KAPITEL 2

Ernst Willimowski – der vergessene Wunderstürmer

Eigentlich war Reichstrainer Sepp Herberger nach Straßburg gekommen, um die Brasilianer als möglichen nächsten Gegner der deutschen Elf bei der Weltmeisterschaft 1938 unter die Lupe zu nehmen. Die WM begann mit den Achtelfinalen, die Brasilianer hatten gegen Polen zu spielen und waren die hohen Favoriten. Allerdings galten die Polen, die mit dem Zug angereist waren, keineswegs als schwach, sie hatten bei der Berliner Olympiade zwei Jahre zuvor immerhin das Halbfinale erreicht.

Von den Stars aus Rio de Janeiro und Sao Paulo hatte Herberger perfekte Ballbeherrschung erwartet; doch die große Überraschung für ihn und wohl die meisten der anderen 20.000 Zuschauer war der quirlige Rotschopf mit den Sommersprossen und Segelohren auf der halblinken Stürmerposition bei den Weiß-Roten. Ernst Willimowski versenkte den Ball viermal im Netz der Brasilianer – nie wieder gelang es einem Fußballer, vier Tore in einem Spiel gegen Brasilien zu erzielen. Es war auch das erste Mal, dass ein Spieler vier Tore in einer einzigen WM-Partie erzielte.

Die beiden offensiv eingestellten Mannschaften lieferten sich einen temperamentvollen und dramatischen Schlagabtausch, der in die Reihe der ganz großen WM-Partien gehört: Die „schwarze Perle“ Leônidas da Silva schoss das erste Tor, die Polen glichen durch einen vom Posener Friedrich Scherfke verwandelten Elfmeter aus, den Willimowski bei einem seiner Dribblings im gegnerischen Strafraum erzwungen hatte. Dann zogen die Brasilianer auf 3:1 davon. Dies war auch der Pausenstand.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit gingen heftige Regenschauer über dem Straßburger Meinau-Stadion nieder. Bald lösten sich die gegen das Rutschen aufgeklebten Lederstreifen unter den Schuhen der Brasilianer ab. Leônidas entledigte sich wütend seines Schuhwerks und wollte barfuß spielen, aber das ließ der Schiedsrichter nicht zu.1 Dagegen kam der leichte und wendige Willimowski bestens mit dem rutschigen Boden zurecht. Mit einem Doppelschlag schaffte er den Gleichstand und rettete die Polen mit dem 4:4 kurz vor dem Schlusspfiff in die Verlängerung, nachdem die Brasilianer zwischenzeitlich wieder in Führung gegangen waren. Der Regen hatte längst aufgehört, als in der Verlängerung die großen Momente des Zauberers Leônidas kamen. Mit zwei weiteren Toren brachte er die Brasilianer auf die Siegerstraße. Willimowskis 5:6 in der vorletzten Minute der Verlängerung änderte daran nichts mehr.

Herberger verhehlte nicht, dass er von Willimowski tief beeindruckt war. Vermutlich konnte er sich damals auf der Straßburger Tribüne nicht vorstellen, dass der trickreiche Rothaarige schon drei Jahre später unter seiner Anleitung im DFB-Trikot mit dem schwarzen Adler und dem Hakenkreuz auftreten und einer seiner Lieblingsspieler sein würde.

Zunächst aber war er noch der unangefochtene Star der Weiß-Roten. Die Polen waren zwar nach nur einem Spiel ausgeschieden, doch über ihren vierfachen Torschützen und Dribbelkünstler aus Kattowitz berichtete nun die gesamte internationale Sportpresse. Und die Manager der Profivereine umlagerten ihn. Jedenfalls berichtete Willimowski später, am Tag nach dem Spiel sei er gemeinsam mit dem Läufer Wilhelm Gora, der für Cracovia Krakau spielte, aber ebenfalls aus Oberschlesien stammte, vom Präsidenten eines französischen Clubs in ein Kabarett eingeladen und exzellent bewirtet worden. Er habe bereits stark angeheitert einen Vertrag unterschrieben. Doch am nächsten Morgen habe er sich nicht daran erinnern können und sei sich mit einem Clubpräsidenten aus Brasilien einig geworden, in dessen Mannschaft zu spielen. Doch die Vertreter des polnischen Fußballverbandes hätten ihn aufgebracht zur Ordnung gerufen und bis zur Abreise nicht mehr aus den Augen gelassen.2

Auch Herberger musste wenig später die Heimreise antreten: Die Elf um den Schalker Mannschaftskapitän Fritz Szepan war überraschend gegen die Schweiz ausgeschieden. Im Reich war man enttäuscht, man hatte von der Nationalmannschaft, in der nach dem „Anschluss Österreichs“ auch die Wiener Stars spielten, mehr erwartet.

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Länderspiel 1938 in Chemnitz: Teodor Peterek erzielt das 1:1. Trotz eines gut aufgelegten Ernst Willimowski (rechts) gingen die Weiß-Roten aber 1:4 unter.

Dagegen wurden Willimowski und die anderen „Weißen Adler“ nach der Rückkehr aus Straßburg trotz der Niederlage gegen die Brasilianer gefeiert. Denn sie hatten sich tapfer geschlagen. Der gerade erst 22 Jahre alte Willimowski war damals schon ein Star, der die Massen in den Stadien begeisterte. Der spätere Erfolgstrainer Kazimierz Górski schilderte, wie er Willimowski das erste Mal in seiner im damaligen Ostpolen liegenden Heimatstadt Lemberg (Lwów) sah: „Von einem Baum im Stadion beobachtete ich seine Kunststückchen. Ich bin sogar einen Ast hochgeklettert, um noch besser sehen zu können. Er war unglaublich, er schaffte es, gleich mehrere Gegenspieler auszudribbeln, brachte den Torwart dazu, sich ins Leere zu werfen, und wartete dann vor der Torlinie, bis sich alle aufgerappelt hatten, um dann ins Netz zu schießen. Er hatte dabei ein schelmisches Lächeln im Gesicht.“3 Górski fuhr als Jugendlicher sogar viele Stunden mit dem Zug von Lemberg ins 400 Kilometer entfernte Kattowitz, um Willimowski spielen zu sehen. Er konnte dann eine ganze Woche lang davon seinen Schulkameraden erzählen.4

Willimowski wurde 1916 geboren, sein Vater ist im selben Jahr im Krieg gefallen. Er hieß nach der Mutter zunächst Ernst Prandella. Die Mutter war „deutsch eingestellt“, wie Bekannte es nannten. Sie legte auf Disziplin und Ordnung großen Wert, er war ihr einziges Kind. Sie sprach mit ihm Deutsch und schickte ihn auch zunächst auf eine deutsche Volksschule. Als er neun Jahre alt war, schrieb sie ihn in den Fußballverein der deutschen Minderheit ein, den 1. FC Kattowitz.

Wenig später heiratete die Mutter, der Ehemann adoptierte den Sohn, der fortan den Familiennamen des Stiefvaters trug. Dieser fühlte sich nach Angaben der Familie als polnischer Patriot.5 Schon als Kind muss Willimowski gut Polnisch gesprochen haben, denn er besuchte später für vier Jahre ein polnisches katholisches Gymnasium. Dann ging er ab, um eine Kaufmannslehre zu beginnen. Sein Familienname wurde von den polnischen Behörden nur mit einem L geschrieben, denn das Polnische kennt keine Doppelkonsonanten. Dafür wurde in den Vornamen ein E eingefügt, so dass er nun Ernest hieß.

Nicht nur beim Training im Club, sondern in jeder freien Minute rannte er dem runden Leder hinterher. Er spielte mit den anderen Kindern aus seinem Viertel, die gemeinsame Sprache war dabei meist der oberschlesische Dialekt. Allein übte Ernst Willimowski in seinem Hinterhof stundenlang Dribbeltricks und Ballannahme. Bald war die Jugendmannschaft des 1. FC Kattowitz mit ihm so gut wie unschlagbar, in nahezu jedem Spiel schoss er mehrere Tore. Er hatte keinen kräftigen Schuss, daher versuchte er, durch Dribblings so nahe wie möglich an das gegnerische Tor zu kommen.

Gerade 17 Jahre alt, spielte er 1933 das erste Mal in der ersten Mannschaft des 1. FC Kattowitz, der allerdings nur noch zweitklassig war. Seine älteren Mitspieler rieten ihm bald, den Verein zu wechseln. Im Trikot des 1. FC könne er im polnischen Teil Oberschlesiens keine Karriere machen. Sie erzählten ihm von dem Skandalspiel von 1927, als nach ihrer Meinung die Kattowitzer durch Manipulationen des Schiedsrichters um den Titel gebracht wurden. Einer von ihnen berichtete später: „Offiziell war dies ein deutscher Klub, also wurden wir oft durch die Behörden oder die Schiedsrichter schikaniert. Es war beispielsweise bekannt, dass nach irgendwelchen Rempeleien auf dem Platz unsere Spieler disqualifiziert wurden, die der Gegner dagegen eher nicht.“6

Willimowski, von seinen Kameraden „Ezi“ gerufen, war wegen seines Torinstinkts und seiner taktischen Spielübersicht zu diesem Zeitpunkt längst den Spähern des Ligaclubs Ruch aus der Nachbargemeinde Wielkie Hajduki, die zur deutschen Zeit Bismarckhütte hieß, aufgefallen. Ruch war gerade zum ersten Mal polnischer Meister geworden (1933), die Vereinsführung wollte aber den Sturm weiter verstärken und zahlte dem 1. FC Kattowitz 1.000 Zloty für Willimowski, das Jahresgehalt eines Briefträgers, wie es damals hieß.

Willimowskis Weggang wurde sehr bedauert, nicht nur aus sportlichen Gründen. Denn er bedeutete auch einen Wechsel zur anderen Seite. Ruch Wielkie Hajduki war nämlich der Club der Schlesischen Aufständischen, die sich noch ein Dutzend Jahre zuvor erbitterte Kämpfe mit dem deutschen Militär und dann deutschen Freikorps geliefert hatten. Ruch (deutsch: Bewegung) wurde während der Volkstumskämpfe 1920 von Oberschlesiern gegründet, die für den Anschluss der Region an Polen eintraten. Viele Spieler der Gründergeneration nahmen mit der Waffe in der Hand an den Kämpfen teil, einige fielen. Es war kein Zufall, dass das allererste Spiel von Ruch am 3. Mai stattfand, dem polnischen Nationalfeiertag. Angesichts seiner Geschichte war dem Club die Förderung durch den Woiwoden Michał Graimageyimageski sicher, dieser war ja selbst einer der Führer der bewaffneten Erhebungen gegen die Deutschen gewesen.

Willimowski hielt sich vorsichtig aus allen Debatten über deutschpolnische Spannungen heraus. Er sagte immer wieder: „Ich bin Oberschlesier und will Fußball spielen.“ Der ebenfalls aus Kattowitz stammende 22-fache Nationalspieler Ewald Dytko, einer der Teilnehmer des legendären Brasilien-Spiels von Straßburg, sagte über ihn: „Er mied das Thema Politik und wich lästigen Fragen nach seinem Privatleben aus. Niemals hat er die Deutschen öffentlich gelobt. Selbstverständlich hat er auch nie eine ablehnende Haltung gegenüber Polen an den Tag gelegt, wir waren wirklich gute Kameraden. (…) Doch denke ich, dass er sich selbst als Deutscher gefühlt hat.“7 Als die Krakauer Presse, die gegenüber allen Oberschlesiern misstrauisch war, gleichgültig zu welcher Nation sie sich bekannten, einmal schrieb, Willimowski sei Deutscher, beeilte sich der Vorstand von Ruch zu erklären: „Er ist Pole mit Haut und Haaren!“8

Die drei schlesischen Könige

Doch letztlich war diese Frage für ihn offenbar zweitrangig. Vor allen anderen Dingen wollte er kicken. Bei seinem neuen Verein schlug er sofort ein: Auf Anhieb wurde er Torschützenkönig der Liga mit einem Durchschnitt von 1,5 Treffern pro Spiel. Eryk Tatuimage, der Ruch-Torwart, schilderte seine Spielweise: „Er hatte alles andere als einen Bombenschuss, deshalb versuchte er keine Fernschüsse, und er köpfte sehr selten. Aber er schaffte es, die halbe Mannschaft des Gegners hereinzulegen und dann ins leere Tor zu schießen. Er genoss es, Tore zu schießen, und manchmal lachte er dem Torwart höhnisch ins Gesicht, was diesen zur Weißglut brachte und gelegentlich zu Krawall auf dem Spielfeld führte.“9

Ruch konnte auch dank seiner Tore den Meistertitel verteidigen. Nach Abschluss der Saison fuhr der oberschlesische Club zu zwei Gastspielen nach Süddeutschland und ließ die deutschen Fußballexperten aufmerken. In München schaffte die Elf aus dem oberschlesischen Kohlenpott das, was seitdem nie mehr einer polnischen Mannschaft gelang: Sie besiegte den FC Bayern, der erst zwei Jahre zuvor erstmals Deutscher Meister geworden war, auf dessen eigenem Platz. 0:1 hieß am Schluss das Ergebnis. Dass dieser Sieg keine Eintagsfliege war, stellten die Oberschlesier drei Tage später in Stuttgart unter Beweis. Sie gewannen gegen den VfB, der in dieser Zeit wiederholt württembergischer Meister war, mit 5:4. Willimowski schoss dabei drei Tore, der Linksaußen Gerard Wodarz steuerte zwei Treffer bei. Diese beiden Siege bei

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Die „drei Könige“ Wodarz, Willimowski und Peterek (von links) in der Pause des Freundschaftsspiels gegen Fortuna Düsseldorf 1935. Der Deutsche Meister von 1933 mit seinen WM-Stars Janes und Kobierski kam beim polnischen Meister unerwartet mit 1:5 unter die Räder.

den Deutschen fanden ein so starkes Echo an der Weichsel, dass das Außenministerium den Club wegen seiner „besonders guten Ergebnisse in der internationalen Arena“ mit einem Orden auszeichnete.

Mit dem pfeilschnellen Wodarz und dem kopfballstarken Mittelstürmer Teodor Peterek bildete der trickreiche Willimowski den schlagkräftigsten Sturm in der Geschichte der polnischen Liga. Der 1,82 Meter große Peterek galt nicht nur als durchsetzungsstark, sondern auch als extrem ehrgeizig. Als einmal der gegnerische Torwart einen von ihm geschossenen Elfmeter hielt, warf er ihm eine Handvoll Erde vom Spielfeld ins Gesicht.

1934, 1935, 1936 und 1938 wurde Ruch mit den „drei Königen“, wie die Fans diesen Sturm nannten, polnischer Meister. In seinen fünf Jahren bei Ruch brachte es Willimowski bei 88 Einsätzen auf 112 Tore. Er hatte damit eine deutlich bessere Quote als Peterek, der in zwölf Jahren 188 Ligaspiele für Ruch bestritt und dabei 153-mal traf.

Willimowsi war nach nur fünf Ligaspielen, bei denen er sieben Treffer erzielte, von Nationaltrainer Józef Kałuimagea 1934 zu seinem ersten Länderspiel gegen Dänemark in Kopenhagen eingeladen worden. Es war einen Monat vor seinem 18. Geburtstag. Willimowski fand nicht zu seinem Spiel, Polen verlor glatt 2:4. Zwei Tage später endete eine Partie gegen Schweden mit dem selben Ergebnis. Doch gelang dabei Willimowski sein erstes Länderspieltor. Bei der Rückkehr mit der Fähre und dann dem Zug hatte die Mannschaft ein paar Stunden Aufenthalt auf einem der Berliner Bahnhöfe. Willimowski sah zum ersten Mal die Reichshauptstadt: „Wir tricksen, wie wir uns von der Gruppe absetzen können. Einer muss auf das Gepäck aufpassen, es trifft den Ersatztorwart. (…) Wir eilen in die Stadt, und dort war Kneipe neben Kneipe, gleich daneben ein Kabarett und verschiedene kleine Theater.“10

Am 9. September 1934 lief der Zögling des 1. FC Kattowitz, des Vereins der deutschen Minderheit, im Warschauer Armeestadion erstmals gegen die deutsche Nationalmannschaft auf. Die Partie galt in beiden Ländern als erstrangiges Sportereignis. Die Reichsbahn setzte Sonderzüge aus Bayern, Sachsen und Ostpreußen nach Warschau ein. Nach dem Einlauf der beiden Mannschaften spielte eine polnische Polizeikapelle das Horst-Wessel-Lied, die Gäste hoben anschließend den Arm zum Hitler-Gruß. Danach sang das ganze Stadion die polnische Nationalhymne.

Willimowski spielte ohne Respekt vor den deutschen Stars und glich die deutsche Führung zum 1:1 aus. Der „Kuryer Sportowy“ schilderte das Tor: „Wodarz schießt beim Dribbling einen Gegner an, bekommt den Ball zurück und passt zu Willimowski, läuft aber unnötigerweise dem Ball zur Mitte nach. Für einen Wimpernschlag stehen beide unschlüssig am Ball, dann schießt Willimowski unvermutet, trifft aber nur den Pfosten. Der Ball springt auf den Rücken des herausgelaufenen Torwarts Buchloh und fällt von dort ins Tor.“11 Der Spielbeobachter des „Kickers“ schrieb zum selben Tor: „Wodarz geht auf einfache Art zweimal an Janes vorbei. (…) Einmal wird ihm der Ball durch die Beine geschoben, und als der Düsseldorfer den polnischen Linksaußen wieder erreicht hat, schiebt dieser den Ball an ihm vorbei und läuft um Janes herum. Willimowski steht zur Aufnahme des Balles bereit, ein Gedränge entsteht am deutschen Tor, und irgendeiner der Polen schießt an den rechten Pfosten. Buchloh hat sich nach dem Ball geworfen, aber das tückische Leder springt über seinen Rücken und kollert von da ins Tor.“12

Skandal um Alkohol

Obwohl die Polen letztlich 2:5 untergingen, bekam Willimowski vom „Kicker“ gute Noten: „Der 17-jährige Oberschlesier in der polnischen Stürmerreihe fällt wiederholt durch sein intelligentes Abspiel auf. Dieser Junge ist wiederum ein Klassespieler. Selbstbewusst, schnell, mit dem richtigen Blick und dem bewundernswerten Talent des guten Fußballspielers versehen. Er dribbelt hervorragend und geschickt, er ist der Kopf des polnischen Angriffs.“13

Willimowskis Tor bedeutete für die späteren Statistiken, dass er der einzige Spieler ist, der gegen die Deutschen traf und später selbst für sie Tore schoss. Das ganze folgende Jahr kam er allerdings nicht in der polnischen Nationalmannschaft zum Einsatz. Trainer war mittlerweile der Deutsche Kurt Otto geworden, ein Freund und ehemaliger Vereinskamerad Herbergers (beide spielten zeitgleich bei TB Berlin). Otto hatte zuletzt den FC Schalke 04 trainiert. Dass ein Deutscher den Posten in Warschau übernahm, wäre ein paar Jahre zuvor noch unvorstellbar gewesen. Doch 1934 hatten beide Regierungen einen Nichtangriffspakt geschlossen und auch einen Kulturaustausch sowie regelmäßige Sportkontakte beschlossen. Otto hatte eine klare Vorstellung vom Spielaufbau und von der Disziplin seiner Spieler, der eigenwillige und eigensinnige Willimowski passte nicht in sein Konzept; auch war dieser längere Zeit erkrankt.

Die Offiziellen des PZPN stießen sich ebenfalls an Willimowski, ihm wurde ein unsolider Lebenswandel vorgeworfen. In der Tat berichteten seine Mannschaftskollegen, dass er ständig Frauengeschichten habe, vor allem aber, dass er gern einen Schnaps trinke. So passierte das Unvermeidliche: Im Frühjahr 1936 verlor Ruch ein Freundschaftsspiel gegen Cracovia Krakau mit 0:9. Der Grund, so ging es jedenfalls durch die Presse: Willimowski und einige seiner Clubkameraden hätten bis kurz vor dem Spiel in einem Kattowitzer Restaurant gebechert. Er wurde gesperrt. Allerdings kursierte schon damals auch die Version, der eigentliche Grund für seine Sperre habe darin gelegen, dass er verbotenerweise von seinem Verein Geld für seine Einsätze bekommen habe. Jedenfalls durfte er nicht zur Olympiade nach Berlin fahren.14 Nach einer anderen Version war allerdings eine Verletzung der Grund dafür, warum er nicht nach Berlin mitfuhr.15

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Eröffnung der „Großkampfbahn Chemnitz“ mit den Weißen Adlern.

Doch zwei Jahre später machte Willimowski im einzigen Spiel der Polen bei der Weltmeisterschaft in Frankreich Furore. So waren das deutsche Publikum und auch Her berger gespannt, als die Polen im September 1938 ein Vierteljahr nach dem WM-Spiel gegen Brasilien zur Eröffnung der neuen „Großkampfbahn“ nach Chemnitz kamen. Im Programmheft für das Spiel hieß es: „Polnische Fußballkunst ist nicht erst seit gestern sehr geschätzt und sehr geachtet. Die Nationalelf hat schon feine Erfolge errungen, und in aller Erinnerung ist noch der großartige Widerstand, den sie bei der Vorrunde der diesjährigen Weltmeisterschaft gegen Brasilien leistete. Einige der Spieler gehören mit zu der ersten internationalen Klasse.“16 Der Chemnitzer Oberbürgermeister und SA-Oberführer Walter Schmidt, der wenig später anordnete, Sympathisanten von Juden auf einem „Judenpranger“ genannten amtlichen Aushang aufzuführen, lobte in seiner Rede die große polnisch-sächsische Vergangenheit.

Doch vor 60.000 Zuschauern gingen die Weiß-Roten ein weiteres Mal unter, dieses Mal mit 1:4, den einzigen polnischen Treffer erzielte der lange Peterek. Willimowski zeigte in mehreren Spielszenen sein Können, so dass der Berichterstatter des „Kickers“ festhielt: „Willimowski, der beste polnische Stürmer. Ja, der Halblinke kann wirklich sehr viel. Ein ausgezeichneter Techniker mit klarer Übersicht, aber ohne die notwendige Kraft, um sich durchsetzen zu können.“17

Es nützte den polnischen Stürmern, die alle aus Oberschlesien kamen, nichts, dass sie verstanden, was sich die deutschen Spieler zuriefen. Allerdings hatten sich die Oberschlesier ihrerseits ebenfalls deutsche Zurufe angewöhnt. Willimowski berichtete: „Die deutschen Nationalspieler wunderten sich, dass sich der polnische Sturm auch auf Deutsch verständigte.“18

In Chemnitz traf er zum ersten Mal mit einem Spieler auf der anderen Seite zusammen, mit dem er drei Jahre später um die Position auf Halblinks in der deutschen Nationalmannschaft konkurrieren sollte: Helmut Schön vom Dresdner SC, der eines der vier deutschen Tore erzielte. Obwohl Willimowski in Chemnitz nicht traf, hatte er seinen Platz bei den Weißen Adlern sicher. Er fehlte bis auf eine Ausnahme in keinem der nächsten Spiele und schoss wieder seine Tore. Insgesamt wurden es 22 im Trikot der polnischen Nationalmannschaft, bei 21 Einsätzen. Diese Trefferquote ist bis heute in Polen nicht überboten worden.

Eines seiner besten Spiele machte er am 27. August 1939 im Warschauer Armeestadion gegen Ungarn, die im Jahr zuvor Vizeweltmeister geworden waren. In Polen wurde mit Krieg gerechnet, die Einberufungsbescheide waren längst verschickt, ein Teil der Reservisten war bereits auf dem Weg in die Kasernen. Es herrschte Kriegsstimmung, in einigen Kommentaren der Warschauer Tageszeitungen hieß es, in acht Wochen würden die Polen in Berlin sein. Doch trotz dieser auch von Politikern verkündeten Siegesgewissheit wurden in den Vororten der polnischen Hauptstadt Schützengräben ausgehoben. Unter den Zuschauern im Armeestadion saßen Tausende von Uniformierten, viele hatten Taschen mit Gasmasken umhängen. Die Deutschen blockierten die Kabel für die Radioübertragung nach Ungarn, die über das bereits besetzte Prag führten.

Das Spiel begann schlecht für die Polen: Nach einer guten halben Stunde lagen die Gastgeber mit 0:2 hinten. Doch dann kam die große Dreiviertelstunde des Ernst Willimowski, und es hieß 4:2. Dreimal dribbelte er sich durch die ungarische Abwehr und verlud den Torwart, das vierte Tor war das Resultat eines Elfmeters, nachdem er im Strafraum gelegt worden war. Unmittelbar nach dem Spiel rief er einem Journalisten zu: „Schreiben Sie wörtlich: Ernst Willimowski grüßt all diejenigen in Oberschlesien, die mit großer Hartnäckigkeit aus ihm einen Alkoholiker machen wollen! Willimowski zeigt ihnen nun, wie man Fußball spielt.“19

Die 25.000 im Stadion jubelten – ihre Mannschaft hatte den Vizeweltmeister klar besiegt. Für einen Moment vergaßen sie die Sorgen um den drohenden Krieg. Ernst Willimowski heiratete ausgerechnet in diesen Tagen. Doch die Ehe zerbrach bald, angeblich, weil er nicht von seinen Frauengeschichten lassen konnte.20 Nach dem deutschen Einmarsch versteckte er sich, vermutlich mehrere Wochen lang. Der ebenfalls aus Kattowitz stammende polnische Nationalspieler Paweł Lubina berichtete Jahre später, Willimowski habe den NSDAP-Kreisleiter Georg Joschke gefürchtet. Dieser habe ihm übel genommen, dass er den 1. FC Kattowitz verlassen habe, um für den „Polenverein“ Ruch auf Torejagd zu gehen.

Rotes P und goldenes D

Den Worten Lubinas zufolge hat Joschke gedroht, Willimowski mit einem P herumlaufen zu lassen – einen Aufnäher mit einem roten P auf gelbem Grund mussten zunächst alle Einwohner der wieder an das Reich angeschlossenen Gebiete tragen, die nicht den deutschen Personalausweis unterschreiben und mit ihrem Fingerabdruck versehen wollten. Lubina aber habe Joschke gesagt: „Ihr werdet ihn noch darum bitten, dass er in euren Vereinen spielt. Ihr werdet sehen, wenn er nach Deutschland geht, wird er in der Nationalmannschaft spielen, und Sie selbst werden ihm ein goldenes D an die Kleidung nähen.“21

Ob die Befürchtungen Willimowskis wegen Joschke begründet waren, ist nicht bekannt. Jedenfalls trat er im Spätherbst 1939 wieder bei den Spielen des neugegründeten 1. FC Kattowitz an. Doch blieb er nur wenige Wochen. Zwar schoss er wieder Tore für den 1. FC Kattowitz wie sechs Jahre zuvor, trotzdem verließ er den Club im Februar 1940. Sein Abschied war unschön: Bei seinem letzten Spiel im Kattowitzer Schwarz-Weiß wurde er wegen eines Fouls vom Platz gestellt. Er wusste zu dem Zeitpunkt bereits, dass er zum Polizeisportverein Chemnitz, einem der stärksten sächsischen Clubs, wechseln würde.

Willimowski verabschiedete sich nicht nur von seinen Mitspielern im 1. FC, sondern auch von seinen Freunden in seinem letzten Club, der ein paar Monate vor Kriegsbeginn seinen Namen in Ruch Chorzów geändert hatte. Nach dem Wiederanschluss Ostoberschlesiens an das Deutsche Reich war auch er germanisiert worden und hieß nun Bismarckhütter BC, wie einer der beiden Clubs, aus dem er ursprünglich hervorgegangen war. Der frühere Ruch-Stürmer Paul Buchwald, Onkel des späteren deutschen Nationalspielers Guido Buchwald, erzählte, Willimowski habe sich tief bewegt von jedem einzelnen verabschiedet und die Hoffnung ausgedrückt, dass sich alle wiedersehen.22

Willimowski hat nach Meinung von einigen seiner ehemaligen Clubkameraden das Angebot aus Chemnitz angenommen, um sich einerseits den Repressionen Joschkes zu entziehen, andererseits um nicht zur Wehrmacht eingezogen zu werden. Denn beim PSV war er formal der Polizei unterstellt. Jedenfalls schoss er auch bei seinem neuen Club Tore wie am Fließband.

Im Februar 1941 wurde er in die sächsische Auswahl berufen, im Sturm stand neben ihm Helmut Schön, sein späterer Rivale. Die Auswahlmannschaft fuhr mit dem Zug in Willimowskis Heimatstadt Kattowitz, um gegen die Elf Oberschlesiens zu spielen. In deren Reihen standen die beiden Stürmer Teodor Peterek und Gerard Wodarz, die mit Willimowski zusammen bei Ruch als die „drei Könige“ gefeiert worden waren. Die Sachsen behielten mit 5:3 die Oberhand, Willimowski steuerte zum Sieg gegen seine Oberschlesier drei Tore bei.

Nun meldete sich Sepp Herberger bei ihm und lud ihn zu einem Lehrgang ein. Doch Willimowski quälte in dieser Zeit ein großes Problem, er stand große Ängste aus: Seine Mutter Pauline, zu der er ein sehr inniges Verhältnis hatte, war ein halbes Jahr zuvor von der Gestapo verhaftet und in das Arbeitslager Auschwitz gebracht worden. Sie hatte dabei Glück im Unglück, denn sie wurde in der Schreibstube eingesetzt.23 Die genauen Hintergründe sind bis heute nicht bekannt. Polnische Sporthistoriker vermuten, der Grund sei „Rassenschande“ gewesen.24 Denn ihr damaliger Lebensgefährte war ein Jude. Auch die Nachkommen Willimowskis neigen zu dieser Erklärung.25

Offenbar dank der Bemühungen des berühmten Jagdfliegers Hermann Graf, dessen Steckenpferd eine Soldatenmannschaft war und der dafür auch Willimowski gewinnen wollte, kam seine Mutter frei. Nach dem Krieg bekam sie nach Mitteilung der Familie eine Entschädigung für die Internierung in Auschwitz.26

Ihr Sohn gab im Juni 1941 sein Debüt im Trikot mit dem schwarzen Adler und dem Hakenkreuz in Bukarest. Gegen die Rumänen traf er schon in der 3. Minute und schoss noch ein weiteres Tor zum 4:1-Sieg. Diese beiden Treffer machten ihn in der Elf Herbergers zum Stammspieler auf halblinks, wo bislang Helmut Schön in 17 Länderspielen, in denen er 16 Tore erzielt hatte, gestürmt hatte. Der Aufstieg Willimowski bedeutete das Ende der Karriere des späteren Bundestrainers als Nationalspieler.

Willimowski fügte sich schnell in den Kader Herbergers ein. Der damals 20 Jahre alte Fritz Walter schilderte in seinen Memoiren den Oberschlesier als den Spaßmacher der Nationalmannschaft, der seinen Kameraden gern Streiche spielte, aber dennoch allgemein beliebt war. Auch Herberger übte Nachsicht mit ihm, wenn er über die Stränge schlug. Als einmal die anderen Spieler während der Pause bei einer Trainingsfahrt mit Fahrrädern bei Willimowski die Luft herausließen, griff sich dieser einfach den Drahtesel Herbergers. Der Trainer musste den langen Weg zurück mit Willimowskis plattgesetztem Rad zu Fuß zurücklegen.

Als der Düsseldorfer Verteidiger Paul Janes zu einem Lehrgang in Marineuniform kam, stieß Willimowski ihn aus Spaß ins Schwimmbecken, weil die Marine ja ins Wasser gehöre. Doch Janes rief um Hilfe, er konnte nicht schwimmen und musste aus dem Becken geholt werden. Willimowski erinnerte sich später: „Im Kreis der Nationalmannschaft war immer etwas los, es gab Spaß noch und noch. (…) Wir haben ohne Reue auf die Pauke gehauen – und die Sau rausgelassen.“ Herberger habe Spaß verstanden.27

Fritz Walter schrieb über ihn: „Er war eine nicht umzubringende Stimmungskanone. Dabei auf dem Rasen völlig ohne Nerven und eiskalt.“

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Ernst Willimowski mit seiner Mutter Pauline und dem berühmten Jagdflieger Hermann Graf, der viel dazu beigetragen hat, diese aus dem KZ Auschwitz freizubekommen. Warum die Gestapo sie verhaftete, ist bis heute ungeklärt.

In seinen acht Spielen in der Nationalmannschaft schoss Willimowski 13 Tore. Walter prägte das Bonmot, Willimowski sei der einzige Spieler, der mehr Tore erziele, als er Chancen habe. Für ihn war er „der größte aller Torjäger, das größte Wunder im Ausnutzen von Torchancen.“ Er nannte ihn „Schlitzohr“.28

Allerdings spielte die DFB-Elf im Krieg nur gegen zweit- und drittklassige Nationalmannschaften, gegen verbündete oder gegen neutrale Staaten. Höhepunkt für Willimowski war das Spiel gegen Rumänien im oberschlesischen Beuthen am 16. August 1942, zu dem er zur Überraschung seiner Mitspieler in der Uniform eines Panzerjägers anreiste.29 55.000 waren in das Marschall-Hindenburg-Stadion gekommen, um ihren Landsmann zu sehen, und wurden nicht enttäuscht: Beim 7:0 gegen die hoffnungslos unterlegenen Rumänen traf er viermal, die anderen drei Tore gingen auf das Konto Fritz Walters. Es war Willimowskis letzter Auftritt als Fußballer in Oberschlesien. An der Partie der Junioren vor dem Länderspiel nahm der Oberschlesier Fritz Laband teil, der zwölf Jahre später als Läufer zu Herbergers WM-Kader gehören sollte.

Kampf gegen die SS-Sportgemeinschaft

Als Nationalspieler wechselte Willimowski vom PSV Chemnitz zum TSV 1860 München. Er schoss nicht nur in den ersten acht Punktespielen 18 Tore, sondern hatte auch wesentlichen Anteil am Einzug seiner Mannschaft in das Pokalfinale 1942. Auf dem Weg dahin räumten die Münchner die SS-Sportgemeinschaft Straßburg mit 15:1 aus dem Weg. Willimowski strengte sich besonders gegen die SS an, er spielte wie entfesselt und schlug siebenmal zu.

Im Halbfinale trafen die Münchner auf den oberschlesischen Verein TuS Lipine. In ihm spielten die Brüder Richard und Wilhelm Piec, deren Familienname nun wieder wie zur Preußenzeit „Pietz“ geschrieben wurde. Willimowski kannte beide von der polnischen Nationalmannschaft. Die Fußballer aus Oberschlesien hatten keine Chance: Sie waren fast einen Tag in überfüllten Zügen unterwegs und kamen völlig übernächtigt in München an. Sie waren so müde und erschöpft, dass sie in ihren Betten liegen blieben, als Fliegeralarm sie in der Nacht vor dem Spiel aus dem Schlaf riss.30

Die TuS Lipine ging in München mit 0:6 unter, vier der Tore erzielte Willimowski gänzlich ohne landsmannschaftliche Rücksicht. In die deutsch-polnischen Fußballannalen ging die Partie allerdings aus einem anderen Grund ein: Nicht alle Spieler von Lipine hatten nach dem Wiederanschluss Ostoberschlesiens an das Deutsche Reich 1939 deutsche Personaldokumente beantragt. Sie hatten nur die polnischen Ausweise; diese aber wurden von den Reichsbehörden nicht mehr anerkannt, da Polen ja offiziell nicht mehr existierte. Im Eilverfahren bekamen diese Spieler schnell deutsche Papiere, damit das Halbfinale nicht platzte.

Als aber mehrere der Oberschlesier sich auf Polnisch Anweisungen zuriefen, wurden zwei von ihnen vom Platz gestellt. Denn der öffentliche Gebrauch der polnischen Sprache war im Reichsgebiet verloren. Nach dem Spiel beschwerten sich die Offiziellen des TSV 1860 beim DFB, dass eine „polnische Mannschaft“ an dem deutschen Pokal teilgenommen habe.31

Das Endspiel gewannen die Münchner überraschend gegen den hochfavorisierten FC Schalke 04. Nach einem grandiosen Dribbling schoss Willimowski das erste Tor und brachte damit die Mannen um

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In den Jahren 1941 und 1942 begeisterte Willimowski die gleichgeschaltete Sportpresse. Er wurde als „ins Reich heimgekehrter volksdeutscher Sportsmann“ gefeiert. Doch entzog er sich allen Versuchen, ihn für die NS-Propaganda zu vereinnahmen, die SS sah er als Gegner an.

Fritz Szepan aus dem Konzept. Das Spiel endete 2:0, der TSV 1860 war zum ersten Mal Pokalsieger.

Als im November 1942 die Länderspiele eingestellt wurden, weil auch die prominenten Sportler mit der Waffe in der Hand für das Vaterland kämpfen sollten, kam Willimowski mit Herbergers Unterstützung zu mehreren Einsätzen bei der Pariser Soldatenelf. Deren Spiele fanden im Rahmen der Truppenbetreuung im besetzten Frankreich sowie zur Unterhaltung der „Heimatfront“ im Reichsgebiet statt. Insgesamt wurden 25 Nationalspieler auf diese Weise zumindest vorübergehend vom Fronteinsatz befreit.

Dann aber fehlen rund zwei Jahre in der Biographie Willimowskis. Er selbst hat sich öffentlich nie dazu geäußert, wie er die Zeit bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 überstanden hat.

Als der Krieg mit der totalen Niederlage der Deutschen endete, konnte Willimowski nicht in seine Heimatstadt Kattowitz zurückkehren. Denn die polnischen Behörden betrachteten alle Oberschlesier, die sich auf deutscher Seite engagiert hatten, als Kollaborateure, sie sollten hart bestraft werden. Dies war schon Monate vor Kriegsende bekanntgegeben worden. Die der kommunistischen Zensur unterliegende polnische Presse beschimpfte Willimowski als „Verräter“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst seine Odyssee kreuz und quer durch die vier Besatzungszonen Deutschlands begonnen. Er spielte, manchmal nur ein paar Monate, in Kassel, Chemnitz, Babelsberg, Arolsen, Detmold, Hameln und in Augsburg. Dort ermittelte die Polizei gegen ihn einem Zeitungsbericht zufolge wegen einer Straftat; welches Vergehen ihm zur Last gelegt wurde, ist allerdings nicht überliefert. Es war bekannt, dass Willimowski stets Schulden hatte. Schon aus seiner oberschlesischen Zeit liegen einige Berichte darüber vor, wie er Lokalrunden geschmissen hat. Jedenfalls sperrte ihn der Fußballverband. Um die Sperre zu umgehen, wollte er 1949 bei Racing Straßburg anheuern.

Davon erfuhr zufällig der Vorstand des Offenburger FV auf der badischen Seite des Oberrheins. Man kannte Willimowski, er hatte noch im Krieg im Sommer 1943 kurz in Offenburg gespielt, wo er wiederum in der Uniform eines Panzerjägers angekommen war.32 Der Vereinschronik zufolge fing ein Vorstandsmitglied des OFV Willimowski auf der Rheinbrücke bei Kehl ab. Der Oberschlesier aber ließ sich nicht davon abbringen, an den Ort eines seiner größten Erfolge zurückzukehren. Dies war aber nur möglich, weil er in Frankreich als Pole auftrat.33

Doch schon zwei Wochen nach seinem ersten Spiel für Racing Straßburg wurde er nach einer Notiz des „Sport-Magazins“ entlassen, „weil sein moralisches Verhalten und sein Privatleben sich nicht als tragbar für einen Berufsspieler erwiesen habe“.34 Nun besann er sich auf das Angebot aus Baden. Die Offenburger erreichten, dass seine Sperre aufgehoben wurde, gaben ihm einen Vertrag als Spielertrainer – und bezahlten seine Schulden.

In Offenburg schoss er wieder Tor um Tor – und heiratete eine Wirtstochter. Seine Frau Klara versuchte, dem mittlerweile 34-Jährigen seinen unsteten Lebenswandel abzugewöhnen. Anfangs war sie dabei nicht sehr erfolgreich. Denn nach zwei Jahren zog er weiter nach Singen, von dort nach Kaiserslautern, allerdings nicht zum 1. FC, dem Club Fritz Walters, seines ehemaligen Kameraden aus der Nationalmannschaft, sondern zum Lokalrivalen VfR. Dort blieb er vier Jahre.

Willimowski ackerte und kämpfte auf dem Spielfeld. Er wurde 1952/53 in der Oberliga Südwest zweitbester Torschütze – nach Fritz Walter. Er war stets konsequent Nichtraucher geblieben und verfügte nach wie vor über eine sehr gute Kondition. Ganz offensichtlich hoffte er, von seinem früheren Förderer Sepp Herberger wieder in den Kader berufen zu werden, nachdem die FIFA 1950 den Bann gegen den DFB aufgehoben hatte und somit wieder Länderspiele erlaubt waren. Doch Herberger meldete sich nicht bei ihm; in der Fußballszene hatte sich herumgesprochen, dass Willimowski gelegentlich vor den Spielen noch ein paar Schnäpse trank.35

Als die Deutschen 1954 wieder an der Weltmeisterschaft teilnehmen durften, war er 38 Jahre alt. Nach Angaben seiner Tochter litt er sehr darunter, dass er nicht dabei war.36 Im folgenden Jahr wurde er Torschützenkönig der Oberliga Südwest und stach somit Fritz Walter aus, dessen 1. FC allerdings zum wiederholten Male Südwest-Meister wurde. Seine Karriere ließ Willimowski als Spielertrainer beim Kehler FV in der Oberliga ausklingen. Er war 43 Jahre alt, als er aufhörte. Nach Ende der Karriere fand er eine Anstellung im Karlsruher Werk des Nähmaschinenherstellers Pfaff.

Sehnsucht nach Oberschlesien

Zunehmend sehnte er sich nach Oberschlesien. Doch wurde er weiterhin in der von der Arbeiterpartei gelenkten Presse als Landesverräter, als Alkoholiker und gescheiterte Existenz geschmäht. Gelegentlich hieß es, er sei „Polizist bei den Nazis“ gewesen, weil er zum Polizei-Sportverein Chemnitz gegangen war. Die Autoren von Fußballbüchern durften seine Bedeutung für die Weißen Adler in den dreißiger Jahren nicht einmal ansatzweise erwähnen. In einem Almanach, der mehrere Auflagen erlebte, hieß es nur, er gehöre zu den „Verrätern und Renegaten“.37

An eine Reise nach Schlesien war nicht zu denken. Doch nahm er an mehreren Treffen der Landsmannschaft teil. Auch las er sämtliche Berichte über den polnischen Fußball, die gelegentlich in der deutschen Sportpresse erscheinen. 1974, 40 Jahre nach seinem ersten Länderspiel, fuhr er von Karlsruhe in das 120 Kilometer entfernte Murrhardt, wo sich die polnische Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft einquartiert hatte. Doch wurde ihm der Eintritt in das Mannschaftshotel verwehrt.

Vor dem Hotel traf er zufällig den polnischen Nationaltrainer Kazimierz Górski, der in seiner Schülerzeit von den Ballkünsten Willimowskis geschwärmt hatte. Jahre später berichtete Górski, es sei zu keiner richtigen Unterhaltung gekommen, weil ein Spitzel des polnischen Staatssicherheitsdienstes hinzugekommen sei. Er habe Willimowski nur kurz gefragt: „Wenn Sie nichts Schlechtes getan haben, warum sind Sie nicht zurückgekehrt, warum haben Sie nie versucht, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen?“ Willimowski habe entgegnet: „Ich habe Angst gehabt.“38

Vom DFB bekam er eine Ehrenkarte zur Partie Deutschland gegen Polen, der legendären „Wasserschlacht“ von Frankfurt. Er fuhr hin und konnte für einen DFB-Offiziellen bei einem Treffen mit Polen sogar übersetzen.39 1981 schickte ihm Fritz Walter zu seinem 65. Geburtstag eine Flasche Wein.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte Willimowski die politischen Entwicklungen in Polen, von der Gründung der Gewerkschaft Solidarnoimageimage 1980 über das Kriegsrecht 1981 bis zur Wende von 1989, die auch ein Ende der kommunistischen Zensur mit sich brachte. In Oberschlesien erschienen Anfang der neunziger Jahre die ersten Berichte über ihn, er erhielt die Verdienstmedaille des PZPN.

1995 wollte er zum 75-jährigen Vereinsjubiläum von Ruch Chorzów fahren. Doch eine Gruppe von Veteranen stellte sich mit der Begründung dagegen, Willimowski habe im Krieg Polen verraten. So wurde er nicht eingeladen.40

Als er zwei Jahre später starb, veröffentlichte der Ruch-Vorstand in der polnischen Presse eine Todesanzeige, in der es hieß: „Ein großer Fußballer ist von uns gegangen.“ Die Kattowitzer Ausgabe der linksliberalen „Gazeta Wyborcza“ begann wenig später mit dem Abdruck einer sechsteiligen Serie über ihn.

Der DFB aber hatte ihn mittlerweile völlig vergessen. In dem zwei Kilo schweren Prachtband „100 Jahre DFB“ von 1999 ist er nicht einmal namentlich erwähnt. Dafür kommen immer wieder Ruch-Fans aus Polen nach Karlsruhe, um das Grab mit Schals in den Vereinsfarben zu dekorieren.41 Auf dem Grabstein steht sein Vorname in deutscher, sein Familienname in polnischer Schreibweise: Ernst Wilimowski.

Der neugegründete 1. FC Kattowitz organisiert seit 2009 alljährlich ein Ernest-Wilimowski-Turnier für Jugendmannschaften.

Die Länderspiele in den dreißiger Jahren

3. Dezember 1933, Berlin, 1:0

Das erste Länderspiel zwischen den Auswahlmannschaften des DFB und des PZPN fand erst am 3. Dezember 1933 statt. Die deutsche Öffentlichkeit wurde davon überrascht, denn die Nationalsozialisten galten als unversöhnliche Revanchisten. Doch nun kam Progandaminister Joseph Goebbels, begleitet von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, zu dem Spiel und setzte somit einen politischen Akzent. Wenig später fuhr Goebbels im Auftrag Hitlers zum greisen polnischen Staatschef Józef Piłsudski, um den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt sowie Vereinbarungen über Kulturaustausch und Sportwettbewerbe zu besiegeln. Beide Seiten einigten sich auch auf ein alljährliches Fußballländerspiel.

Kapitän auf deutscher Seite war der polnischstämmige Linksaußen Stanislaus Kobierski von Fortuna Düsseldorf. Sein Mannschaftskamerad Paul Janes wurde als Verteidiger nicht des schnellen polnischen Linksaußen Gerard Wodarz Herr, der im Zweiten Weltkrieg für den deutschen Verein Bismarckhütte spielte. Mit von der Partie war auf polnischer Seite auch der Oberschlesier Karol Pazurek, der im Krieg für die Deutsche Sport- und Turngemeinschaft Krakau auflief; 1945 wurde er als Wehrmachtssoldat von polnischen Partisanen erschossen.

9. September 1934, Warschau, 2:5

Bis zur 71. Minute führte Polen durch Tore von Ernst Willimowski und Karol Pazurek mit 2:1, doch innerhalb von 14 Minuten machten die Deutschen, geführt vom Schalker Kapitän Fritz Szepan, daraus ein 2:5.

Wieder hatte Janes große Probleme mit Wodarz. Im polnischen Tor stand Marian Fontowicz, der fünf Jahre später dank einer Intervention seines früheren Clubkameraden Friedrich Scherfke von Warta Posen aus der deutschen Kriegsgefangenschaft freikam.

15. September 1935, Breslau, 1:0

Der neue Trainer Polens, der Deutsche Kurt Otto, hatte seine Mannschaft sehr gut auf Defensive eingestellt. Als Mittelstürmer setzte er Friedrich Scherfke ein. Mannschaftskapitän der Deutschen war der spätere SS-Offizier Rudolf Gramlich, der während des Krieges die SS-Sportgemeinschaft Krakau führte.

13. September 1936, Warschau, 1:1

Auf der deutschen Bank saß erstmals Sepp Herberger. Die Polen verteidigten unter Ottos Anleitung sehr geschickt. Zum Leidwesen des Verteidigers Paul Janes befand die Sportpresse, dass sein Gegenspieler Gerard Wodarz, der Schütze des polnischen Tors, der beste Mann auf dem Platz gewesen sei. Herberger zeigte sich mit dem Ergebnis zufrieden. Er habe vor allem mit jungen Spielern experimentiert und bewusst auf die Schalker Stars verzichtet.

25. September 1938, Chemnitz, 4:1

Trotz der hohen polnischen Niederlage bekam Ernst Willimowski auf Halblinks sehr gute Noten von der deutschen Sportpresse. Auf deutscher Seite nahm die halblinke Position Helmut Schön ein, den ausgerechnet Willimowski drei Jahre später aus der DFB-Elf verdrängen sollte. Erstmals behielt Janes beim nunmehr vierten Duell gegen Wodarz die Oberhand.

Neben Willimowski und Wodarz spielten auf polnischer Seite die Oberschlesier Wilhelm Gora, Erwin Nyc, Ewald Dytko, Richard Piec, Leonard Piimagetek und Teodor Peterek, die alle während des Zweiten Weltkriegs für deutsche Clubs antraten und deshalb später mit den polnischen Behörden Probleme bekamen. Im Tor stand Edward Madejski, der im Krieg nach Auschwitz deportiert wurde und dort mehrere Wochen in der Todeszelle verbrachte, den Krieg aber überlebte.