New York Times
Fünf Wochen später
In Birgers Kopf huschten die Bilder früherer Jahre vorbei. Wie oft sie hier gesessen hatten. In den ersten Jahren mit Kalle Hansen, später auch mit Simon Winter. Einfach war es nie gewesen, denn meistens hatten ihre Treffen einen ernsten Hintergrund gehabt. Und manch ein Fall hatte hier in der alten Bierstube sogar eine entscheidende Wendung genommen.
Heute waren sie alle drei zusammen hier. Es war Hansen gewesen, der ihn letzte Woche angerufen und gefragt hatte, ob er Lust auf ein frisch gezapftes Bier im Buthmanns habe. So wie in alten Zeiten.
Eigentlich hatte ihn wenig an einem solchen Abend gereizt. Weder wollte er über die alten Zeiten sprechen, noch hielt er irgendetwas von den Ambitionen der beiden, wieder als Privatermittler aktiv zu werden. Nicht, weil er ihnen nicht zutraute, noch immer den richtigen Riecher zu haben, aber er war sich sicher, dass den beiden dieser Job nicht guttat, wie sie ja eigentlich auch schon selbst festgestellt hatten.
Der eine hatte gerade erst eine schwere Krebserkrankung überstanden und war dem Tode mit viel Glück noch einmal von der Schippe gesprungen, und der andere schleppte traumatische Erlebnisse aus der Kindheit mit sich herum, die Birger seinem schlimmsten Feind nicht wünschte. Noch dazu war Winter mittlerweile Vater eines Sohnes, und das auch noch ausgerechnet von Ida-Marie.
Das erste Herrengedeck gehe auf seinen Deckel, hatte Birger gönnerhaft mit einem Zwinkern gesagt. Sie müssten es ihm aber natürlich nicht gleichtun.
Hansen trank im Gegensatz zu früher alkoholfrei, schien aber kein Problem damit zu haben. Er war bekannt dafür gewesen, jeden unter den Tisch zu trinken, doch seine schwere Krankheit hatte seinen ungesunden Lebenswandel jäh gestoppt. Ein großes Glück im Unglück, in Anbetracht dessen, wie topfit er mittlerweile wieder aussah.
Auch Winter hatte als junger Erwachsener Alkoholprobleme gehabt, wusste Birger. Doch er hatte die Sache schon vor langer Zeit in den Griff bekommen. Und auch sonst verlief sein Leben aktuell offenbar in ruhigen Bahnen. Ida-Marie betonte immer wieder, wie froh sie sei, dass er endlich stabil sei. Wenn da nicht diese Treffen mit Hansen gewesen wären, die sie so beunruhigten.
»Mehr kriminalistisches Gespür auf einem Fleck kann es ja gar nicht geben«, sagte Hansen, nachdem sie endlich angestoßen hatten.
»Ich bin ehrlich gesagt froh, nur noch auf Abruf zur Verfügung zu stehen«, sagte Birger. »Die Sache letzten Monat hat mich noch einmal darin bestätigt, dass es die richtige Entscheidung war, mich langsam zurückzuziehen. War für alle im Team eine sehr heftige Ermittlung.«
»Mir kommt es vor, als hätte ich das schon Dutzende Male von dir gehört. Und jedes Mal wusste ich, dass genau das Gegenteil passiert. Dass du erst recht wieder mitmischst.« Hansen lachte. Es klang nicht mehr so laut und exzentrisch wie damals. Vielleicht, weil der Resonanzkörper nicht mehr derselbe war.
»Und was ist mit dir?«, fragte Birger. »Hattest du nicht endgültig damit abgeschlossen, dein Geld mit Kontakten und Informationen zu verdienen?« Er spürte sofort wieder, wie sehr Kalle Hansens Worte ihn herausforderten. So war es auf eine gewisse Weise schon immer gewesen.
»Du weißt also bereits Bescheid?«, fragte Hansen mit hochgezogener rechter Augenbraue.
»Ich hörte etwas in diese Richtung.«
Hansen warf Simon Winter einen vielsagenden Blick zu. Er hatte zweifelsohne Ida-Marie in Verdacht, Birger von ihren Plänen erzählt zu haben. Aber Winter zuckte nur mit den Schultern.
Auch er hatte sich optisch verändert. Nicht nur dass seine halblangen dunkelblonden Haare einem Kurzhaarschnitt gewichen waren, in seinem Gesicht zeichneten sich immer mehr Falten ab. Er musste mittlerweile vierundvierzig sein, hatte Birger kurz im Kopf überschlagen, aber es waren wohl vor allem die letzten Jahre und die verzweifelte Suche nach den Mördern seiner Eltern, die ihn hatten altern lassen.
»Wir wollen gar keinen Hehl daraus machen, dass wir eine Privatdetektei gründen wollen«, erklärte Kalle Hansen mit einem Sound in der Stimme, als wollte er eine große Rede halten. »Simon hat mich davon überzeugt, dass wir unsere Stärken zusammenbringen sollten, um Verbrechen aufzudecken, die gesellschaftlich von Relevanz sind.«
»Irgendwie habe ich noch immer meine Probleme mit diesem neuen Kalle Hansen«, sagte Birger. »Du redest, als hättest du eine Gehirnwäsche hinter dir.«
»Nur weil ich erkannt habe, dass es Verbrechen gibt, gegen die es sich lohnt zu kämpfen?«
»Das, was wir tun und wobei du mir früher so oft geholfen hast, lohnt sich etwa nicht?«
»Was ihr bei der Kripo macht, ist etwas anderes«, antwortete Kalle Hansen. »Wir wollen nicht mit euch konkurrieren.«
»Du musst dir das so vorstellen«, ergriff nun auch Winter das Wort, »uns interessieren nicht die alltäglichen Verbrechen. Keine Morde und zwischenmenschlichen Tragödien. Wir wissen natürlich, wie wichtig es ist, dass es Leute wie dich gibt, die sich tagtäglich für die Sicherheit der Menschen einsetzen. Aber mich haben schon immer größere Fragen und Herausforderungen angetrieben. Früher habe ich darauf gewartet, dass jemand kam und mich beauftragen wollte. Ich habe nur einen Bruchteil der Anfragen angenommen. Mir war es immer wichtig, dass ich mir meine Klienten sorgfältig aussuche. Aber erst in den letzten beiden Jahren habe ich gemerkt, dass mich eigentlich etwas ganz anderes antreibt.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob mich deine Worte nicht nur noch mehr verunsichern«, sagte Birger, während Simon Winter kurz absetzte und einen großen Schluck Bier trank.
»Unser Ziel ist es, die ganz großen Verbrechen dieser Zeit aufzudecken. Dafür brauchen wir nicht einmal einen Auftraggeber, die Medien werden uns die Storys aus den Händen reißen.« Winter winkte der Frau hinter der Theke und gab ihr ein Zeichen, eine weitere Runde zu bringen.
»Das klingt, wie soll ich sagen, sehr ambitioniert«, sagte Birger etwas süffisant. Er kannte Winter schon zu lange, um von seinem übergroßen Selbstbewusstsein überrascht zu sein. »Oder seid ihr etwa an den wahren Drahtziehern der Explosion der Ostseepipeline dran?«, schob er noch grinsend hinterher.
»Ob du es glaubst oder nicht, aber nächste Woche erscheinen wir in der New York Times.« Winter trank sein Glas leer, machte ein zufriedenes Geräusch und sah Birger herausfordernd an.
»Schaltet ihr eine Anzeige, oder was?«, fragte Birger provokant, aber auch leicht irritiert.
»Nein, wir sind hinter den wahrscheinlich größten Medikamentenskandal der letzten zwanzig Jahre in Europa gekommen. Mehr als ein Jahr haben wir recherchiert und mit unzähligen Menschen gesprochen. Kalle ist mehrfach quer durch den Kontinent gereist. Das wird eine Hammerstory, für die wir gut bezahlt wurden. Du weißt, dass mir Geld nicht viel bedeutet, aber wir haben jetzt ein vernünftiges Polster, mit dem wir noch größere Projekte in Angriff nehmen können. Und eines davon haben wir gerade in Planung. Eine Riesennummer.«
»Ihr wollt mich doch auf den Arm nehmen, oder? Kommt Ida-Marie gleich mit der versteckten Kamera zur Tür rein?« Birger blickte die beiden abwechselnd an. Er wartete darauf, dass sie laut losprusteten, aber die einzige Miene, die sie aufsetzten, war eine sehr von sich überzeugte.
»Neige ich denn zu Späßen?«, fragte Winter.
Das war in der Tat ein Punkt, dachte Birger. Winter war alles, nur nicht lustig. »Auf jeden Fall aber zu Übertreibung«, antwortete er.
»Nur weil du dir etwas nicht vorstellen kannst, ist es noch keine Übertreibung. Kalle hat anfangs auch so gedacht, bis er verstanden hat, dass wir etwas ganz Außergewöhnliches schaffen können. Wir wollen den ganz großen Schurken auf der Welt das Handwerk legen. Denjenigen, die sich sicher fühlen, weil sie so viel Macht besitzen und unantastbar zu sein meinen.«
»Eine Nummer kleiner geht es bei dir offenbar wirklich nicht.« Birger schüttelte den Kopf und lächelte dabei. »Aber ich wünsche euch natürlich viel Erfolg.«
»Ich glaube, du hast noch nicht ganz verstanden.« Hansen lehnte sich ein Stück vor, als wäre es jetzt an der Zeit, dass sie verschwörerisch ihre Köpfe zusammensteckten.
»Ihr sagt es mir bestimmt.«
»Passenderweise kommt gerade Nachschub zum Anstoßen«, sagte Winter. »Die Runde geht auf mich.«
Sie stießen an, und alle drei wischten sich fast gleichzeitig mit dem Handrücken den Mund ab.
»Und, was hältst du davon?«, fragte Winter schließlich.
»Wie gesagt, ich denke –«
»Das meine ich nicht«, unterbrach Winter ihn, ohne dass er überhaupt gehört hatte, was Birger sagen wollte.
»Sondern was?«
»Eigentlich ist deine Leitung doch gar nicht so lang.« Winter hob die Augenbrauen. »Was meinst du wohl, warum wir heute Abend zusammensitzen? Wir wollen von dir wissen, ob du ein Teil des Ganzen sein willst.«
Birger lachte. Einige Sekunden lang. Bis er verstummte, als er verstand, dass Winter und Hansen es tatsächlich ernst meinten.