»DREH DAS MAL WEITER!«
EIN BLICK IN DEN REDAKTIONSALLTAG

Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art: Der Fall Relotius

Im Dezember 2018 legten Deutschlands Journalisten letzte Hand an ihre Weihnachtsvorbereitungen an. Sie verfassten etwas zeitlosere Features, feilten an Interviews mit interessanten, aber nicht zu interessanten Persönlichkeiten, platzierten die beliebten »Was sich zum 1. Januar ändert«-Stücke in digitale Kartons oder auf vorgebaute Seiten. Einige versuchten in einem letzten Kraftakt, doch noch den einen oder anderen Dienstplantausch mit den Kollegen zu verhandeln. Auch Redakteure und Reporter verdienen schließlich ein paar freie Weihnachtstage.

Steffen Klusmann, designierter Chefredakteur von Deutschlands wichtigstem Magazin Der Spiegel, bereitete sich derweil auf seinen Start im Januar vor, der scheidende Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hatte sich bereits zurückgezogen. Da erreichte Klusmann eine Nachricht. Er hatte schon zuvor Andeutungen erhalten, dass es Probleme mit einem Kollegen gebe. Am Abend des 12. Dezember wurde es ernst: Ausgerechnet Claas Relotius, ein mehrfach preisgekrönter Reporter, hatte Geschichten in beträchtlicher Zahl gefälscht. Er hatte Protagonisten erfunden, Zitate gedichtet, Orte beschrieben, an denen er nie gewesen war. Und was die Sache schlimmer und vor allem peinlicher für viele machte: Er war für seinen besonderen »Sound« hochgelobt worden. Am 19. Dezember ging der Spiegel mit der Sache an die Öffentlichkeit. Damit war der »Fall Relotius« in der Welt.1 Der freischaffende Spiegel-Autor Juan Moreno hatte die Fälschungen im Rahmen einer geplanten Teamarbeit mit Relotius aufgedeckt. Im Herbst 2019 veröffentlichte er dazu den Bestseller Tausend Zeilen Lüge.2

Seitdem das Magazin Stern 1983 auf gefälschte Hitler-Tagebücher hereingefallen war, hatte es in Deutschland keinen Journalisten-Skandal dieses Ausmaßes und mit einer solchen Wirkung mehr gegeben. Selbst der Fall des Reporters Tom Kummer, der unter anderem für das SZ-Magazin Interviews mit Hollywood-Prominenten frei erfunden hatte und im Jahr 2000 aufgeflogen war, dürfte die allgemeine Leserschaft nicht so aufgewühlt haben.3 Das lag einerseits daran, dass in diesem Fall der Spiegel betroffen war, das Flaggschiff unter den deutschen Magazinen mit ausgewiesener Reportage-Kompetenz. Andererseits lag es auch am Timing. Der Skandal krachte nämlich mitten in die Vertrauenskrise hinein, die die Branche sowieso schon schüttelte, und war ein gefundenes Fressen für all jene, die es angeblich schon immer gewusst hatten, dass Journalisten mit unlauteren Mitteln arbeiten, ihre Geschichten nach Strich und Faden erfinden und auch nicht davor zurückschrecken, auf Kosten anderer – auch der Bürgerinnen und Bürger – Karriere zu machen.

Nun gibt es im deutschen Journalismus nicht wenige Spiegel-Neider: Kollegen und Kolleginnen, die selbst mal gerne bei dem Magazin mit seinen komfortablen Gehältern, Privilegien und dem Ruf wie Donnerhall gearbeitet hätten. Solche, die dort gegangen waren oder gehen mussten und noch ein paar Rechnungen offen hatten. Oder solche, die ihre eigene Art, Journalismus zu betreiben, für überlegen hielten und halten. Wochenlang wurden der Spiegel und sein Führungspersonal in den sozialen Netzwerken mit Häme überschüttet, während Relotius selbst weniger im Fokus stand.

Die Branche betrieb eine Art Selbstkasteiung, wie sie der Autoindustrie nach dem Diesel-Skandal gut angestanden hätte. Ob man die Reportage als Darstellungsform abschaffen sollte, weil sie zu solchen Kunstgriffen einlade, fragte sich eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen. Die Aufregung reichte bis über den Atlantik. Der schon zitierte Journalistik-Professor Jeff Jarvis sinnierte anlässlich des Spiegel-Skandals – gewissermaßen unter dem Christbaum – über »die Versuchung des Geschichtenerzählens«. Nein, mahnte er, es sei nicht die primäre Aufgabe von Journalisten, Geschichten zu erzählen oder ein Produkt – eine Zeitung oder ein Magazin – mit Texten zu füllen. »Unser Job ist es, die öffentliche Debatte mit Informationen anzufüttern.«4

Der Fall Relotius stieß aber auch weit über die Journalistenszene hinaus auf großes Interesse. Aus der Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota meldeten sich zwei Bewohner, die eine Relotius-Reportage über ihren Heimatort Szene für Szene auseinandernahmen.5 Bei der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter gehörte ein Feature über den Skandal noch in der zweiten Januarwoche zu den am stärksten nachgefragten.6 War das nur eine Geschichte über einen gefallenen Helden, einen literarisch talentierten Betrüger und Einzeltäter? Oder war die ganze Sache womöglich ein Hinweis darauf, dass an dem Vorwurf der »Lügenpresse« doch etwas dran ist? Was darf Journalismus überhaupt – und was nicht? Das fragten sich viele – ob vom Fach oder nicht.

Zur Überraschung jener Rechercheure und Schreiber, die ihr Handwerk immer sauber betrieben und deshalb auch die eine oder andere Geschichte »totrecherchiert« hatten – Jargon für Storys oder Thesen, die bei näherer Betrachtung nicht haltbar sind und deshalb im Papierkorb landen –, fanden manche Redakteure, Ressortleiter oder Dozenten an Journalistenschulen bestimmte Kunstgriffe offenbar durchaus legitim: etwa aus mehreren Protagonisten einen zu machen, wenn das der Spannung dient; Kollegen mit detaillierten Anweisungen loszuschicken, was für Charaktere sie bitte schön zu finden haben; oder Überschriften zu texten, bevor die Recherche überhaupt begonnen hat.

In der heutigen Journalistenausbildung werde so etwas nicht gelehrt, beteuerten die Leiter von Deutschlands prominenten Journalistenschulen. Früheren Generationen von Reportern wurde so etwas aber sehr wohl beigebracht, wie der Spiegel-Aufarbeitung zum Skandal zu entnehmen ist. Michael Haller, Journalistik-Professor und Autor des Standardwerks Die Reportage, sagte in einem Interview mit der taz, dass das Verdichten von Informationen in einer Reportage durchaus legitim und manchmal auch nötig sei. Auf die Eingangsfrage, ob alle Elemente einer Reportage stimmen müssten, antwortete er: »›Stimmen‹ ist ein weites Feld.«7

Praktiken wie die erwähnten entsprechen allerdings zum Teil genau dem, was Leserinnen und Leser meinen, wenn sie über Fake News sprechen. Auf die Frage, welche Sorten von Fake News ihnen denn regelmäßig begegneten, beklagten im »Digital News Report 2018« immerhin 42 Prozent der Teilnehmenden »schlechten Journalismus, Fehler und Clickbait jede Woche«. 39 Prozent nannten Journalismus, der einen bestimmten Dreh habe oder eine bestimmte Agenda verfolge. Nur 26 Prozent verwiesen auf vollkommen erfundene Geschichten, also das, was Journalisten unter Falschmeldungen oder Lügen verstehen.

Beim Spiegel hatte der Relotius-Skandal Konsequenzen. Ullrich Fichtner, Förderer von Relotius, stieg nicht wie geplant in die Chefredaktion auf. Matthias Geyer, der Leiter des Gesellschaftsressorts, in dem die beschriebenen Praktiken des »Story-tellings« gefördert worden waren, musste das Haus schließlich verlassen. Und die Redaktion beschloss eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen, die helfen sollen, zukünftig potenziellen Fälschern das Leben zu erschweren und Fehler aufzudecken. Relotius selbst, der zunächst die Angst vor dem Versagen als Beweggrund für seine Lügengeschichten angegeben hatte, zog sich alsbald hinter den Schutz seines Anwalts zurück.

Die Affäre Relotius ist ein drastischer Fall von individuellem wie strukturellem Versagen. Doch was genau sind die Strukturen und Mechanismen, die Journalisten bei der Arbeit antreiben und bewegen? Oder anders gefragt: Warum ist der Journalismus auch in seinen besten Ausprägungen so, wie er meistens ist?

In der Tat weicht ja das, was täglich von Redaktionen rund um den Globus an Nachrichten produziert wird, oft recht deutlich von dem ab, was die Branche auf Journalistenkonferenzen als hehre Ideale beschwört. »Wir müssen weniger und das besser machen«, heißt es dort regelmäßig. Man wolle mehr über politische Inhalte bringen, als Aussagen und Forderungen von Politikern und Funktionsträgern wiedergeben – mehr policy als politics, um die schöne englische Unterscheidung zu bemühen, für die es leider keine deutsche Entsprechung gibt. Die Berichterstattung müsse auch gute Entwicklungen aufzeigen, statt sich immer nur auf Streit, Verbrechen und Desaster einzuschießen. Mehr Vielfalt in der Zusammensetzung der Redaktionen sei nötig, auch mehr Vielfalt an politischen Standpunkten. Und natürlich brauche man anschauliche Grafiken, damit das Publikum die Dinge auf einen Blick erfassen könne.

Doch was ist bislang das Ergebnis? Kaskaden an Push-Mitteilungen fürs Handy, Nachrichten-Fastfood, eine »Er hat gesagt, sie hat gesagt«-Geschichte nach der anderen, tägliche Meldungen über Trumps neuesten Tweet und reihenweise Überschriften, in denen Wörter wie »spaltet«, »Streit um« oder »droht« vorkommen, als Hinweis darauf, dass irgendwo neues Ungemach bevorsteht. Auch die geforderte Vielfalt in den Kommentaren sucht man vergeblich, und die Grafiken könnten, nun ja, gerne noch öfter stimmen. Können die Redaktionen es nicht besser, oder wollen sie es womöglich gar nicht besser machen?

In welche Fallen Journalisten immer wieder tappen

Um zu verstehen, wie Journalismus entsteht, muss man zunächst mit einer falschen Annahme aufräumen. Das Publikum stellt sich in der Regel vor, das Ganze sei in einer klassisch-hierarchischen Struktur organisiert: Der Chefredakteur – in Deutschland immer noch meistens ein Mann – ordnet an, und die Reporter schwärmen aus, während die Kommentatoren ihre Texte liefern. Leserbriefschreiber adressieren ihre Mail (nur noch selten den Brief) deshalb auch gerne direkt an den Chef, der doch bitte dies und das veranlassen oder abstellen möge. Dabei ist besagter Chef manchmal selbst von dem überrascht, was er da auf der Website oder in der gedruckten Zeitung seiner Redaktion vorfindet.

Tagesaktualität und Zeitdruck haben den Journalismus nämlich schon lange vor der Digitalisierung zu einem zutiefst agilen, von Ereignissen, Zufällen und der Konkurrenz getriebenen Unterfangen gemacht, zumindest was die Inhalte angeht. Korrespondenten, Reporter, Kommentatoren bieten an, Blattmacher und Homepage-Chefs greifen zu. Natürlich steuern Letztere nach, schlagen auch mal diese oder jene Geschichte vor, man diskutiert Themen in der Konferenz, gibt Projekte in Auftrag. Aber viel von dem, was gesendet oder gedruckt wird, hängt in erster Linie von der Initiative einzelner Kolleginnen und Kollegen ab, viel weniger vom Chefredakteur.

Als bei den Zeitungen noch der Redaktionsschluss den Rhythmus der Arbeit bestimmte, war es immer wieder erstaunlich, wie inmitten des geschäftigen Werkelns dann plötzlich Minuten vor der Deadline alle Einzelteile zu einem druckbaren Ganzen zusammenkamen. Erfahrung und Vertrauen halfen, man wusste nach einer Weile, wer überpünktlich abliefern und wer sich bis zuletzt an Text oder Seite festklammern würde. Manchmal waren Chefredakteure und Ressortleiter dann zufrieden mit dem Ergebnis, manchmal eher nicht.

Von einer »gesteuerten« Presse, wie dies heute zuweilen behauptet wird, konnte und kann jedenfalls zumindest in einer demokratisch-pluralistischen Medienumgebung wie hierzulande keine Rede sein. Wenn – wie in den meisten Häusern üblich – selbst Chefredakteurin oder Chefredakteur weniger steuern können, als ihnen das manchmal lieb ist, wo sollte dann erst irgendeine Regierungs-Steuerfrau ansetzen, wenn sie die Linie der Zeitung bestimmen wollte? Die Einflüsse, die auf Journalisten wirken, wenn sie ihre Themen und Formate wählen und gewichten, sind viel subtiler. Sie haben viel mit Psychologie zu tun, mit Konkurrenz und manchmal auch mit Bequemlichkeit. Im Journalismus sind letztlich auch nur Menschen am Werk. Und so tappen Journalisten und ihre Redaktionen in manche Fallen immer wieder, auch wenn sie ihnen gut bekannt sind. Die folgende Liste solcher Fallen speist sich aus jahrzehntelanger Erfahrung und beansprucht keine Vollständigkeit.

Die Ego-Falle. Journalismus war schon immer ein Geschäft der großen Egos, der Narzissten und schillernden Persönlichkeiten. Die Medienhäuser profitieren durchaus davon. Journalisten, die es schaffen, sich über ihre Expertise oder Wortgewalt zu einer Marke zu entwickeln, binden schließlich Leserinnen und Leser. Nicht selten werden vor allem ihretwegen Abonnements abgeschlossen. In der neuen Welt des Kommerzes, in der Medien auf Zusatzeinnahmen angewiesen sind, kann man um solche Publikumsmagneten herum Veranstaltungen organisieren. Sie reichen von der Podiumsdiskussion bis zur Leser-Kreuzfahrt, bei der die prominente Korrespondentin für ein paar Tage an Bord kommt. Lucy Küng, die zu digitaler Transformation und Kulturwandel forscht, hat solche Personen-Marken als Erfolgsfaktoren für Medienorganisationen identifiziert.8

Journalistinnen und Journalisten mit ausgeprägtem Ego stärken die Medienmarke mit höherer Wahrscheinlichkeit als zurückhaltende, indem sie beispielsweise eher ins Fernsehen drängen. Man unterstellt ihnen, dass sie in der Lage sind, die Konkurrenz abzuhängen und Qualitätsware zu produzieren, mit der sie brillieren können. Sind sie in den sozialen Netzwerken aktiv und sammeln dort viele Fans und Follower, kann man sich manche Marketingausgabe sparen. Aber auch schon die alte Welt des Journalismus war voll von scheinbar überlebensgroßen Persönlichkeiten wie beispielsweise Henri Nannen und Rudolf Augstein, die ihre jeweiligen Blätter prägten, die Stars einkauften und pamperten, die ihnen ähnelten. Oder sie feierte Moderatoren wie Tagesthemen-Star Ulrich Wickert, die abends so souverän den Tag erklärten, dass man danach beruhigt schlafen gehen konnte.

In der Welt des digitalen Journalismus ist das mit den Egos so eine Sache. Hilfreich sind sie dort, wo sie eben erwähnte Follower an sich binden können – solange sie das Haus nicht verlassen und ihre Anhänger mitnehmen, wie es Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart tat, als er sich mit dem Verleger Dieter von Holtzbrinck zerstritt und all die Abonnenten seines täglichen »Morning Briefings« mitnahm. Aber manchmal sind solche ausgeprägten Egos auch ein veritables Problem. Dann zum Beispiel, wenn es um Teamarbeit geht. Redaktionen, die digital erfolgreich sein wollen, müssen Redakteure, Marketingleute und IT-Spezialisten zusammenspannen, um erfolgreiche Produkte zu entwickeln, die Kunden zufriedenstellen. Das wird schwierig, wenn der leitende Redakteur oder die leitende Redakteurin aus Gewohnheit für sich beansprucht, den Ton angeben zu wollen.

Viele moderne journalistische Projekte, wie zum Beispiel große Datenrecherchen und -analysen oder komplexe Grafiken, sind außerdem nicht dafür geeignet, den Ruhm Einzelner zu mehren. So wie ein brillantes Automodell nicht das Werk eines einzelnen genialen Erfinders, sondern das vieler Hände ist, verhält es sich auch mit Großrecherchen. Jemand, dem es nur um seinen eigenen Namen geht, wird sich dafür nicht einspannen lassen. Je weniger Ruhm und Ehre einzelne Journalisten einfahren können, umso schwerer wird es für Redaktionsleiter, komplexe Projekte durchzusetzen, die den Leserinnen und Lesern dienen würden.

Großen Egos kam die alte Welt insofern entgegen, als die Kommunikation immer nur in eine Richtung funktionierte: Sie sendeten, das Publikum war auf Empfang. Mit der interaktiven digitalen Welt tun sie sich deshalb zuweilen schwer. Denn in diesen neuen Kommunikationsstrukturen ist es unmöglich, die Kontrolle zu behalten. Außerdem gibt es mehr Feedback – also auch Kritik. Narzissten, die meistens empfindlich sind, können damit eher schlecht umgehen. Übrigens kommen die großen Egos im Journalismus heute oft nicht mehr unbedingt wie ein Henri Nannen daher, sondern manchmal auch wie ein Claas Relotius, den alle als freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend beschrieben hatten.

Die Neid-Falle. Zugespitzt ließe sich sagen, dass in manchen Redaktionen Neid und Missgunst das größte Ressort bilden. Man konkurriert um interessante Aufgaben, um Platz in begehrten Rubriken, um Preise, um Aufmerksamkeit beim Publikum, um Angebote von der Konkurrenz, um die Zuwendung der Ressortleiterin oder des Chefredakteurs. Speziell aus den Redaktionen von Magazinen, die ja sowieso weniger Platz für Texte bieten können als Tageszeitungen, sind allerlei Intrigen überliefert, mit denen Kollegen ihre Artikel gegenseitig aus dem Blatt drängen wollten. Da passiert es schon mal, dass nicht im Sinne der Leserschaft gedacht wird, sondern Redakteure mit Einfluss anderen eins auswischen wollen und deren Arbeit kleinreden oder irgendwo im Blatt »verschwinden lassen«. In Zeiten von Datenanalyse und sozialen Netzwerken funktioniert das zum Glück nicht mehr ganz so gut. Die Leser sind dort zu Schiedsrichtern geworden, wo es früher vor allem die Kollegen waren. Manch ein Stück, das in der Redaktionskonferenz abfällig kommentiert wurde, spricht das Publikum besonders an.

Die Innovations-Falle. Eine Zeit lang redeten viele Redaktionen von »Snowfall«. Außerhalb der journalistischen Blase hatte davon allerdings kaum jemand etwas wahrgenommen, deshalb hier nur kurz zum Hintergrund: »Snowfall« hieß ein Multimediaprojekt der New York Times aus dem Jahr 2012. Die Reportage über den Verlauf und die Auswirkungen einer Lawine wurde als Blaupause dafür betrachtet, wie der Journalismus der Zukunft daherkommen könnte: Text, Bild, Ton, alles ineinander verwoben, große Kunst.9 In den Redaktionen, in denen man sich so etwas Kostspieliges leisten konnte, breitete sich Nervosität aus, zuweilen auch in Chefredaktionen. Was könnte als das eigene »Snowfall« durchgehen, und wie ließe sich so ein Projekt mit aufwendiger Videoproduktion stemmen, auch finanziell? Die Jahre zogen ins Land, manch redaktionelles »Snowfall« erntete Applaus unter Kollegen, andere Versuche endeten gewissermaßen als Schneeflocke. Dann geriet das Ganze in Vergessenheit. Das Publikum hatte davon nichts mitbekommen.

Viele redaktionelle Projekte, die unter der Kategorie »Innovation« laufen, enden so. Mögen die Leserinnen und Leser das Produkt? Hilft es ihnen dabei, einen Sachverhalt besser zu verstehen? Vielleicht. Nun war Wettbewerb schon immer ein guter Antrieb für Innovationen. Und ohne Experimente gibt es keinen Fortschritt, ganz klar. Aber vieles, was in Redaktionen unter »Fortschritt« firmiert, wird nicht unbedingt mit Blick auf das eigene Publikum gemacht. Im Vordergrund stehen vielmehr die Fragen: Was werden wohl die von der Konkurrenz dazu sagen? Findet mein Chefredakteur es cool und gibt mir dafür endlich die Teamleitung? Oder es wird eben gemacht, weil das Konzept aufregend genug für eine finanzielle Förderung durch Google oder Facebook ist.

Ob ein Produkt wirklich eine Innovation darstellt, entscheidet sich nicht am Konferenztisch. Das Urteil darüber sprechen die Nutzer. Und die mögen zum Beispiel, wie aus dem »Digital News Report 2018« hervorgeht, nach wie vor viel lieber Text als Video. Und sie schätzen Podcasts. Ob die rasant steigende Beliebtheit von Hörformaten den Test der Zeit bestehen wird, ist noch nicht ausgemacht. Aber weniger Formatvermischung ist offensichtlich für viele mehr.

Die Tempo-Falle. Auch die Schlagzahl, mit der journalistische Inhalte produziert werden, hat natürlich etwas mit der Konkurrenzsituation zu tun. Man redet auch vom rat race, dem Rattenrennen. Die Leute wollten das nun mal so, versichern sich alle gegenseitig: Sofort informiert werden, wenn etwas passiert, gleich alle W-Fragen beantwortet haben (inklusive der oft schwierigsten: warum) und schnell danach schon ein Update bekommen. Sonst gingen sie zur Konkurrenz oder kündigten das Abo. Also überbietet man sich gegenseitig darin, Push-Mitteilungen für den Sperrbildschirm des Smartphones zu verschicken, Live-Blogs zu orchestrieren, aus halb recherchierten Stoffen Geschichten zu machen, den Spielbericht fertig zu haben, sobald das letzte Tor gefallen ist, und vor allem Erklärungen zu liefern.

Zwischen »Warum?« und »Darum!« darf kein Moment der Funkstille mehr entstehen, wenn man das Rennen um die Aufmerksamkeit gewinnen will. Und nur die großen Marken können, zumindest nach außen, voller Souveränität sagen, »better right, than first« – obwohl auch deren Journalisten sich zunehmend intern rechtfertigen müssen, warum sie nicht beides geschafft haben: richtigliegen und die Ersten sein.

Richtig ist, dass die digitale Welt die Konsumenten zu gnadenloser Ungeduld erzieht. Man will alles sofort und ohne Mühe, 24-Stunden-ein-Klick-Shopping. Und wer für ein Abo oder das öffentlich-rechtliche Angebot mit der Haushaltsabgabe zahlt, meint nun mal, ein Anrecht auf zügige Information zu haben. Richtig ist auch: Wenn eine Redaktion nichts erklärt, herrscht ja nicht etwa Schweigen. Das Interpretieren übernehmen dann vielmehr die »Experten« in den sozialen Netzwerken, die gleich nach einem Attentat wissen, dass es ein Flüchtling gewesen sein muss, oder gleich nach einem Flugzeugabsturz, dass es bei diesem Flugzeugtyp schon immer Probleme gab.

Als am 22. Juli 2016 in München ein Schüler Amok lief und Jugendliche in einem Einkaufszentrum erschoss, war stundenlang nicht klar, ob es sich um eine koordinierte Terrorattacke an mehreren Orten handelte, wie es sie zuvor in Paris gegeben hatte. Eine Stadt fühlte sich in Geiselhaft, und Redaktionen versuchten, aus Botschaften ihrer Reporter und Kollegen, die an jenem Freitagabend privat an verschiedensten Orten unterwegs waren, ein schlüssiges Bild zu konstruieren. Doch es gelang nicht, denn die Journalisten hatten sich von der Panik in der Bevölkerung anstecken lassen. Ein Sprecher der Polizei, der souverän und sachlich über Twitter informierte, erlebte dagegen seine Sternstunde.10

Aus so einem Vakuum entsteht so mancher ARD-Brennpunkt, bei dem sich stammelnde Journalisten gegenseitig interviewen, so manche Bilderschleife, die immer wieder das Gleiche zeigt und somit eigentlich nichts, weil es das, was jeder sehen und wissen will, nicht zu sehen gibt. Die Welt ist zu komplex für einfache Antworten, Wirklichkeit und Medienwirklichkeit passen oft nicht zusammen.

Der Druck, der auf Nachrichtenchefinnen und Homepage-Chefs lastet, ist zuweilen ungeheuerlich. Und er wäre es mittlerweile auch, wenn es keine Konkurrenz der Medien untereinander geben würde. Aber nicht alle Ereignisse sind echtes Breaking-News-Material wie ein Flugzeugabsturz, ein Amoklauf oder ein Mord auf offener Straße. So manch einer Geschichte hätte es gutgetan, hätte der Autor noch zwei Anrufe mehr getätigt und die Schreibweise der Namen überprüft oder wäre er weniger siegesgewiss dahergekommen mit seiner Aufforderung, die Ministerin (gerne auch: »der Staat«), der Notenbankchef oder die Top-Managerin müsse »jetzt handeln!«.

Um dem Reflex nach Soforterklärungen zu widerstehen, haben viele Online-Redaktionen inzwischen ein Format eingeführt, das zwar den Hunger nach erster Information stillt, aber auch ausreichend Raum für Vorsicht und Korrektur lässt. »Was wir wissen, und was wir nicht wissen« heißt es in der Regel – übrigens eine echte Innovation, die Redaktionen in der Hitze des Gefechts hilft, sich zu sortieren, und das Publikum bei der Recherche mitnimmt.

Die Hierarchie-Falle. Wie gesagt, Redaktionen funktionieren üblicherweise von unten nach oben und sind nicht nach dem Prinzip »Kommando und Kontrolle« organisiert. Chefredakteure machen eher selten Vorgaben, was genau sie denn lesen wollen. Dazu verbringen sie viel zu viel Zeit in Strategie-Meetings und auf externen Terminen oder damit, über Etats und Personaltableaus zu brüten. Aber natürlich wissen Journalisten in der Regel ziemlich gut, wie ihre Chefinnen und Chefs so ticken. Sie erahnen, wann die Vorgesetzte beifällig nickt oder bei welchen Sprachbildern sie zuverlässig zusammenzuckt. »Wenn der Dienst hat, brauchst du mit einem Fußballfoto für die Seite 1 gar nicht zu kommen«; »Die Hochzeit der Royals? Vergiss es, xy ist heute Abend am Desk« – alle Redakteurinnen und Redakteure kennen solche Dialoge.

Oft redet man noch nicht einmal darüber. Man weiß einfach, was ankommt und was nicht, ob das nun die politische Linie, die Themenwahl oder die Bild- und Tonspur betrifft. Der vorauseilende Gehorsam der Redakteure ist dabei manchmal ausgeprägter als die Interventionslust des leitenden Personals. »Wann soll ich das denn verfügt haben?«, heißt es dann manchmal. Chefredakteure sind sich oft gar nicht bewusst darüber, wie sehr sie selbst durch subtile Hinweise den Ton angeben.

Deshalb gilt auch die Gleichung »Mehr Vielfalt beim Personal bedeutet mehr Vielfalt bei den Inhalten« nur bedingt. Frauen, die in einer von Männern geprägten Redaktionskultur brillieren wollen, tun das eben eher mit Stoffen, die den Ressortleitern ein anerkennendes Lächeln oder gar eine wertschätzende Mail entlocken, als mit solchen, die Kritik provozieren könnten. Das gilt ebenso für Redakteure anderer Herkunft und Hautfarbe. Der Druck, sich an die unausgesprochenen inhaltlichen Erwartungen anzupassen, ist bei ihnen allen besonders groß. Sonst landen sie schnell in einem inhaltlichen Getto: Frauen schreiben über Feminismus und Familienthemen, die Muslima schreibt über Muslime, der Schwarze über Rassismus. Die »wichtigen« Themen machen derweil diejenigen unter sich aus, die dann auch den ersten Zugriff auf Karriereposten haben.

Die Macht-Falle. Nähe ist verführerisch. Es schmeichelt dem Ego und verstärkt das Gefühl der eigenen Bedeutung, wenn man mit der Ministerin, dem Vorstandsvorsitzenden oder dem Intendanten so reden kann wie mit der Klassenlehrerin der Tochter. Journalisten, denen das gelingt, haben es geschafft. So empfinden sie selbst es jedenfalls, bis sie entdecken, dass diese Nähe nur ihrer Rolle gilt, nicht unbedingt ihnen als Person. Unabhängig davon ist diese Nähe ein Grund dafür, warum viele Menschen glauben, Journalisten seien Teil der anderen Seite, der Elite. Ganz unbegründet ist dieser Verdacht nicht, denn Reporter haben oft tatsächlich einen Zugang zur Macht, der Otto Normalbürger verwehrt ist. Ohne eine gewisse Nähe zu besagter »Elite« kämen Journalisten nun einmal nicht an die Informationen heran, die sie den Bürgern schuldig sind. Dass dabei zuweilen ein paar schöne kostenlose Abendessen, Reisen und Hotelaufenthalte abfallen, kann durchaus Neid auf einen großartigen Beruf hervorrufen, aber zur »Elite« oder zum »Establishment« gehören Journalisten deshalb noch lange nicht.

Der Nähe zur Macht kann man nur mit höchster Professionalität begegnen. Viele Reporter haben sie, einige nicht. Letztere sind dann die schwarzen Schafe. Aber auch diejenigen, die alles richtig machen, sind gewissen Zwängen unterworfen. Da nimmt der Außenminister einen Journalistentross auf Reisen mit, und kurz danach wird er reihenweise einigermaßen freundlich in den Medien porträtiert. Eine Schauspielerin, die sich sonst rar macht, promotet ihren neuen Film und lädt zum Gespräch – kein Zufall, dass plötzlich überall große Interviews mit ihr erscheinen. Für die Redaktion ist das jeweils eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Wenn Kollegin X drei Tage auf Reisen geht, muss sich das schließlich auszahlen. Wenn man schon mal ein Interview mit dem medienscheuen Star bekommt, dann nichts wie ran, die Leser werden es schätzen.

Beim Publikum selbst allerdings können solche gehäuften Porträts oder Interviews den Eindruck verfestigen, die Medien seien »gesteuert«. Da ist sogar etwas dran, denn natürlich versuchen Presse- und PR-Abteilungen, die Berichterstattung ihrer Klientel – ob Politiker oder Schauspielerin – in ihrem Sinne zu steuern, indem sie den Zugang zu den begehrten Gesprächspartnern mal einzelnen Journalisten, mal vielen gewähren oder ihn eben verweigern. Am Ende liegt es dennoch an den Reportern und Redaktionen, was sie daraus machen. Und es steht ihnen frei, auch mal bei denen anzuklopfen, die nicht mehr von eilfertigen PR-Apparaten abgeschirmt sind, weil sie ihre Prominenz verloren oder ihre Funktion abgegeben haben. Oft ist es erfrischender, von einem ehemaligen Spitzenpolitiker zu lesen, der nur noch sich selbst verantwortlich ist und deshalb frei sprechen kann, als die gebügelten Zitate derjenigen, die bei jedem leichtsinnigen Satz einen Shitstorm fürchten müssen.

Die Tech-Falle. Wo ein Spielzeug ist, wird gespielt. Gerade die Digitalisierung hält viele Spielzeuge bereit, und sie verleitet dazu, sie auch einzusetzen. Manche Redaktion wird dann regelrecht zum Kinderzimmer. Besonders jene Kolleginnen und Kollegen, die kreativ und experimentierfreudig sind, tun sich dabei hervor. Da werden Video- und Podcaststudios gebaut, Virtual Reality-Produktionen gestartet, Bots für dieses und jenes programmiert. Manchmal passiert das, weil die Ergebnisse sensationell sind, manchmal, weil es Arbeit spart, manchmal, weil Konzerne wie Facebook Redaktionen nahelegen, dass ihr Algorithmus dann bestimmte Inhalte bevorzugen wird, zum Beispiel Live-Videos. Nicht immer haben diese Experimente etwas mit Bedürfnissen der Kundschaft zu tun oder mit dem Inhalt, der vermittelt werden soll.

Emily Bell, Leiterin des Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University in New York, schreibt in einem Artikel zum Einfluss der Tech-Konzerne: »Weil Medien nur noch so wenig Geld über Anzeigen einnehmen und die Verkäufe an die Leser das nicht kompensieren können, bedeutet der teure Job der Redaktions-Innovation oft, sich die Frage zu stellen: Was würde Google wollen? – und damit zu beeinflussen, was Redaktionen entwickeln, seien es virtuelle Realität, Stimmerkennung oder Bildergalerien.«11 Ist das neueste Spielzeug nur ein Trend oder die Zukunft des Journalismus? Wer weiß das schon zu sagen, und wer will es so genau wissen, wenn er die Chefetage davon überzeugen will, Geld für eine Innovation freizugeben. Manchmal wird darüber der Journalismus vergessen.

Die Daten-Falle. Gleiches gilt für das Sammeln von Daten. Firmen wie Chartbeat, die eine Software verkauft, mit der man das Verhalten der Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Zuschauer messen kann, sind oft ebenso verliebt in ihre neuen Produkte wie die Redakteurinnen und Redakteure, die sie erstmals einsetzen. Etwas wird gemessen, schlicht weil man es messen kann. Erst nach einer Weile stellt sich dann zum Beispiel heraus, dass die Zahl der Visits auf einer Seite nichts darüber aussagt, wie loyal ein Kunde ist und wie willig, Geld für journalistische Inhalte auszugeben. Oder dass eine Conversion, also der Schritt vom puren Lesen zum Abo-Abschluss, nicht besonders viel wert ist, wenn dieses Abo gleich wieder gekündigt wird.

Viele Redaktionen würden sogenannte Vanity-Metrics erheben, warnt der britische Digitalexperte Nic Newman. Das sind Daten, die nur die Eitelkeit befriedigen (»Wir sind die Besten!«), mit denen man möglicherweise bei der Geschäftsleitung oder dem Aufsichtsrat angeben kann, ohne dass man jedoch auf dem Weg zum strategischen Ziel nur einen Schritt weiterkäme – eine Praxis übrigens, die auch in anderen Branchen gepflegt wird.

Das könnte den Leserinnen und Lesern eigentlich egal sein, wenn es sich nicht in den Inhalten niederschlagen würde. Das berühmte Clickbait, also die marktschreierischen Schlagzeilen, hinter denen sich zweifelhafte Ware verbirgt, stammt aus einer Zeit, in der es den meisten Online-Medien vor allem um Klicks ging, also um Reichweite. »Das läuft super, macht mehr davon!«, ist noch immer eine oft zu hörende Ansage im Wettbewerb um Kunden. Deren Kehrseite ist ein »Das liest niemand, lass das weg« – was manchmal allerdings nicht am Stoff liegt, sondern daran, dass die »Verkaufe« misslungen ist, sprich: Überschrift, Bild und Unterzeile »ziehen einfach nicht rein«.

Aber Klickzahlen sind nicht immer der richtige Wegweiser. Eine der meistgeklickten Geschichten der Süddeutschen Zeitung war zum Beispiel über Wochen hinweg »Die Salatlüge«. Die Botschaft: Salat ist gar nicht so gesund.12 Das liest man gerne, aber bezahlen würde man für so einen Text vermutlich eher nichts. Dieser Tage, wo viele Marken die Nutzer hinter eine Bezahlschranke locken und zum Abschluss eines Abos bewegen wollen, ist es dagegen viel wichtiger zu messen, wie viel Zeit ein Leser mit einer Geschichte verbringt, ob er sie teilt oder kommentiert. Denn das bildet Loyalität. Insofern kommt es deutlich stärker auf die Qualität des Journalismus an. Die gute Nachricht lautet tatsächlich: Seitdem die Verlage finanziell stärker auf Abonnenten als auf Anzeigenkunden angewiesen sind, wird wieder in die Inhalte investiert.

Die Aktualitäts-Falle. Auf der Welt ist immer und überall etwas los. Wer in der Schaltzentrale einer Redaktion sitzt, heute Newsdesk genannt, muss also eigentlich nur seinen Computer hochfahren und dann einfach mitschwimmen mit dem Tagesgeschehen und souverän über Wasser bleiben. Zu tun ist meistens reichlich. Das führt dazu, dass viele auch leitende Redakteurinnen und Redakteure brillant darin sind, die Gegenwart zu managen, aber nicht so arg viel Luft haben, um über die Zukunft nachzudenken. Da zeigt sich dann viel zu oft: »Kein Plan, nirgends.«

Eine Ausnahme sind große investigative Projekte, die viel Zeit und Mühe sowie genaueste Koordination erfordern, bei denen Anwälte involviert sind und Zeitpläne eingehalten werden müssen, wann welche Quelle mit welchem Material konfrontiert wird. Ansonsten gilt generell: Abgesehen von den Weihnachtsferien und der Urlaubszeit, wo die Materiallage schon mal knapper werden kann, wird – zumindest im tagesaktuellen Journalismus – häufig zu wenig geplant. Vor allem deshalb gibt es viel Verlegenheitsstoff: Dinge, die man nicht senden oder drucken würde, hätte man denn etwas Besseres in petto.

Wenn die Not groß ist, bedient man sich auch schon mal bei der Konkurrenz. »Dreh das mal weiter!« ist nicht nur eine Anweisung, die erfolgt, wenn die Redaktion, einen Tag nachdem sie mit einer großen Recherche an die Öffentlichkeit gegangen ist, schon nichts mehr zum Nachlegen übrig hat. Es ist auch der Trick, Geschichten der Wettbewerber zu nehmen, mit ein paar Telefonaten und Gedanken zu ergänzen und als eigenen Stoff an die Leser zu bringen. Das ist bei wichtigen Themen geradezu zwingend. Warum sollte man sie dem Publikum vorenthalten, nur weil jemand anderes schneller war? Bei anderen ist es im Grunde eine günstige Art zu verschleiern, dass man nichts geplant hat.

Natürlich lässt sich nicht alles im Nachrichtengeschäft vorhersehen und planen. Da hat man zwar fertige Nachrufe beispielsweise für Altkanzler Kohl, Mick Jagger oder die Queen irgendwo abgespeichert, aber dann stirbt plötzlich ein Prominenter mit Mitte dreißig. Viele Journalisten laufen genau in solchen Situationen zu Hochform auf. Passiert hingegen nichts Außergewöhnliches, begegnet man womöglich im Frühsommer einem verzweifelten Nachrichtenchef auf der Suche nach jemandem, der möglichst klug und, noch wichtiger, sofort über die beginnende Allergiesaison berichten kann. »Der Sommer kommt in diesem Jahr wirklich überraschend«, ist dann das, was Kollegen dazu einfällt.

Nun ist diese Darstellung ein wenig ungerecht. Redaktionen sind nämlich viel besser geworden im Planen. Aufwendigere, digitale Erzählformen haben dazu geführt, dass heute längst nicht mehr so von der Hand in den Mund gelebt wird wie früher. Man kann allerdings von einer Zweiteilung des Journalismus sprechen: Einerseits sind da umfangreiche investigative Recherchen, Datenjournalismusprojekte und digitale Produktionen, die mit den verbesserten Möglichkeiten immer umfangreicher werden. Diese sind akribisch und langfristig geplant, viele Hände, Gehirne und Herzen beteiligen sich. Andererseits sitzen – oft junge – Redakteure vor dem Bildschirm, schnappen sich irgendwelche Nachrichten aus den Agenturen, versehen sie mit einer Prise Google, Wikipedia und Twitter, und fertig ist der Bericht. Beides heißt Journalismus, dazwischen liegen jedoch Welten. Die Menschen mögen und brauchen beide Arten: um auf dem Laufenden zu bleiben, um zu lernen und Bescheid zu wissen und nicht zuletzt um sich unterhalten zu lassen. Aber die eine ist austauschbare Massenware, die andere ein Premiumprodukt.

Die Bilder-Falle. Journalismus braucht Bilder wie Essen das Fett: Es geht zwar auch ohne, aber erst der Schuss Öl oder die Butter bringen den Geschmack so richtig zur Geltung. Das gilt natürlich insbesondere für Fernsehjournalismus, der ohne Bilder ein echtes Problem hat. Man kann eine Expertin in die Kamera reden lassen oder eine schicke Infografik einblenden. Aber so richtig lebendig wird ein Video oder Film erst, wenn man sieht, was los ist. Gibt es Bilder oder nicht? Gibt es eloquente und fotogene Protagonisten oder nicht? Das sind oftmals wichtige Kriterien dafür, ob eine Story eine Story ist, wie groß oder ausführlich sie behandelt wird und wo man sie platziert oder sendet. Der größte Skandal bleibt womöglich publizistisch klein, weil er sich schlecht bebildern lässt.

Schwierig wird es bei Krisen vom Ausmaß der Lehman-Pleite, die sich nicht klein machen lassen. Tagelang mussten kistenschleppende Bankangestellte, Eingänge von Geldinstituten und Porträts verantwortlicher Manager als Bebilderung reichen, bis die Fotografen endlich Material nachgelegt hatten. Bevor die Panama Papers live gingen – Steueroasen sind jenseits des Palmenstrands ein bildtechnisch schwieriges Metier –, hatte übrigens ein Grafiker für die SZ seitenweise Illustrationen angefertigt. Ohnehin blicken Wirtschaftsredakteure meist neidisch zu den Kollegen des Sportressorts oder der Wissenschaft. Die einen haben oft Dramatik pur zur Auswahl, die den Gemälden großer Schlachten nur in wenig nachstehen. Die anderen können ihre Geschichten immerhin zuweilen mit Fotos von Giftspinnen, qualmenden Vulkanen oder schillernd bunten Bakterien schmücken. Schwieriger als die Finanzbranche lässt sich dagegen wohl nur die Digitalisierung bebildern.

Die Storytelling-Falle. Eine gute Geschichte mag jeder, möglichst schlüssig, mit interessanten Charakteren und einer Auflösung, die zufriedenstellt. Schon das Wort »Geschichte« verrät ja, was das Ideal ist. Im Journalisten-Slang sagt man, wenn alle Teile irgendwie passend gemacht wurden, die Story sei jetzt »rund«. Dummerweise hat das Leben nicht immer Geschichtenqualität. Es ist auch nicht immer rund. Manchmal sind die Protagonisten widersprüchlich oder langweilig, manchmal ist der Stoff verwirrend, und eine Pointe gibt es auch nicht. Dazwischen bewegt sich der Journalist. Sie oder er soll die Fakten auf eine Weise zusammenstellen, die der Wahrheit entspricht, der Sache gerecht wird und bei der die Leserschaft trotzdem nicht nach Zeile 15 gähnend aussteigt.

In dieser Gemengelage entsteht die bereits beschriebene Versuchung, der Claas Relotius erlegen war. Seine Geschichten kamen allesamt schwarz-weiß daher. Im Nachhinein wollten das viele beobachtet haben. Aber ein bisschen gepinselt wird letztlich fast überall, denn alleine durch das Auswählen und Weglassen von Protagonisten, Zitaten, Situationen, Details, die »von der Story ablenken« würden, ist der Reporter so etwas wie ein Regisseur. Er möchte eine Botschaft rüberbringen, und dazu inszeniert er sein Material. Das ist legitim und dient der Verständlichkeit. Problematisch wird es dann, wenn seine Chefin oder er selbst schon vorher festlegt, welche Botschaft er heimzubringen hat. Dies war offenbar auch der Fall beim Spiegel, wo die Wirklichkeit dazu verdammt war, dem Wunsch zu entsprechen. Bei einem solchen Thesenjournalismus gibt es erst die These, dann den Journalismus. Eigentlich sollte es umgekehrt sein.

Die Dienstplan-Falle. Man könnte sie auch die »Da haben wir gerade niemanden«-Falle nennen. Wenn irgendwo etwas Größeres passiert, ist idealerweise ein Journalist vor Ort, nahe dran oder er kennt sich wenigstens aus. Diesen Idealfall gibt es immer seltener. Mit den üblichen Dienstplanfolgen hatten Redaktionen schon immer zu kämpfen. Die Nachrichtenlage ruft, aber die Korrespondentin hat gerade frei, ist im Urlaub oder schreibt einen wichtigen Leitartikel. Zusätzlich haben inzwischen viele Medienhäuser »restrukturiert« und ihre Auslandskorrespondenten eingespart. In den Redaktionen sitzen mehr Allrounder als Fachleute, weil immer weniger Kolleginnen und Kollegen immer mehr machen müssen. Und so muss man sich eben mit dem behelfen, was gerade geht. Oft heißt das, Material von anderen Medien, den sozialen Netzwerken und von Google zusammenzuschreiben.

Ungünstigerweise halten es die Journalisten zudem wie die Ärzte: Alle ballen sich in den großen Metropolen, aufs Land will niemand. Viele Journalisten seien »Provinzflüchtler«, bestätigt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. Sie seien in Dörfern und Kleinstädten groß geworden und wollten schon damals nichts als raus.13 Manchmal erschwert diese Ballung die Berichterstattung, denn die Nähe fehlt – im physischen und im übertragenen Sinne. Die Folge ist das, was man als »Fallschirm-Journalismus« bezeichnet: Journalisten werden gleichsam über der Provinz »abgeworfen«, schwärmen dort ein paar Tage lang aus und tragen die Beute dann in ihre Großstadtredaktionen zurück. Heute erkennen viele Redaktionen diese Praxis selbstkritisch als einen Grund dafür, warum man weder den Ausgang der Brexit-Abstimmung noch die Wahl von Donald Trump habe kommen sehen.

Nun wäre ein wirklich flächendeckender Journalismus heute schlicht nicht mehr zu bezahlen. Immerhin aber wirft man in den öffentlich-rechtlichen Medien das Netz wieder weiter aus – auch als Reaktion darauf, dass die Lokalzeitungen zunehmend kränkeln. ZDF-Chefredakteur Peter Frey sagte in einem Interview für die hier schon häufig zitierte Vielfalt-Studie, man habe aus der Zuschauerkritik an der Flüchtlingsberichterstattung gelernt, »dass man vor Ort auch präsent sein muss«. Berichterstatten alleine reiche nicht.14 Das Morgenmagazin sei deshalb auf Wanderschaft in kleinere Orte gegangen. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Schweden, einem Land mit viel Provinz und wenigen Großstädten, versuchen speziell mit Blick auf Wahlen wieder dort aufzustocken, wo es darum geht, Stimmungen fernab von Stockholm zu erkunden.

Die Arroganz-Falle. In einem langen Feature in ihrer Wochenendausgabe ließ die New York Times im Juli 2019 viele Familien aus der verärgerten Mittelschicht zu Wort kommen.15 Journalismus, wie man ihn sich wünscht, könnte man denken, allerdings mit einem Schönheitsfehler: Alle Interviewten hatten ein jährliches Haushaltseinkommen, das sich zwischen 200 000 und 400 000 US-Dollar bewegte. Joshua Benton, Medienjournalist der Columbia Journalism Review, nannte das auf Twitter »total verrückt«. Wie es sein könne, dass man diese Familien als exemplarisch herausgegriffen habe, fragte er. Es folgte ein Schlagabtausch mit der NYT auf Twitter, an dem viele Bürger teilnahmen. Die Wirtschaftsredakteure rechtfertigten sich daraufhin für die Auswahl ihrer Protagonisten: »Kann eine Mittelschichtfamilie ein Jahreseinkommen von 200 000 Dollar haben? Ja, sie kann.«16

Geschichten wie diese bestätigen, was viele Bürger denken: Journalisten haben offenbar den Kontakt zu den Menschen draußen verloren, einige zumindest. Das beschäftigt auch dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. Redaktionen seien zu homogen, sagt er, Journalisten zu bequem. »Ich habe mal einen Satz gesagt, der mir ein bisschen missinterpretiert worden ist, der hieß: Ich hätte gerne mehr Marzahn und weniger Mitte. Das meinte nicht eine Ossi-Quote, sondern es meinte Menschen, die in – Willy Brandt hat das immer ›die Häuser mit den vielen Klingelschildern‹ genannt – aufgewachsen sind, die wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, für 3000 Euro in der Woche in den Ski-Urlaub zu fahren, sondern dass das etwas ist, was in der Familie diskutiert wird, auf das man vielleicht sparen muss. Und da dieses Bewusstsein fehlt, sind wir von einer Reihe von Diskussionen abgekoppelt.«17

Man könnte sagen, je bedeutender und prestigeträchtiger die Redaktion, desto stärker die Gefahr, in solche Arroganz-Fallen zu tappen. Bei den großen Blättern, die viele ihrer Journalisten wegen deren Schreibkunst rekrutiert haben, erstreckt sich das auch auf die Sprache. Mit Ironie zu arbeiten gehört hier zum Ausweis wahrer Könnerschaft. Nur wer sie formvollendet beherrscht, schafft es zum Beispiel ins berühmte »Streiflicht« der SZ – erstaunlicherweise bis vor wenigen Jahren eine ausschließlich von Männern bespielte Wiese. Solche Standards führen dazu, dass junge Kollegen sehr schnell lernen, wie die alten zu klingen.

Nun bindet diese Art Sprachbeherrschung, in der oft eine leichte Überheblichkeit mitschwingt, viele Leserinnen und Leser, die ähnlich denken und auch gerne so schreiben können würden: das klassische Bildungsbürgertum. Das ist nicht zu verwechseln mit jenen sehr gut ausgebildeten Bürgern, die anders aufgewachsen sind und entsprechende Codes nicht am Abendbrottisch oder im Oberstufenkurs aufgesogen haben. Die fühlen sich davon oft eher abgestoßen. Auch viele jüngere Leser können mit dieser Art Ironie wenig anfangen, in der digitalen Welt funktioniert sie kaum. Schon manche ironisch gemeinte Bemerkung auf Twitter ist ohne Absicht des Urhebers in einen wüsten Streit entgleist.

Die Überschriften-Falle. Mit Überschriften gibt es gleich mehrere Probleme. Zuweilen klingen sie wie eine Ansammlung von Geheimcodes, zumindest in der alten Welt der gedruckten Erzeugnisse. Das hängt mit der eben beschriebenen Arroganz-Falle zusammen. Abwandlungen von Roman- und Filmtiteln (Beispiel: »Die Freiheit der Anderen« – frei nach dem Film Das Leben der Anderen) bieten einzelnen Leserinnen und Lesern ein Erfolgserlebnis, weil sie die Anspielung verstehen. Anderen dagegen sagen sie gar nichts, denn sie bauen auf einem bestimmten Kanon an Literatur und Filmen auf, der gymnasial in Deutschland sozialisierten Angehörigen einer bestimmten Generation vertraut ist, jenen aus anderen Kulturkreisen, Sprachräumen, Generationen und sozialen Schichten aber fremd. Hier böte mehr Vielfalt in der Redaktion eine Möglichkeit, selbstkritisch nachzufragen: Versteht das jeder? Klingt das überheblich? Schreibe ich das nur, um jemanden zu beeindrucken? Solche Diskussionen werden viel zu selten geführt.

Das zweite Problem ist, dass Überschriften, die in der Zeitung funktionieren, das auf der Website oft überhaupt nicht tun. Schlagzeilen, die nur aus einem Wort bestehen, mögen feuilletonistisch klingen und lassen sich verstehen, wenn man gleichzeitig Unterzeile und Bebilderung im Blick hat. Online klicken die Leser weiter, wenn sich der Inhalt einer Geschichte nicht auf einen Blick erschließt. Problem Nummer drei ergibt sich aus mangelndem Platz. Für komplexe Inhalte sind die Zeilen einfach manchmal zu kurz. Das ist fürs gedruckte Produkt schwieriger als online, wo man zur Not zweizeilig werden kann. Gut für Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie sich frühzeitig das Kürzel AKK zugelegt hat, was nicht nur im Ausland ankommt (Kramp-Karrenbauer ist für viele Fremdsprachler schwierig auszusprechen), sondern auch besser in Überschriften passt.

Das größte Problem entsteht allerdings dann, wenn nicht aus Platzgründen, sondern aus Lust am Knalleffekt »zugespitzt« wird, wie das im Journalistenjargon heißt. Die Boulevardmedien beherrschen diese Kunst am besten (auch wenn es manchmal danebengeht), aber in jeder Redaktion wird täglich darüber diskutiert, was noch legitim und was nicht mehr akzeptabel ist. Überschriften werden übrigens – der gesunden Distanz wegen – meistens von Redakteuren gemacht, die den jeweiligen Beitrag nicht verfasst haben. Konflikte zwischen Reportern und denen, die »titeln«, sind Begleitmusik des Tagesgeschäfts.

Selbst der dpa, der Krawallmacherei gewöhnlich unverdächtig, kann ein Fauxpas unterlaufen. »CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können«, betitelte sie am 6. August 2019 eine Meldung, die auf einem Interview der Rheinischen Post mit dem CDU-Politiker Carsten Linnemann beruhte, in dem dieser angeregt hatte, über eine Vorschulpflicht für Kinder nachzudenken, die der Sprache zum Zeitpunkt der Einschulung noch nicht mächtig sind. Als sich die dpa am Folgetag in den sozialen Medien für den Fehler entschuldigte, war Twitter schon übergelaufen von Angriffen auf Linnemann und Geschichten aus dem eigenen Leben.

Die Stereotypen-Falle. Wer um den Titel der »Weinkönigin« konkurrieren möchte, sollte sich das gut überlegen. Einmal Weinkönigin heißt immer Weinkönigin. Zumindest dann, wenn man irgendwann einmal auf den Radar der Prominentenbeobachter gerät, wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Die hat zwar studiert und sowohl als Lehrerin als auch als Journalistin gearbeitet, aber was in keinem Porträt über sie fehlen darf, ist der Zusatz »frühere Weinkönigin«. Ähnliches gilt für die EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die regelmäßig als ehemalige Synchronschwimmerin zu allerlei Sprachbildern einlädt. Oder für den »Brioni-Kanzler«, den sich Altkanzler Gerhard Schröder mit seinem Modegeschmack verdient hat.

Nun ist dieser journalistische Reflex in gewisser Weise verständlich. Journalisten präsentieren Politikerinnen und Politiker der Allgemeinheit überwiegend durch Sprechblasen, und da sind die Medienschaffenden genauso wie ihr Publikum dankbar für jedes Detail, das aus dem Funktionsträger einen Menschen aus Fleisch und Blut macht. Es ist allerdings etwas anderes, ob man Horst Seehofers Begeisterung für Modelleisenbahnen wieder und wieder bemüht oder eben die Sache mit der Weinkönigin. Eisenbahnbastler gelten als detailverliebt, gestaltungsfreudig, womöglich etwas verschroben, Weinköniginnen als oberflächlich und gesellig. Solche Zuschreibungen erzeugen Bilder im Kopf, und das ist meistens beabsichtigt.

Stereotypen sind nichts Verwerfliches. Sie helfen dabei, die Welt zu sortieren, und treffen oft zu. Journalisten sind jedoch besonders in Gefahr, sie ständig zu reproduzieren, ohne über ihre Wirkung nachzudenken. Das gilt auch für den allzu reflexhaften Griff nach optischen Merkmalen, vor allem bei Frauen (Theresa Mays Schuhe, Angela Merkels Jackettfarbe). Das alles hat selten mit bösem Willen zu tun, eher mit der schieren Menge an Texten und Bildern, die täglich produziert werden müssen. Da rutscht das eine oder andere durch. Auch Reporter sortieren sich ihre Welt über Stereotype. Es ist wie mit dem Retweet-Befehl auf Twitter: Mancher Stoff wird zu schnell geteilt, ohne den Text hinter dem Link gelesen zu haben.

Die Aktivismus-Falle. Journalisten sind keine Aktivisten. Das kann man so aufschreiben, denn Aktivisten wären ja PR-Leute. Aber die Dinge sind komplizierter als zu Zeiten von Hanns Joachim Friedrichs, dem ehemaligen Tagesthemen-Moderator, der das vermutlich meistzitierte deutsche Journalisten-Bonmot geprägt hat: »Ein Journalist sollte sich niemals mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.« Denn wo verläuft die Grenze zwischen guter Sache und existenzieller Sache? Demokratie ist zum Beispiel eine solche existenzielle Sache, und sie zu unterstützen ist nun mal die Mission von Journalismus in freien Gesellschaften. Sich mit der Demokratie gemein zu machen ist deshalb nicht nur erlaubt, sondern zwingend.

Nur: Welche Art von Meinungsäußerung gehört noch zur von der Verfassung geschützten freien Rede in einer Demokratie, und welche hebelt sie unter Umständen aus? Man könnte jetzt das Beispiel der Nazis bemühen, die auch auf demokratischem Wege an die Macht kamen, um die Ordnung dann umzustürzen. Oder den Technologie-Philosophen Luciano Floridi aus Oxford zitieren, der einmal sagte: »Man kann die Krise der Demokratie nicht mit mehr Demokratie lösen.«18 Aber im Alltag kommt man damit nicht weiter. Denn gesucht wird ja genau nach dem Scheitelpunkt: der Stelle, an der das »Mehr« in »Zuviel« umschlägt und sich der Effekt ins Gegenteil verkehrt.

Wann also sollten Journalisten klar Stellung beziehen, sich gegen Rassismus, Hetze, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus etc. aussprechen? Wann sollten sie einen Rassisten einen Rassisten nennen, wie dies in der Branche in Bezug auf Donald Trump debattiert wurde? Der amerikanische Präsident hatte eine Reihe von schwarzen Politikerinnen und solche mit ausländischen Wurzeln aufgefordert, dorthin zurückzugehen, wo sie hergekommen seien. Viele Medien fanden, die Bezeichnung »Rassist« sei in diesem Fall Fakt, nicht Interpretation.

Bei BBC News gab es auch intern eine heftige Diskussion darüber, die der Reporter Mark Di Stefano von Buzz Feed News nachgezeichnet hat.19 Unterschiedliche Programme hatten den Vorfall auf verschiedene Weise beschrieben. Die einen hatten von »rassistisch aufgeladenen« Aussagen gesprochen, die anderen hatten sie klar »rassistisch« genannt. Ein BBC-Kollege, der anonym bleiben wollte, sprach zu Di Stefano von einem Kulturkrieg auf Twitter, in den der Sender nicht hineingezogen werden wolle. Der Moderator einer prominenten Radioshow, Evan Davis, ließ sich mit den Sätzen zitieren: »Wir glauben, dass unser Publikum sich selbst ein Urteil bilden kann. Wir müssen es ihm nicht sagen. Jeder, der das nicht rassistisch findet, wird auch nicht überzeugt davon sein, wenn wir das Wort vor die Beschreibung setzen.« Die BBC wurde von dem Konflikt Monate später eingeholt, weil ein Gremium die schwarze Starmoderatorin Naga Munchetty für Äußerungen in der Sache abgemahnt hatte. Mehr als 11 000 Menschen unterschrieben daraufhin eine Petition mit der Aufforderung an die BBC, die Abmahnung zurückzunehmen.

Wenn Aussagen verleumderisch werden und voller Hetze sind, reicht es manchmal nicht mehr, Zitate für sich sprechen zu lassen und es dem Publikum zu überlassen, sich ein Urteil zu bilden. Dann ist Haltung gefragt. Dieses schöne deutsche Wort, das es im Englischen übrigens nicht gibt, war einmal recht positiv konnotiert. Jemand, der Haltung hatte, hatte auch Rückgrat. Heute wird es eher als Kampfbegriff verwendet: als Kritik an einem Journalismus, der die Objektivität verloren hat.

Nur ist Objektivität ein schwer zu fassender Begriff. Ist die auf Englisch als both-sides-journalism bekannte Art der Darstellung objektiv, in der beide Seiten immer zu gleichen Teilen zu Wort kommen? Oder zumindest zu angemessenen Teilen, wie es hierzulande die öffentlich-rechtlichen Sender handhaben, wenn jede im Bundestag vertretene Partei bei der Aussprache zumindest einen Zitatschnipsel bekommen muss. Auch darüber gehen die Meinungen unter Journalisten weit auseinander. Am einen Ende steht der schwedische Sender Sveriges Radio. Dessen Intendantin Cilla Benkö und Chefredakteur Olle Zachrison stellen klar: Wer als Journalist hier unterschreibt, hat in seiner öffentlichen Funktion keine Meinung zu vertreten. Am anderen Ende bewegen sich viele Magazine wie zum Beispiel Der Spiegel, deren Texte in der Regel von Thesen getrieben sind und immer eine Meinung durchscheinen lassen. Die kann man dann mögen oder nicht. Genau dies, so glaubt man bei diesen Publikationen, stimuliere Debatten, und darum gehe es schließlich in der Demokratie.

Journalistik-Professoren wie Jay Rosen von der New York University und Jeff Jarvis von der City University New York vertreten schon länger die Position, dass Reporter ihre Strategie umstellen müssen, wenn etwa jemand im Weißen Haus sitzt, der versucht, die Presse als Gesamtes zu diskreditieren und damit ihre Schlagkraft zu schwächen. Einfach nur scheinbar unbeteiligt Fragen zu stellen sei kein Journalismus mehr, befand dazu Jarvis.20

Ein anderes Beispiel ist der Klimawandel. Lange Zeit galt es bei Medien, die sich der Neutralität verpflichtet fühlen, als klare Sache, neben denjenigen, die vor dem Klimawandel warnten, auch solchen Wissenschaftlern Redezeit einzuräumen, die das Phänomen leugneten. Wenn aber die Beweislage erdrückend ist, muss man sich dazu durchringen zu sagen: Die Zweifler liegen schlicht falsch. So wie einst irgendwann der Punkt kam, an dem offiziell klar war: Die Erde ist keine Scheibe, sondern rund. Punkt.

Im Frühjahr 2019 ging der britische Guardian noch einen Schritt weiter. Er legte in seinem Style Guide fest, nicht mehr von der »Erderwärmung« zu reden, was auch nach lauen Sommernächten klingen könnte, sondern von »Erderhitzung« und von »Klimanotfall« (climate emergency) statt von »Klimawandel«.21 So eine Art internes Wörterbuch – geschrieben oder ungeschrieben – gibt es übrigens in fast allen Redaktionen, um den Kollegen eine Orientierung zu bieten. Ist das legitim oder fällt so etwas in die Kategorie »Sprachpolizei«? Wird das Wort »Notfall« unablässig gebraucht, könnte es sich auch abnutzen, warnt zum Beispiel der Klimawissenschaftler Madhur Anand, der die Empfehlung des Guardian dennoch für gerechtfertigt hält.22

Wenn aber schon die Grenze zwischen Objektivität und Haltung fließend ist, ist sie es umso mehr zwischen Haltung und Aktivismus. Ganz klar: Journalisten, die Petitionen verbreiten, Kampagnen unterstützen oder gar führen, sind Aktivisten. Das ist legitim, wenn sie sich zum Beispiel für Tarifforderungen, inhaftierte Kolleginnen und Kollegen oder die Frauenquote einsetzen, also alles Dinge, die ihre Branche betreffen. Und natürlich dürfen sie auch Meinungen haben und sich als Staatsbürger betätigen: für oder gegen die Umgehungsstraße in ihrem Ort protestieren, wählen gehen, einem Verband oder einer Partei angehören. Aber das müssen sie als Privatmenschen tun und sie müssen entsprechende Interessenverflechtungen deutlich machen, wenn sie sich in ihrer Funktion als Journalisten äußern. Besonders schwer wiegt es, wenn sie Quellen ignorieren und Informationen zurückhalten, weil dies nicht der Sache dienen würde, die sie unterstützen.

Solche Konflikte sind nicht immer leicht zu lösen. Darf man zum Beispiel Wirtschaftsjournalisten, die möglicherweise vorab von bestimmten Ereignissen erfahren, verbieten, Aktien zu besitzen? Das würde viele der Möglichkeit berauben, fürs Alter vorzusorgen – ein Unding, vor allem in Ländern, wo weder Staat noch Unternehmen entsprechende Sicherheiten bieten. Der Journalist John Authers von der Financial Times reflektierte zehn Jahre nach der Lehman-Pleite über die Gewissenskonflikte, denen Journalisten ausgesetzt sind, wenn sie etwas Wichtiges wissen. Er selbst hatte 2008 Geld vom Verkauf einer Wohnung erhalten und erlebte beim Einzahlen am Bankschalter in Manhattan, wie Banker versuchten, ihren Besitz in Sicherheit zu bringen. Damals hatte er entschieden, die Leserinnen und Leser nicht in aller Ausführlichkeit darüber zu informieren, um nicht zu einer Panik, einem bank run, beizutragen. Die Leserschaft hatte ihm das dann übelgenommen. Wer Herrschaftswissen zum eigenen Vorteil nutze, entsolidarisiere sich mit der Gesellschaft, argumentierten die Leute. Heute, schrieb Authers, würde er sich anders verhalten.23

Journalisten sind auch Menschen. Sie sind außerdem Bürger, Mitarbeiter, Verbraucher, Pendler und vieles mehr. Das macht diesen Beruf ethisch anspruchsvoll. Denn oft tangiert das, worüber sie berichten, ihre eigenen Interessen – ob das nun ihre persönliche Karriere oder das Überleben auf einem sich erwärmenden Planeten ist. Absolute Objektivität in allen Fragen gibt es deshalb nicht. Auch Algorithmen können sie übrigens nicht liefern, sie sind schließlich von Menschen gemacht. Professionalität hingegen ist möglich. Dazu gehört, dass die Branche offen und für die Bürger transparent über Standards, Fallstricke und ethische Grundsätze diskutiert und dass sie bereit ist, aus Fehlern zu lernen. Es geht nicht nur um eine bessere Gesellschaft. Es geht auch um einen besseren Journalismus.