Früchte der Trägheit

Kainas Centmy

Die drangvolle Enge nahm ihr fast den Atem. Die stickige Luft, die Hitze, die von den Körpern ausgedünsteten Schwaden von Schweiß und billigen Deodorants – sie bereute, nicht wie sonst auch das Rad genommen zu haben, sondern sich vom Regen in die Straßenbahn hatte treiben lassen. Es war ihre Müdigkeit gewesen, diese dumpfe Abgeschlagenheit nach der kurzen Nacht, diesem traumlos-schweren Schlaf, aus dem sie viel zu früh und abrupt herausgerissen worden war. Harte, grobe Technorhythmen hatte sich in ihr ausgeschaltetes Bewusstsein gehämmert und sie verfluchte sich, dass sie noch immer keinen anderen Sender als Weckruf einprogrammiert hatte. Sie nahm sich vor, am Abend, nach dem Dienst, noch bevor sie ins „Cambrello“ gehen würde, einen anderen Sender einzustellen. Es genügte vollkommen, bis weit nach Mitternacht diesen Rhythmen ausgesetzt zu sein, sich von ihnen aufheizen zu lassen. Sie musste nicht noch von ihnen geweckt werden. Sanfte Calypsoklänge – das wäre die richtige Musik zum Aufwachen. Sie wusste, sie würde es wieder vergessen und am nächsten Morgen doch wieder von hartem kreischendem Stakkato geweckt werden.

Die Luft war von Feuchtigkeit geschwängert und obwohl es erst gegen acht Uhr ging und sie nur ihr leichtes, kurzes Sommerkleid übergestreift hatte, das nicht so am Körper klebte, wie es ihre Jeans in dieser schwülen Luft taten, schien es ihr, als koche ihre Haut bereits, und ein Schweißfilm begann ihre Haut zu überziehen. Sie spürte die Feuchtigkeit unter den Achseln und an den Schenkeln.

Helenes Kopf war wie in Watte gepackt, ihr Blick noch schlafverhangen – wie durch Schleier nahm sie ihre Umgebung wahr. Die Straßenbahn ruckte und rumpelte, quälte sich kreischend durch die Kurven. Immer wieder verlor sich fast das Gleichgewicht, fing sich mit der rechten Hand in der grauplastenen Halteschlaufe über ihrem Kopf ab. Leiber stießen gegen ihren Körper, wurden gegen sie gepresst, scheuerten am Stoff ihrer Kleidung.

Sie war unruhig, kurzatmig, ihr Herz pochte in eigentümlich hastigem Rhythmus. Ihre große, schlanke Gestalt steckte eingezwängt zwischen all den Körpern um sie herum, Körper, die sich an ihr rieben, die sich an sie drängten, an ihr schabten, sich an sie zu schmiegen schienen – enger und enger und hinter nebelverhangenem Blick; weit dahinter in ihrem Kopf, glomm ein Funke, der sich allmählich in leichte Glut entfachte. Die breiten Schultern eines Mannes in ihrem Alter – ein enges, schwarzes T-Shirt unterstrich die muskulösen Konturen – rieben sich leicht an ihren vollen Brüsten und mit leichtem Schrecken spürte sie, wie ihre Knospen reagierten, sich aus ihrem Dämmer wohlig erhoben, sich der vermeintlichen Liebkosung entgegenreckten. Helenes Blick verschleierte sich noch mehr. Ihr schlankes, etwas kantiges Gesicht, dessen schmale Lippen und gerade Nase die sportliche Erscheinung unterstrichen, wogegen die großen, tiefen Augen mit den schweren Lidern eine sinnliche Weichheit auf die Züge zauberten, verklärte sich in selbstvergessener Laszivität. Sie unterdrückte den Drang sich gegen die Schultern zu lehnen, den Druck die Reibung zu verstärken. Gleichzeitig hoffte sie, dass der Mann vor ihr ihre Brustknospen nicht spürte. In verhaltener Erregung schloss sie halb die schweren Lider über ihren eigentümlich blaugrünen Augen, schaltete die vorüberhastenden Bilder der Stadt aus, konzentrierte sich auf das sanfte Hin und Her, Auf und Ab der Schultern, die die ruckenden, rüttelnden Schübe der Tram aufnahmen und sanft auf ihren Körper übertrugen.

Die Nacht war lang gewesen. Sie träumte sich zurück in das schwarzdiffuse Licht der Tanzfläche des „Cambrello“, durchzuckt vom Blitzgewitter der Spots, der rot, gelb, blau und weiß die Dunkelheit zerreißenden Lichtexplosionen, die die sich im Rhythmus der schrillen, kreischenden Klänge windenden Bewegungen der Körper zerhackten, zerstückelten und den Anschein des Zeitraffers und der Momentaufnahme gaben, die zuckenden Leiber in sekundenlangem Stillstand aus der Dunkelheit reißend. Immer noch spürte sie die Erregung, die sie immer auf der Tanzfläche überfiel, das Eintauchen in die Trance, die Lust, mit der sie sich der unbeieinflussbaren Dynamik ihres Körpers preisgab.

Sie hätte mit dem Rad fahren sollen. Plötzlich wurde ihr klar, warum sie jeden Morgen auf ihr Mountainbike stieg und die Strecke zu ihrem Arbeitsplatz in einer dreiviertel Stunde konzentriert, verbissen und kraftvoll hinter sich brachte, ihre Klamotten fürs Büro im kleinen Rucksack, den Helm stramm gezogen, im engen Trikot. Es befreite sie von den Gespenstern der Nacht, von der Unruhe, der Lust, dem Nebel.

Nur heute hatte sie darauf verzichtet. Und sie konnte nicht sagen, weshalb. Nun stand sie hier, eingepfercht zwischen den Leibern, die sich an ihr rieben, und die schlummernd lauernden Begierden der Nacht kehrten zurück, zerrten an ihr, bissen sich an ihr fest, stießen sie zurück in ihre Lust und ließen sich nicht mehr abschütteln.

Helene spürte ein sanftes Streifen an ihrem Schenkel, ein Körper drückte sich durch ein Holpern der Tram gegen ihre Pobacken – sie kippte etwas nach vorne, ihr Körper bog sich, um Ausgleich bemüht, ihr Bauch und Unterleib berührte den festen Hintern des Mannes vor ihr. Ein leichter Schauer überrieselte sie, ging in ein Kribbeln über, das sich von ihrem Solarplexus über Bauch, Venushügel und Brüste ausbreitete. Helene öffnete leicht die Lippen und ihr Herz setzte einen Moment aus, als sie das leichte Ziehen in ihrem Geschlecht wahrnahm.

… Rainer drängte sich spät in der letzten Nacht durch die Leiber auf der Tanzfläche auf sie zu. Sie tanzten in wilder Selbstverzückung. Im fordernden Geben und Nehmen berührten sie sich mit den Schultern, den Armen, den Schenkeln, drängten aneinander, forderten, entzogen sich in immer enger werdenden Spiralen. Helene ließ ihre Hüften kreisen, schob ihr Becken vor und zurück, stand breitbasig, die Knie leicht schwingend gebeugt, die Schenkel offen – seinen Angriff erwartend und seiner Aufforderung nachgebend. Rainer drängte sich immer näher an sie – sein Körper wand sich, sein Becken deutete ein Stoßen, eine Schieben an, seine Schenkel rieben sich an den ihren, schurrten zwischen ihren Beinen an ihrem Schritt – sie spürte die flüchtige Begegnung an ihrem Geschlecht – seine Brust streifte ihre Brüste und ihr Tanz wurde wilder, aufgeheizter – sie spürte, dass sie ihn wollte. In diesem Nicht-berührt-Werden und dennoch Sich-aneinander-Reiben trieben sie sich in die Begierde, stürzten sie sich in einen imaginären Akt der Lust …

Das Atmen fiel ihr schwer. Sie verspürte die unbändige Lust den Körper vor ihr zu berühren, ihn zu betasten, zu erforschen – ihn aufzufordern, sich ihres Körpers anzunehmen. Ihre freie Hand lag an ihrem Oberschenkel, verstohlen presste sie den harten Muskel unter dem leichten Stoff des Kleides, streifte den Saum ein winziges Stück höher, um Haut auf Haut zu spüren, zitterte leicht, als sie mit kaum merklichem Rucken ihren Kopf wandte, um die Fahrgäste um sie herum zu beobachten. Nichts als leere, ausdrucklose Gesichter sah sie. Niemand schien ihr nur im Geringsten Aufmerksamkeit zu schenken. Sie schluckte trocken. Was würde geschehen, wenn sie ihre Hand einfach vorsichtig auf seinen Hintern legte, wenn sie ihre prallen Brüste an seinem Rücken rieb?

Ein leichter Schwindel erfasste sie, ließ ihre Gedankensplitter aufstieben und um sie tanzen, ihre Augen wurden schmaler, erregende Lichtblitze zuckten in ihrem Kopf wie Blitzlichter aus tausend Kameras und ihr Blick verschwamm in Traumbildern. Ehe sie es verhindern konnte, sich über ihre Handlungen klar wurde – unbeeinflusst von ihren Ängsten und Befürchtungen –, legte sich ihre Hand auf die Hüfte des Mannes, kosend, leicht, wie unbeabsichtigt und doch als deutliches Zeichen, tastete sich streichelnd und schmeichelnd verstohlen hinab, suchte ihren Weg zu den strammen Rundungen seines Gesäßes.

Ein leichter Ruck ging durch den Körper vor ihr, alle Muskeln schienen sich zu straffen und der Kopf des Mannes zuckte – nur einen Sekundenbruchteil – in ihre Richtung, nicht weit genug, dass sie sein Profil hätte erkennen können oder er sich ganz ihr zugewandt hätte. Dann spürte sie die gespannte Aufmerksamkeit des Körpers vor ihr, wie er jede ihrer Bewegungen, ihre kleinen, zärtlichen, verstohlenen Attacken verfolgte – sprung- und fluchtbereit und doch ausharrend: einladend, auffordernd.

… Das zuckende Licht der Tanzfläche zerbarst in der Ferne. Die von den Lichtblitzen zerrissenen Leiber hackten ihre grotesken Standbilder in Sekundenabständen in die Lichtgewitter. Rainer drängte sie tief in den hinteren, fasst menschenleeren und stockdunklen, endlosen Raum. Sie wurde hinausgeschleudert ins finsterste Universum, hinweggerissen und versank im glatten, weichen Leder einer Rundbank im hinteren Teil der Diskothek. Rainers Hand glitt ungestüm und begierig über ihren nackten Schenkel, schob sich unter den roten Mini und wischte mit unmissverständlicher Geste das knappe Stoffdreieck ihres Stringtangas zur Seite. Er fand ihre glatten, unbehaarten, zarten Lippen. Seine Finger legten sich in das zitternde Fleisch, badeten im Saim ihres Geschlechts, suchten den einladenden Eingang. Sie stieß einen erstickten Laut der Lust aus, als sein Kopf sich auf ihre Brüste legte. Mit vor Begierde fiebrigen Fingern riss sie das knappe Top hoch und ihre vollen, festen Brüste sprangen elastisch seinem Mund entgegen. Immer noch trieb das harte Stakkato der kreischenden Technoklänge ihr Becken vor und zurück – ihm entgegen. Sie nestelte an seiner Hose, riss den Reißverschluss auf, streifte den Hosenbund über seine festen Hinterbacken und griff nach dem harten Glied, das ihrer Hand entgegensprang …

Ihr Atem flog und sie versuchte den Schwindel, der sie ergriff, zu kontrollieren. Vorsichtig drängte sie sich gegen den Rücken des Mannes, während ihre Hand seinen Hintern liebkoste, hinunterfuhr zur Pofalte unter der leichten Sommerhose. Sein Geschlecht lag unerreichbar dort, wo es bei einem Mann zu liegen hatte – vorne, unter dem Bauch. Sie hätte es nur erreichen können, wenn sie etwas in die Knie gegangen wäre – was sie im Gedränge nicht wagte. Wieder schielte sie hastig und verstohlen nach den umstehenden Fahrgästen – aber niemand schien ihre Attacke zu bemerken. Wie sollte es weitergehen? Sie war nun so aufgeheizt, dass irgendetwas geschehen musste, irgendetwas passieren. Sie war versucht sich selbst zu streicheln – aber dann hätte sie die Hand von ihm nehmen müssen, ihm, diesem süßen Unbekannten, der so aufmerksam ihre Annäherung honorierte, sie sich gefallen ließ – ja, selbst Gefallen daran gefunden zu haben schien!

Helene ließ ihre Hand wieder zurück zu seiner Hüfte wandern, fand seinen Arm. Vorsichtig legte sie ihre Finger auf den Unterarm, der muskulös und behaart sie noch mehr erregte – es war nackte Haut, die sie spürte, die sie berührte. Lockend und zärtlich glitt ihre Hand hinab auf den Handrücken ihres entzückenden, heimlichen Lovers, umfasste die kräftige Hand des Mannes, führte sie in einer unmerklichen, leichten Rundung hinter seinen Körper – zwischen ihre Körper –, drehte sie, legte sie auf die Innenseite ihrer Schenkel und überließ ihr alles Weitere. So, als würde sie ein wenig stolpern und Halt suchen, drehte sie ihr Becken etwas seitlicher zu ihm – entzog so seine Hand etwaigen neugierigen Blicken und gab ihm gleichzeitig mehr Bewegungsfreiheit. Gleichzeitig konnte sie nun um ihn herumgreifen und im Schutz des Walles der sie umgebenden Körper ihre Hand auf seine Hose legen. Dort rührte sich, verborgen unter leichtem Stoff, eine lebendige Ausbuchtung, pulsierend, zuckend.

Helene stöhnte lautlos auf, als die Finger des Mannes sich an ihre feuchten Lippen tasteten, sich unter ihren Slip schoben und zu reiben begannen. Routiniert und erfahren spielten die Finger an ihrer Klitoris, in leicht kreisenden Bewegungen – ökonomisch dosiert um keine Aufmerksamkeit zu erregen und dennoch fordernd und besitzergreifend.

Helene schloss die Augen, biss sich sanft auf die Lippen, als ein Finger in sie eindrang, sich in sie schob und sie mit leichtem Hin und Her verwöhnte. Als sie die Augen wieder öffnete, fühlte sie sich von einem Blick gehalten – eine Frau, jung, dunkelhaarig, mit tiefbraunen Augen, beobachtete ihr Gesicht. Zwischen ihnen standen mehrere Fahrgäste, die teilnahmslos vor sich hin stierten. Helene war versucht den Blick zu senken, spürte, wie sie errötete, entschied sich dann aber dem Blick standzuhalten. Ein tiefer Ernst lag in den schönen braunen Augen, ein klares Wissen darüber, was sie sahen, wessen sie Zeuge wurden, und Helene hielt ihren Blick auf das Mädchen geheftet, während die Hand an ihren feuchten Lippen immer dreister und fordernder ihr Geschlecht eroberte.

Helenes Lippen waren halb geöffnet, zitterten leicht, ihre Nasenflügel bebten – und auf die Lippen der jungen Frau trat ein ganz leichtes, verstehendes Lächeln, das zauberhafte Grübchen in ihre Wangen bohrte.

… Im Augenblick, als Rainer in sie eindrang und sie vor Lust nach Luft schnappte, stolperte ein Pärchen an ihnen vorbei, stutzte, blieb kurz stehen und sah ihnen zu, wie sie es miteinander trieben. Helene spürte, wie kleine Explosionen in ihrem Kopf zerbarsten, heftete ihren Blick auf die beiden dunklen Silhouetten vor ihr und bäumte sich unter ihrem Höhepunkt auf. Sie genoss es, Zeugen ihrer Lust zu haben, Zeugen ihres Genommenwerdens, und umklammerte mit bebenden Schenkeln Rainers in sie stoßenden Körper. Öffentlich. Mitten unter den teilnahmslosen Körpern …

Nur ein Augenpaar, ein Mensch, ein Blick war verstehend, war Zeuge, war teilnehmend. Es bereitete ihr Mühe, ihren Atem zu kontrollieren. Ihre Muskeln spannten sich, ihre Vagina pulsierte sehnsuchtsvoll. Die Hand an ihrem Geschlecht wurde von ihrer Lust überflutet. Sie spürte ein heftiges Pochen in den Schläfen, einen enormen Druck im Kopf und war überrascht, wie sehr sie aufgeheizt war, wie schnell sie dem Höhepunkt entgegenstürzte.

Helene klammerte sich krampfhaft am Haltegurt fest, schob das Kinn etwas nach vorne, ihre Wangenmuskeln spannten sich, ihre Lippen öffneten sich wie zum Schrei, ihr Blick brach, als der Orgasmus in ihr aufbrandete. Mühsam unterdrückte sie den Schrei, der ihr in der Kehle saß, mühsam auch das Zittern, das in ihren Muskeln aufbrandete, als sie sich verströmte. Das Mädchen senkte lächelnd den Kopf, wissend, nachempfindend, und Helene versuchte ihr im immer noch anhaltenden Orgasmus zuzulächeln – woraus eine groteske Mischung zustande kam, die ihr das Aussehen eines nach Luft schnappenden Fisches gab. Dann brach die Welle in sich zusammen und Helene warf ihren Kopf kurz und ruckartig in den Nacken. Ihre Blicke trafen sich noch einmal und diesmal lächelte auch Helene befreit zurück.

Die Hand des Mannes löste sich von ihr und mit einem Ruck blieb die Tram stehen. Schalk blitzte aus den Augen auf, die sie trafen, ein kurzer Blick, ein verschmitztes Lächeln, als er sich, kurz bevor er ausstieg, noch zu ihr umwandte. Er hob seine Hand an die Nase, schnupperte den Duft ihrer Lust und küsste den Saim von der Haut. Helene hob ihre Hand zu den Lippen, warf ihm eine verstohlene Kusshand zu und sandte ihm ein verschwörerisches Lächeln nach – dann fiel die Tür zu und die Tram zog wieder an.

Als sie an ihrer Haltestelle ausstieg, umfing sie strahlender Sonnenschein. Der Regen hatte aufgehört, die Straßen rochen nass und erdig und die Stadt dampfte im Licht der Sonne. Helene sprang behende aus der Bahn, schlenderte beschwingt und fröhlich ihrem Arbeitsplatz entgegen und beschloss, nun doch vielleicht öfter mit der Straßenbahn zu fahren.