Die Qual der tausend Federn

Valerie Morel

Der Sand war besonders fein und weiß, fast wie Mehl, herrlich warm, gerade eben nicht zu heiß. Erich genoss ihn, er suhlte sich in ihm wie ein Nilpferd im Schlamm. Eine feine Brise strich durch die Palmen und ließ die Wedel rascheln, was melodisch klang, wie Musik in seinen Ohren.

Erich blinzelte der Sonne entgegen. Auf dem Meer tanzten unzählige winzige Lichtsternchen. Nie war ein Urlaubstag so schön gewesen wie heute, alles war perfekt, so perfekt, dass man es gar nicht glauben mochte. Weiße Dampfer bewegten sich gemächlich den Horizont entlang und Möwen kreischten.

Ob man jene kleine Insel dort in der Ferne sehen konnte oder nicht, hing vom Stand der Sonne ab. Heute war sie gut zu erkennen, fast gänzlich scharf in ihren Umrissen. Kleine Mädchen kitzelten Erich mit Palmwedeln und rannten kichernd davon. Wellen brachen sich am Ufer und kalte Tröpfchen, wie ein Schauer, ergossen sich angenehm wohltuend über seinen erhitzten Körper. Erich erhob sich, er watete in die Wellen, um sich abzukühlen, und dann schwamm er. Warum war er früher nie auf die Idee gekommen zu dieser Insel zu schwimmen? Offiziell war das verboten, wegen angeblich gefährlicher Strömungen. Das Lachen der kleinen Mädchen am Ufer verklang und ihre Palmwedel wurden in der Ferne kleiner und kleiner. Wie angenehm war jenes Gefühl scherzhaften, spielerischen Kitzelns gewesen, er spürte es noch immer im ganzen Körper, die Wellen, welche mit ihm spielten, ihn auf und ab trugen, unterstrichen es.

Ein Schiff glitt lautlos an ihm vorüber, auf seinem Deck sonnte sich bäuchlings eine Frau, ein Mann schlich sich lautlos an sie heran und kitzelte sie, die Frau lachte und kreischte, und während das Schiff sich entfernte, verwandelten sich ihre Laute in zunehmend lustvolles Stöhnen.

Erich schwebte wie von selber auf die vor seinen Augen größer und größer werdende Insel zu. Nebel lag auf einmal über ihr und verschleierte ihre Details vor seinen Blicken. Weit weg war der Strand, wo er eben noch gewesen war, eine gelbliche Linie mit bunten Punkten am Horizont.

Eine Metallleiter mit Noppen führte den steilen Felsen empor, eine ganz selbstverständliche Einladung ohne Worte. Erich kletterte und kletterte und kletterte, er hatte Angst nach unten zu schauen, denn das Meer lag tief, tief unter ihm, und die warmen Strahlen der Nachmittagssonne stachen ihm in den Nacken wie glühende Nadeln.

Mit weichen Knien erreichte er die kühle Plattform. Gedämpfte Musik drang an sein Ohr; das Gebäude, welches die Insel nahezu vollständig bedeckte, war von seiner Form her einem Ufo nicht unähnlich. Überall Türen mit Bastvorhängen – man brauchte nur mit beiden Händen die geflochtenen, baumelnden Schnüre zu zerteilen und einzutreten.

Wie schön war das alles! Erich bereute es keine Sekunde, herübergeschwommen zu sein. Der Duft exotischer Blumen umhüllte ihn wie eine Wolke – man gewöhnte sich nicht an ihn, was er merkwürdig fand, er begleitete einen weiter und weiter und weiter ohne sich abzuschwächen, ohne seine Identität oder Eigenschaften zu ändern.

In einem Häuschen hinter einer Glasscheibe saß eine Frau – Erich fürchtete, sie würde Eintritt von ihm verlangen oder gar seinen Personalausweis sehen wollen, doch sie lächelte ihm nur zu und ließ ihn kommentarlos passieren. Erich ging durch eine Drehtür. Die Tür knarrte und knackte und rastete hinter ihm ein. Als Erich sich umschaute, sah er, dass die Frau in Wirklichkeit nur eine mechanische Sexpuppe aus Gummi war, sie lachte mit ihrer künstlichen Stimme und hielt grellbunt eingefärbte Palmwedel in den Händen.

„Oh, wie das kitzelt“, jaulte die monotone Stimme geisterhaft hinter ihm her, „oh, was bin ich kitzelig …“ Je weiter er sich von ihr entfernte, desto aufdringlicher schien ihr bizarres Gehabe zu werden. Schrill, dreist und hemmungslos verfolgte ihn das obszöne Kunstlachen.

Auf einer Empore sah Erich einen großen, hohen Käfig mit langen, schwarzen Gitterstangen. Er vermutete Tiger oder Panther in seinem Inneren und brauchte Zeit, sein Auge an die gegebenen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Im Käfig hing an ein Kreuz gefesselt eine große, schlanke Frau, dem Betrachter den Rücken zuwendend. Der Mann, der hinter ihr stand, machte den Eindruck, als würde er sie martern, doch hielt er kein in dem Sinne furchterregendes Werkzeug in seinen Händen, nein, eine riesige Feder von einem gigantischen, überdimensionalem Pfau, und die schillernden, bunten Augen der Feder schienen zu zwinkern und zu lachen vor Lust und vor Belustigung. Die Feder war ebenso groß wie die Frau, sie überstrich in einem rhythmischen Tanz den Körper der lüstern Wehrlosen und die Gekitzelte wand und wand und wand sich in hilflosestem Gelache und Gekreische.

„Oh, was bin ich kitzelig …“ Die kalte, monotone Stimme der Gummidame verfolgte Erich wie die endlosen Belehrungen einer Exkursionsleiterin. In welchem bizarren Zirkus war er hier bloß gelandet? Keine Zeit Gedanken zu verschwenden. Die schweren Düfte und bizarren Laute ließen ihn an einen Dschungel des Kitzelns denken und zogen ihn tief und tiefer in ihren Bann.

Auf einem Schwebebalken lag, durch unzählige Seile fixiert, bäuchlings die hoffnungslos in ihrer Lust Gefangene und Ergebene. Ihr gespreizter Hintern, aus der gegebenen Perspektive unnatürlich riesig wirkend, ragte dem Betrachter entgegen. Ein gefiedertes Windrad rotierte; die Federspitzen strichen durch die bloße, ausrasierte Spalte – jedes winzige Fältchen des Anus konnte man sehen, die Schamlippen, welche ein wenig auseinanderklafften.

„Oh, was bin ich kitzelig …“ Mystische Maskenköpfe traten zu ihr, dünne Gestalten, fremdartig schimmernd wie Außerirdische, die Beine ihres Opfers ergreifend, die Fußsohlen fixierend. Das gefiederte Windrad rasselte dabei wie riesige Insektenflügel. „Oh, was bin ich kitzelig …“

Erich war inzwischen von Mitgefühl und vor allem von Mitempfinden so sehr gepackt, dass er es kaum noch aushielt vor Erregung. Der pralle, kitzelgemarterte Riesenhintern kreiste verzweifelt im Kitzelreigen, es war ein Entkommenwollen und eine Lustdusche zugleich. Irgendetwas streifte Erich plötzlich und drängte ihn weiter. Ein Luftzug, ein Federstreich? Erich hatte keine Macht über sich, er wurde einfach mitgerissen vom Lauf der Geschehnisse, wohin auch immer sie ihn führen mochten.

Auf einem extrem hohen Tisch tanzte die Frau, welche vorhin ans Kreuz gefesselt gewesen war. Es war dieselbe Frau, ja, Erich erkannte sie augenblicklich wieder, an ihrer Größe und Schlankheit, an ihrer vornehmen Blässe und an ihrem langen, vollen, dunklen Haar, welches um ihre Schultern und auf ihren Rücken fiel, und Erich stellte sich vor, wie es auf ihrer bloßen Haut kitzelte. Irgendwie kannte er die Schöne und konnte sie doch nicht zuordnen. Wenn sie sich versonnen um ihre Achse drehte, flog ihr Haar wie ein Glockenrock.

„Halt an!“ Schneidend durchschnitt die eiskalte Stimme die Zeit. Die Frau vom Eingang war wieder da und jetzt auf einmal war sie wieder lebendig, aus Fleisch und Blut und keine Sexpuppe. Die Befehlende sprang mit einem Satz auf die Bühne; den Körper der Zuchtmeisterin kleideten lediglich ein Gummistring und seltsame Ringe, welche ihre Brüste lang und spitz wie Pfeile oder wie Milchflaschen wirken ließen. Die Tänzerin erstarrte und schien ihrerseits zur Puppe zu werden. Die Zuchtmeisterin steckte ihr das Haar zu einem hohen Dutt auf, was die Ergebene noch nackter wirken ließ. Gummiseile wurden von ihren Händen zu ihren Füßen geknüpft – die Lüsterne konnte nur langsam, geisterhaft langsam tanzen, war arg eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit, der Tisch, auf welchem sie sich befand, war nicht einmal groß von der Fläche her, viel, viel kleiner, als er Erich ursprünglich erschienen war. Rundherum standen, auch das erkannte Erich erst jetzt auf einmal, lauter greise, lüsterne Gnome. Knorrige Hände streckten sich nach der Schönen aus, aus wässrigen, geröteten, geäderten Glotzaugen lugte die pure sexuelle Gier. Der heiße, kollektive Atem roch wie der faulige, schwarz-rosane, weit aufgesperrte Rachen eines gähnenden Raubtieres.

„Tanz!“, befahl die Zuchtmeisterin und eine Peitsche knallte lautstark und wedelte Staub auf. Die Inszenierung, langsam und wie in Zeitlupe, kam Erich vor wie ein personifizierter Fieberwahn. Die Gnomgreise hielten an Penisgriffen endlose, unüberschaubar weit verzweigte Kitzelfedern, von denen Lichtreflexe ausgingen und sich in Form winziger Sternchen abzulösen schienen. Lichtreflexe wie auf der Meeresoberfläche, und es duftete noch immer verführerisch-exotisch, nach Blumen, nach Frau und nach Sex.

„Tanz!“, befahl die Zuchtmeisterin und ihre Stimme klang eine winzige Spur wärmer. „Bück dich!“

Der gespreizte Hintern der Lustgepeinigten befand sich nun unmittelbar vor Erichs Nase, so nahe, dass er eben diese in ihre feucht schillernde Rosette hätte stoßen können. Nebenbei registrierte Erich, dass er nackt war, seine Badehose entweder verloren oder aber vergessen hatte, sie überhaupt anzuziehen. Seine stahlharte Erektion raubte ihm die Beherrschung. Schweiß brach ihm aus und er zitterte am ganzen Körper, er war nicht mehr er selbst, er war nur noch ein Zeigefinger, welcher nach vorne stieß, auf die Kitzellustspalte zu, um ganz vorsichtig dort entlangzufahren.

„Oh, was bin kitzelig“, stöhnte die gekitzelte Tänzerin.

„Seht her, ein Lüstling!“ Die Stimme der Zuchtmeisterin, nun härter und strenger als je zuvor, knallte lauter als vorhin ihre Peitsche; die greisen Gnome, nach Schweiß und Sperma riechend, stoben synchron auseinander, die Kitzelwerkzeuge zu Boden fallen lassend. Die Gummibänder flitschten vom Körper der Tänzerin.

Nun war es auf einmal Erich, der auf der Bühne stand, alleine, und alle anderen gafften ihn an. Lautlos und kraftlos, wie vom Schlag getroffen, sank er in sich zusammen, bei vollem Bewusstsein und unendlich gesteigerter Empfindungsfähigkeit gelähmt und wehrlos am Boden liegen bleibend.

„Oh, was bin ich kitzelig“, dachte er, er wollte es herausschreien, doch das konnte er nicht, alles versagte ihm, auch die Stimme.

„Ein Kitzelfetischist, ein Voyeur!“ Die Zuchtmeisterin hatte sich in furchterregender Größe über ihm aufgebaut, so böse und erzürnt, wie ihr Gesicht aussah, so lieblich und sanftmütig lächelte die Tänzerin, doch war gerade Letztere es, welche die Federn der Gnome an sich nahm, sich mit ihnen zu schmücken, auf dass sie zu einem wahrhaftigen Vogelmenschen wurde, um zu ihm zu treten, sich zu ihm niederzubeugen und alles raschelte hauchzart und alles kitzelte, oh, wie das kitzelte, es war so furchtbar, dass er …

„Erich?“

Die Stimme drang aus einer anderen Wirklichkeit zu ihm vor, und es schoss gleißend-hell-schmerzvoll in seine Augen. Erich blinzelte. Die Nachttischlampe neben Heidi nahm allmählich Gestalt an. Die Tapete, die Urlaubskoffer auf dem Spiegelschrank.

„Heidi?“ Seine Frau war über ihm und plötzlich begriff er, dass er geträumt hatte, alles war nur geträumt gewesen, nein, nicht alles, die Tänzerin war Heidi gewesen, seine Frau, das begriff er, und er wusste nicht, ob er enttäuscht oder entzückt sein sollte.

„Entschuldige“, flüsterte sie; aus ihrer Stimme klang unüberhörbare Erregung, „ich habe sowas Geiles geträumt, ich habe geträumt, ich sei Tänzerin auf einer Insel und ich hatte den Auftrag, ein männliches Opfer in die Falle zu locken, um es dann in den Wahnsinn zu kitzeln. Es war alles ganz seltsam, total geil, doch bin ich urplötzlich aufgewacht, gerade als es am schönsten war.“

Erich sah seine Frau an. „Hol unseren Utensilienkoffer“, flüsterte er, im Geiste noch die Stimme der Zuchtmeisterin vernehmend, und Heidi und er waren mit einem Schlag hellwach.

Allein das Klappern der Spreizstangen erregte Erich unbeschreiblich. Er reagierte wie konditioniert auf diesen Reiz, geschweige denn auf jenen der ledernen Fesseln, welche sich mit charakteristischem Geräusch und Duft um seine Hand- und Fußgelenke schlossen.

Heidi beherrschte die atemberaubend-aufreizende Kunst, sich innerhalb weniger Minuten in eine monströs gefiederte, lustpralle Kitzelhexe zu verwandeln. Jene Heidi der nächtlichen Wirklichkeit war ungleich geiler, um Zehnerpotenzen geiler als die Tänzerin seiner Träume. Lüstern tanzte sie, geschmeidig wie eine Bauchtänzerin, nichts anderes konnte er tun als zuzusehen, sich in Erwartung des Kommenden zu winden und zu weiden auf dass die Gestelle klapperten und ächzten. Aus den Augenwinkeln heraus sah er sein riesiges erigiertes Glied, welches wie elektrisiert zitterte.

Alles in ihm zitterte, denn, das wusste er aus langer Erfahrung, Heidi war nicht mehr dieselbe, sobald sie dieses Vogelkostüm trug. Sie war in ihrem Gefieder wild und urtümlich, ein Kitzeltier, ein wahres Kitzelungeheuer, bestückt jedoch mit sämtlichen Verlockungen der Menschenfrau. Erich selbst war ein Kriecher, noch nicht einmal das – um kriechen zu können, hätte sie ihm auf die Beine helfen müssen.

Von allen Seiten drang der Kitzel der tanzenden Vogelfrau in ihn, welche breitbeinig auf seinen Spreizstangen stand, seine Wehrlosigkeit auskostend, nicht weniger als er selber. Es war die perfekte Fortsetzung ihrer beider Traums in der nächtlichen, schwarzen Wirklichkeit.

Die Unerträglichkeit der tausend Federn ließ ihn sich winden, sich aufbäumen, so sehr, dass seine Stangen ächzten und die erbarmungslose Peinigerin dann und wann sogar ein wenig in die Höhe hoben. Das herrlichscheußliche Gefühl hoffnungsloser Unterlegenheit unterstrich die unerträgliche Leichtigkeit seiner Ganzkörperpein. Der große Kitzelvogel über ihm tanzte ekstatisch wie auf glühenden Kohlen und lachte aus vollem Halse, lachte und lachte, auf dass ihrer beider Lachen nicht mehr voneinander zu unterscheiden war und die Stille der Nacht wie ein Schwert durchschnitt.

Im Geiste sah Erich die Gnome seiner Träume, sie lachten mit ihm, mit Heidi, er sah ihre unzähligen riesigen Glieder, größer als die Zwerge selbst, sie masturbierten und ächzten und waren so geil, wie sie seltsam und klein waren.

„Oh, was bin ich kitzelig …“

Er konnte nicht sagen, ob es nun Heidi gewesen war, die diesen Satz ausgesprochen hatte, oder er oder der reine Kitzelwahnsinn, welcher längst von ihm Besitz ergriffen hatte.

„Oh, was bin ich kitzelig …“

Sein Körper zuckte, wie es ihm vorkam, im letzten Hauch seiner Lebenskraft, bäumte sich auf, auf dass die Kitzelpeinigerin auf ihn niederfiel, um sich mit ihm im Gipfel der Geilheit zu vereinigen.