Sazan
Lara betrat die aus Sand gebaute Moschee. Das Innere des Gebäudes war nicht halb so majestätisch wie sein Äußeres. Es wurde von einzelnen Balken getragen, die jedoch auch wiederum nur aus Sand bestanden und kurz davor standen, auseinanderzufallen. Überall rieselte er herunter und bildete kleine Haufen.
Lara suchte den ganzen Raum ab. »Timo?« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Sie erhielt keine Antwort, auch wenn das Skateboard an ihrem Hals sich zaghaft regte.
Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich. Sie drehte sich um und sah gerade noch, wie eine Person auf sie zusprang, sie packte und mit Gewalt in einen kleinen, angrenzenden Raum zerrte.
Lara war viel zu überrumpelt, um sich zu wehren. Die Person drückte sie in den Sand. »Wer bist du?«
Lara sah in Sazans wunderschöne Augen. »Ich bin Lara. Eine Freundin von Timo.«
Sazan ließ sie los und starrte sie an. Dann eilte sie zur der Öffnung des kleinen Raums und blickte nervös nach draußen. Als würde sie nach möglichen Verfolgern Ausschau halten. Lara nutzte den Moment, um sich kurz umzusehen.
Da lag etwas neben ihr im Sand. Spraydosen. Die Dosen aus Timos Rucksack! Nun konnte sie auch seine Zeichen an den Wänden erkennen. Er hatte sein Tag hinterlassen. Das T neben dem fliegenden Adler. In allen Farben, die er hatte .
In einer Ecke des Raums entdeckte sie nun auch den Rucksack. Aber Sazans Laptop fehlte.
Genauso wie Timo.
»Was willst du hier?«
Sazan hatte sich zu ihr umgedreht und musterte sie. Sie war noch schöner als auf dem Foto. Die langen, schwarzen Haare umgaben ihren schlanken Körper wie ein Abendkleid. Die dunklen Augen leuchteten in einer Intensität, dass Lara sich wie hypnotisiert vorkam. Sie wagte nicht, zu sprechen, während Sazan langsam auf sie zukam.
»Ich will wissen, was du willst!«
»Ich suche Timo«, antwortete sie und beobachtete, wie sich bei seinem Namen eine gewisse Angst auf Sazans Gesicht zeigte. »Ich weiß, dass er hier ist.« Wie zum Beweis hob sie eine der Sprühdosen hoch und packte sie alle mit ruhigen Bewegungen nach und nach in den Rucksack. »Es ist meine Schuld, dass er hierhergekommen ist. Deshalb werde ich ihn auch wieder von hier fortbringen. Ich gehe nicht, ehe ich ihn gefunden habe.«
Sazan musterte Lara, bevor sie den Kopf nach hinten warf und schallend lachte. »Ich habe keine Angst vor dir! Vor niemandem! Ich habe meinem Vater gezeigt, dass ich mich nicht einsperren lasse! Nicht von ihm! Und schon gar nicht in Allahs Namen! Ich muss vor niemandem mehr Angst haben!« Hochmütig sah sie Lara an, die hoffte, mit ein wenig Bewunderung Sazans Vertrauen und damit Zeit zu gewinnen.
»Wie hast du das geschafft?«, fragte sie, während sie den Rucksack weiter packte. Wenn es ihr irgendwie gelang, Timo zu finden und von hier wegzukommen, dann musste sie alles mitnehmen.
Sazan fühlte sich offenbar geschmeichelt und entspannte sich ein wenig. »Die Zwangsehe ist eine Erfindung der Menschen. Aber mein Vater hat unseren Glauben benutzt, um mir seinen Willen aufzuzwingen. Alles, was ich gegen die geplante Hochzeit hätte tun können, wäre in seinen Augen eine Sünde gewesen. Aber ich hätte es dennoch getan. Timo war einfach nur zu feige!«
Lara sah die Wut in ihren Augen. Wie hatte sie nicht erkennen können, dass Timo aus den besten Gründen gehandelt hatte, als er sie nicht hatte entjungfern wollen?
Sazan fuhr fort: »Selbstmord gilt als größte Sünde bei den Muslimen. Der Eintritt in das Paradies wird einem verweigert, und man landet im ewigen Höllenfeuer. Ich war so wütend – nicht nur auf meinen Vater. Auch auf Allah, dass er meinem Vater die Macht gab, über mein Leben zu bestimmen. Ich wollte vor beiden fliehen. Als ich gesprungen bin, habe ich meinem Vater und Allah gezeigt, dass ich keine Angst vor ihnen habe.«
Lara staunte. Dieses Mädchen war vor den Zug gesprungen, um ihrem eigenen Gott ihren Mut zu demonstrieren. Lara war überrascht, als sie tiefes Mitgefühl für Sazan empfand. Genau wie ihre Mutter hatte sie einfach nur frei sein wollen.
Sazan lachte erneut schallend auf. »Und jetzt sieh dich um. Wenn das hier die Hölle ist, dann kann ich wunderbar damit leben. Erst war ich allein. Das war schnell langweilig. Aber dann kam Timo mir nach. Er kommt mir immer hinterher. Wie ein kleiner Hund. Wuff! Wuff!«
Der Moment des Mitgefühls war schlagartig vorbei, als Sazan Timos Zuneigung so spöttisch abtat.
»Wo ist er jetzt?« Ihre Frage klang feindseliger, als sie es geplant hatte.
Und schon war Sazan wieder auf der Hut. »Er ist gegangen«, sagte sie schlicht.
Lara spürte, dass Sazan log. Aber wo konnte Timo sein? Er war schon so lange hier, bestimmt hatte die Verwandlung bereits eingesetzt.
»Er hat sich in Sand verwandelt, richtig?«, fragte sie leise.
Sofort änderte sich Sazans Ausdruck. Sie wirkte traurig. Lara wusste, dass sie zu spät war. Sie sackte auf dem Boden zusammen. Es war ihre Schuld. Sie hatte sich zu lange in dem Land ihrer Mutter aufgehalten. Für Timo kam nun alle Hilfe zu spät. Bestimmt hatten sie seinen toten Körper auf der Erde längst gefunden.
Lara ließ sich gegen einen Sandhaufen fallen. Sie würde einfach darauf warten, dass es ihr genauso erging. Es gab ohnehin keine Chance mehr, aus diesem Land rauszukommen. Sie hatte keinen Schimmer mehr, das Auge war fort, und es gab keine Gegenstände, die sie in ein anderes Land hätten bringen können. Und selbst wenn sie einen Weg zurück in ihr Leben finden würde, wie sollte sie mit der Schuld leben, Timo nicht gerettet zu haben? Sie wäre besser bei ihrer Mutter geblieben.
Für einen Moment blitzte Ayses Bild in ihrem Inneren auf. Und die Sorge in ihrem Gesicht, als sie mit Cem bei Jo und Karin gewesen war. Aber selbst wenn Lara genug Willenskraft aufbringen würde ... Was sollte sie tun?