Das falsche Auge
Nervös lief Lara in der Küche des kleinen Hauses auf und ab. Jo und Karin hatten Mila zu einer Freundin gebracht und waren anschließend zur Polizei gegangen. Sie wollten dort angeben, dass Lara sich bei ihnen befand, und hofften auf weitere Informationen, wenn die hiesigen Beamten sich mit Berlin in Verbindung setzen würden.
Lara hoffte auch auf neue Informationen. Aber sie hegte die Befürchtung, dass Konrad von ihrem jetzigen Aufenthaltsort Wind bekam. Sie versuchte, sich selbst zu beruhigen: Ihr Aufenthaltsort konnte sich nicht auf Dauer vor Konrad verheimlichen lassen. Schon gar nicht, wenn sie länger blieb als ursprünglich gedacht. Das hieß ja noch lange nicht, dass er auch von dem Stick wusste. Lara hatte Jo und Karin davon überzeugen können, niemandem zu erzählen, dass sie eine Kopie des Programms besaß. Auch nicht der Polizei. Denn wenn Peter doch wegen des Programms entführt worden war, dann war es besser, wenn niemand von der Kopie erfuhr. Sie war sich darüber bewusst, dass Jo und Karin das Programm nicht ewig vor Konrad verheimlichen würden. Aber sie hatte sich etwas Zeit verschafft.
Sie war über sich selbst erstaunt. Vor ein paar Wochen noch hätte sie sich Konrad geschnappt und über alles mit ihm geredet. Im vollen Vertrauen, dass er es gut mit ihr meinte. Doch jetzt war sie sich nicht mehr sicher. Im Moment traute sie niemandem vollkommen. Nicht einmal ihrem eigenen Urteil .
Sie sah auf die Handyuhr. Cem arbeitete jetzt schon seit 12 Stunden an dem Code. Aber selbst wenn es länger dauerte – sie war sich sicher, dass er Erfolg haben würde.
Sie hatte ein Leuchten in seinen Augen gesehen, das sie nur zu gut von ihrem Vater kannte. Er war bei seiner Programmiererehre gepackt, würde keine Sekunde schlafen und sich von Schokolade und Fast Food ernähren, bis er das Programm geknackt hatte.
Das Problem war nur, dass Lara genauso wenig schlafen konnte, solange sie auf das Ergebnis wartete. Ayse war auf einer Demonstration für den Bau einer Moschee und deshalb die nächsten Stunden nicht zu erreichen. Ins Internet konnte Lara nicht, da Jo und Karin nur einen Computer für die Apotheke besaßen. Die Internetleitung funktionierte trotz der Abgeschiedenheit, wie Jo Lara versichert hatte, aber ohne Laptop hatte sie davon herzlich wenig.
Nachdenklich blickte sie aus dem Fenster; auf das Haus, das nun die Waldapotheke war. Efeu rankte sich bis zum schiefen Dach, das dringend einer Überholung bedurfte. In diesem Haus hatte sie also die ersten vier Jahre ihres Lebens verbracht? Jos und Karins Geschichte hatte sich insoweit bestätigt, als Frau Meier Ayse zu berichten wusste, dass Peter und Lara erst nach Berlin gekommen waren, als Lara schon vier Jahre alt gewesen war.
»Dünn wie ein Stift«, hatte Frau Meier laut Ayse mit erhobenem Zeigefinger betont. »Ein dünner Stift.« Beim Thema Essen war mit Frau Meier nicht zu spaß en.
Laras Mutter hatte Frau Meier nie kennengelernt. Angeblich hatte Peter Frau Meier genaue Instruktionen erteilt, dass sie niemals vor Lara über den wahren Einzugszeitpunkt reden durfte. Aber jetzt, da er verschwunden war, fand Frau Meier, dass Lara die Wahrheit wissen musste.
Durch einen Anruf auf dem Friedhof hatte Lara dann noch herausgefunden, dass das Grab ihrer Mutter erst ein Jahr nach deren Tod nach Berlin umgesiedelt worden war. Wenn ihr Vater also einmal nicht geschwiegen hatte, hatte er Lara angelogen. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Bestimmt hatte er sie schützen wollen. Aber vor wem? Und warum?
Sie ging aus dem Haus, um sich ihr erstes Zuhause aus der Nähe anzusehen, als sie Timo entdeckte. Er kam den Weg entlang und blieb vor ihr stehen. Er hatte tiefe Augenringe, ein Skateboard in der Hand und auf dem Rücken einen grünen Armeerucksack.
»Hey«, sagte er.
»Hey«, erwiderte Lara, froh darüber, so schnell eine passable Antwort gefunden zu haben.
»Ist die Katze zurück?«
Fragend sah sie ihn an.
»Styx. Ich habe sie gestern Nacht gesehen. Unten, in der Rheinebene.«
Sie drehte sich um und sah zum Hauseingang, wo Styx versuchte, eine Klette aus ihrem Fell zu entfernen.
»Von der Entfernung her ist es eigentlich nicht möglich ... dass sie es war. Aber dieses Tier erkennt man unter Hunderten.«
»Ich habe sie schon in Berlin auf einem Friedhof getroffen«, sagte Lara und kam sich augenblicklich dumm vor. Wie konnte sie dieses völlig unwahrscheinliche Detail vor Timo erwähnen? Er musste sie für bekloppt halten.
»Das Tier ist seltsam«, erklärte er jedoch ernst.
Sein Unterton verriet ihr, dass Styx ihn nicht nur mit ihrer Anwesenheit in der Rheinebene überrascht hatte.
»Kennst du das? Wenn du einfach mal jemand zum Quatschen brauchst?«, fragte er dann unvermittelt.
Für solche Fälle hatte Lara Ayse. Schwer vorzustellen, was sie ohne sie tun würde. Platzen?
»Magst du reinkommen?«, fragte sie aufgewühlt.
In diesem Moment ertönte eine wütende Stimme hinter ihnen.
»Was macht der denn hier?«
Cem war mit einem Laptop hinter sie getreten.
Timo drehte sich um und erwiderte seinen Blick.
»Hetzt du sie jetzt auch gegen uns auf?«, fragte Cem eisig.
»Kein Bedarf«, betonte Timo und ging davon.
Lara hatte erneut das Gefühl, dass es kühler wurde, als er auf seinem Skateboard um die Ecke bog. Aber wahrscheinlich war es nur das Fehlen der Sonne, die gerade unterging.
Lara ging mit Cem in die Küche. Sie fand es zwar schade, dass Timo schon wieder die Flucht ergriffen hatte. Aber Cem war gekommen. Bestimmt hatte er das Programm geknackt !
Er schien eine Sache aber noch viel wichtiger zu finden: »Was hat er dir erzählt?«
»Nichts!«, erklärte sie schnell. »Er braucht wohl jemanden zum Quatschen«, fügte sie vielsagend hinzu.
Cem musterte sie feindselig. »Er braucht jemanden, den er aufhetzen kann.«
»Was ist mit deiner Schwester passiert?«, wollte Lara wissen. Nervös beobachtete sie, wie er den Laptop auf den Tisch stellte. Gleich würde er ihr zeigen, was das Programm ihres Vaters war.
Seine Hände wanderten unruhig über den Tisch und ordneten die sich darauf befindenden Papiere und Stifte, die Mila beim Malen benutzt hatte.
»Sazan und Timo waren zusammen. Mein Vater wollte das nicht. Sazan war einem Freund der Familie versprochen. Der Typ war viel älter. Klar, dass sie keinen Bock drauf hatte. Sie ist immer wieder abgehauen. Irgendwann kam sie nicht mehr zurück.«
Er setzte sich vor den noch zugeklappten Laptop und ordnete mit unruhiger Hand seine eigenen Notizen. Dabei sah er Lara nicht an, doch sie hörte an seiner Stimme, dass er innerlich zitterte.
»Ein Zug hat sie erwischt. Ein Unfall. Aber Timo glaubt, dass Vater sie vor den Zug gestoßen hat. Er hat es allen erzählt. Sogar die Polizei war da. Und die Leute hier glauben jeden Scheiß, den man ihnen erzählt. Besonders, wenn es sich um türkische Mitbewohner handelt«, fügte er bitter hinzu.
Lara setzte sich neben ihn. »Timo hat sie wohl sehr gern gehabt«, stellte sie fest .
»Sazan musste nur mit dem Finger schnippen und er kam angerannt. Ich habe ihm gesagt, dass es unmöglich ist. Aber es war ihm scheißegal. Dabei hat Sazan ihn nicht einmal geliebt. Sie wollte einfach jemanden haben, der kein Türke war. Um meinem Vater eins reinzuwürgen.«
Gedankenverloren strich er mit dem Finger über ein paar Vogelbildchen, die auf den Deckel des Laptops geklebt waren. »Der hat ihr gehört«, erklärte er mit rauer Stimme.
Cem klappte den Laptop auf, als wollte er damit den Gedanken an seine Schwester verscheuchen. Während er ihn anschaltete, brachte er Lara auf den aktuellen Stand.
»Du hast ja schon gemerkt, dass man das Programm auf dem Stick nicht einfach auf einen Rechner ziehen kann. Das liegt daran, dass es sich um einen sogenannten Safe-Stick handelt.«
Ihr verständnisloser Blick brachte ihn dazu, weiterzureden.
»Das Programm ist auf dem Stick geschützt. Ich kann es nicht auf meinen Rechner ziehen, um es von dort aus zu knacken.«
»Ist das schlecht?«
»Schlecht ist, dass das Programm besser geschützt ist als das Casino in Baden-Baden.«
Dann ist an den Gerüchten also doch was dran , dachte Lara.
Er steckte den Stick in den Laptop. Seine Finger tanzten über die Tastatur. »Ein paar Codes konnte ich bereits umgehen. Aber diesen nicht ... «
Angespannt starrte Lara auf den Bildschirm, auf dem ein Balken erschien. Darüber das Wort Eyecode .
»Wenn dein Vater dir den Stick gegeben hat, dann hat er bestimmt auch mal irgendwann deine Augen gescannt?«
Ehe sie reagieren konnte, sauste ein grüner Strahl aus dem Rechner und scannte ihre Augen.
»Eyecode declined!«, ertönte eine sonore Stimme.
Cem hackte panisch auf der Tastatur herum. »Es sind nicht deine Augen?«, fragte er dabei angespannt. »Aber es ist doch dein Stick!«
»Also«, stammelte Lara verlegen, »möglicherweise habe ich da ... ein kleines bisschen geflunkert.«
»Wie sehr geflunkert?«
Der Typ konnte echt streng gucken. Lara zweifelte nicht daran, dass Allahs Zorn sie persönlich treffen würde, wenn sie Cem nun die Wahrheit erzählte.
»Der Stick gehört mir nicht. Er gehört meinem Vater. Und der hat mir nie von dem Programm erzählt. Er wollte nicht, dass ich irgendwas damit zu tun habe. Aber jetzt ist er weg. Und die einzige Möglichkeit, ihn zu finden, steckt in diesem Programm. Da bin ich mir ganz sicher!«
»Dann funktioniert es nicht. Ich habe keine Ahnung, wie ich den Eyecode knacken soll.«
Laras Innere fiel in sich zusammen, während Cem aufstand.
»Ich kann mich noch mal mit den Jungs beraten. Aber versprechen kann ich dir nichts.«
Er wollte den Laptop gerade einpacken, als ihr eine Idee kam, wie sie sich das Warten erträglich machen konnte.
»Kannst du mir den Laptop da lassen? Damit ich ins Internet kann?«
Er zögerte.
»Bitte. Vielleicht hat Papa eine Mail geschrieben. Außerdem ... Ich muss einfach mal wieder online sein.«
Das allerdings schien Cem nachvollziehen zu können. Doch erneut sah er Lara streng an. »Wenn er einen Kratzer hat, kriegen wir ein Problem.«
»Ich pass auf ihn auf. Versprochen!«
Cem packte seine Unterlagen zusammen und verließ die Küche.
Lara machte sich daran, das Kabel vom Telefon zu lösen, um es mit dem Laptop zu verbinden, als ihr auffiel, dass der Stick immer noch im Rechner steckte.
Im selben Moment klingelte es an der Haustür. In der Annahme, dass Cem sich im letzten Moment an den Stick erinnert hatte, ging sie zu der alten Holztür.
Doch als Lara sie öffnete, blickte sie in Konrads Gesicht.