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Marija musste sich blind auf das Indiomädchen verlassen, hetzte Aja nach. Sie kannte weder Ziel noch Richtung. Zweige peitschten ihr das Gesicht, zerkratzten Arme und Beine. Gegen das Geschöpf aus dem Dschungel kam sie sich plump vor wie ein Elefant. Wahrscheinlich war sie auch nur wenig leiser. Die junge Jugoslawin hatte Mühe, der leichtfüßigen Aja zu folgen.

Doch die wartete immer wieder auf sie, einen erschreckten Ausdruck auf den sonst stoischen Zügen, aus denen Marija so schlecht zu lesen verstand. Auch schüttelte Aja den Kopf, wenn sie Ja meinte. Hinter ihnen brachen die ersten ihrer Verfolger ins Unterholz. Schüsse wurden nutzlos abgefeuert, Vlatko de Figuera brüllte Befehle und versuchte System in das Ganze zu bringen. Zum Glück mit nur wenig Erfolg.

So hasteten die beiden Mädchen weiter. Das Unterholz lichtete sich, je tiefer sie in den Urwald drangen. Das Licht, das durch den Baldachin aus Blättern fiel, reichte nur für ein paar breitfächrige Farne und hartnäckiges Moos. Dass man sich den Weg überall mit einer Machete bahnen müsse, ist nur ein Gerücht. Zumindest für diese Region stimmte das nicht, und das machte die Flucht noch schwieriger.

Unsichtbare Vögel nahmen ihr ständiges Konzert wieder auf, Affen begannen erneut zu keckern, nachdem die Männer nicht mehr schossen. Offenbar hatte sich de Figuera doch noch durchgesetzt. Marija konnte die Verfolger hören. Hunde hatten sie nun wenigstens keine mehr dabei. Sie waren ebenfalls nur auf ihre Augen angewiesen und auf die Fußabdrücke, die Marija und Aja auf dem feuchten Regenwaldboden hinterließen, und die sofort mit Wasser vollliefen. Lauter kleine verräterische Pfützen.

Doch dann wurde der Bewuchs wieder dichter. Ein Zeichen dafür, dass sie sich einem Flusslauf näherten. So viel hatte die Gebirgsjugoslawin schon herausbekommen. Bald darauf hörte sie ihn rauschen. Zielstrebig kämpfte sich das Indiomädchen ihm entgegen. Für irgendeinen Wortwechsel war bisher noch nicht die Zeit gewesen. Aber worüber hätten sie auch schon reden sollen? Dass es ihnen dreckig ging, und dass ihnen der Tod im Nacken saß?

Schließlich standen sie an einem Gewässer, eigentlich nur ein etwas breiterer Bach. Trotzdem konnten sie die Distanz zum anderen Ufer nicht mit einem Sprung überwinden. Im Wasser schwammen alte, borkige Baumstämme. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte Marija sie als Krokodile. Die größten wurden bis zu fünf Metern lang, wie sie mittlerweile ebenfalls wusste. Sie hatte unter Ajas Anleitung einen Schnellkurs im Überleben durchgemacht.

Auch das Indiomädchen musste die Biester gesehen haben.

»Nix tun«, sagte sie und hopste in das Flüsschen, und ein Bad konnte sie ja nun wirklich vertragen, auch wenn sich Marija inzwischen an ihr etwas strenges Parfüm gewöhnt hatte. Sie selbst roch bestimmt auch nicht nach Rosen, obwohl sie irgendwann einmal gebadet worden sein musste. Immer mehr Bilder waren mit der Zeit gekommen. Sie erinnerte sich jetzt, dass man sie zusammen mit einem guten Dutzend anderer Mädchen an Deck eines Bootes getrieben hatte, wo man sie mit einem Schlauch abspritzte. Bevor man ihnen die nächste medizinische Spritze setzte. Mit irgendeinem Teufelszeug im Glaskolben. In den nackten Po.

Seltsam. Jasna war nicht dabei gewesen.

Mittlerweile hatte Aja das andere Ufer erreicht und kletterte eben wieder ans Trockene. Da überwand sich auch das Yugo-Girl, obwohl ihr das Herz bis in den Hals und an die Schläfen pochte. Den Colt und die Reservemunition hielt sie hoch über den Kopf. Das Wasser reichte ihr nur bis zu den Brüsten. Die Krokodile - oder waren es Alligatoren? - ließen sich von der Planscherei Gott sei Dank nicht aus ihrer Ruhe stören.

Das Indiomädchen half ihr die leichte Uferböschung hinauf. Aja war verdammt kräftig. Man sah es ihr nicht an. Ihre Stammesschwestern schleppten Lasten von 50 Pfund und mehr in Körben, die sie auf dem Rücken trugen und mit einem Stirnband befestigten. Feldarbeit war bei den Waika Frauenarbeit.

»Jetzt tun«, sagte das Indiomädchen und wies mit der einen Hand auf die dösenden Reptilien und mit der anderen auf die Waffe.

»Auf eines dieser Tiere schießen?«, fragte Marija.

Aja schüttelte heftig den Kopf. »Si, si. Jetzt tun.«

Die Jugoslawin kapierte und nahm sorgfältig Ziel. Sie wählte eines der Krokodile aus, das ihr älter erschien als die anderen. Dann drückte sie ab. Die Feuerlanze stach, sie traf das Tier genau zwischen die Augen, die allein über den lehmgelben Wasserspiegel ragten.

Nun allerdings, nachdem der Tod eingekehrt war, kam Leben in das Flüsschen. Ein mächtiger geschuppter Schwanz peitschte hoch, schlug den Bach. Das Wasser brodelte, die anderen Reptilien entschlossen sich allem Anschein nach, nicht mehr satt zu sein. Aufgeregt fielen sie über ihren unglücklichen Kollegen her, schlugen ihm ihre langen Fänge mit den nach hinten stehenden Zähnen in den Leib. Zähne hatten sie sogar auch noch am Gaumen. Sie feierten blutige Mahlzeit.

»Jetzt weiter!«, befahl das Indio Mädchen. »Krokos nicht mehr schlafen. Aufpassen für uns.«

Sie hatte verteufelt gute Ideen, diese Aja. Vlatko de Figuera und seine Leute waren aufgehalten, und auf dieser Seite des Baches war auch der Boden nicht mehr so feucht. Zuerst blieben nur die Pfützen aus, dann gerieten sie an eine leichte Steigung, und ab und zu schimmerte gewachsener Fels zwischen den Moospolstern.

»Als Kind mal da gewesen«, bedeutete die Indio der Jugoslawin. »Früheres Shabona nicht weit von hier.«

Marija wusste inzwischen auch über die Siedlungsformen der Yoanama Bescheid. Sie wohnten in Runddörfern, die aus der Vogelperspektive kleinen Wanderzirkussen glichen. Unter Palmdächer am Rand lebte Familie an Familie ohne jede trennende Zwischenwand und auch ohne jede Intimsphäre. Dort genossen sie auch ihr Rauschgift, das sie »Ebena« nannten und das sie aus der Rinde des Nakoana-Baumes gewannen. Sie pusteten sich das grünliche Pulver durch lange Bambusrohre direkt in die Nasenlöcher. Alkohol kannten sie nicht. Doch zu blutigen Schlägereien kam es auch so mit eklatanter Regelmäßigkeit. Deshalb hatte auch kein Yoanama-Dorf mehr als 250 Einwohner. Denn wäre es größer, könnte es den inneren Frieden nicht bewahren. So kam es bei einer »Überbevölkerung«, zu Abspaltungen, denen in der Regel Streit vorausging. Und so wurde »das grimmige Volk« in blutige Fehden mit seinen eigenen Verwandten verstrickt.

Ein Teil dieser Wehrhaftigkeit musste auch auf ihre Frauen abgefärbt haben. Marija hatte ja erlebt, wie bedenkenlos ihre neue Freundin tötete. Vor allem jedoch besaß sie all jenes Wissen, dass man unter diesen Umständen brauchte.

»Dort oben sein Höhlen«, plapperte sie gerade munter weiter. »Dort verstecken und schießen, wenn muss sein. Du gut schießen. Prima. Mach sie alle kaputt, diese Hunde.«

Aja lächelte dabei.