschungszwecken rekrutierten Runden, kommen immer wieder auch andere Wünsche zum Vorschein: Man wolle Fakten, keine Meinungen, heißt es dann etwa. Journalisten sollten sich auf niemandes Seite schlagen, sondern neutral bleiben. Was aber in der Online-Welt besonders viel Zuspruch findet, sind gerade pointierte Kommentare und Stücke, die ganz bewusst eine subjektive Perspektive einnehmen oder unverhohlen zum Handeln aufrufen. Die Leser/-innen, wie sie sich selbst gerne hätten, sind eben nicht die Leser/-innen, wie sie praktizieren.

All das muss man wissen, wenn man sich anschaut, was die für den »Digital News Report 2019« befragten Online-Nutzer von dem Journalismus halten, der ihnen angeboten wird. Das Bild, das entsteht, ist differenziert. Zunächst das Positive: Die Menschen fühlen sich im Durchschnitt gut über das aktuelle Geschehen unterrichtet. 62 Prozent bescheinigen den Medien eine große Kompetenz im Tagesgeschäft, nur 11 Prozent sprechen ihnen diese ab. Das ist kein Wunder, denn unter Druck schnell zu sein und noch vor Redaktionsschluss ein passables, ja sogar druck- oder sendereifes Ergebnis abzuliefern ist etwas, das Journalisten schon lange trainieren. Mit dem Internet haben sie nun noch einen Zahn zugelegt. Wenn die neue Technologie eine Erwartungshaltung befördert hat, dann jene, sofort versorgt zu werden.

Allerdings stimmt nur noch jede und jeder Zweite der Aussage zu, dass die Medien ihr oder ihm dabei helfen, die Ereignisse des Tages auch zu verstehen. Es wird demnach – so zumindest der Eindruck der Konsumenten – viel gemeldet und berichtet, aber offenbar zu wenig erklärt. Oder es wird möglicherweise nicht so erklärt, dass es das Publikum auch gerne liest und versteht. Das, worin Journalisten am besten sind, ist ihren Lesern und Zuhörern also nicht gut genug.

Der Aussage, die Medien würden einflussreiche Menschen und Firmen ausreichend unter die Lupe nehmen, stimmen immerhin noch 42 Prozent der Befragten zu – also in etwa so viele wie jene, die den Medien allgemein vertrauen. Decken Journalisten Missstände auf, honorieren die Leser das. Als die Süddeutsche Zeitung die »Panama Papers« publizierte, waren Website und gedruckte Zeitung in den Tagen danach so begehrt, als hätte die Woche einen zusätzlichen Verkaufstag gehabt.

Journalisten scheinen allerdings ein wenig ausgeprägtes Gespür dafür zu haben, was ihr Publikum wirklich bewegt. Der Aussage »Die Themen, die von den Medien ausgewählt werden, sind für mich relevant« stimmen nur noch 29 Prozent der Befragten zu. Nicht einmal jeder Dritte fühlt sich also in seinen Sorgen und Bedürfnissen angemessen abgeholt.

Miserabel fällt das Zeugnis aus, wenn es um den Ton geht, den Journalisten verwenden – und auf den sie häufig so stolz sind. Nur 16 Prozent der Befragten schätzen die Art und Weise, wie sie informiert, aufgeklärt, belehrt werden, 39 Prozent hingegen mögen Stil und Darstellungsweise der Beiträge überhaupt nicht. Der häufigste Vorwurf: Medien seien zu negativ. Vor allem junge Leute können dem ständigen Warnen und Mahnen oder dem häufig mit Selbstzufriedenheit gepflegten Sarkasmus recht wenig abgewinnen. Nic Newman, der ein Forschungsprojekt zu den Bedürfnissen jüngerer Online-Nutzer leitet, sagt: »Junge Leute fühlen sich von der Fülle an Nachrichten überwältigt, und die Stimmung ist ihnen zu negativ.«29

Journalisten reagieren oft unwirsch, wenn ihnen eine zu pessimistische Grundeinstellung vorgeworfen wird. Es sei immerhin ihr Job, über Missstände aufzuklären, sagen sie dann. Das Positive solle man doch den Marketingleuten überlassen. Sie verkennen allerdings, was die Konsequenz dieser Haltung ist, denn jeder dritte Nutzer vermeidet Nachrichten mittlerweile ganz bewusst. Und etwa jeder Zweite von ihnen gibt als Grund an: »Sie machen mir schlechte Laune.«

Persönliche Gespräche mit Studierenden oder im Bekanntenkreis bestätigen solche statistischen Häufungen. Als sie Mutter geworden sei, habe sie es nicht mehr ertragen, nur von schlechten Nachrichten umgeben zu sein, sagt zum Beispiel eine Starnberger Anwältin. »Wie soll man in so einer Welt einigermaßen gelassen ein Kind großziehen?« Eine Maschinenbau-Absolventin aus München stört sich nicht nur am medialen Pessimismus, sondern auch an Dramatisierung und Alarmismus: »Und am Ende ist dann doch alles nicht so schlimm. Da lese ich lieber hinterher ein Buch, wenn der Vorgang abgeschlossen ist und jemand das alles noch einmal einordnet.«30

Redaktionen muss das beunruhigen, denn wer Journalismus grundsätzlich ablehnt, ist nicht nur als Kunde verloren. Er oder sie wird auch Schwierigkeiten damit haben, informierte Entscheidungen zu treffen, und gibt diese Nachrichtenabstinenz womöglich an die nächste Generation weiter. Medien zu nutzen ist etwas, das man sich angewöhnen muss. Das geschieht einerseits im Elternhaus: Lesen die Eltern keine Zeitung, läuft nie eine Nachrichtensendung oder werden die Geschehnisse des Tages niemals beim Abendessen erwähnt, werden junge Erwachsene nichts vermissen, wenn sie ins Leben durchstarten, ohne sich regelmäßig über die Weltlage zu informieren. Aber auch ein veränderter Alltag wirkt sich darauf aus, ob und wann man Medien nutzt. Wer Kinder bekommt, verbringt das Frühstück erst einmal mit Füttern statt mit Zeitunglesen, wer mit dem Auto zum neuen Arbeitsplatz fährt statt mit der Bahn, widmet seine Aufmerksamkeit dem Verkehr statt den Schlagzeilen. In der neuen Medienwelt, in der Nachrichten einen überall und nirgends erreichen, ist es oft schwer, der Information im Alltag einen festen Platz einzuräumen.

Das Transparenz-Paradox.
Warum Institutionen angezählt sind

Es ist kein Trost, sondern ein Fakt: Die Medien stehen in der neuen Welt des großen Misstrauens nicht alleine im Feuer. Die Digitalisierung hat maßgeblich dazu beigetragen, das Vertrauen der Bürger in sämtliche etablierte Institutionen zu erschüttern. Das Edelman Trust Barometer, eine seit fast zwei Jahrzehnten jährlich erhobene Umfrage unter mehr als 30 000 Teilnehmern in 26 Ländern, dokumentiert dieses Auf und Ab des Vertrauens, das in der Tendenz eher ein Ab ist.31 Die Gründe dafür sind vielschichtig, und so lassen sich nur Vermutungen anstellen. Natürlich ist auch in der analogen Welt einiges passiert, das am allgemeinen Vertrauen gekratzt hat. So haben die weltweite Finanzkrise und ihre Folgen, die Eurokrise, die Flüchtlingsbewegungen infolge etlicher Bürgerkriege und der zum Teil hilflose Umgang mit alldem viele etablierte Institutionen entzaubert, darunter Regierungen, Parteien und internationale Organisationen. Aber die Wucht, mit der all das über die digitalen Informationskanäle unmittelbar die Menschen erreicht, hat zweifellos zur Verunsicherung beigetragen.

Einerseits ist da ein Überangebot an Informationen über verschiedenste Kanäle, das es immer schwerer macht, Fakten von Erzählungen zu trennen. Gleichzeitig ähneln sich die Argumente, mit denen Journalisten verschiedener traditioneller Medien diverse Phänomene erklären. Wenn sich Informationen aus unterschiedlichen Quellen gleichen, galt das früher als Hinweis darauf, dass die Sache stimmt. Heute ist das für manche eher Anlass, erst recht misstrauisch zu werden: Sind die Medien womöglich »gleichgeschaltet«, stecken sie gar mit den Regierenden unter einer Decke?

Hinzu kommt die – oft nur scheinbare – Ermächtigung des Einzelnen. In einer Welt, in der jeder, der ein Smartphone besitzt, sich ständig zu allem äußern kann, ja sogar andauernd aufgefordert wird, Dinge zu bewerten, zu »liken«, Sterne zu vergeben, entsteht eine Erwartungshaltung. Es ist die des Kunden, der beliefert werden möchte, nicht die des Bürgers, der die Lösung mitgestaltet. Diese Haltung wird zwangsläufig enttäuscht. Man äußert eine Meinung, zeigt mit dem Finger auf etwas, das offensichtlich nicht funktioniert, und es passiert trotzdem nichts. So etwas frustriert und vermittelt ein Gefühl von Ohnmacht. Und dieses Empfinden verstärkt sich, wenn man auch noch all die Kommentare von anderen Unzufriedenen liest. Die Welt muss ja schlecht sein, wenn so viele das so sehen, oder?32

Hat sich dieses »Da stimmt etwas nicht«-Gefühl erst einmal eingestellt, lassen sich viele Vermutungen dank Suchmaschinen bestätigen. Alles, was schiefgeht, ist irgendwo dokumentiert und lässt sich abrufen. Und die Medien tragen zu dieser Transparenz kräftig bei. Wer an die »Götter in Weiß« glaubt, geht mit Zuversicht ins Krankenhaus. Wer die Statistiken über Fehldiagnosen und -behandlungen oder über Krankenhauskeime kennt, dazu womöglich noch plastisch geschilderte Einzelfälle, der wird den Notarztwagen nur im äußersten Notfall rufen. Und wer heute sieht, dass die Zeitung schon wieder drei Fehler berichtigt hat, fragt sich morgen, ob das, was er gerade liest, irgendwann auch korrigiert werden wird.

Das Verhältnis des Menschen zur Transparenz ist ohnehin viel komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Einerseits fordert er sie, andererseits kann zu viel Information auch für Verunsicherung sorgen. Würde zum Beispiel jede kleine technische Störung an Bord von Flugzeugen direkt in die Kabine übertragen, dürften sich deutlich mehr Passagiere angstvoll in ihre Armlehnen krallen. Es würde dennoch nicht das Geringste an der Tatsache ändern, dass Fliegen nach wie vor deutlich sicherer ist als Autofahren.

Gesellschaften funktionieren über Vertrauen, sogar solche chaotischen Gebilde wie Millionenstädte. Niemand würde sich je in eine Großstadt wagen, wenn er jeden dunklen Gedanken seines Gegenübers lesen könnte, dessen Weg er zufällig kreuzt. Nicht einmal eine Liebesbeziehung verträgt 100 Prozent Transparenz, geschweige denn politische, soziale oder kommerzielle Beziehungen. Trotzdem passiert in der Summe verhältnismäßig wenig Verstörendes, Vertrauen ist also im Großen und Ganzen gerechtfertigt. Es reduziert Komplexität und ist somit eine wunderbare Abkürzung auf dem Weg zur Kooperation.

Rachel Botsman, die zum Thema Technologie und Vertrauen publiziert, an der Said Business School in Oxford lehrt und bei dem Thema eine der führenden Theoretikerinnen ist, nennt es eine irrige Annahme, dass Transparenz zu mehr Vertrauen führt. »Vertrauen ist eine souveräne Beziehung zum Unbekannten«, sagt sie. Wer Transparenz fordere, vertraue eben genau nicht, er wolle ja Beweise.33

Die Grenze zwischen zu wenig und zu viel Transparenz lässt sich nur schwer genau bestimmen. Das schon erwähnte Edelman Trust Barometer identifiziert eine Vertrauenslücke zwischen den wenig und den höher Gebildeten. Allerdings wäre es ein großer Fehler, Misstrauen und den Hang zu einfachen Lösungen einfach mit mangelnder Bildung zu erklären. Populisten, die krude Theorien vertreten, können durchaus hochgebildete Menschen sein. Ihre Neigung zum Vereinfachen hat eher etwas mit Macht, Privilegien und Eigeninteresse zu tun. Manch einer mag sich nicht zu tief in die Welt der Fakten begeben, weil das mit dem Verlust solcher Privilegien verbunden wäre. Die alte Machtverteilung, die zum Beispiel eine ethnische Herkunft, Religion oder ein Geschlecht als überlegen definiert, die auf Identität statt auf Leistung pocht, um sich Ansprüche zu sichern, lässt sich mit Appellen an Ängste und Instinkte besser zementieren, als wenn man sich für Ungewisses öffnet.

Im Zusammenspiel der Institutionen sollen die Medien Anwälte der Bürgerinnen und Bürger sein, aber diese lehnen die Hilfe inzwischen oft dankend ab. Journalisten, das seien ja auch nur »die da oben«, denen man mit Skepsis begegnen sollte. Die Presse wird vom Subjekt, das seine Stimme stellvertretend für die Gesellschaft erhebt, zum Kritik- oder gar Hassobjekt derer, die nun selbst und direkt zu Wort kommen wollen. Sie akzeptieren den Anspruch der Medien, sich als Übersetzer zwischen Volk und Macht zu platzieren, nicht länger – zumindest dann nicht, wenn ihnen die Übersetzung nicht passt.

Da passiert es schon mal, dass Vertreter aus Politik und Journalismus einigermaßen ratlos an einer langen Tafel sitzen und selbst nicht mehr so richtig wissen, ob sie nun in bewährter freundlicher Gegnerschaft verbunden sind oder gemeinsame Sache machen sollten, wenn es um den Umgang mit der neuen Medienwelt geht. So geschehen beim Gesprächskreis einer großen politischen Stiftung in einem Hotel in Berlin, bei dem sowohl führende Abgeordnete und Regierungsvertreter als auch leitende Medienschaffende des Landes zugegen waren. Das Kommunikationsklima ist nämlich rauer geworden, und beide Seiten sind in den sozialen Netzwerken mittlerweile oft Opfer von Hassattacken. Politikerinnen und Politiker, die in ihren Wahlkreisen unterwegs sind, bekommen das im Zweifel unmittelbarer zu spüren als leitende Journalisten, die allzu oft nur vom Redaktionsschreibtisch aus kommentieren.

Bei vielen wächst die Angst, dass sich online verbreiteter Hass zunehmend in physischer Gewalt ausdrücken könnte. Die Ermordung der britischen Labour-Politikerin Jo Cox, der Angriff auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, tätliche Angriffe gegen Journalisten – es lässt sich weder im Einzelfall noch in der Summe nachweisen, welche Rolle soziale Netzwerke dabei gespielt haben, den oder die Täter aufzuhetzen. Aber die Sorge, es könnte so gewesen sein, bleibt. Und mit ihr gedeihen Zweifel, ob man sich angesichts dieses Risikos überhaupt weiter als Politiker für die Bürger einsetzen oder als kritischer Reporter seine Haut oder psychische Gesundheit riskieren sollte. Es beginnt mit der »Schere im Kopf«, dem so treffenden deutschen Begriff für Selbstzensur, wenn man sich aus Angst davor, angegriffen zu werden, die eine oder andere Äußerung verkneift. Und es endet mit Rückzug. Man kann dann wie Grünen-Parteichef Robert Habeck bei Twitter aussteigen und trotzdem in der Politik weitermachen. Oder man stellt sein Engagement gänzlich ein und zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die zunehmende Verachtung für Institutionen – seien es jene der Politik, Kirchen, die Wissenschaft – oder zumindest das Desinteresse an ihnen geht jedenfalls nicht spurlos an denen vorbei, die sich dafür einsetzen, dass die Gesellschaft funktioniert.

Trotzdem hat die allgemeine Vertrauenskrise auch ihr Gutes. Zwingt sie doch etablierte Organisationen – vom Kinderhilfswerk bis zum Militär – dazu, ihre Arbeit zu erklären, ihre Standards offenzulegen, sich insgesamt jenen zu öffnen, denen sie dienen sollen: Bürgern, Mitarbeitern, Mitgliedern. Tatsächlich hat sich in dieser Hinsicht schon einiges getan. Vorstandsvorsitzende fordern ihre Belegschaft dazu auf, mit ihnen zu chatten. Behörden bitten um elektronische Bewertung. Allerorten wird zur Bürgerversammlung geladen. War bürgerliche Mitsprache früher auf den Wahltag oder das Planfeststellungsverfahren begrenzt, gehört sie heute zumindest als Bekenntnis zum guten Ton. Die sozialen Netzwerke und ihre kleinen Geschwister in der internen Kommunikation von Unternehmen haben die Tore zur Beteiligung weit aufgestoßen.

Auch die Medien haben dazugelernt und beginnen, sich zu öffnen. Nicht nur auf dem Weg über die sozialen Netzwerke, sondern auch physisch. Noch in den 1990er-Jahren hatten Verleger ihre Medienhäuser überall auf der Welt gerne mal ins Industriegebiet an den Stadtrand transplantiert, vor allem aus Kostengründen. Das sollte sich rächen. Die Zeitung fand nicht mehr statt im Leben der Bürger, man hatte sich selbst marginalisiert. Heute versuchen Redaktionen deshalb, zu den Bürgern zurückzukehren. Redakteure verlassen ihre Newsdesks, die Schaltzentralen, von denen aus sie die Nachrichtenmaschine steuern, und reden mit ihrem Publikum. Reporter besuchen Schulklassen und erklären ihre Arbeit. Die Süddeutsche Zeitung fuhr mit einem Bus durch die Lande und diskutierte mit Lesern und Skeptikern im Democracy Lab. Die Zeitung Tubantia im niederländischen Enschede baute ihr neues Redaktionsgebäude genau dorthin, wo die Explosion einer Feuerwerksfabrik im Jahr 2000 ein Loch ins Stadtbild gerissen hatte – das untere Geschoss ist Anlaufstelle für Bürger und offener Veranstaltungsraum. Der Chefredakteur des Wiener Standard, Martin Kotynek, lädt Leserinnen und Leser immer mal wieder zum Abendessen ein. Journalisten und ihr Publikum kommen sich wieder näher.

Zuweilen tun die Medienleute sogar etwas, um die Menschen wieder einander näherzubringen. Zeit Online hat etwa »Deutschland spricht« entwickelt, ein Format, das unter dem Titel »My Country Talks« sogar zum Exportgut geworden ist.34 In diesem 2018 ins Leben gerufenen Projekt, gerne auch in Anlehnung an die Dating-Plattform »politischer Tinder« genannt, verkuppeln die teilnehmenden Medienhäuser Menschen mit unterschiedlichen politischen Meinungen zu Diskussionspaaren. Ziel ist es, etwas gegen politische Polarisierung zu unternehmen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gefiel das so gut, dass er die Schirmherrschaft übernahm. Die Wirklichkeit dieser Tage sei online und offline viel zu oft »Deutschland spricht nicht, Deutschland brüllt«, sagte Steinmeier in seiner Eröffnungsrede. »Es geht um die für unsere Demokratie grundlegende Frage, wie wir die Mauern, die zwischen unseren Lebenswelten entstanden sind, die Mauern, die dem gesellschaftlichen Zusammenhalt mittlerweile für alle spürbar im Wege stehen, überwinden können.«35 Nach allem, was man weiß, ist dies den Teilnehmern offenbar recht ordentlich gelungen. Transparenz und Offenheit scheinen da zu funktionieren, wo man persönlich miteinander redet.

* Das Wort Advertorial setzt sich aus Advertisement (Anzeige) und Editorial (Meinungsbeitrag) zusammen und ist letztlich eine interessengetriebene Anzeige, die daherkommt wie ein von unabhängigen Journalisten verfasster Zeitungs- bzw. Online-Artikel.