An dem Tag, an dem sie ihr Visum erhielt, kam sie nach Hause und sah, dass alle Bilder auf dem Kaminsims zur Wand gedreht waren. Ihr war nicht danach, sie zu berühren. Von vorn hatten sie gut ausgesehen, wenn sich das Licht im matten Nickelrahmen spiegelte; ihre Rückseiten aber zeigten, wie billig sie waren. Graue, gestanzte Pappe, kaum dicker als Papier. Das waren keine heiligen Reliquien; Bedeutung besaßen sie nur für drei Leute unter all den ungezählten Milliarden, Gläubigen wie Ungläubigen. Und jetzt nicht mal mehr für diese drei.
Sie fand ihre Mutter im Schlafzimmer bei den Ridgebacks und dem Pitbull. Es roch nach kaltem Rauch, Lysol und Bier. Die Hunde hoben den Kopf, sobald sie die Tür öffnete, ihre Mutter aber rührte sich nicht und starrte, beide Hände schlaff im Schoß, aus dem Fenster in die Sackgasse. Auf dem ärmellosen T-Shirt stand SANTA ROSA RAZZIA. Steif saß sie da, sittsam, auf der dicken Doppelbettmatratze, die nackten Füße fest auf den Boden gestemmt. Ihre Haltung war die einer Wartenden, einer Bittstellerin. Die junge Frau am Fußende des Bettes musterte das stolze, verfallene Profil und versuchte wie so oft, eine Ähnlichkeit zu entdecken. Zum ersten Mal in ihrem Leben, in all ihren achtzehn Jahren, brauchte sie nicht zu raten, was ihre Mutter hören wollte.
—Es ist angekommen, sagte sie.
—Was denn?
—Das weißt du doch. Mein Visum.
Ihre Mutter machte eine abschätzige Geste.
—Ich habe schon geglaubt, es käme nicht mehr rechtzeitig. Dachte ich wirklich. Und wenn es nicht gekommen wäre …
—Du hast gesagt, du bist um fünf wieder zu Hause. Um fünf Uhr spätestens. Das hast du gesagt, und ich habe meinen ganzen Tag danach eingerichtet.
Sie sah hinab auf den Pitbull. —Ich komme spät, ich weiß. Bin noch durch die Gegend gefahren.
—Denk nicht, ich weiß nicht, wo du gewesen bist, Aden Grace. Halte mich bloß nicht für eine, die Kacke nicht von Karamell unterscheiden kann.
—’tschuldige. Sie kraulte den Pitbull zwischen den Ohren. —Ich will dir ja gar nichts verheimlichen, Mom. Bin nur aufgeregt, weißt du. Bin vielleicht sogar …
—Ich habe dich gebeten, mich nicht anzulügen. So viel Entgegenkommen bist du mir schuldig. Findest du nicht? Und ich habe dich gebeten, mein Leben nicht komplizierter zu machen, als es ist.
—Morgen um diese Zeit bin ich weg, sagte die junge Frau. —Ich schätze, das macht so manches weniger kompliziert.
Ihre Mutter wandte sich zu ihr um. —Glaubst du vielleicht, ich zähle die Minuten, bis du in diesem Flugzeug sitzt? Schau mich an, Aden. Glaubst du das wirklich?
—Nein, glaube ich nicht.
—Dann ist’s ja gut.
—Ich glaube, du wartest nur darauf, dass das Schlimmste geschieht.
Ihrer Mutter entfuhr ein abgehacktes Lachen. —Dein alter Dad hat mir mal das Gleiche gesagt. Weißt du, was dein Problem ist, Claire, hat er gesagt. Du rechnest immer mit dem Schlimmsten. Mit dem Schlimmsten bei einer Person, dem schlimmsten Ende der jeweiligen Situation. Wieder lachte sie. —Dem schlimmsten Ende der jeweiligen Situation. Genau das waren seine Worte.
—Du bist betrunken.
—Hundert Punkte, meine Kleine. Darfst dir was drauf einbilden.
—Ich hätte es dir nicht mal sagen müssen. Schließlich bin ich alt genug. Ich könnte auch einfach meine Sachen packen und zur Tür hinausspazieren.
—Aber genau das tust du doch, wenn ich mich nicht täusche. Spazierst einfach zur Tür hinaus. Oder habe ich irgendwas nicht mitbekommen?
Das Licht über der Sackgasse wallte trübe gegen den Hügel und glomm in der pollendämmrigen Luft, derselben Luft, in der sie sich von klein auf bewegt und die sie ihr Leben lang geatmet hatte. Ein Kolibri umflog den leeren Futterspender am Pool. Er war schon seit Tagen leer. Sie fragte sich, wie oft der kleine leuchtende Vogel noch wiederkommen würde.
—Versuch dran zu denken, den Spender wieder aufzufüllen, sagte sie.
Ihre Mutter fuhr sich mit drei Fingern durchs Haar. —Triffst du ihn, bevor du verschwindest? Gehört das zu deinem Plan?
—Weiß nicht.
—Du weißt nicht gerade viel, oder?
—Kann sein, dass ich noch bei ihm vorbeigehe.
—Ich habe dich nie gefragt, woher du das Geld für dein Ticket hast. Schätze, ich sollte die Antwort kennen.
—Du irrst dich. Ich habe ihn Weihnachten um Geld gebeten, aber er hat gesagt, das liegt außerhalb seiner Obvenienz.
—Seiner was?
—Genau das hat er gesagt. Er meinte, ich soll nach Hause gehen und das Wort nachschlagen.
—Tja, typisch unser Professor. Sie hüstelte in die Faust. —Aber ich sage dir was, ich wette, dein Lebensplan geht ihm runter wie Öl. Bestimmt fühlt er sich bestätigt und gerechtfertigt.
—Er hat keinen Grund, sich deshalb irgendwie zu fühlen. Nichts von dem, was ich vorhabe, geschieht seinetwegen.
—Was glaubst du eigentlich, mit wem du sprichst, Aden? Denkst du, du könntest mir was vormachen?
—Ich sage es nur so deutlich wie möglich, aber wenn du es nicht kapieren willst, kann ich dir auch nicht helfen.
—Wer Ohren hat, der höre, erwiderte ihre Mutter.
—Ganz genau.
—Stammt allerdings aus einem anderen Buch, nicht aus dem in deiner Tasche. Sie krallte sich mit den Zehen in den Teppich. —Das Buch hätte ich dich auswendig lernen lassen sollen.
—Versucht hast du es ja, sagte die junge Frau.
—Hast du gemerkt, wie? Immerhin etwas.
—Es ist nicht deine Schuld, dass ich so geworden bin. Sie knabberte an ihrem Daumennagel. —Du hast getan, was du konntest.
Ihre Mutter wandte sich vom Fenster ab. —Ich bin müde. Geh, lass mich allein.
—Nur wenn du mir versprichst, dass du schläfst.
—Ich schlafe, wenn ich so weit bin. Sie streckte den Rücken und zündete sich eine Zigarette an. —Kann nicht behaupten, dass mir dein gottverdammtes Getue fehlen wird.
Als die junge Frau sich zum Gehen wandte, donnerte ein Flugzeug über sie hinweg. Das Haus lag in der Flugschneise des San Francisco Airports, und sie hatte die vorüberfliegenden Flugzeuge seit jeher gemocht. Es war ein lieblos gebautes Haus, billig wie die Bilderrahmen auf dem Kaminsims, doch wenn es erbebte, fühlte sie sich von der Welt weniger getrennt.
—Ich gehe spazieren, sagte sie. —Bin in einer Stunde zurück. Dann mache ich uns was zum Abendbrot.
—Wie du meinst.
—Er hat keinen Penny bezahlt. Ich habe es mir von meinem Lohn abgespart. Und die Kirche hat mir einen Rabatt auf das Ticket gegeben.
—Nenn das nicht Kirche. Es gibt ein Wort für den Ort, an den du willst. Selbst ich kenne das Wort.
—Du kannst es aus deinem Gedächtnis streichen, sobald ich weg bin, sagte die junge Frau.
Licht fiel auf das Gesicht ihrer Mutter, als sie die Tür hinter sich zuzog. Starr, stolz und stoisch, aufs Schlimmste vorbereitet. Und endlich sah sie die Ähnlichkeit.
Sie folgte dem Hidden Valley Drive zum Friedhof, vorbei an Carmen’s Burger Bar, an Ramirez’ Pawn N Carry, dann die Pacific hoch zum Junior College. Auf der Mendocino blieb sie vor einem Schaufenster stehen, hielt sich eine Hand an die Augen, um nicht geblendet zu werden, und schaute durch die Scheibe. Eine Pyramide von Mobiltelefonen, lederne Schutzhüllen für die Handys, dazu die passenden Gürtelclips aus Plastik. Sie stellte sich eine Welt vor, in der sie diesen Laden betrat – in der sie arbeiten und sparen würde, um sich eines der Angebote kaufen zu können –, und es war keine Welt, in der sie gern leben wollte.
Ein paar Typen aus der Schule gingen vorbei und feixten, und Aden gestattete sich ein letztes Mal den Luxus, sie sich tot vorzustellen. Sie beobachtete sie in der Fensterscheibe, bis sie außer Sichtweite waren, dann prüfte sie ihr eigenes Spiegelbild, schmal, doch kerzengerade in ihrem weißen Salwar Kamiz. Kein Mädchen, kein Junge. Nur ein Geist in einem Körper. Sie fühlte einen Anflug von Trauer, vielleicht sogar Mitleid, doch ob für sich selbst oder für die Typen, die über sie gelacht hatten, das hätte sie nicht sagen können.
Der Campus war still, dunkel und wirkte so unnatürlich flach wie die für einen Stummfilm gemalte Kulisse. Das Büro ihres Vaters war das einzige, in dem noch Licht brannte. Sie griff nach dem uralten Wachtelefon am Diensteingang, um dann auf Ed Ayckers sanft verschlafene Stimme und den scharfen Doppelton des Summers zu warten. Früher hatte sie das aufregend gefunden, diese heimliche Transaktion: Sie musste dabei an den mit einem Code gesicherten Eingang zu einem Militärgelände, den Tresorraum einer Bank oder an das Besucherzimmer in einem Gefängnis denken.
—Du hast den Hintereingang genommen?, fragte ihr Vater, ehe sie anklopfen konnte.
—So wie immer.
—Mich überrascht nur, dass Ed dich mit diesem Igelschnitt eingelassen hat. Weißt du, an dem kommt nämlich nicht jeder vorbei. Muss ein Zeichen dafür sein, dass du reinen Herzens bist.
—Denselben Witz hast du schon letzte Woche gemacht, sagte sie und nahm einen Stapel Ordner von einem der Stühle.
—Und wenn ich mich nicht täusche, hast du da auch nicht gelacht.
—Schätze, ich habe meine Ansicht nicht geändert.
—Tja, so wird’s wohl sein. Er faltete die Hände, als wollte er beten, ein unbewusst ausgeführtes Salam, eine erst kürzlich angewöhnte Geste. —Ich vermute, du hast deine Ansichten auch in keinem anderen Punkt geändert, wie?
—Ich fliege morgen.
Er ließ die Hände auf den Tisch sinken. —Und deine Mutter? Was denkst du, wie kommt sie damit zurecht?
—Sie hat alle Fotos umgedreht. Selbst die, auf denen du nicht zu sehen bist.
—Stell dich nicht blöd, Aden. Das passt nicht nicht zu dir. Er senkte den Blick auf seine Hände. —Ich meine, wie wird sie mit deiner Reise fertig?
Sie sah ihn eine Weile an, über den großen Teakholztisch mit den abgerundeten Ecken hinweg, der das halbe Zimmer einnahm. Während ihrer Kindheit hatte er sie an seltenen Nachmittagen zum Spielen mit hergebracht, eine Belohnung für gutes Benehmen, und sie war oft unter den alten, knarzenden Holztraufen eingeschlafen. In ihrer Phantasie aber, und manchmal sogar in ihren Träumen, saß sie selbst hinter dem alten Tisch, brütete über Pergamentrollen und schrieb gelehrte Abhandlungen. Mittlerweile fand sie ihn klobig, das Monument einer vergessenen Kultur, ein in der Wüste gestrandeter Ozeandampfer. Es fiel ihr schwer, sich auf das sanfte, zufriedene Gesicht ihres Vaters zu konzentrieren.
—Es ist keine Reise, sagte sie.
—Natürlich ist es das.
—Nicht was du darunter verstehst.
—Nicht? Vielleicht musst du es mir dann erklären.
—Das dürfte unnötig sein. Gerade dir brauche ich nichts zu erklären. Sie schüttelte den Kopf. —Ich fahre jedenfalls nicht hin, Lehrer, um mir irgendwelche Sehenswürdigkeiten anzuschauen.
—Ich habe es noch nie gemocht, wenn du mich so nennst.
—Ich weiß.
Er nickte leicht. —Du fährst in die Emirate, um zu lernen, sagte er schließlich. —Um deine Sprachkompetenz zu verbessern, um mit eigenen Augen zu sehen, worum sich die ganze Aufregung dreht. Das weiß ich zu schätzen. Du bist eine ernsthafte junge Frau, Aden. Eine Fragenstellerin. Warst du schon immer. Er presste die Handflächen aneinander. —Oder gibt es noch einen anderen Grund?
Sie starrte auf den Boden zwischen ihren Füßen, auf die Abdrücke im Teppich dort, wo einmal ein nicht ganz so wuchtiger Tisch gestanden hatte. Und sie fragte sich, wessen Büro dieses Zimmer einmal gewesen war. Sie konnte sich niemand anderen als ihren Vater an diesem Ort vorstellen.
—Hast du noch mal über deine Zukunftspläne nachgedacht?, fragte er. —Über deine Ausbildung?
—Dies wird meine Ausbildung sein.
—Ich habe noch einmal mit Dekan Lawford gesprochen. Er hat sich sehr großzügig bereit erklärt, dir einen Aufschub …
—Das weiß ich doch alles.
—Wenn ich darf, Aden, würde ich gern ein offenes Wort mit dir reden. Er verzog den Mund zu einem Lächeln. —Es war für uns alle eine anstrengende Zeit. Ich war nicht recht bei der Sache, als du mich um Hilfe für dein Abenteuer gebeten hast, und das tut mir leid. Aber inzwischen hat sich die Lage wieder beruhigt, wie du bemerkt haben dürftest, und ich möchte, dass du meine Möglichkeiten nutzt. Ich habe Freunde in Dubai, gute Freunde: Leute, die dir helfen könnten. Hier, ich habe eine Liste aufgesetzt. Er schob ihr eine Karteikarte über den Tisch zu. —Einige Anpassungen wären nötig, wie ich wohl nicht weiter zu erwähnen brauche. Eine ganze Reihe von Anpassungen. Und was dein Ticket für den Rückflug angeht …
—Mach dir deshalb keine Sorgen.
—Meine Liebe, jetzt schau mich doch mal kurz an. Es wäre nicht verkehrt, wenn du dir überlegst …
—Wie geht es übrigens Mrs. Al-Hadid?
Ihm blieb kurz der Mund offen stehen. —Ayah geht es gut, Aden. Danke der Nachfrage.
—Hat Ed Aycker ihr je Ärger gemacht?
—Ich frage mich, wie du mit deinem Arabisch vorankommst, erwiderte ihr Vater.
—Bestens.
—Kannst du die Verse an der Wand hinter mir schon lesen? Die in dem kleinen Messingrahmen?
—Im Namen Gottes, sagte sie, —gnädig zu allen, zu jedem barmherzig.
—Das sind gute Worte, die man nicht vergessen sollte. Insbesondere dort nicht, wo du hinfährst. Ihr Vater hüstelte und rückte sich auf dem Stuhl zurecht. —Gnädig zu allen, wiederholte er mit halbgeschlossenen Augen. —Barmherzig zu jedem.
Man hörte draußen auf dem Flur Studenten, wenigstens ein halbes Dutzend, die in schrillen, überdrehten Tönen miteinander schwatzten. Eine Hand wurde wie zum Gruß gegen die Fensterscheibe gepresst. Zur Antwort nickte sie ihrem Vater zu, ganz wie der es erwartet hatte.
—Gute Worte, die man nicht vergessen sollte, sagte er. —Es gibt einen Grund, warum sie die ersten Worte im Buch sind.
—Ich kenne noch viel mehr Worte.
—Daran zweifle ich nicht.
—Frau und Mann, die Ehebruch begehen, peitscht sie mit hundert Hieben …
—Halt den Mund, sagte ihr Vater. Er klang unbeschwert, fast als amüsierte ihn, was er hörte. —Ich war ein Student der Scharia, lang ehe du auch nur ein Gedanke in dem armen, umnachteten Geist deiner Mutter oder auch dem des Allschöpfers warst. Was du über die Heilige Schrift weißt, passt in ein Eyeliner-Döschen. Und Gott sei deiner Seele gnädig, wenn du mit dieser Einstellung in die Emirate reist.
Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, musterte ihn.
—Was grinst du denn so?
—Eyeliner gibt es nicht in Döschen, sagte sie. —Nur als Sticks.
—Verstehe. Er wippte mit dem Kopf. —Für dich ist das alles ein Spaß.
Sie beobachtete ihn und sagte nichts.
—Was ist mit deinem Liebsten? Hat er auch nur die leiseste Ahnung, worauf er sich einlässt?
—Decker ist ein Freund, mehr nicht.
Er wedelte ungeduldig mit der Hand, eine rasche, abschätzige Geste, die gleiche, die ihre Mutter vor kaum einer Stunde gemacht hatte. —Was sagen denn seine Eltern dazu?
—Ehrlich gesagt, sie sind stolz auf ihn. Unterstützen ihn, meine ich. Sie haben drüben Familie.
Ihr Vater kniff die Augen zusammen. —Mir hat man gesagt, die Yousafzais seien Pakistani.
—Sie sind Paschtunen, antwortete sie. —Von irgendwo nahe der afghanischen Grenze.
—Verstehe. Er behielt sie im Blick. —Irgendwann sind sie nach Dubai ausgewandert. Auf der Suche nach Arbeit, nehme ich an.
Als sie nichts erwiderte, lehnte er sich steif auf seinem Stuhl zurück. Wieder legte er nervös die Hände zusammen.
—Du hattest so schönes Haar. Lockig und dunkel. Und du warst sehr stolz darauf, als du noch klein warst. Er schaute auf seine Hände. —Kannst du dich daran erinnern?
—Kein bisschen.
—Machst du das nur, um uns zu verletzen, Aden? Uns zu bestrafen? Deine Mutter und mich?
Sie sah zu dem Koranauszug über seinem Tisch auf, stellte den Blick unscharf, ließ ihn verschwimmen und sah, wie die Buchstaben sich krümmten und ineinanderkringelten. Diese flüssigen, sinnlichen Buchstaben. Keine Schrift der Welt war schöner anzusehen, keine Sprache schöner auszusprechen. Sie wusste das, und ihr Vater wusste es. Der Unterschied war, dass er nur die Schönheit sah. Sie selbst nahm auch die Trauer wahr, die Duldsamkeit und Hoffnung im Pinselstrich, das Leid, das jeden kalligraphischen Buchstaben formte. Schönheit aber war ihr auffälligstes Merkmal und das bei weitem gefährlichste. Eine Schönheit der Strenge. Schönheit, die kein Pardon kennt. Aden spürte ihre Faszination, und die Schönheit schien ihr endlos zu sein.
—Du glaubst, alles gehe auf dich zurück, sagte sie schließlich. —Alles geschehe deinetwegen, durch dich oder als Reaktion auf etwas Schlechtes, das du getan hast.
—Aden, ich …
—Aber du irrst dich; ich denke gar nicht oft an dich.
Die Studenten wurden lauter, auch zahlreicher, und doch wirkte das Zimmer eher noch abgeschiedener als zuvor, kam ihr dumpf und stickig vor. Die Augen ihres Vaters waren geschlossen, als schliefe er. Die Brust hob und senkte sich. Und als er wieder redete, musste sie sich anstrengen, ihn zu verstehen.
—Es tut mir leid, Liebes. Ich gebe mir wirklich große Mühe, es zu begreifen.
—Ist okay. Ich verzeihe dir. Der erste Teil meines Dschihads …
—Um Himmels willen, Aden, nenne es nicht so.
—Dschihad bedeutet Kampf, nichts weiter. Jede Art von Kampf. Das hast du mir selbst beigebracht. Weißt du nicht mehr?
—Wir leben in einem neuen Jahrhundert. In einer neuen Welt. Er behielt die Augen geschlossen. —Dinge ändern sich.
—Ich verstehe nicht, was das bedeutet.
—Es bedeutet, dass du auch den Rest der Welt in Betracht ziehen solltest, nicht nur Claire und mich. Hörst du, was ich sage? Du musst ihre Angst spüren, ihren Vorurteilen Rechnung tragen. Und du darfst die Ignoranz der Menschen nicht vergessen, Aden. Er seufzte. —Auch deine eigene nicht.
—Das überlass ich den Experten. Das überlasse ich dir.
—Du hörst mir immer noch nicht zu. Ich versuche, dir zu erklären …
—Wenn diese Menschen mich verurteilen wollen, will ich sie nicht daran hindern. Sie tun es sowieso. In der Schule und auch überall sonst. Sogar bei mir zu Hause. Aber davon hast du natürlich keine Ahnung. Sie nickte gedankenverloren. —Versuch nur, mich aufzuhalten, wenn du willst.
—Ich will dich nicht aufhalten, erwiderte ihr Vater angespannt. —Das ist überhaupt nicht meine Absicht.
—Red nicht so herablassend. Das passt nämlich nicht zu dir.
Ehe er antworten konnte, griff sie nach ihrem Rucksack. Ein ausrangiertes Armeemodell, sonnengebleicht und zerschlissen; dunklere Vierecke im Tuch dort, wo einmal die Abzeichen angenäht gewesen waren. Sie hatte ihn am Tag vor Thanksgiving auf dem Dachboden im Haus ihres Vaters gefunden, an jenem Tag, an dem sie beschlossen hatte, ihren Dschihad zu beginnen. Sie setzte sich auf, räusperte sich und hob den Rucksack, damit er ihn sehen konnte, dachte selbst jetzt daran, den Segen ihres Vaters zu erbitten. Seine Augen aber blickten fahl, leer und blind.
—Die Religion, die ich mein ganzes Leben lang studiert habe, lehrt Respekt vor den Älteren, sagte er langsam. —Sie bringt dem Kind bei, die Lehren des Vaters zu achten.
—Nicht wenn der Vater ein Apostat ist.
—Verstehst du wirklich, Aden, was dieses Wort bedeutet?
Sie nickte und stand auf. Da schüttelte er den Kopf, bedauernd und nachdrücklich, fast als wollte er ihr verbieten, auch nur einen weiteren Schritt zu gehen.
—Ich bin mir sicher, du weißt, dass ich dieses Abenteuer mit einem einzigen Telefonanruf beenden könnte. Und je länger ich dir zuhöre, Liebes, desto mehr neige ich dazu, diesen Anruf zu machen.
—Du hast doch dasselbe getan, als du in meinem Alter warst. Und du hast dein Leben lang davon geredet. Eigentlich hast du über kaum etwas anderes geredet.
—Ich war gerade zweiundzwanzig geworden, als ich nach Kandahar fuhr. Zweiundzwanzig, Aden, und nicht kaum achtzehn. Außerdem gibt es da etwas, das weit wichtiger als dein Alter ist.
—Keine Ahnung, wovon du redest.
—Sei nicht so kindisch. In jenem Teil der Welt ist die Bewegungsfreiheit einer Frau deutlich eingeschränkt, wie du sehr wohl weißt. Folglich werden dich einige Enttäuschungen erwarten, Liebes. Eine ganze Menge sogar.
—Tja, Lehrer, da irrst du.
—Wir streiten uns schon wieder. Das möchte ich nicht. Lass uns beide einen Augenblick …
—Ich werde an Orte reisen, an denen du nie gewesen bist. An viele, sehr unterschiedliche Orte. Und ich werde Dinge sehen, von denen du noch nicht einmal geträumt hast.
Sie traf Decker mittags im Flughafenbus. Er trug einen Trainingsanzug, eine Schirmmütze der Giants, und die Sneakers standen neben ihm auf dem Sitz der anderen Gangseite. Seine Sporttasche war schwarz, die High-Tops leuchteten so orange wie sein Trainingsanzug, und eine nicht angezündete Zigarette hing zwischen den lässig herabgezogenen Lippen. Als er Aden kommen sah, griff er nach einem Buch.
—Du rauchst doch gar nicht, sagte sie.
—Ich bin ein Mann mit internationalen Geheimnissen, Sawyer. Es gibt noch so manches, was du nicht über mich weißt.
Sie nickte. —Zum Beispiel, dass du lesen kannst.
—Ich gehe gerade diese Liste mit Konjugationen durch, sagte er und plusterte sich auf. —Zufällig fliege ich heute nämlich nach Pakistan.
Sie blickte über den Gang hinweg auf seine High-Tops. —Und ich dachte, du wärst auf dem Weg zu einem Kickball-Spiel in Oakland.
—Dieser Aufzug ist wie American Express, sagte er und rückte seine Mütze zurecht. —Wird weltweit akzeptiert.
—Es gibt jede Menge Geschäfte, die keine American Express nehmen. Sie setzte sich neben ihn. —Zum Beispiel das La Tapatía.
—La Tapatía?, wiederholte Decker mit gehobenen Brauen. —Dieser Taco-Laden hinterm Costco?
—Jede Menge Geschäfte nehmen die nicht.
—Aber sie akzeptieren sie in Karatschi, sagte er, als der Bus sich in Bewegung setzte. —Und was glaubst du, was die da drüben tragen, Sawyer? Etwa Turbane und Schnabelpantoffeln?
—Ist mir so was von egal.
Er runzelte die Stirn. —Und warum?
—Weil ich nicht in Karatschi bleiben will.
Im Bus war es heiß, und Decker schlief bald ein, die Stirn ans schmierige Fenster gedrückt. Sie schaute an ihm vorbei auf Outlets, Drive-ins und Autobahnkreuze. Das Licht über den Hügeln war das Licht, das sie am besten kannte, das goldene Licht Kaliforniens, das alles einbalsamierte, was sie sah. Schon jetzt blickte sie auf die Landschaft dort draußen, als schaute sie sich Archivmaterial eines halb vergessenen Lebens an.
Mit einem Ruck wachte Decker auf, als sie den Flughafen erreichten. —Wie spät ist es?
—Wir sind in der Zeit.
—Haben wir unser Ein-Uhr verpasst?
—Wir können beten, wenn wir hier raus sind.
Der Terminal war das Letzte, was sie von Amerika sehen würde, und Aden gab sich Mühe, aufmerksam zu sein. Die Laufbänder, die Akustikplatten, die Sterilität, die Ähnlichkeit aller Orte, aller Details. Als Kind hatte sie es geliebt, wenn sie ihren nach Ankara oder Mazar-i-Sharif fliegenden Vater verabschiedete, und das Kind in ihr liebte es immer noch. Kein Ort war so amerikanisch wie dieser. Eine leuchtend helle Leere.
Bordpersonal hastete an ihr vorbei – die vornehmen, blauäugigen Piloten, die koketten Stewardessen –, und eine Flughafenangestellte mit einem Bindi winkte sie mit einer Verbeugung weiter. Diese Szene schien allein zu ihrer Schnelleinweisung aufgeführt zu werden: die rasche, servile Geste, die vornehme Haltung. Aden empfand eine alte kindliche Aufregung und tat nichts, um sie zu zügeln. Im Moment bedeutete sie keine Gefahr. Aden hielt die Augen offen.
—Was lächelst du, Sawyer?
—Ich bin früher schon ein paarmal hier gewesen.
Decker blieb stehen, zog seine Sneakers zurecht. —Ich sag dir was: Ich habe noch nie in einem Flugzeug gesessen.
—Es wird dir gefallen.
—Und wie ist die Schweizer Küche so?
—Schweizer Küche?
—Wir fliegen mit Swiss Air, richtig? Und der Flug dauert zwölf Stunden. Irgendwann werden die uns was zu essen bringen müssen.
Sie griff nach seiner Hand. —Lass uns gehen, du Mann mit Geheimnissen. Für unser Gebet sind wir spät dran.
Hinterm Food-Court fanden sie einen kleinen bläulichen Raum, der als Interreligiöse Kapelle ausgewiesen war, also stellten sie ihr Gepäck ordentlich aufgereiht neben dem Eingang ab. Als sie eintraten, erhob sich eine Familie Mennoniten, um zu gehen. Ein gebückter alter Mann mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern. Decker hielt ihnen die Tür auf. Ihre dunkle, formelle Kleidung raspelte und wisperte bei jeder Bewegung. Die Frau schien kaum älter als Decker zu sein; sie lächelte ihn freundlich an und dankte ihm, als sie gelassen nach draußen ging. Decker sah ihr nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwand.
—Ich schätze, hier drinnen sollte ich so was nicht sagen, aber dieser alte Chassid kann sich einen verdammt glücklichen Bastard nennen. Hast du gemerkt, wie die mich angesehen hat?
—Du hast recht.
—Verdammt recht. Hast du …
—Du solltest so was hier drinnen nicht sagen.
—Okay, Sawyer. Mein Fehler. Aber ehrlich …
—Außerdem waren das keine Chassiden.
Decker schnupperte. —Irgendwie riecht es hier nach Kroketten. Oder nach Tortilla-Chips? Bestimmt vom Taco Bell nebenan.
—Halt den Mund und hilf mir lieber, die Stühle beiseitezuräumen.
Sie verschafften sich vorn etwas Platz, legten die Gebetsmatten auf den schmutzabweisenden Teppich und wuschen sich mit Wasser aus einer Flasche. Deckers Matte passte zu seinem Trainingsanzug und den Sneakers. Aden betrachtete ihn einen Moment lang und wandte sich dann leicht nach links.
—Woher willst du wissen, dass das Osten ist, Sawyer? Hier gibt es keine Fenster.
—Das ist Osten.
Er nickte skeptisch. —Im Grunde beten wir also in Richtung Food-Court.
—Ich sage dir, was ich jetzt mache, Decker. Ich knie mich auf diesen Teppich und spreche das Gebet, das wir ausfallen lassen mussten. Du kannst tun, was du willst. Vielleicht wartet deine Mennonitin im Taco Bell auf dich. Vielleicht teilt ihr euch ein paar Käse-Tortillas?
—Dafür hältst du die? Für eine Mennonitin?
Sie gab keine Antwort. Er kickte sich seine High-Tops von den Füßen und kniete sich neben sie.
—So ist’s besser, sagte Aden und beugte sich nieder zum Gebet.
—Wenn du meinst. Aber ich glaube, das ist Süden.
Als sie aus der Kapelle kamen, war ihr Gepäck verschwunden. Sie standen da, blinzelten wortlos den Teppich an und lauschten auf das Rauschen aus den Lautsprechern. Aden fühlte keine Panik, nur eine Kälte, die ihr unter die Rippen kroch. Pass und Visum steckten in ihrer Tasche.
—Diese Arschlöcher, sagte Decker. —Wir haben gebetet, gottverdammt.
—Schon gut. Ist schon gut. Wir brauchen nur die Security zu finden. Die kann nicht weit sein.
Decker stöhnte auf. —Ich wette, es ist verboten, Gepäck einfach so stehen zu lassen. Glaubst du, die …
—Nein, glaube ich nicht. Wir waren dumm, das ist alles. Ich war dumm.
Der Lost-Baggage-Schalter befand sich in einem anderen Terminal; als sie ihn endlich gefunden hatten, waren ihre Hemden dunkel von Schweiß. Der Vorraum war genauso blaustichig wie die Kapelle, und ehe sie auch nur ein Wort sagen konnten, wusste der Beamte, warum sie gekommen waren. Ihre Pässe lagen mit den Fotos nach unten vor ihm.
—Tja, Kids, nur mit der Ruhe. Heute fliegt niemand mehr irgendwohin.
Sie warteten darauf, dass er weiterredete, schwankten leicht und versuchten, wieder zu Atem zu kommen. Der Beamte blickte von oben auf sie herab, so unnahbar und ungerührt wie ein Richter in irgendeinem belanglosen Verfahren. Er nahm seine Brille ab und begann, sie mit einem schmuddeligen Taschentuch zu putzen. Offenbar hielt er die Angelegenheit für erledigt.
—Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstehe, sagte Aden.
—Zwei nicht gekennzeichnete schwarze Sporttaschen plus Rucksack im belebtesten Teil eines internationalen Flughafens, und das direkt vor der Kapelle. Der Beamte schüttelte den Kopf. —Und auch noch gleich neben dem Food-Court, Herrgott. Ist einer von euch überhaupt schon mal in einem Flughafen gewesen?
—Ich war achtzehn Mal hier, heute nicht mitgerechnet. Mit meiner Familie. Wir wohnen in Santa Rosa.
Der Beamte blickte mit zusammengekniffenen Augen auf ihren Pass. —Aden Grace Sawyer, sagte er nachdenklich.
—Ganz recht.
—Sie haben sich die Haare schneiden lassen, Miss Sawyer, seit der Pass ausgestellt wurde.
—Und?, sagte Decker.
—Hiernach hätte ich Sie nicht erkannt, fuhr der Beamte fort und schüttelte bedächtig den Kopf. —Sie sehen wie ein Junge aus.
—Wir sind Studenten, sagte Decker, ehe Aden etwas erwidern konnte. —Wir sind unterwegs nach Pakistan, um dort zur Schule zu gehen.
Übertrieben gelangweilt blätterte der Beamte durch ihren Pass. Es schien ihn keineswegs zu verwundern, dass er nur leere Seiten sah. —Was denn für eine Schule?
—Eine Medrese, sagte Aden.
—Eine was?
—Das sind religiöse Schulen, erklärte Decker. —So wie eine katholische Schule, nur eben zum Studium des Heiligen Koran. Eigentlich sind sie …
—Jetzt machen Sie schon, was Sie unbedingt machen wollen, sagte Aden.
—Wie bitte, Miss Sawyer? Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe.
—In unserem Gepäck ist nichts Illegales. Sie haben es doch längst durchsucht, also sollten Sie Bescheid wissen.
—Nichts würde ich das nicht gerade nennen, Miss Sawyer. Wirklich nicht. Er hievte Deckers Tasche auf den Tresen. — Die Verteidigung der islamischen Länder, las er vor, nachdem er ein Taschenbuch ohne Einband herausgezogen hatte. Dann ein weiteres: —Folgt der Karawane.
—Das sind religiöse Texte, sagte sie. —Die brauchen wir für unser Studium.
—Diese Bücher stehen auf dem Index des Auswärtigen Amtes. Sie gelten als Propagandamaterial für die Anwerbung militanter Dschihadisten.
—Wir haben sie im Campus-Buchladen der University of California in Berkely gekauft. Es ist nicht illegal, sie zu besitzen.
—Ihr Vater arbeitet dort als Dekan und leitet den Fachbereich Nahoststudien, warf Decker ein. —Sie wissen, was ein Dekan ist?
—Raten Sie Ihrem arabischen Freund, lieber den Mund zu halten, erwiderte der Beamte.
So also ist es, wenn man mit offenen Augen lebt, dachte sie. Diesen Ort hat es schon gegeben, als ich mit meinem Vater am Flughafen war, und wir sind hier jedes Mal vorbeigegangen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Derselbe Mann hat damals am selben Ausgabefenster gesessen. Leute haben gestanden, wo ich jetzt stehe, aber ich habe sie nie gesehen. Wo sind diese Menschen heute?
Decker brüllte irgendwas über Religionsfreiheit.
—Wenn Sie uns das Gepäck nicht zurückgeben wollen, dann sagen Sie das, unterbrach ihn Aden. —Sagen Sie es, und wir gehen.
Mit abgespanntem, blutleerem Gesicht starrte der Beamte sie von oben herab an, das Gesicht so bar aller menschlichen Gefühle, dass es ihr kaum noch wie ein Gesicht vorkam. Es roch im Wartebereich nach Abgasen, Druckerpatronen und Schweiß. Von draußen war das Gedränge der Menschen zu hören. Tag für Tag hört er diese Geräusche, sagte sich Aden. Von morgens bis abends hört er diese Geräusche und atmet diese Luft ein. Niemand endet hier freiwillig. Nicht einmal er.
—Habe ich etwa behauptet, dass Sie Ihr Gepäck nicht zurückbekommen?, fragte der Beamte schließlich und schloss achselzuckend Adens Pass. —Nein, das habe ich nie getan. Ich fürchte, Sie haben kein Wort von dem verstanden, was ich Ihnen gesagt habe.
Dank eines unverdienten Wunders erreichten sie ihr Gate beim letzten Aufruf und wurden wie berühmte Persönlichkeiten eilends an Bord gebracht. Leute starrten sie an und rollten mit den Augen, aber Aden war Schlimmeres gewohnt. Sobald sie den Gang in der Maschine betrat, spürte sie einen inneren Jubel in sich aufsteigen. Sie waren unterwegs nach Dubai, dann ging es weiter nach Karatschi, und sie fand sich von mehr Gläubigen umgeben, als sie je außerhalb einer Moschee gesehen hatte. Jeden Moment würde das Flugzeug abheben; hier waren sie auf exterritorialem Gebiet, die Maschine ein Staat für sich, keinen anderen als den eigenen Gesetzen unterworfen. Ihr Land hatte sie ohne den leisesten Protest ziehen lassen. Sie war fort.
—Ich habe ja damit gerechnet, dass es nicht einfach wird, flüsterte Decker, sobald sie ihre Plätze eingenommen hatten. —Die Scanner, das Abtasten, die Fragen und so weiter. Aber was da gerade abgelaufen ist … Er schüttelte den Kopf. —Keine Ahnung, was das sollte. Scheiße, Sawyer, ich musste sogar meine Hose runterziehen.
—Die behandeln alle gleich.
—Nein, die haben das nur gemacht, weil wir Muslime sind. Die glauben, ich würde meinen Bart in Brand stecken.
—Keine schlechte Idee, ehrlich gesagt.
—Leck mich.
—Ist die Mühe aber vielleicht nicht wert. Ich zähle kaum fünfzehn Haare.
—Mehr als bei dir.
—Da hast du wohl recht.
—Mit deiner Frisur siehst du wie eine Sechsjährige aus. Als hätte man dir den Kopf rasiert, um zu sehen, ob du Läuse hast.
Sie lächelte ihn an. —Und was sollte der Blödsinn vorhin?
—Was denn für Blödsinn?
—Mein Vater ist kein Dekan, das weißt du genau.
Decker zuckte die Achseln. —Du hast mir erzählt, er sei mal einer gewesen. Vor seinen, wie soll ich sagen, romantischen Eskapaden?
—Du hast gelogen, sagte sie. —Du hast falsches Zeugnis abgelegt.
—Eure Tugendhaftigkeit, werte Pilgerin, macht Euch alle Ehre. Allerdings wirkst du bestimmt überzeugender, wenn du aufhörst, wie ein Äffchen zu grinsen.
Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück. —Ich fasse es nicht, dass wir in diesem Flugzeug sitzen.
Sie wurde im Dunkeln wach, weil sie glaubte, ihren Namen zu hören. Wie aus weiter Ferne kehrte sie nur langsam zurück. Die Stimme, die sie vernommen hatte, war weder die ihrer Mutter noch die ihres Vaters gewesen, jedenfalls nicht so ganz, auch wenn derselbe silbrige Faden der Sorge sie durchlief, der sich auch durch die Stimmen ihrer Eltern zog. Sie wartete mit geschlossenen Augen, hörte aber nichts weiter.
—Sie reisen in die Emirate?, fragte da der Mann auf der anderen Gangseite.
Mit halbgeschlossenen Lidern drehte sie sich zu ihm um und sah ihn prüfend an, diesen untersetzten, bärtigen Mann, der sie freundlich anblinzelte. Seine Stimme war nicht die Stimme, die sie beim Namen genannt hatte, und doch kam sie ihr wie ein Überbleibsel aus ihrem Traum vor. Er trug eine blaue Jacke mit feinen weißen Streifen über seinem Salwar Kamiz, und vor ihm auf dem heruntergeklappten Tisch lag ein aufgeschlagener Koran. Aden räusperte sich und gab sich Mühe, wie ein junger Mann zu klingen.
—Nur um dort umzusteigen, antwortete sie. —Wir fliegen weiter nach Karatschi. Mein Freund hat Familie in Pakistan.
—Ach, sagte der Mann. —Karatschi.
Er zog das Buch zu sich heran und fragte nichts weiter. Mit ernster Miene saß er da im Licht des Strahlers, der einzige Passagier in Sichtweite, der nicht schlief. Die dünnen Lippen bewegten sich fast unmerklich. Offenbar rezitierte er aus dem Gedächtnis.
—Wir fahren dann weiter nach Peschawar, sagte sie. —Zu einer Medrese.
—Einer Medrese!, sagte der Mann. —Wie schön. Er sprach ein melodiöses, britisch klingendes Englisch. —Möchten Sie die Suren studieren? Sie auswendig lernen?
—Ja, genau.
Er nickte besonnen. —Sie lassen sich da auf ein sehr ehrenwertes Unterfangen ein.
—Stimmt, sagte sie und biss sich auf die Lippen, um nicht zu lächeln. Neben ihr murmelte Decker leise im Schlaf.
—Aber ist es für Sie nicht ein bisschen früh, Ihre Familie zu verlassen? Sie sind doch bestimmt kaum älter als vierzehn Jahre.
—Meine Familie kann mich entbehren, antwortete sie.
Der Mann neigte den Kopf. —Ihr Vorhaben gereicht Ihrer Familie zur Ehre.
—Danke sehr. Ich glaube nicht, dass sie es so sieht.
Er nahm dies kommentarlos zur Kenntnis. —Peschawar ist ein unsicherer Ort, aber in der Medrese finden Sie Sicherheit. Dort wird man sich um Ihren Fall kümmern.
—Meinen Fall?
Der Mann lächelte, sagte aber nichts weiter.
So saßen sie scheinbar sehr lang einfach nur da, ohne zu reden, und lauschten dem Seufzen, dem protestierenden Ächzen der Maschine. Der Liebenswürdigkeit des Mannes lag etwas zugrunde, das ihn von den übrigen Passagieren unterschied. Zumindest kam es ihr so vor, während sie ihn im künstlichen Dämmerlicht der Kabine beobachtete.
—Wir hoffen, von Peschawar aus noch weiterzureisen, sagte sie. —Sobald wir unsere Studien beendet haben.
Der Mann nickte höflich.
—Mein Freund behauptet, Pakistan sei kein islamischer Staat. Jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne des Wortes.
Es sah aus, als lächelte er. —Aha! Natürlich. Davon ist Pakistan weit entfernt.
—Wir wollen anschließend noch weiter nach Afghanistan, sagte sie.
—Ach ja?
—Ja. Wir hoffen, bei Torcham über die Grenze nach Nangarhar zu kommen.
Die Augen des Mannes leuchteten auf. —Das ist meine Heimat. Die Provinz Nangarhar. Kommen Reisende zu uns, gibt es für sie eine Redewendung, eine Art Willkommensgruß: Nangarhar, Heimat der Weisheit, Wiege des Friedens. Er nickte vor sich hin. —In Nangarhar ist es warm und sehr grün. Grün das ganze Jahr. Wir sagen auch: Ewiger Frühling.
Natürlich ist er Afghane, dachte Aden. Was denn sonst? Stumm wartete sie darauf, dass er weitersprach.
—Ich handle mit Stoffen und wohne in Karatschi. In Nangarhar bin ich seit Jahren nicht mehr gewesen.
—Ich würde es gern kennenlernen, erwiderte Aden. —Ich freue mich drauf.
—Sie müssen es sich unbedingt ansehen.
—Mittlerweile ist es wohl auch ein bisschen sicherer, glaube ich. Mein Freund behauptet das jedenfalls. Die Warlords wurden in den Norden zurückgedrängt.
Der Mann machte eine Geste, die sie nicht zu deuten wusste.
—Stimmt das nicht?
—Den Tieren des Nordens wurde ein Schlag verpasst, sagte er und wiederholte dieselbe schneidende Bewegung.
—Ja.
—Von anderen Tieren, anderen Bestien.
—Von Studenten, warf sie ein, — von Gläubigen. Einer Koalition der Gelehrten.
—Junger Mann, erwiderte er bedächtig. —Wo haben Sie das denn aufgeschnappt?
Sie hielt den Atem an und zählte bis zehn. Es war nicht leicht, ruhig zu bleiben. —Mein Freund hat es mir gesagt. Er gab mir ein Buch.
—Ein Buch, wiederholte er, —aber nicht den Koran, nehme ich an.
—Es sind Taliban. Studenten. Nichts anderes bedeutet ihr Name. Sie kämpfen, um dem Land den wahren Glauben zurückzubringen, kämpfen gegen die Gottlosen, so wie die Mudschaheddin gegen die Russen gekämpft haben. Oder stimmt das nicht?
—Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
—Bitte schön.
—Warum möchten Sie diese Grenze überqueren?
—Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Ich … Sie zögerte. —Ich will es einfach nur sehen. Ein von Gläubigen regiertes Land, ein Land voller Menschen, die nach dem Wort Gottes leben.
—Hält Ihr Freund sich für einen Abenteurer? Einen Soldaten? Er blickte an ihr vorbei. —Hat Ihr Freund diesen Ehrgeiz? Sich dem Kampf anzuschließen?
Instinktiv wandte sie sich zu Decker um. Im Schlaf bewegte er kaum wahrnehmbar den Kiefer.
—Er sagt, er hat ihn nicht, antwortete sie. —Das behauptet er jedenfalls.
—Verstehe.
Ihr ging auf, dass sich irgendwann das Verhalten des Mannes geändert hatte. Er blieb höflich, doch er sah sie nicht mehr an.
—Keinen solchen Ehrgeiz, sagte er und ließ den Blick auf Decker ruhen. —Es beruhigt mich, dass zu hören.
—Und warum?
—Weil er noch sehr jung ist.
Er nahm den Koran zur Hand und sprach kein Wort mehr. Während der restlichen Stunden verharrte er in dieser Stellung, saß gleichmütig und mit durchgedrücktem Rücken da, das Buch im Schoß. Jedes Mal, wenn Aden wach wurde, schaute sie verstohlen zu ihm in seinem warmen Lichtkegel hinüber, und jedes Mal wirkte er völlig unverändert. Nachdem sie in Dubai gelandet waren, bat er sie, ihm seinen Rollkoffer aus dem Gepäckfach zu heben, bedankte sich und wünschte ihr Glück mit dem Studium. Sie sollte ihn nie wiedersehen.
—Mit wem hast du geredet?, fragte Decker, als sie den Flugsteig verließen.
—Mit einem Paschtunen aus Nangarhar. Unglaublich, oder?
Er gähnte herzhaft. —Das erklärt alles.
—Soll heißen?
—Er hatte diesen Stammesschlurfgang. So. Decker machte ein paar Watschelschritte. —Kommt davon, weil sie ständig barfuß über Steine laufen.
—Du hast noch nie einen Afghanen gesehen. Du hast doch keine Ahnung.
—In Santa Rosa, Sawyer, da gibt es diese afghanische Kebab-Bude. Du bist selbst schon da gewesen. Wieso hast du eigentlich so eine beschissene Laune?
Sie wollte unbedingt, dass hier alles anders war. Die Leute, der Ort. Sie hoffte auf Anmut, Licht, auf ein gemeinsames Ziel. Stattdessen empfand sie denselben Widerwillen, den sie vom Flughafen in San Francisco kannte, dieselbe Bestürzung, dieselbe Distanz zu allem. Gewisse Details waren anders, der Ort aber schien derselbe zu sein. Dieselbe Schattenlosigkeit, dieselbe strategische Anordnung von Schildern und Geschäften, dieselbe Sterilität. Sie hatte sich geirrt, als sie glaubte, ihr Land hätte sie ziehen lassen.
Sie saßen schon am Gate zu ihrem Anschlussflug, ehe sie wieder redete. —Ich hasse es hier. Wir könnten genauso gut noch in Kalifornien sein.
Decker gähnte in seinen Ärmel. —Das ist ein Flughafen, Sawyer. Was hast du denn erwartet?
—Keine Ahnung. Sie hielt einen Daumen an die Lippen und knabberte behutsam an der Nagelhaut. —Jedenfalls nicht das hier.
Auf ihrem Weg zum nächsten Flugsteig ging eine Gruppe Saudis an ihnen vorbei, die Männer mit Kufijas, langen Gewändern und offenen, teuer aussehenden Sandalen. Die Frauen folgten ihren Gatten mit einigen Schritten Abstand, schwatzten, ignorierten ihre übergewichtigen Kinder und schleppten sich mit farbenprächtigen Taschen voller Luxusgüter ab. Bei diesem Anblick wurde ihr übel. Die Kinder drückten ihre eigenen knallbunten Tüten an die Brust oder schleiften sie achtlos über den polierten Boden. Der kleinste Junge umklammerte eine Flasche Parfüm in seesternförmiger Schachtel.
Decker summte vor sich hin und ließ die Fingerknöchel knacken, während er den Saudis nachsah. —Wollen wir die nächsten fünfhundert Stunden einfach hier rumsitzen?
—Mir gefällt das so wenig wie dir.
Er dachte kurz über ihre Antwort nach. —Dann komm, sagte er. —Lass uns irgendwelchen Unsinn anstellen.
Die nächste Stunde verbrachten sie in einem Geschäft mit dem Namen Golden Ali Baba Duty Free. Unter der jeweiligen Ware stand der Preis auf beweglichen Schildchen in Gleitschienen aus Plastik, und während Decker die Verkäuferin in ein höfliches Gespräch verwickelte, machte Aden sich in der Abteilung Scotch & Bourbon rasch ans Werk. Der zwölf Jahre alte Macallan, der für 59,99 N zum Verkauf gestanden hatte, wurde nun für 99,95 N angeboten; der achtzehn Jahre alte Macallan dagegen für 00,99 N. Der Glenlivet kostete ab jetzt 6779,02 N, der Jameson dafür überhaupt nichts. Auf das höchste Regal, auf dem zuvor eine mit Samt ausgeschlagene Kiste mit einem zehn Jahre alten Laphroaig Cask Strength gelegen hatte, stellte sie eine seesternförmige Flasche Parfüm. Dann bemerkte sie, dass die Verkäuferin hinter ihr stand.
—Wollen Sie mir bei der Arbeit helfen? Das ist sehr freundlich. Allerdings sollten Sie zuerst den Unterschied zwischen Whisky und Parfüm lernen.
—Wo wir herkommen, kennt man da keinen Unterschied, hörte sie Decker antworten. —Sie werden beide aus dem Urin des Teufels gemacht, dem gefürchteten Al-Kool.
—Und wo soll das sein?, fragte die Frau und winkte die Security zu sich.
—Nangarhar, sagte Aden.
—Bitte urteilen Sie nicht schlecht über uns, sagte Decker. —Wir sind Mudschaheddin und in einer Höhle aufgewachsen.
Zu ihrem Erstaunen wurden sie ohne weiteres Verhör aus dem Laden geführt und durften in der Menge untertauchen. Decker flüsterte ihr zu, sie sollten es für einen Segen halten, vielleicht gar für ein gutes Omen, was so gar nicht zu Decker passte. Auf dem Gang drehte Aden sich in der vorüberströmenden Menge langsam im Kreis, und alles, was sie sah, überraschte sie. Die zuvor empfundene Distanz war unmerklich verschwunden, und jetzt spürte sie nur noch das Verlangen zu lachen, zu tanzen oder aus vollem Hals zu schreien. Sie sah Frauen mit Niqab und Männer mit Kufija in leuchtend weißen Gewändern und begann endlich zu begreifen, wie weit entfernt sie von daheim war. Sie fühlte sich so schwerelos wie ein Vogel.
Irgendwann später standen sie in einem Zeitschriftenladen, und Adens Blick fiel auf eine Reihe Bücher in Arabisch und Persisch. Bücher ohne ein einziges englisches Wort. So weit waren sie gereist. Hatten die halbe Welt umrundet. Aden hielt den Atem an und fuhr mit dem Daumen über die farbprächtigen Buchrücken.
—Wir haben es geschafft, sagte Decker. —Sawyer, wir haben es geschafft.
Wahllos zog sie ein Buch aus dem Regal, um sich das Cover anzuschauen. Das in Silber gestanzte Wort des Titels hatte sie noch nie zuvor gesehen, und es wollte sich ihrer Zunge nicht fügen, als sie es auszusprechen versuchte. Sie spürte, dass Decker hinter ihr stand.
—Noch nicht, sagte sie.
Er hakte einen Finger unter ihren Gürtel und drehte sie zu sich um. —Zur Hölle damit. Wir haben es geschafft. Wir sind weg.
—Der alte Mann im Flugzeug.
—Was ist mit ihm? Er zog sie näher zu sich heran. —Erzähl mir jetzt nichts von irgendeinem alten fetten Mann.
—Er wollte wissen, ob du ein Abenteurer bist. So hat er sich ausgedrückt. Er fragte, ob wir über die Grenze wollen, um zu kämpfen.
—Natürlich nicht.
—Das habe ich ihm auch gesagt.
—Aber gib’s zu, Sawyer. Es wäre …
—Es wäre ziemlich blöd.
—Für dich, schätze ich. Er zuckte mit den Achseln. —Weil du kein Mann bist.
Einen Moment lang sagte sie nichts. —Du schauspielerst nur, nichts weiter. Du probierst gerade eine Rolle aus.
—Na klar, erwiderte er. —Du doch auch.
Sie stand da, wich nicht vor ihm zurück und ließ sich von ihm taxieren. Das hatte er verdient, dieses bescheidene Zugeständnis. Sein Gesicht war ihrem zu nahe, um es genau sehen zu können, sein warmer Raucheratem auf ihren Lippen, an ihrem Hals. Leute drängten auf dem Flur an ihnen vorbei, aber er schien sie nicht wahrzunehmen. Durch ihr Leinenhemd konnte sie seinen Daumennagel spüren.
—Sawyer, flüsterte er. —Komm, suchen wir uns eine ruhige Ecke.
Ein Schauder überlief sie, als sie ihren rechten Handballen gegen seine Rippen presste. Er lächelte und beugte sich zu ihr herab, aber Aden schob ihn fort und merkte, wie sein Blick dunkler wurde.
—Immer langsam, Decker.
—Und warum?
—Schalte mal für eine Sekunde deinen Kopf ein. Okay? Denk dran, wo wir hier sind.
Er runzelte erneut die Stirn und schob die Hand unter ihr Hemd. Nach der Kälte fühlte sich ihre Wärme gut an. Aden holte tief Luft.
—Wir sind in den Emiraten, flüsterte sie. —Nicht auf irgendeiner Parkbank in Berkeley.
—Und wieso …
—Kein Ort, an dem man mit einem Jungen erwischt werden möchte.
—Einem Jungen? Er seufzte und zog sie noch fester an sich. —Sei nicht dämlich, Sawyer. So überzeugend bist du nun auch wieder nicht.
—Schau dich doch um.
Er wandte den Kopf, und sie sah, wie er plötzlich begriff. Er rückte von ihr ab. —Wie lange machen die das schon?
—Was denn?
—Das weißt du verdammt gut. Uns beobachten. Mich beobachten, als wollten sie mich an den Eiern aufhängen.
—Schätze, seit du einen Steifen hast.
Er lachte nicht. —Bring mich einfach weg von hier.
Sie zog ihn am Ärmel an der Kassiererin vorbei und an der Schlange streng blickender Kunden zu einem leeren Gate auf der anderen Seite des Gangs. Er folgte ihr gefügig und sah aus, als wäre er in Gedanken verloren.
—Du bist sauer auf mich, sagte sie, als sie sich setzten.
—Bin ich nicht. Er blinzelte und sah auf den Boden. —Ich weiß nicht, wie ich mich fühle.
—Jetzt hör mal zu, Decker. Du hast diese weite Reise gemacht, und dafür bin ich dir dankbar, wirklich sehr dankbar. Allein hätte ich das nie geschafft.
Er schüttelte den Kopf. —Du wärst gut ohne mich zurechtgekommen. Wahrscheinlich sogar besser.
—Du bist der einzige Freund, den ich habe. Das weißt du doch, oder?
—Denke schon. Aber du gehörst zu der Sorte Mensch, die nicht mehr als einen braucht. Wieder lachte er. —Vielleicht nicht mal diesen einen.
—Könntest du mal einen Moment lang still sein?
—Ich …
—Hör auf, komisch sein zu wollen. Sie beugte sich zu ihm vor und stieß ihn an den Schultern von sich. —Könnte sein, dass du das jetzt in den falschen Hals bekommst.
—Was denn?
—Noch ist es für dich nicht zu spät, wieder nach Hause zu fliegen.
Sein Mund öffnete sich, aber er brachte keinen Laut heraus.
—Weil es nie mehr dazu kommen wird, sagte sie langsam.
—Wovon redest du?
—Von dem, was du gerade wolltest. In dem Zeitungsladen. Das gibt es von jetzt an nicht mehr, kapiert? Hörst du, was ich sage? Nie wieder.
Sie dachte, ihre umständliche Art, sich auszudrücken, könnte ihn verwirren, aber er verstand auf Anhieb. —Aber dir hat es doch gefallen, sagte er. —Das hast du mir immer gesagt. Du hast es kein einziges Mal nicht gewollt.
—Das war früher, erwiderte sie. —In einem anderen Land.
—Was hat denn das Land damit zu tun?
—Schau mich an, Decker. Sehe ich noch wie die Frau aus, mit der du das gemacht hast? Sehe ich überhaupt noch wie Aden Sawyer aus?
—Du siehst aus wie Aden Sawyer mit einer anderen Frisur. Mehr nicht. Er schüttelte den Kopf. —Aber darauf kommt es nicht an. Ich weiß, wer du bist.
—Du weißt vielleicht, wer ich mal war. Als ich noch lange Haare hatte, Hasch geraucht habe und jeden Tag die Pisse aus den Laken meiner Mutter waschen musste. Aber selbst da bin ich mir nicht sicher.
Sie sah, wie sein Gesicht in sich zusammenfiel. Er wehrte sich nicht, brachte kein Gegenargument vor, und sie dankte ihm stumm für diese Atempause. Sie hätte es nicht besser erklären können, noch nicht. Sie versuchte ja erst, es sich selbst zu erklären.
—Ich sage nur, du kannst deine Pläne immer noch ändern. Du musst nicht mal mit mir in den nächsten Flieger steigen. Du kannst tun, was du willst.
Decker gab keine Antwort.
—Aber ich sage dir was.
—Und das wäre?
—Wenn ich an zu Hause denke, fällt mir nichts ein, was ich vermissen werde.
Zu ihrem Erstaunen sah er sie an und lachte. —Und ich habe geglaubt, die ganze Reise sei meine Idee gewesen. Die vielen Chatrooms. Die Bücher, die ich dir aufgedrängt habe. Folgt der Karawane und all das.
—Ich folge keiner Karawane. Und ich folge auch keiner Armee. Ändere mir nicht die Pläne, okay? Sie wartete, bis er nickte. —Und noch eines.
—Heilige Scheiße, was denn?
—Ich werde keine Schimpfworte mehr benutzen und nicht mehr fluchen.
Er blinzelte sie an. —Verdammt, du meinst das wirklich ernst.
—Natürlich tue ich das. Genau wie wir es immer gesagt haben.
—Moment mal. Er musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. —Ist irgendwas mit deiner Stimme?
—Was meinst du?
—Sie klingt tiefer. Machst du das mit Absicht?
—Hast ja lange gebraucht, um das zu merken. Sie grinste ihn an. —Übe schon eine Ewigkeit. Bestimmt einen Monat.
Er lehnte sich zurück. —Die ganze Zeit habe ich gefürchtet, du könntest es dir anders überlegen. Ich bin ja wohl der dämlichste Typ, den es gibt.
—Und ich habe daran gezweifelt, dass du wirklich mitkommst, sagte sie und griff nach seiner Hand. —Was war ich überrascht, als ich dich in dem Bus gesehen habe.
Eine halbe Stunde vor dem Boarding fischte sie den Kulturbeutel aus dem Rucksack ihres Vaters und folgte der indirekt beleuchteten Beschilderung zur Toilette. Eine Milchglasscheibe trennte die Eingänge für Männer und Frauen, und Aden zögerte kurz, wartete schamrot und leicht schwindlig darauf, dass ihre Angst verflog. Männer eilten rechts an ihr vorbei, Frauen links. Die Frauen schauten sie unwillkürlich an, ehe sie den Blick abwandten, die Männer beachteten sie überhaupt nicht. Aden wartete, beobachtete und fühlte sich von der sichtbaren Gleichgültigkeit ermutigt. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, schlurfte an ihr vorbei, fummelte verschlafen am Reißverschluss seiner Jeans. Sie biss sich auf die Lippen und folgte ihm.
Die Toilette wirkte greller erleuchtet als die Gates in ihrem Rücken, und sie wollte schon umdrehen und von hier verschwinden, als sie sah, dass die Männer an den Pinkelbecken darauf achteten, niemand anderen als sich selbst anzusehen. Mit einer solch offensichtlichen Zurückhaltung hatte sie nicht gerechnet. Sie besaß eine undeutliche, doch schneidende Erinnerung daran, wie sie, als ihr Vater sie vor Jahren auf die Toilette mitgenommen hatte, erstaunt und verwirrt die Reihe Pinkelbecken angestarrt hatte; und sie stellte sich jetzt vor, wie er sie vorwärtsdrängte, seine warme, breite Hand zwischen ihren Schulterblättern. Aden ging zur letzten Kabine und schloss die Tür hinter sich.
Der Fußboden war mit Papierstreifen übersät, feuchter Müll von Körpern, die ihre Notdurft verrichteten, ein himmelweiter Unterschied zu dem blitzenden Terminal dort draußen. Aden war dankbar für die Sauerei; sie nahm ihr die Angst, machte diesen Ort weniger perfekt. Sie hätte auf irgendeiner öffentlichen Toilette sonst wo auf der Welt sein können. Sie schloss den Klodeckel, setzte sich – vorsichtig zunächst, dann mit dem ganzen Gewicht – und zog sich geräuschlos ihren Kamiz über den Kopf.
Reglos saß sie da, das Hemd im Schoß, hielt Augen und Ohren offen und lauschte auf die Geräusche vom Urinal, von Haartrocknern, Wasserhähnen und aus den Kabinen, Geräusche, die so anders als jene klangen, die Frauen machten. Sie merkte dem angestrengten Grunzen, der Erleichterung um sie herum nicht die geringste Zurückhaltung an, keinerlei Scham.
Aden saß auf einer Toilette in einem Raum, der Männern vorbehalten war – und niemand hatte sie aufgehalten. Sie starrte auf ihre fischweißen Arme, die sommersprossigen, hageren Schultern. Bei dem Gedanken an ihr Geheimnis konnte sie kaum atmen. Sie streifte die Hose nach unten, den Slip. Die Verlockung der Unsichtbarkeit. Die Macht der Täuschung. Ihr Vergnügen war gewiss gottlos, und sie bemühte sich, es zu unterdrücken, trotzdem verging sie fast vor Aufregung. In diesem Moment war sie ein Niemand, eine Kreatur ohne Namen, ohne Geschichte, was auch hieß, dass sie kein Kind mehr war. Ihre Kindheit bedeutete ihr jetzt weniger als die Papierstreifen auf dem Boden.
Ein Mann kam an ihre Tür und versuchte, sie mit der Schulter gewaltsam aufzudrücken. Er trug Espadrilles zu Chinos und verfluchte die Tür auf Arabisch, ehe er ging. Offenbar nahm er an, die Toilette sei nicht besetzt.
Aden trug noch das Unterhemd, das Decker ihr geliehen hatte, und kaum war der Mann gegangen, schaute sie auf ihre Brust. Die Raumtemperatur im Terminal war perfekt eingestellt, trotzdem schwitzte sie, und ihre Nippel zeichneten sich deutlich unter dem Stoff ab. Der Mann saß jetzt zwei Kabinen weiter; sie hörte ihn murmeln und an seinem Gürtel hantieren. Aden zog das Unterhemd aus, hängte es an den Haken und legte sich die gewölbten Hände über die Brüste, wie sie es manchmal tat, um sich in den Schlaf zu wiegen. Die Hände konnten sie nur noch gerade eben bedecken. Sie fühlte sich wieder sicher, ließ ihre Gedanken eine Weile schweifen und hörte auf die pissenden Männer. Dann öffnete sie den Kulturbeutel, griff nach der Bandage, die einmal ihrer Mutter gehört hatte, und wickelte sie sich eng um Rippen und Brust.
Karatschi war eine noch größere Enttäuschung als der Flughafen von Dubai. Die Stadt erinnerte sie an Oakland oder Sacramento, an die Handvoll Städte, die sie kannte, nur war es hier heißer, hektischer und roch nach Dingen, für die sie keinen Namen wusste. Die Wohnsiedlungen, unbebauten Grundstücke, selbst die Baustellen fand sie archaisch, die Erde rissig und vermüllt, die vollen Basare und Gassen wie eine Bedeckung darunterliegender Ruinen. All das widerte sie an, bestürzte sie, und die Scham, die das auslöste, ließ sie fast in Panik geraten. Es lag an ihr, das wusste sie, nicht an der Stadt. Sie sah sie mit den Augen ihrer Mutter.
Aden winkte ein nicht gekennzeichnetes Taxi heran, nannte als Ziel den Bahnhof für Busse, die nach Norden fuhren, und kaufte zwei einfache Tickets. Sie rechnete damit, dass Decker protestierte, dass er darauf bestand, die erste Nacht in der Stadt zu verbringen, aber er folgte ihr wie im Halbschlaf. Er erwähnte nicht einmal seine Vettern in Karatschi.
Ein Bus nach Peschawar sollte am frühen Abend fahren. Sie warteten in dem nach Diesel stinkenden Hof der HINDUKUSCH HI-WAYS und tunkten Fladenbrot in Schalen mit lauwarmem Dhal. Die Busse, die vorbeifuhren, während sie auf ihrem Gepäck hockten, waren grellbunt und von Hand überreich mit Bildern bemalt, mit Diamanten, Pferden oder primitiven Sternenbildern, mit Granatäpfeln oder Tigern, Rotkehlchen, Berggipfeln und dem Auge der Fatima. Sie staunte über die Vielfalt von Bildnissen in diesem muslimischen Land, bis sie sich daran erinnerte, wie weit diese Nation vom wahren Glauben abgefallen war. Aden stellte sich das Innere der Busse vor, dachte an weiche Polster, an Weihrauch und an Gerüche nach Anis und Zimt wie in jenem Restaurant, in das sie sonntagabends gern mit ihrem Vater und ihrer Mutter gegangen war, damals, vor langer Zeit, auf der anderen Seite der Welt.
Achtzehn Busse fuhren ab, jeder kunstvoller verziert als der vorherige, ehe der Bus der Bannu Line nach Peschawar eintraf. Die übrigen Passagiere ignorierten sie, der Mann aber, der ihnen Tee nachschenkte, beobachtete sie aufmerksam. Er beobachtete sie, wenn sie aufstand, um zur Toilette zu gehen, und er beobachtete sie bei ihrer Rückkehr. Sobald sie bezahlt hatten, verbeugte er sich tief, schaute Aden lüstern an und legte Decker die rechte Hand auf die Schulter. Und während er ihnen die Teebecher wieder abnahm, murmelte er irgendwas auf Urdu.
—Was hat er gesagt?
—Hab ich nicht verstanden, erwiderte Decker, als er an ihr vorbeiging.
—Sag schon.
—Hör auf, ihn anzustarren. Jetzt komm.
Als sie einstiegen, war der Bus nach Peschawar leer, fast als hätte es im Norden eine Katastrophe gegeben, von der sie nichts wussten. Sie setzten sich, warteten, das Gepäck auf den Knien, und redeten beide kein Wort; von Dhal und Dieselgestank wurde Aden übel. Dann stiegen die Männer ein, einzeln oder paarweise, manche hielten sich an den Händen, und kaum saßen sie, schienen sie einzuschlafen. Sie wirkten verloren, verdrossen, niedergeschlagen, vielleicht aber waren sie auch nur müde. Viele trugen neugekaufte, frische Hemden mit Falten am Kragen und in den Ärmeln. Morgen war Yaum al-Dschum’a, ein Freitag also, und Aden nahm an, dass die Männer zu Dörfern entlang der Nordwestgrenze unterwegs waren, zu den Stammesgebieten, um den Tag der Zusammenkunft bei der Familie zu verbringen, ehe sie mit demselben stinkigen Bus zurück zu welcher Arbeit auch immer fuhren, die sie so ausdruckslos und still werden ließ.
Während sie unterwegs nach Norden waren, raus aus der Stadt, vorbei an von Planen überdachten Basaren, an protzigen Moscheen und schlammverstopften Aquädukten, begann Aden langsam, sich zu erholen. Die Sonne stand tief über dem blitzenden Schwemmland des Indus, und ein Schwarm Kraniche flog gemächlich über die rote Scheibe, als wären die langgezogenen Vororte, durch die der Bus fuhr, nur eine Sinnestäuschung. Deckers Kopf sackte an ihre Schulter. Seine Berührung im Schlaf war unschuldig, erinnerte sie an ihren Körper, und sie fühlte sich wieder sicher in den Kleidern, wohl und entspannt. Ein Satz, den sie in einem Chatroom gelesen hatte, fiel ihr ein, als ihr der Kopf schwer wurde: Du kannst die Haut anderer Menschen berühren – oder das Gesicht Gottes. Aden rückte näher an Decker heran, spürte sein dichtes, wuscheliges Haar an ihrem Hals. Er war schön; sie wollte ihn neben sich, und einen Moment lang wünschte sie sich, sie würde nicht verschwinden. Dann aber musste sie an den Teekellner im dieselverseuchten Hof denken und an den Blick in seinem Gesicht, als er etwas auf Urdu murmelte. Sie erinnerte sich daran, wie die Zunge an seine Zähne stieß.
Sie wurde in der Nacht wach, spürte Deckers Atem im Gesicht und am Hals. —Hast du was gesagt?
—Erzähle es mir.
—Was? Ich bin gerade erst aufgewacht. Ich weiß nicht …
—Erzähl mir, warum du hier bist.
—Was genau meinst du?
—In diesem Bus. Nach Norden. Hier, mit mir.
Sie zwang sich, klarer zu denken. —Ich halte mich an den Plan, sagte sie. —Das ist alles. Den Plan, den wir in Santa Rosa gefasst haben.
—Den Teufel tust du.
Sie blieb stumm und beobachtete ihn. Er schien zu lächeln.
—Als du dir die Haare abgeschnitten und angefangen hast, diese Kleider zu tragen, dachte ich, es sei für uns beide. Für dich, weil du mir folgen wolltest. Für uns, damit wir zusammenbleiben. Er schüttelte den Kopf. —Da habe ich mich geirrt. Oder du hast gelogen.
—Ich habe dich nicht belogen. Dich nicht. Ich habe dich nie angelogen.
Er nickte, dachte über ihre Antwort nach. —Du ziehst Frauen vor.
—Hör schon auf, Decker. Das ist nicht mal eine Frage.
—Und wie lautet die Antwort?
Sie sah an ihm vorbei aus dem Fenster. Sein runder Kopf hing dort als Spiegelbild, ihrer direkt dahinter. Im Dunkeln sah sie keinen Unterschied.
—Ich weiß nicht.
Sie fuhren inzwischen durch das Hochland, am Himmel die schmalste Mondsichel. Aden dachte an ihre Bekehrung, an die Gelöbnisse, die sie abgelegt hatte, und wie immer beruhigten sie allein diese Tatsachen. Ein Feuer glomm im Hof einer neugebauten Moschee, und sie sah sich zum ersten Morgengebet ankommen, im Rücken die helle Dämmerung, sah, wie sich alle Köpfe zu ihr umdrehten, sobald sie die Schwelle übertrat. Sie malte sich die Entrüstung aus, dann das Staunen, dann die Stimme des Mullahs, der die Aufmerksamkeit der Gemeinde zurück zum Gebet lenkte. Sie sah sich mitten im Raum Platz nehmen, würdevoll in ihrer Bescheidenheit, gefasst in ihrer Hingabe. Sie besah sich in Gedanken dieses Bild von allen Seiten, fing mit jeder Facette Licht ein. Dann stellte sie sich vor, in ihrem kleinen Zimmer in Santa Rosa zu sein, an die Decke zu starren und auf das angestrengte Atmen ihrer Mutter hinter der Wand zu lauschen.
—Ich bitte dich um einen Gefallen, sagte sie. —Vorerst keine Fragen.
Er schüttelte den Kopf. —Viel hast du nicht mehr bei mir gut.
—Du kannst nach Hause fahren, wann immer du willst.
—Quatsch! Du sprichst weder Paschto noch Urdu, höchstens zwei, drei Worte, und außerhalb einer Moschee versteht kein Mensch dein merkwürdiges Arabisch. Wenn ich nach Hause fahre, bist du erledigt.
—Am Flughafen hast du gesagt, ich …
—Ich kann mir einfach nicht vorstellen, Sawyer, dass du sechs Wochen lang das ganze Land an der Nase herumführst. So viel aber kann ich dir verraten: Du tätest gut daran, eine Geschichte für den Fall parat zu haben, dass sie dich in Höschen und BH erwischen.
Sie zögerte. —Du hast gesagt, hier gäbe es einen bestimmten Brauch. Erinnerst du dich? Mädchen, die wie Jungen gekleidet werden. Sogar einen Namen gäbe es dafür, hast du gesagt.
—Das kann man doch nicht mit dem vergleichen, worüber wir hier reden. Überhaupt nicht.
—Sag mir den Namen noch mal, Decker.
—Den kennst du, sagte er. —Bacha posh. Aber das entscheiden die Eltern für ihre Kinder. Die Väter entscheiden. Wenn man dich erwischt, wird dir das nichts nützen. Er packte sie am Arm. —Verdammt, was grinst du so?
—Nur wegen dem, was du gesagt hast.
—Und was habe ich gesagt?
—Das mit den sechs Wochen.
—Jetzt hör mal zu, zischte er. —Mein Plan lautet, es heil zurück nach Santa Rosa zu schaffen und das mit jedem Teil meines Körpers in bester Verfassung. Mein Plan lautet, mit dem Kopf auf dem Hals und meinem Schwanz in der Hose zurückzukommen.
Sie lächelte im Dunkeln. —Kann ich verstehen.
—Und warum bist du dann so verflucht glücklich?
—Weil ich mir nicht sicher bin, ob ich jemals wieder zurückfahre.
Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, war es Morgen, und die Sonne stand hoch und fahl über dem Indus. Sie schaute über das schnellere, tiefere, schwärzere Wasser. Ein echter Nordfluss. Die Straße führte dicht am Ufer lang und folgte in ihrem Verlauf jeder Kluft und Bucht der hügeligen Landschaft. Gut achtzig Kilometer weit im Westen lagen die Stammesgebiete, und Aden meinte, ihre Nähe spüren zu können. Dann aber sagte sie sich, dass sie nichts dergleichen spürte.
Staub füllte die Luft bereits zu dieser frühen Stunde, und wie Gespenster wankten Männer mit ihren Ochsen durchs Land. Der Bus fuhr an Tiefladern mit Propangasflaschen, Steinsalz und Hühnern in blauen Weidenkörben vorbei. An einem Hang überholten sie drei Jungen auf einem Moped, die Hände voll Sand gegen ihr Fenster warfen. Dann streckten sie die Zunge raus, und Aden grüßte mit einem Salam.
—In einer Stunde sind wir da, meinte Decker.
—Wer behauptet das?
—Mein guter Freund Khalid, sagte er und zeigte auf die andere Gangseite. Er senkte die Stimme. —Er hat versucht, mir Haschisch zu verkaufen.
—In einer Stunde, wiederholte sie und beugte sich vor. —So bald schon.
Verschlafen wollte sie sich durchs Haar fahren und war für einen Moment überrascht von ihrem kurzgeschorenen Kopf. Sie wandte sie sich wieder zum Fenster, um ihre Verwirrung zu verbergen. Der Tumult draußen war so groß, dass sie an einen Massenexodus denken musste, an einen langen Treck gen Norden oder an den Ausklang einer riesigen Hochzeitsfeier.
—Das wolltest du doch, Sawyer. Decker langte an ihr vorbei und klopfte gegen die Scheibe. —Siebentausend Kilometer weit weg von deinem Zuhause.
Sie nickte. —Genau, das wollte ich.
Ein Grüppchen Frauen stand am Straßenrand. Sie achteten kaum auf das Chaos um sie herum und hielten sich am zerknitterten blauen Stoff ihrer Burkas gegenseitig fest. Aden stellte sich vor, wie sie durch das Spitzengitter starrten, stellte sie sich blicklos vor, dann gesichtslos. Ein Schauder überlief sie.
—Ich habe mir gerade ausgemalt, wie es wäre, wenn du eines dieser Dinger tragen würdest, sagte Decker. —Mit nichts drunter. Wie fändest du das, Sawyer?
—Halt den Mund.
—Wir könnten in Peschawar eine für dich kaufen. Würde vieles einfacher machen.
—Was zum Teufel wäre dann einfacher, Decker? Welcher Teil unseres Plans? Unsere Fahrt hierher? Unser Studium in der Medrese? Sie wartete auf seine Antwort. —Oder gibt es da etwas, das du mir nicht erzählst?
Er zuckte mit den Achseln. —Ich habe nur gedacht, du könntest mich darin verstecken, falls es mal brenzlig wird. Würdest du einem Gefährten diesen Wunsch in Zeiten der Not etwa verwehren?
Sie schob seine Hand fort und wandte sich wieder dem Fenster zu. Ein noch bunterer Bus zockelte in einer flirrenden Dieselwolke an ihnen vorbei.
—Wann hast du aufgehört, über meine Witze zu lachen?
—Sag einfach nichts mehr.
—Früher warst du nicht ständig sauer.
—Da liegst du falsch. Ich war schon immer sauer. Nur nicht auf dich.
Peschawar fand sie geradeso abstoßend wie Karatschi, doch ließ sie sich diesmal nicht täuschen. Sie ignorierte den fleckigen Beton und die bewaffneten Wachen an den Checkpoints, sah über die Abwasserkanäle hinweg die rotlippigen, unverschleierten Frauen, die sie lüstern von Werbetafeln herab anstarrten. Aden sah nur das heilige Fort, das diese Stadt einmal gewesen war. Der Bus fuhr an einem morastigen Feld vorbei, mit Zelten derart vollgestellt, dass es dazwischen keinen freien Platz mehr zu geben schien. Sonnengebleichte Planen, alte Kelims und mit Bruchsteinen beschwerte Seitenabhängungen. Humpelnde, räudige Hunde, Ströme von gelbem Dreck und verwüstete Gesichter. Der Mann auf der anderen Gangseite lachte plötzlich verärgert auf.
—Das waren Afghanen, murmelte sie Decker zu.
—Wer?
—Die da gerade. In den Zelten. Die Flüchtlinge.
—So hat mein Freund hier sie nicht genannt.
—Und wie hat er sie genannt?
—Das willst du nicht wissen.
Auf einem Basar unweit vom Busbahnhof kauften sie Wasser und Kekse, und Decker streifte sich widerwillig seinen Salwar Kamiz über. Die wenigen Frauen, die Aden auffielen, trugen Burkas, die Männer schlichte braune Kopftücher oder gefältelte Kappen aus kräftig gewalktem Filz. Hier und da entdeckte sie auch junge Männer mit Mützen wie Pillbox-Hüten, Studenten der Heiligen Schrift, und sie fragte sich, ob einige wohl zu jener Medrese gingen, an der sie mit Decker lernen würde. So weit fort, sagte sie vor sich hin, doch so leise, dass niemand sie hören konnte. So weit fort. So weit fort. So weit. Erneut erfasste sie eine sanfte Woge des Triumphs, und sie meinte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Decker flüsterte, sie solle aufhören zu lächeln, aber niemand in der Menge schien sie zu beachten. Dabei wollte Aden, dass sie es bemerkten. Sie alle. Sie wollte, dass alle sahen, wie weit sie gekommen war.
Die Universität lag in der Nähe. Unterwegs versuchte sie, die mit Kreide oder Wandfarbe geschriebenen Sprüche zu entziffern, die überall zu sehen waren. Einige waren obszön, zumindest in Deckers Übersetzung, manche warben für Autoteile, Reis oder Diesel, die meisten aber waren Aufrufe zum Dschihad. Viele nannten den Namen des Propheten oder den jener Gesegneten, die an seiner Seite kämpfen und sterben durften. Die Buchstaben waren ihr vertraut, nur verstand sie die Worte nicht, die sie ergaben. Manche Slogans schlossen mit Zitaten aus dem Koran oder mit präzisen, schablonengeschriebenen Ziffernreihen.
—Was hat es mit diesen Zahlen auf sich, Decker? Geben sie die Stellen im Koran an?
—Telefonnummern, erwiderte Decker und machte mit dem Finger eine Wählbewegung. —Folgt der Karawane, Pilger. Ein Anruf genügt.
Sie hatten sich mit Deckers Vetter Yaqub am Osttor der Universität verabredet, aber obwohl sie gut sichtbar warteten, auf ihren Taschen standen und die Menge absuchten, war bis zum Nachmittag niemand gekommen. Mit seinem fusseligen Bart und dem braunen Kamiz unterschied sich Decker kaum von den Einheimischen, trotzdem schienen sie Distanz zu ihm zu wahren. Seine Unschlüssigkeit verriet den Fremden, sagte Aden sich. Die Unsicherheit machte ihn zu jemandem, von dem man sich fernhielt.
—Vielleicht sollten wir etwas Geld wechseln. Wie viel hast du noch übrig?
—Ich habe dir mein ganzes Geld gegeben, Decker. Das weißt du doch.
—Alles?
Ohne ihre Antwort abzuwarten, griff er nach seiner Tasche und stürzte sich in die Menge. Zwischen einem Tabakgeschäft und einer Bäckerei entdeckten sie ein Fenster, auf dessen Läden mit rosa und gelber Kreide die Symbole diverser Währungen gemalt worden waren. Ein Mann mit von Betelnuss rot gefärbten Zähnen nahm das Geld, das Decker ihm hinhielt, und gab ihm dafür eine Handvoll zerfledderter Rupienscheine. Noch nie hatte Aden ein so dickes Bündel gesehen. Decker zählte nach, zählte noch einmal und fuhr den Mann dann scharf auf Urdu an. Der Mann grinste nur breit, entblößte sein blutrotes Zahnfleisch, griff sich ins Hemd und fischte einen ordentlichen Stapel schweißschwarzer Münzen hervor.
—Nimm sie, sagte Decker zu Aden und wies mit einer Handbewegung auf die Rupien. Während sie am Fenster standen, hatte sich eine Traube Jungen um sie versammelt, Jungen, die jetzt näher rückten, sich zwischen sie und Decker drängten, sie leise segneten und dabei um Münzen bettelten. Bedenket das Leid der Kinder, o Gläubige, denn ihre Not ist größer. Die Bettler schoben sich vor. Ihre Segnungen klangen schriller.
—Was tust du da, Sawyer?
—Wir brauchen doch all das Geld nicht.
—Und wie wir das brauchen! Was machst …
—Es sind Kinder, Decker. Wir können sie nicht einfach ignorieren. Was bist du denn für ein Muslim?
Plötzlich wurden es immer mehr; sie zogen an ihren ausgestreckten Armen, langten nach den Ärmeln, ihr Betteln und Schmeicheln übertönten Deckers panische Rufe. Nicht alle waren Kinder, und sie kamen aus sämtlichen Richtungen. Aden spürte, dass sie rückwärts zum Fenster und an die Wand gedrängt wurde. Das Geld, das sie ihnen geben wollte, war längst aufgebraucht, aber die Menge hörte nicht auf, zu zetern und zu drängen, sich an sie zu pressen, an sie zu klammern. Die Jungen hingen an ihren Schultern und bohrten ihr Finger in den Bauch, in die Achselhöhlen und zwischen die Rippen. Sie zerrten an ihrem Kragen und an der Leinenkordel ihres Salwars. Sie schrie sie auf Arabisch an, und sie antworteten ihr auf Englisch. Aden meinte, die in ihrem Rücken geflüsterten Worte bacha posh zu hören, war sich aber nicht sicher. Jetzt lachte man ungeniert über sie, ahmte ihre Sprechweise nach. Die Stimmen wurden undeutlicher, das Licht schien zu verblassen, und Aden sah sich selbst so, wie die Männer sie sehen mussten. Das Blut stieg ihr in den Kopf, ihr wurde leicht, und sie hörte eine leise Stimme, die Gott um Vergebung bat. Sie sah sich nackt ausgezogen. Dann krachte ein Fensterladen auf, und sie spürte, wie sie rücklings ins Dunkel gezogen wurde.
Der Rupienhändler behielt sie im Laden, bis die Meute sich verlaufen hatte und Decker sie suchen kam. Ihre Dankbarkeit schien dem Händler peinlich zu sein, vielleicht war es aber auch sein gebrochenes Englisch oder schlicht ihre Anwesenheit in diesen spärlich eingerichteten, unbeleuchteten Zimmern. Kaum war Decker da, bat sie ihn, dem Mann auf Urdu zu danken und ihm ein bisschen Geld anzubieten. Er schaute sie nur an und sagte, sie solle den Mund halten.
Stumm folgte sie Decker zum Tor der Universität und erhob keine Einwände, als er sie dort zurückließ, um sich allein davonzumachen. Mit einer Tüte Chips und zwei lauwarmen Colas kam er wieder; dann stellten sie sich abwechselnd so hin, dass Deckers Vetter sie nicht übersehen konnte. Die Stunden vergingen, und Aden spürte, wie Mut und Geduld sie verließen. Sie fühlte sich nur noch leer und achtete darauf, leise zu sprechen, keinen Anstoß zu erregen und den Blick abzuwenden, wenn jemand sie anschaute. Sie wusste nichts, und sie verstand nichts. Selbst auf dieser befestigten Pflasterstraße hing Staub in der Luft, und sie merkte, am liebsten hätte sie dahinter Schutz gesucht. Eine mit einer Burka bekleidete Frau ging an ihnen vorbei, glitt gemessenen Schrittes über den unebenen Grund, und beinahe neidisch sah Aden ihr nach.
—Ich bin durchaus versucht, selbst so was anzuziehen, sagte Decker, der sie beobachtete, wie sie der Frau nachschaute. —Wenn du schon nicht willst, sollte ich es vielleicht mal damit versuchen.
Sie trank den letzten Schluck Cola. —Niemand hindert dich daran.
—Vielleicht hat mein Vetter das Datum verwechselt. Vielleicht glaubt er, wir treffen uns nach dem islamischen Kalender.
—Sehr komisch. Sie zögerte. —Oder wäre das möglich?
—Jede gottverdammte Nummer wurde hier an die Wände gesprüht, aber ich wette, unsere Medrese hat nicht mal ein Telefon. Vermutlich sollten wir uns einfach einer dieser Milizen anschließen.
—Ich bin noch nicht bereit, mich in die Luft sprengen zu lassen.
—Dazu war ich schon bei meiner Geburt bereit, Bruder.
—Vorher will ich mich noch duschen.
—Märtyrertum ist dein Begehr, unseres auch, sagte er und starrte dabei mit zusammengekniffenen Augen auf einen Wandslogan auf der anderen Straßenseite. —Eine ziemlich gute Beschreibung für unseren Tag heute.
—Du hast nicht mal eine Adresse? Nur den Nachnamen des Mullahs?
—Und den Namen des Dorfes. Decker zückte einen gefalteten Zettel. —Eine halbe Stunde Fahrt nach Westen. Hat Yaqub gesagt. Lust, ein bisschen zu wandern?
Sie warteten noch eine weitere Stunde am Tor. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, nickte Aden ein, die Beine um den Rucksack geklemmt wie um einen Sattel. Sie träumte, Blutstropfen würden ihr an den Schenkeln hinab in die Schuhe rinnen. Sie empfand keinen Schmerz, nur Scham. Als sie die Augen schließlich wieder aufschlug, hielt Decker den Zettel gegen das Licht wie ein Ladenbesitzer, der Falschgeld prüft.
—Wach auf, Schlafmütze!
Sie blinzelte zu ihm hoch. —Wie viel hast du gewechselt?
—Genug für ein Hotelzimmer. Eines mit einem Eimer zum Kacken.
Sie nickte und stand auf. —Dann lass uns gehen.
—Denkst du an was Bestimmtes?
—Wenn es für ein Zimmer reicht, reicht es auch für ein Auto.
Der Fahrer, den sie mieteten, hatte zwar von dem Dorf gehört, blickte aber eher zweifelnd drein, als sie nach der Schule fragten. Er schien weder Englisch noch Urdu zu sprechen und schüttelte auch bedauernd den Kopf, als Decker ihm den Namen auf ein Stück Papier schrieb. Dann fuhren sie gut eine Stunde auf einer Asphaltstraße, anschließend eine weitere Stunde auf gar keiner Straße, ehe er sie gegen Sonnenuntergang an einer Zisterne zwischen zwei hohen Felsen aussteigen hieß. Weit und breit war kein Haus in Sicht. Mit einem Kopfschütteln weigerte er sich, ihre Rupien anzunehmen, und ließ sie zwischen seinen Fingern auf den Boden fallen. Daraufhin boten sie ihm einen amerikanischen Fünf-Dollar-Schein an, und er nickte mit seinem kahlen Kopf, gestattete ihnen, sich ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu nehmen, fuhr langsam wieder an und wünschte ihnen für ihre Studien Gottes Segen.
Es war schon so dunkel, dass sie weit hinten am Bachbett einen schwachen Lichtfleck entdecken konnten, also folgten sie seinem Verlauf und hielten stolpernd und fluchend auf ein Dorf zu, das aussah, als sei es von einem Kind oder Hohlkopf angelegt worden: Höfe, umrundet von nichtssagenden, sich nach außen wölbenden Lehmwänden mit angeschlagenen Ecken, allein unterbrochen von blassblauen Edelstahltoren. Aus einem dieser leeren Höfe bellte ein Hund sie halbherzig an, ohne sich auch nur zu erheben. Ganz in der Nähe roch es nach köchelndem Dhal. Sie zogen von Gebäude zu Gebäude, suchten eine Klingel, zu erschöpft und eingeschüchtert, um laut zu rufen oder irgendwo anzuklopfen. Schließlich öffnete sich ein Tor, ein Mann trat nach draußen und winkte Decker zu sich.
Aden sah, wie die beiden sich in verhaltenem Flüsterton unterhielten, höflich und auf der Hut, die Arme hingen an den Seiten herab. Nach einer Zeit, die ihr lang vorkam, zog der Mann das Tor zu und verschwand mit Decker um die Ecke. Sofort fühlte sie sich hilflos wie ein Kleinkind. Sie folgte ihren Stimmen zu einem von hohen Mauern umschlossenen Hof, der an den ersten grenzte und dessen schmaler Eingang von den Scheinwerfern eines Lasters beleuchtet wurde. Erst jetzt fiel ihr auf, wie dunkel es bereits geworden war. Ihr blieb keine andere Wahl, als den erleuchteten Hof zu überqueren.
Einen Moment lang schloss sie die Augen, dann spürte sie, dass jemand sie berührte. Aden zitterte; sie bewegte sich unsicher und schien ihren Körper nicht länger unter Kontrolle zu haben. Eine kleine Hand tastete nach ihrem Arm und zog sie vorwärts. Ein kaum sechs Jahre alter Junge führte sie am Handgelenk ins Haus.
Der Mann, der sie am nächsten Morgen weckte, sprach Englisch und Arabisch mit einer schon fast allzu höflichen Stimme. In der einen Hand hielt er eine Tasse grünen Tee, in der anderen ein Fladenbrot, und wie gebannt sah er ihr beim Essen und Trinken zu. Er fragte nicht, warum sie um die halbe Welt gereist war und in seiner Lehmboden-Medrese lernen wollte, auch nicht, wie sie geschlafen oder weshalb sie sich entschlossen hatte, die erste Nacht angezogen zu bleiben.
—Dir schmeckt das Brot?, fragte der Mullah auf Englisch.
—Danke, Muallim. Köstlich.
Das Zimmer war kahl, ohne Fenster, und durch die Wände drang der Klang von Stimmen, die den Koran aufsagten. Sie meinte sich zu erinnern, dass Decker neben ihr geschlafen hatte, aber er war nirgends zu sehen. Der Mullah trug eine Bifokalbrille und einen schlichten gelben Schal. Ein weinrotes Geburtsmal reichte vom linken Ohr bis zum Hemdkragen. Während er ihr zusah, bewegten sich seine Lippen kaum wahrnehmbar, fast wie im Einklang mit den körperlosen Stimmen. An einer Nylonschnur hing ihm eine zweite Brille um den Hals. Erst jetzt ging Aden auf, dass Decker ihr so gut wie nichts über den Mann vor ihr oder über die Schule selbst erzählt hatte. Sie hatte ihm blindlings vertraut. Nur den Namen des Mullahs hatte er ihr genannt, weiter nichts.
—Ich habe dich das erste Gebet verschlafen lassen, sagte der Mullah. —Für Reisende darf eine Ausnahme gemacht werden.
Sie nippte an dem Tee und lächelte schmallippig. Die Stimme schien ihr nicht länger zu gehorchen.
—Ich heiße Mufti Khizar Hayat Khan. Du und dein Freund, ihr seid in diesem Haus willkommen. Solange ihr bleibt, werde ich euch Vater und Mutter sein. Er deutete auf sie. —Und jetzt nenne mir deinen Namen.
Sie stellte die Tasse umsichtig auf den Boden zwischen ihren Füßen ab. —Aden Sawyer, sagte sie.
—Ja, das ist der Name, der mir genannt wurde. Lautet so dein ganzer, vollständiger Name?
Sie schüttelte den Kopf. —Mit zweitem Namen heiße ich Grace.
—Ach, sagte der Mullah. —Und was bedeutet der?
Wieder versagte ihr die Stimme. Ihre Füße waren nackt, und sie fürchtete plötzlich, der Blick des Mullahs könnte darauf fallen. Sie waren schlank, überaus mädchenhaft, nicht vorzeigbar. Sie zuckte zusammen.
—Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten, Kind. In diesem Haus kennen wir keine Angst. Er faltete seine schweren Hände. —Außerhalb des Hauses, nun, das ist etwas anderes.
Sie schluckte den letzten Bissen Fladenbrot herunter und fand das arabische Wort, nach dem sie gesucht hatte. Es klang seltsam in ihren Ohren, gröber und ärgerlicher, als sie es beabsichtigt hatte. Sie fragte sich, ob für alle jungen Männer ihre eigenen Stimmen so tief klangen.
—Na’ama, wiederholte der Mullah. —Grace bedeutet also Na’ama, so viel wie Gnade, Anmut.
—Ja, Muallim.
—Ist das in Kalifornien ein häufiger Name?
—Er war es, Muallim. In religiöseren Zeiten.
Er nickte wieder. —Und dein Vater?
—Was ist mit ihm?
Er drehte eine Handinnenfläche nach oben. —Wie heißt er? Was ist er von Beruf?
—Martin Isaiah Sawyer. Sie holte tief Luft. —Er ist Professor.
—Für was?
—Für Islam. Islamische Studien.
Der Mullah beugte sich vor. —Aha! Er steht einer Medrese vor?
—Nein, Muallim. Die Studenten, die er unterrichtet, sind keine Gläubigen.
—Keine Gläubigen?
—Nein, Muallim.
—Und warum studieren sie dann das heilige Buch?
—Mein Vater würde darauf antworten … Sie zögerte.
—Ja?
—Mein Vater würde antworten: Weil sie es interessant finden.
—Interessant?, sagte der Mullah.
—Ja, Muallim. Wie den Besuch eines fremden Landes.
Er verzog die Lippen, als hätte er auf etwas Saures gebissen. —Und dein Vater selbst? Wurde er mit dem wahren Glauben belohnt?
Die Stimmen im Nachbarraum schwollen an, und jetzt konnte sie die rezitierten Worte deutlich hören. Die Sure war ihr gut bekannt. Und wenn ihr straucheln solltet, nachdem die deutlichen Zeichen zu euch gekommen sind, dann wisset, dass Gott allmächtig ist und allweise.
—Ich weiß die Antwort auf diese Frage nicht, Muallim.
Seine Stirn umwölkte sich. —Wie kannst du das nicht wissen?
Erwarten diese Leute wahrhaftig, dass Gott ihnen beschirmt von Wolken erscheine und mit Ihm die Engel, wenn das Urteil verkündet ist und alle Dinge zu Gott zurückkehren?
—Weil er es mir nie gesagt hat.
—Betet er denn nicht daheim?
Anziehend erscheint den Ungläubigen das diesseitige Leben, und sie verhöhnen die Gläubigen.
—Mein Vater und meine Mutter, Muallim, wohnen in verschiedenen Häusern. Ihn sehe ich nicht so oft.
—Erzähle mir von deiner Mutter.
—Lieber nicht, Muallim.
—Ach, sagte er. —Und warum nicht?
—Weil sie eine Trinkerin ist.
Der Mullah räusperte sich und fuhr sich mit den Fingern durch den Bart. Er schien irgendwas unter ihrer Pritsche zu betrachten, schien dessen Vor- und Nachteile abzuwägen.
—Jetzt verstehe ich, warum du zu uns gekommen bist.
—Ja, Muallim.
—Lass mich dich noch etwas anderes fragen. Hast du ältere Brüder?
Sie schüttelte den Kopf.
—Du bist das älteste Kind im Haus?
—So ist es, Muallim.
—Warum trägst du dann nicht den Namen deines Vaters?
—Ich … Sie hielt inne. —Das kann ich nicht sagen, Muallim. Ich habe nie gefragt.
Der Mullah nickte nachdenklich. Sie saß aufrecht da, ernst, und betrachtete ihn, während er über ihre Antworten nachsann. Ihn so anzustarren war ein Zeichen von mangelndem Respekt, doch schien der Mullah ihre Unhöflichkeit nicht zu bemerken. Sie versuchte, den Blick abzuwenden, aber es gelang ihr nicht.
—Ich verstehe, sagte der Mullah erneut, nahm ihr die Tasse ab und erhob sich. —In Anbetracht dessen, was du mir erzählt hast, ist es vielleicht ganz gut, dass der Name Martin Isaiah Sawyer nicht weitergetragen wird.
—Ja, Muallim.
—In diesem Haus wird man dich mit neuem Namen ansprechen. Einem, den du selbst gewählt hast. Du wirst merken, dass es so am besten ist. Er nahm sie bei der Hand.
—Entschuldigt, Muallim.
—Ja, Kind?
—Ich mag es nicht, wenn man mich anfasst.
Er schien sie nicht gehört zu haben. —Du bist ein junger Mann mit großem Mumm, so weit, wie du gereist bist. Sagt man das so? Ein Mann mit Mumm?
—Manche Leute sagen das so. Es ist ein altes Wort, Muallim. Genau wie Gnade.
—Verstehe. Er nickte. —Brauchst du schon einen Rasierer?
Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
—Das muss dir nicht peinlich sein, Kind. Wir haben Jungen in unserer Obhut, die noch keine sieben Jahre alt sind. Er richtete sich zu voller Größe auf und ging zur Tür. —Ich werde veranlassen, dass man dir ein Exemplar des Buches bringt, damit du dir deinen neuen Namen aussuchen kannst.
—Dafür brauche ich das Buch nicht, Muallim.
—Dafür brauchst du das Buch nicht? Wieso?
—Ich habe meinen neuen Namen an dem Tag gewählt, an dem ich das Haus meiner Mutter verließ.
Der Mullah gab ihr einen Koran und führte sie, eine Hand in ihrem Kreuz, über einen unbeleuchteten Flur. Er war ein bedächtiger, sanftmütiger Mann, der sie nicht drängte; sie selbst war es, die es eilig hatte. Die Stimmen wurden deutlicher, das Tageslicht weniger. Und Gott leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg. Obwohl sie einen hellklingenden Singsang hörte, war offensichtlich, dass es ausnahmslos Männerstimmen waren; allein der Gedanke trieb ihr die Luft aus der Lunge und sorgte dafür, dass sie einen heißen Kopf bekam und sich schwach und wie ausgetrocknet fühlte. Wände und Boden konnte sie nicht länger sehen, und sie folgte allein ihrem Gehör.
Dort, wo der Flur eine Biegung machte, hielt der Mullah an und öffnete eine unlackierte Tür. Der Raum, den sie betraten, war schmal und langgezogen, und auch wenn darin lauter Männer mit Scheitelkäppchen saßen, blickte doch keiner zu ihnen auf. Reihenweise Leuchtröhren tauchten die Knienden in zitterndes gelbes Licht. Rezitiert wurde Vers 214 der zweiten Sure, wie sie dem Propheten vom Erzengel Gabriel offenbart wurde. Oder meint ihr etwa, ihr würdet ins Paradies eingehen, ohne dass Ähnliches über euch komme wie über jene, die vor euch dahingegangen sind? Not und Unheil erfasste sie, und sie wurden tief erschüttert, bis der Gesandte und die Gläubigen in seiner Nähe sagten: Wann wird Gott siegen?
—Kinder, sagte der Mullah auf Arabisch, kaum dass sie die Sure beendet hatten, und legte eine Hand auf die Schulter des Vortragenden. —Begrüßt mit mir Bruder Suleyman. Er kommt aus Kalifornien zu uns.
Jetzt hoben sie die Köpfe. Aden hatte von diesem Augenblick geträumt und gefürchtet, was darauf folgen mochte, doch konnte sie auf den ihr zugewandten Gesichtern keinerlei Böswilligkeit erkennen. Auf Arabisch wurde sie willkommen geheißen, auch in einer Sprache, die sie für Paschto hielt. Die Jüngsten saßen Ellbogen an Ellbogen in den ersten Reihen und sahen, wie Aden amüsiert bemerkte, am ernsthaftesten aus. Sie versuchte, Decker unter den Anwesenden zu finden, was ihr aber nicht gelang. Sie hatte sich noch nie so aufmerksam beobachtet und zugleich so ungesehen gefühlt.
—Macht Platz für Bruder Suleyman. Wir empfangen ihn heute als unseren Ehrengast.
Eine schulterbreite Lücke öffnete sich vor ihr, und sie nahm unter den Jüngsten Platz. Die ältesten Kinder waren gerade mal zehn, die meisten jünger, und Aden versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. Zerfledderte braune Gebetbücher lagen auf Buchstützen vor ihnen, und Aden spürte die Schultern der Kleinen, die sich durch den Hemdstoff an sie pressten. Schweiß sammelte sich unter den Achseln und im Kreuz, und sie malte sich aus, dass die Männer hinter ihr erst neugierig und dann empört zusahen, wie ihr Körper, vor dessen Anblick sie die Kleider schützten, nach und nach sichtbar wurde. Aber natürlich taten die Männer nichts dergleichen. Sie starrten in ihre Gebetbücher, genau wie Aden. Als sie erneut den Blick hob, war der Mullah fort.
Der Vorleser räusperte sich und blätterte die Seite um.
—Der Gesandte glaubt an das, was ihm offenbart wurde.
—Der Gesandte glaubt an das, was ihm offenbart wurde von seinem Herrn, kam die Antwort. —Ebenso die Gläubigen.
Sie alle glauben an Gott und an seine Engel und an seine Bücher und an seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten. Und sie sagen: Wir hören und gehorchen.
Gewähre uns deine Vergebung, unser Herr, und zu dir ist die Heimkehr.
Gott fordert von keiner Seele mehr, als sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich verdient hat.
Unser Herr, sagte der Vorleser.
Unser Herr, antwortete Aden. —Erlege uns keine Bürde auf, so wie du sie jenen aufgebürdet hast, die vor uns waren. Unser Herr, und bürde uns nichts auf, wofür wir keine Kraft haben.
Sie lasen ohne Pause, bis der Ruf zum Mittagsgebet erscholl, und als sie mit dem Gebet fertig waren, versammelten sie sich im Hof. Aden ging zur Latrine an der Rückseite des Gebäudes, erleichterte sich und achtete darauf, dass niemand sie sah. Dann machte sie sich auf die Suche nach Decker. Sie fand ihn im Schatten eines Maulbeerbaumes mit zwei bartlosen Männern, die sie zuvor noch nie gesehen hatte. Als sie näher kam, erhoben sich die Männer widerwillig, murmelten ein paar Grußworte und schlenderten davon. Decker hockte sich wieder auf die Fersen und blickte ihnen nach.
—Deine Freunde scheinen mich nicht besonders zu mögen, sagte sie.
Er lächelte zu ihr auf. —Sie wissen nicht, was sie von dir halten sollen.
Schlagartig stieg ihr das Blut zu Kopf. —Was sie von mir halten sollen?
Er zuckte mit den Achseln.
—Habe ich im Unterricht was falsch gemacht?
—Ich war nicht beim Unterricht.
—Warum nicht?
—Habe verschlafen.
—Willst du mir nicht sagen, was hier passiert? Willst du deine neuen Freunde beeindrucken? Geht es darum?
—Jetzt flipp nicht gleich aus, Sawyer. Du kannst es bestimmt erraten.
Sie stand mit dem Rücken zum Hof, spürte aber alle Blicke auf sich gerichtet. —Sag mir, was du mir sagen willst, Decker. Fass es einfach in Worte.
—Diese Leute hier sind so beschissen arm. Die haben noch nie … Er unterdrückte ein Gähnen. —Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Einen Sportwagen gesehen. Einen Laptop. Einen Amerikaner aus der Nähe. Du könntest genauso gut mit langem Schwanz und Hörnern auf dem Kopf rumlaufen.
Sie lachte fast vor Erleichterung. —Das ist alles? Weil ich aus den Staaten komme?
—Reicht doch.
—Mach mir nie wieder solche Angst. Okay?
—Hör einfach auf, dir Sorgen zu machen. Bringt doch sowieso nichts.
Sie legte eine Hand auf seine Schulter und spürte, wie er zurückwich. —Sagst du mir, warum du mich so behandelst?
—Wie denn?
—Als würdest du dir wünschen, ich wäre tot.
Er blinzelte in die Sonne. —Ich schätze, ich versuche zu verstehen, warum ich für dich lügen soll.
—Hierherzukommen war deine Idee, schon vergessen? Und wir haben immer gewusst, dass das Lügen dazugehören wird. Hat sich also nichts verändert.
—Du hast dich verändert. Hast deine Haare kurz geschnitten, redest mit verstellter Stimme und sagst nicht mal mehr fick dich. Sagst es nicht mehr, tust es nicht mehr. Also behaupte jetzt nicht, dass ich derjenige bin, der sich verändert hat. Wage das ja nicht.
Sie umschloss die Knie und konzentrierte sich auf die alltäglichen Laute in ihrer Nähe. Das Klappern von Teetassen. Das Keckern einer Elster. Das Wummern eines Generators an der anderen Mauerseite. —Ich werde dafür sorgen, dass dies hier gut ausgeht, sagte sie schließlich. —Ich werde es dir vergelten.
—Klar doch, Sawyer. Ganz wie du sagst.
—Was wirst du jetzt tun, Decker?
Müde schüttelte er den Kopf.
—Falls jemand was rausfindet, bin ich nicht die Einzige, die Ärger kriegt. Wir sind zusammen hergekommen.
—Ich kann jederzeit abreisen.
—Dadurch wird das, was ich gesagt habe, nicht weniger wahr.
Der Blick, den er ihr zuwarf, konnte sie kaum trösten. Kein verschlagener, kein übelwollender Blick, eher ein Blick ruhiger Gleichgültigkeit. Das ergab für sie keinen Sinn.
—Richte dich nicht gegen mich, Decker. Tu das nicht.
Er sah beiseite. —Du bringst da schon wieder was durcheinander. Du bist diejenige, die sich von mir abwendet.
Sie psalmodierten den ganzen Nachmittag, bis schließlich zum dritten Gebet gerufen wurde, und nachdem sie gebetet hatten, lasen sie weiter bis zur Dämmerung im Koran. Nicht ein einziges Mal stockte der durchdringende Singsang des Vortragenden. Das Arabisch ihrer Mitschüler wurde von Paschto oder Urdu eingefärbt, auch von Sprachen, die sie nicht kannte. Steif saß sie in ihrer Mitte und rezitierte mit zögerlicher Stimme, so leise, dass sie sich selbst kaum hören konnte. Die Lichter wurden dunkler, dann heller. Die Taliban schaukelten im Rhythmus der Koranverse vor und zurück. In den besten Momenten schien sich Adens Blick ebenfalls zu trüben, und sie meinte, die Worte zwischen den Zähnen vibrieren zu spüren; das war, was sie wollte, mehr hatte sie sich nie gewünscht.
Nach dem Ruf zum vierten Gebet öffnete Decker die Tür und suchte sich einen Platz in den letzten Reihen. Sie waren beim zweihundertsechzigsten Vers der Sure angekommen, und Aden meinte, jede Stimme deutlich heraushören zu können. Sein kalifornisches Näseln übertönte auch die klarste Intonation: der Klang von Privileg und Selbstgefälligkeit und auch sonst allem, was sie hinter sich zu lassen hoffte. Ihre eigene Stimme kam ihr dagegen grotesk vor, leise und fehl am Platze, wie sie war. Aden gab sich Mühe, sie zu ignorieren, sah sich gleichsam von hoch oben rezitieren, eine schmale Gestalt in all der schaukelnden Bewegung, dem Tumult. Sie sah sich und die anderen, sah sie sich beugen, aufrichten und wieder verbeugen, ein sanftes Wogen in windgepeitschtem Gras.
Und als Saul mit den Heerscharen auszog, sagte er: Wahrlich, Gott wird euch an einem Fluss prüfen. Wer aus ihm trinkt, gehört nicht zu mir, und wer nicht davon kostet, der gehört wahrlich zu mir, außer dem, der nur eine Handvoll mit seiner Hand (daraus) schöpft.
Und sie tranken davon bis auf wenige von ihnen.
Und als sie den Fluss überquert hatten, er und diejenigen, die mit ihm gläubig waren, sagten sie: Wir haben heute keine Kraft gegen Goliath und seine Heerscharen.
Doch diejenigen, die damit rechneten, dass sie Gott begegnen würden, sagten: Wie oft hat nicht eine geringe Schar über eine große Schar gesiegt mit Gottes Erlaubnis! Und Gott ist mit den Standhaften.
Nach dem fünften Gebet aßen sie im Hof zu Abend, Dhal mit Fladenbrot, und als sie fertig waren, schickte Hayat nach ihr. Sie traf ihn in einem sonnenhellen Zimmer in der Südwestecke der Schule an, wo er mitten auf dem Boden auf einem leopardengefleckten Kissen hockte und unmusikalisch vor sich hin summte. Bis auf ein Teegeschirr und einen mit Vorhängeschloss gesicherten Schrank war der kleine Raum leer. Vor Hayat lag ein zweites Kissen, auf das er mit würdevoller Geste deutete.
Sobald sie vor dem Mullah saß, kümmerte er sich um das Teetablett. Ein Junge mit einer Lippenspalte eilte herbei, um sie zu bedienen, aber Hayat winkte ab. —Noch bin ich, dem Herrn sei Dank, nicht so hinfällig, sagte er zu ihr auf Englisch, —dass ich keinen Tee einschenken könnte. Sie nickte und lächelte ihm zaghaft zu.
—Ich nehme Büffelmilch zum Tee, sagte er, während er ihr eingoss. —Die Engländer bevorzugen Kuhmilch, wenn ich mich nicht irre.
—Ja, Muallim, erwiderte sie. —Allerdings bin ich kein Engländer.
—Natürlich nicht! Er neigte kurz den Kopf, was wie eine Verbeugung wirken mochte. —Aber dennoch nimmst du deinen Tee mit Kuhmilch.
—Ich trinke ihn ohne alles.
Das amüsierte Schmunzeln, das nie ganz aus seiner Miene verschwand, war auch zu sehen, während er sie beobachtete. Sie lächelte und nickte, um ihr Unbehagen zu kaschieren. Sie war müde und unsicher, die Kehle rau vom Rezitieren. Aden nahm einen Schluck.
—Auf deine Gesundheit, sagte der Mullah und hob gleichfalls die Tasse.
Sie hielt mitten im Schlucken inne und erwiderte seine guten Wünsche. —Verzeiht meinen mangelnden Anstand, Muallim, sagte sie auf Arabisch. —Ich habe noch viel zu lernen.
—Dabei weißt du schon sehr viel, Suleyman. Eine erstaunliche Menge. Sind viele amerikanischen Jungen so wie du?
Sie nahm noch einen Schluck. —Nicht sehr viele, fürchte ich, Muallim.
—Dein Arabisch ist besser als das der meisten jener Schwachköpfe, die Gott mich zu unterrichten heißt. Viel besser. Es zu hören entzückt meine armen halbtauben Ohren.
—Danke, Muallim.
—Es ist natürlich Hocharabisch. Kein Arabisch, wie man es im Alltag spricht. Und man hört einen leichten englischen Akzent. Besonders beim qaf und ha. Er lächelte. —Was uns nur daran erinnert, wie weit du gereist bist.
Sie wippte mit dem Kopf und sagte nichts.
—Wir hatten noch nie einen Besucher von so weit her. Kalifornien. Er betonte das Wort sehr sorgsam. —Ihr erweist uns eine große Ehre. Du und dein Bruder Ali.
—Ja, Muallim. Wer ist Ali?
—Dein Gefährte natürlich.
—Mein Gefährte? Ich …
—Ali ist der Name, den er sich ausgesucht hat.
Sie schaute ihn verständnislos an. Er nahm ihr die Teetasse ab und schenkte noch einmal nach.
—Verzeiht, Muallim. Ich habe wohl angenommen, er würde es mir selbst sagen.
—Du bist eng befreundet mit Ali, stimmt’s? Er strahlte sie an. —Schon lange?
—Ich bin mir nicht sicher, Muallim, wie ich darauf antworten soll.
—Sei ganz direkt und sag die Wahrheit.
Sie zögerte. —Decker Yousafzai ist der beste Freund, den ich auf der Welt habe. Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen.
—Das ist schön, sagte Hayat. —Es ist schön, so einen Freund zu haben. In diesem Haus allerdings heißt er Ali Al-Faridi.
Sie spürte, wie ihr das Blut zu Kopf schoss. —Ja, Muallim. Natürlich.
—Während du den Koran rezitiert hast, saß ich mit Bruder Ali hier in diesem Zimmer und habe ihm die gleichen Fragen gestellt, die ich jetzt auch dir stelle.
Sie richtete sich auf ihrem Kissen auf. —Und was hat er gesagt?
—Warum bist du hier, Suleyman?
Ihre Kopfhaut begann zu jucken. —Um den heiligen Koran zu lernen, Muallim. Ihn auswendig zu lernen. Mit Herz und Verstand.
Er dachte über ihre Antwort nach. —Ihn mit dem Herzen auswendig lernen. Ja, das unterrichten wir in diesem Haus. Du bist nicht in die Irre geführt worden.
—Wie bitte, Muallim?
—Niemand hat dich in die Irre geführt.
Sie wusste nicht, ob sie etwas darauf erwidern sollte. Er schien es nicht zu erwarten. Sie trank aus ihrer Tasse.
—Natürlich ist meine Schule nichts Besonderes. Wir sind Gläubige, aber wir können in keiner Weise mit – wie heißt das noch auf Englisch? Er runzelte die Stirn. —Wir können nicht mit den großen Medresen konkurrieren. Mit Ashraf ul Madaris in Karatschi zum Beispiel oder mit Jamia Ashrafia in Lahore. Ihr Ruhm strahlt hell und ist wohlverdient. Du hast von diesen Schulen gehört?
—Das habe ich, Muallim.
—Und doch hast du dich entschieden hierherzukommen. In meine Dorf-Medrese, die kaum vierzig Schüler zählt. Wir fühlen uns wahrhaft geehrt.
Sie nickte unwillkürlich.
—Heißt es nicht in der Heiligen Schrift: Und denjenigen, die um Gottes willen auswandern, wird Gott eine stattliche Versorgung bereiten? Und an anderer Stelle: Du wirst zweifellos finden, dass die, welche sagen ‹Wir sind Christen› den Gläubigen am freundlichsten gegenüberstehen. Dies ist so, weil sie nicht hochmütig sind. Er reckte ihr beide Arme entgegen. —Wie wahr sind doch die Worte, Suleyman, insbesondere in diesem Fall!
—Danke, Muallim.
—Ist es möglicherweise wahr, dass ihr zu meiner Schule gekommen seid, weil sie so nahe an der Grenze liegt?
—Wie bitte, Muallim? Ich verstehe nicht …
—Vielleicht ist dir gar nicht bewusst, dass wir hier tief innerhalb der Stammesgebiete sind, nur einen Tagesmarsch von der Grenze entfernt. Durch diese Gegend und sogar durch dieses Dorf kommen viele junge Männer auf ihrem Weg zu den Lagern der Mudschaheddin. War dir diese Tatsache bekannt?
Sie schüttelte steif den Kopf.
—Aber du hast in Peschawar doch ihre Reklame gesehen. Die Sprüche, mit denen sie junge Männer anwerben.
—Ich habe sie gesehen.
—Ich kann dir nur freundlich raten, Suleyman, dich nicht für dergleichen zu entscheiden.
Wie in jedem Raum dieses dünnwandigen Hauses war der Klang gedämpfter Stimmen zu hören. Von hinten oder auch von unten vernahm sie zudem Geräusche: die Fehlzündung eines Motors, Kinderlachen. Während sie mit geradem Rücken vor dem Mullah saß und sich um Antworten bemühte, ging ihr zum ersten Mal auf, dass es Kinder im Dorf geben mochte, die kein Interesse an dieser Schule hatten.
—Darf ich Euch eine Frage stellen, Muallim?
—Du darfst.
—Warum sagt Ihr mir das? Das mit den Mudschaheddin?
—Seit nahezu dreißig Jahren unterrichte ich nun junge Männer, Suleyman, und Gott allein verdanke ich es, dass mein Blick für gewisse Anzeichen geschärft wurde. Er wölbte die Hand und drehte sie nach oben, wie sie es schon einmal an ihm beobachtet hatte. —In dir steckt eine Ruhelosigkeit, Kind, auch wenn du dich bemühst, ruhig zu wirken. Dein Gefühl für die Schrift … Er atmete langsam aus. —Dein Gefühl für die Schrift ist ein verzweifeltes, sagte er schließlich. —Und ein solches Gefühl kann sich leicht der Gewalt zuneigen. Ich habe das schon oft erlebt und gelernt, darauf zu achten.
—Ich bin hier, um zu lernen, sagte sie. —Das ist alles. Um Gott näher zu kommen.
—Ich kann gegen den Dschihad nichts einwenden, fuhr er fort, als ob sie nichts gesagt hätte. —Der Prophet selbst lehrt uns: Zu kämpfen ist euch vorgeschrieben, auch wenn es euch widerwärtig ist.
Er beugte sich vor, hob seine Tasse und trank.
—Doch wohl kein Kampf, Suleyman, ist so unnütz für uns und für Gott wie ein Dschihad mit der Kalaschnikow. Viele junge Männer haben dieses Haus verlassen, um in die Lager zu wechseln. Nicht wenige verschwanden mitten in der Nacht und ließen alles hinter sich zurück – sogar das Buch, zu dessen Studium sie gekommen waren. Als hätte es seinen Nutzen überdauert. Und nur wenige von denen haben dieses Haus danach je wieder beehrt.
Er nahm Adens Tasse und schenkte ihr nach. Sie hörte nicht zum ersten Mal eine Drohung, die sich als Ratschlag tarnte – ihr Vater hatte ihr oft auf diese Weise zugesetzt, vor allem seit ihrer Bekehrung –, nur verstand sie nicht, worauf die Drohung des Mullahs hinauslief. Sie drückte sich nicht in Worten aus, nicht einmal im Ton seiner Stimme, und dennoch hing sie zwischen ihnen wie ein Wölkchen farbigen Rauchs.
—Du kannst hier schlafen, Suleyman Al-Na’ama. Du wirst mir die Ehre erweisen.
—Hier, Muallim? Aber dies ist Euer …
—Wir sind nicht so prunkvoll eingerichtet wie die Schulen in Lahore, doch wirst du merken, dass wir dich mit Respekt behandeln. Vielleicht hast du die Säle gesehen – die Schlafsäle, ja? Sagt man so? –, in denen die Männer ihre Betten haben. Du bist an diesen Sälen vorbeigegangen?
—Das bin ich, Muallim.
—Dann hast du gesehen, wie sehr sie sich von dem unterscheiden, was du gewohnt bist. Dieses Zimmer hier dürfte für dich angemessener sein. Man kann die Kissen zusammenschieben und daraus ein Bett bauen.
—Darf ich etwas sagen, Muallim?
—Du darfst.
—Wenn es in Ordnung ist, würde ich gern im Schlafsaal bleiben. Bei den anderen. Ich möchte nichts haben, was niemand sonst hat. Ich möchte nicht, dass man mich anders behandelt.
Hayat beobachtete sie aufmerksam. —Und doch bist du anders, Suleyman. Sogar für mich.
—Aber nicht mehr lange, Muallim. Nicht wenn Gott es will. Ich kann für Euch so normal sein wie diese Teekanne hier.
Der Mullah fuhr sich mit den Fingern durch den Bart, dann lächelte er Aden an und nickte. —Du schläfst in diesem Raum, Suleyman, sagte er.
Sie schlief angezogen, und als sie der Ruf zum Gebet weckte, fand sie am Fußende eine Schale Wasser sowie einen Waschlappen. Einen Moment lang lauschte sie mit angehaltenem Atem, stand dann leise auf und verriegelte die Tür. Lautlos öffnete sie ihr Gepäck, durchsuchte die Innentasche und fischte ein ordentlich zu Größe und Stärke eines Kartendecks gefaltetes Taschentuch heraus. Kühl und trocken lag das Tuch in ihrer Hand. Sie schlug es auf, griff nach der silbrigen Scheibe Tabletten in Alufolie und riss die Packung auf. Das spröde Geräusch war irgendwie angenehm. Sie legte sich die erste Pille auf die Zunge, packte das Taschentuch wieder fort und kniete sich hin, um ihre morgendlichen Waschungen vorzunehmen. Sie wusch sich mit aller Sorgfalt, denn ihre Anwesenheit in diesem Haus war eine Verunreinigung, ein Skandal. Sie war eine Lügnerin, eine Heuchlerin, und doch war sie in ihrem Leben nie so glücklich gewesen. Sie rannte den Flur entlang, um sich auf dem eisigen, unbeleuchteten Hof den anderen anzuschließen und ihre Gebetsmatte in die letzte Reihe zu legen, sodass niemand sie sah. Dennoch nickte ihr der Mullah zu.
Mittags fand sie Decker am selben Ort wie tags zuvor. Mit krummem Rücken hockte er im Tüpfelschatten der Maulbeere und sah sie näher kommen. Aufs Neue versuchte sie zu verstehen, wie er sich verändert hatte. Bei ihm waren dieselben zwei Männer, blieben dieses Mal aber sitzen. Sie lächelten, als Aden sie grüßte, doch konnte sie sich nicht daran erinnern, die beiden im Unterricht oder beim Gebet gesehen zu haben.
—Das hier sind meine Vettern, sagte Decker. —Altaf und Yaqub. Altaf ist früher einmal Talib an dieser Schule gewesen.
Aden trat von einem Fuß auf den anderen, wusste nicht, was sie tun sollte. —Es ehrt mich, euch kennenzulernen, sagte sie schließlich auf Arabisch. Sie nickten und legten die rechte Hand an die Brust.
—Mein Bruder kann kein Arabisch, sagte der, den Decker Altaf genannt hatte.
—Ist schon in Ordnung. Sie lächelte ihn an. —Dafür kann ich kein Urdu.
—Ist eine dreckige Sprache. Mir gefällt, dass du kein Urdu kannst. Diese Sprache der Ignoranten. Der Landstreicher.
Decker lachte auf eine Art, die sie an ihm nicht kannte. Er lachte auf Urdu, dachte sie. Oder auf Paschto. Der Mann, der Yaqub hieß, nickte erneut und grinste verständnislos, sah von einem zum anderen. Von den dreien schien er der Sanfteste zu sein.
—Ich bin mir sicher, dass das nicht stimmt, erwiderte sie. —Bitte sage das deinem Bruder.
—Dein Arabisch ist schön, sagte der Mann, ihren Kommentar ignorierend. —Du sprichst es sehr klangvoll. Als würdest du ein Gedicht lesen.
Als er das sagte, kam ihr eine Frage oder ein leiser Zweifel, weshalb sie zu Decker hinübersah und auf ein Zeichen hoffte, aber sein Gesicht blieb verschlossen. Sie verstand jetzt, was ihn verändert hatte. Die Ankunft dieser Männer. Jener, den sie Altaf nannten, beobachtete sie amüsiert, und sein hinter ihm stehender Bruder nickte mit schwerem Schädel. Vielleicht grinsten sie angesichts ihrer Art, die Kleidung zu tragen oder darüber, wie sie das Arabische aussprach oder bloß über die Blässe ihrer Haut. Vielleicht grinsten sie aber auch einfach nur so. Sie blickte von Altaf zu Decker und fand keinerlei Ähnlichkeit.
—Du bist hier ein Lieblingsschüler, sagte der Altaf Genannte. —Wirst bevorzugt wie sonst keiner. Mir wurde gesagt, du hast sogar ein Zimmer für dich allein. Sein Grinsen veränderte sich kaum merklich. —Vielleicht ist dein Arabisch deshalb noch so rein.
—Du hast hier gelernt? Bei Muallim Hayat?
Altaf zuckte mit den Achseln.
—Wann war das?
—Vielleicht vor sechs, sieben Jahren.
—Wie lange hast du gebraucht?
—Wofür?
—Den Koran auswendig zu lernen. Sie beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie, wie sie es bei den Männern am Abend zuvor gesehen hatte. —Ich hoffe, ich kann ihn in einem Jahr.
Altafs Miene verdüsterte sich. Decker sagte etwas zu ihm, doch gab er nur ein kurzes, hartes Lachen von sich und schüttelte den Kopf. Wieder hatte sie irgendwas Falsches gesagt.
—Ich habe es nicht geschafft, erklärte Altaf. Er sagte es leichthin, so als wäre es nicht weiter von Bedeutung. —Will man das Buch auswendig lernen, Bruder Suleyman, muss man Abstand wahren zu den Problemen der Welt.
—Natürlich, warf Decker ein. —Man sehe sich nur an, wer diese Schule führt.
—Ich habe den Muallim enttäuscht und mein Studium abgebrochen.
Sie entschuldigte sich und gab sich Mühe, ihre Verwirrung zu verbergen. Dass das Schulgelände für Leute aus dem Dorf, aber auch für Reisende offenstand, hatte sie gewusst, nur konnte sich nicht daran erinnern, Altaf oder seinen Bruder beim ersten oder zweiten Gebet gesehen zu haben. Es schien ihr eine schwere Sünde zu sein, die Schule für einen anderen Zweck zu nutzen.
—Der Muallim kann nicht allzu enttäuscht von dir gewesen sein, Bruder Altaf, sagte sie. —Immerhin empfängt er dich noch in seinem Haus.
Altaf schüttelte den Kopf. —Wir sind nicht wegen des Alten hier, sagte er. —Wir sind wegen unseres Vetters hier. Deines guten Freundes.
—Verstehe, hörte sie sich murmeln. —Ich dachte …
—Unser Vetter ist zum Mann herangewachsen, Bruder Suleyman, wie du selbst sehen kannst. Altaf packte Decker am Hemdkragen. —Du aber bist noch ein Kind und hast noch viel zu lernen, bevor du dich ihm anschließen kannst.
—Das stimmt, sagte sie und blickte auf den kiesbedeckten Boden.
—Was denn?
—Dass ich noch viel zu lernen habe.
—Und das wirst du auch, so Gott will. Er beugte sich vor und legte ihr leicht eine Hand auf die Schulter. —Streng dich an, kleiner Bruder, damit du bald folgen kannst.
Die beiden Männer erhoben sich und liefen gemächlich im Schatten der Mauer zu den Betonstufen hinüber, die ins Haus führten, dabei grüßten sie niemanden und wurden von niemandem gegrüßt. Decker sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren.
—Wer sind diese Männer, Decker?
—Das habe ich dir gesagt. Meine Vettern.
—Willst du mir nicht erklären, was zum Teufel hier vor sich geht?
—Bruder Suleyman! Ich dachte, du hättest das Fluchen aufgegeben. Muss ich wohl was missverstanden haben.
—Ich frage dich nur noch dieses eine Mal.
—Und dann was?
—Ich schätze, dann wirst du einen Freund verlieren.
Darauf erwiderte er nichts, zupfte nur müßig am Saum seines Salwar Kamiz. Sie zwang sich, ruhig zu atmen, wartete und fühlte sich dabei allem fern, aber ruhig und hellwach.
—Einer von denen ist es, murmelte er schließlich. —Mein Vetter, meine ich. Yaqubs Vater hat uns den Platz in der Medrese besorgt. Er ist der älteste Bruder meines Vaters. Er wohnt ein paar Dörfer weiter.
—Er sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Auch nicht deinem Vater.
—Tja, dafür kann ich nichts, Sawyer.
—Was wollen die von uns?
Er gab keine Antwort. Die anderen im Hof standen auf und klopften sich den Staub von den Hemden. Aden zwang sich, leise zu sprechen.
—Warum hast du uns nicht gestern bekannt gemacht?
—Das habe ich dir doch schon gesagt. Sie haben sich nicht sicher gefühlt. Sind ein bisschen nervös.
Sie hockte sich hin und wartete. Es dauerte nicht lang.
—Sie verstecken sich, sagte Decker.
—Vor wem?
—Komm schon, Sawyer. Das würden sie mir doch nie sagen. Und wenn, müssten sie mich erschießen oder was weiß ich.
—Klingt, als könntest du dir nichts Besseres vorstellen.
Er setzte eine ernste Miene auf. —Was ich gerade gesagt habe, darfst du eigentlich gar nicht wissen. Sie trauen dir noch nicht.
—Sie brauchen mir nicht zu trauen. Ich bin hergekommen, um hier zur Schule zu gehen.
—Ich schätze, das muss ich dir wohl glauben.
—Decker, ich finde, du solltest mir erzählen, was du …
—Du weißt genau, was ich meine. Wenn du nur lernen wolltest, hätten wir auch in Karatschi bleiben können. Oder in den Emiraten, wo dich deine Mom, dein Dad und alle anderen vermuten. Wir hätten sogar in Santa Rosa bleiben können.
—Aber du hast Familie hier. Deshalb sind wir hergekommen. Gerade hast du gesagt, dein Onkel …
—Verarschen kann ich mich allein, Sawyer.
Sie lehnte sich zurück und vergrub die Hände im Kies. —Nie im Leben wäre ich in Santa Rosa geblieben, sagte sie schließlich. —Du weißt, wie es da ist.
—Ich sage nur …
—In Santa Rosa war ich ein Freak. Ein gottverdammter Freak für alle Leute in der Stadt.
—Jetzt schau dich doch um, Sawyer. Willst du mir etwa erzählen, dass du hier kein Freak bist?
Am nächsten Tag war sie mittags die Erste im Hof und fand einen Platz bei den Fenstern des Unterrichtsraumes. Im Schatten lag ein Streifen roter Veloursamt, auf dem in ordentlichen Reihen Schalen mit Dhal und Plastikteller mit Naan standen. Aden setzte sich neben einen Krug Tee mit Schildpattgriff; die übrigen Schüler nahmen um sie herum Platz und begannen unverzüglich zu essen und zu trinken. Ein Gespräch kam nur langsam auf, fast zögerlich. Die Männer links und rechts von ihr redeten mit niemandem, und der Junge, der ihr gegenübersaß, summte zwischen den Bissen Brot eine traurige, eintönige Melodie. Ein glattrasierter Mann neben ihm reichte ihr seine Tasse.
—Wärst du so freundlich, Bruder, sagte er auf Englisch.
Sie schenkte ihm aus dem Krug nach. —Ich spreche lieber Arabisch, falls es dir nichts ausmacht. Kann die Übung gebrauchen.
—Kriegst du drinnen nicht genug Übung? Hier draußen dürfen wir jede Sprache sprechen, die wir sprechen wollen. Und können über jedes Thema reden.
—Gott ist es nicht egal, was du machst, Ibra, rief ihm jemand zu.
Er seufzte. Ein deutlich älterer Mann neben ihm schüttelte den geschorenen Kopf und setzte die leidgeprüfte Miene eines Erwachsenen auf, der sich genötigt sieht, seine Tage in der Gesellschaft von Kindern zu verbringen. Während er an seinem Tee nippte, brummelte er vernehmlich vor sich hin. Der Glattrasierte zuckte freundlich mit den Schultern.
—Nimm es ihm nicht krumm, Bruder. Er meint es gut, auch wenn man’s ihm nicht ansieht.
—Ich kann ihm nichts krummnehmen, erwiderte sie lächelnd. —Ich verstehe ja nicht, was er sagt.
Sie beendeten ihr Mahl, und das Geschirr wurde abgeräumt. Nach dem ersten, tapsigen Wortwechsel hatte Aden kaum mehr etwas gesagt, dennoch war deutlich geworden, dass sich etwas verändert hatte. Sie war jetzt sichtbar. Mehr als einmal blickte sie von ihrem Teller auf und merkte, dass die jüngeren Schüler sie offen anstarrten.
—Ich heiße Ibrahim Schah, sagte der Glattrasierte, als sie aufstanden, —und mein Vater ist Schah Qutub Mohammed.
Sie nahm seine Rechte in beide Hände, wie es hier Brauch zu sein schien. —Suleyman Al-Na’ama, sagte sie. —Und der Herr dort ist dein Vater?
Der Mann lachte. —In gewisser Weise ist er für uns alle wie ein Vater, Suleyman, und auch wie eine Mutter. Abu Omar ist der Koch, und er macht auch sauber.
—Entschuldige, da habe ich offensichtlich was falsch verstanden …
—Und du vergib ihm bitte seine Manieren. Er ist ein alter Soldat und hält nicht viel von khariji. Für ihn sind alle Ausländer nur gottlose Affen.
—Verstehe.
—Tust du das, Suleyman? Das hoffen wir sehr.
Über die Betonstufen betraten sie den kühlen, dämmrigen Flur. Ibrahim blieb an der Tür zum Unterrichtsraum stehen. —Wir freuen uns, dich bei uns zu haben, Suleyman. Du gereichst der Schule zur Ehre. Und außerdem, was Abu Omar gesagt hat, war keine schwere Beleidigung.
—Ist schon gut. Was hat er denn gesagt?
—Bitte! Es war völlig unwichtig. Er meinte, du hältst die Teetasse wie ein Mädchen.
In der Nacht wurde sie plötzlich wach, riss die Augen auf und sah Decker vor sich. Sie brauchte kein Licht, um zu wissen, wer es war oder was er vorhatte. Sie hätte ihn schon an seinem Geruch erkannt, auch an seiner Silhouette oder an seiner nervösen Art, auf den Fersen zu wippen.
—Wach auf, Sawyer, flüsterte er.
Im Zimmer war es so still, dass sie hören konnte, wie er mit der Zunge über seine Zähne fuhr. Dann streckte er eine Hand aus und berührte den Wirbel Stoppelhaar auf ihrem Scheitel. Er schien anzunehmen, dass sie noch schlief, hielt die Hand wieder vor den Mund und holte tief Luft. Anschließend legte er sich neben sie und sagte ihren Namen.
—Jetzt komm schon, Aden. Wach auf. Du kannst gar nicht mehr schlafen.
—Ich bin wach.
—Gut. Er zögerte. —Okay. Gut.
—Ich höre nur nicht auf diesen Namen. Nicht mehr.
—Du hörst gefälligst auf jeden Namen, mit dem ich dich anrede, egal ob Aden, Volltrottel oder Schah von Persien.
Sie stützte sich auf die Ellbogen und wartete.
—Ich will hier raus, Sawyer. Ich halte es nicht länger aus.
Sie sagte nichts. Er starrte an die Decke und biss die Zähne zusammen.
—Hörst du mir zu, Sawyer? Schlaf nicht wieder ein.
—Ich höre dir zu. Sie setzte sich auf und betrachtete ihn. —Ich frage mich nur, was du erwartet hast.
—Ist das hier denn, was du dir gewünscht hast? Diese Hütte aus Lehm, Ziegel und Scheiße? Bohnen und Spülwasser zum Abendessen? Dieselben Gebete, von denen wir schon in Santa Rosa die Nase voll hatten?
—Das mag für dich gelten, aber sprich nicht für mich.
—Du bist kein bisschen angewidert? Schau mir in die Augen. Du bist nicht angeödet?
Sie ließ den Kopf langsam wieder auf die verschränkten Arme sinken. Es war kalt im Zimmer, und sie war Decker für seine Körperwärme dankbar. Sie meinte, ihn im Dunkeln fast dampfen sehen zu können.
—Das Essen könnte besser sein, sagte sie schließlich.
—Scheiße ja, das könnte es. Wie wär’s für den Anfang mit ein bisschen Salz? Verdammt! Oder Käse. Pfeffer!
—Ich hätte gern einen Cheeseburger. Ob die hier Cheeseburger haben?
—Gestern habe ich einen Blick auf die Butter geworfen, die sie benutzen. Die wird in Blechdosen mit russischer Aufschrift geliefert.
Sie drehte den Kopf zu ihm um. —Russische Buchstaben? Kyrillisch?
—Ganz genau, Partner. Wir essen Butter aus der Zeit der Disco-Ära.
Gedankenleer blieben sie eine Zeitlang nebeneinander liegen. Irgendwo in der Nähe gab ein Hahn einen untröstlichen Laut von sich.
—Ist noch nicht mal Mitternacht, sagte er. —Selbst das Federvieh hat keinen Schimmer.
—Geh wieder schlafen, Decker.
—Glaubst du wirklich, dass du das hier durchziehen kannst?
—Ich hoffe es.
—Was, denkst du, passiert, wenn du auffliegst?
Sie rollte sich auf die Seite, sagte nichts.
—Eines Tages wird dich irgendwer erwischen, wenn du dich hinter einen Busch hockst. Hast du daran schon mal gedacht?
—Hier hocken sich alle hin. Sie lächelte in die Dunkelheit. —Das gefällt mir so gut an diesem Land.
—Nicht wie du. Mädchen machen das anders. Du machst es anders.
—Das bildest du dir nur ein. Ich pisse genau wie du.
—Sie werden sich an dich gewöhnen, Sawyer. Sie werden sich fragen, warum du dich nicht rasieren musst. Und sie werden es merken, wenn du deine Tage hast.
Sie seufzte. —Darüber haben wir doch schon geredet. Die hören von allein auf, wenn man stark genug abnimmt. Außerdem nehme ich Pillen, die mir dabei helfen.
—Sie werden die Pillen finden.
—Nicht wenn du ihnen nicht davon erzählst.
Er fluchte und drehte sich zu ihr um. —Was ist mit deinen Titten, Sawyer? Willst du die Bandage für den Rest deines Lebens tragen? Ich weiß, bei dir reicht es kaum für einen Bikini-Wettbewerb, aber so werden die wund. Oder sie fangen an zu jucken.
—Mach du dir deshalb mal keine Sorgen.
—Sawyer …
—Ich trage die Bandage jetzt ständig. Auch beim Schlafen.
—Du lügst, sagte er, und ließ eine Hand unter ihr Hemd gleiten.
Sie spürte keine Überraschung, keinen Schock, nur eine plötzliche Kälte, und die war elektrisch, ein Stromschlag, der durch ihren Körper fuhr und ihr den Mund verschloss. Sie hatte so gehofft, einfach an seiner Seite schlafen zu können.
—Ich hatte fast vergessen, wie du dich anfühlst, sagte er. —So gut.
Ihr war, als klapperten ihre Zähne.
—Was ist?
—Wir können das nicht tun, Decker. Nicht hier.
—Ein Zimmer mit einer Tür. Einen besseren Ort finden wir nicht.
—Es geht nicht.
—Halt den Mund und komm her.
—Es geht aber nicht, sagte sie mit dünner, leicht gezierter Stimme.
—Wieso denn nicht?
—Weil ich meine Tage habe. Ich darf keine Flecken machen.
—Du nimmst doch diese Pillen. Hast du gerade selbst gesagt.
—Noch nehme ich sie nicht. Spare sie für später.
Er starrte sie an. Sie konnte jetzt seine Augen sehen, das Weiß seiner Zähne. Er schaute sich zur Tür um, dann aus dem Fenster in den leeren, unbeleuchteten Hof.
—Lügen ist eine Sünde. Sawyer. Bist du eine Sünderin?
—Bitte, Decker. Es geht nicht. Habe ich doch gesagt.
—Du hast es mir versprochen. Er rückte ihr jetzt so nahe, dass sein Gesicht zu verschwimmen begann. Mit einer Hand stützte er sich auf ihrem Brustkorb ab, mit der anderen umklammerte er ihr Handgelenk. —Du hast es mir versprochen. Du hast gesagt, du sorgst dafür, dass alles gut wird.
Sie schloss die Augen, ließ die Gedanken verstummen und fragte sich, ob sie es schaffen würde. Eine Zeile aus der morgendlichen Rezitation ging ihr durch den Kopf: Und Gott hat euch aus Erde erschaffen, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Klümpchen Blut. Langsam und sorgfältig ging sie den Akt an sich durch und verglich ihn mit der Sünde tödlichen Versagens. Sie hatte es schließlich schon öfter getan, hatte jedes Mal nachgegeben, wenn er sie darum bat, und seine Lust geteilt. Erst hinterher hatte sie Scham empfunden. Und in den Augen der Rechtschaffenen war sie in Wahrheit doch längst eine Sünderin in Wort und Tat. Sie blickte zu Decker auf. Er war vielleicht unwissend und schwach, aber er war nicht unfreundlich. Er war ihr treu. Und wie bescheiden war doch sein Begehren im Vergleich zu der Sünde, die sie verkörperte.
—Das werde ich auch, sagte sie. —Das werde ich, okay? Aber nicht heute Nacht. Nicht jetzt.
—Jetzt hör mir mal zu, zischte er und setzte sich rittlings auf ihre Hüfte. —Mir reicht es …
Sie schlug mit der Handinnenfläche kräftig gegen sein Kinn, so wie sie es von ihrem Vater gelernt hatte. Wie seltsam, dass sie gerade jetzt an ihn denken musste. Ausgerechnet an ihren Vater. Sie griff Decker beim Ärmel, als er fiel, und zog ihn mit aller Kraft nach rechts. Er fiel, sein Körper verkrampfte sich, dann keuchte er, stöhnte und versuchte, auf die Beine zu kommen, als auf dem Flur plötzlich Schritte zu hören waren. Sicher nur ein Schüler auf dem Weg zur Latrine, trotzdem erstarrten sie beide, bis das letzte Echo verklungen war. Es tat gut zu sehen, dass Decker sich fürchtete. Er hatte den Arm gehoben, als ob er sie schlagen wollte, ließ ihn jetzt aber sinken und taumelte zur Tür.
—Habe ich dir weh getan?
Bei ihren Worten zuckte er zusammen und hustete in seinen Ärmel. So taktlos. So jungenhaft. Er stand mitten in dem kleinen kahlen Zimmer, die Arme halb ausgebreitet, als hätte der Sturz sein Gleichgewichtsgefühl beeinträchtigt. Dann nickte er knapp und trat hinaus auf den Flur.
Als sie am nächsten Morgen Hayat aufsuchte, saß er auf dem Boden, neben sich eine zerfledderte, wasserfleckige Zeitschrift. Im Näherkommen erkannte sie eine Ausgabe des Scientific American vom Vorjahr, die sie bereits auf dem Küchentisch im neuen Haus ihres Vaters gesehen hatte. Aufgeschlagen war ein Beitrag mit dem Titel: «Wie man im Weltall bei Verstand bleibt – genügt der ‹richtige Stoff›?» Sie war so überrascht, dass sie vergaß, ihren Lehrer zu begrüßen.
—Druckausgleich, las Hayat betont langsam vor.
—Verzeihung, Muallim?
—Druckausgleich, wiederholte er, dieses Mal zuversichtlicher. —Scheint ein Problem zu sein. Das Gewicht der Luft.
—Davon weiß ich nichts, Muallim.
—Nein? Er legte die Zeitschrift wieder hin. —Hast du es nicht gespürt? Im Flugzeug?
—Habe ich nicht, Muallim. Sie setzte sich neben ihn. —Ich glaube, dazu war ich viel zu aufgeregt.
—Natürlich. Er lächelte. —Und wie es aussieht, bist du immer noch ziemlich aufgeregt.
—Ich mache mir Sorgen.
Das Lächeln verblasste. —Wieso das, Suleyman?
—Um meinen Freund Ali.
Er wartete. —Ja?
—Wir hatten eine Art Streit.
—Ah, sagte er. —Verstehe.
—Der Streit macht mir aber eigentlich keine Sorgen. Jedenfalls nicht so richtig.
—Nein, mein Kind? Was dann?
—Ich fürchte, ich weiß nicht, ob er recht hat.
Er beugte sich vor. —Das musst du mir erklären. Worüber wart ihr unterschiedlicher Meinung?
—Es ging um die Sünde, Muallim.
—Ein Thema, das eine Diskussion durchaus lohnt. Er musterte sie einen Moment lang. —Was für eine Sünde?
Die Luft in ihren Lungen schien zu verklumpen. —Die Sünde der Falschheit, Muallim.
—Falschheit welcher Art?
—Falsches Zeugnis ablegen, erwiderte sie mit Mühe. —An einen heiligen Ort kommen, eine Moschee zum Beispiel oder eine Schule …
—Ja?
—Und das unter Umständen, die möglicherweise nicht vollkommen ehrlich sind.
—Ich verstehe. Hayat machte eine Geste, die sie nicht zu deuten wusste. —Und hat sich Ali einer Sünde dieser Art schuldig gemacht? Hat er gelogen, um Zugang zu erhalten?
—Nein, Muallim, antwortete sie heiser. —Nicht soweit ich weiß.
Es war offensichtlich, dass er ihr nicht glaubte. —Und was genau hat Ali zu dir gesagt, mein Kind?
—Hierher kann jeder kommen, der lernen will, nicht wahr? Sie zögerte. —Wirklich jeder, wenn er es nur ernst meint? Unabhängig davon, wer er ist oder einmal war?
—Jeder, der aufrichtigen Glaubens ist, ist in diesem Haus willkommen.
Jetzt würde er sie fragen. Davon war sie überzeugt. Er würde sie fragen, und sie würde ihm antworten, und das wäre dann das Ende.
—Das Gewicht der Luft, sagte er und griff wieder nach der Zeitschrift.
—Ja, Muallim?
Er runzelte leicht die Stirn. —Gibt es noch etwas?
—Nein, Muallim.
—Dann segne ich dich, mein Kind. Du darfst jetzt zu deinen Studien zurückkehren.
Zwei Tage später meldete sie sich krank und wurde vom Unterricht freigestellt. Ihre Mußestunden verbrachte sie allein im sonnenhellen Büro des Mullahs, hörte zu, wie draußen auf dem Markt geschwätzt und gefeilscht wurde und studierte das Spiel von Licht und Staub an der Zimmerdecke. Niemand besuchte sie hier, nicht mal Decker. Gegen Abend fühlte sie sich ein wenig besser, stand auf und trat mit wackligen Beinen und nackten Füßen auf den Flur. Das Fieber war offenbar gesunken, und die Fliesen fühlten sich herrlich kühl an. Die übrigen Schüler waren noch im Hof, und das Haus kam ihr stiller vor als sonst bei Tageslicht. Sie fühlte sich etwas kräftiger, musste aber unbedingt Decker sehen. Ihn sehen und ihn um Entschuldigung bitten. Sie hatte eine Erinnerung oder Vision, in der sie ihn auf dem Boden neben ihrem Bett knien sah.
Die Tür zum Schlafsaal war nicht verriegelt, der Raum dahinter dunkel und unaufgeräumt. Eine Zeitlang stand sie nur da, ertastete die Schwelle mit den Zehen, versuchte die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen und lauschte auf ein Lebenszeichen. Es roch nach Farbe, nach Männerleibern, außerdem nach etwas anderem, das sie wahrnahm, aber nicht benennen konnte. Bislang hatte sie noch nie einen Fuß in diesen Raum gesetzt, und die geballte Männlichkeit, die ihr entgegenschlug, widersagte sich ihrem Eindringen, als herrschte drinnen ein höherer Luftdruck. Das wenige, fahle Licht suppte durch schwere Veloursamtvorhänge, und sie stellte sich vor, wie eine Taucherin durch den Dämmer zu schwimmen. In der gesamten Medrese war dies der einzige Boden, den man mit Teppich ausgelegt hatte, weshalb sie ihre Schritte nicht hören konnte. Einige Decken lagen säuberlich gefaltet auf den Betten, andere unordentlich abgeworfen, als der Ruf zum Gebet ertönte. Der säuerliche Moschusgeruch ungewaschener Kleider drang ihr in die Nase. Langsam tastete sich Aden tiefer in den Raum vor und suchte mit weit geöffneten Augen die beidseitigen Reihen nach Deckers Sporttasche ab. An der hinteren Wand hing ein Spruchband mit den englischen Worten:
Führe uns den geraden Weg,
den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast,
nicht den Weg derer,
die Deinen Zorn erregt haben,
und nicht den Weg der Irregehenden.
In der äußersten linken Ecke fand sie Deckers Tasche und seinen Schlafsack. Nebenan lag ein kleiner Junge unter einer Superman-Decke, weshalb sie den Atem anhielt, als sie sich auf alle viere sinken ließ. Der Junge rührte sich nicht. Mit einer Hand tastete sie Deckers Bett ab und spürte oder meinte doch zu spüren, dass es noch warm war. Sie widerstand dem Verlangen, sich darin zu verkriechen; der Junge pfiff im Schlaf leise ein und aus. Deckers Tasche stand offen, ein Buch ohne Einband lag halb versteckt unter seinen Sachen. Die Verteidigung der islamischen Länder von Scheich Abdallah Azzam. Langsam blätterte sie es durch, überflog die Passagen, die Decker mit Bleistift angestrichen hatte.
Eine Zeitlang saß sie nur da, das Buch in den Händen, und lauschte auf das angestrengte Atmen des Jungen. Sobald sie davon überzeugt war, dass er schlief, zog sie die Tasche näher zu sich heran. Unter Deckers sauberer wie dreckiger, achtlos zerknüllter Wäsche lagen seine Übungshefte, klamm, vernachlässigt, an den Rändern gewellt. Ein veralteter Reiseführer für Pakistan. Eine Ausgabe der Zeitschrift Vibe vom Flughafen in Dubai. Die Autobiographie von Malcolm X. Der Junge wimmerte. Sie nahm eines von Deckers Heften, schlug es irgendwo auf und versuchte, das akribisch hingekritzelte Arabisch zu entziffern. Sie musste daran denken, wie er im Flughafenbus saß, ein Heft im Schoß, und Konjugationen übte, einen Stift zwischen den Zähnen. Dann sah sie ihn im Hof mit Altaf und Yaqub, wie er mürrisch und lustlos auf seinen Hacken hockte.
Auf dem Flur machte sich eine Unruhe bemerkbar. Hastig stopfte sie Bücher, Notizhefte und Zeitschrift wieder in die Tasche, ehe die ersten Männer den Saal betraten. Als sie an ihnen vorbeiging, sahen sie kurz zu ihr hin, sagten aber kein Wort. Aden beschloss, draußen nach Decker zu suchen, und hatte schon fast die Stufen zum Hof erreicht, als sie hinter sich Hayat hörte. Er fragte sie in seinem leisen, zufriedenen Ton, wohin sie ging.
—Ich wollte mit Bruder Ali reden, Muallim. Darf ich?
—Du bist in diesem Haus kein Gefangener, Suleyman. Nach dem letzten Gebet dürfen wir alle machen, was wir wollen.
Sie wartete darauf, dass er weiterredete. —Ist noch etwas, Muallim?
—Es wird Nacht, Kind, und du stehst hier ohne Schuhe. Er legte eine Hand auf ihren Arm. —Deine Haut ist heiß. Das spüre ich selbst durch den Stoff deines Kamiz.
—Ich fühle mich schon viel besser. Ehrlich.
—Das höre ich gern. Er ließ ihren Arm los. —Trotzdem gehörst du auf dein Zimmer. Ich lasse dir eine Kanne Tee bringen. Vielleicht auch noch etwas Brot.
Sie blieb stumm, wippte auf den nackten Fußballen. Im Türrahmen leuchtete rot der Abendhimmel.
—Außerdem hält Bruder Ali sich sowieso nicht draußen auf. Er ist zu Besuch bei der Familie seiner Vettern.
—Er ist mit ihnen gegangen?, stammelte sie. —Mit Yaqub und Altaf?
—Wenn sie so heißen.
Sie ließ sich vom Mullah den Flur entlangführen. —Altaf ist auf diese Schule gegangen, Muallim. Vor sechs oder sieben Jahren. Wart Ihr damals schon hier?
Er lächelte. —Liebes Kind! Diese Schule nahm mit mir ihren Anfang. Und in meiner Eitelkeit erlaube ich mir manchmal zu glauben, dass sie mit mir ihr Ende finden wird.
—Entschuldigt, Muallim. Man kann kaum erwarten, dass Ihr Euch an die Namen all der Jungen erinnert, die in dieser langen Zeit gekommen und gegangen sind. Es tut mir leid.
Die Beine drohten unter ihr nachzugeben, weshalb sie sich im Gehen an der Wand abstützte. Hayat sagte nichts weiter.
—Warum lächelt Ihr, Muallim?
—Ach, Suleyman. Du bist jung und fest im Glauben, aber auch ein wenig töricht.
—Wie meint Ihr das?
—Diese Männer sind nie an meiner Schule gewesen.
Als sie am nächsten Tag den Unterrichtsraum betrat, sah sie Decker allein in der letzten Reihe sitzen. Ein Gefühl wie Seekrankheit überkam sie. Er winkte ihr freundlich zu und wies auf den leeren Platz an seiner Seite. Der Raum war kaum halbvoll, und der Rezitator unterhielt sich noch mit Hayat. Decker gähnte, als sie zu ihm kam, und fragte, wie sie sich fühle, genau so, als wäre er nie fort gewesen.
—Ich hatte tagelang Fieber. Seit dem Morgen, an dem du weggegangen bist.
Er nickte und blickte an ihr vorbei. —Aber es geht dir offensichtlich wieder gut.
Sie schlug den Koran auf und begann, die nächste Sure zu überfliegen.
—Jetzt sei nicht eingeschnappt, Sawyer. Ich wollte es dir ja sagen, aber Altaf meinte, das dürfe ich nicht. Diese Jungs verstehen da echt keinen Spaß.
—Wenn du wieder gehen willst, geh einfach. Mir ist das egal.
—Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, Sawyer. Mache ich mir immer noch.
Darauf sagte sie nichts.
—Jedenfalls musste ich einfach zurückkommen.
—Wozu?
—Um dir von dem verrückten Scheiß zu erzählen, den ich gesehen habe.
Der Vorleser schloss die Tür zum Flur und nahm unter dem großen Buntglasfenster Platz. Aden suchte nach Anzeichen dafür, dass ihm ihre Abwesenheit in der ersten Reihe auffiel, doch wie gewöhnlich schien er nichts zu bemerken. Decker rückte näher und beugte sich zu ihr.
—Die haben mich über die Grenze mitgenommen. Was sagst du dazu?
Sie gab keine Antwort und hielt den Blick auf den Vorleser gerichtet.
—Dabei war es nicht mal dunkel, als wir rüber sind. War wie eine Wanderung. Hätte ebenso gut auch keine Grenze sein können.
Es wurde still, als der Rezitator sich zum Buch vorbeugte. Der Raum mit den kahlen Wänden hätte sich kaum stärker von ihrem Klassenzimmer in Santa Rosa unterscheiden können, das Knarzen der etwa vierzig Lesepulte aber war derselbe zögerliche Laut, an den sie sich erinnerte. —Lasst uns beginnen. Er drückte den Buchrücken durch und blätterte langsam um.
—Die sechsundfünfzigste Sure, intonierte er. —Wenn das Ereignis eintrifft.
—Wenn das Ereignis eintrifft, wiederholten sie.
Wenn das Ereignis eintrifft, gibt es keinen, der sein Eintreffen leugnen könnte. Dann wird es die einen erniedrigen, andere aber erhöhen.
Wenn die Erde heftig geschüttelt wird und wenn die Berge gänzlich zerbröckelt und zu weithin verstreutem Staub werden, dann wird man euch in drei Gattungen gliedern: Jene zur Rechten – gesegnet seien jene zur Rechten. Jene zur Linken – verdammt seien die zur Linken. Und die Vordersten werden die Vordersten sein. Das sind die, die ihrem Herrn nahe sein werden in den Gärten der Wonne: Eine große Schar der Früheren und einige wenige nur der Späteren.
Auf Polstern, mit Gold durchwoben, sitzen sie einander gegenüber und werden bedient von unsterblichen Jünglingen mit Bechern und Krügen voll reinstem Wein, der keinen Kopfschmerz bereitet und niemandem den Verstand raubt. Dazu alle Früchte, die sie sich wünschen, und Fleisch vom Geflügel, wie sie es begehren. Dunkeläugige Huris werden ihnen zu Diensten sein, keusch wie jungfräuliche Perlen: eine Belohnung für vollbrachte Taten.
Und sie werden dort weder leeres Gerede noch Anschuldigungen der Sünde hören, nur das Wort: Frieden! Frieden!
—Sawyer, wisperte Decker. —Sawyer. Hör zu.
Sie schüttelte den Kopf und gab sich ganz dem Rezitieren hin. Er legte ihr die linke Hand ins Kreuz.
—Hör doch. Hörst du mir zu? Ich gehe da wieder hin.
Und die zur Linken – verdammt sollen die zur Linken sein! – Sie werden inmitten glühender Winde und in siedendem Wasser sein sowie im Schatten schwarzen Rauches, der weder kühl ist noch erfrischend. Denn sie führten ein Wohlleben und verharrten in großer Sünde und sagten: Wenn wir tot sind und zu Staub und Gebeinen geworden, sollen wir wirklich auferweckt werden?
Bei der nächsten Pause im Vortrag stand sie von ihrem Platz auf und drängte an Männern und Jungen vorbei nach draußen. Decker sagte nichts und machte auch keine Anstalten, ihr zu folgen. Mit jedem Schritt wurde das Gedränge größer, und es kostete all ihre Beherrschung, nicht laut zu rufen, sie sollten ihr Platz machen. Die Erinnerung an Altafs halbgeschlossene Augen, als er ihr Arabisch lobte, verschmolz mit dem Gesicht des Mannes in Karatschi und mit Deckers Gesichtsausdruck, als er sich im Zeitungsladen in Dubai an sie presste. Warum diese drei Bilder sie jetzt bedrängten, verstand sie nicht, doch begriff sie genug, um es als Warnung zu verstehen. Alle drei hatten etwas von ihr gewollt.
Die präzise, mädchenhafte Stimme des Vorlesers begleitete sie hinaus auf den Hof:
Wir haben für euch den Tod verordnet, und wir sind dazu nicht unfähig, euch durch andere wie euch zu ersetzen. Oder euch in einer Gestalt neu zu erschaffen, die ihr nicht wiedererkennt.
Am Nachmittag lag sie auf ihrem Schlafsack, die Tür verschlossen und verriegelt, als ans lackierte Holz geklopft wurde. Sie zog den Riegel zurück und sah Hayat vor sich, neben ihm der kleine Junge mit der Lippenspalte. Sie begann, sich dafür zu entschuldigen, dass sie im Unterricht gefehlt und ihn aus seinem Arbeitszimmer ausgeschlossen hatte, aber der Mullah nahm sie nur bei den Händen und schüttelte den Kopf. Wie ein halbwildes Tier glitt der Junge an ihnen beiden vorbei und machte sich daran, ihre Sachen zu ordnen und in die Ecke des Zimmers zu tragen, die am weitesten vom Tisch des Mullahs entfernt war. Im ersten Moment erwartete sie, dass man sie der Medrese verweisen würde, und kurz empfand sie fast so etwas wie Erleichterung. Hayat aber deutete schlicht auf ihren Schal, ein Häufchen, das neben ihrer Tasche lag, und fragte, ob es ihr gut genug gehe, ihn auf einen Spaziergang zu begleiten.
Ibrahim Schah wartete am Tor des Geländes, den Schal des Mullahs und seinen Spazierstock in den Händen. Er nickte ihr auf seine ironische, höfliche Art zu und legte kurz einen Finger an seine Lippen, weshalb sie annahm, dass die Idee, sie zu diesem Spaziergang einzuladen, nicht von Hayat stammte. Sorgsam legte er dem Mullah den Schal um die Schultern und ging auf dem Weg über den unebenen, leeren Platz voran. Im Sonnenlicht kam Hayat ihr älter vor als innerhalb des Hauses. Seine Sandalen glitten wie Schlittenkufen über den Grund, hinterließen Spuren im Sand, und der Spazierstock schlug bei jedem tastenden Schritt an seine Knie. Sie holte zu ihm auf und fragte ihn, wohin sie gingen, doch er stieß nur brummend irgendwas zwischen den Zähnen hervor, und sie verstand kein Wort. Erst allmählich dämmerte ihr, dass er fluchte.
—Wir gehen zu einem Bauernhof, sagte Ibrahim Schah. —Die Familie dort hat einen kranken Sohn, eine einfache, aber fromme Familie. Sie sind Förderer und Unterstützer unserer Schule.
Sie widerstand dem Drang, ihn zu fragen, wie eine Familie armer Bauern Förderer von irgendwas sein konnte, und griff stattdessen Hayat unter den Arm. Um diese Zeit herrschte auf der Straße nur wenig Verkehr, und die wenigen Menschen, die sie trafen, murmelten dem Mullah im Vorübergehen einen Gruß zu. Er aber war zu kurzatmig, um antworten zu können. Als sie schließlich das westliche Tor des Dorfes erreichten, fragte Aden, ob sie nicht kurz ausruhen könnten, sie sei vom Fieber doch noch etwas schwach, und Ibrahim Schah, gerade außerhalb des Blickfeldes des alten Mannes, lächelte ihr zu und sagte, dass sie gewiss die Zeit hätten, ein wenig Zuflucht vor der Sonne zu suchen.
Sie saßen im Schatten des Tores mit Blick nach Norden auf die Berge, die Fliesen unter ihnen kühl wie Wasser. Ibrahim Schah sagte, man ruhe sich gern dort aus und sehe den Freunden, Konkurrenten und Verwandten zu, die geschäftig vorübereilten. Er sagte, es sei wie Fernsehen, und Aden lächelte über seinen Scherz. Dann fragte er in akkuratem Englisch, welche Sendung sie gern sähe, und schien überrascht, als sie erwiderte, dass ihr keine einfiele, die ihr gefalle. Hayat saß zwischen ihnen, keuchend, mit grimmiger Miene, und nahm mürrisch die Grüße der Passanten entgegen. Nach dem Zwielicht in der Medrese wirkte die blaue Ebene vor ihnen wie elektrisch beleuchtet. Aden nahm an, dass es in allen Häusern so dunkel war wie in der Medrese, Häuser mit wenigen Fenstern, wenn überhaupt, die auf die gottlose Welt schauten, und dass ihr Dunkel der Preis für die Sicherheit in diesem alten, verwüsteten Land war. Ibrahim Schah seufzte, als sie ihn fragte, ob sie mit ihrer Vermutung richtigliege.
Als Hayat sich schließlich erholt hatte, beugte er sich steif vor und fragte, wie es ihr gehe. Sie dankte ihm und erwiderte, es gehe ihr schon viel besser. Also erhoben sie sich und schlugen einen Pfad ein, der offenbar einem alten Abwasserkanal oder Entwässerungsgraben folgte, auch wenn heute davon nichts weiter als eine Furche im zerklüfteten gelben Boden übrig war. Sie mussten hintereinandergehen, und als Ibrahim Schah versuchte, den Mullah unter den Ellbogen zu fassen, um ihn zu stützen, richtete sich der alte Mann würdevoll auf und verkündete, noch sei er kein Kadaver. Bald vielleicht, aber noch nicht. Aden ging einige Schritte vor ihm und wies ihn auf schlecht erkennbare Senken und Rinnen hin, während Hayat gut gelaunt behauptete, jeder Schritt falle ihm nun leichter, da das gute Essen der Bauersfrau ihn locke. Bald begann er, leise vor sich hin zu pfeifen, und meinte, er könne schon in gusseisernem Topf simmernde Schafsmilch riechen und hören, wie das Wasser im Kessel koche; selbst das Öl des Pilaws der Gastgeberin glaubte er bereits auf der Zunge zu schmecken.
Offenbar hatte man sie auf dem Pfad längst entdeckt, denn als sie zum Hof kamen, standen ein Mann mit Kopftuch nebst acht kleinen Kindern versammelt zu ihrem Empfang. Der Mann legte eine Hand an seine Brust und begrüßte sie der Reihe nach. Er sagte, seine Söhne arbeiteten auf einem gut zehn Kilometer entfernten Weizenfeld, weshalb ihm nichts anderes übrigbleibe, als auf die Kinder aufzupassen. Hayat antwortete, diese Belohnung habe er sich redlich verdient, woraufhin der Mann lächelte und gestand, mit seiner Rolle durchaus zufrieden zu sein. Sie sprachen in gemessenem Ton, redeten Urdu und hielten oft inne, um den anderen zu betrachten, sodass Ibrahim Schah das Gesagte für Aden in sein elegantes Arabisch übersetzen konnte. Ihr Gastgeber zeigte nur ein höfliches Interesse für den ausländischen Besucher, die Kinder aber studierten sie ernst und aufmerksam. Das Jüngste, ein vier Jahre altes Mädchen, griff nach Adens Daumen.
Nach dieser Begrüßung ging ihr Gastgeber mit ihnen durch das Tor und über einen großen gefliesten Hof in einen niedrigen, vom Rauch ganz blauen Raum mit geschlossenen Fensterläden. In der Mitte lag ein junger Mann auf einem Seilbett und beobachtete ohne jegliches Interesse die Leute, die sich am Fußende versammelten. Seine halbgeschlossenen Augenlider sahen aus wie bemalt, und einen Moment lang glaubte Aden, er hätte Kajal aufgetragen. Als sein Vater mit ihm redete, wandte er sein dünnhäutiges, vogelgleiches Gesicht ab. Aden begriff, dass er dem Tode nahe war.
Ein Stuhl wurde ans Bett gestellt. Hayat ließ sich vorsichtig darauf nieder und sprach leise zu dem Sohn, ein heiseres, an- und abschwellendes Murmeln. Obwohl alle anderen schwiegen, war doch unmissverständlich, dass die Worte des Mullahs allein für den Sterbenden gedacht waren. Manchmal glaubte Aden, er spräche Arabisch, aber es konnte auch Urdu sein, Paschto oder gar eine Sprache, die sie noch nie zuvor gehört hatte. Nach einer Weile wandte sich Hayat zu Ibrahim Schah um und machte eine kleine, drängende Geste, woraufhin Ibrahim Schah ihre Hand nahm und sie zurück ins Licht führte. Als sie über die Schwelle trat, fühlte sie den Blick des Sohnes auf sich, sagte sich aber, dass die Augen des Sohnes bereits in eine andere Welt schauten. Und wie sie ins Tageslicht blinzelte, hörte sie im Haus hinter sich tatsächlich ein Wehklagen aufbranden. Sie widerstand dem Drang, sich umzudrehen.
Die Kinder hatten im Hof auf sie gewartet, und schon nach wenigen Schritten sah sie sich von ihnen umringt. Das Wehklagen kümmerte die Kinder nicht weiter. Die älteren versuchten, ihre jüngeren Geschwister im Zaum zu halten, die um ihre Aufmerksamkeit rangelten, sodass es dem einen oder anderen gelang, sie am Hemdzipfel zu fassen oder ihre Hosenbeine zu berühren. Die rechte Hand wurde wieder von dem kleinen Mädchen im gelben Kamiz in Beschlag genommen. Ibrahim Schah übersetzte jede Fragensalve wie auch die Antworten, die sie gab, ohne sich die geringste Ungeduld anmerken zu lassen. Er schien selbst so neugierig wie die Kinder auf das zu sein, was sie zu sagen hatte.
—Trinkt man Milch in Amerika? Milch mit Schokopulver?
—Manchmal, antwortete sie. —Vor allem wenn es kalt ist.
—Und im Urlaub, ergänzte einer der älteren Jungen. —Und wenn man genug Rupien hat.
—Und eine Kuh für die Milch, setzte ein anderer hinzu.
—Das ist richtig, aber es gibt nicht mehr viele Amerikaner, die noch Kühe halten.
Der Junge nickte mitfühlend. Auch in Pakistan, informierte er sie, besäßen viele Familien keine eigene Herde mehr. Dann wandte er sich Ibrahim zu und verkündete, er selbst habe schon einmal Schokolade gegessen. Im vergangenen Jahr sei er an Ramadan in Peschawar gewesen. Ein schlaksiges Mädchen hinter ihm fragte Aden, was mit ihrer Haut passiert sei. Ibrahim Schah rügte sie auf Urdu in scharfem Ton.
—Entschuldigung, sagte das Mädchen und senkte den Blick.
—Ist schon in Ordnung.
—Und wie hast du es geschafft, dass dein Haar so schwarz ist?
—Ich wurde mit schwarzem Haar geboren. Viele Menschen haben Haare wie ich.
—Hast du schon viele Kinder gemacht, fragte ein grinsender, lispelnder Junge.
Sie schüttelte den Kopf. —Keine Familie. Keine Frau.
—Noch nicht, warf Ibrahim Schah ein und lächelte sie über die Köpfe der Kinder an.
—Das stimmt, erwiderte sie. —Noch nicht. Es folgten weitere Fragen übers Essen, dann nach der englischen Sprache, über Flugreisen, Fußball oder Videokassettenrekorder, und sie antwortete möglichst klar und deutlich. Ihr kam der Gedanke, dass diese Kinder sich ebenso bemühten, die Welt der Erwachsenen wie jenen fernen Kontinent zu verstehen, als dessen Botschafter sie galt, was diesem Spiel einen ganz eigenen Reiz verlieh. Ibrahim Schah schmückte ihre Antworten offenkundig noch ein wenig aus, wofür sie ihm dankbar war. Sie war noch nie gut darin gewesen, vor Publikum zu sprechen.
—Bist du hier, um beim Dschihad mitzumachen?, fragte der Junge, der schon nach der Schokomilch gefragt hatte.
—Bruder Suleyman ist zu uns gekommen, um zu lernen, antwortete Ibrahim Schah. Er sagte es rasch, auf Urdu und auf Englisch. —Sein Dschihad war seine Reise zum Glauben. Sein Dschihad war seine Pilgerfahrt zu uns. Um seine Safar zu machen.
—Das Wort kenne ich nicht, sagte Aden. —Was bedeutet es?
—Safar, wiederholte Ibrahim Schah und nickte. —Das heißt Reise. Unter anderem.
Der Junge kaute auf der Unterlippe und beobachtete sie aufmerksam. —Safar?, sagte er und kniff die Augen zusammen. —Mudschaheddin?
Sie wollte gerade antworten, als sie lautes Gebrüll hörte und Ibrahim Schah sie an der Schulter fasste. Ein Mann, um die dreißig, taumelte aus dem Haus, zog das rechte Bein nach und fuchtelte mit den Armen, als würde er von Wespen verfolgt. Sobald er die Kinder bemerkte, blieb er ruckartig stehen, dann heulte er wieder auf und trieb sich erneut voran. Er war ein großer, gebeugter Mann, dessen Körper nur widerstrebend gehorchte. Er sah dem Kranken auf dem Bett so ähnlich wie ein Zwillingsbruder, nur die Augen waren überraschend anders, blassblau und weit auseinanderstehend. Und er rollte mit ihnen wie ein erschrockenes Kalb, als sein Blick auf sie fiel. Die Kinder hielten sich die Hände vor den Mund, als er an ihnen vorbeidrängte und sein breites bleiches Gesicht dicht vor Adens Nase schob. Ibrahim Schahs Griff wurde fester.
—Du brauchst dich nicht zu fürchten, Suleyman. Bleib einfach ruhig.
Die blauen Augen des Mannes waren hell, fast weiß, und wirkten eigenartig flach, stumpf und blind; als sie sich nun weiteten, sah sie ihren kurzgeschorenen dunklen Kopf darin gespiegelt. Der Atem des Mannes roch wie der einer Kuh nach feuchtem Gras, und während er Aden betrachtete, stieß er eine Kaskade leiser Klagelaute aus. Die Kinder waren verstummt und warteten ab, was nun für ein Wunder geschehe. Der Idiot aber schloss den mit Schaum besetzten Mund, hörte auf zu jammern, schwankte auf seinen breiten, schwieligen Füßen und nickte mit dem Kopf wie im Takt zu einer Melodie. Dann drückte er seine warme Rechte an ihre Brust.
—Er will dir nichts, Suleyman. Du bist nur neu für ihn. Er tut dir nicht weh.
Sie ballte die Fäuste, um sich nicht wegzuducken, und starrte in diese flachen, panikweiten Augen. Unter ihrem Kamiz war die Brust straff zurückgebunden, aber die Art, wie seine große Hand nach ihr griff, verriet Wissen. Fast hatte sie vergessen, dass sie einen Körper besaß, und sie sah sich jetzt, wie die Kinder sie sahen, wie sie beide in ihrer unnatürlichen Umarmung auf die Kleinen wirken mussten. Und obwohl ihr das Blut in den Kopf stieg, fühlte sie sich wieder ruhig und ohne Angst. Was sie von ihm, von all den anderen trennte, schützte sie zugleich. Ihre deutliche, vollkommene Fremdheit verbarg sie vor ihnen. Ihre Fremdheit war eine Burka, die ihnen ihre Gestalt vorenthielt.
Als Hayat und der Bauer aus dem Haus kamen, zog Ibrahim Schah behutsam die Hand des Idioten fort. Weitere Familienmitglieder folgten kurz darauf – viel mehr, als im verrauchten Zimmer gewesen waren. Auf den Bodenplatten wurde ein Tuch ausgebreitet, und zwei junge Männer mit einem Bartflaum, der Aden an Decker denken ließ, servierten Essen und Tee. Die Kinder blieben im Hof und flüsterten aufgeregt, doch räumte man weder ihnen noch dem alten Mann einen Platz am Tuch ein. Hayat aß hastig, fast unanständig, und grunzte mit vollem Mund, als ihr Gastgeber eine Frage stellte. Der Bauer saß aufrecht da, die Hände im Schoß, und sah dem Mullah beim Essen zu. Sie fragte sich, was es für die Familie am Abend wohl zu essen gab oder am nächsten, auch am übernächsten Tag. Bestimmt kein Pilaw mit Mandeln, Rosinen und Stückchen von zart gebratenem Lamm.
Mit Ibrahim Schah saß sie ein wenig abseits von den älteren Männern und aß mit großem Bedacht, achtete darauf, jeden saftigen Bissen zu genießen, und dachte an die vor ihr liegenden Wochen mit Brot und Dhal. Sie fand es beschämend, kaum zehn Schritte vom Krankenzimmer entfernt so gut zu speisen, aber vielleicht war das hier ja Brauch. Sie fürchtete sich zu fragen und tat, was Ibrahim Schah tat, griff in den Pilaw und legte sich davon in die Handfläche. Sie machte ein Spiel daraus und nahm sich jedes Mal Reis, wenn er es tat, trank, wenn er trank. Ihm schien es nicht aufzufallen. Zwischen den einzelnen Bissen fragte er, wie sie Bruder Ali kennengelernt hatte.
—Muallim Hayat hat mir dieselbe Frage gestellt.
—Und was hast du geantwortet?
—Wir haben uns auf der Straße in einer Stadt getroffen, die unweit von meiner Heimatstadt liegt. Ich trug einen Salwar Kamiz, und er kam auf mich zu und hat gefragt, warum.
—Aha!, sagte Ibrahim Schah. —Mir hat man gesagt, ihr hättet euch in einer Moschee kennengelernt.
—Wer hat das behauptet?
—Ich erinnere mich nicht. Vielleicht Ali selbst.
Darauf erwiderte sie nichts.
—Ali hat mir erzählt, es hätte eine Verlobung gegeben.
—Eine was?
Ohne jede Eile nahm er einen Schluck aus seiner Teetasse. —Ali meinte, es hätte eine Verlobung gegeben, du, Suleyman, mit jemandem aus seiner Familie. Aber manchmal sind diese Dinge nicht ganz so einfach.
Sie stellte ihren Teller behutsam auf das gewellte Tuch. —Ich verstehe immer noch nicht.
—Deine Gefühle haben sich geändert. Du wolltest dich ganz deinem Studium widmen.
—Ali irrt sich, sagte sie. —Es gab keine Verlobung.
—Verstehe, erwiderte Ibrahim Schah. —Ich muss mich wohl verhört haben.
Er beugte sich vor und nahm sich eine weitere Handvoll Reis. Sie sah ihm zu, wie er das Essen betrachtete, als würde er dessen Vorzüge abwägen, um es dann an die Lippen zu führen. Das schien seine ganze Aufmerksamkeit zu erfordern.
—Es war ein Fehler, mich von ihm herbringen zu lassen, sagte sie. —Das weiß ich heute. Ich hätte allein kommen sollen.
Ibrahim Schah kaute eine Weile mit abwesender Miene. —Es stimmt, Bruder Ali ist kein besonders eifriger Schüler. Er hat seine eigenen Gedanken, könnte man sagen, und die gelten anderen Zielen. Vor allem seit der Ankunft seiner Freunde. Er träumt vom Kampf jenseits der Grenze.
—Er und ich sind zwei verschiedene Menschen.
—Natürlich, Suleyman. Das ist mir klar.
Vom schweren Essen schlief sie in jener Nacht so tief, dass sie am nächsten Morgen zu spät zum Gebet kam. Blindlings tastete sie sich in den Hof vor und fand neben den Betonstufen einen Platz zum Hinknien. Der aschfarbene Himmel im Osten gab gerade genug Licht, um das Raster gebeugter, eng zusammengedrängter Leiber erkennen zu können. Ihr war, als stürzte etwas Mächtiges auf sie ein, etwas Schweres, Endgültiges, und schlagartig fühlte sie sich hellwach, abgeklärt und fest im Glauben. Das Morgengebet hatte sie schon immer am liebsten gemocht; sie kniete sich hin, berührte mit der Stirn den nachtkühlen Boden und lauschte dem Imam, der den Tag ins Leben rief. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Geräusche in ihrer Umgebung. Das Husten, Seufzen, der tiefe, stimmige Singsang. Das Rascheln der Kleider und die knirschenden Gelenke. Sie raffte ihren Mut zusammen, nahm die Geräusche wahr und bat Gott um Vergebung. Als sie die Augen aufschlug, war es fast schon Tag.
Altaf und Yaqub saßen keine zehn Plätze weiter, und ein Mann, den Aden noch nie zuvor gesehen hatte, kniete anmutig zwischen ihnen. Seine Augen waren blau oder grün, Hals wie Gesicht aber dunkel von der Sonne, und das dichte, nicht gescheitelte Haar wirkte noch dunkler. Sie hielt im Gebet inne, um ihn zu betrachten. Er war älter als Altaf, vielleicht doppelt so alt wie Decker, und er hielt den Blick auf den Mullah gerichtet, die Arme an den Seiten. Sie hatte Yaqub und Altaf nie vor dem Mittagessen gesehen, und sie bemerkte die neuentdeckte Würde, mit der sie ihre Gebete sprachen. Dem Knienden räumten sie so viel Platz ein, wie es der gedrängt volle Hof zuließ. Seine Hände zitterten leicht. Als das Gebet zu Ende ging, war er der Erste, der sich erhob.
Mittags saß der Mann dort, wo sie selbst vor zwei Tagen gesessen hatte, unter dem farbigen Fenster des Unterrichtsraumes. Dasselbe plastikgesäumte Tuch war vor der Wand ausgerollt worden, und er schenkte aus der Kanne mit dem Schildpattgriff Tee ein. Von den Stufen sah sie eine Weile zu. Er schien viele der Schüler zu kennen und nickte Ibrahim Schah freundlich zu, als der vorüberging. Decker hockte dem Mann direkt gegenüber und rührte sein Essen kaum an.
Altaf erhob sich und begrüßte sie, als sie die Stufen herunterkam.
—Bruder Suleyman! Komm, setz dich zu uns.
—Aber da ist kein Platz.
—Wir machen für dich Platz, sagte er und nahm sie am Arm. —Du kannst meinen haben. Ich habe gegessen.
Sie ließ sich von ihm vorwärtsziehen und hielt die Augen gesenkt, züchtig und scheu wie eine Jungfrau. Der leere Platz war neben Decker, und sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu, als Altaf sie nach unten drückte. Deckers Hände lagen schlaff im Schoß, und den Ausdruck in seinem Gesicht meinte sie zu kennen. Er war entweder begeistert, oder er hatte Angst.
—Dies ist der Junge, sagte Altaf und hockte sich genau hinter sie, —Suleyman Al-Na’ama aus Kalifornien. Sein Vater ist in seinem Land ein Mullah.
Decker weigerte sich noch immer, sie anzusehen. Er kaute auf der Unterlippe, wirkte nervös. In der Moschee in Santa Rosa war er ihr fast wie ein Mann vorgekommen, ein Jahr und elftausend Kilometer weit entfernt von diesem glühend heißen Kieselhof, in dem sie heute hockten. Schwer vorstellbar. Gott allein wusste, was er denen alles erzählt hatte.
—Kalifornien ist kein Land, Bruder Altaf, sagte der Mann.
Sie schaute auf und sah, dass sein Blick auf sie gerichtet war. Was die Farbe seiner Augen betraf, hatte sie sich getäuscht: Sie glichen Sandsteinen. Der Drang, den Blick zu senken, schien übermächtig, aber sie war kein furchtsames Kind wie Decker. Ein Schwächling hätte den Blick abgewandt oder ein Mädchen, jemand, der hoffte, etwas verbergen zu können. Sie jedoch saß aufrecht und reglos da und erwiderte seinen Blick. Sie musterte ihn, während sie gemustert wurde.
Während sie beobachtet wurde, bekam sie undeutlich mit, dass Altaf protestierte und behauptete, sehr wohl zu wissen, was Kalifornien sei. Ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika, der Teil im Süden, der ans Meer grenze.
—Stimmt das, Bruder Suleyman?, fragte sie der Mann.
—So ziemlich, hörte sie sich mit ihrer Stimme erwidern. Mit ihrer oder der des Jungen, der zu sein sie vorgab. Die Stimme klang fest und überzeugend, wie sie zu ihrer Erleichterung bemerkte.
—Erzähle uns mehr von deinem Land, Bruder. Wir hören natürlich viel darüber, doch kaum mehr als Gerüchte. Niemand von uns hat je das Privileg gehabt, es besuchen zu können, verstehst du? Für uns bist du wie ein Händler – ein sehr junger, sehr mutiger Händler –, der von einem der weißen Flecken auf der Weltkarte zu uns kommt.
Ihr Arabisch war nicht so gut, dass sie seinen Akzent hätte zuordnen können, doch hörte sie, dass er sich von dem der anderen unterschied. Wären die Augen nicht, sein Gesicht wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen. Die Augen eines Heckenschützen, der Blick starr, unerbittlich. Und als er die Tasse hob, sah sie, dass ihm zwei Finger fehlten.
—Einige Kinder haben mich gestern dasselbe gefragt, sagte sie. —Wir haben uns über Schokomilch unterhalten.
—Ihr nehmt Schokolade zur Milch?, fragte Altaf. —Drin aufgelöst?
—Ah!, sagte der Mann. —Wie du siehst, Suleyman, sind wir selber kaum besser als Kinder. Da bist du Tausende Kilometer weit gereist, und wir fragen dich, wie ihr eure Milch trinkt.
Eine Zeitlang sagte niemand etwas. Sie versuchte, Altafs unübersehbare Aufregung zu begreifen, Deckers verlegenes Schweigen, scheiterte aber, obwohl sie wusste, dass der Mann Grund für beides war.
—Bruder Ali könnte euch alles über unser Land erzählen, was ihr wissen wollt, sagte sie. —Er ist älter als ich.
Der Mann schüttelte den Kopf. —Wir wollen deine Antworten hören, kleiner Bruder, nicht die deines Freundes. Du wirst sie uns doch nicht vorenthalten, oder?
—Es soll mir ein Privileg sein, Eure Fragen zu beantworten, erwiderte sie. —Doch wäre es mir eine Ehre, wenn ich zuvor erführe, wer Ihr seid.
Der Mann zog die Brauen hoch. —Haben meine Kollegen mich nie erwähnt? Mein Name ist Ziar Khan, ich wurde in diesem Dorf geboren.
Sie nickte langsam und nachdenklich, wie sie es bei anderen gesehen hatte, denen jemand vorgestellt worden war. —Ziar Khan, wiederholte sie. —Und wie lautet der Name Eures Vaters?
—Du kennst seinen Namen, Suleyman. Er lächelte. —Mein Vater ist der Lehrer an dieser Schule.
Ziar Khan war der Erstgeborene des Mullahs, das einzige überlebende Kind, und die Frau, die ihn geboren hatte, war schon vor langer Zeit gestorben und offenbar vergessen. Kurz nach ihrem Tod hatte man den Jungen in den Jemen geschickt, damit er von einer Verwandten aufgezogen werde, deren Gatte ein freundlicher, gottesfürchtiger Mann war, ein Schriftgelehrter und Ingenieur. Mit vierzehn Jahren wurde er dann zurück in die Medrese gebracht, von einem Tag auf den anderen, um hier die Rezitation von seinem Vater zu erlernen. Er hatte darum gebettelt, im Jemen bleiben zu dürfen, aber der Mullah bestand auf seiner Rückkehr. Er träumte oft von seinen Zieheltern, auch heute noch, und von dem gelben Zimmer, in dem er geschlafen hatte. Seine Kleider, seine Art, selbst sein Arabisch dienten vor allem dazu, den Bruch zwischen ihm und seinem Vater zu betonen.
All dies erzählte Ziar ihr im Laufe der folgenden acht Tage bruchstückhaft und mit vielen Unterbrechungen, auf Arabisch oder Englisch. Seine Neugier, was sie selbst betraf, schien unerschöpflich, und die Geschichten, die sie erfand, dienten ebenso dazu, ihn zufriedenzustellen, wie dazu, die Wahrheit vor ihm zu verbergen. Noch nie hatte ihr jemand so aufmerksam zugehört. Sie erzählte von kindlichen Streichen und Fußballspielen, von Mädchen, die sie auf den billigen Rängen im Stadion zu küssen versucht hatte. Sie machte sich sämtliche Vorurteile und Klischees zunutze; und er nahm alles, was sie sagte, ohne jedes Misstrauen hin und schüttelte den Kopf in unschuldigem Vergnügen. Mit jedem weiteren Detail wurde ihre Geschichte realer, und das war das erste Geschenk, das er ihr machte: Durch ihn füllte sich die Figur Suleyman mit Leben. Mehr als seine Autorität, sein Anstand war es dieser Glaube an sie, der sie betörte. Und trotz aller Lügen, die sie erzählte – vielleicht gerade wegen dieser Lügen, dachte sie manchmal –, fühlte sie sich immer besser von ihm verstanden.
Jeden Morgen rief sie sich das Risiko in Erinnerung. Es geschah nur selten, dass er ihre Fragen direkt beantwortete, zumindest zu Beginn, und sie registrierte es jedes Mal gewissenhaft, wenn er ihr auswich. So sollte sie nie erfahren, warum man ihn fortgeschickt oder wieso man ihn ein Jahrzehnt später zurückgebracht hatte. Und nie erwähnte er irgendwelche Beweggründe. Anders als Altaf zeigte er aber auch keinerlei Misstrauen, ihr gegenüber jedenfalls nicht, auch wenn er durch Gewohnheit und vom Charakter her verschwiegen war. Manchmal ließ er sie mitten im Gespräch stehen, oft ehe sie ausgesprochen hatte, und verschwand für den Rest des Tages. Am nächsten Morgen aber wiederholte er dann Wort für Wort, was sie ihm zuletzt gesagt hatte.
Er trug ein in Plastik gerahmtes und in Zellophan geschlagenes Bild seiner Mutter bei sich, exakt so groß wie die Innentasche seiner Jacke, das er ihr am fünften Tag zeigte. Er brauchte einen Moment, um das Foto aus der Hand geben zu können. Die Dargestellte stand am Straßenrand im Schatten einer Zypresse und blickte direkt in die Kamera. Sie war schlank, von heller Haut und das Lächeln auf ihren dünnen Lippen eher zurückhaltend, das Lächeln eines Menschen, der nur selten lächelte.
Ziar gestattete ihr einige Atemzüge lang, das Bild zu halten, während er sich nervös die Finger rieb, dann nahm er es zurück.
—Einmal lag ich im Sterben, erzählte er auf Englisch. —Und ich betete zu dieser Frau. Diesem Mädchen. Er lächelte vor sich hin. —Was vielleicht eine Sünde war. Ich wollte nicht sterben, was auch eine Sünde ist. Vielleicht. Aber ich dachte an diese junge Frau, die hoch oben im Himmel sein musste.
—Hoch oben im Himmel?
Er nickte. —Vielleicht sogar an Gottes Ohr.
Mehr als einmal hatte sie nach Decker gesucht, um ihm zu erzählen, was geschah, traf ihn aber selten allein an. Er hielt Distanz zu ihr oder wurde auf Distanz gehalten: Was genau, das wusste sie nicht. Trotzdem versuchte sie, mit ihm zu reden, erst auf Englisch, dann auf Arabisch, doch er riet ihr nur mit hölzerner Stimme, Ziars Fragen zu beantworten. Sie hatte da längst begriffen, dass die Antworten, die sie gab, mit dem abgeglichen wurde, was Decker erzählte, aber irgendwie machte sie sich deshalb keine Sorgen. Auch wenn er so furchtsam wirkte wie nie zuvor, dachte sie nicht daran, seine Furcht zu teilen. Nicht in Bezug auf Ziar. Sie gab Antwort auf jede Frage, die er ihr stellte.
Am achten Tag bat Ziar sie, mit ihr zum westlichen Tor hinauszuspazieren. Das Abendessen war vorbei, der Hof wurde gefegt. —Zu lange sitzen ist Gift für den Geist, Suleyman, sagte er und fasste sie mit der Hand leicht am rechten Ellbogen. —Was auch immer mein werter Vater dazu sagt.
Als sie aufstand, fühlte sie sich schwerelos und leer. Altaf lächelte sie beide an und wünschte ihnen einen schönen Spaziergang. Decker blickte zu Boden und sagte nichts.
Am Tor zum Grundstück trafen sie Ibrahim Schah. Er kam vom Basar in Sadda mit einem Leiterwagen, mannshoch beladen mit Plastiksäcken voller Mehl, chinesischem Tee sowie Dingen, die sie nur erraten konnte. Er grüßte Ziar mit kühler Höflichkeit, ein Ton, den er neuerdings auch ihr gegenüber anschlug.
—Seid gegrüßt, Brüder. Ein schöner Tag für einen Ausflug.
—Wir wollen durchs Westtor zur Moschee, erwiderte Ziar. —Das kannst du dem Muallim ausrichten, wenn er fragt.
—Ah!, sagte Ibrahim. —Ich fürchte nur, unsere kleine Moschee bietet keinen großartigen Anblick für einen Weltreisenden.
—Da hast du wohl recht, Bruder, aber irgendwohin muss man in diesem Kaff ja gehen, und da eignet sich die Moschee so gut wie alles andere.
Falls Ibrahim von seiner Wortwahl schockiert war, ließ er es sich nicht anmerken. —Dasselbe habe ich Bruder Suleyman auch schon gesagt, erwiderte er höflich. —Solltest du mal abschweifen wollen, habe ich gesagt, werden deine Studien schon nicht fortlaufen. Sie warten auf dich, wenn du zurückkehrst. Erinnerst du dich?
—Ich erinnere mich, murmelte sie.
—Deine Worte sind sehr freundlich, Bruder Suleyman. Wie immer gereichst du uns zur Ehre. Er schob das Tor auf und lenkte den Karren auf den Hof. —Ich wünsche euch eine schöne, angenehme Zeit.
Sie dankten ihm und gingen gemessenen Schrittes über den Platz. —Ibrahim Schah ist ein ehrenwerter Mann, sagte Ziar. —Während meiner Abwesenheit war er wie ein Sohn für meinen Vater. Beim Tod des Mullahs wird er ihm pflichtbewusst nachfolgen.
—Warum sagst du das, Bruder Ziar?
—Was stellst du doch für seltsame Fragen, Suleyman. Habe ich nicht gerade gesagt, er sei ein ehrenwerter Mann?
Sie spürte, wie sie rot wurde. —Aber warum nicht du?
—Auch wenn dein Verstand scharf ist, kleiner Bruder, du bist noch sehr jung. Diese Dinge sind schwer zu verstehen.
—Ich mag es nicht, wenn Leute das zu mir sagen. Ich bin kein Kind mehr.
—Stimmt. Das bist du nicht. Er lächelte. —Auch wenn ich mich während unserer Gespräche manchmal gefragt habe, was genau du eigentlich bist.
Sie kamen an der Lehmzisterne vorbei und am neuen Betonbrunnen, gebohrt mit amerikanischen, für den Basar und die Moschee gespendeten Geldern, und gingen weiter nach Westen. Als sie das Tor passierten, in dessen Schatten sie mit Hayat und Ibrahim Schah gesessen hatte, bat sie Ziar, ihr die Geschichte vom Foto seiner Mutter zu erzählen. Und er begann, ohne einen Moment zu zögern.
Ich war sechzehn, als ich diese Schule verließ, um jenseits der Grenze zu kämpfen. Noch kein Mann, Suleyman, wie jeder meinte, nur ich selbst nicht. Meinen Schwestern sagte ich, in sechs Monaten würde ich mit einem Gürtel zurückkommen, geflochten aus dem Haar russischer Soldaten. Sie haben mich ausgelacht, natürlich, aber ich riet ihnen, lieber nicht zu lachen, ich würde sonst sicher als Märtyrer sterben. Das Leben, kleiner Bruder, fügt sich selten den Vorstellungen, die wir davon haben, doch war ich noch zu weltfremd, um das bereits gelernt zu haben. Nach anderthalb Jahren kehrte ich zurück, gesund und kräftig, und musste erfahren, dass meine beiden Schwestern in der Erde lagen.
Heimat fand ich damals bereits in den Lagern, nicht hier. In den Lagern, aber auch in der Hoffnung, die sie verkörperten. In den Jahren des Krieges mit Russland waren es schöne Lager, nicht solche Hühnerhöfe wie die, die uns geblieben sind. Geld floss aus allen Himmelsrichtungen – aus Karatschi, von den Saudis, aus Marokko, sogar aus deinem Land. In meiner Jugend haben Männer natürlich Waffen getragen – Messer im Gürtel, auch Makarows, manche hatten sogar Kalaschnikows, sofern es sich um wohlhabende Männer handelte –, doch waren das damals nur Trophäen. In dem Lager, genannt Der Berg, lernte ich mit Faustfeuerwaffen umzugehen, mit Kalaschnikows und M-16, mit Stinger-Raketen und mit Sprengstoff, Plastiksprengstoff wie auch mit selbstgebautem. Es gab sogar einen Lehrgang in Ballistik, gehalten von einem Professor aus Lahore, einem Genie. Der Berg war für mich wie eine Universität. Kindisch – und sündhaft – wie mein Wunsch vielleicht war, betete ich, das Lager niemals mehr verlassen zu müssen.
Meine Gebete aber blieben unerhört, wie es nur recht und billig war. Mein neues Leben begann am ersten Tag an der Front. Wir stiegen einen Pass hinauf, marschierten von einer Bergkette zur nächsten, als der Junge vor mir plötzlich zu pfeifen und gleich darauf zu lachen schien. Alle warfen sich zu Boden – nur der Junge und ich, wir waren noch auf den Beinen. Seine Kappe hing schief, und ich zupfte daran, um ihn zu fragen, was los sei. Die Kappe fiel in meine Hände, kleiner Bruder, und damit fast der ganze Kopf, vom Scheitel bis zu den Ohren. Ehe er auf dem Boden aufschlug, wurde er von zwei weiteren Kugeln getroffen.
Gottes Wege sind unergründlich, doch ich war noch ein junger Mann und versuchte zu verstehen, warum dieser Junge getötet, ich aber verschont worden war. Im Lager Berg war er ein mir lieber Kamerad gewesen, und wir hatten darum gebeten, gemeinsam in den Krieg geschickt zu werden. Sein Haar war schwarz, das Gesicht blass und ernst, fast so wie dein Gesicht, Bruder, wenn ich darüber nachdenke. Im Lager haben wir ihn Abu Mushkil genannt, Vater der Probleme, weil er kein Talent für seine Ausbildung besaß. Sein eigentlicher Name lautete Sangar. Sangar Kost.
Während die Wochen vergingen, wurde deutlich, dass Gott es offenbar vorzog, mich zu verschonen. Ich gewöhnte mich an diesen Gedanken, nahm ihn als Tatsache hin, was mir den Anschein von Mut verlieh. Dabei war ich nicht mutig, Suleyman, nur selbstgefällig. Ich hielt mich für unverwundbar, für etwas Besonderes, aufgespart für Künftiges, und ich fürchtete nur um meine Brüder. Sie hielten sich im Kampf möglichst in meiner Nähe auf, in der Hoffnung, Gottes Liebe für mich könnte sie gleichfalls schützen. Sie hätten von Sangars Beispiel lernen sollen, aber Selbstsucht trübte ihr Urteilsvermögen. Ich sah Männer und Jungen um mich herum fallen wie Spreu im Wind.
Es verging ein ganzes Jahr, ehe Gott es angebracht fand, seine schützende Hand von mir abzuziehen. Es geschah lautlos, unsichtbar, im Laufe nur eines einzigen Nachmittags. Für eine kleine Gruppe wie die unsrige verfolgten wir eine vernünftige Strategie – wir bevorzugten Gelände, in dem wir uns auskannten, blieben in Tälern, die für Luftunterstützung zu schmal waren, und beschränkten uns auf Nachtoperationen –, nur begannen wir, uns allzu gerissen zu fühlen, Suleyman, vielleicht auch zu hochmütig. Bescheidenheit ist eine Tugend, sogar im Krieg. Wir hatten zu viel Aufmerksamkeit erregt.
Vor den Hubschraubern – Schwarze Haie wurden sie genannt, Black Sharks – fürchtete sich meine Einheit am meisten. Ich hatte sie aus der Ferne beobachtet und mit eigenen Augen gesehen, was ihre Waffen anrichten konnten. Fünfmal waren sie über unsere Köpfe hinweggeflogen, und fünfmal wurden wir nicht gesehen. Beim letzten Mal kamen sie uns so nahe, dass ich das Gesicht des Piloten durchs Fernglas erkennen konnte. Er wirkte lachhaft jung, jünger noch, als ich es war, auch wenn sich das Alter bei diesen bartlosen russischen Gesichtern nur schwer schätzen lässt. Er hat mich ebenfalls gesehen, davon war ich überzeugt, behielt aber seinen Kurs bei. Er sagte sich wahrscheinlich, ein halbwüchsiger Mudschaheddin ist das Benzin – oder die Zeit und Munition – nicht wert. Vielleicht war er auch nur müde. Oder aber es war Gottes Warnung an mich, die ich nicht verstand.
Zwei Tage später badeten wir, als ein Geschwader Black Sharks uns entdeckte. Zwei Gruppen zu je sechs Maschinen in Pfeilformation – mehr, als ich je auf einen Schlag gesehen hatte. Wie gesagt, wir waren zu hochmütig geworden. Keine Deckung auf hundert Schritt im Umkreis, und die meisten von uns hüfttief im Wasser. Sie kamen im Tiefflug aus östlicher Richtung, die Sonne im Rücken, und ihre Schatten erreichten uns, schon zwanzig Sekunden ehe sie selbst in Schussweite waren. Ich richtete mich in diesem Schatten langsam auf, nass und bis zur Hüfte nackt, und ich sah diese großen schwarzen Sonnenflecken zu mir niedersinken. Deckung zu suchen war sinnlos, sinnlos, nach dem Gewehr zu greifen, sinnlos sogar, irgendwas zu sagen. Ebenso gut hätten wir Ziele aus Lehm sein können, die sie zu treffen versuchten.
Der erste Überflug war zu hoch, was mir das Leben rettete. Aus keinem mir erklärbaren Grund hatte ich den rechten Arm in die Luft gereckt: Für sie muss es wie ein Willkommensgruß ausgesehen haben. Ich fühlte einen Schock, das weiß ich noch, fast als hätte mir jemand auf die Hand geschlagen. Schmerz spürte ich nur in der Schulter. Ich schaute auf meine Finger und stellte fest, dass zwei fehlten. Der Anblick ließ mich loslaufen, obwohl ich nicht hoffen konnte, Deckung zu finden oder gar zu entkommen. Um mich herum sah ich Männer schreien, hörte aber keinen Laut.
Insgesamt flogen sie siebenmal über uns hinweg, alle zwölf Maschinen, und keiner von uns kam unverletzt davon. Manche wurden von den Kugeln der Maschinengewehre getroffen, andere von abplatzenden Sandsteinsplittern oder Felsbrocken. Ein Bruder half mir auf, verband meine Hand und führte mich das Bachbett hinauf. Er blutete aus einer Wunde am Knie, einem oberflächlichen Schnitt, allem Anschein nach. Kaum hatten wir Schutz gefunden, zog er den Mantel enger um sich, und als ich das nächste Mal nach ihm sah, war er tot.
Da rollte ich mich auf die Seite und bat Gott, mir zu helfen. Ich wimmerte, flehte ihn an und stammelte sein Lob. Wir lagen unweit vom Wasser unter einigen dürren Tamarisken, überall um uns herum das Geräusch des Sterbens. Hast du das schon mal gehört, kleiner Bruder, wenn junge Menschen sterben? Die Laute, die sie von sich geben, sind keineswegs so nobel, wie Schauspieler und Dichter uns dies glauben lassen wollen. Vierzehn junge Männer lagen irgendwo unterhalb von mir, schrien, verloren das Bewusstsein, wachten mit Schrecken wieder auf und schrien von neuem. Diese Geräusche waren viel schlimmer als der Schmerz, den ich empfand, aber dann stellte ich fest, dass ich stehen konnte, ohne bewusstlos zu werden. Also durchsuchte ich den Leichnam meines Bruders und fand an seinem Gürtel eine Makarow, dazu ein Magazin. Ich legte Steine vom Fluss an seinen Kopf und neben seine Füße, nahm die Pistole und prüfte, ob das Magazin voll war, stolperte zurück zu den anderen und schickte einen nach dem anderen zu Gott.
Die Höhlen in jenem Tal sind uralt, an den Wänden findet man immer wieder Verse auf Arabisch oder Inschriften in alten Sprachen, die wir schon lange nicht mehr kennen. Die Nacht und den folgenden Tag verbrachte ich in einem Loch hoch oben am Flussufer, feucht, tief, kaum breiter als meine Schultern. Von seinem Rand aus, an dem ich abwechselnd schwitzend und zitternd lag, beobachtete ich, wie der sowjetische Suchtrupp sein Werk verrichtete. Jetzt, da meine Brüder im Himmel waren, war mit ihnen nicht mehr viel anzufangen, doch sie amüsierten sich mit ihnen, so gut es eben ging. Sie blieben lang, ein ganzer Zug, rissen Witze in schrillem Russisch, schändeten die Leichen und wuschen sich dann in dem Fluss, in dem meine Brüder keine sechs Stunden zuvor noch gebadet hatten. Es war ein Urteil über mich, das ich in meiner Wut aber nicht verstehen konnte. Als sie schließlich abzogen, klapperten mir die Zähne im Schädel; ich starb vor Durst, und wie ein lebendiges Etwas drückte der Sandstein auf mich herab.
Es war kalt beim ersten Tageslicht, bitterkalt, und ich hörte das Leben aus meinem Körper weichen: ein Laut wie Dampf, der aus einem Teekessel strömt, ein dünnes, gleichmäßiges Zischen. Die Wunde an meiner Hand blutete durch den Verband und war durch das Blut am Tunnelboden angefroren. Es klang, als zerrisse ich Papier, als ich sie von der Erde löste, doch fühlte ich keinen Schmerz mehr. Das Leben verließ mich rasch.
Und in dem Moment dachte ich an ihr Bild.
Das Foto war in das Zellophan einer Zigarettenschachtel gehüllt, genau wie jetzt, und steckte in der Tasche meines sowjetischen Armeemantels. Wäre ich ein Dichter, würde ich dir erzählen, dass ich es immer dort aufbewahrte, direkt über dem Herzen, in Wahrheit aber befand es sich rein zufällig dort. Es war fleckig und dreckig von Monaten anstrengenden Marschierens, weshalb ich ihr Gesicht im Dämmerlicht kaum erkennen konnte. Ich versuchte, das Zellophan abzuziehen, aber es gelang mir nicht. Ich schob das Bild zu meinem Mund und leckte es sauber. Eine Weile hielt ich ihr Foto mit den Zähnen fest, wie die Kandare eines Zaumzeugs, und fing an zu zittern. Man kann die Bissspuren noch erkennen: hier, in der unteren linken Ecke. Siehst du?
Dann betete ich zu meiner jungen Mutter, nicht zu Gott – womöglich war es auch eine Art Zwiegespräch. Sicher war es keine Todsünde. Ein Gespräch mit Verstorbenen, wie einseitig auch immer, ist etwas anderes als ein Gebet. Ich wusste, dass meine Mutter keinen großen Einfluss bei Gott haben konnte. Sonst würde ich nicht in dieser Klemme stecken. Dann aber dachte ich: Vielleicht hat sie mich vergessen. Schließlich war es über zehn Jahre her. Vielleicht vergessen die Toten ihr Leben, wenn sie erst einmal in der Stille des himmlischen Gartens weilen. Vielleicht ist der Himmel ja nichts anderes als ein Vergessen.
Ich war im Delirium, verstehst du, und dachte Gedanken, die an einen Abfall vom Glauben grenzten. In jenen Stunden in der Höhle war ich wahrhaftig ein Gotteslästerer. Mit jedem meiner Atemzüge umarmten mich die Wände enger, nahmen mein Durst, mein Fieber zu, und am zweiten Tag kroch ich tiefer in die Dunkelheit oder bildete es mir zumindest ein und fand heraus, dass sich der Tunnel zu einer Kammer öffnete. Ich lag flach auf dem Rücken, ich weiß nicht, wie lang, schluchzte, lachte und redete laut. Ich bin verletzt, kleine Mutter. Ich liege auf dem Boden in einer Höhle und kann dich deutlich sehen, wie du aus dem Schatten einer Zypresse am Straßenrand schaust. Wie du aus ihrem sicheren Schatten den Mann ansiehst, der die Kamera hält, den Mann mit den blauen Augen, der nicht dein Ehemann ist. Es ist das erste Foto, das je von dir gemacht wurde, und du weißt nicht genau, welche Haltung du einnehmen sollst. Du willst dem Mann gefällig sein, willst tun, worum er dich bittet, also ziehst du den Schleier beiseite und hebst das Kinn. Du denkst gar nicht daran, dass dieses Foto ein Beweis sein könnte. Du denkst überhaupt nicht an dieses Foto, nur an den Mann hinter der Kamera. Der Vetter zweiten Grades deines Gatten, ein Mann aus Karatschi, weit gereist und vornehm, der dich sanft gebeten hat, den Schleier abzulegen. Obwohl du eine tugendhafte und ehrbare Frau bist, frisch verheiratet. Bis zu deinem Tod wird niemand sonst das Foto zu Gesicht bekommen. Es ist allein für deinen Bewunderer. Ich aber habe es gesehen, kleine Mutter, habe es zwischen den Zähnen gehalten. Es ist für mich der Beweis dafür, dass du einmal gelebt hast, so wie es auch deinem Gatten als Beweis gedient hat – für ihn eine Erinnerung daran, dass ihr einander etwas bedeutet habt. Und für mich, hier in der Höhle, ist es ein Beweis dafür, dass ich lebe.
Am selben Abend wartete Ibrahim Schah nach dem Abendgebet in ihrem Zimmer. Er saß mit überkreuzten Beinen auf einem der zwei Kissen, die Arme penibel verschränkt, und er grüßte sie so herzlich wie eh und je. Adens Brust schmerzte, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als die Bandage abwickeln, sich hinlegen und ausruhen zu können. Für Ibrahim Schah hatte sie seit jeher freundschaftliche Gefühle gehegt, doch angesichts seines unangemeldeten Besuches am Ende des Tages, insbesondere am Ende dieses Tages, war sie gleich auf der Hut. Seine Haltung war perfekt, die Stimme selbstbewusst und der Tadel hinter seiner Höflichkeit so klar wie die Luft an einem Wintertag.
—Wie war heute Abend dein Spaziergang, Suleyman? Hat er dir gutgetan?
—Es war ein Spaziergang, mehr nicht. Du kennst das, du warst selbst auch schon spazieren.
—Das war ich, kleiner Bruder. Einmal hatte ich sogar das Vergnügen, mit dir spazieren gehen zu dürfen. Er schürzte die Lippen. —Bruder Ziar und ich aber, wie ich zu meinem Leidwesen gestehen muss, haben noch nie zusammen einen Spaziergang gemacht.
—Ihr solltet es einmal versuchen, sagte sie und blieb an der Tür stehen. —Du könntest manch Interessantes erfahren.
—Ach ja? Was denn?
—Etwas über den Kampf jenseits der Grenze.
—Über den Kampf jenseits der Grenze, wiederholte Ibrahim Schah. Er nickte nachdenklich. —Lass mich dir etwas erzählen.
—Ich höre.
—Ich war zwölf Jahre alt, als ich in dieses Haus kam. Meine Familie stammt aus einem Dorf nördlich von Kabul. Der Name des Ortes tut nichts zur Sache, heute nicht mehr, da er ausradiert wurde. Das geschah in drei Schritten. Zuerst kamen die Soldaten der Bundesarmee, dann die Sowjets und schließlich Gottes eigene Mudschaheddin.
Von diesen Besatzungsmächten, so viel kann ich dir sagen, Suleyman, haben sich die Mudschaheddin keineswegs besonders gemäßigt verhalten. Weil mein Vater und meine Schwester Zigaretten an russische Soldaten verkauft hatten, wurden sie in unserem Haus bei lebendigem Leibe verbrannt. Meine Mutter starb auf eine Weise, die ich lieber nicht beschreiben möchte. Die folgenden achtzehn Monate habe ich allein gelebt, gelangte schließlich in das Flüchtlingslager von Peschawar und durch die Gnade Gottes dann an diesen Ort. Seither lebe ich hier, kleiner Bruder, und bis zu meinem Tod werde ich nicht mehr von hier fortgehen. Was jenseits der Grenze geschieht, interessiert mich nicht. Ich habe dieses Haus, ich habe meinen Glauben, und das genügt.
Stille senkte sich herab, als Ibrahim Schah verstummte. Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.
—Entschuldigung, sagte sie schließlich. —Mein Beileid. Das habe ich nicht gewusst.
—Natürlich nicht. Ich habe es dir ja nicht erzählt.
—Doch du erzählst es mir heute Abend, Bruder Schah, nur bin ich mir nicht sicher, warum du das tust.
—Vielleicht weißt du es doch.
—Bitte sag, was du sagen willst.
Wieder nickte er. —Du glaubst bestimmt, ich würde den bewaffneten Dschihad dafür hassen, sagte er. —Natürlich glaubst du das. Aber ich verwechsle die Männer, die mein Haus niederbrannten, nicht mit jenen Leuten, die sich heute Taliban nennen, auch nicht mit irgendwelchen anderen Gruppen von Paschtunen. Sollten die Mörder meiner Familie noch leben, kämpfen sie vermutlich für den Norden, wie so viele ehemalige Mudschaheddin. Sie kämpfen, um sich zu rächen, um Geld oder einfach um zu kämpfen.
—Genau das hat Ziar auch gesagt. Deshalb sind alle wahren Gläubigen …
Ibrahim Schah hob eine Hand. —Bitte, lass mich ausreden. Die Taliban haben gegen eine Armee von Ungläubigen zu den Waffen gegriffen, um einen rechtschaffenen muslimischen Staat zu gründen. Daran zweifle ich nicht.
—Aber warum …
—Ich bin gegen den Dschihad mit der Kalaschnikow, kleiner Bruder, weil der Gott, dem ich folge, ein Gott der Gnade ist. Gnädig zu allen, zu jedem barmherzig. Für mich ist dies der wichtigste Satz im ganzen heiligen Buch. Worte, die häufiger wiederholt werden als alle anderen. Weit häufiger. Erinnerst du dich?
Sie starrte ihn an. —Natürlich erinnere ich mich an diese Worte, sagte sie schließlich.
—Ich glaube dir, denn niemand könnte sie vergessen. Er legte eine Hand an seine Brust. —Für den Glauben, dem ich anhänge, ist Demut wichtiger als jede andere Tugend, Suleyman. Die Selbstverliebtheit der Mudschaheddin aber kennt keine Demut. Auch keine Bescheidenheit, kein Zügeln des Verlangens, keine Unterwürfigkeit, keine Zurückhaltung. Er seufzte. —Die jungen Leute finden solche Tugenden natürlich nicht besonders attraktiv. Vor allem jene jungen Männer nicht, für die der Krieg noch ein Märchen ist. Für sie gilt Nichtstun als die größte aller Sünden. Für andere wiederum – wie vielleicht auch für Ziar Khan – ist dies vermutlich die einzige Sünde.
—Hab Dank für deinen Rat, sagte sie. —Ich würde jetzt gern schlafen.
—Natürlich. Möge Gott deinen Schlummer versüßen. Er musterte sie noch einen Moment, dann erhob er sich von seinem Kissen. —Bitte ihn, kleiner Bruder, dass du erleuchtet erwachst.
Als Ziar nicht zum Morgengebet erschien, redete sie sich ein, er sei geschäftlich abgerufen worden, und widmete sich der Rezitation mit einer Hingabe, die ein Lächeln auf das freudlose Gesicht des Vortragenden zauberte. Er fehlte aber auch beim zweiten Gebet, ebenso Decker, und kaum war das Gebet vorbei, machte sie sich auf die Suche nach Hayat. Sie fand ihn in seinem Büro, wie er, kaum eine Armeslänge von ihrem Schlafsack entfernt, eine Bedienungsanleitung für einen Zenit-Farbfernseher studierte. Sie schloss die Tür hinter sich.
—Bruder Suleyman!, rief er, machte ein Eselsohr in die Seite der Bedienungsanleitung und legte sie beiseite. —Du bist nicht bei der Nachmittagslesung? Ich habe das Thema selbst ausgesucht und dabei an dich gedacht.
—Ich bitte um Vergebung, Muallim. Ich bin auf der Suche nach …
—Was ist denn, Suleyman? Fühlst du dich nicht gut?
—Nein, Muallim.
Er wartete darauf, dass sie fortfuhr. —Und was bekümmert dich, mein Kind?
—Sind sie weg?
—Ich bin ein alter Mann, Suleyman. Und jemand, der sich leicht verwirren lässt. Geht es vielleicht etwas genauer?
—Ihr wisst, was ich Euch frage.
Aden hatte, ohne nachzudenken, geredet und nahm an, dass ihre Impertinenz ihn überraschte, dass er womöglich sogar wütend wurde, doch blieb Hayats Miene unverändert freundlich und gefasst. Anscheinend konnte ihn nichts verärgern, ihn so wenig wie Ibrahim Schah oder sonst jemanden unter diesem Dach. Plötzlich war sie all diese lächelnden Gesichter leid.
—Setz dich, sagte der Mullah und wies auf das Kissen. Aden setzte sich, die Füße auf dem Kelim. Er hob den gelb glasierten Deckel der Teekanne an und sah kurz bekümmert drein, als er entdeckte, dass sie leer war. Dann gluckste er, schüttelte den Kopf und stellte die Kanne beiseite. Sie saß steif da, die Arme um die Knie geschlungen, folgte seinen kleinen, bedächtigen Bewegungen und fragte sich, was sie bedeuten mochten.
—Erinnerst du dich daran, Suleyman, wie du das erste Mal bei mir in diesem Zimmer gesessen hast?
—Ja, Muallim. Ich musste gerade daran denken.
—An jenem Tag habe ich dich gefragt, warum du zu uns gekommen bist. Und du hast geantwortet, du seist gekommen, um zu lernen.
—Das habe ich, erwiderte sie.
—Und du bist ein guter Schüler. Er schürzte leicht die Lippen, genau wie Ibrahim Schah es am Abend zuvor getan hatte. —Doch was du in der kurzen Zeit bei uns gelernt hast, passt in eine Falte deines Kamiz.
—Es wäre mir lieb, Ihr könntet mir sagen, wohin sie gegangen sind.
—Wen meinst du? Deinen Reisegefährten? Den Jungen, genannt Ali?
Sie brachte es fertig zu nicken.
—Dein Freund hat die Grenze überquert, zusammen mit meinem Sohn.
Obwohl sie saß, spürte sie, wie sie zur Seite sank. Sie stützte sich mit den Händen auf dem Boden ab, bis sich der Schwindel gelegt hatte. Hayat beobachtete sie interessiert.
—Die Neuigkeit ist dir unangenehm, sagte er. —Du fragst dich, warum man dich nicht informiert hat.
Sie zwang sich, Luft zu holen, ehe sie antwortete. —Haben sie gesagt, wann sie zurückkommen?
Der Mullah machte eine seltsame, zu Boden gerichtete Bewegung mit dem Kinn, die für sie keinen Sinn ergab. Irgendwo draußen röhrte ein Motorrad auf und verstummte wieder. Eine Weile später wurde es erneut angelassen.
—Soweit ich es verstanden habe, sagte er schließlich, —ist dein Freund in den Krieg gezogen.
Sie spürte, wie sie zusammenzuckte.
—Siehst du das auch so, Suleyman?
—Ich weiß von alldem nichts.
—Verstehe. Er strich die Vorderseite seines Hemdes glatt und bewegte sich so langsam, als wollte er sie provozieren. Dann rief er nach Tee.
—Mein Sohn besucht die Medrese nur selten, Suleyman, und nie um zu lernen. Er kommt, weil er sich ausruhen will, weil er sich verstecken muss oder weil er in Sadda medizinische Hilfe braucht. Meistens aber kommt er auf der Suche nach Rekruten.
—Ihr habt nichts gegen den bewaffneten Dschihad einzuwenden, das habt Ihr mir gesagt.
Der Junge mit der Lippenspalte betrat das Zimmer, und Hayat lehnte sich zurück, damit er die Teekanne nehmen konnte. —Ich habe dir noch etwas anderes gesagt. Ich habe gesagt, er ist eine Vergeudung prächtiger, begabter Jungen.
—Nicht alle können hier sitzen und den ganzen Tag rezitieren. Nicht wenn ein souveräner muslimischer Staat angegriffen wird.
—Von anderen Muslimen.
—Die Warlords? Das meint Ihr nicht ernst, Muallim. Diese Männer sind nur dem Namen nach Muslime. Oft nicht einmal das.
Hayats Lächeln kehrte zurück. —Wie ich sehe, war die Zeit meines Sohnes mit dir nicht vergeudet.
—Ihr würdet ihn nicht hier wohnen lassen, wenn Ihr dächtet, dass er im Unrecht ist. Ihr würdet ihn nicht einmal durchs Tor lassen.
—Gott segne dich, Suleyman!, sagte der Mullah. —Welchen Preis würde manch alter Mann dafür zahlen, könnte er die Welt für so einfach halten. Er hustete in seine Faust. —Je näher wir seinem Thron kommen, mein Kind, desto seltsamer erscheint uns Gott. Er ist nicht einfach, ebenso wenig wie die Welt, die er geschaffen hat. Wenn du dich ihm näherst, wirst du merken, dass sein Gesicht oft ganz und gar nicht menschlich ist. Wieder hüstelte er. —Natürlich fragst du dich, was ich damit meine. Solltest du dich entscheiden hierzubleiben, wirst du es vielleicht einmal begreifen.
—Für seinen Propheten war Gott einfach, erwiderte sie und presste die Hände auf den Boden. —Er fand ihn auch nicht seltsam. Überhaupt nicht.
—Der Prophet war Gottes Bote, Suleyman, und ihm eine besondere Freude. Er schüttelte den Kopf. —Du und ich, fürchte ich, sind kaum mehr als ein Blütenstaubkorn in seinem Augenwinkel.
Er blinzelte sie nun an und wiegte sich dabei leicht vor und zurück wie ein Schüler im Unterricht. Eine Frage formte sich in seinem Kopf. Und obwohl sie wusste, wie sie in seinen Augen aussehen musste, konnte sie nur so bleiben, wie sie war, hingeduckt, mit rotem Gesicht, die Hände auf dem Boden in der Haltung des allererbärmlichsten Sünders. Sie betete zu Gott, dass der Junge mit der Lippenspalte kommen möge. Wenn er käme, könnte sie gehen.
—Es betrübt mich, dass du heute nicht im Unterricht bist, Suleyman. Ebenso wie es Bruder Ibrahim betrüben wird.
Er nahm sich eine Taschenbuchausgabe des Korans von einem Stapel auf dem Schreibtisch in seinem Rücken. —Wie gesagt, ich habe Anweisungen gegeben, sich auf einen bestimmten Passus zu konzentrieren. Vielleicht darf ich ihn dir vorlesen.
Als sie keine Antwort gab, setzte er sich die Brille auf und schlug das Buch auf. —Aus der neunten Sure, sprach er feierlich, als stünde er in einem Saal voll lernbegieriger Schüler. —Der Titel dieser Sure lautet: Die Reue.
Er räusperte sich leise und hob eine Hand.
—Wären sie aber zum Ausmarsch entschlossen gewesen, hätten sie sich doch gewiss für ihn gerüstet; Gott aber wollte ihren Abmarsch nicht. So hielt er sie zurück, und es wurde ihnen gesagt: —Bleibet daheim bei denen, die daheimbleiben.
—Muallim, ich …
—Wären sie mit euch ausgezogen, hätten sie nur eure Sorgen vermehrt, wären in eurer Mitte hin- und hergelaufen und hätten Zwietracht unter euch gesät. Und unter euch sind manche, die auf sie gehört hätten, aber Gott kennt die Frevler wohl. Schon vorher trachteten sie nach Verwirrung und schmiedeten Pläne gegen dich, bis die Wahrheit kam und Gottes Wille durchgesetzt wurde, obgleich es ihnen zuwider war.
—Das bin ich für Euch, Muallim? Ein Frevler?
—Ganz und gar nicht, Suleyman. Er schüttelte den Kopf, entspannt und nachsichtig, wie sie es zahllose Male bei ihrem Vater gesehen hatte. —Doch vielleicht wärest du das, wärest du mit meinem Sohn gegangen.
Endlich kam der Junge, stellte die Teekanne zwischen sie und blieb links neben dem Mullah stehen, die Arme leicht verschränkt, um Aden still zu betrachten. Eine Geste von Hayats Hand, und er verschwand.
—Noor ist ein prima Junge, sagte er. —Wie so viele hatte er anfangs Probleme. Er war ruhelos, weinte und verlangte nach seiner Mutter. Außerdem war er störrisch, wie kleine Jungen es gern sind, und misstrauisch. Aber er hat gelernt, sich zu unterwerfen. Hayat nahm ihre Tasse und schenkte Tee ein. —Verliere nicht die Hoffnung, Suleyman. Dies könnte auch für dich zutreffen.
—Bitte sagt mir, Muallim, wohin sie gegangen sind. Ich unterwerfe mich allem, was Ihr wollt, dies ist das Einzige, worum ich jemals bitte, ich schwöre es. Nur das Eine.
Wie sie da in völliger Stille in diesem sonnenhellen Zimmer saßen, hörte Aden Schritte auf dem Flur. Mühsame Schritte, ein zögerliches Schlurfen wie das eines sehr alten oder sehr müden Mannes. Sie dachte an den Hausmeister, an Abu Omar, und malte sich aus, wie er Tag für Tag seinen unabänderlichen Pflichten nachging. Dieses Bild war ihr ein Trost, und sie dankte dem Himmel dafür. Dann fiel ihr wieder ein, wie der alte Mann sie auf dem Hof an ihrem ersten Tag angesehen hatte, dieser verächtliche Blick, darauf das Kopfschütteln und seine Bemerkung zu Ibrahim über ihre Mädchenhaftigkeit. Aden stellte die Tasse ab, ohne vom Tee getrunken zu haben.
—Wir reden über die neunte Sure, Suleyman, sagte der Mullah. —Über nichts sonst. Und was meinen Sohn angeht, habe ich dir auch nichts weiter zu sagen.
Sie hielt den Blick gesenkt und nickte.
—Hast du zu dem Abschnitt, den ich dir vorgelesen habe, nichts anzumerken?
Nach einem Moment nickte sie erneut.
—Dann lass hören.
—O Prophet, zitierte sie mit hölzerner Stimme, —feuere die Gläubigen zum Kampf an. Sind auch nur zwanzig unter euch, die Geduld haben, so sollen sie zweihundert überwältigen; und sind einhundert unter euch, so werden sie eintausend von denen überwältigen, die ungläubig sind, weil das ein Volk ist, das nicht begreift.
Seine Mundwinkel zuckten. —Das ist aus der achten Sure, Suleyman. Wir reden aber über die neunte.
—Die Heuchler und Heuchlerinnen gehören zueinander. Sie gebieten das Böse und verbieten das Gute; und ihre Hände bleiben geschlossen.
Hayat schnappte nach Luft. —Sei vorsichtig, Suleyman. Du mehrst den Ruf unseres Hauses, aber wir sind nicht auf dich angewiesen. Wir können dir jederzeit unsere Türen verschließen.
—Warum sind sie ohne mich gegangen? Ich bitte Euch, helft mir, es zu verstehen. Sie holte Luft. —Ich flehe Euch an, Muallim.
Der Mullah setzte an, um zu sprechen, dann aber hielt er inne. —Sie sind sehr plötzlich aufgebrochen, sagte er schließlich. —Mitten in der Nacht, wie es Brauch ist.
—Er hat nie versucht, mich zu rekrutieren, hörte sie sich stammeln. —Er hat mich nie gefragt, nicht einmal das. Bin ich für ihre Sache so wertlos? Bin ich so dumm? Bin ich so schwach?
—Du hast gesagt, Suleyman, das Kämpfen interessiert dich nicht. Hier in diesem Zimmer hast du geschworen, dass mein Misstrauen unangebracht ist.
Eine Zeitlang erwiderte sie darauf nichts. —Habe ich nicht, sagte sie schließlich.
—Was soll das heißen?
—Was ich gesagt habe, ist die Wahrheit.
—Jetzt nuschle nicht so, Kind. Ich kann dich kaum verstehen.
—Entschuldigt, Muallim.
—Entschuldigungen helfen mir auch nicht weiter. In meinen Augen bist du nicht verantwortlich. Er blickte an ihr vorbei und seufzte. —Ich weiß sehr wohl, dass mein Sohn dich verführt hat.
—Bitte, Muallim. Warum sollte er das tun? Warum sollte er das tun und mich dann allein zurücklassen?
Der Mullah drehte seine Teetasse langsam hin und her.
—Was ist?
—Ich habe ihn gebeten, dich nicht mitzunehmen, erklärte er. —Ich habe meinen Sohn gebeten, dich bei mir zu lassen.
—Was sagt Ihr? Tränen traten ihr in die Augen, und sie hatte Mühe zu atmen. —Ihr habt was getan?
—Du beweist solche Hingabe, Suleyman. Solchen Glauben. Wir setzen große Hoffnungen in dich.
Sie hob den Kopf. —Ihr habt ihm gesagt, mich nicht mitzunehmen. Ihr habt das entschieden.
—Deine Aufgabe liegt im Studium, kleiner Bruder, in Sunna und Rezitation in diesem bescheidenen Haus. Der bewaffnete Kampf ist nichts für Kinder. Glaube mir, wenn ich dir sage, wir beide ziehen es vor, dich hier zu wissen.
Die Stimme des Mullahs klang jetzt liebevoll, fast zärtlich. Sie senkte den Kopf und presste ihre Fäuste gegen die Augen.
—Verstehst du das, mein Kind? Sind diese Gründe ausreichend?
—Ich verstehe, antwortete sie leise.