Land Zwei
Die Mauer
»Wo bist du?«
Die Stimme des Auges drängte sich in Laras Bewusstsein.
Das Auge! Wo war es? Sie sah sich erneut in alle Richtungen um. »Wo bist du
?«, gab sie zurück.
»Ah, ich sehe dich!«
Sie konnte die Zufriedenheit in der Stimme des Auges hören. »Aber ich sehe dich nicht.« Sie sah sich unbehaglich um. »Auge? Wo steckst du?«
»Ich bin direkt vor dir«, hörte sie die Stimme in sich.
Lara suchte den Boden ab und entdeckte eine Spinne! Sie stieß einen Schrei aus und sprang zur Seite. Die Spinne hockte im Gras vor ihr. Der Körper lang und schmal. Wie ein Zebra braun und weiß gestreift. Acht gesprenkelte Beine traten aus dem Körper hervor. Aber das mit Abstand Schlimmste waren die Augen. Das Tier hatte nicht etwa zwei, sondern acht schwarz schimmernde Perlaugen, die dicht aneinander lagen und Lara erwartungsvoll anschauten.
»Du bist ganz weiß«, hörte Lara die Stimme des Auges.
»Siehst du das?«, wisperte sie, ohne sich zu bewegen.
Die dunklen Augen der Spinne zuckten hin und her.
»Was?«, fragte das Auge.
»Spring... Springspinne«, wisperte Lara.
Ayse hatte sie einmal in Berlin in den Zoo entführt, um ihre Spinnenphobie zu heilen. Tatsächlich hatte sie drei Spinnen betrachten können, ohne in
Panik aus dem Gebäude zu rennen. Getrennt durch eine dicke Glaswand hatten die Tiere einen Teil ihrer Macht über Lara eingebüßt. Dann hatte sie allerdings von Tierpfleger Mike, der Ayse augenblicklich verfallen war, erfahren, dass eine Spinnenart außerhalb der Terrarien gehalten wurde. Die Fauna hautnah erleben und so. Ayse hatte Lara erst wieder an der U-Bahn-Haltestelle eingeholt.
Eine der Spinnen, die Lara im Glaskasten gesehen hatte, würde sie niemals vergessen. Wegen ihrer Augen. Die Springspinne. Ihrer Meinung nach war das Tier direkt einem Horrorfilm entsprungen.
»Keine Ahnung, was du meinst. Ich sehe nur dich«, erklärte das Auge.
Die Augen der Spinne starrten Lara an, und da begriff sie. »Du bist die Spinne!«, rief sie angeekelt.
»Ich bin das Auge«, konterte das Auge.
»Du bist acht
Augen! Du hast dich verwandelt!«
»Das ist lächerlich«, fand das Auge, und die Spinne setzte ihre acht Beine in Bewegung, um sich Lara zu nähern.
Sie spürte, wie sich sämtliche Haare an ihrem Körper aufstellten. Übelkeit stieg in ihr hoch. Dann rannte sie los.
»Stehen bleiben!«
Die Stimme des Auges in ihrem Inneren klang besorgt, doch Lara rannte weiter.
»Wir dürfen uns nicht trennen!«
Eine Idee, die Lara grundsätzlich nicht verkehrt fand. Sie zwang sich, einen Blick zurückzuwerfen.
Die Spinne schnellte aus dem Gras hoch, und die acht Glubschaugen starrten Lara an, ehe sie wieder im Gras
verschwand, nur um daraus erneut wieder hervorzuschnellen. Wie in Zeitlupe sah Lara die acht Beinchen, die wild in der Luft fuchtelten, ehe die Spinne wieder vom Gras verschluckt wurde.
»Bleib stehen!«
Der Wille des Auges versuchte, Lara zu kontrollieren. Doch ihre Angst war größer als alles andere. Sie rannte weiter. Über die Wiese. Und je länger sie rannte, desto schwächer wurde die Stimme des Auges. Bis Lara schließlich nichts mehr in ihrem Inneren hörte. Ein letztes Mal noch drehte sie sich im Laufen um, als ihre Flucht plötzlich unsanft beendet wurde.
»Ah!«
Sie wurde von etwas zurückgestoßen und landete im Gras. Vor ihr ragte eine riesige Mauer in den Himmel.
So wie Lara schon in Konrads Land keinen Schmerz empfunden hatte, als er sie mit dem Auto angefahren hatte, konnte ihr auch die Mauer nichts antun. Doch sie konnte nicht mehr weiterlaufen. Ängstlich blickte sie zurück, aber von der Spinne gab es keine Spur.
Lara betrachtete die Mauer genauer. Sie kam ihr bekannt vor. Riesige, gelbe Steine waren übereinander gestapelt. Gut zehn Mal so groß wie Lara stellte sie ein unüberwindbares Hindernis dar. Zwischen den Steinritzen rankten Kletterpflanzen hervor. Und etwas, das Lara bei genauerem Betrachten als zahlreiche, vergilbte Zettel identifizierte.
Sie erinnerte sich! Sie hatte mit Ayse oft stundenlang Bücher über Palästina, Israel und die alles trennende und vereinende
Stadt Jerusalem gewälzt.
Bei ihren religiösen Ausflügen hatten die beiden oft die Bilder der Klagemauer betrachtet. Jeden Tag versammelten sich die gläubigen Juden und beteten vor der ursprünglichen Westmauer der Tempelanlage. Sie steckten Zettel mit aufgeschriebenen Gebeten und persönlichen Wünschen hinein.
Die Mauer vor Lara sah genauso aus wie diese Klagemauer. Auch wenn ihr bewusst war, dass sie sich nicht in Jerusalem befand, sondern auf einer grünen Wiese in einem Land, das höchstwahrscheinlich von ihrer Großmutter bewohnt wurde. Von ihrer toten Großmutter.
Neugierig näherte sie sich der Mauer und zog einen der Zettel heraus. In einer altmodischen, ausdrucksvollen Schrift stand dort: Als meine Tochter wirst du immer Jüdin sein.
Lara faltete den Zettel wieder sorgfältig zusammen und steckte ihn zurück. Obwohl sie das Gefühl hatte, etwas Heiliges und sehr Persönliches zu berühren, als würde sie ein Tagebuch lesen, konnte sie nicht widerstehen. Sie zog an einem weiteren Zettel. Dieselbe Handschrift. Derselbe Text.
Auch die anderen Zettel beinhalteten dieselbe Aussage.
Kein Gebet, keine Bitte, sondern eine Feststellung.
Als meine Tochter wirst du immer Jüdin sein.
Verwirrt blickte Lara auf die Zettel, als ihr einer ganz besonders ins Auge stach. Das Papier wirkte im Gegensatz zu den anderen neu und wenig zerknittert. Sie zog ihn heraus.
Ayse, bin im Programm meines Vaters. Wende dich an. Er muss uns hier rausholen. Lar
a
Vor Schreck ließ sie den Zettel fallen. Das war ihre Nachricht an Ayse! Ihr kleines, persönliches Gebet, das sie mit dem Handy getippt hatte. Eine SMS!
Wie war die Nachricht hierhergekommen?
Mit zitternden Händen hob sie den Zettel auf. Sie erinnerte sich, dass man per E-Mail ebenfalls seine Gebete und Wünsche an Rabbiner schicken konnte, die diese Nachrichten dann ausdruckten und sie zwischen die Steine steckten.
Aber wie hatte ihre SMS hier landen können?
Sie versuchte, sich zu beruhigen. Lara hatte nicht mehr damit gerechnet, dass Ayse ihre Nachricht bekommen hatte. Wenn sie selbst wirklich tot war, wie konnte dann eine SMS zu Ayse gelangen? Aber irgendjemanden hatte sie erreicht.
Sie las die Nachricht noch einmal und stellte fest, dass Cems Name fehlte. Was sie nur noch mehr in Verwirrung stürzte.
Mit zitternden Händen steckte Lara den Zettel zurück in die Klagemauer. Vielleicht erreichte sie auf diesem Weg jemanden, der ihr helfen konnte?
Plötzlich hörte sie eine Melodie. Jemand spielte Klavier. Die Melodie drang von der anderen Seite der Mauer zu ihr herüber.
Auf der Suche nach einem Durchgang klopfte sie vorsichtig die Steine ab. Als sie einige Steine überprüft hatte, erreichte sie einen, der sich farblich unterschied. Er war heller, fast weiß, und um ihn herum steckten keine Zettel. Lara drückte auf den Stein, der augenblicklich nachgab und auf der anderen Seite mit einem lauten Aufprall hinunterfiel. Das war aufgrund
seiner Größe eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Sie spähte durch die Mauer hindurch. Das entstandene Loch war groß genug, um hindurchzuklettern. Sie erinnerte sich, auf den Fotos hinter der Klagemauer den Tempelberg gesehen zu haben. Der Ort, der für die drei großen Weltreligionen heilig war.
An diesem Ort sollte Gott die Erde entnommen haben, aus der er Adam geformt hatte. Heute stand auf dem Berg der Felsendom, der als heiliger Schrein der Muslime bezeichnet wurde. Hinter der Klagemauer, durch die Lara kletterte, um auf die andere Seite zu gelangen, stand jedoch auf dem Hügel ein riesiger, schwarzer Flügel, an dem eine alte Dame mit geschlossenen Augen ein dramatisches Stück spielte. Tiefe, schnelle Tonfolgen reihten sich aneinander.
Dorothea. Laras Großmutter.
Reglos verharrte sie. Ihre Großmutter zu sehen, löste so viele Emotionen gleichzeitig aus, dass Lara einfach nur stehen bleiben konnte.
Zum einen erkannte sie, dass Konrad nicht gelogen hatte. Wenn sie ihrer Großmutter begegnete, konnte das nur bedeuten, dass sie tatsächlich im Totenreich war. Nicht nur sie. Ihr Vater. Timo ... Tränen liefen ihr übers Gesicht. Tränen aus Wut auf ihren Vater, dass er einen solchen Wahnsinn Wirklichkeit hatte werden lassen, aber auch aufgrund von Schuldgefühlen gegenüber Timo, der wegen ihr an diesem Ort gelandet war.
Doch unter all diesen Gefühlen machte sich noch ein anderes bemerkbar. Eine Art Vorfreude
.
Denn da saß plötzlich die Frau, die Lara nie kennengelernt hatte. Und wenn sie hier war, war dann auch ihre Mutter hier?
Lara hatte nie gewusst, was es bedeutete, Mutter und Großmutter zu haben. Doch jetzt war die eine zum Greifen nah.
Die Melodie veränderte sich. Leise und fröhlich plätscherten die Töne vor sich hin. Wie eine Einladung.
Lara wurde nervös. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als sie mit der Schultüte vor dem riesigen Haus gestanden hatte, das ihre Schule werden sollte. Zum ersten Mal hatte ihr das Herz bis zum Hals geschlagen.
Bis ein Mädchen mit Kopftuch neben sie getreten war und ihr einen Schokoriegel angeboten hatte. Ayse, gänzlich ohne Furcht, hatte sich neben sie gestellt und sie angegrinst. Durch die riesige Zahnlücke hatte Lara in ihren Mund schauen können und augenblicklich keine Angst mehr gehabt. Kurze Zeit später war Ayses Familie im selben Haus in Kreuzberg eingezogen. Die Freundschaft der beiden Mädchen war besiegelt worden.
Mit Ayse an ihrer Seite hätte Lara sich auch jetzt um einiges sicherer gefühlt.
Langsam ging sie den Hügel hinauf. Nervös und aufgeregt betrachtete sie ihre Großmutter. Die Frau hatte die Augen zusammengekniffen, der Mund war schmal, die Lippen dünn und mit einem roten Lippenstift nachgezogen, die schmalen Schultern fast bis zu den Ohren hochgezogen. Am Flügel lehnte ein Gemälde. Ein Bild des Mannes, den Lara auf der Bühne gesehen hatte. Zögerlich näherte
sie sich der alten Dame.
Jüdin und Pianistin. Das war alles, was Lara über ihre Großmutter wusste. Und dass es einen Streit zwischen ihr und Laras Mutter gegeben hatte. Dorotheas einziger Tochter. Ein Streit, der dazu geführt hatte, dass die beiden nicht mehr miteinander gesprochen hatten.
Soweit Lara sich erinnern konnte, waren die Juden davon überzeugt, dass die Toten am Tag der Auferstehung aus den Gräbern treten würden. In der Kleidung, die man ihnen zur Beerdigung angezogen hatte. Dann wurde über ihr Leben gerichtet. Ihre größte Bestrafung lag darin, fern von Gott zu sein.
All das sollte sich am Tempelberg ereignen, und Lara hatte stets darüber gewitzelt, dass an diesem Tag eine Menge los sein würde. Aber was die Toten bis zum Tag der Auferstehung taten, blieb eher vage. Sollte dies der Ort sein, an dem die Seele ihrer Großmutter auf den jüngsten Tag wartete?
Sie hatte ihre Großmutter fast erreicht. Dorotheas dünne, aber kräftige Finger spielten ein leises, heiteres Stück.
»Du hast lange gebraucht«, sagte die alte Dame mit geschlossenen Augen.
Lara sah sie überrascht an. »Du hast auf mich gewartet?«, fragte sie leise.
»Mein Leben lang.«
»Tja, damit ist es wohl vorbei«, entfuhr es Lara.
»Du musst immer das letzte Wort haben.« Ein Hauch von gleichgültiger Arroganz klang bei diesen Worten mit.
»Du kennst mich doch gar nicht«, erwiderte Lara verwirrt, was der alten Dame ein lautes Lachen entlockte
.
»Ist das dein Dank dafür, dass ich dich großgezogen habe? Bist du so weit entrückt, dass du nicht einmal deine Mutter ehrst?«
Verblüfft wurde Lara klar, dass Dorothea sie für ihre Tochter hielt. Für Maja. »Ich bin Lara. Deine Enkelin. Mach deine Augen auf«, bat sie.
Doch Dorothea behielt die Augen weiter geschlossen. »Ich wusste, dass du zurückkommen würdest.« Sie klimperte die heitere Melodie und lächelte selbstgefällig.
Lara merkte, dass ihre Großmutter ihr nicht zugehört hatte. »Warum spielst du auf dem Tempelberg?«, fragte sie, während sie sich weiter langsam näherte.
»Ich halte den Platz frei. Für den dritten Tempel«, entgegnete Dorothea stolz. »Sie haben zwei Tempel auf diesem Hügel zerstört. Aber diesmal werden sie es nicht schaffen.«
Wenn das mal kein Einsatz ist
, dachte Lara. Aber leider umsonst.
»Du bist nicht in Jerusalem. Du bist tot.«
Dorothea lachte, als hätte sie gerade den besten Witz ihres Lebens gehört. In diesem Lachen konnte man die Schönheit erkennen, die diese Frau einmal gewesen war. »Fällt dir wirklich nichts anderes ein, mit dem du mich schocken kannst? Zum Beispiel, dass du einen Katholiken heiratest und zum katholischen Glauben konvertierst?«
Das Spiel der alten Dame ging wieder in die tieferen Tonlagen über. Wie ein sich anbahnender Sturm folgten die Töne aufeinander. Lara bekam eine Ahnung davon, warum es zwischen Mutter und Tochter zu einem endgültigen
Streit gekommen war.
»Du hast unser Volk verraten. War das nicht genug?«
Lara hatte sofort das Gefühl, sich auf die Seite ihrer Mutter stellen zu müssen. »Maja hat sich verliebt.«
»Wir stellen unser persönliches Wohl für unser Volk zurück!«, rief ihre Großmutter erregt. »Wenn wir vergessen, was uns angetan wurde, dann ist es, als sei es nie geschehen!« Sie ließ eine dichte Folge von Dreiklängen ertönen.
Lara betrachtete das Gemälde. »Wer ist der alte Mann auf dem Bild? Ist er dein Vater?«
Dorotheas Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck. »Theodor Herzl. Er war der Wegbereiter für Israel.«
»Den hast du gekannt?«, fragte Lara verblüfft.
Dorothea lachte. »Er ist 1904 gestorben. Lange, bevor ich geboren wurde. Also nein, ich habe ihn nicht gekannt. Aber ich trage seine Botschaft in meinem Herzen.«
Lara versuchte, sich zu sammeln. Da war ihre Großmutter. Die sie das erste Mal sah. Sie hatte so viele Fragen an diese Frau, so viele Dinge, die sie nicht verstand. Aber ihre Großmutter erkannte sie nicht. Die dichten Tonfolgen machten Lara ganz schwindelig.
»Kannst du nicht mit dem Spielen aufhören?«, bat sie.
»Als du dich gegen deinen Glauben entschieden hast, hast du dich gegen mich entschieden«, erwiderte Dorothea.
»Sieh mich an! Ich bin nicht deine Tochter!«, rief Lara, die langsam wütend wurde.
Doch Dorothea öffnete die Augen nicht und spielte stattdessen blind weiter. »
Weißt du, warum sie uns alle hassen?«, fragte Dorothea. »Es ist der Neid. Wir
sind das auserwählte Volk. Wir
sind das Lieblingskind, verstehst du, Maja? Die Christen, die Muslime und alle anderen sind die eifersüchtigen Geschwister. Doch egal, was sie tun. Gott liebt uns immer mehr als sie.«
Lara starrte ihre Großmutter an. »Dann liebt er dich auch mehr als mich.«
»Als meine Tochter wirst du immer eine Jüdin sein.«
Das Klavierspiel war nun fröhlich, als könnte kein Trick dieser Welt die Tochter jemals von der Mutter trennen.
Lara hatte keine Kraft mehr, sich mit ihrer Großmutter zu streiten. Wie musste es gewesen sein, mit dieser Frau aufzuwachsen? Dennoch konnte sie den Blick nicht abwenden. Die Tatsache, ihre Großmutter endlich kennenzulernen, berührte sie zutiefst.
Sie setzte sich ins Gras und hörte dem Klavierspiel zu. Für einen Moment lang vergaß sie ihre ganze Not. Vergaß, tot zu sein und sich doch lebendig zu fühlen. Vergaß, dass sie bei einer Mutter war, die ihre Tochter wegen ihres Glaubens und einer Entscheidung aus Liebe verstoßen hatte.
Sie genoss es einfach, eine Großmutter zu haben, die ihr vorspielte. Lara bettete den Kopf in das weiche Gras und schloss die Augen.
»Sag mir, mein Kind. Woran glaubst du?«
Lara wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Konnte man im Totenreich einschlafen? Sie öffnete die Augen. »An was ich glaube?«, stammelte sie überfordert.
»An welchen Gott? An wen richtest du
dein Gebet?«
»Ich bete nicht.«
Hatte Dorothea begriffen, dass sie ihre Enkelin vor sich hatte? Vorsichtig schielte Lara zu der alten Dame hinüber, die jedoch immer noch die Augen geschlossen hatte und düstere Tonfolgen spielte.
»Ha! Sie betet nicht! Und wenn du nachts im Bett liegst und dich nicht mehr vor deinen Sünden verstecken kannst, an wen wendest du dich dann?«
»Ich habe keine Sünden!«, erklärte Lara wütend.
»Das wüsste ich aber.«
Ich bin also immer noch meine Mutter
, dachte Lara resigniert.
Dann jedoch brachte die Frage Lara zum Nachdenken. Sie antwortete leise, sodass ihre Stimme im Klavierspiel fast unterging. »Wenn ich nachts im Bett liege ... dann stelle ich mir meine Mutter vor.«
»Ich habe dich nach deinem Glauben gefragt!«, feuerte Dorothea ihr mit ein paar gewaltigen Akkorden entgegen.
»Ich habe keinen, okay?«, schrie Lara durch das Klavierspiel hindurch. »Ich glaube nicht an Gott! Und schon gar nicht an einen, der tausend Regeln aufstellt!«
»Gebote und Verbote«, ging Dorothea dazwischen. »285 Gebote und 365 Verbote.«
»Siehst du? Das meine ich. Auf diese Weise kann ich doch selbst überhaupt nicht rausfinden, was ich für richtig und für falsch halte. Weil alles vorgegeben ist.«
»Das ist beruhigend«, fand Dorothea.
»Mich sperrt es ein«, konterte Lara. »Außerdem, wer sagt mir denn, dass es wirklich ein Gott ist, der all
diese Regeln aufgestellt hat. Vielleicht waren es einfach nur Menschen, die ihren Willen durchsetzen wollten. Und behauptet haben, Gott hat ihnen etwas zugeflüstert.«
Dorothea schwieg. Aber das leise Donnern, das aus dem Flügel grollte, verdeutlichte Lara die düstere Stimmung ihrer Großmutter. Sie dachte überhaupt nicht daran, sich hier und jetzt irgendeinem Glauben zu verpflichten, nur um einer Frau zu gefallen, die sie gerade erst kennengelernt hatte.
»Heute muss man sich zu keinem Glauben bekennen. Es interessiert niemanden, was du glaubst. Oder ob du glaubst.« Lara war trotzig. »Das ist Freiheit.«
»Freiheit braucht Verantwortung. Menschen sind für diese Verantwortung nicht bereit«, entgegnete Dorothea stur.
»Das weißt du nicht.« Laras Stimme war ein Flüstern.
Sie erinnerte sich an unzählige Diskussionen mit Ayse, die auch nicht verstehen konnte, wie Lara ohne Religion ein erfülltes Leben führen konnte, und zum ersten Mal begriff sie, was sie an all diesen Religionen störte. Sie blickte in das unendliche Blau des Himmels und dachte an Ayse und daran, dass sie keinen Gott brauchte, solange sie nur ihre Freundin an ihrer Seite hatte.
»Dann wirst du am jüngsten Tag Gott nicht nahe sein«, stellte Dorothea fest.
Lara ärgerte sich über die Genugtuung in der Stimme der alten Frau. »Wo ist denn dein Gott jetzt?«, fragte sie böse.
»Ich warte hier auf den jüngsten Tag. Und halte den Platz frei für den Messias. Wenn er kommt, wird er auf diesem Hügel den dritten Tempel
errichten.«
»Wir sind nicht auf der Erde!«, rief Lara verzweifelt.
Dorothea lächelte mit geschlossenen Augen. Leicht flogen die Hände über die Tasten und zauberten eine lustige Melodie.
Lara spürte eine nie gekannte Wut in sich. »Dieser Haufen hier ist nicht der Tempelberg, Oma! Niemand interessiert sich dafür. Kein Wunder, dass Mama nichts mehr mit dir zu tun haben wollte. Du bist total verbohrt! Hast du dich jemals gefragt, was Maja wollte?«
Dorothea gab keine Antwort. Sie ignorierte Lara einfach. Und Lara fühlte sich mies. Richtig mies. Sie hatte ihre Großmutter das erste Mal Oma
genannt. Während sie stritten.
Warum musste die Frage nach dem Glauben immer zu Streit führen? Als wüsste es der eine besser als der andere. Dabei hatten sie doch alle keinen Beweis. Niemand konnte es wirklich wissen.
»Ich wusste, dass du eines Tages zu mir zurückkommen würdest«, sagte Dorothea, als hätte das ganze Gespräch nie stattgefunden.
Lara war zu erschöpft, um darauf zu antworten. Es war hoffnungslos. Sie drehten sich im Kreis.
Doch da rutschte Dorothea auf dem Klavierhocker zur Seite und klopfte auf die frei gewordene Stelle, während die andere Hand weiterspielte. »Spiel mit mir«, forderte sie.
Überrascht sah Lara zu ihrer Großmutter auf, die immer noch die Augen geschlossen hatte. »Ich kann nicht Klavier spielen.«
Dorothea lachte. »Du bist meine Tochter. Natürlich kannst du Klavier spielen!«
Lara wollte sich neben ihre
Großmutter setzen. Aber sie konnte es nicht. Ihre Haare klebten am Boden. Lara berührte sie und erschrak. Diese Haare fühlten sich wie das Gras auf der endlosen Wiese an. Sie war mit dem Boden verwachsen. Die gleiche Verwandlung wie in Konrads Land setzte ein.
»Oma! Hilf mir!«, schrie sie.
Dorothea hatte noch immer die Augen geschlossen. »Sei doch nicht immer so dramatisch, Maja«, erklärte sie.
»Ich bin nicht Maja! Ich bin Lara! Und ich habe keine Haare mehr! Sieh mich endlich an!«, rief Lara panisch und versuchte, den Kopf vom Boden wegzureißen.
Aber die grünen Halme ließen sich nicht wie echtes Gras einfach zerreißen. Sie waren wie Gummi.
Sie spürte, wie das Gras Besitz von ihrem ganzen Körper ergriff. Die Flasche fiel ihr ein. Sie musste sie nur öffnen, und der Tropfen würde sie von hier fortbringen. Doch als Lara danach greifen wollte, waren ihre Finger ebenfalls zu Gras verwandelt. Hin und her flogen die Grashalme, wie von einem sanften Wind geblasen. Sie besaß keine Kontrolle mehr. Ihr fiel nichts Besseres ein, als in völliger Panik zu schreien.
»Hier steckst du«, stellte die Stimme des Auges kurz darauf fest.
Lara war so erleichtert, dass sie fast geweint hätte. Denn für einen kleinen Moment lang vergaß sie, welche Form das Auge derzeit angenommen hatte.
»Auge! Ich komme nicht an die Flasche ran. Du musst sie aus meiner Tasche beamen, oder was immer du mit deinem Blick machst, und dann müssen wir hier weg!«
»Ich habe erst noch eine Aufgabe
zu erfüllen.«
»Aber ich verwandle mich in das Gras!«, rief Lara.
»Das kommt davon, wenn du vor mir davonrennst.«
Da sah Lara die kleine Spinne auf und ab hüpfen. Sie war schon ganz nah. Sofort bekam sie wieder eine Gänsehaut und verspürte den Impuls, wegzulaufen. Was sich mit ihrem verwachsenen Kopf als recht schwierig erwies.
»Willst wieder abhauen, was?«, stellte das Auge missbilligend fest, während die Spinne auf den Flügel sprang und die acht Augen Lara nur im Vorbeihüpfen musterten.
Dorothea selbst schien davon gar nichts zu merken. Sie war vertieft in ein Klavierstück, das Lara entfernt an ein Weihnachtslied erinnerte.
»Du bist eine Spinne«, sagte Lara in einem Ton, der ihrer Meinung nach alles erklären musste.
»Ich bin der Spiegel des Inneren«, erwiderte das Auge würdevoll, und die Spinne hüpfte nun elegant auf dem schwarzen Flügel auf und ab, auf dem sie zu Laras Erleichterung so getarnt war, dass ihre Umrisse kaum noch zu erkennen waren.
»Der Spiegel des Inneren?« Gegen ihren Willen war Lara neugierig. Die Stimme, der ganze Ausdruck des Auges in ihrem Inneren hatte sich verändert. Es wirkte stolz. Stolz auf etwas, an das es sich offensichtlich erinnert hatte.
Der Blick der acht Augen der Spinne war längst in eine andere Richtung gewandert. Er konzentrierte sich auf Dorothea.
»Es ist so weit«, erklärte die Stimme.
»Was ist so weit?«, wollte Lara wissen
.
»Pst!«
Der Ton ließ sie verstummen. Auch wenn sie sich irgendwie ausgeschlossen fühlte.
»Es ist so weit!«, sagte die Spinne erneut zu Dorothea.
»Ich sehe nichts«, erklärte diese.
»Dann öffne dich«, erklärte das Auge in Form der Spinne und schien immer aufgeregter zu werden.
Dorothea öffnete blinzelnd ein Auge, wie um sich zu versichern, dass es sich lohnen würde, auch das zweite zu öffnen.
Grün schimmerte durch das halb geöffnete Lid, ein Grün, das Lara an die Farbe des Grases erinnerte, in das sie sich gerade verwandelte.
Nun, da Dorothea die hüpfende Spinne entdeckte, ging eine Veränderung mit der alten Dame vor. Die Schultern lockerten sich. Sie öffnete beide Augen. Das Spiel unter ihren Händen wurde langsamer.
»Bist du, was ich denke, das du bist?«
Die Spinnenaugen schienen regelrecht zu strahlen.
»Du bist wunderschön«, fand Dorothea, die nun beide Augen weit aufgerissen hatte.
Eine Feststellung, die Lara nur bedingt teilen konnte.
Erstaunt hörte sie, dass Dorothea nur noch einen tiefen Ton anschlug. Immer und immer wieder.
»Du kannst aufhören zu spielen«, erklärte das Auge.
Angst zeigte sich auf Dorotheas Gesicht. »Wenn ich aufhöre, dann falle ich«, erklärte sie verzweifelt.
Die Spinne hüpfte aufgeregt auf und ab.
»Jeder Fall endet irgendwo. Lass es darauf ankommen. Lass los!«
Doch Dorothea drückte weiter den einen, tiefen Ton. »Wenn ich loslasse, verliere ich sie.« Sie linste zu Lara und riss erstaunt die Augen auf. »Du bist nicht Maja!«, stellte sie erschrocken
fest.
»Sag ich doch die ganze Zeit.«
»Und was ist mit deinen Haaren? Die sind grün!«
»Die sind zu Gras geworden. Und bewegen kann ich mich auch nicht mehr.«
Dorothea warf ihrer Enkelin einen geringschätzigen Blick zu. Als wäre dieser Zustand allein dazu da, sie zu ärgern.
»Kannst du endlich damit aufhören, diesen Ton zu spielen? Das macht einen ja ganz wahnsinnig«, flehte Lara.
Tatsächlich nahm die Geschwindigkeit ab, mit der Dorothea den Ton drückte. Doch sie ließ Lara nicht aus den Augen.
»Du bist Majas Tochter.«
»Lara. Deine Enkelin.«
»Und was tust du hier?«
»Keine Ahnung«, murmelte Lara, die dabei zusah, wie sich ihr rechter Unterarm in dunkelgrünes Gras verwandelte.
»Sie wird eins mit der Umgebung«, sagte Dorothea erstaunt und leicht besorgt.
»Weshalb du loslassen musst«, drängte das Auge.
Lara blinzelte. Ihre Wimpern verwandelten sich in etwas Pflanzliches. Sie konnte kaum noch etwas erkennen.
»Aber was ist mit dem Berg? Dem dritten Tempel?«, hörte sie noch die Sorge ihrer Großmutter.
»Den brauchst du jetzt nicht mehr.«
Und dann hörte Dorothea endlich auf zu spielen.