Ostseeblick
Dass es nicht richtig war, was er tat, wusste Morten. Und dennoch hatte er weder Ida-Marie noch Birger Bescheid gegeben, dass er auf dem Weg nach Grömitz war, um auf eigene Faust dem Hinweis des Nachbarn der Steffens nachzugehen. Nachdem Ida-Marie ihm den Kopf gewaschen hatte und die anderen, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, aus dem Raum gegangen waren, hatte er zumindest für den Moment keine Lust, sie über jeden einzelnen Schritt zu informieren oder Seite an Seite mit Birger zu ermitteln.
Bevor Morten in Travemünde losgefahren war, hatte er eine Weile auf seinem Handy nach Treffern für soziale Einrichtungen für Kinder in Verbindung mit dem Namen Anke Steffens gesucht, aber nichts dazu gefunden. Überhaupt gab es, soweit er das auf die Schnelle überblicken konnte, in Grömitz nur eine kleinere Einrichtung, die noch dazu erst vor zehn Jahren eröffnet worden war und somit nicht in Frage kam. Wahrscheinlich hatte die Familie Steffens auch in Grömitz gewohnt, bevor sie nach Travemünde gezogen war, aber Petersen konnte sich nicht erinnern. Kurzerhand hatte er Frank Westphal noch einmal angerufen, ihn aber nicht erreichen können.
Ich stochere hier vollkommen im Nebel, fuhr es Morten plötzlich durch den Kopf. Gedankenverloren steuerte er seinen Peugeot am Brodtener Steilufer entlang, dann durch Niendorf und Timmendorfer Strand, vorbei an Dirk Sanders imposantem Haus, in dem er den Bauunternehmer erst ein paar Stunden zuvor befragt hatte.
Je näher er Grömitz kam, desto größer wurden seine Zweifel, ob diese Spur wirklich zielführend war. Es konnte einerseits purer Zufall sein, dass Anke Steffens vor über fünfzehn Jahren in Grömitz gearbeitet hatte. Andererseits mussten sie jeder Spur nachgehen, die zu einer Verbindung zwischen den beiden Fällen führen konnte. Zumal sie ansonsten noch komplett im Dunkeln tappten.
Sein Handy klingelte, als er gerade auf den Zubringer zur A1 abbog. Westphal rief zurück.
»Sie schon wieder.« Er klang noch übellauniger als bei ihren vorherigen Gesprächen.
»Ja, ich hätte noch ein paar Fragen, bei denen Sie mir vielleicht helfen können.«
»Bin ich jetzt so etwas wie Ihr Chefinformant, oder was? Einmal mache ich es noch, beim nächsten Mal kostet das was.«
»Betrachten Sie es als freiwillige Mitarbeit im Rahmen einer Mordermittlung«, antwortete Morten gelassen. »So wie Ihren Feuerwehrdienst.«
»Ja, schon gut. Schießen Sie mal los mit Ihren Fragen.«
»Sagt Ihnen der Name Anke Steffens etwas?«
»Nie gehört.«
»Sicher?«
»Warum sollte ich mir nicht sicher sein?«
»Weil diese Person wahrscheinlich vor etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren in Grömitz gearbeitet und womöglich auch gelebt hat. Ihr Mann hieß Hannes Steffens.«
»Hieß?«, fragte Westphal.
»Er ist schon seit Langem tot.«
»Tut mir leid, hier kann ich wirklich nicht helfen.« Westphal klang ernsthaft enttäuscht, dass er keine bessere Antwort geben konnte. »Was haben diese Personen denn mit dem Mord an den Clasens zu tun?«
Morten überlegte, was er sagen sollte. Die Wahrheit? Oder irgendeine Ausrede? Er entschied sich, die Frage einfach zu ignorieren.
»Anke Steffens hat hier in Grömitz vor mehr als fünfzehn Jahren in einer Einrichtung für Kinder gearbeitet. Ich spreche allerdings nicht von einer Kita oder Schule. Es muss irgendetwas anderes gewesen sein. Das existierende Kinderhaus hat es damals noch nicht gegeben. Gab es vielleicht ein anderes Kinderheim oder eine ähnliche Einrichtung?«
»Ich befürchte, jetzt komme ich tatsächlich ans Ende meiner Informantendienste«, antwortete Westphal. »Auf solche Fragen war ich nicht vorbereitet.«
»Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit. Ich bin mir sicher, Sie wissen auch solche Dinge über Ihren Ort.«
»Was soll es denn damit auf sich haben?«, fragte Westphal argwöhnisch. »Ich erkenne beim besten Willen keinen Zusammenhang.«
Was sollte Morten antworten? Er wusste es selbst nicht. Als dieser Petersen erwähnt hatte, dass Anke Steffens eine Vergangenheit in Grömitz gehabt hatte, war er einfach nur dieser geografischen Verbindung nachgegangen. Er musste jetzt improvisieren.
»Denken Sie nach«, sagte er, um noch etwas Zeit zu gewinnen. »Wenn es solch ein Heim oder irgendetwas Ähnliches damals gegeben hat oder ich eine Einrichtung übersehen habe, die heute noch existiert, könnte das für uns ein wichtiger Anhaltspunkt sein.«
»Wie lange soll das noch mal her sein?«, fragte Westphal nach einigen Sekunden des Schweigens.
»Mindestens fünfzehn bis zwanzig Jahre, wahrscheinlich mehr.«
»Der Ostseeblick«, sagte Westphal leiser als üblich. »Das könnte vielleicht passen.«
»Was ist der Ostseeblick?«
»Tatsächlich ein ziemlich großes Kinderheim, das es seit den sechziger Jahren gab. Wunderschön gelegen mit Blick aufs Meer. Um die Jahrtausendwende wurde es aber dichtgemacht. Ich erinnere mich auch deshalb daran, weil wir dort mal einen Einsatz hatten. Ein leer stehendes Nebengebäude hatte damals Feuer gefangen. Kurz danach war Schluss.«
»Um die Jahrtausendwende?«, wiederholte Morten.
»Ich will mich da nicht aufs Jahr festlegen.«
Morten rechnete grob nach und kam sofort zu dem Schluss, dass es passen konnte. »Weshalb wurde es geschlossen?«
»Ich weiß es nicht genau, aber ich erinnere mich, dass es damals einigen Aufruhr gegeben hat.«
»Inwiefern?«
»Es ging, glaube ich, um die Zustände in dem Heim. Ich weiß selbst noch, dass mir die Kinder dort leidtaten, als ich gesehen habe, wie sie da leben mussten.«
»Was ist aus den Kindern und den Angestellten des Heims geworden?«
»Keine Ahnung, das habe ich nicht weiterverfolgt.«
»Wer könnte mir da weiterhelfen?«
»Fragen Sie doch unsere Frau Bürgermeisterin.« Kaum sprach Westphal wieder über Barbara Wendt, klang seine Stimme erneut latent wütend.
»Ist sie nicht etwas zu jung dafür?«, wunderte sich Morten. »Und damals war sie doch längst noch nicht im Amt.«
»Lassen Sie sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. Barbara Wendt hat die fünfzig schon längst überschritten. Vor zwanzig Jahren war sie natürlich noch nicht Bürgermeisterin von Grömitz, aber ihre Karriere wurde lange und akribisch von ihr vorbereitet. Sie hat hier schon allerhand politische Posten bekleidet. Eine einzige Schacherei, wenn Sie mich fragen. Sie wird Ihnen mit Sicherheit mehr über den Ostseeblick sagen können als ich.«
Morten dachte an das gestrige Gespräch mit Barbara Wendt, an seine anfängliche Unsicherheit, hervorgerufen durch ihr Aussehen und ihre Präsenz. Und die Andeutungen von Sander über ihr Beziehungsleben. Er war ohnehin neugierig, was es damit auf sich hatte. Vielleicht sollte er tatsächlich noch einmal mit ihr sprechen.
»Das Gebäude, in dem sich das Heim befand«, setzte er erneut an, »was ist damit passiert? Wurde es abgerissen?«
»Ich glaube, so langsam verstehe ich, weshalb Sie sich so sehr für das Heim interessieren«, sagte Westphal plötzlich.
»Was meinen Sie?«
»Es hat mit Clasen und diesem Bauunternehmer zu tun, oder?«
»Dirk Sander?«
»Genau der.«
»Was haben die beiden denn mit dem Heim zu tun?« Morten spürte selbst, wie irritiert er auf einmal klang.
»Das Haus steht seit damals leer«, erklärte Westphal. »Die Gemeinde hat es vor einiger Zeit übernommen. Soweit ich mitbekommen habe, gab es in den letzten Jahren verschiedene Investoren, die das Grundstück samt Gebäude kaufen wollten. Und jetzt raten Sie mal, wer natürlich besonders großes Interesse daran hatte, dieses Sahnestück zu erwerben.«
Morten schüttelte den Kopf. Er verstand immer weniger, was hier eigentlich vorging. Er hatte nach einer Verbindung zwischen den Clasens und Anke Steffens gesucht. Dass nun auch Dirk Sander und die Bürgermeisterin eine Rolle spielten, hatte er nicht erwartet. »Wissen Sie, was die beiden mit dem Haus vorhatten?«
»Was sollen sie schon vorgehabt haben?«, fragte Westphal ungehalten. »Wahrscheinlich abreißen und ein Hotel bauen. Oder Luxuswohnungen. Den üblichen Mist eben, den hier niemand braucht.«
»Danke«, sagte Morten. »Sie haben mir sehr geholfen. Wenn es eine Freiwillige Polizei geben würde, Sie wären definitiv der Richtige dafür.«
»Ich glaube nicht«, sagte Westphal. »Niemals könnte ich so korrekt sein, dass das zusammenpassen würde.«