Land Sechs
Steine
Das Auge war wütend. Es hatte vergessen, dass es so etwas wie Wut empfinden konnte. Aber jetzt war es wütend.
Diese törichte Zottel! Das Auge hatte sich an ihre Anwesenheit gewöhnt. Es hatte Spaß an den Auseinandersetzungen gehabt. Sie waren fast so etwas wie ein Team geworden. Und das, obwohl das Auge bisher immer allein gearbeitet hatte. Aber dann hatte Zottel das Auge in einen hohlen Stamm gesteckt. Eine unverzeihliche Tat. Das Auge hatte keine Ahnung, wo Zottel nun steckte. Aber es war ihm ganz recht, dass sie nicht mehr zusammen waren.
Während das Auge in der Dunkelheit ausharrte und ein weißes Licht auf sich zukommen sah, konnte es nur mit Mühe seine aufkommende Sorge unterdrücken. Zottel war allein. Kein Schimmer, der sie aus dem Land befreien konnte. War es recht gewesen, sie einfach gehen zu lassen?
Aber das Auge hatte keine Wahl gehabt. Es war dem Willen des Schimmers unterworfen. Und der Schimmer hatte immer recht. Auch wenn das Auge sich noch nicht daran erinnerte, woher der Schimmer kam. Was es Zottel gegenüber selbstverständlich nie eingestanden hätte. Und vor allem, wie es mehr davon erhalten würde. Denn die Flasche war so gut wie leer. Würde das Auge am Ende in irgendeinem Land stranden, wenn es sich nicht rechtzeitig erinnern konnte, wo die Quelle des Schimmers zu finden war
?
Vor dem Auge stellte sich das weiße Licht als Viereck dar. Von einem schwarzen Balken umrahmt.
Auf dem Bildschirm sah das Auge das graue Innere, das bereits im Raum der Bestimmung erschienen und für das Chaos verantwortlich gewesen war. Die Person, die Zottel Vater
nannte. Noch so jemand, der sich über die Regeln hinweggesetzt hatte. Das Auge beobachtete, wie der Graue weinte und trauerte. Er hatte einen herben Verlust erlitten. Er fühlte sich deswegen schuldig. Wenn er nur mehr darauf bestanden hätte, die Geliebte nicht aus dem Haus zu lassen. Wenn er sie nicht erpresst hätte, wäre das Schreckliche nie geschehen!
Das Auge betrachtete erstaunt, wie der Graue vor einem viereckigen Ding saß und jahrelang auf einem schmalen, viereckigen Teil davor herumhämmerte.
Dann erkannte das Auge Zottel wieder! Sie stand mit dem Grauen auf einem Platz, auf dem viele Steine standen und Erde aufgeschüttet worden war. Der Graue wirkte entsetzt. Er nahm den goldenen Ring an sich, der ihn im Raum der Bestimmung fortgebracht hatte.
Als Nächstes stand der Graue mit diesem viereckigen Ding in fließendem Wasser. Das Auge sah, wie ein grüner Strahl aus dem viereckigen Ding kam. Der Graue ließ das Teil ins Wasser fallen, und im nächsten Moment war er im Raum der Bestimmung.
Das Auge bäumte sich weit aufgerissen auf. Dies war keine Art, in den Raum der Bestimmung zu gelangen! Der Graue hatte die Regeln gebrochen. Er hatte den natürlichen Fluss der Dinge durchkreuzt. Nur das Innere war dazu bestimmt, weiterzureisen. Die Hülle blieb da, wo sie erschaffen worden war. Der Graue
hatte seine Hülle einfach mitgenommen. Kein Wunder, dass Zottel ständig gegen alle Regeln verstoßen wollte. Das hatte sie eindeutig von diesem Grauen!
Das Auge sah weiter dabei zu, wie er in dem Land des Waldes landete. Die Frau, die Zottel wieder zu einem Kind gemacht hatte, redete auf den Grauen ein, und dieser versuchte, aus dem Land herauszukommen. Er malte Zeichen und Zahlen auf den Waldboden. Fuhr sich immer wieder durchs Haar und wurde zusehends eins mit dem Land. Bis er schließlich sein eigenes Land erschuf.
Durch eben dieses Land schwebte das Auge nun. Nichts besaß eine Farbe. Nicht einmal der Himmel. Steine über Steine, in allen erdenklichen Formen. Das Auge hatte schon eine Menge gesehen. Aber so etwas Tristes war ihm noch nie untergekommen.
Auf seinem Flug grübelte es vor sich hin. Wenn der Graue es geschafft hatte, den natürlichen Lauf der Dinge zu überlisten, dann lag das alles in seiner Verantwortung. Wie auch immer Zottel in das Ganze hineingeraten war, ganz offensichtlich traf sie keine Schuld.
Das Auge spürte eine gewisse Erleichterung, denn irgendwie hatte es Zottel gern. Doch nach der Erleichterung kam die Sorge.
Dieses chaotische Wesen würde niemals den Weg zum Auge zurückfinden.