Quereinsteiger

Dass etwas anders war als sonst, erkannte Finn Wolters sofort. Nur ein kleines Detail, aber wenn nicht ihm, wem sonst konnte diese Veränderung auffallen! Schließlich war er nicht nur Briefzusteller, sondern jemand, der jede Haustür und die Menschen dahinter kannte. Und deren Geschichten.

Mehr noch, wenn ein Licht in einem Zimmer zur Straße hin brannte oder eben auch nicht, wusste er im Zweifelsfall, ob etwas anders war als sonst. Und dass das wahrscheinlich nichts Gutes verhieß. Das galt natürlich nicht für jede Veränderung, aber er hatte im Laufe der Jahre ein Gespür für die Dinge entwickelt, auf die er achten musste. Er wusste auch, wann es besser war, die Veränderungen nicht zu ignorieren.

In diesem Moment war er sich absolut sicher, dass das immer wieder leicht zuschlagende seitliche Fenster des Hauses, an dem er gerade vorbeikam, ein untrügliches Zeichen war. Etwas war hier nicht in Ordnung.

Das Haus gehörte den Steffens, einer Familie, die sehr zurückgezogen lebte und ohnehin jede Menge Probleme mit sich herumschleppte. Vor allem der erwachsene Sohn war ein ziemlicher Taugenichts, der zudem an der Flasche hing und auch schon ein paarmal wegen kleinerer Delikte Ärger mit der Polizei gehabt hatte. Anke Steffens, seine Mutter, war die einzige Person im alten Kern von Travemünde, mit der er nicht regelmäßig sprach. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm auswich, wenn sie sich auf der Straße trafen. Und wenn er einen Umschlag für sie hatte, der nicht in den Briefkasten passte, öffnete sie die Tür auf sein Klingeln nur einen Spaltbreit und nahm die Post stillschweigend entgegen.

Finn wusste, dass Anke Steffens bis vor ein paar Jahren einen Fischladen nur wenige hundert Meter entfernt geführt hatte. Sie war es also eigentlich gewohnt, mit Menschen zu reden. Schon oft hatte er sich gefragt, weshalb sie sich wohl so zurückgezogen hatte. Manchmal dachte er, es läge einfach an ihm. Weil sie ihn durchschaut und längst begriffen hatte, dass es vielleicht besser für sie war, nicht mit ihm zu reden. Zumindest wenn sie nicht wollte, dass Dinge, die sich in ihrem Haus abspielten, nach außen drangen. So hatte er sich anderweitig informieren müssen, was gar nicht mal so leicht gewesen war. Viel wussten die Travemünder nämlich nicht über Anke und Onno Steffens. Selbst zu der Zeit, als Anke den Fischladen betrieben hatte, war sie für viele Einheimische eine unnahbare und irgendwie fremde Person geblieben.

Finn speicherte allerdings nicht nur Gespräche, sondern auch Beobachtungen genaustens ab. Und zwar täglich, seit vielen Jahren. Genau deshalb war er alarmiert, als er das offene Fenster sah. Er konnte sich nicht erinnern, dass irgendein Fenster bei den Steffens jemals offen gestanden hatte.

Alle Situationen, in denen er ein ähnliches Gefühl gehabt hatte, hatten sich schnell aufgeklärt. Auch wenn er sich sicher war, dass nicht immer alles so harmlos war, wie es die Menschen hinter ihren Haustüren der Polizei weismachten.

Vielleicht war das der Grund, dass er nicht zu seinem Handy griff und den Notruf wählte, sondern sein Fahrrad abstellte und links den schmalen Weg, der als einziger in der Straße nicht durch ein Tor gesichert war, am Haus entlangging, bis er das offene Fenster erreichte. Sofort erkannte er, dass jemand von außen den Rahmen aufgebrochen hatte.

Plötzlich spürte er einen Adrenalinkick, den er so noch nie erlebt hatte. Er würde es einfach selbst in die Hand nehmen. Ohne die Polizei, die sich ja schließlich keine Mühe gab und Hinweise und Sorgen meistens lapidar abschmetterte. Wenn er diese Sache, was auch immer dahintersteckte, aufklärte, würden ihm endlich andere Chancen offenstehen.

Er träumte davon, selbst bei der Kripo zu arbeiten. Aber dafür war natürlich eine Ausbildung an der Polizeischule notwendig. Oder sogar ein Studium? Er wusste es nicht. Er würde sich einfach als Quereinsteiger bewerben, dachte er lächelnd. Mit der Referenz, dank seines Spürsinns einem Verbrechen auf die Schliche gekommen zu sein, würde er bestimmt einen kleinen Bonus haben, wenn er seine Bewerbungsunterlagen einreichte. Er musste sie einfach von seinen Fähigkeiten überzeugen, sodass ihnen gar keine andere Wahl blieb, als ihn einzustellen. Außerdem herrschte Fachkräftemangel, und das würde bei der Polizei doch wohl nicht anders sein.

Er schob das Fenster auf, griff an den Rahmen und zog sich hoch auf die Fensterbank. Mit einem beherzten Sprung landete er im nächsten Augenblick in einem Raum, von dem er geglaubt hatte, es handele sich um ein Arbeitszimmer. Tatsächlich herrschte dort ein unvorstellbares Chaos. Überall lagen kleine und größere Kartons herum, Unmengen an Klamotten und alles Mögliche andere, was dort nicht hingehörte.

Froh darüber, sich bei dem Sprung nicht verletzt zu haben, richtete er sich auf und ging in Richtung der geöffneten Zimmertür. Plötzlich kamen die Zweifel. Was er tat, war nicht in Ordnung. Er sollte gar nicht hier sein. Aber er schob die Gedanken beiseite und verließ das Zimmer. Im nächsten Moment stand er im Flur des Hauses und blickte sich vorsichtig um.

Schräg gegenüber lag ein weiterer Raum, und wenn Finn es richtig in Erinnerung hatte, musste das die Küche sein. Er hatte vor ein paar Monaten mal einen Blick durch die ausnahmsweise offen stehende Haustür geworfen und beobachtet, wie Onno Steffens mit einem Toast in der Hand aus dem Raum gekommen war.

Hier im Flur schien es nichts zu geben, was seinen Verdacht erhärtete, dass womöglich jemand in das Haus eingebrochen war, um die Steffens auszurauben. Oder sich weshalb auch immer unerlaubterweise Zutritt zum Haus verschafft hatte.

In der nächsten Sekunde schrak Finn zusammen. Ein lautes Poltern hallte durch das Haus. Als wäre etwas Schweres umgefallen. Es klang dumpf und musste direkt aus der Nähe kommen, wahrscheinlich aus der Küche.

Das Adrenalin, das ihn eben noch in Euphorie versetzt hatte, sorgte von einer Sekunde auf die andere dafür, dass er von einem Angstgefühl heimgesucht wurde, wie er es bislang nicht gekannt hatte. Mehrere Schauer fuhren ihm in schneller Abfolge vom Nacken den Rücken hinab. Sein Herz raste. Und er spürte, dass seine Hände zitterten.

War der Einbrecher etwa noch hier? So laut das Geräusch auch gewesen war, so schnell war es verstummt. Alles war wieder still in diesem Haus. Keine Schritte, kein Atmen. Nichts.

Was zum Teufel war der Grund für diesen Krach gewesen? Sollte er es herausfinden? Musste er ihn wirklich kennen? Er war Briefzusteller und würde niemals bei der Kriminalpolizei arbeiten. Und wenn er diesem Job noch ein paar Jahrzehnte nachgehen wollte, wäre es wohl besser, sich nicht unnötigerweise in Gefahr zu bringen oder traumatisiert zu sein.

Finn zögerte, aber er merkte, dass sich sein Körper unbewusst längst nach vorn beugte. Seine Neugier siegte über die Angst. Es war nicht das, was er wollte, aber er konnte sich nicht wehren. Ohne nachzudenken, huschte er quer über den Flur und presste sich mit dem Rücken an die Wand. Im nächsten Moment trat er einen Schritt nach links, wandte seinen Kopf und warf einen Blick in die Küche.

Es waren nur wenige Augenblicke, und doch ahnte er sofort, dass diese Bilder der beiden toten Menschen nie wieder aus seinem Kopf verschwinden würden. Sie waren jetzt eingebrannt auf einem mikroskopisch winzigen Teil seines Gehirns, und nichts und niemand auf dieser Welt wäre jemals in der Lage, sie zu entfernen.

Und noch etwas anderes wurde Finn schlagartig bewusst. Er würde nicht nur kein Kriminalpolizist werden, auch dem Job als Briefzusteller wollte er nicht länger nachgehen. Er würde ihn noch heute an den Nagel hängen, gleich nachdem er den Notruf gewählt hatte.