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„Hast du schon davon gehört, dass die Polizei von Baltimore einen Typen verhaftet hat, der im Internet dazu aufgerufen haben soll, Coach Moore zu kidnappen und ihr Gott weiß was anzutun?“

Hawke blickte auf und fixierte Blake O’Neill, der sich gerade anzog und mit Ian Carlisle sprach, der sich ebenfalls anzog und für das heutige Spiel fertig machte. Da Blake ihm den Rücken zugedreht hatte, schien er nicht zu bemerken, dass Hawke zuhörte und es nicht erwarten konnte, dass Blake weitersprach.

Von einer Festnahme wusste Hawke nichts, aber er kam nicht umhin, Erleichterung zu verspüren, dass etwas gegen die Drohungen getan wurde, die Izzie erhalten hatte. Auch wenn sie nicht mehr zusammen waren, konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass ihr etwas passieren könnte, und wenn er jetzt in Baltimore wäre und nur fünf Minuten allein mit diesem Mistkerl hätte, könnte er nicht dafür garantieren, ihn nicht ernsthaft zu verletzen.

Wie es aussah, war Izzie zur Vernunft gekommen und hatte sich dazu entschieden, gegen die Drohungen vorzugehen. Vielleicht würde Hawke jetzt endlich ruhiger schlafen können, wenn er wusste, dass sie in Sicherheit war.

„Was? Bist du sicher?“, fragte Ian mit fassungsloser Stimme. „Sie wurde bedroht?“

„Ich habe es heute Morgen im Radio gehört. Es klang verdammt ernst. Anscheinend hatten diese Arschlöcher etwas dagegen, dass eine Frau im Trainerstab eines NFL-Teams sitzt, und sind deshalb eskaliert.“

„Was für dämliche Wichser.“

Ian sprach Hawke aus der Seele.

„Der Verein hat sogar eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der steht, dass Footballfans hier nicht willkommen sind, wenn sie zu Gewalt gegen jemanden von uns aufrufen. Einige der Kommentare und Drohungen müssen ziemlich heftig gewesen sein. Da draußen rennt eine Menge kranker Typen herum. Und ein paar von denen denken, dass Frauen, die in der NFL arbeiten, der Untergang des Footballs sind.“ Blake schnaubte wie ein Stier.

„Scheiße“, murmelte Ian verächtlich. „Hoffentlich kriegen diese Mistkerle das, was sie verdienen.“

Das hoffte Hawke auch.

„Wenn das so ist, sollten wir uns heute noch mehr ins Zeug legen als sonst, um diesen Pennern zu beweisen, wie fabelhaft ein Team unter einem weiblichen Coach spielen kann.“ Dieser Vorschlag kam von Blake.

Hawke unterdrückte ein Lächeln und schaute auf den Boden vor sich, weil er nicht wollte, dass die beiden ihn dabei ertappten, wie er sie belauschte. Für Izzie freute es ihn, dass seine Teamkollegen mittlerweile fest an ihrer Seite standen und kein Problem mehr damit hatten, Anweisungen von einer Frau entgegenzunehmen. Das galt ebenso für ihn, denn er hatte schon vor langer Zeit begriffen, dass Izzie ein außergewöhnlich guter und talentierter Coach war. Auch die anderen Spieler des Vereins hatten dies erkannt und schätzten Izzie nicht nur für ihre Fähigkeiten beim Pokern, sondern vor allem für ihre Leidenschaft für den Football.

Sie gehörte nun zum Team. Und die wichtigste Regel im Football war, dass man seine Teamkollegen nicht im Stich ließ. Deshalb wunderte es Hawke nicht, dass Blake und Ian davon sprachen, sich den Arsch aufzureißen, um zu beweisen, dass ein Team unter einem weiblichen Coach Höchstleistungen erbringen konnte.

Schweigend zog er sich an und erinnerte sich an ihre Worte, als sie davon gesprochen hatte, beweisen zu müssen, dass eine Frau gut genug für die NFL war und in die Liga gehörte. Das Bedürfnis, jemanden von sich zu überzeugen und sich selbst unter Beweis zu stellen, verstand er, immerhin war ein solches Verlangen jahrelang seine eigene Triebfeder gewesen.

Er wollte, dass Izzie sich und allen Kritikern bewies, dass sie das Zeug für die NFL hatte und hierhergehörte. Dafür würde er sich so lange den Arsch aufreißen, bis alle Welt von ihr und ihrem Talent überzeugt war. Eine zweite Pressekonferenz wie die vor zwei Wochen, in der Izzie am Pranger gestanden hatte, würde er nicht noch einmal ertragen.

Er würde es kein zweites Mal aushalten, wie die Frau, die er vom ganzen Herzen liebte, fertig- und kleingemacht wurde.

Hawke dachte noch darüber nach, als er angezogen war und die Coaches die Umkleide betraten, um die Spieler auf das Spiel einzuschwören und letzte Anweisungen zu geben. Er spürte Izzies Anwesenheit, bevor er sie sah, und bemerkte, dass sie auf ihn zukam. Beim Anblick ihrer offenen roten Haare und der dunkelblauen Winterjacke, die sie sich wegen der frostigen Kälte, die draußen herrschte, angezogen haben musste, wurde ihm unerklärlicherweise warm ums Herz.

„Hey.“ Sie lächelte ihn an und blieb vor ihm stehen.

„Hey“, entgegnete er wenig geistreich und konnte nicht anders, als sie anzustarren, während sein Herz schneller schlug als zuvor. Gott, er vermisste sie wie verrückt.

„Bist du fit?“, wollte sie von ihm wissen und stand so nah vor ihm, dass er ihren Duft einatmen konnte. Sie roch lieblich und frisch und erinnerte ihn schlagartig daran, wie er ihren Geruch jeden Morgen beim Aufwachen in der Nase gehabt hatte. Er hatte sich verdammt glücklich geschätzt, sie beim Aufwachen im Arm zu halten und sie einfach nur anzusehen.

Hawke nickte und schaute ihr in die Augen, die so sanft wirkten, dass seine Knie weich wurden. „Ich bin topfit“, erwiderte er heiser und spürte ein Kribbeln in seinen Fingerspitzen, weil er sie unbedingt berühren wollte. Anstatt diesem Bedürfnis nachzugeben, räusperte er sich und wollte leise von ihr wissen: „Du hast rechtliche Schritte gegen diese Idioten eingeleitet, die dich bedroht haben?“

Ihre Miene blieb sanft, als sie nickte. „Ja, das habe ich. Mittlerweile kümmert sich die Polizei darum.“ Sie lächelte ihn schüchtern an. „Wenn ich ehrlich bin, ist mir wohler zumute, seit ich weiß, dass etwas gegen diese hässlichen Kommentare, Nachrichten und Drohungen getan wird.“

„Mir auch“, entgegnete er ehrlich. „Mir ist auch viel wohler zumute.“

Izzie sah ihm lange in die Augen, bevor sie ihm zuraunte: „Danke, dass du dir Sorgen um mich machst, Hawke. Ich weiß, dass ich auf deine Besorgnis falsch reagiert habe, aber du sollst wissen, dass sie mir viel bedeutet.“

Er musste tief Luft holen, weil sein Atem wie abgeschnürt war. „Izzie.“

Ihre Stimme war noch heiserer als sonst. „Du bedeutest mir viel – mehr als ich in Worte fassen kann. Und es tut mir schrecklich leid, dass du daran zweifeln musstest, Hawke. Ich werde niemals zulassen, dass du jemals wieder an mir oder meinen Gefühlen zu dir zweifeln musst.“

Scharf atmete er ein, während sich seine Brust weitete. Er war wie erschlagen von dem, was er soeben gehört hatte, und fragte fassungslos nach: „Was … was willst du mir damit …?“

„Alle herkommen“, brüllte John Brennan ausgerechnet in diesem Moment durch die Kabine. „Ich habe euch etwas zu sagen!“

Izzie zwinkerte Hawke zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm zu: „Auch wenn du es nicht nötig hast: Viel Glück, Baby. Ich weiß, dass du großartig sein wirst.“ Und dann beugte sie sich zu ihm und küsste ihn auf den Mund.

Hawke war so verwirrt und perplex, dass er den Kuss nicht erwiderte, sondern wie erstarrt vor ihr stand. Er bemerkte lediglich den neugierigen Blick von Graham Carter neben ihm, als Izzie den Kuss beendete, ihn anlächelte und sich zu den übrigen Coaches gesellte, die vermutlich alle mitbekommen haben mussten, wie sie ihn geküsst hatte.

In seiner Brust flatterte etwas, und sein Magen kribbelte ohne Unterlass, während er versuchte, Johns Ansprache zu lauschen und sich darauf zu konzentrieren, anstatt über den Kuss und vor allem über ihre Worte nachzudenken und in Izzies Richtung zu starren. Tatsächlich hätte John auch Klingonisch oder Elbisch reden können – Hawke hätte es vermutlich nicht einmal bemerkt.

Was hatte sie gemeint, als sie davon sprach, es niemals wieder zuzulassen, dass er an ihr oder an ihren Gefühlen zu ihm zweifeln könnte?

Ein Funke Hoffnung glomm in ihm auf und sagte ihm, dass vielleicht alles zwischen ihnen gut werden würde. Jedoch musste Hawke diese Gedankengänge beenden, weil das Team die Umkleide verließ, um das Spiel zu bestreiten.

Nur unter allergrößten Mühen schaffte er es, nicht über seine eigenen Füße zu stolpern, als er zusammen mit seinen Teamkollegen durch den Spielertunnel rannte und im Stadion von Tausenden frenetisch jubelnden Fans begrüßt wurde.

Die Atmosphäre war atemberaubend und erinnerte Hawke daran, warum er seinen Job so sehr liebte. Hier auf dem Feld zu stehen und von Fans angefeuert zu werden, hatte er schon immer geliebt. Ein paar dieser Fans wurden auf den Großbildschirmen des Stadions gezeigt, nachdem sie vor dem Spiel ihre Glückwünsche und Botschaften ans Team in eine Kamera gesprochen hatten. Da die Geräuschkulisse enorm war, liefen Untertitel mit, auf die Hawke eigentlich gar nicht achtete. Meistens beachtete er diese Fan-Botschaften nicht, weil er sich auf das Spiel konzentrierte, das in wenigen Minuten angepfiffen werden sollte.

Weil Izzie jedoch in Richtung der Großbildschirme starrte, folgte er ihrem Blick und traute seinen Augen nicht.

Direkt über ihm auf einer über einhundert Quadratmeter großen Leinwand wurden Nicky, Marcus, Maggie und Alison eingeblendet, die allesamt ein Titans-Trikot mit seiner Spielernummer trugen und etwas in die Kamera riefen, was er akustisch zwar nicht verstand, jedoch in den Untertiteln lesen konnte.


Hawke, du schaffst das! Wir glauben an dich. Deine Familie


Unversehens hatte er einen Kloß im Hals und drehte den Kopf langsam in Richtung Izzie, die ihn unter Tränen anlächelte und zur Tribüne hinter ihm deutete. Als er ihrem Blick folgte, sah er ihre Schwester mit deren Mann, ihre Großmutter und die kleine Alison, dick eingepackt in einen blauen Skianzug, in der untersten Reihe sitzen und ihm zujubeln. Sie alle trugen besagte Trikots über ihren Jacken, auf denen seine Spielernummer und sein Nachname zu sehen waren.

Tief holte er Luft und kämpfte gegen die eigenen Tränen an, die ihm in die Augen steigen wollten.

Dies hier könnte das letzte Spiel seiner Karriere sein, wenn die Titans heute verloren, und vielleicht würde es das erste sein, bei dem er in Tränen ausbrach.

Noch nie hatte jemand für ihn auf der Tribüne gesessen und ihn angefeuert. Schon auf der Highschool war niemand aus seiner Familie gekommen, um ihn spielen zu sehen. Er war immer allein gewesen.

Aber jetzt war er es plötzlich nicht mehr.

„Was hältst du davon?“ Izzie stand mit einem Mal neben ihm und umfasste seine Hand.

Hawke befürchtete, dass ihm die Stimme versagte. Er schluckte und schaute auf sie herab. „Hast du sie nach New York geholt?“

„Ja.“ Auch ihre Stimme wackelte gefährlich.

„Warum?“, flüsterte er ihr zu.

„Weil ich dir zeigen wollte, dass du nicht mehr allein bist und eine Familie hast, die hinter dir steht – Nicky, Marcus, Grandma, Alison. Und ich.“ In ihren grauen Augen schwammen Tränen. „Wir sind deine Familie und werden dich nicht verlassen. Ich werde dich nicht verlassen, Hawke. Nie wieder“, fügte sie leise hinzu und drückte seine Hand. „Ich liebe dich. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.“

Um sie beide herum war es laut und voll und das Spiel würde gleich angepfiffen werden, aber Hawke hatte nur Augen für Izzie, die ihn so hoffnungsvoll ansah, dass ihm ganz schwindelig war.

Er drehte sich zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Wange. „Ich liebe dich auch – von Anfang an.“

Eine Träne löste sich aus ihrem rechten Augenwinkel und rollte über ihre Wange. „Wirklich?“

Hawke nickte. „Vom ersten Moment an.“

Izzie lachte und schluchzte gleichzeitig.

Tröstend zog er sie an sich und küsste sie auf den Mund.

Den ansteigenden Lärm, das Gejohle und den Applaus, die gleich darauf erklangen, ignorierte er und küsste Izzie mit so viel Gefühl, dass sie einfach wissen musste, wie sehr er sie liebte.

„Ich werde immer deine Familie sein“, flüsterte sie gegen seine Lippen. „Mich wirst du nicht mehr los.“

Leise lachte er auf und legte den Kopf zurück, um ihr ins Gesicht zu sehen, während er von Glücksgefühlen überschwemmt wurde, die er nicht einmal dann verspürt hatte, als er seinen ersten Superbowl gewonnen hatte.

Apropos Superbowl …

„Was sagst du, Coach Moore?“ Er zwinkerte ihr zu. „Sollen wir jetzt dieses Spiel gewinnen, um dem Superbowl einen Schritt näher zu kommen?“

„Nicht Coach Moore“, korrigierte sie ihn und schluckte. „Ich … ich wäre lieber Coach Reynolds.“

Hawke brauchte drei Ansätze, um zu entgegnen: „Ist das etwa ein Heiratsantrag?“

„Und wenn es einer wäre?“ Ihre Wangen röteten sich zart.

Seine Mundwinkel zuckten. „Dann würde ich ein bisschen mehr Romantik erwarten, schließlich bin ich damals vor dir auf die Knie gegangen. Erinnerst du dich nicht mehr?“

„Doch, das tue ich.“ Izzie schlang ihm die Arme um den Hals und versprach ihm: „Wenn du das heutige Spiel gewinnst, bekommst du den romantischsten Antrag aller Zeiten. Versprochen.“

Hawke grinste und presste seine Stirn gegen ihre. „Dein Wunsch ist mir Befehl, Coach.“