»›Einfach Nein sagen‹ (zu Drogen, Glücksspiel, Essen, Sex usw.) ist der nutzloseste Rat, den man jemandem geben kann, der einer Sucht verfallen ist. Wenn er Nein sagen könnte, würde er es tun.«
DR. GABOR MATÉ
ist ein Arzt, der sich auf Neurologie, Psychiatrie und Psychologie spezialisiert hat. Er ist bekannt für seine Untersuchung und Behandlung von Suchtverhalten. Dr. Maté hat zahlreiche Besteller geschrieben, darunter das preisgekrönte In the Realm of Hungry Ghosts: Close Encounters with Addiction
. Seine Werke wurden bereits in 20 Sprachen übersetzt. Dr. Maté erhielt den Hubert Evans Non-Fiction Prize, wurde von der University of Northern British Columbia mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet und gewann 2012 den Martin Luther King Humanitarian Award der Mothers Against Teen Violence. Er ist außerordentlicher Professor an der Fakultät für Kriminologie an der Simon Fraser University in Burnaby, Kanada.
Welche Anschaffung von maximal 100 Dollar hat für dein Leben in den letzten sechs Monaten (oder in letzter Zeit) die größte positive Auswirkung gehabt?
Eine Version von Béla Bartóks Streichquartetten, die 1954 vom Végh-Quartett aufgenommen wurden. Vielleicht kommt mir das in den Sinn, weil ich beim Beantworten dieser Frage gerade die CD höre, aber die Bescheidenheit, Hingabe und Reinheit der Darbietung bewegt und inspiriert mich zutiefst.
Welches Buch (welche Bücher) verschenkst du am liebsten? Warum? Welche ein bis drei Bücher haben dein Leben am stärksten beeinflusst?
Das erste Buch, das mich stark beeinflusst hat, war Winnie-The-Pooh
von A. A. Milne. Der Bär mit dem einfachen Gemüt war ein geliebter Gefährte meiner Kindheit in Budapest. (Ich glaube übrigens, dass die ungarische Übersetzung sogar lustiger und lebhafter als das englische Original ist, falls das überhaupt möglich ist.) Milnes kleiner Kosmos an Charakteren spricht das Kind in jedem von uns an; wir müssen zwar früher oder später aufwachsen und uns dem Leben stellen, aber hoffentlich bleiben uns der Humor und die unschuldige Weisheit des Bären erhalten.
Das zweite Buch war The Scourge of the Swastika
von E. F. L. Russell, einem britischen Lord, Anwalt und Historiker. Das Buch war eines der ersten Bücher, das die Gräueltaten der Nazis dokumentierte, was mir mit zwölf Jahren einen erschütternden Einblick in die Vergangenheit bot, die meine Familie in der Zeit um meine Geburt durchmachen musste. (Ich verbrachte mein erstes Lebensjahr im von den Nazis besetzten Budapest; meine Großeltern wurden in Auschwitz ermordet. Dieser Hintergrund schärfte mein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten und die Grausamkeit, die in unserer Welt möglich sind, und dass völlig unschuldige Menschen leiden müssen – dieses Bewusstsein hat mich nie verlassen.
Das Dritte ist das Dhammapada
mit den Weisheitslehren Buddhas. Es lehrt, dass wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten müssen, wenn wir die erlernten Vorurteile und
Einschränkungen des egozentrischen Geistes überwinden wollen. Mit anderen Worten: wenn wir das Leben klar sehen wollen. Es weist darauf hin, dass wir keinen Frieden in der Welt finden können, wenn wir ihn nicht in uns haben – eine Einsicht, die sich in meiner eigenen Erfahrung immer wieder bestätigt hat. In gewissem Sinn ist dieser kurze Text die Vorlage für die vielen späteren spirituellen und psychologischen Schriften, die mich beeinflusst und meine eigene Entwicklung vorangebracht haben.
Und weil ich mogle, füge ich noch ein viertes Buch hinzu: The Drama of the Gifted Child
von Alice Miller, das erste Buch, das mir etwas über die destruktive, lebenslange Auswirkung von Kindheitstraumata beigebracht hat und wie man sie heilen und mit ihnen leben kann; Themen, die mit denen ich mich heute beruflich schwerpunktmäßig befasse. Außerdem möchte ich – man möge es mir verzeihen – noch Don Quixote
erwähnen, der wunderbarste und normalste Wahnsinnige in der gesamten Weltliteratur.
Welcher (vermeintliche?) Misserfolg war die Voraussetzung für deinen späteren Erfolg? Hast du einen »Lieblingsmisserfolg«?
1997 verlor ich meinen Job als medizinischer Koordinator der Palliativstation am Vancouver Hospital. Ich liebte meine Arbeit, die Zusammenarbeit mit meinen motivierten Kollegen und Krankenschwestern, die sich alle hingebungsvoll um die Todkranken kümmerten – und trotzdem war die Entlassung, die ich zuerst als große Demütigung empfand, eines der besten Dinge, die mir jemals passiert sind. Nach dem ersten Schock, der Wut und dem Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, wurde die Erfahrung ein wertvoller Lernimpuls. Ich konnte erkennen, wie mich mein Narzissmus für die Bedürfnisse und Belange der Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, blind gemacht hatte. Ich erkannte, dass ich ein schlechter Zuhörer und Kollege gewesen war. Und das öffnete mir unerwartet die Tür zu einer neuen und tiefgreifenden Berufung. Ich arbeitete anschließend mit traumatisierten Suchtkranken in der East Side von Downtown Vancouver, was mir die Erfahrung, Weitsicht und Inspiration für das aktuellste und vielleicht wichtigste Kapitel meiner beruflichen Laufbahn gab: über Sucht zu schreiben und darüber zu informieren.
Wenn du an einem beliebigen Ort ein riesiges Plakat mit beliebigem Inhalt aufhängen könntest, was wäre das und warum? Gibt es Zitate, an die du häufig denkst oder nach denen du lebst?
Auf der Anzeigentafel würden die Worte meines größten zeitgenössischen Lehrers stehen, A. H. Almaas: »Dein großes Geschenk an die Welt ist die Person, die du bist. Das ist sowohl dein Geschenk als auch deine Erfüllung.«
Was ist das beste oder lohnendste Investment, das du je getätigt hast (in Form von Geld, Zeit, Energie etc.)?
Die größte Zeitinvestition, die ich jemals gemacht habe, war die Teilnahme am Enlightenment-Intensive-Retreat, das ein enger Freund von mir, Murray Kennedy, vor vielen Jahrzehnten veranstaltet hat. Nicht, dass ich damals oder später erleuchtet wurde. Ich ärgerte mich damals sogar, dass mir eine spirituelle Erfahrung versagt geblieben war, die ich meiner Meinung nach unbedingt benötigte. Aber der Retreat eröffnete mir eine Welt der spirituellen Fragestellungen und zeigte mir, dass ich mein wahrgenommenes Selbst von meinem hektischen, getriebenen und chronisch unzufriedenen Ich differenzieren muss. Ich arbeite noch daran, und das ist auch gut so. Über die Jahre wurde mein Freund Murray ein Meisterlehrer und eine Inspiration für mich und viele andere, die auf dem Weg der Selbsterfahrung sind.
Was ist eine deiner – gern auch absurden – Eigenheiten, auf die du nicht verzichten möchtest?
Ich versuche, meine Frau mit einem ungarischen Akzent zu verführen. Die Verführung gelingt mir gelegentlich; beim Akzent hapert es allerdings.
Welche Überzeugungen, Verhaltensweisen oder Gewohnheiten, die du dir in den letzten fünf Jahren angeeignet hast, haben dein Leben am meisten verbessert?
Mein Leben lang war ich in Bezug auf Yoga ein Agnostiker/Zyniker – nach dem Motto: »Du wirst mich niemals Yoga machen sehen« –, aber mittlerweile übe ich fast täglich nach der Methode des indischen Yogi Sadhguru Jaggi Vasudev. Das war eine transformative Erfahrung, die mir Zugang zu einem Gefühl der inneren Weite und Leichtigkeit gewährte, die mir zuvor unbekannt war.
Welchen Rat würdest du einem intelligenten, motivierten Studenten für den Einstieg in die »echte Welt« geben? Welchen Rat sollte er ignorieren?
Wenn du wirklich klug bist, lässt du dein inneres Getriebensein fallen. Es spielt keine Rolle, was dich antreibt; wenn du ständig getrieben bist, bist du wie ein Fähnchen im Wind. Du bist nicht autonom. Du lässt dich leicht vom Kurs abbringen, auch wenn du das erreichst, was du für dein Ziel hältst. Und verwechsle inneres Getriebensein nicht mit der Energie, die du spürst, weil dich deine innere Berufung zur Tat ruft. Das eine zehrt dich aus und macht dich leer; das andere nährt deine Seele und lässt dein Herz strahlen.
Welche schlechten Ratschläge kursieren in deinem beruflichen Umfeld oder Fachgebiet?
»Einfach Nein sagen« (zu Drogen, Glücksspiel, Essen, Sex usw.) ist der nutzloseste Rat, den man jemandem geben kann, der einer Sucht verfallen ist. Wenn er Nein sagen könnte, würde er es tun. Es geht bei Sucht ja gerade darum, durch Leid, Trauma, innere Unruhe und seelischen Schmerz zu einem destruktiven Verhalten gezwungen zu werden. Wenn man jemandem helfen will, sollte man ihn fragen, warum sein Schmerz ihn dazu treibt (da haben wir das Wort wieder), die Flucht zu ergreifen, indem er bestimmte Substanzen einnimmt und sich dadurch selbst schadet. Dann sollte man ihn unterstützen, das Trauma zu heilen, das die Wurzel seiner Abhängigkeit ist; dieser Prozess beginnt immer mit wertneutraler Neugier und Mitgefühl.
Wozu kannst du heute leichter Nein sagen als vor fünf Jahren?
Nicht in den letzten fünf Jahren, sondern in den letzten fünf Wochen
habe ich (endlich!) gelernt, dass ich nicht immer den Bedürfnissen anderer gerecht werden, meine Mitmenschen heilen und alle Einladungen annehmen muss, meine Arbeit zu unterrichten. Das zehrte an meinem inneren Frieden und an meiner Ehe. Es mag ironisch sein, aber ich musste schließlich meinen eigenen Ratschlägen folgen, die ich in meinem Buch When the Body Says No
gebe, das von Stress und Krankheit handelt. Das ist alles sehr neu für mich, aber ich spüre, wie die Freude und Vitalität in mein Leben zurückkehren. Ich habe die dringend nötige Gelegenheit bekommen zu erkunden, wer ich bin, wenn ich einfach bin
, ohne ständig etwas tun zu müssen.
Was tust du, wenn dir alles zu viel wird, du nicht mehr fokussiert bist oder deine Konzentration nachlässt? Welche Fragen stellst du dir?
Ich neige zu Hyperaktivität, und deshalb lasse ich mich leicht ablenken. Die Frage, die mir hilft, in den gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren, lautet daher einfach: »Ist das, was ich tue, im Einklang mit meiner Lebensberufung?« Meine Berufung – das, was mir Freude schenkt und mich am meisten motiviert – ist Freiheit für jeden, also auch für mich: in politischer, sozialer, emotionaler und spiritueller Hinsicht. Wenn ich den Drang habe, mich von meiner inneren Unruhe abzulenken, bin ich nicht frei. Wenn ich mich allerdings wegen meiner leichten Ablenkbarkeit selbst kritisiere, bin ich auch nicht frei. Freiheit ergibt sich immer aus dem Bewusstsein, selbst entscheiden zu können: Ich entscheide, was ich tue und wie es mir geht, in jedem Augenblick.