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Um nicht zufällig gesehen zu werden, blieb Siegfried Gartlinger die meiste Zeit im Haus, während Bärbel draußen arbeitete. Siegfried hatte gesagt, er rechne damit, dass der Polizist schon bald auf der Schafalm erscheinen würde - und da war er schon! Die Sennerin fiel aus allen Wolken, als sie ihn sah. Sie war gerade im Begriff, dicke Salzringe, an denen die Rinder schlecken konnten, aufzuhängen, als Hubert Finkbach plötzlich auf sie zukam.

Bärbels Herz krampfte sich unwillkürlich zusammen. Gefahr! Gefahr! Wie sollte sie Siegfried warnen? Sie konnte nicht in Richtung Hütte rufen: "Siegfried, der Polizist ist da! Lauf weg! Bring dich in Sicherheit!"

Was tun? Was tun? Herrgott, was sollte sie jetzt tun? In diesem aufwühlenden Augenblick war guter Rat sehr teuer. In Bärbels Kopf überschlugen sich die Gedanken.

Sie würde dem Polizisten ihren unschuldigen Schützling nicht ausliefern. Man hatte der Gerechtigkeit damals vor zwei Jahren eine schallende Ohrfeige gegeben.

Dazu durfte es nicht noch einmal kommen. Menschen, die nichts getan haben, darf man nicht einsperren!, dachte Bärbel kriegerisch. Das lasse ich nicht zu! Sie war darum bemüht, sich ihre große Erregung nicht anmerken zu lassen. Vielleicht schaffte sie es, den übereifrigen Polizist, der nicht treu sein konnte, gleich hier draußen abzufertigen.

Es musste ihr gelingen, sonst stand es schlecht um den Gartlinger-Siegfried. Wenn der Polizist ihn in der Hütte entdeckte, nahm die Ungerechtigkeit ein zweitesmal ihren Lauf.

Hubert erreichte sie und blieb keuchend stehen. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht. "Der Weg hat's in sich."

Bärbel musterte ihn kühl. "Warum hast du ihn dir nicht erspart? Es hat sich nichts geändert. Ich will dich noch immer nicht sehen."

"Ich bin heute dienstlich hier", eröffnete er ihr.

Sie machte große Augen, tat so, als wäre sie mächtig beeindruckt. "Oh. Dienstlich. Willst mich etwa verhaften?" Sie streckte ihm ihre Hände entgegen. "Wo hast du deine Handschellen?"

"Der Gartlinger-Siegfried ist ausgebrochen", sagte Hubert Finkbach sehr ernst.

"Aus dem Gefängnis? Wie hat er denn das angestellt?"

Der junge Polizist sagte es ihr.

"Raffiniert", stellte die Sennerin fest. "Und jetzt suchst du ihn?"

Hubert nickte. "Ja."

"Bei mir? Auf der Schafalm? Er wird doch nicht so dumm sein, nach Sonnleiten zurückzukehren. Er kann überallhin gegangen sein."

"Er kennt sich nirgendwo besser aus als in dieser Gegend", sagte Hubert. "Hier kennt er tausend Möglichkeiten, sich zu verstecken - und eine davon ist die Schafalm."

"Er ist nicht hier", behauptete die Sennerin.

"Bestimmt nicht?"

"Wenn ich's sage."

"Darf ich mich in der Hütte umsehen?", fragte der Polizist und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dichtes blondes Haar.

"Glaubst du mir etwa nicht?", fragte Bärbel spitz. "Warum sollte ich dich belügen?" Merkte Hubert, dass sie nicht die Wahrheit sagte? War sie nicht glaubhaft genug?

"Bitte, Bärbel", sagte Hubert eindringlich, "ich muss in die Hütte reinschauen."

Sie kniff die Augen zusammen. "Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, du könntest damals einen Unschuldigen festgenommen haben? Der Gartlinger-Siegfried hat bis zuletzt beteuert, mit dem Tod des Poldinger-Sepp nichts zu tun zu haben."

"Er hat bis zuletzt gelogen", erklärte Hubert kalt.

"Woher willst du das wissen?"

"Ich kenne den Gartlinger-Siegfried. Der ist imstande, dir eine runterzuhauen, dass du die Engel singen hörst, und es hinterher auf Mord und Brand abzustreiten."

"Ich habe den Gartlinger-Siegfried vor zwei Jahren zum letztenmal gesehen."

"Gehst du mit mir in die Hütte?" Huberts Beharrlichkeit ging ihr auf die Nerven.

"Es ist nicht aufgeräumt", sagte Bärbel mit schwindender Hoffnung, ihn davon abhalten zu können, die Hütte zu inspizieren.

Der Polizist zuckte mit den Achseln. "Das stört mich nicht. Du darfst das nicht persönlich nehmen, Bärbel..."

"Ich nehm's aber persönlich."

"...Es ist meine Pflicht, mich in der Hütte umzusehen. Wenn ich nach Sonnleiten zurückkehre und man mich fragt, ob ich in die Hütte reingeschaut habe, muss ich reinen Gewissens ja sagen können."

"Ach, auf einmal ist dir ein reines Gewissen wichtig", sagte sie spöttisch, "aber auf dem Kirchweihfest..."

"Ich bereue aus tiefstem Herzen, was da passiert ist, das kannst du mir glauben", sagte Hubert sehr ernst. "Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen, aber das ist leider nicht möglich, und ich muss mit der ungerechtfertigt hohen Strafe, die mir das Schicksal auferlegt hat, leben."

War es möglich, ihm den Zutritt zur Hütte zu verwehren? Brauchte er nicht so etwas wie einen richterlichen Beschluss, damit er sie zwingen konnte, ihn in die Hütte zu lassen? "Eine ungerechtfertigt hohe Strafe nennst du das?", sagte sie, um Zeit zu gewinnen. Sie musste nachdenken. Sie brauchte irgendeine rettende Idee.

"Ich war so gut wie besinnungslos, als es passierte", sagte Hubert.

"Aber körperlich warst du noch gut in der Lage, es zu vollziehen", sagte Bärbel ätzend.

"Ich hab nichts gespürt und nichts mitgekriegt, das kann ich dir nur immer wieder versichern."

"Du hast es getan. Mit Constanze. Mit Constanze!"

Hubert nickte deprimiert. "Ich leide und büße dafür sehr schwer."

Jetzt ließ er sich nicht länger aufhalten. Er setzte sich in Bewegung und ging mit entschlossener Miene und festem Schritt an der Sennerin vorbei. Tu was!, schrie es in ihr. Mein Gott, so tu doch etwas! Halt ihn auf! Er darf Siegfried nicht finden!

Wie zur Salzsäule erstarrt stand sie da und blickte ihm nach. Er ging und ging und ging - und sie war nicht imstande, ihn daran zu hindern. Zehn Schritte befand er sich nur noch von der Sennhütte entfernt... Siegfried wird sich nicht einfach festnehmen lassen, dachte Bärbel. Neun Schritte... Siegfried wird sich wehren. Acht Schritte... Er wird um seine Freiheit kämpfen. Sieben Schritte... Es wird zu einer schweren tätlichen Auseinandersetzung kommen. Sechs Schritte... Wer wird den Kampf gewinnen? Fünf Schritte... Siegfried? Vier Schritte... Hubert? Drei Schritte... Würde es wieder einen schlimmen Unfall geben? Zwei Schritte... Bärbel schüttelte ihre Lähmung ab. Ein Schritt... Die Sennerin rannte los, der Polizist betrat die Hütte und Bärbel dachte bestürzt: Jetzt ist alles aus.