Wie malt man einen Esel?
Das kleine Zimmer wurde nur vom Schein der Schreibtischlampe erleuchtet. Das Fenster zum Wald hin stand offen und das Rauschen in den Tannen war zu hören. Ein kühler Wind wehte herein und brachte das Papier auf dem Spieltisch durcheinander, der direkt neben dem kleinen Bett und dem alten Bauernschrank stand. Die Wände hingen voll mit bunten Zeichnungen. Landschaften, Strichmännchen und immer wieder ein Auge waren auf den Zeichnungen zu erkennen.
Styx lag auf dem Bett und hatte die Augen geschlossen. Ihr Schwanz zuckte im Schlaf. Ab und zu zitterten ihre Schnurrhaare.
Vor Müdigkeit konnte Mila kaum noch die Augen offen halten. Ihre Hand schwitzte unter dem Verband, der nicht mehr richtig hielt. Sie hatte sich Mühe gegeben, den Verband wieder so zu verschließen, wie Dr. Merbels es getan hatte, aber mit nur einer Hand war das ein kompliziertes Unterfangen.
Stunden hatten sie auf dem Polizeirevier verbracht. Wann immer sie dem Polizisten erklären wollte, wo Lara sich befand, hatte man sie ignoriert. Ihre Mutter hatte sie sogar angeschrien. Das war noch nie passiert. Mila war darüber so erschrocken, dass sie zu weinen begonnen hatte. Daraufhin hatte ihr Vater sie mit nach draußen genommen und ihr erklärt, dass Mila der Polizei keine Hilfe war und dass sie sich an die Fakten halten müssten. Immer wieder hatte sie mit der Hand vor seinen Augen herum gewedelt. Ein Blick durch Zwitscher – und er würde begreifen! Aber er
hatte nicht einmal richtig hingesehen. Schließlich war ihre Mutter zu ihnen gekommen und hatte ihnen gesagt, dass sie zu Cem gehen würde. Ihr Vater hingegen sollte Mila zu Dr. Merbels bringen.
Dr. Merbels war eine Psychologin. Extra für Kinder. In ihrer Praxis durfte Mila malen und Musik machen. Die dickliche Frau, die Mila lange beobachtet hatte, hatte ihrem Vater nach einer Stunde empfohlen, Milas Hand zu verbinden. Sodass sie nicht mehr mit Zwitscher reden konnte. Auf diese Weise sollte sie lernen, wieder aktiv an der realen Welt teilzunehmen.
Mila wusste nicht, wohin mit ihren Gefühlen. Sie schämte sich, da sie offenbar anders war als andere Kinder. Dabei fühlte sie sich gar nicht anders. Ihr den Kontakt zu Zwitscher zu verbieten, das war, als würde man sie auffordern, mit dem Atmen aufzuhören. Allerdings hatte ihre Mutter einen dermaßen verstörten Eindruck gemacht, als ihr Vater mit Mila und der verbundenen Zwitscher nach Hause gekommen war, dass Mila sie nicht weiter beunruhigen wollte. Sie behielt den Verband an und lugte erst darunter, als ihr Vater sie ins Bett gebracht hatte.
Sie hatte beschlossen, Laras Reise weiter zu verfolgen. Zum einen, weil sie es wahnsinnig aufregend fand. Zum anderen, weil sie darauf hoffte, dass irgendwann einmal jemand das sehen würde, was sie sehen konnte.
Vielleicht würde sie sich dann nicht mehr so unglaublich allein fühlen?
Nachdem sie sich einen Überblick über Laras Aufenthaltsort verschafft hatte, hatte sie zu ihrem Bleistift gegriffen und versucht, den Esel zu zeichnen. Aber es
war verzwickt, denn es gelang ihr einfach nicht, die Ohren so zu malen, wie sie aussahen. Und das sollten sie doch! Gingen die Ohren jetzt bis zum Hals oder endeten sie früher? Und wie lang war der Schwanz gewesen? Wie viele Treppen waren da herumgeflogen? Mila schloss die Augen und versuchte, sich das Bild erneut in Erinnerung zu rufen.
Und schlief prompt auf dem Spieltisch ein.
Kaum ging ihr Atem ruhig und regelmäßig, öffneten sich Styxʼ Augen. Die Katze hob den Hintern, streckte sich in einen Buckel und hopste leichtfüßig vom Bett. Einmal strich sie schnurrend um Milas Beine. Als das Mädchen nicht reagierte, fixierte die Katze den Schreibtisch, wackelte mit dem Hintern und sprang auf die Tischplatte. Sie schnüffelte an dem losen Verband um Milas Hand und begann, ihn mit dem Maul zu öffnen. Es war schwierig, den Verband unter Milas Hand hindurchzuziehen, ohne das Mädchen zu wecken. Doch Schicht für Schicht löste Styx den Verband, bis sie endlich Zwitscher unter dem letzten Rest entdeckte.
Zwitscher zwinkerte und brauchte eine Weile, um sich zu orientieren.
»Was ist das denn wieder für eine bescheuerte Idee?«, fragte Zwitscher ungehalten. »Ich war fast den ganzen Tag blind. Keine Ahnung, was das Mädel noch alles getrieben hat!«
»Mila trifft keine Schuld«, antwortete Styx. »Ihre Ärztin hat ihr den Kontakt zu dir untersagt.«
Zwitscher starrte Styx böse an. »Du weißt genau, dass das Mädchen ohne mich nicht sie selbst
ist.«
»Das weiß ich. Aber wichtiger ist, dass niemand sieht, was sie durch dich
sieht.« Styxʼ Schwanz zuckte dabei auf das neueste Gemälde.
Zwitscher lugte auf das Blatt Papier. »Was soll das sein?«, fragte sie kritisch.
»Der Esel.«
Zwitscher lachte auf. »Mach dir keine Sorgen. Mila malt so schlecht, kein Mensch kapiert, was wir gesehen haben.«
Styx legte sich auf das Papier und begann, es geduldig in kleine Stücke zu reißen.
»Also. Was wirst du tun?«, fragte Zwitscher.
»Ich tue gar nichts.«
»Von wegen. Ich habe gesehen, dass du dich eingemischt hast! Gegen die Regeln, wohlgemerkt. Du hast Lara gebissen. Und da du es schon einmal getan hast, kannst du es wieder tun. Hol sie zurück!«
»Das kann ich nicht«, erwiderte Styx und biss ein neues Stück von Milas Gemälde ab.
»Du willst
es nicht.«
»Ich kann nur wollen, was Lara will.«
»Du willst mir ernsthaft erzählen, dass Lara lieber dort ist als hier? In ihrer eigenen Welt? In ihrem eigenen Leben?«
»Sonst wäre sie nicht dort«, vermeldete Styx und biss genüsslich in das gemalte rechte Ohr des Esels.
»Wie lange soll das noch weitergehen?«
»Bis es weitergeht.«
Zwitscher verdrehte sich und betrachtete kritisch die dicke Katze. »Wann gibst du endlich zu, dass die Dinge außer Kontrolle geraten sind?
«
Schweigend kaute Styx weiter.
»Du hast keine Ahnung, was passieren wird. Du hast keine Ahnung, welche Konsequenzen das alles hat, richtig? Trotzdem sitzt du nur rum und zerstörst Milas Bilder. Was übrigens gegen ihren
Willen geschieht.«
»Mila weiß noch nicht, was sie will. Weil sie nicht weiß, wer sie ist. Und solange das der Fall ist, werde ich ihren tiefsten Wunsch erfüllen. Wie ich es immer tue.«
»Warum sagen wir ihr nicht endlich, wer sie ist? Das würde die Sache ziemlich vereinfachen.«
Styx zerriss das gemalte Hinterteil des Esels. »Es ist zu früh. Sie würde nicht begreifen.« Dann sprang sie vom Tisch auf das Fensterbrett und hinaus in die dunkle Nacht.