Das mystische Buch …

Allegra Deville

„Es ist die wichtigste Aufgabe eines Sklaven, seiner Domina als Dank für die Erziehung jeden erdenklichen sexuellen Lustgenuss zu schenken.“ Als ich diese Worte las, war ich völlig fasziniert davon. Es war der Anfangssatz eines alten Buches, das ich beim Spazierengehen in einer Plastiktüte gefunden hatte. Das Buch lag einfach auf einer Parkbank und als ich die Tüte öffnete, war ich sofort von dem edlen Einband begeistert: dunkelroter Samt, auf den mit goldenen Lettern die Worte „Geheimnisse der Lusterziehung“ geprägt waren.

Ich hatte es einmal schnell durchgeblättert – es hatte rund 250 Text-Seiten und war zusätzlich mit zahlreichen äußerst anregenden Zeichnungen versehen – und es dann einfach mitgenommen, denn es war niemand weit und breit zu sehen, der es vermisste.

Und bevor es vom Regen völlig durchnässt war – ein Gewitter zog heran –, wollte ich es vor dem Untergang retten. Schließlich liebte ich Bücher, erst recht wenn es ein so besonderes war wie dieses!

Schon äußerlich hob es sich durch seine edle Verarbeitung von anderen Druckwerken ab, die einzelnen Seiten waren aus teurem, pergamentartigem Papier und auch der Inhalt selbst ließ ja wohl auf einige Besonderheiten hoffen! Ich konnte es gar nicht abwarten, mein „mystisches“ Buch nach Hause zu tragen. Ja, so hatte ich es insgeheim benannt. Für mich hatte es etwas Geheimnisvolles, Schicksalhaftes, dem Werk einfach so auf einer Parkbank liegend begegnet zu sein. Denn merkwürdigerweise hatte ich mich für dieses bizarre Erotik-Thema schon immer interessiert – aber mich irgendwie nie so richtig getraut, diese besondere Ader in mir weiter zu verfolgen. Aber nun war es endlich so weit …

Zu Hause angekommen, zog ich mir die regennassen Klamotten aus und machte es mir vor dem kleinen Kamin bequem. Ich platzierte meinen gemütlichen Ohrensessel genau so, dass der Schein des Feuers mir genug Licht zum Lesen gab, goss mir ein Glas Rotwein ein und schlug das Buch auf.

„Wer auch immer dieses Buch lesen mag, es möge ihm die Türen zu völlig neuen bizarr-erotischen Erfahrungen öffnen“ stand dort handgeschrieben auf der ersten Seite. Ich hatte diesen hoffnungsvollen Spruch vorher beim schnellen Durchblättern noch gar nicht gesehen. Das war spannend! Wer hatte diesen Spruch wohl wann dort hineingeschrieben und für wen war er gedacht gewesen? Mich faszinierte das Buch immer mehr. Ich blätterte weiter, hatte keine Geduld langsam zu lesen, sondern pickte mir immer wieder bestimmte Stellen heraus.

„Als Ausdruck der Versklavung ist der devote Handkuss des Sklaven an seine Herrin absolute Pflicht!“, las ich und meine Fantasie begann zu arbeiten. Ich sah mich, in ein heißes Lederdress gehüllt, ein Halsband samt Leine umgeschlungen, auf allen vieren vor meiner schönen, edlen Domina sitzen und ihre Hand ganz sanft mit einem Handkuss berühren. In diesem Moment spürte ich, dass Dienen meine höchste Aufgabe war …

Mit zitternden Fingern blätterte ich weiter.

„Nur tiefste Erniedrigung schenkt höchsten Lustgenuss! Durch die Kombination aus Demütigung und Zärtlichkeit erfährt der Sklave eine einzigartige Befriedigung. Wenn seine Herrin es wünscht, kann sie ihm Lust durch Züchtigung schenken.“

Unruhig rutschte ich in meinem Ohrensesel hin und her. Der flackernde Schein des Feuers tauchte den Raum in eine eigenartige Atmosphäre. Meine Fantasie spielte jetzt verrückt, dieses mystische Buch erregte mich!

Wie wäre das wohl, einer Domina den totalen Gehorsam zu schwören, ihr vollkommen ausgeliefert zu sein, mich von dieser geheimnisvollen Frau züchtigen zu lassen, ihr meine Lustempfindungen vollkommen zu überlassen und mich von ihr bis zur Selbstaufgabe in die Welt der bizarren Gefühle entführen zu lassen? Ich spürte Lust, aber auch Angst vor dem Unbekannten, das mich dort erwarten würde. Welche sexuellen Erfahrungen erwarteten mich dort, was würde ich erleben?

Hingabe.

Ergebenheit.

Schmerz.

Demut.

Erniedrigung.

Gehorsam.

Qual.

Bestrafung.

Erziehung.

Gnade.

Ekstase …

All diese Worte wirbelten in meinem Kopf durcheinander und erst jetzt bemerkte ich, dass ich mir wie in Trance meine Hose geöffnet hatte. Dieses Buch schien eine eigentümliche Macht über mich zu haben, schien meine Gedanken und mein Handeln beeinflussen zu können und mich zu lenken! Schnell schlug ich es zu und legte es beiseite. Mein Herz raste.

Ich zündete mir eine Zigarette an und starrte ins Feuer. Langsam beruhigte ich mich und die Vernunft gewann wieder die Oberhand. So ein Unsinn! Wie sollte mich dieses Buch beeinflussen oder gar lenken können? Schließlich war es nur ein Buch! Wie konnten Worte eine solche Macht über mich ausüben? Ich konnte es mir nicht erklären. Irgendwie musste ich mich da etwas zu sehr hineingesteigert haben, sagte ich mir. Nachdem ich zu Ende geraucht hatte, nahm ich mir vor, das Ganze jetzt etwas realistischer und sachlicher zu sehen. Ich griff wieder nach dem „mystischen“ Buch und schlug es auf irgendeiner beliebigen Seite auf.

„Die Sklaven-Musterung“ stand dort als Überschrift. Das interessierte mich und ich las weiter: „Die Herrin empfängt ihren potenziellen neuen Sklaven im perfekten Domina-Outfit: extrem hochhackige, spitze schwarze Lackstiefel, die ihr bis zu den Oberschenkeln reichen, hautenge, schwarze Lackkorsage (ouvert), an den üppigen Brüsten geschnürt, lange Lederhandschuhe, die Haare streng zurückgekämmt, die Augen stark geschminkt, blutroter Lippenstift, eine kurze, lederne Reitgerte in der Hand. Sie steht breitbeinig vor ihm und sieht ihn an. Der Sklave muss den Blick demütig gesenkt halten und warten, bis die Herrin ihn auffordert etwas zu tun oder zu sagen.

Sie befiehlt ihrer Zofe – einer kleineren, jungen, zart gebauten Frau, bekleidet mit weißen Rüschen-Dessous und einer schwarzen Schürze, Strapsen und hochhackigen Pumps –, den Sklaven in ein Nebenzimmer zu führen und ihm dort entsprechende Sklaven-Dessous zum Anziehen zu geben.“

Ich konnte einfach nicht anders, schon wieder begann meine Fantasie zu arbeiten. Ich sah die Szene ganz genau vor mir, sah die wundervoll strenge Domina in ihrem geilen Dress, die süße Zofe, wie sie den Sklaven in den Nebenraum führte und ihm ein ledernes, mit Ketten verbundenes Herrendessous gab.

Er zog sich in meiner Fantasie aus und schlüpfte in das bizarre „Sklavengeschirr“, stieg mit den Beinen hinein, spürte die kalten Stahlringe auf der Haut, die die einzelnen Teile des Dessous kettenartig verbanden. Das Leder umspannte auch sein Geschlecht.

Ich las weiter, wie in Trance: „Die Zofe führt den Sklaven nun zum Hauptteil der Musterung. Sie betreten einen großen Raum. Der Sklave wird zu einer Streckbank geführt, muss sich darauflegen und wird an Armen und Beinen fixiert. Nun kommt die Domina dazu. Sie setzt sich neben den Sklaven auf einen hohen Lederstuhl und fragt ihn: ‘Sklave, bis du zur absoluten Demut bereit?’

Mit pochendem Herzen schaut der Sklave seine Herrin an und noch bevor er antworten kann, unterbricht sie ihn, indem sie ihre behandschuhte Hand hebt und ihn streng ansieht: ‘Halt. Was sehe ich da? Gleich die erste Verfehlung! Du hast mich nur dann anzusehen, wenn ich es dir erlaube. Ansonsten hältst du den Blick gesenkt, wie es sich für einen Sklaven gehört!’

Sofort senkt er den Blick und stammelt: ‘Ja, meine Domina, ich weiß, ich bin nur so aufgeregt, deshalb habe ich diesen Fehler begangen – bitte verzeih mir!’

Die Domina lacht höhnisch und sagt: ‘Ja, vielleicht werde ich dir verzeihen – aber jede Verfehlung erfordert eine Strafe, denn dazu bist du hier: um zu einem perfekten Sklaven erzogen zu werden!’

Der Sklave schweigt mit geschlossenen Augen. Die Zeichen seiner körperlichen Erregung sind nicht mehr zu übersehen …

Die Domina zündet sich eine Zigarette an und nimmt genüsslich eine Zug. Im Raum ist es ganz still. Die Zofe steht geduldig einige Schritte entfernt da und wartet.

Nach einigen Zügen beugt sich die strenge Domina über ihren Sklaven und positioniert die Hand mit der glimmenden Zigarette über seinem Brustkorb. Er kann nun die Körperwärme und den Duft dieser dominanten Lady spüren und das jagt ihm heiße Lustwellen durch den Körper.

Sie bewegt nun ganz langsam die Hand mit der Zigarette hinab zu seiner linken Brustwarze. Ein Schrei durchbricht die Stille …“

Es war, als könnte ich diesen Schrei tatsächlich hören! Ich zitterte am ganzen Körper, mein Herz raste und erst jetzt sah ich, dass ich die mich ganze Zeit, während ich las, selbst verwöhnt hatte. Schweißperlen standen auf meiner Stirn und da erkannte ich es plötzlich – der Sklave in meiner Fantasie war ICH! Ich war es, der dort auf der Streckbank lag, von der Domina „gefoltert“ wurde – und vor Lust schrie! Noch nie zuvor hatte ich diese unbeschreibliche Art von Begierde erlebt.

Genau diesem Moment klingelte das Telefon und ich schreckte zusammen. Ich griff zum Hörer, der genau neben meinem Stuhl auf einem kleinen Tisch lag, das Feuer im Kamin schien in diesem Moment besonders stark aufzuflackern, ich nannte meinen Namen und dann hörte ich die Worte, die mein ganzes Leben verändern sollten: „Sklave, wenn dir das Buch gefällt, dann erwarte ich dich pünktlich in einer Stunde hier bei mir. Ein Wagen wird dich in einer halben Stunde vor deinem Haus abholen.“

Ich legte den Hörer beiseite, schloss die Augen und ergab mich diesem überwältigenden Gefühl der vollkommenden Hingabe und Demut …