Helle erwischte Ingvar noch auf dem Gang des Präsidiums, bevor er Feierabend machte.
»Du hast mir ein ganz schönes Ei gelegt«, stellte sich Helle ihrem Chef entgegen.
Ingvar runzelte die Brauen, die Begrüßung gefiel ihm sichtlich nicht. »Ich habe getan, was ich für richtig halte«, entgegnete er.
»Warum hast du es nicht mit mir abgestimmt?«
»Ich habe dir vorgeschlagen, das Bild zu veröffentlichen.« Ingvar stellte seine lederne Aktentasche neben sich auf den Boden, und als er sich aufrichtete, wirkte er noch ein paar Zentimeter größer. Er überragte Helle um eineinhalb Köpfe. »Du warst dagegen. Und zwar ziemlich entschieden.«
Helle blieb der Mund offen stehen. »Ja und? Darum geht es ja gerade. Ich habe nein gesagt, ich finde es zum jetzigen Zeitpunkt nicht richtig. Warum …«
»Und ich war anderer Meinung«, fiel Ingvar ihr ins Wort. »Und ich bin dein Chef. Also habe ich entschieden.«
Ingvar sah sie an, sie hielt dem Blick stand. Auch wenn es ihr schwerfiel. Helle klappte den Mund auf und wollte tausend Argumente anführen, warum sie fand, dass sie im Recht war und Ingvar nicht, aber dann fiel ihr ihre Therapeutin ein. »Rechtfertige dich nicht«, hatte diese ihr geraten. Es war damals um ihren Vater gegangen, Helle hatte nach dessen Tod angefangen, ihre unschöne Beziehung aufzuarbeiten, aber sie hatte festgestellt, dass ihr dieser Rat in jeder Situation half. Tatsächlich gelang es ihr gerade noch, sich zu bremsen, auch wenn es ihr ungeheuer schwerfiel, ihrem Chef nicht ungefiltert ihre Meinung zu sagen.
»Marianne hängt nur noch am Telefon«, sagte sie stattdessen. »Wir können uns vor Hinweisen nicht retten.«
»Ist doch gut«, Ingvar lächelte.
»Nein, Ingvar, das ist nicht gut.«
»Hast du denn schon irgendwelche anderen Anhaltspunkte? Irgendetwas, was mich überzeugen könnte?«, fragte Ingvar mit einem Lächeln.
Nein. Hatte sie natürlich nicht, und er wusste das.
Helle schüttelte den Kopf. »Bevor Dr. Runstad sie nicht untersucht hat, sind uns die Hände gebunden.«
»Dann ist es vielleicht ganz gut, dass du nun etwas zu tun hast mit deiner Soko. Schließlich musst du den Polizeipräsidenten auch davon überzeugen, dass er dir zu Recht die Leitung übertragen hat.«
Ingvar nahm seine Aktentasche wieder auf. Für ihn war die Unterredung hier offensichtlich beendet. Aber auch Helle merkte, dass sie keine Kraft und Lust hatte, dieses Gespräch fortzuführen.
»Ich glaube, der Präsident weiß ganz gut, warum er sich so entschieden hat.« Helle zwang sich zu einem Lächeln, das ebenso falsch war wie das von Ingvar. »Und jetzt entschuldige mich.«
Sie drückte sich an ihm vorbei und stürmte in die Damentoilette. Riss eine Kabinentür auf und setzte sich auf den Klodeckel. Gerade noch rechtzeitig. Eine Hitzewelle überrollte ihren Körper, ihr Herz raste. Helle zitterte vor Wut, aber das Schlimmste war, dass ihr die Tränen kamen. Sie hasste es, sie hasste sich dafür, dass sie bei jeder Auseinandersetzung mit Autoritäten heulen musste. Die Situation mit Ingvar war für sich genommen nicht einmal besonders dramatisch gewesen. Sie hätte cool und bestimmt Kritik an seinem Verhalten üben können, ohne seine Autorität in Zweifel zu ziehen. Helle wusste das, und sie hatte es wieder und wieder geübt. Zu Hause. Vor dem Spiegel. Aber der Schlagabtausch mit ihm war exemplarisch für alle Diskussionen, die sie mit ihrem Vater geführt hatte. In denen sie immer und immer die Unterlegene gewesen war. Ihr einziger Ausweg damals waren Rebellion und Wut gewesen. Ingvar hatte sie getriggert, und sie war im Bruchteil einer Sekunde wieder die aufmüpfige Vierzehnjährige gewesen, die sich ungerecht behandelt fühlte.
Helle liefen Tränen die Wangen herunter. Tränen der Wut über ihr Ausgeliefertsein. Sie schniefte. Warum zum Teufel schaffte sie es nicht, souverän zu sein?
Mist.
Was für ein vertaner Tag, dachte sie, während sie ein paar Streifen Klopapier abriss und sich heftig schnäuzte. Ich habe nichts erreicht, gar nichts. Vor zwei Tagen haben wir die Leiche gefunden, und ich habe noch nicht einmal angefangen zu ermitteln.
Sie stand auf und öffnete am Waschbecken den Kaltwasserhahn, hielt ihre Handgelenke unter den eisigen Strahl und spürte, wie ihr Blut langsam zur Ruhe kam.
Emil sitzt im Auto und wartet auf einen Gang, dachte Helle. Und Bengt wartet zu Hause. Reiß dich zusammen, Jespers. Morgen ist ein neuer Tag.
Und vielleicht, so hoffte sie, war unter den unzähligen Hinweisen, die sie auf das Bild der Toten aus der Düne bekommen hatten, ja doch ein brauchbarer dabei.
»Ich habe auf ganzer Linie versagt.« Helle lag der Länge nach auf dem Sofa, ein Glas Rotwein in der Hand. Ihr drittes. Bengt saß ihr gegenüber, sein Wikingerbart schimmerte rotgolden im Wiederschein des Kaminfeuers. Sie hatte ihre nackten Füße unter sein Sweatshirt geschoben, mit den Zehen strich sie über die zarten Haare, die auf seinem Bauch wuchsen. Bengt streichelte mit den Fingerkuppen zärtlich ihre Waden. Die sie im Übrigen mal wieder enthaaren musste, dachte Helle und schämte sich ein bisschen ihrer Stoppeln.
»So ein Unsinn, das weißt du selber.« Ihr Mann lächelte sie an. Oder lachte er sie aus? Seine Augen wirkten spöttisch. »Du hast nicht versagt. Lass dich vom alten Ingvar nicht ins Bockshorn jagen.«
»Doch!« Helle machte eine ausholende Bewegung mit dem vollen Rotweinglas, aus dem prompt etwas herausschwappte und auf dem hellen Teppich landete.
»Ach Mist!« Helle beugte sich zum Fleck auf dem Teppich, verlor dabei beinahe das Gleichgewicht, blieb lieber, wo sie war, und stellte stattdessen das Glas zur Seite. Sie sollte besser nichts mehr trinken.
»Warte, ich mach das.« Bengt stand vom Sofa auf und ging zur Spüle in der Küchenzeile.
»Ich konnte Ingvar nichts entgegensetzen, weil er ja recht hat!«, rief Helle ihm hinterher. »Ich habe noch gar nichts rausgefunden, nichts – wegen der Scheißdüne.«
Bengt kam mit einem Eimer mit heißem Wasser und begann, den Rotwein aus dem Teppich herauszureiben. »Scheißdüne? Ist jetzt die Düne schuld?«
»Siehst du! Du fängst auch schon an.« Helle merkte, dass ihre Zunge etwas schwerer war, als sie sein sollte. Zeit, ins Bett zu gehen. »Salz. Du musst das mit Salz machen.«
»Das ist völliger Blödsinn.« Bengt blieb ruhig und amüsiert.
»Was jetzt? Mit dem Salz oder mit der Düne?«
»Beides. Du gehst jetzt mal ins Bett.«
Bengt hatte den Fleck beseitigt und stand auf. Er nahm Helles Weinglas und trug es zur Spüle hinüber. »Ich dreh eine Runde mit Emil, und du schaust, dass du Schlaf bekommst. Morgen sieht es schon anders aus. Dann habt ihr sicher erste Resultate.«
Helle nickte ergeben und setzte sich auf. Es war gerade mal neun Uhr. Sie hatte aus Frust zu schnell getrunken und spürte selbst, dass es Zeit für sie war, den Abend zu beenden. Zumal sie sich am nächsten Morgen mit ihren Leuten gleich in Råbjerg Mile treffen wollte. Sie hatten sich vorgenommen, die Düne und die Umgebung der versandeten Kirche zu durchsuchen, ob sich eventuell etwas finden würde, was der Toten gehören könnte. Im Fundbüro der Gemeinde waren im vergangenen Jahr einige wenige Dinge aus der Gegend abgegeben worden – Portemonnaies, eine Kette, ein Schirm sowie ein Halstuch, zwei Kuscheltiere und drei einzelne Handschuhe –, Helle hatte alles sicherstellen und nach Aalborg ins Labor schicken lassen.
Morgen früh also würde die Soko »Düne« ihrem Namen alle Ehre machen und Råbjerg Mile durchkämmen. Sie hatte eigentlich Ingvar fragen wollen, ob er ihr für ein paar Stunden Leute zur Verfügung stellen könnte, aber nach ihrer Diskussion war das nicht mehr möglich gewesen. Also würden sie sich zu sechst auf den Weg machen. Marianne hielt die Stellung auf der Wache.
Als Helle im Bett lag, hörte sie, wie Bengt den Abwasch machte, und fühlte sich schlecht. Hatte sie ihm den Abend versaut? Er hatte wunderbar französisch gekocht, zuerst hatte es kleine Leberpasteten gegeben, danach Coq au Vin, Salat und Baguette. Endlich einmal verbrachten sie einen gemütlichen Abend zu zweit – und dann bekam sie den Blues. Das war nicht fair.
Im Halbschlaf nahm Helle gerade noch wahr, dass Amira nach Hause kam, sie war mit irgendjemandem im Kino gewesen. Über dem beruhigenden Gemurmel von ihr und Bengt döste Helle schließlich ein.
Als Bengt ins Bett kam, wurde sie noch mal wach. Helle sah auf ihr Handy. Kurz vor Mitternacht. Hoffentlich konnte sie wieder einschlafen, dachte sie, und im gleichen Moment wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war. Erstens, auf die Uhr zu sehen und sich, zweitens, Gedanken zu machen, ob sie wieder einschlafen konnte. Diese zwei Dinge verhinderten ein sofortiges Einschlafen mit hundertprozentiger Sicherheit.
Bengt löschte das Licht und drehte sich zur Seite. Helle robbte an ihn heran, schob ihre Knie in seine Kniekehlen und umfasste mit dem freien Arm seinen mächtigen Bauch.
»Warum bin ich so scheiße?«
Bengt stöhnte nur.
»Ich bin heute so mies drauf. Aus heiterem Himmel. Was ist denn mit mir los?«, setzte Helle nach.
»Hormone«, brummte Bengt, der offenbar bemüht war, ein Problemgespräch zu vermeiden.
Helle schwieg. »Hast du keine Hormone?« Sie musste kichern.
Bengt kicherte auch, lautlos, aber sie merkte es an dem Zittern, das durch seinen Körper lief.
»Come on«, sagte sie und zwickte ihn liebevoll in die Bauchfalte.
»Du nervst«, gab Bengt müde zurück, aber er nahm ihre Hand von seinem Bauch und küsste sie. Kurze Zeit später hörte Helle sein tiefes Schnarchen. Für sie war an Schlaf so schnell nicht mehr zu denken.
Es war noch finster, als Helle ihren Volvo vor der Wache abstellte und dort zusammen mit Amira in das Polizeiauto umstieg, in dem schon Jan-C. und Ole warteten. Linn und Christian würden aus Fredrikshavn kommend am Parkplatz der Düne zu ihnen stoßen.
Im Auto schwiegen sie, sogar Ole hielt den Mund. Zu ihrer Linken zeigte sich am Horizont über dem Meer ein schwacher fahlgelber Streifen, der Tag kündigte sich an. Aber der Mond stand noch am Himmel, eine zarte durchscheinende Sichel, immer wieder verdeckt von rasch vorüberziehenden Regenwolken. Als sie schließlich in Råbjerg Mile ankamen, hatte sich der schmale Lichtstreifen langsam ausgebreitet, graues Licht lag wie geschmolzenes Blei auf der weichen Dünenlandschaft. Ihren müden Gesichtern war jegliche Farbe entzogen, stumm nickten sie Linn und Christian zu, die gleichzeitig mit ihnen ankamen und aus dem Auto stiegen.
Helle breitete eine Karte auf der Kühlerhaube des Polizeiwagens aus und erläuterte, wie sie sich die Suche vorgestellt hatte. Sie plante, dass sie in einer Kette nebeneinanderher gehen sollten, zunächst vom Parkplatz aus in Richtung Osten, über das Ende der Düne durch das Wäldchen und die Felder bis zum ersten Haus am Kandestedvej. Von dort wieder zurück in Richtung Westen, aber etwas weiter südlich. So sollten sie Streifen um Streifen absuchen, bis sie etwa einen halben Kilometer im Heideland waren. Die Absperrungen um den Fundort waren abgeräumt, da die Leiche bereits in der Gerichtsmedizin war.
»Dafür brauchen wir einen Tag«, kommentierte Ole.
»Nein.« Helle schüttelte den Kopf. »Einen halben. Nicht länger. Amira und Jan-C. müssen vielleicht schon früher wieder weg.«
»Also lasst uns anfangen.« Christian umschlang fröstelnd seinen Oberkörper. »Der Regen macht gerade Pause.«
Er verteilte Stöcke, die er und Linn aus dem Präsidium in Fredrikshavn mitgebracht hatten und die eigens für diese Zwecke bestimmt waren. Die sechs Beamten formierten sich in einer Kette, zwischen sich zwei Armbreit Abstand, und gingen los. Den Blick fest auf den Boden geheftet, die Stöcke mal hierhin, mal dorthin tastend.
Sie gingen schweigend, während in ihrem Rücken die Sonne aufging. Wintermüde und unentschieden, aber trotzdem spürten sie ihre matte Wärme. Nach einer Stunde, in der sie überwiegend Müll gefunden hatten – den Jan-C. in einem extra mitgebrachten Müllsack säuberlich einsammelte –, ordnete Helle eine Kaffeepause an. Sie hockten sich in einem lichten Wäldchen in eine kleine windgeschützte Senke. Helle holte die Thermoskanne mit Pappbechern aus ihrem Rucksack. Dazu für jeden einen Streifen von dem Blätterteig-Nusszopf, den sie gestern Abend noch extra aufgetaut hatte.
Mittlerweile war die Sonne aufgegangen, wurde aber heftig attackiert von dicken Kumuluswolken, die der starke Wind über den Himmel jagte.
Helle überlegte, ob sie den Kollegen von ihrer Auseinandersetzung mit Ingvar erzählen sollte, entschied sich aber, es besser nicht zu tun. Sie könnte Linn und Christian damit in einen Loyalitätskonflikt bringen. Stattdessen blies sie zur nächsten Runde.
Kurz nach elf – sie hatten tatsächlich bereits über die Hälfte des Gebiets abgesucht, dabei einige heftige Regenschauer überstanden, vier Müllsäcke mit Abfall gefüllt und nur zwei Plastiktütchen mit möglichen Beweismitteln – bekam Amira einen Anruf aus Aalborg.
Helle beobachtete, wie sie verärgert die Brauen zusammenzog, mehrfach den Kopf schüttelte und verärgert gestikulierte. Schließlich legte sie auf, stöhnte und verdrehte die Augen.
»Du glaubst es nicht«, sagte sie zu Helle. »Das war der Typ, der für unsere Hardware zuständig ist.«
»Und?« Helle befürchtete das Schlimmste. Sie würde bis zur Rente mit ihrer Wache in der Steinzeit verharren müssen.
»Die Sachen sind seit über zwei Wochen für uns bereitgestellt. Aber sie haben niemanden, der das Zeug nach Skagen bringen kann.«
Ole prustete. »Ist nicht wahr, oder? Mann, wofür zahlen wir eigentlich Steuern? Jeder Junkie kriegt auf Rezept seine Drogen, aber die Polizei verschickt Brieftauben, weil keiner ein paar Computer von A nach B transportieren kann? Mannomann.«
»Was haben denn die Junkies damit zu tun, Ole? Hör auf, so dummes Zeug zu quatschen«, fuhr Helle ihn verärgert an. »Und diskutier nicht mit mir«, setzte sie sofort nach, als sie sah, dass der junge Polizist zu einer Rechtfertigung ansetzen wollte.
Ole verschränkte trotzig die Arme. »Du sagst selbst immer, dass die Polizei unterfinanziert ist.«
»Ja, das stimmt auch. Aber das hat nichts mit … Ach, vergiss es.« Helle drehte sich zu Amira um. »Ruf Marianne an. Die soll uns ein Auto organisieren. Einen Kombi. Die werden in Fredrikshavn doch so was haben. Wenn wir hier fertig sind, fahren wir beide nach Fredrikshavn, wechseln das Auto und fahren mit dem Kombi nach Aalborg. Du organisierst, dass dir irgendjemand das Equipment ins Auto lädt, ich geh in der Zeit in die Rechtsmedizin. Jens hat die Tote seit gestern Abend auf dem Tisch, er wird ja wohl irgendetwas für mich haben.«
Gegen Mittag waren sie mit der Durchsuchung des Geländes fertig – jedenfalls so gut es ging. Die Tatsache, dass sie weder wussten, wonach sie suchten, noch, auf welchen Zeitraum sie sich konzentrieren sollten, machte die Entscheidung, was relevant sein könnte, sehr schwer. Ein halbverrottetes Taschentuch konnte natürlich von Belang sein, wenn es der Toten gehört hatte und diese erst vor wenigen Wochen in die Düne geraten war. Aber Helle entschied, dass sie sich ausschließlich auf persönliche Dinge konzentrieren würden. Zum Schluss hatten sie zwei Handschuhe, einen aus Strick, einen aus Leder, einen kleinen Ballerina und ein silbernes Armkettchen aufgeklaubt. Helle würde diese Dinge eingetütet und beschriftet zur Untersuchung ins Labor nach Aalborg mitnehmen.
Marianne hatte in der Zwischenzeit gemeldet, dass knapp zweihundert Hinweise auf das Phantombild eingegangen waren, und Helle ordnete an, dass Linn und Jan-C. diese durchsehen und sortieren sollten. Christian und Ole würden sich weiterhin damit beschäftigen, bei der Zoll- und Hafenpolizei anzufragen, ob dort jemandem das Gesicht bekannt vorkam, und außerdem die Anwohner der Straße, die zu Råbjerg Mile führten, abklappern und sich nach der Toten erkundigen.
Am Nachmittag erreichten Helle und Amira das Gebäude der Polizei in Aalborg. Es lag in der Jyllandsgade und fiel schon von weitem auf: ein moderner Bau mit viel Glas, einer einladenden Freitreppe und den großen selbstbewussten Lettern Politi an der Front. Hier saßen die Polizeidirektorin von Nordjütland, die Staatsanwaltschaft und alle zur Polizei gehörenden Unterabteilungen, wie die Hundestaffel oder der Personenschutz. Helle verlief sich regelmäßig in der Anlage, die sich über mehrere Gebäude erstreckte, obwohl alles gut ausgeschildert war.
Sie stellte den Polizeiwagen auf dem internen Parkplatz ab und verabredete mit Amira, dass sie sich zusammentelefonieren würden, sobald Amira alle Computer und Zubehör im Kofferraum verstaut hätte. Dann machte Helle sich auf die Suche nach der Rechtsmedizin. Zweimal war sie bereits hier gewesen, aber trotzdem brauchte sie mehrere Anläufe, bis sie vor der richtigen Tür stand. Unterwegs war sie an modernen Großraumbüros vorbeigekommen, hatte die Ausstattung bewundert und im Hof tatsächlich zwei Polizistinnen gesehen, die mit Segways auf Streife fuhren.
Sie beobachtete diese für sie fremde Polizeiwelt mit einer Mischung aus Neugier, Faszination, aber auch Furcht. Würde sie hier zurechtkommen? Oder war sie nicht vielmehr schon ein Dinosaurier wie Ingvar, mit ihrer Thermoskanne und ihrem Nusszopf, ihren Notiz- und Klebezetteln, der Landkarte – Helle spürte gerade schmerzlich, dass sie seit zehn Jahren in ihrem bequemen Nest Skagen saß und die Entwicklung moderner Polizeiarbeit an ihr vollkommen vorbeigezogen war.
Das konnte so nicht weitergehen, dachte sie, während sie an den verglasten Fronten der Großraumbüros vorüberlief, aus denen heraus die Kollegen sie freundlich grüßten. Ich muss den Anschluss wiederbekommen, ich habe Verantwortung für die jungen Kollegen. Und auch für mich selbst. Ich habe keine Lust, zum alten Eisen zu gehören. Sie ballte entschlossen die Fäuste. Amira muss das hinkriegen. Wir machen Schulungen und was weiß ich. Aber wir in Skagen lassen uns nicht abhängen, da oben am Ende der Welt, wo Nord- und Ostsee sich gute Nacht sagen.
Als sie endlich vor dem Sektionssaal stand und bereits die Hand auf die Klinke gelegt hatte, sprach sie jemand von hinten an.
»Helle Jespers?«
Helle dreht sich um und nickte. Es war Anne-Marie Pedersen, die Polizeidirektorin. Sie kannten sich von früher, waren gleichalt, aber Anne-Marie hatte sehr schnell eine glänzende Karriere hingelegt. Sie hatten ein paar Seminare gemeinsam absolviert, sich bei einer Tagung oder früher als junge Polizistinnen auch bei Großeinsätzen gesehen.
»Anne-Marie! Schön, dich zu sehen.«
»Ich freu mich auch.« Anne-Marie blitzte sie unter ihrem platinblonden Pony an. »Ihr habt da einen interessanten Fall. Ich gratuliere dir zur Soko.«
Helle spürte, wie sich Schweißperlen auf ihrer Oberlippe sammelten. Sie fühlte sich sofort ertappt. Die Leitung der Soko hatte sie nicht ohne Grund. »Danke. Mal sehen, was Jens für uns hat.«
Anne-Marie verschränkte die Arme vor der Brust. »Zehn Jahre hat man nichts mehr von dir gehört, du warst total in der Versenkung verschwunden. Und dann löst du den Gunnar-Larsen-Fall. Alle Achtung.« Sie schnippte mit den Fingern.
»Danke. Das war ich natürlich nicht allein«, lenkte Helle bescheiden ein. Aber insgeheim freute sie sich über das Lob.
»Ich beschäftige mich zurzeit damit, wer die Nachfolge von Ingvar antreten soll«, fuhr Anne-Marie fort.
»Ach ja?«, gab Helle etwas lahm zurück.
Die Polizeidirektorin lachte. »Ach ja. Ganz genau. Jedenfalls freue ich mich, dass du wieder im Spiel bist.«
Damit drehte sie sich um und ließ Helle stehen, ohne eine Antwort abzuwarten. Das musste sie auch nicht. Helle hatte den Wink mit dem Zaunpfahl wohl verstanden.
Sie blieb noch eine Weile vor der Tür zum Sektionssaal stehen und sammelte sich. Gerne hätte sie jetzt eine geraucht, um der aufkommenden Nervosität zu begegnen. Anne-Marie Pedersen hatte sich klar ausgedrückt, mehr als klar. Die Leitung von Fredrikshavn übernehmen – das lag in greifbarer Nähe. Aber natürlich würde Helle sich dafür noch einmal beweisen müssen. Der Aufklärungsdruck im Fall der Toten aus der Düne wuchs.
Schließlich fiel Helle ein, dass sie mit ihrem Zigarettenwunsch hier gut aufgehoben war. Der Leichenleser würde ihr sofort eine anbieten. Sie drückte die Klinke zum Sektionssaal herunter, und augenblicklich schlug ihr der dumpf-süßliche Leichengeruch entgegen, gemischt mit dem Geruch nach Formalin und Desinfektionsmittel.
In der Mitte des großen Raumes sah sie Jens Runstad und seine Assistentin an einem Seziertisch, auf dem sie »ihre« Leiche erkannte. Neugierig ging Helle darauf zu, der Rechtsmediziner sah kurz auf und nickte ihr zu. Bevor sie ihn erreichte, wurde Helles Blick aber von etwas anderem abgelenkt. Auf einem Tisch am Fenster sah sie die Dinge, die die Tote am Leib getragen hatte. Alle waren säuberlich in Folie verpackt und beschriftet nebeneinandergelegt worden. Und Helle erkannte in einer der Tüten einen Schuh. Ein flacher Ballerina, schwarz und ziemlich abgelaufen. Sein Pendant hatten sie vor ein paar Stunden in der Nähe der Düne gefunden.