Das Rad
Lara folgte ihm in das Haus. »Bin ich wieder zurück? Hast du mich doch in mein Leben zurückgebracht?«, fragte sie hoffnungsvoll.
Er blieb stehen, um sich zu ihr umzudrehen. Auf seinem Gesicht zeigte sich Mitgefühl, das ihr ein mulmiges Brummen im Bauch bescherte.
»Lara, ich weiß nicht, warum du das Auge begleitest. Oder was dein Vater und Konrad mit diesem Programm angerichtet haben. Ich kann dir nicht sagen, ob dein Weg dich wieder zurück ins Leben bringen wird. Ich kann dich nur auf meinem Weg mitnehmen. Und dir zeigen, woher ich dich kenne.«
Er nahm sie an die Hand und zog sie in die Küche. Das Mühlrad folgte ihm weiterhin. Um den Küchentisch herum standen Jo und Karin. Aber sie waren nicht allein.
Ein Mädchen mit einem Kopftuch saß neben ihnen auf der Bank. Dicht neben einem großen Jungen mit viel zu langen Armen.
Ayse und Cem!
Lara entfuhr ein Schrei. Doch niemand reagierte auf sie. Sie rannte auf ihre Freundin zu. Doch als sie Ayse berühren wollte, glitt ihre Hand einfach so durch sie hindurch. Ayse zog fröstelnd ihre Jacke enger um sich.
Mit Gänsehaut wich Lara zurück. »Was ist hier los?«, fragte sie heiser.
Sie beobachtete, wie Jo eine Wunde hinter Ayses rechtem Ohr verarztete. Was war mit ihr geschehen? Er war gerade fertig damit, als Ayse sofort damit
begann, sich ein Kopftuch überzuziehen. Ihr Blick wanderte dabei zu Cem, der sie beobachtete. Lara erkannte, dass Cem wie ausgewechselt wirkte. Seine Augen glänzten, seine Wangen waren gerötet, er wirkte nervös und ... verliebt! So wie er Ayse anstarrte, hatten die Jungs in ihrer Klasse Ayse auch immer angesehen.
Lara beobachtete, wie sich Jos und Karins Münder bewegten. Ihre Tante und ihr Onkel wirkten aufgeregt. Fast schon wütend. Aber Lara konnte kein Wort verstehen. Das Gesagte drang nur als dumpfer Ton zu ihr durch.
»Wir können sie nicht hören. Genauso wenig wie sie uns. Aber mit der Zeit verstehst du sie trotzdem.«
Lara sah Luxus entgeistert an, der sich auf das Gespräch konzentrierte.
»Jo und Karin sind sauer, weil Ayse sich nicht bei ihnen gemeldet hat.«
Atemlos sah Lara zu Ayse. »Was macht sie hier?«
»Sie hat mit Cem gesprochen und entschieden, dass deine Tante erfahren soll, dass sie keine Ahnung hat, wo du bist.«
Lara konnte Ayse ihre Sorge am Gesicht ablesen. In diesem Moment standen Ayse und Cem auf. Mit traurigem Gesichtsausdruck kam ihre Freundin direkt auf Lara zu.
Sie hielt den Atem an. Lara konnte nicht glauben, dass ihre Ayse sie nicht sehen konnte. Doch anstatt stehen zu bleiben, ging Ayse einfach durch sie hindurch.
Lara fühlte sich einen Moment lang wie benommen, während Ayse und Cem das Haus verließen.
»Stopp! Warum sehen sie
mich nicht?«
»Wir sind nur so lange hier, wie sich das Rad dreht. Aber wir sind nicht körperlich da. Nur unser Bewusstsein macht die Reise zurück.«
Lara blickte kurz auf das Rad, das sich neben Luxus unbeirrt weiterdrehte.
»Heißt das, ich bin ein Geist?« Ihr wurde schlecht.
»So in etwa.« Luxus baute sich vor Lara auf. »Ich wusste vorhin nicht, ob ich dir diese Information geben soll. Aber da das Mühlrad uns hierher geführt hat, gehe ich davon aus, dass du es erfahren musst.« Er zögerte und sah sie voller Mitleid an.
Ein Blick, der Lara gar nicht gefiel.
»Jo und Karin waren gestern bei der Polizei. Sie haben eine Suchmeldung nach dir und Timo rausgegeben. Bis heute Morgen hat die Polizei nicht an ein Verbrechen geglaubt. Aber das hat sich jetzt geändert. Man hat die Leiche deines Vaters gefunden. Das ist die Information, die Ayse so durcheinandergebracht hat.«
Lara schwankte, und Luxus legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Er wird nicht mehr zurückkommen können, Lara. Seine Idee war genauso geistreich wie wahnsinnig. Er hat zu lange in einem Land verweilt. Jetzt hat er sein eigenes Land erschaffen. Ich wusste es schon, weil ... ich bei ihm war, als er starb.«
Ihr Vater. Tot. Lara hörte einen Schrei und erkannte erst Sekunden später, dass sie selbst es war, die schrie. Luxus wollte sie umarmen, aber sie schlug auf ihn ein. Und schrie einfach weiter. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Der Schmerz in ihrer Brust war
unermesslich. Die ganze Zeit über hatte sie die Hoffnung gehegt, dass sie gemeinsam ins Leben zurückkehren würden. Ihr Vater, Timo und sie. Diese Hoffnung hatte sich nun zerschlagen. Ihr Vater würde nicht mehr zurückkommen. Nie mehr. Die Endgültigkeit nahm Lara den Atem. Ihre Knie gaben nach. Sämtliche Kraft verließ ihren Körper oder das, womit sie hier unterwegs war. Luxus fing sie auf.
Lara weinte. »Er war bei meiner Mutter, richtig?«
Luxus nickte.
»Deshalb wusstest du, dass ich noch nicht tot bin.«
Erneutes Nicken. Dann sah er auf das Rad, das sich langsamer drehte. Offensichtlich war er in Eile.
»Ich weiß, dass das jetzt ein Schock ist. Aber es gibt eine gute Nachricht, Lara. Auf der Erde seid ihr seit zwei Wochen verschwunden. Aber man hat Timo und deinen Körper nicht gefunden. Ihr habt noch eine Chance. Du kannst Timo finden. Du kannst ihn retten. Du darfst jetzt nicht aufgeben!«
Aber wie sollte das funktionieren? Was konnte sie schon tun?
Ihr Vater war tot. Er konnte nicht zurück. Wenn er den Weg zurück nicht gefunden hatte, wer sollte ihn dann finden? Lara war allein. Ohne Eltern. Ohne jemanden, der ihr sagen konnte, was zu tun war. Und sie war verdammt nochmal nicht bereit dafür!
Sie nahm kaum wahr, dass Jo und Karin die Küche verließen und eine kleine Gestalt den Raum betrat. Es war Mila, die wie angewurzelt stehen blieb.
Sie sah sie an, hob die Hand und winkte. Lara erkannte erstaunt, dass Zwitscher verbunden war
.
»Sie kann mich sehen?«, flüsterte Lara und schluckte ihre Tränen hinunter.
»Sie hat die Gabe, ja.«
»Warum ist ihre Hand verbunden?«
»Schätze, das Kind hat etwas zu viel Fantasie für Jo und Karin.«
Lara beobachtete Mila genau. »Aber es ist keine Fantasie, richtig? Sie kann durch das Auge Dinge sehen?«
Luxus antwortete nicht, lächelte Mila aber wie eine alte Freundin an, was Lara in ihrer Vermutung bestätigte.
»Das Auge auf ihrer Hand ... Zwitscher kann mit dir kommunizieren?«
»Natürlich«, erwiderte er, als sei es das Normalste der Welt. »Und nicht nur mit mir. Mila kommuniziert durch ihr Auge mit den anderen Welten.«
»Was für andere Welten?«, fragte Lara leise.
»Sie will dir etwas mitteilen«, erwiderte er, ohne auf ihre Frage einzugehen.
Lara stand auf und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Milas Gesicht wurde für einen Moment ernst. Sie deutete auf Laras Augen und schüttelte den Kopf.
»Was? Was willst du mir sagen?«
»Sie will, dass du aufhörst zu weinen«, erklärte Luxus.
In diesem Augenblick wurde hinter Mila die nur halb geöffnete Gartentür aufgeschoben und ein dicker Körper auf vier Beinen zwängte sich hindurch.
Es war die hässlichste Katze, die Lara je gesehen hatte.
»Styx!«, rief sie überrascht. »Sie ist zurückgekommen! Zurück auf
die Erde!«
Luxus drehte sich zu dem Mühlrad um, das hinter ihm sehr träge und langsam geworden war.
»Wir müssen weiter«, erklärte er. »Wenn das Mühlrad aufhört, sich zu drehen, müssen wir weiter.«
»Nein! Noch nicht!« Lara sah zu Mila. »Wie hat Styx das gemacht?«, fragte sie verzweifelt.
»Wir bestimmen nicht das Tempo. Das Rad darf nicht stillstehen«, erklärte Luxus ernst. Dann gab er dem Rad einen Schwung, und es setzte sich in Bewegung.
»Aber wenn Styx zurückkommen konnte, dann können Timo und ich das auch! Und Papa hätte es auch gekonnt!«
Doch schon löste sich die Umgebung um sie herum auf.