22
Zusammen Zusammen
»
Meinst du nicht, wir haben die letzten Tage schon genug im Bett verbracht?«
Ich lache verzweifelt, weil ich nur in Boxershorts bin. Nachdem Mum und Robert eben endlich gefahren sind, habe ich gedacht, dass ich in Caps Zimmer auf ihn warte, weil er noch irgendwas zu erledigen hatte.
Er macht ein paar Schritte auf mich zu und küsst mich sanft. Bereits einen Augenblick später hat mein Körper vergessen, dass Cap eben noch was von Anziehen gesagt hat. Ich seufze auf, als er mit den Fingern über meinen Körper streicht. Doch viel zu schnell löst er sich von mir.
»Ich kümmere mich heute Abend darum«, murmelt er und zupft an meiner Boxershorts.
»Jetzt geh dich endlich anziehen. Ich warte draußen auf dich.«
Eine Viertelstunde später ziehe ich die Haustür hinter mir zu und schlendere über unseren Hof. Ich habe keine Ahnung, was Cap vorhat, aber als ich an der offenen Garage vorbeikomme, will ich am liebsten umkehren. Er steht neben
einem dunkelblauen Ungetüm, dem ich selten mehr als einen Blick zugeworfen habe, wenn ich mein Fahrrad aus der Garage geschoben habe. Mein Fahrrad, das ich immer noch nicht ersetzt habe.
»Niemals«, sage ich beim Anblick seines Motorrads, an dem zwei Helme baumeln. Sein Lächeln wird eine Spur zurückhaltender.
»Hör mir erst mal zu, Kurzer. Okay?«
»Du weißt genau, dass Dad bei einem Motorradunfall gestorben ist«, flüstere ich und blicke auf das Kopfsteinpflaster unter meinen Sneakers. Er kommt mir näher und greift nach meiner Hand.
»Hast du schon mal auf einem Motorrad gesessen?«, fragt er und ich schüttele den Kopf.
Nachdem was Dad passiert ist, werde ich das auch nicht.
»Ich habe gedacht, wir könnten Essen fahren. Nur wir zwei«, sagt er dann schief grinsend. Sein Blick ist weich und das Glitzern in seinen Augen herausfordernd. Ich schaue zurück zum Motorrad und schüttele leicht den Kopf.
»Dafür müssten wir aber etwas weiter fahren. Ich hätte Ruven oder Camille gefragt, allerdings werden wir bis heute Abend unterwegs sein und solange wollte ich ihre Autos nicht beanspruchen.« Der Ausdruck in seinem Gesicht ist liebevoll und aufmerksam. Aber das ändert auch nichts an der nackten Panik, die gerade durch meinen Körper schießt. Dem
Gefühl, das mir die Kehle verschließt und mein Herz so schnell schlagen lässt, dass ich gar nicht weiß, wohin mit all der Energie.
»Ich bringe es dir auch gerne bei. So sitzt du erst mal allein drauf und bekommst ein Gefühl dafür?«, bietet er mir an und streicht sich durch die Haare. Er hat sich so viele Gedanken gemacht, dass ich beinahe nicht ablehnen kann. Ich sollte aufhören, mich von meinen Ängsten ausbremsen zulassen. Aber wie kann ich ihm mein Leben in die Hände geben, wenn er mir
nicht einmal sein Herz anvertraut?
Ich schaue auf in seine blauen Augen, in denen so viel Zuneigung steckt. Von denen ich weiß, wie sie am Tag aussehen, und in der Nacht.
Wenn wir gemeinsam einsam sind.
Aber ich weiß nicht, wie sie aussehen, wenn wir gemeinsam zusammen sind. Zusammen zusammen
.
Auch wenn ich Angst habe. Ein richtiges Date mit ihm zu haben, ist eine verdammt gute Belohnung dafür, Mut zu beweisen.
»Ich würde nie zulassen, dass dir etwas passiert«, flüstert er.
Ich würde mich gerne ein Stück nach vorne beugen und meine Lippen mit seinen verschließen. Aber wir wohnen in einem Dorf, in dem auch tagsüber jederzeit jemand hinter den Vorhängen steht, um den neusten Klatsch und Tratsch mitzubekommen.
»Okay«, murmele ich. Sein Lächeln wird so breit, dass sich all meine Bedenken in Luft auflösen. Er greift nach meiner Hand und zieht mich mit sich. So plötzlich, dass ich beinahe über meine Füße gefallen wäre.
»Also, du musst die Jacke hier tragen.« Er hält eine unförmige, schwarze Jacke mit silbernen Reflektoren hoch.
Ich nehme sie entgegen und ziehe sie über. Natürlich ist sie mir zu groß. Er lächelt mich schief an. Der Anblick der Jacke, die mir bis zur Hälfte des Oberschenkels geht, ist wahrscheinlich albern.
»Möchtest du lieber erst allein drauf sitzen und ich zeige dir, wie man fährt?«
Ich schüttele panisch den Kopf. Da ich noch nie auf einem Motorrad gesessen habe, ist die Vorstellung, alles allein zu machen, noch beängstigender.
»Okay«, sagt er und wirft sich selbst eine Jacke über. Dann steuern wir die blaue Maschine an und er schwingt sich in einer eleganten Bewegung auf die schmale Sitzfläche. Mit der engen schwarzen Jacke, den blonden, verstrubbelten Haaren und dem Motorrad unter ihm, sieht er unfassbar heiß und ziemlich
gefährlich aus. Gefährlich für mein Herz. Ich räuspere mich.
»Okay, worin besteht meine Aufgabe?«
»Du setzt dich hinter mich und hältst dich gut fest.«
Ich lasse meinen Blick zu dem winzigen Platz gleiten, der noch für mich frei ist. Wie zur Hölle soll das funktionieren?
»Das passt schon. Du musst dich an mir festhalten. Wichtig ist, dass du dich mit in die Kurven legst. Den Rest mache ich.« Dann lächelt er mir aufmunternd zu. Ich schließe die Jacke und trete ein paar Schritte näher. Er gibt mir einen schwarzen Helm.
Nachdem der Verschluss geschlossen ist, greift er noch kurz nach seinem Handy und tippt irgendetwas. Dann stülpt er sich seinen Helm über und öffnet das Visier.
»Wenn etwas sein sollte, mach dich am besten irgendwie bemerkbar, zwick mich oder so. Ich werde aber ordentlich fahren, versprochen. Und jetzt setz dich, damit wir loskommen.«
Meinen rechten Fuß stelle ich auf die silberne Fußraste, so, wie Cap es mir vorhin erklärt hat. Dann drücke ich mich ab und setze mich dicht hinter ihn. Meine Hände ruhen auf meinen Oberschenkeln, bis Cap danach greift und sie sich um die Taille legt.
»Bereit?«, fragt er und ich schüttele den Kopf. Selbst seine Nähe beruhigt mich kaum, weil ich mir sehr wohl meiner Ängste bewusst bin.
Erst, als ich vorsichtig nicke, wendet er sich wieder nach vorne und nur eine Sekunde später zucke ich zusammen. Sein Motorrad ist so viel lauter, als ich es mir vorgestellt habe. Das Geräusch hallt von den Wänden der Garage wider und mein kompletter Körper zittert. Dieses Mal nicht nur vor Angst, sondern auch von der Vibration der Maschine unter uns.
Er rollt langsam aus der Garage. Dann schließt er das Tor mit der Fernbedienung, die er sich danach wieder in die Jackentasche steckt.
Meine Hände sind schweißnass, sodass ich Angst habe, den Halt zu verlieren. Wir stehen am Ende des Hofs und kein Auto ist mehr zu sehen. Er hebt seine Füße hoch und nur wenige schnelle Herzschläge später fahren wir los.
Das Dröhnen des Motors ist laut und gesellt sich zu dem Rauschen des Blutes, das in meinen Ohren widerhallt. Durch die dicke Schutzkleidung spüre ich leider kaum was von ihm, egal, wie nah ich an ihm sitze.
Das Fahren an sich fühlt sich komisch an und lässt sich kaum mit etwas vergleichen, das ich zuvor erlebt habe. Vielleicht ein bisschen so wie der Sprung von einem Drei-Meter Brett. Zumindest ist meine Angst die Gleiche, als wenn ich oben stehe, in das klare Wasser blicke und einen Schritt nach vorne mache. Nur, dass beim Motorradfahren der lähmende Moment die ganze Zeit anhält. Dass ich die ganze Zeit das mulmige Gefühl in meinem Bauch spüre und die Panik auf meiner Zunge schmecke.
Die ersten Kurven sind schlimm, weil ich nicht weiß, ob ich mich ausreichend in die Kurve lege. Zeitgleich muss ich aufpassen, dass ich meinen Mageninhalt nicht in den Helm entleere. Der nächste prägende Moment ist der, als wir das Ortsschild von Mariengraben hinter uns lassen. Ich habe mich gerade an die Geschwindigkeit gewöhnt, da macht das Motorrad einen Satz nach vorne und ich höre das Rauschen des Windes doppelt so laut.
Ich presse meinen Körper an Caps und hoffe einfach, dass es nicht mehr so lange dauert. Auch Minuten später habe ich mich immer noch nicht an das Gefühl gewöhnt. Vielleicht hatte Cap recht. Ich hätte es einfach mal selbst versuchen sollen, dann wüsste ich jetzt, wie es funktioniert und wie viel Kontrolle man als Fahrer hat. Jetzt muss ich mich auf ihn verlassen, ohne zu wissen, was er da überhaupt macht. Ich achte immer noch akribisch darauf, mich schon Meter vor der Kurve auf diese vorzubereiten, um ja nichts falsch zu machen.
Als wir auch den fünften Ort hinter uns gelassen haben, nimmt er seine linke Hand vom Lenker und legt sie auf meine. Leider trägt er Handschuhe.
Trotzdem löst seine Berührung genau das aus, was sie soll. Sie beruhigt mich. Sorgt dafür, dass mein Magen nicht mehr so angespannt ist. Dass ich mal durchatme und ein Gefühl für den Sommer um uns herum bekomme.
Ich drücke mich an ihn und konzentriere mich nur auf das Gefühl seiner Schenkel zwischen meinen. Seinem Körper unter meinen verschränkten Fingern. Erinnere mich an seinen Geruch. Und ganz langsam merke ich, wie meine Muskeln sich entspannen, wie meine Hände sich nicht mehr krampfhaft ineinander krallen. Wie die Gedanken an Dads Tod nicht mehr übermächtig sind. Die Welt fliegt an uns vorbei und Ich verstehe langsam, was ihm am Motorradfahren gefällt. Alles um uns herum verblasst und wird unwichtig. Nur wir beide zählen.
Es fühlt sich an wie schwerelos zu sein, obwohl wir immer noch Kontakt zur Erde haben.
Irgendwann fährt Cap von der Autobahn ab und ein paar Minuten später rollen wir auf den Hof eines Restaurants. Nachdem er geparkt und den Motor ausgemacht hat, spüre ich jeden meiner Knochen.
Er nimmt den Helm ab und fährt sich durch seine Haare. Ich mache es ihm nach. Mein Kopf summt und nimmt die Stille, die um uns herum herrscht, willkommen entgegen.
»Du musst als Erster absteigen«, sagt er und ich versuche meinen Körper von der Maschine zu trennen. Als ich das erste Mal wieder festen Boden unter den Füßen habe, surrt immer noch alles und ich rechne damit, dass ich den Halt verliere. Die ersten Schritte sind wackelig. Mein Hirn fühlt sich an wie in Watte gepackt. Mein Blick heftet weiterhin auf ihm und ich kann nicht glauben, dass wir das hier wirklich gemacht haben. Ich habe meine Angst überwunden und mein Leben in seine Hände
gelegt.
Erleichterung durchflutet mich. Wer hätte vor den Ferien gedacht, dass ich mich so weit aus meiner Komfortzone bewege? Dass sich mein Leben in wenigen Tagen so stark verändert, dass ich im Spiegel zweimal hinschauen muss, um mich in den glücklichen Gesichtszügen zu erkennen.
»Und? War gar nicht so schlimm, oder?«, fragt er und steigt von seinem Bike ab. Es sollte verboten werden, so heiß auszusehen.
»Schau mich nicht so an«, ergänzt er lachend. Ich schüttele nur grinsend den Kopf.
»Danke, dass du uns nicht umgebracht hast.«
»Danke, dass du mir vertraut hast.« Seine Augen sprühen vor Freude und wahrscheinlich ein bisschen wegen des ganzen Adrenalins, das auch durch seinen Körper geschossen sein muss.
Dann kommt er auf mich zu und greift nach meiner Hand. Er verschränkt unsere Finger miteinander und mir bleibt der nächste Atemzug im Hals stecken. Mein Herz, das sich gerade erst von dem ganzen Adrenalin erholt hat, schlägt plötzlich doppelt so schnell. Ich blicke sprachlos in seine Richtung.
Nur einen Augenblick später geht er einfach los, als wäre es das Normalste der Welt. Als würden wir täglich Händchen haltend durch die Welt spazieren. Als wäre alles andere egal. Dass er mich immer noch nicht vor seinen Freunden anfassen kann. Dass wir um die halbe Welt fahren mussten, damit er mir zeigen kann, wie viel ich ihm bedeute. Dass wir zwei Jungs sind. Stiefgeschwister.
»Ich hoffe, du magst Sushi und asiatisches Essen«, sagt er und dreht sich kurz zu mir.
Ich zucke nur mit den Schultern. »Habe ich noch nie probiert.« Ist mir doch egal, was es heute zu essen gibt. Hauptsache, er lässt meine Hand nicht mehr los.
Er hält kurz inne. »Dann wird das wohl eines von vielen ersten
Malen heute«, flüstert er anzüglich. In Sekundenschnelle breitet sich Hitze in meinem Gesicht aus und ich blicke verlegen zur Seite. Er hält immer noch meine Hand, als er mit dem Kellner am Empfang redet. Wir werden an unseren Tisch im hinteren Bereich des Restaurants geführt, der direkt vor einem Raumteiler steht und somit etwas abgelegener liegt. Ich entscheide mich für die Bank. Anstatt sich mir gegenüber zu setzen, lässt er sich direkt neben mir nieder. Ich kann mein Grinsen kaum zurückhalten.
Der Kellner reicht uns ein Tablet und zündet die Kerze in der Mitte des Tisches an. Dann erklärt er uns, dass wir zehn Gänge frei haben und pro Gang so viel bestellen dürfen, wie wir möchten. All das lässt sich mit dem Tablet steuern. Ich höre ihm nach wenigen Minuten schon nicht mehr zu, weil mir alles immer noch so unrealistisch vorkommt. Das Motorradfahren und dass ich mit Cap hier sitze. Einfach alles am heutigen Tag.
Irgendwann geht der Kellner und ich schaue immer noch sprachlos auf die Stelle, wo er gestanden hat.
»Alles gut bei dir?«, fragt Cap. Im Gegensatz zu heute Mittag ist er mir so nah, dass ich beinahe schmecken kann, was er sagt. Ich nicke stumm.
Was soll ich schon sagen? Dass ich mir wünsche, dass es immer so wäre? Dass ich mich langsam frage, woran es liegt, dass wir noch immer ein Geheimnis sind? Daran, dass ich ein Kerl bin? Dass unsere Eltern zusammen sind? Oder daran, dass er vorher noch keine Beziehung hatte?
Dann machte er etwas, womit ich nicht rechne. Er kommt mir noch näher. Sein Grinsen verschwindet, als sein Blick sich auf meine Lippen heftet. Einen Moment später liegt sein Mund auf meinem. Zart und süß. Und mitten in der Öffentlichkeit.
Nach nur wenigen Atemzügen ist der zauberhafte Moment vorbei.
Ich lehne mich zurück und schenke dem Restaurant einen
zweiten Blick, um das Flattern in meiner Brust zu beruhigen. Die Einrichtung ist dunkel und modern und obwohl viele der Sitznischen besetzt sind, ist es ruhig. Sanfte Musik kommt aus den Boxen.
Als die ersten Sushi-Rollen gebracht werden, greife ich nach den zwei Holzstäbchen, die vor mir liegen. Es ist nicht so, als hätte ich noch nicht in Filmen gesehen, wie sie von Leuten als Besteck benutzt werden, aber es sah schon beim Zugucken immer kompliziert aus.
»Mach es mir einfach nach«, kommt es von Cap und er nimmt die Stäbchen locker zwischen die Finger und greift nach dem ersten Sushi. Ich beobachte ihn noch einen Moment, werde aber abgelenkt von dem genüsslichen Stöhnen, das seine Lippen verlässt.
»Ist das dein Ernst?«, flüstere ich empört. Er hält sich die freie Hand vor den Mund und lacht mich wenig später aus.
Ich pikse ihn mit dem Stäbchen, was sein Lachen nur weiter steigert.
»Du musst das hinten so einklemmen …«, beginnt er und legt seine Finger um meine Hand.
»Siehst du, jetzt klappt es.« Das glaube ich nicht. Er schaut mir geduldig zu, während meine ersten Sushi-Rollen nicht eine Sekunde zwischen den Stäbchen bleiben. Währenddessen nimmt er sich immer eine und macht seufzende Geräusche, die mein Körper mit Sex assoziiert. Irgendwann ist meine Geduld am Ende und ich lege das Besteck zur Seite. Doch bevor ich mit den Fingern danach greifen kann, schwebt bereits eine Rolle vor meinen Lippen.
»Mund auf«, murmelt er und ich muss meinen Körper zur Ordnung rufen, bevor ich seiner Aufforderung nachkommen kann. Sushi ist kalt. Darüber habe ich bei der ganzen Hitze in meinem Körper nicht nachgedacht.
»Und?« Seine ehrliche Freude ist beinahe ansteckend, wenn
mir das Essen nur ansatzweise so gut schmecken würde wie ihm.
»Geht«, erwidere ich, als ich den kalten Klumpen aus Reis und Fisch runter gewürgt habe.
»Was?« Sein entrüsteter Gesichtsausdruck ist unbezahlbar. Unbezahlbar lustig. Ich lache, so offen und laut, dass er mir die Hand über den Mund legt. Der nächste Ton bleibt mir im Hals stecken. Unsere Stimmung wechselt so schnell von losgelöst zu sexuell, dass ich viel zu langsam realisiere, dass wir hier mitten in der Öffentlichkeit sind und ich gerade nichts gegen
die Lust in meinem Körper tun kann. Ich rutsche ein Stück zurück und er lässt die Hand in seinen Schoß fallen. Seine dunklen Augen kleben dabei immer noch an meinen.
»Essen.«
»Was?«, frage ich, weil ich nur gesehen habe, dass sich seine Lippen bewegen.
»Wir sollten essen.« Dann nimmt er noch eine Rolle, tunkt sie dieses Mal in eine Schüssel mit orangener Soße und hält sie mir vor den Mund. Jetzt weiß ich, worauf ich mich einlasse. Es ist ganz gut. Diese Soße schmeckt besser als die dunkle. Erst als wir im dritten Gang bei den vegetarischen Rollen angekommen sind, schmeckt es mir wirklich gut. Offenbar trifft das Sushi mit gewürztem Frischkäse und ein bisschen Rucola, ganz ohne Fisch, meinen Geschmack eher.
»Das war echt lecker«, gebe ich zu und Cap grinst, als hätte ich ihm damit einen Gefallen getan. Oder einen Wunsch erfüllt.
Meine Stäbchen bleiben die ganze Zeit über unberührt neben meinem Teller liegen, weil Cap mich füttert. Vielleicht ist auch das der Grund, dass ich Gefallen gefunden habe an der Reis-und-Algen-Kombination.
»Sag ich doch«, erwidert er und beugt sich dann zu mir, um mir einen Kuss zu geben. Er schmeckt nach Sushi. Nach Sommer. Nach Freiheit. Aber vor allem nach Caspar.
Bei den letzten Gängen bestellen wir uns Eis, weil wir beide
keinen Reis mehr schaffen.
»Und wirst du in Zukunft häufiger Sushi essen?«
Die Antwort ist einfach.
»Wenn du mitkommst, dann ja.«
Sein Lächeln wird eine Spur kleiner.
»Vielleicht können wir ja auch mal mit den anderen herkommen?«, wage ich mich noch weiter vor.
»Vielleicht.«
Danach widmet sich jeder seinem Nachtisch, bevor Cap dem Kellner Bescheid gibt, dass wir zahlen wollen. Ich will nicht. Lieber noch zehn weitere Gänge Sushi und ihn dafür ansehen und anfassen können, als nach Hause. Wo wir wieder nur in seinem oder meinem Zimmer sein können. Aber ich sage nichts.
Er zahlt. Und das erinnert mich daran, dass das hier ein Date ist. Mein erstes richtiges Date. Mein Magen fühlt sich kurzzeitig schwerelos an und nur die Tonne Reis schafft es, ihn an Ort und Stelle zu halten.
Ich hatte noch nie ein Date.
Wir verlassen das Restaurant, steuern aber nicht sofort sein Motorrad an, sondern machen noch einen kurzen Spaziergang durch eine Parkanlage hinter dem Japaner.
Dacre (19:22):
Du kannst dir nicht vorstellen, womit Cap mich überrascht hat.
Tilo (20:01):
Da hast du recht. Das kann ich mir nicht vorstellen.
Dacre (20:15):
O Mann, Tilo.
Tilo (20:17):
Okay okay.
Was hat er gemacht?
Dacre (20:30):
Wir sind Motorrad gefahren und er hat mich zum Sushi essen eingeladen. Mein erstes Date.
Dacre (20:45):
Ich saß auf einem Motorrad.
Dacre (20:55):
Tilo?