Geblendet
Kurz hinter Plön legte Birger sein Handy zum ersten Mal beiseite, nachdem sie in Grömitz losgefahren waren. Ununterbrochen hatte er telefoniert. Zuerst mit Ida-Marie, nachdem er Ole nicht erreicht hatte. Sie hatten vereinbart, alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren. Auch ein MEK musste schnellstmöglich angefordert werden. Solange die Gefahrenlage allerdings noch unklar sei, sollten sie sich zurückhalten, hatte Birger gewarnt. Ohnehin wäre es besser zu warten, bis Morten und er vor Ort waren. Zuletzt und unabhängig von dem Einsatz in Kiel hatten sie sich darauf verständigt, eine Großfahndung nach Frank Westphal in Schleswig-Holstein auszurufen.
Als Nächstes hatte er mit einem Kollegen der Kripo Kiel gesprochen, um die Vorgehensweise und Verantwortlichkeiten abzusprechen. Birger hatte darum gebeten, die Ermittlungen leiten zu können, auch wenn sie sich auf Kieler Stadtgebiet befanden. Sie würden sich mit dem Einsatzleiter der örtlichen Polizeidirektion absprechen.
Sein Bekanntheitsgrad und die Erfahrung aus mehr als dreißig Jahren bei der Kripo kamen ihm in solchen Momenten zugute. Wohl kaum jemand wagte es, ihm zu widersprechen.
Zuletzt hatte er dann noch kurz mit dem Kieler Einsatzleiter telefoniert und abgesprochen, alle Kräfte möglichst unauffällig zu positionieren und gleichzeitig alle Zugangsstraßen und -wege in Richtung Bartelsallee zu sperren.
Als sie den Kieler Kollegen mitgeteilt hatten, dass es wohl zu einem Polizeieinsatz im Haus von Julia Stöver kommen konnte, hatten sie die entsprechende Adresse im Stadtteil Düsternbrook postwendend erhalten. Der Wohnsitz der Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein war, wie bei wahrscheinlich allen Kabinettsmitgliedern, natürlich polizeibekannt.
Weder Birger noch Morten hatten ein Bild der Politikerin vor Augen, obwohl sie bereits in der zweiten Legislaturperiode im Amt war. Birger hatte ihren Namen gegoogelt und Fotos einer stilvoll gekleideten Frau mit langen schwarzen Haaren und großen dunklen Augen gefunden. Es wunderte ihn, dass sie ihm noch nie aufgefallen war, aber die Landespolitik war nie etwas gewesen, für das er sich sonderlich interessiert hatte.
Mit achtundfünfzig war sie wahrscheinlich ein paar Jahre älter als Barbara Wendt, aber wäre er nicht in einem Onlinezeitungsartikel über ihr Alter gestolpert, hätte er sie wahrscheinlich zehn Jahre jünger geschätzt. Es war ein Bericht über ihren unermüdlichen Einsatz für sexuell missbrauchte Frauen.
»Wir müssen davon ausgehen, dass er es auf beide abgesehen hat«, unterbrach Morten seine Gedanken. »Zumindest wenn er seiner bisherigen Vorgehensweise treu bleibt.«
»Mit der Ausnahme Hauke Kröger«, sagte Birger nachdenklich. »Etwas, das ich noch nicht verstehe. Was kann der Grund dafür sein, dass er ihn am Leben gelassen hat? Weil er sein Leidensgenosse war? Ein enger Freund?«
»Davon gehe ich aus.«
»Aber weshalb tötet er dann seine Lebensgefährtin? Warum dieser Denkzettel, wie du es nanntest?«
Morten kam nicht mehr dazu, seine Vermutung näher zu erläutern, weil Birgers Handy klingelte. Es war Ole, auf dessen Anruf sie schon gewartet hatten.
»Na endlich, wo hast du denn gesteckt?«, meldete sich Birger genervter, als er eigentlich wollte. Er stellte die Lautsprecherfunktion ein, sodass Morten mithören konnte. »Hast du gehört, wovon wir ausgehen müssen?«
»Natürlich, ich bin mittlerweile selbst auf dem Weg nach Kiel.«
»Das ist gut«, sagte Birger. »Sag uns, wie du darüber denkst. Ist Julia Stöver das finale Ziel von Westphal? Weil sie seine leibliche Mutter ist?«
»Bachmann«, sagte Ole. »Jens Bachmann.«
»Bitte?«
»Es gibt keinen Frank Westphal«, erklärte Ole weiter. »Der Mann, den wir suchen, heißt Jens Bachmann. Er ist vierzig Jahre alt, ledig und seit Jahren arbeitslos. Allerdings hat er sich, wie wir von Morten schon wissen, bei der Freiwilligen Feuerwehr engagiert.« Er holte tief Luft, als wäre das, was er noch zu sagen hatte, besonders schwer verdaulich.
»Als kleines Baby wurde Bachmann ausgesetzt. An einem kalten Herbsttag hat ihn jemand – wahrscheinlich seine leibliche Mutter – vor dem Feuerwehrgebäude in Grömitz in einem Wäschekorb abgestellt, lose zugedeckt mit einer Wolldecke. Es folgten Jahre, in denen dieses Kind in verschiedenen Kinderheimen Ostholsteins untergebracht war. Zweimal auch in Pflegefamilien, aber jedes Mal hielt es nicht lange, und er musste wieder woandershin. 1990 kam er dann schließlich in den Ostseeblick.«
Mit gedämpfter Stimme fuhr Ole nach einer kurzen Pause fort. »Es war der Tag, an dem der Horror für ihn so richtig begann. Die Mutter von Hauke Kröger hat mir ja bereits davon berichtet, wie grauenhaft nicht nur die Bedingungen, sondern vor allem die Übergriffe durch die Angestellten gewesen sind. Ich befürchte aber, es war alles noch viel schlimmer. Jens Bachmann hat ein Martyrium durchlaufen, das in Worten nicht zu beschreiben ist. Er wurde fast täglich sexuell missbraucht oder psychisch an die Grenze des Erträglichen gebracht. Und wohl auch darüber hinaus. Eine systematische Zerstörung eines Kindes durch eine Handvoll Menschen. Wobei Bachmann natürlich nicht der Einzige war, der diese Qualen erleiden musste. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.«
»Klingt einfach unfassbar.« Birger musste tief durchatmen und versuchte, Oles Worte nicht zu tief einsickern zu lassen. Je älter er wurde, desto mehr belasteten ihn vor allem Verbrechen gegenüber Kindern.
»Mit achtzehn wurde er dann schließlich in die freie Welt entlassen, wo es allerdings auch nicht besser für ihn wurde. Soweit ich herausfinden konnte, hat er einige Jahre auf der Straße gelebt, bevor er irgendwann eine kleine Wohnung in Grömitz bezogen hat. Wie er sich finanziell über Wasser gehalten hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich über ein paar Aushilfsjobs. Aber er muss sich fortlaufend am Existenzminimum bewegt haben. Trotzdem ist er in all den Jahren kein einziges Mal polizeilich in Erscheinung getreten.«
»Nicht schlecht«, nutzte Morten die Chance dazwischenzugehen, als Ole kurz Luft holte. »Wie hast du es denn geschafft, in der Kürze der Zeit diese ganzen Informationen zu sammeln?«
»Es war einfacher, als es sich anhört«, antwortete Ole. »Ein paar Informationen habe ich von jemandem aus der Freiwilligen Feuerwehr in Grömitz bekommen. Aber das meiste stammt gewissermaßen aus erster Quelle. Kurz nachdem ihr losgefahren seid, hat sich das Klinikum gemeldet. Sie sagten, Hauke Kröger wäre wieder bei Bewusstsein und würde reden. Ich bin sofort hingefahren und habe mit ihm gesprochen.«
»Und er hat alles bereitwillig erzählt?«, fragte Morten überrascht. »Ich hatte das Gefühl, er hätte einen schweren Schock erlitten.«
»Es war durchaus schwierig«, sagte Ole. »Er musste immer wieder abbrechen und sich beruhigen. Das Personal war kurz davor, die Befragung abzubrechen, aber Kröger wollte unbedingt alles erzählen, was er wusste. Er und Bachmann waren damals im Heim offenbar eng befreundet. Sie waren wie Brüder, haben in der täglichen Hölle alles miteinander geteilt und sich gegenseitig Mut zugesprochen. Bis Kröger eines Tages mit fünfzehn zu einer Pflegefamilie nach Lübeck kam und Bachmann zurücklassen musste. Diese Familie, die ihn später adoptiert hat, war sein großes Glück, die besten und liebevollsten Eltern, die man sich vorstellen konnte. Er hat eine zweite Chance bekommen. Allerdings geschah das damals wohl so kurzfristig, dass Kröger sich nicht einmal von Bachmann verabschieden konnte. Etwas, das Kröger viele Jahre zu schaffen gemacht hat. Tatsächlich hat er ihn danach nie wieder gesehen.«
»Bis zum heutigen Tag«, sagte Birger leise.
»Bachmann hat Kröger ganz genau erzählt, dass er ihn eines Tages mitten in der Stadt entdeckt hat. Das muss wohl vor etwa zwei Jahren gewesen sein. Seitdem hätte Bachmann ihn immer wieder heimlich beobachtet und irgendwann dann seinen Racheplan geschmiedet. Bis er heute Abend plötzlich vor seiner Tür stand. Aber nicht allein, sondern mit Franziska Noack, Krögers Lebensgefährtin, die er zuvor offenbar irgendwo auf der Straße überwältigt hatte. Anschließend musste Kröger dann allerdings doch abbrechen, als ich ihn fragte, ob seine Freundin überhaupt eine Chance gehabt habe, am Leben zu bleiben.«
»Hat er irgendetwas zu dem Motiv von Bachmann gesagt?«, hakte Birger nach. »Weshalb wollte er sich an Kröger rächen, wenn die beiden sich damals im Heim doch so nahestanden?«
»Er hat ihm vorgeworfen, niemals versucht zu haben, ihn nach dieser Zeit im Ostseeblick aufzuspüren und sich für sein Leben zu interessieren. Er habe Bachmann vergessen und nie wieder auf diese Zeit zurückgeschaut. Kröger war den Tränen nah, als er zugab, dass es leider genauso war.«
»Aber Bachmann hat ihn am Leben gelassen«, sagte Morten. »Also stellt er etwas ganz Besonderes für ihn dar.«
Ole sagte nichts.
»Bist du noch dran?«, fragte Birger nach einigen Sekunden.
»Ja, Bachmann sieht in Kröger so etwas wie seinen Bruder im Geiste«, antwortete Ole schließlich. »Und das Verrückte ist, Kröger hat es wahrscheinlich die ganze Zeit geahnt.«
»Was meinst du?«
»Ich hatte mich schon bei ihm bedankt und verabschiedet, als er sich noch einmal räusperte und dem Pflegepersonal ein Zeichen gab, noch etwas Wichtiges sagen zu wollen.«
»Spann uns nicht auf die Folter!«
»Kröger seufzte und stöhnte zugleich, er suchte nach den richtigen Worten, bis sie dann plötzlich einfach über seine Lippen kamen. Kurz bevor sein Adoptivvater vor knapp einem Jahr starb, hat er ihm etwas verraten, das eigentlich niemand wissen durfte, schon gar nicht Kröger und Bachmann. Aber sein Vater hatte es irgendwie herausgefunden, wahrscheinlich schon damals, als sie Hauke aus dem Ostseeblick zu sich nach Hause geholt hatten.«
»Und was?«, drängte Birger.
»Er hatte mit Hilfe eines Privatdetektivs in Erfahrung gebracht, dass Hauke Kröger ein zweieiiger Zwilling ist und sein Bruder ebenfalls im Ostseeblick untergebracht war. Aber das war noch nicht alles, er kannte nämlich auch den Namen ihrer leiblichen Mutter. Julia Stöver.«
Birgers Blick verlor sich in den Lichtern entgegenkommender Autos, die die Gebäude rechts und links der B76 beleuchteten. Als wäre dieser Fall nicht schon grausam, tragisch und verworren genug, stellte sich nun auch noch heraus, dass der Täter und eines seines Opfer Zwillingsbrüder waren. Und ihre Mutter, die vor vierzig Jahren aus welchen Gründen auch immer ihre frisch geborenen Babys ausgesetzt hatte, war niemand Geringeres als die Familienministerin Schleswig-Holsteins. Die sich in diesem Moment mit hoher Wahrscheinlichkeit in tödlicher Gefahr befand.
Er schloss die Augen. Nicht nur, um von den Lichtern nicht länger geblendet zu werden. Er musste die Worte seines Sohnes erst einmal sacken lassen. Und so wie er es eben aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, ging es Morten ganz genauso.