5
- Peter -
P amela kommt hereingeschneit und beginnt den Tisch abzuräumen. Die Frau kam mir früher schon vor wie eine Hellseherin. Kaum dass der letzte Happen vertilgt war, stand sie parat. »Mittagessen wird um eins serviert. Ich darf davon ausgehen, dass ich für euch beide und Mrs. Sullivan eindecken kann?«
Ich blicke fragend zu Chase, der Pam verwirrt von der Seite ansieht und sich erkundigt: »Warum?«
»Weil die Chefin das so wünscht?«
»Ach, tut sie?«
»Ja, hat sie nichts gesagt?«
»Nein.«
»Ich würde mich freuen, wenn du hier wärst«, platzt es mir heraus.
Die zwei wenden sich mir zu. Pam grinst. Chase schaut immer noch verdattert drein – vielleicht ein wenig mehr als zuvor.
»Wir haben vor zwei Jahren eine Abbeermaschine angeschafft, die sogar nach Größe sortiert«, erklärt Enzo stolz im für ihn typisch mexikanisch eingefärbten Akzent und sehr laut. Letzteres, um den Lärm eben jener Maschine zu übertönen. Er hängt einen Bottich angefüllt mit Weintrauben an der Seite eines riesigen Trichters ein und bedient mit einer Fernbedienung eine Hebevorrichtung, damit der Inhalt langsam hineinrutschen kann.
Chase hat mich bei seinem Vater zurückgelassen. Er meinte, in ein paar Minuten zurück zu sein. Das war vor einer halben Stunde. Seitdem bekomme ich einen Crashkurs, wie geerntete Trauben angeliefert und von Kämmen und Stielen befreit werden. Mittlerweile brummt mir der Schädel von Fakten, die ich nie wissen wollte. Ich bin froh, dass es Menschen wie Enzo und Chase gibt, die sich in dieser Materie auskennen – freiwillig.
»Dann hat Dad sich gegen die Anschaffung nicht gesträubt?«, frage ich erstaunt.
»Ihr Vater legte immer Wert auf Effizienz. Und effizient ist die Maschine auf alle Fälle. Es war wohl auch mal eine maschinelle Lese im Gespräch. Keine Ahnung, wer auf diese Idee kam. Aber zum Glück konnte Chase ihn davon abbringen.«
»Was spricht dagegen?«
»Na ja, es gibt mittlerweile schon Gerätschaften, die das ziemlich gut umsetzen und den Rebstock nicht schädigen. Allerdings würde eine derartige Umstellung bedeuten, dass Golden Dreams auf die Hälfte der Saisonarbeiter verzichten könnte.«
»Wäre das auf lange Sicht finanziell nicht interessanter? Die Erntemaschine würde sich doch bestimmt innerhalb kürzester Zeit amortisieren. Ich meine, ich will nicht sagen, dass ich diese Lösung sozial vertretbar fände. Nur wie sie sagten, war mein Vater auf Profit aus.«
Enzo schaltet die Anlage ab und schlagartig herrscht Ruhe. »Tja, da müssen Sie Chase fragen, wie er den alten Herren überzeugen konnte. Ich war selbst verwundert, als der Boss von der Idee Abstand nahm. Um ehrlich zu sein, habe ich Mr. Sullivans Entscheidungen nie infrage gestellt. Sie wissen schon, schlafende Hunde und so …«
»Ich konnte ihm glaubhaft erklären, dass sie an den Berghängen für Probleme sorgen würde«, erklärt Chase, als er wie aus dem Nichts neben uns auftaucht. »Meddy legte ihm zudem Zahlen vor, die belegten, dass sie sich aufgrund dessen erst viel später bezahlt machen würde als in dem vom Anbieter angegebenen Zeitraum.«
»Und das hat er geschluckt?«, hake ich skeptisch nach. Da passt was nicht.
Chase sieht mich nahezu tödlich beleidigt an und geht sofort in die Defensive. »Wir haben ihm keine Märchen erzählt, falls es das ist, was du denkst. Es handelte sich um harte Fakten.« Wow, da ist jemand angepisst. Seine Reaktion wirkt auf mich überzogen.
»Das wollte ich auch nicht behaupten. Ich wundere mich nur.«
»Worüber? Dass dein Vater auf einen kleinen Angestellten hörte? Keine Bange, das tat er nicht. Nur in diesem Fall hatte ich Meddys Unterstützung. Und seine Tochter ignorierte er nicht immer.«
Irgendwas läuft hier schief. In seinen anklagenden Worten schwingt so viel mehr mit. Vielleicht gewollt oder ungewollt, aber dieses nicht immer bestätigt mir, was Meddy während ihrer Besuche in San Francisco verlauten ließ. Ich werfe Enzo einen Hilfe suchenden Blick zu. Er reagiert jedoch nur mit einem Schulterzucken und verkündet: »Ich werde dann mal rausfahren und die nächsten Fuhren einholen.« Daraufhin wendet er sich von uns ab und geht.
In Gedanken vertieft schaue ich Enzo hinterher. Nachdem er aus meinem Sichtfeld verschwindet, will ich Chase fragen, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist, allerdings stelle ich erstaunt fest, dass ich allein bin. Wohin ist er denn jetzt verschwunden?
»Chase?«
Keine Antwort. Ernsthaft? Ich hätte ihn nicht dermaßen zimperlich eingeschätzt. Zumal ich ihm meiner Meinung nach keinen Grund gegeben habe, stinkig mit mir zu sein. Oder?
»Chase!«, rufe ich abermals, nun etwas ungeduldiger. Verdammt, er kann mich doch nicht einfach stehen lassen.
»Hier«, höre ich seine körperlose Stimme durch die Halle wabern.
Ich blicke mich um, finde ihn jedoch nicht. »Wo ist hier?«
Sein dunkler Schopf taucht hinter einem Stapel alter, leerer Fässer auf, die vor einer Wand auf der gegenüberliegenden Seite aufgetürmt wurden.
»Was machst du da?«, erkundige ich mich neugierig. Seine Miene wirkt angewidert. Der Blick ist nach unten gerichtet. Anscheinend ist unsere kleine, explosive Unterhaltung at acta gelegt.
Ein fieses, Gänsehaut verursachendes Geräusch ertönt. Als würde Metall über Beton kratzen. Sobald ich neben den Fässern stehe und dahinter sehen kann, bemerke ich die Schaufel in Chase’ Hand, mit der er versucht eine fette, tote Ratte aufzunehmen.
Bei dem Anblick schüttelt es mich. »Ich hatte ganz vergessen, wie riesig diese Viecher werden können.«
»Seit Rusty tot ist, trauen sie sich wieder her.«
»Rusty?«
Chase jongliert die Schaufel mit der Ratte vor sich her und geht an mir vorbei in Richtung Tor. »Unser Hund. Ein Jack Russell. Der alte Knabe hat vor ein paar Wochen das Zeitliche gesegnet. Hat mich sechszehn Jahre begleitet und uns das Viehzeug vom Hals geschafft. Bisher konnten wir uns nicht durchringen, Ersatz für ihn zu suchen.«
»Oh, das tut mir leid.« Sofort muss ich an Friedolin, die Schildkröte von Lizzys Dad, denken.
»Der Lauf der Dinge«, wiegelt Chase ab. Dennoch sehe ich ihm an, dass er an Rusty gehangen haben muss. Ich folge ihm hinaus zu einer Mülltonne.
Er deutet mit dem Kinn in ihre Richtung. »Kannst du mal?«
Ich halte den Deckel auf und Chase befördert den Kadaver hinein, bevor er die Schaufel gegen die Hauswand lehnt. »Wollen wir mit dem Pick-up fahren oder zu Fuß gehen?«
»Ich will deine Zeit nicht unnötig in Beschlag nehmen.«
»Tust du nicht. Ich hatte eh geplant, mir einen Überblick zu verschaffen. Und das geht ohne Auto besser.«
Yep, das Gespräch von zuvor ist kein Thema mehr. Vielleicht bietet sich später noch eine Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen. Oder ich halte es wie er und vergesse die ganze Sache. Letzteres ist wahrscheinlich ratsam. Immerhin bin ich auf ihn angewiesen und sollte es mir nicht am ersten Tag verscherzen. Also machen wir uns auf den Weg.
Die nächsten zwei Stunden wandern wir unter stahlblauem Himmel und bei strahlendem Sonnenschein durch die Weinfelder. Eine sanfte Brise weht den Duft von frisch gelesenen Trauben und zertrampeltem Gras zu uns herüber. Insgeheim muss ich mir eingestehen, genau das vermisst zu haben. Bis eben war mir das überhaupt nicht bewusst.
Ein ums andere Mal begrüßen wir kleinere Trupps, die mitten in der Lese stecken. Chase stellt mich jedem vor, der mit mir nichts anfangen kann. Hin und wieder ernte ich skeptische Blicke, die ich geflissentlich an mir abprallen lasse. Enzo begegnet uns des Öfteren, als er mit einem Kleinlaster Bottiche voller Weintrauben abtransportiert.
Alles in allem herrscht eine seltsam angespannte Stimmung zwischen uns, obwohl Chase in seinem Element zu sein scheint und auf mich absolut sachkundig wirkt. Er benennt die jeweilige Rebsorte, erläutert mir, wo sie angebaut wird und warum ausgerechnet dort. Er vermittelt mir einen Überblick ihrer Charaktereigenschaft. Ich erfahre, welcher Wein daraus gekeltert wird und wen wir damit beliefern. Natürlich habe ich das alles irgendwann in meiner Jugend schon einmal gehört. Das ist lange her und die Thematik weckte damals nicht mein Interesse und tut es heute immer noch nicht. Nur bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm hier und jetzt zuzuhören und mir wenn möglich das Wesentlichste zu merken. So lerne ich auch etwas über den Trester. Die verbleibenden, vorwiegend festen Rückstände nach der Saftgewinnung werden als Dünge- und Futtermittel entweder selbst genutzt oder ebenfalls verkauft. Zum Teil stellt Golden Dreams Traubenkernöl her und beliefert damit ausgewählte Restaurants in der Region.
Wir sind auf dem Rückweg und beim Anblick der Gegend geht mir erneut die Sache mit der Erntemaschine durch den Kopf. Ich wusste, an seiner Argumentation stimmt was nicht. »Darf ich dich was fragen?«
Chase inspiziert eine Weinrebe, kontrolliert Blätter und Fruchtstände. »Sicher.«
»Aber nicht wieder sauer werden«, kann ich mir nicht verkneifen zu sagen.
Er verharrt mitten in der Bewegung und schaut mich über die Schulter hinweg an. »Es geht immer noch um die Erntemaschine, hm?« Dann richtet er sich vor mir auf und verschränkt die Arme vor der Brust. »Dir ist aufgefallen, dass meine Begründung mit den Berghängen, an denen sie Probleme bereiten würde, nicht so ganz nachvollziehbar ist.«
»Richtig.« Ich mache eine allumfassende Geste. »Mir ist eben erst klar geworden, wo daran der Haken ist.«
Chase lächelt mich entschuldigend an. »Sie steigen sanft an und fallen ebenso sanft ab. Ich weiß. Ich hätte auch nie damit gerechnet, dass er es schluckt. Und sorry noch mal wegen vorhin. Ich war leicht genervt, als das Thema zur Sprache kam.«
»Du wolltest nicht, dass ich es herausfinde?« Ich muss plötzlich so heftig lachen, dass ich einen Moment brauche, um wieder zu Atem zu kommen, ehe ich keuchend abermals auf die sanften Erhebungen um uns herum deute und sage: »Ich bin nicht vom Fach, aber das fällt selbst mir auf. Wieso hat mein alter Herr das einfach so hingenommen?«
Chase zuckt mit den Schultern. »Das frage ich mich die ganze Zeit. Um ehrlich zu sein, habe ich es mir damit erklärt, dass er nur noch selten hier draußen unterwegs war.«
Erstaunt sehe ich ihn an. »War er? Aber warum? Ich dachte, es ging ihm so weit gut. Von seinem Herzleiden mal abgesehen, das ja medikamentös behandelt wurde.«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, er hat vieles einfach ausgeblendet. Dein Vater zog sich immer mehr zurück. Nicht im geschäftlichen Sinne. Eher von allem, was um ihn herum geschah. Auch wenn er Meddy nicht voll und ganz akzeptierte, war sie diejenige, die mit uns Kontakt hielt. Er schon lange nicht mehr –« Chase hebt abwehrend die Hände. »Sag nichts. Wir wussten es alle. Deine Schwester und deine Mutter haben versucht, es vor uns so gut es ging zu verbergen. Aber es war offensichtlich, dass Meddy in den Augen eures Vaters nur die Zweitbesetzung für den Job war.« Chase seufzt. »Vermutlich eine Erklärung dafür, dass sie weg ist.«
»Wie meinst du das?«
»Sie hat nie mit mir darüber gesprochen. Dennoch war mir klar, sie ist unglücklich. Natürlich kann ihr niemand vorwerfen, sie hätte unqualifizierte Arbeit abgeliefert. Ganz sicher nicht. Es ist nur …« Chase blickt sich kurz um und winkt dann ab. »Vergiss es.«
»Ich mag keine Andeutungen, Chase. Wir müssen die nächste Zeit zusammenarbeiten. Ich bin auf dich angewiesen und wäre froh, wenn du mir offen und ehrlich sagst, was hier los ist.«
Seine Miene wirkt plötzlich verschlossen, beinahe trotzig. Und mir kommt etwas in den Sinn, das ich bisher überhaupt nicht in Betracht gezogen habe. »Kann es sein, dass du glaubst, ich bin hier, um Golden Dreams an mich zu reißen?«
Abermals zuckt er mit den Schultern. »Selbst wenn dem so wäre, geht es mich nichts an, denkst du nicht?«
»Also liege ich richtig?«
»Das ist etwas, das du mit Meredith und deiner Mutter ausmachen musst. Ich arbeite hier, solange man mich lässt. Wer die Firma leitet, ist schlussendlich unerheblich.«
Ich betrachte Chase einen Moment, bis er sich unter meinem eindringlichen Blick windet und einknickt.
»Okay, ich gebe zu, dass mich das alles nicht kaltlässt. So ergeht es im Augenblick wohl jedem auf Pine Valley. Wir können nur abwarten und hoffen.«
Nicht was er sagt, sondern wie er es sagt, lässt mich aufhorchen. »Ich glaube, es ist normal, sich um seinen Job zu sorgen, sobald der Arbeitgeber verstirbt. Aber entschuldige, wenn ich so dreist bin und behaupte, dass sich hinter deinen Äußerungen mehr verbirgt. Wir sind hier unter uns und es wäre nur fair, wenn du mit offenen Karten spielen würdest. Und eins noch, ich habe ganz sicher nicht vor, Golden Dreams zu übernehmen. Mein Leben spielt sich in San Francisco ab. Und das wird sich garantiert nicht ändern. Ich bin nur hier, weil meine Mutter mich darum gebeten hat. Keine Ahnung, ob du dich an die Zeit erinnerst, als ich gegangen bin, du warst schließlich sehr jung. Ich bin mir auch nicht sicher, ob jemand außerhalb der Familie meine Beweggründe je erfahren hat. Aber ich ging, weil mein Vater …«
»Dich eingeengt hat und deine Zukunft für ihn bereits in Stein gemeißelt stand. Ich mag ja erst sieben gewesen sein und ich war damals kindlich naiv in meiner Weltanschauung, doch ich bin erwachsen geworden und habe mir mit den Jahren deine Gründe durchaus zusammengereimt.«
Verblüfft über seine Selbsteinschätzung mustere ich ihn und kann nur bestätigen, dass ihm das Erwachsenwerden perfekt gelungen ist. Er sieht hinreißend aus und verfügt über Verstand. Jede Frau würde sich alle zehn Finger nach ihm ablecken. Ich verscheuche meine unangebrachten Gedanken. »Gut, dann muss ich es dir nicht erklären. Was hältst du also davon, wenn du mir erzählst, was hier los ist?«
Chase atmet einmal tief durch und nickt daraufhin, als hätte er sich zu etwas Grundlegendem entschieden. »Ich kann nichts Genaues sagen. Nur eins, sollte Meddy wiederauftauchen, frag sie nach einem Mr. Banks.«
»Warum? Wer ist das?«
»Ich bin mir nicht sicher und will keine Gerüchte in die Welt setzen.«
»Chase«, seufze ich leicht genervt. »Wenn du mehr Informationen hast, gib sie mir.«
»Bisher hab ich mit niemandem über den Mann gesprochen.«
»Ich bin nicht niemand. Also lass mich nicht betteln!«, brumme ich ungehalten.
Mit einem überraschenden Funkeln in den Augen starrt Chase mich an und mir fällt auf, wie seine Wangen ein Hauch Röte überzieht. Befänden wir uns nicht am helllichten Tag mitten auf einem Weinberg, sondern in einem der einschlägigen Clubs des Castro Distrikts, könnte man glatt glauben, mein herrischer Tonfall macht ihn an.
Einbildung, Peter. Alles reine Einbildung. Es ist eindeutig zu lange her, als du das letzte Mal auf der Piste warst. Wird Zeit, Abhilfe zu schaffen.
Chase’ Räuspern holt mich zurück in die Realität. Sein verheißungsvoller Gesichtsausdruck verschwindet hinter einer ernsten Miene, ehe er im festen Tonfall erklärt: »Ich hörte diesen Banks vor einer Woche mit Meddy im Gewölbekeller. Sie führten eine hitzige Diskussion. Ich spioniere in der Regel keinem hinterher. Nur ließ es sich nicht vermeiden, dass ich Zeuge ihres Gesprächs wurde. Zumindest dem letzten Teil davon.«
Seine Körpersprache vermittelt den Anschein von Unbehagen. Liegt es an dem, was ich gerade gesehen haben will, oder am Thema? Wie auch immer, ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er niemals jemand nachspionieren würde. »Lass hören. Worum ging’s?«
»Sie waren mitten in der Unterhaltung, als ich aus den Tiefen des Gewölbekellers kam. Ich hatte die alten Portweine inspiziert. Die Fässer lagern ganz hinten, da sie bis zu zwanzig Jahre ruhen und …«
Ich will ihm gerade klarmachen, wie einerlei mir der Anlass ist, weswegen er dort war, als ihm offenbar bewusst wird, dass er um den heißen Brei redet.
»Wie dem auch sei, als ich gehen wollte, hörte ich Meddy wütend sagen, dass sie auf keines seiner Angebote eingeht, egal was er sich noch einfallen ließe. Worum es dabei ging, kann ich nur raten. Der Kerl wirkte zornig. So als stände er unter Druck, als müsse er irgendjemandem ein positives Ergebnis präsentieren. Er versuchte es ein weiteres Mal. Meddy machte dicht und er stellte ihr ein Ultimatum, bevor er sich wutentbrannt verabschiedete und davonrauschte. Sie rief ihm noch hinterher, er solle seinen Leuten sagen, sie würde sich um alles kümmern. Dabei sprach sie ihn mit seinem Namen an. Daher weiß ich auch, wie er heißt.«
»Wie lautete das Ultimatum?«
»Er gab ihr zwei Wochen Zeit, danach könne er für nichts mehr garantieren.«
Entsetzt fahre ich ihn an: »Scheiße, das klingt übel. Warum hast du sie nicht darauf angesprochen?«
Ein harsches Lachen. »Du scheinst deine Schwester nicht zu kennen. Sie hat einen gewaltigen Dickschädel. Und ich kann’s mir nicht leisten, mit ihr im Clinch zu liegen und womöglich den Job zu verlieren. Wie schon gesagt, ich arbeite hier, solange man mich lässt. Was glaubst du, was sie mit Leuten macht, die ihr in die Quere kommen?«
»So ist sie nicht, Chase!«, empöre ich mich. Wie kann er es wagen?!
»Ach ja?«, braust er auf und tritt angriffslustig auf mich zu. »Ich verrat dir was, Meredith Sullivan hat sich in den letzten Monaten verändert. Und das nicht wirklich zum Guten.« Die Hände in Abwehrhaltung. »Mehr sage ich dazu nicht. Sie ist immerhin deine Schwester.«
Ich starre ihn ungläubig an, ehe ich die zwischen uns verbliebene Distanz überbrücke und wir uns Auge in Auge gegenüberstehen. Er ist ein winziges Stück kleiner als ich und hebt entschlossen das Kinn; will mir unbewusst zu verstehen gehen, dass er nicht zurückweicht.
Gut so, lass dir nur nichts gefallen, auch nicht von mir. Ein anerkennender Gedanke, der unmittelbar einem Groll weicht, den ich sehr lange Zeit nicht mehr verspürt habe. Ich beuge mich vor und unsere Nasen berühren sich um ein Haar, ehe ich in einem leisen, aber bestimmten Tonfall fordere: »Du wirst mir jetzt sofort erklären, was du damit meinst.«