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Auch als Marija Pavlekovic endlich wieder richtig zu sich kam, blieb es trotzdem dunkel um sie herum. Der Kopf schmerzte, als hätte man ihr Nadeln in die Schläfen gesetzt. Nur bruchstückhaft kamen ein paar vage Erinnerungen wieder, eine alptraumhafter als die andere.
Visocos Taverne, der Wein, der zu viele rote Wein, zwischendurch immer wieder ein Glas Wodka mit zwei Kaffeebohnen und einer Zitronenscheibe drin, wie man ihn zu Hause auf Susak trank. Das Warten in der eiskalten Nacht unter der Bogenlampe vor dem »Klub«.
Hier war es schwül. Dumpf brütend schwül. Wie in einem Treibhaus.
Warum fröstelte sie dann trotzdem?
Dann ein Schlag gegen den Hals und dann Schwärze. Lange Zeit Schwärze. Schaukeln. Das gemächliche Tuckern eines Diesels. Schemenhaft rohe Gesichter. Ein Zigeuner. Ach ja, dieser nette Mann aus der Taverne.
Eine Spritze, riesengroß vor ihrem Gesicht. Wimmern, Jammern, Stöhnen, ersticktes Schreien. Der säuerlich modrige Geruch ungewaschener Leiber, von Kot und Urin. Und schließlich wieder einlullende Schläfrigkeit, Versinken ins Nichts.
Diese Bilder tauchten immer wieder auf. Fünfmal, sechsmal. Dann auf einmal ein Schweben. Das Geräusch eines Motors, der ganz anders klang. Endlich wieder frische Luft. Es war ihr, als würde ihr jemand die Nadeln ein winziges Stück aus dem Kopf wieder herausziehen.
Wo bin ich nur?
Das allmähliche Aufdämmern dauerte sein Zeit. Zehn Minuten, fünfzehn Minuten. Lärm aus rauen Männerkehlen. Lachen. Grölen. Das Geklimper einer verstimmten Gitarre. Flaschen, die aneinanderklirrten. Das Gekreisch von unbekannten Vögeln. Ein fernes Rauschen wie von einem Fluss. Der schwere Duft von Blüten und Rauch.
Und endlich auch ein bisschen Licht. Es drang zwischen ihren Beinen von unten herauf, und jetzt bemerkte Marija erst, dass ihre Beine aneinandergekettet waren, verhakt mit einem Vorhängeschloss. Die Hände jedoch konnte sie frei bewegen.
Sie tastete um sich, kroch. Ihre Hände trafen auf etwas Kleines, Hartes. Nichts Aufregendes. Das kannte sie zur Genüge noch von ihrer Kindheit her. Der Chitinpanzer einer dahinhuschenden Schabe. Nur so große hatten sie nicht gehabt in ihrer Kate am Velebit.
Zum Tast-, Geruchs- und Gesichtssinn gesellte sich Stück um Stück auch wieder ihr Intellekt. Ihr Verstand arbeitete überraschend klar unter diesen Umständen. Wie mit einem frisch gewetzten Messer geschärft. Doch das war bei ihr schon immer so gewesen. Besonders bei den schwierigsten Prüfungen, vor denen sie tagelang gezittert hatte, wurde sie plötzlich von einer eiskalten Ruhe beherrscht. Wie ein Mantel senkte sie sich auf einmal über sie, ein eiskalter Mantel.
Jasna!, fiel ihr als Erstes ein.
Wo ist Jasna?
Ihre Augen hatten sich an das wenige Licht gewöhnt.
So sah sie sich eingepfercht in einen Verschlag, kaum größer als ein Schweinekoben. Wenn sie beide Arme ausstreckte, konnte sie die Seitenwände berühren. Sie waren aus wohltuend kühlem, rissigem Stein.
Keine Jasna. Keine Freundin.
Sie hätte auch gar keinen Platz mehr gehabt in dieser fensterlosen Enge. Das Licht kam nur vom Boden, drang zwischen ein paar Ritzen von sorglos zusammengefügten, ungehobelten Brettern herauf.
Noch einmal sog sie die Luft ein. Und würgte ihren Ekel hinunter. Wann bloß hatte sie sich das letzte Mal gewaschen?
Gott! Vorsichtig darauf achtend, dass die Kette um ihre Fesseln kein Geräusch verursachte, erkundete sie weiter ihre Umgebung in diesem gelben Dämmer, der von unten kam, doch damit war sie innerhalb von Sekunden fertig. Weil es nichts zu erkunden gab. Nur ihre Kopfschmerzen verschwanden nun fast ganz. Zur Geräuschkulisse, die sie anfangs wahrgenommen hatte, gesellten sich neue Laute. Stimmen. Stimmen von Männern, die englisch sprachen. Eine glaubte sie wiederzuerkennen: die von Vlatko de Figuera.
Marija hatte Englisch nur in der Schule gelernt, jedoch jede Möglichkeit genutzt, mit Fremden zu sprechen. Gelegenheiten gab es genug auf Losinj. Die Insel, auf der sie aufs Gymnasium ging, erlebte jeden Sommer eine Invasion von Fremden. So hatte sie sich auch Deutsch halbwegs angeeignet, ohne je eine reguläre Unterrichtsstunde in diesem Fach gehabt zu haben.
Doch das brauchte sie hier nicht.
Allein Englisch war gefragt.
Es waren insgesamt drei Männer. Das konnte sie unterscheiden. Einer sprach ein verschwommenes, schrilles und dennoch beinahe singendes Falsett, und sie musste schon sehr genau hinhören, um ihn zu verstehen.
Und diese Leute sprachen genau zu ihren Füßen. Neben den schmalen Lichtstreifen drang auch ihre Unterhaltung durch die Ritzen zu ihr herauf.
Das Mädchen legte sich flach auf den Boden. Nicht um noch besser hören, sondern auch etwas sehen zu können. An einer Stelle war die Säge quer über eine Astabzweigung gefahren und hatte eine halbkreisförmige Öffnung von der Größe eines Auges hinterlassen. Dorthin schob Marija ihren Kopf. Sie musste die Beine eng an den Körper ziehen in dieser Position. Die Stellung war äußerst unbequem, der Bretterboden rau wie Schmirgelpapier und ihre Neugier durch nichts zu überwinden.
Ein wenig ahnte sie ja schon, wo und in welcher Situation sie hier gelandet war. Schließlich las sie nicht nur in ihrer lateinischen Grammatik, sondern auch Zeitungen. Mädchenhandel war ihr schon seit Jahren kein unbekannter Begriff mehr. In den heimischen Tageszeitungen kam er freilich nicht vor. In Abenteuerromanen und den neuen Magazinen, die seit der politischen Wende wie Quellwasser und in reißerischer Aufmachung auf den Markt sprudelten, schon. Ein Mosaiksteinchen passte perfekt zum anderen.
Nur dass ausgerechnet ihr das einmal passieren würde?
Angst hatte sie immer noch. Natürlich. Doch sie geriet deshalb nicht in Panik. Sie brach auch in keinen Schreikrampf aus. Ihr kühler Verstand bewahrte die Oberhand.
Ihr Vater erzählte ihr oft, dass sie einmal als Fünfjährige mit einer Rute auf einen Wolf losgegangen war. Sie selbst konnte sich kaum mehr daran erinnern. Wahrscheinlich hätte sie es damals auch mit einem Bären aufgenommen, die es im Winter ebenfalls noch gab in diesem unwegsamen Gebirge, das die Heimat ihrer Kindheit gewesen war.
Sie drückte ihr Auge ans Astloch.
Ein runder Tisch, keine Decke darauf, nur gebrauchtes Geschirr nebst Besteck und seltsamerweise auch asiatische Essstäbchen. Eine halbleere Flasche mit gelblichem Inhalt, ein paar verschmierte Gläser. Dazu noch eine Schale mit feurig glänzenden, roten kleinen Kieselsteinen, wie sie Marija noch nie gesehen hatte.
Tatsächlich drei Männer.
Und Jasna!
Sie saß auf dem Schoß eines älteren Mannes mit lichtem, grauem Haar und hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, koste ihn ab, als wäre er eine Tüte Eis.
Und lachte fröhlich.