Erotischer Fremder

Lisa Cohen

Das Erste, was sie von ihm wahrnahm, war sein Geruch. Sie stand auf der Rolltreppe des riesigen Kaufhauses, um in die oberste Etage, die Lebensmittelabteilung zu fahren. Es war schon spät und sie hatte wie so oft das Gefühl, die Zeit würde ihr davonlaufen. Sie schwitzte leicht. Es war ziemlich voll heute Abend und die Leute um sie herum wirkten genauso gehetzt wie sie. Der Duft, der ihr da so unerwartet in die Nase stieg, war herb und ganz unverkennbar männlich. Dabei nicht aufdringlich, aber doch irgendwie fordernd. Sie fühlte sich persönlich angesprochen von diesem Duft.

Eine Rolltreppenstufe über ihr stand ein Mann in einer dicken Winterjacke. Sie lehnte sich fast unmerklich ein Stück nach vorn, um sich zu vergewissern, dass der betörende Duft von ihm ausging. Fast gierig sog sie den Geruch des Fremden ein. Er war es also, der sie unruhig machte, der sie verwirrte mit seinem besonderen „Aroma“. Britta versuchte einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen, aber er war zu groß und sah konzentriert geradeaus. Oben in der Etage angekommen, wurde sie von jemandem hinter sich leicht gegen den Unbekannten gedrückt. Normalerweise reagierte sie unwirsch auf derartige Berührungen, aber heute war es ihr angenehm, einen Fremden auf diese Art zu spüren. Der Druck von hinten wurde stärker und sie tat nichts, um sich ihm entgegenzustemmen. Schließlich drehte sich der Mann vor ihr um. Ärgerlich sah er sie an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schien es sich dann anders zu überlegen. Er trat zur Seite, um sie vorzulassen. Unschlüssig blieb sie stehen und bekam nun einen unsanften Stoß in den Rücken.

„Nun gehen Sie doch weiter …“, hörte sie die zischende Stimme einer Frau. Sie stellte sich neben den Fremden, zaghaft lächelnd.

„Ganz schön was los hier. Habe ich Sie getreten?“ Als müsse er über ihre Frage erst einen Moment nachdenken, sah er sie sekundenlang an und schüttelte dann den Kopf. Sein Blick hatte ihr Gesicht erhitzt und Britta spürte, wie auch ihre Brustwarzen auf diesen Augenkontakt reagierten.

„Entschuldigen Sie, ich bin unhöflich. Ich heiße übrigens Ben.“

Etwas förmlich gaben sie sich die Hand. Sein Händedruck war kräftig, bestimmend. Britta sog wieder die Luft ein, die ihn umgab, und lächelte verwirrt.

„Ich heiße Britta und ich muss mich entschuldigen, weil ich so gedrängelt habe. Eigentlich mag ich so etwas überhaupt nicht und …“ Sie brach ab. Was redete sie denn da? Er hatte bestimmt keine Lust von einer wildfremden Frau bequatscht zu werden. „Also dann, viel Spaß noch beim Einkaufen!“

Sie zwang sich, nicht länger in diese dunkelbraunen Augen zu schauen, und drehte sich weg.

„Jetzt warten Sie doch mal!“ Seine Stimme hatte einen angenehmen, etwas rauen Klang. „Hätten Sie nicht Lust mit mir erst noch kurz einen Kaffee zu trinken, bevor wir uns wieder ins Einkaufsgewühl stürzen? Als kleine Verschnaufpause sozusagen?“

Ein paar Minuten später saßen sie sich an einem der kleinen Bistro-Tische in dem Café neben der Lebensmittelabteilung gegenüber. Sie fühlte sich ihm schon vertraut, als sie den starken Kaffee tranken und sich mehr betrachteten als miteinander sprachen. Sein Duft hatte etwas Animalisches angenommen. Er forderte sie heraus und erregte sie.

Als seine Hand wie zufällig ihre streifte, zuckten beide zusammen. Er starrte auf ihren Mund. Seine Lippen öffneten sich und Britta wünschte sich diese Lippen auf ihrem Körper zu spüren. Schweigend sahen sie sich an.

„Ich würde gern mit dir schlafen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. Die Worte brauchten Zeit, um ihre Wirkung vollständig entfalten zu können. „Jetzt – sofort!“

Wie selbstverständlich nickte sie. „Ja!“, sagte sie einfach. Und noch mal lauter: „Ja!“

Sein Blick wurde drängend. „Aber ich lebe nicht allein“, fügte er entschuldigend hinzu.

Britta nickte wieder. „Ich auch nicht …“

Er schien intensiv nachzudenken. Dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht.

„Traust du dich was?“ Er sah sie verschwörerisch an.

„Bist du ein bisschen mutig?“

Britta fuhr sich mit der Zunge über ihre trocken gewordenen Lippen. „Mit dir ja!“ Sie wunderte sich über ihre Worte, aber es war zu spät sie zurückzunehmen.

„Dann habe ich eine Idee. Komm!“

Er warf ein paar Münzen auf den Tisch und fasste sie an der Hand. Ben zog sie zur Rolltreppe und sie fuhren zwei Etagen tiefer.

Während der Fahrt presste sie sich an ihn. Sie wollte Körperkontakt zu ihm herstellen. Ihn spüren. Hand in Hand gingen sie durch die unendlich große Herren-Abteilung. Sie fragte nichts, sie folgte ihm einfach. Dann blieb er plötzlich stehen.

„Was meinst du. Ich könnte doch eine neue Hose gebrauchen … Such mir eine aus. Welche meinst du würde mir stehen?“

Britta brauchte nicht lange, um etwas Passendes zu finden. Sie drückte ihm einfach eine Hose in die Hand.

„Du wirst sie anprobieren müssen.“ Ein erwartungsvolles Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Und du wirst mir dabei helfen!“

Es dauerte etwas, bis sie eine einzeln gelegene Kabine entdeckten, die frei war und groß genug für zwei. Ben ging zuerst hinein. Britta wartete brav, bis er nach ihr rief.

„Liebling, kannst du mal sehen, ob die Hose hier auch richtig sitzt?“

Kichernd sah sie sich noch einmal verstohlen nach allen Seiten um. Niemand nahm Notiz von ihr. Sie glitt in die Kabine.

Ben hatte nur noch einen schwarzen Slip an. Seine Figur war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sportlich, aber nicht zu muskulös. Sie sahen sich an. Der erste Kuss fuhr ihr bis in die Zehenspitzen. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so viel elektrische Spannung in einer Lippenberührung erlebt zu haben.

Er presste sie an sich. Sein Duft machte sie schwindelig. Geschickt knöpfte er die schwere Jacke auf und streifte sie ihr ab. Dann die Bluse und legte ihren Busen frei. Seine Zunge liebkoste die sich verdickenden Nippel und sog zärtlich daran.

„Ich wusste, dass du wunderschöne Brüste haben würdest.“ Britta genoss seine Zärtlichkeiten. Sie hatte keine Angst, dass sie entdeckt werden könnten – oder vielleicht war es ihr auch einfach egal.

Sie half ihm sich aus ihrer störenden Hose zu befreien und dankte im Stillen ihrer Eingebung, dass sie trotz der Kälte heute Morgen einen etwas edleren Slip angezogen hatte. Wahrscheinlich wäre es ihm zwar sowieso egal gewesen, was sie trug, doch sie wollte vor ihm einen durch und durch erotischen Eindruck machen.

Auch dieses noble Dessous fiel rasch auf den Boden der Umkleidekabine herab. Sie stand nackt vor ihm. Ben ließ sich Zeit sie zu betrachten. Seine Blicke bestätigten ihr Selbstwertgefühl. Sie war schön und sie wollte ihm das auch zeigen.

Britta setzte sich auf den Schemel, der in der Ecke der Kabine stand, und lehnte sich an die Wand. Sie spreizte ihre Beine und genoss die gierigen Blicke des Mannes vor ihr. Sie war beim Sex nie prüde gewesen, aber was sie hier gerade trieb, überstieg an Freizügigkeit und Hemmungslosgkeit alles, was sie jemals getan hatte. Eine bis dahin unbekannte Wollust riss sie mit sich: Sie wollte Geilheit pur erleben! Sie wollte sich diesem unbekannten Mann hingeben, seine Hände und seine Männlichkeit spüren. Jetzt und hier, in dieser Umkleidekabine, umgeben von unzähligen Menschen. Auch wenn sie Gefahr liefen, bei dem schamlosen Treiben entdeckt zu werden …

„Deine Unterhose!“ Britta zeigte auf den Slip, den er noch trug. „Zieh sie aus …“

Dann stand er nackt vor ihr, mit einem Glied, das ihr einen Hitzeschwall zwischen den Schenkeln bescherte. Es war groß, aber nicht nur die Größe war es, die sie so faszinierte. Es war die Vitalität und die Geilheit, die es ausströmte. Es machte sie schon scharf, es einfach nur anzuschauen.

Ben kniete sich vor ihr nieder, um sie zwischen den gespreizten Schenkeln zu küssen. Leise stöhnend gab sie sich seinen Zärtlichkeiten hin. Suchte mit den Händen an dem Griff hinter sich Halt und beobachtete erregt, wie seine Zunge den Weg zwischen die Pforten ihrer Weiblichkeit suchte, bis sie die eine Stelle gefunden hatte, bei dessen Berührung Britta entzückt aufschrie. Er brauchte nicht lange, um ihren Schoß aufnahmebereit für ihn zu machen. Mit jedem Zungenschlag stieg die Feuchtigkeit dort sprunghaft an. Einen kurzen Moment schämte sie sich fast, dass sie sich dem Fremden so hemmungslos und mit so viel Lust präsentierte. Aber bei der nächsten intensiveren Berührung ihrer Klitoris schlug diese Scham nur noch mehr in nackte sexuelle Gier um.

Ben vervollkommte seine Stimulation mit den Fingern und bevor Britta richtig begriff, was ihr da geschah, kam sie in einer Umkleidekabine eines Warenhauses unter der Zunge eines Mannes, den sie erst seit einer halben Stunde kannte, zu einem Orgasmus.

Sie krallte sich mit den Händen auf dem Rücken des Mannes fest, dem sie diesen Höhepunkt verdankte, und zog ihn an sich.

„Nimm mich …“, flüsterte sie. „Bitte, nimm mich!“

Ben breitete fürsorglich seine dicke Jacke auf dem Boden der Umkleide aus und zog sie darauf. Vorsichtig robbte er sich auf sie. Britta hob ihre Beine in die Luft und legte sie auf seine Schultern. Fast benebelt vor Lustgefühl und Glück, nahm sie seinen großen Penis mit spielerischer Leichtigkeit auf. Vom ersten Moment an stieß er kräftig zu. Sie hatte das Gefühl, dieses Glied würde irgendwo ankommen, wo nichts weiter mehr war als überschäumende Lust, die sie mit sich fortriss.

Ben liebte sie zärtlich und gierig in den vielfältigsten Bewegungsnuancen. Sie versuchte sich nur auf seine Stöße zu konzentrieren und sich nicht von dem Geräuschpegel um sie herum auch nur einen winzigen Moment ablenken zu lassen.

Der Vorhang bewegte sich und Britta befürchtete schon, es könnte jemand in die Kabine treten und sie bei diesem unglaublichen Akt ertappen …

Aber die Gefahr ging vorüber und nichts passierte, außer dass der Mann in ihr sie mit noch stärkeren Stößen nahm. Er keuchte verhalten und die fast animalische Kraft, die in jeder seiner Hüftbewegungen zum Ausdruck gebracht wurde, ließ sie innerlich in den höchsten Tönen frohlocken. Der Akt hatte nichts Zärtliches mehr. Beide beschränkten sich nur noch auf den Austausch höchstmöglichen Lustpotenzials. Und es war das Erregenste, was sie beide je erlebt hatten. So kurz das Liebesspiel auch war, was in dieser Umkleidekabine auf dem Boden stattfand, so intensiv war es auch …

Als sie beide für den Moment vollkommen befriedigt waren, löste er sich von ihr. Schweigend zogen sie sich wieder an. Britta versuchte vergebens mit den Händen ihr erhitztes Gesicht zu kühlen und wagte nicht ihn anzusehen. Was würde jetzt geschehen? Würde es irgendeine Fortsetzung geben? Oder etwas Einmaliges bleiben?

Beide wirkten unschlüssig, als sie endlich wieder aus der Kabine treten konnten, ohne dass ihnen jeder sofort alles, was dort geschehen war, ansehen würde. Sie gingen schweigend nebeneinander her bis zur Rolltreppe.

„Also, dann – ich muss noch einkaufen!“ Sie sah ihm noch einmal tief in diese verführerischen Augen, die ihre Knie weich werden ließen.

„Warte doch mal.“ Er hielt sie wieder fest. „Ist das alles gewesen?“

Britta schürzte die Lippen. „Ich wohne nicht allein!“

Er nickte. „Ich weiß, ich auch nicht.“

Da mussten beide lachen und das sexuelle Intermezzo bekam zum ersten Mal seit ihrer Begegnug etwas wunderbar Intimes, was über das rein Körperliche hinausging.

Als sie auf dem Weg nach Hause war, hielt sie seine Visitenkarte noch fest in der Hand. Für nur einen Quickie hatten sie beide noch zu viel Lust aufeinander. Es würde also mindestens noch einen zweiten geben …