MITO
Sie arbeitete in einem kleinen Supermarkt. Nachdem sie ihre Kunden mit einem überlauten »Willkommen!« begrüßt hatte, überfiel sie sie mit einem sprudelnden »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, oder sie mischte sich ein mit einem aufdringlichen: »Oh, diese Kekse mag ich auch gern!« Die meisten Kunden ignorierten sie. Aber sie lachte trotzdem, ohne sich weiter darum zu kümmern, und warf ihnen witzige Bemerkungen zu, während sie auf der Registrierkasse herumklapperte und mit übertrieben ausladenden Bewegungen Waren von der Theke räumte. Wenn keine Kunden da waren, schnatterte sie nonstop ins Geschäftstelefon oder räumte Waren in die Regale oder ordnete die tadellos geordneten Waren neu. Sie schnatterte, sie räumte, sie räumte, sie schnatterte. Wie ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsstörung.
»Bist du sicher, dass sie die Bombe gebaut hat?«, fragte Raeseng ungläubig.
»Drei der Komponenten wurden an sie geliefert«, sagte Jeongan. »Damit ist die Sache ziemlich klar. Ich meine, was sollte sie denn tun? Sprengstoff kaufen, um ein Feuerwerk zu veranstalten? Sprengstoff vom Schwarzmarkt noch dazu?«
»Der Frau würde ich es zutrauen.«
»Da ist was dran. Sie sieht wirklich aus, als ob sie ihr eigenes Feuerwerk veranstalten würde.«
Raeseng holte eine Tablettenschachtel aus der Tasche und schluckte ein Aspirin. Er hatte jedes Mal Kopfschmerzen, wenn er in der City unterwegs war. Die Ampel sprang um, und ein Pizzabote wendete regelkonform. Der Senkel am linken Schuh des Mannes im Anzug, der Zeitung las, während er darauf wartete, dass die Fußgängerampel grün wurde, war offen. Dieser offene Schnürsenkel ging Raeseng auf die Nerven. Die Ampel sprang wieder um, und eine Reihe von Autos bog regelwidrig nach links um die Ecke. Der Pizzabote steuerte mit seinem Motorroller mitten durch das Gedränge auf dem Gehweg, als führe er einen Zirkustrick auf, und kam mit kreischenden Reifen zum Stehen. Wieder sprang die Ampel um, und jetzt überquerte der Mann mit der Zeitung die Straße, ohne zu bemerken, dass der Schnürsenkel hinter ihm herschleifte. So etwas konnte Raeseng wahnsinnig machen. Er schrieb seine Kopfschmerzen einer Überdosis an nutzlosen Informationen zu. Man brauchte lange und empfindsame Fühler, um in dieser Welt zu überleben, aber diese empfindsamen Fühler konnten nicht unterscheiden zwischen notwendigem und überflüssigem Input. Irgendwann würden ihn seine überlangen Fühler und die Beklommenheit, die zwischen ihren Spitzen vibrierten, umbringen.
»Was ist denn ihr Gebiet? Ist sie eine Bombenbauerin?«
»Schwer zu sagen. Ihre Spezialität scheint das nicht zu sein, und so, wie sie sich bewegt, ist sie auch kein Killer. Aber sie könnte möglicherweise ein Plotter sein. Ich habe sie noch nicht durchschaut.«
»Was weißt du denn eigentlich?«
»Hey, du brauchst nicht biestig zu werden«, maulte Jeongan. »Ich habe überall recherchiert und null geschlafen, um rauszukriegen, wer sie ist. Tatsache ist, nur meinetwegen wissen wir überhaupt, was wir wissen. Niemand sonst wäre so weit gekommen.«
Er hielt Raeseng einen dicken braunen Umschlag entgegen.
»Sie ist eine beunruhigend komplexe Frau«, fügte er hinzu. »Ich werde aus ihr nicht schlau, aber vielleicht schaffst du es.«
Raeseng öffnete den Umschlag. Er enthielt Hunderte Fotos und eine Akte über die Frau. Raeseng blätterte die Fotos durch. Vor ihrem Haus, in einer Gasse, im Bus, in einer Bibliothek, in einem Nightclub, im Schwimmbad, in einer Bäckerei, in einem Kaufhaus, in einem Café, auf dem Fischmarkt … Die Fotos dokumentierten lückenlos, was sie in der vergangenen Woche getan hatte. Raeseng zog eins heraus und zeigte es Jeongan.
»Was ist das?«
Die Frau stand auf einem öffentlichen Platz und hielt ein Protestschild hoch, auf dem stand: »Rettet die Koalas!«
Jeongan warf einen Blick darauf und kicherte.
»Und?«
»Vor einer Weile gab es eine internationale Tagung zum Schutz der Koalas. Sie haben vor dem Gebäude der Nationalversammlung demonstriert.«
»Und weiter?«
»Das Bild zeigt sie bei der Demonstration. Du weiß schon – »Hey, ihr Kacker, hört schon auf mit dem CO2 !« Irgendwie ging es darum, dass bei steigendem Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre der Nährwert der Eukalyptusblätter, die Koalas gern fressen, den Bach runtergeht. Sie war so rot vom Schreien, dass ich Angst hatte, sie könnte noch vor den Koalas tot umfallen.«
Raeseng starrte ihn ungläubig an. »Was für ein Haufen Blödsinn«, sagte er. »Sie hängt anderen Leuten Bomben ins Klo, aber sie will nicht, dass ein paar dämliche Koalas sterben? Was ist denn mit mir? Weniger wert als ein Koala?«
»Glaubst du, du bist mehr wert als ein Koala?«, fragte Jeongan ungerührt. »Was jetzt? Willst du sie entführen?«
Raeseng holte die Lederscheide mit dem Küchenmesser aus der Tasche. Er zog das Messer heraus, inspizierte die Klinge und schob es wieder in die Scheide.
Jeongans Kinnlade klappte herunter. »Willst du sie erstechen? Am helllichten Tag? Mir ist egal, wie viel Schiss du hast, aber das kannst du nicht machen.«
»Was bin ich? Ein Gorilla?«
»Was soll dann das Messer?«
»Du kennst das Sprichwort: ›Mit einem freundlichen Wort und einer Pistole kommst du weiter als mit einem freundlichen Wort allein.‹«
»Wer hat das gesagt?«
»Al Capone.«
»Ich nehme an, mit einem freundlichen Wort und einem Messer kommst du auch ziemlich weit.«
»Sie hat dieses Gespräch angefangen, als sie eine Bombe in meinem Klo installiert hat. Ich antworte nur mit gleicher Münze.«
Raeseng zündete sich eine Zigarette an. Die Frau telefonierte immer noch. Wenn eine Kundin hereinkam, legte sie rasch auf, wenn die Kundin ging, telefonierte sie sofort weiter. Mit wem um alles in der Welt redete sie nur? Raeseng beneidete sie plötzlich, weil sie jemanden hatte, der bereit war, sich ihr Gelaber so lange anzuhören.
»Wann hat sie Feierabend?«, fragte er.
»Um drei. Noch eine Stunde.«
Raeseng schaute auf die Uhr. Er holte einen roten Kugelschreiber heraus und fing an, die Akte der Frau zu studieren. Offensichtlich gelangweilt, klopfte Jeongan mit dem Löffel an seine Untertasse. Raeseng zog die Stirn kraus und starrte den Löffel an, der immer wieder gegen die Untertasse schlug, dass die Kaffeetasse klirrte.
»Hör auf damit, ja?«
»Du liebe Güte, so empfindlich … Das ist das Leben, Mann. Du kannst den Geräuschen nicht entkommen«, brummte Jeongan und warf den Löffel auf den Tisch. Laut scheppernd fiel er auf die Untertasse. Raeseng funkelte ihn an.
Die Kellnerin kam heraus auf die Terrasse, wo sie saßen. »Brauchen Sie was?«
»Warum? Haben Sie was, das wir gebrauchen können?«, fragte Jeongan anzüglich.
Die Kellnerin lief rosarot an. Sie trug eine schwarze Weste im Bartender-Stil zu einer weißen Bluse und einem engen schwarzen Rock.
»Möchten Sie vielleicht noch Kaffee?« Sie bemühte sich, ihre Verlegenheit zu verbergen.
»Das wäre toll!« Jeongan lachte irr.
Als sie ihre Kaffeetassen abräumte und wegging, drehte Jeongan sich um und starrte ihr nach.
»Die ist echt heiß.«
»Anscheinend hast du wieder die Spieleritis. Was ist denn mit dem letzten Mädchen passiert?«
»Mit welchem?«
»Mit der, die durch die Nase sprach.«
Jeongan runzelte die Stirn und dachte nach. »Ah! Ich erinnere mich. Ja, die ist Schnee von gestern. Genauso gut könntest du nach der Steinzeit fragen.«
»Wenn vor drei Monaten Steinzeit war, was haben wir dann jetzt? Jungsteinzeit? Wieso hältst du es nie länger als einen Monat mit einer aus?«
»Bei der war es nicht meine Schuld. Wenn sie mich küsste, lief ihr dabei die Nase. Ich war immer voller Rotze.« Jeongan zog ein Gesicht, als sei er ehrlich betrübt. Raeseng sah ihn mitleidig an und wandte sich wieder der Akte zu.
»Wenn du nette Mädels weiter so beschissen behandelst, bleibst du für immer allein.« Raeseng wandte den Blick nicht von der Akte, als er weiterredete. »Du wirst nicht jünger. Irgendwann musst du aufhören, mit deinem Stock in der Erde herumzustochern, und dir eine Stelle suchen, wo du einen Brunnen bohren kannst.«
»Ist doch egal, wo man stochert, solange es da feucht ist. Außerdem, was soll das? Bohre ich etwa nach Öl?«
Raeseng unterstrich ein paar wichtige Passagen mit seinem roten Kuli. Kopfschüttelnd blätterte er in der Akte, versuchte, sich darauf einen Reim zu machen, und warf gelegentlich einen Blick rüber auf die Frau hinter der Kasse. Während er schweigend seine Striche machte, maulte Jeongan immer weiter.
»Wer sagt denn, dass eine kurze Beziehung nicht ernst gemeint ist? Ich habe jede Frau geliebt, mit der ich zusammen war. Echt jetzt. Aber das Schicksal ist grausam, Mann. Wenn ich es mir überlege, war der Weg, den meine Liebe genommen hat, immer steil und trügerisch. Aber woher willst du wissen, was ich fühle? Du bist noch nie im Morast der Liebe versunken. Dir hat man noch nie das Herz mit der rasiermesserscharfen Klinge einer Trennung zerschnitten. Du hast keine Ahnung! Du weißt nichts von dem schmerzhaft hungrigen Herzen eines Mannes, der dazu verdammt ist, eine neue Liebe zu suchen, um die Wunden einer alten Liebe zu heilen. Von den quälenden Erinnerungen, die nicht vergehen wollen, soviel man auch trinkt oder sich an die Brust schlägt oder …«
»Ist sie Ärztin?«
»Hä? Wie oft muss ich es dir noch sagen? Das Mädchen, mit dem ich jetzt gehe, ist Krankenschwester.«
Raeseng warf ihm einen boshaften Blick zu und deutete mit dem Kinn zur Kasse. Jeongan drehte sich um und starrte hinüber.
»Oh. Ja. Die ist Ärztin.«
»Sie sieht nicht so aus. Aber sollte sie nicht im Krankenhaus arbeiten? Was zum Teufel macht eine Ärztin an einer Ladenkasse?«
»Sie hat nie wirklich im Krankenhaus gearbeitet. Sie war in irgendeinem Labor, aber da hat sie schon vor einiger Zeit aufgehört.«
»Warum?«
»Ich habe keine Ahnung. Woher soll ich wissen, was eine verkorkste Tussi sich denkt?«
»Ich habe gehört, viele Plotter sind Ärzte. Glaubst du, sie auch?«
»Soweit ich weiß, sind Plotter nicht so jung. Das sind meist ältere Männer. Der jüngste dürfte, na, Ende vierzig sein? Außerdem habe ich noch nie was von weiblichen Plottern gesehen oder gehört.«
»Soweit du weißt? Und woher weißt du so was?«
»Wie jetzt? Sind wir, du und ich, etwa gleich? Unsere professionellen Ebenen sind sehr unterschiedlich. Ich handle auf hohem Niveau mit Informationen. Du bist ein Hooligan, der Leute mit einem Sashimi-Messer sticht. Wenn wir in der Joseon-Dynastie lebten, würde ein kleiner Metzger wie du es nicht wagen, den Kopf zu heben und mir in die Augen zu schauen. Und wenn du es tätest, würde deine Leiche in eine Strohmatte gewickelt und den Geiern zum Fraß vorgeworfen. Du solltest mir ewig dankbar sein und es als eine Ehre betrachten, dass ich mich dazu herablasse, mit deinesgleichen befreundet zu sein. Aber stattdessen hackst du immer nur auf mir herum.«
Raeseng schnaubte höhnisch. »Danke, dass du mein Freund bist.«
Jeongan spreizte sich, während er sich eine Zigarette anzündete.
Jeongans Vater war Tracker, davor aber Berufssoldat gewesen. Er war als hochdekorierter Offizier aus Vietnam zurückgekommen, aber als Tracker hatte er sich als ziemlich miserabel erwiesen. Komisch war auch, dass er erst Tracker geworden war, nachdem er seine Ehefrau, die ihm weggelaufen war, rund um die Welt gejagt hatte. Jeongans Mutter hatte einfach seinen Vater ausgeschaltet, sie hatte ein paar Schlaftabletten in ein Bier getan, und dann war sie abgehauen – mit den paar won , die er dafür bekommen hatte, dass er in Vietnam sein Leben riskiert hatte.
»Eine Dame mit Klasse, meine Mutter, nicht wahr? Verlässt Mann und Sohn um der wahren Liebe willen. Wenn du liebst, guckst du nicht, was es kostet. Für mich ist die Liebe alles, worauf es ankommt. Vielleicht habe ich das von meiner Mutter geerbt …«
Jeongans Vater schwor, er werde sie und ihren Geliebten in Stücke reißen und sich dann umbringen, wenn er sie nur fände. Er suchte jeden Zollbreit des Landes nach ihr ab, und dann machte er im Ausland weiter, jagte Gerüchten hinterher und trug die ganze Zeit eine Packung Zyankali bei sich und ein Messer unter dem Hemd. Nach fünf Jahren fand er sie schließlich. Zusammen mit dem Mann, mit dem sie durchgebrannt war, führte sie eine erfolgreiche chemische Reinigung auf den Philippinen. Aber Jeongans Vater hatte nur einen Blick auf sie geworfen, dann war er nach Hause zurückgekehrt. Er erstach weder seine Frau noch ihren Geliebten. Er berührte das Messer, das er fünf Jahre lang am Herzen getragen hatte, nicht einmal. Er beging auch nicht Selbstmord mit dem Zyankali. Er näherte sich der Frau nicht einmal, die er so lange gesucht hatte. Er sagte nicht: »Wie konntest du mir das antun?« Er schaute nur von Weitem zu, wie Jeongans Mutter und ihr neuer Mann Wäsche aufhängten. Dann flog er wieder nach Hause.
»Eines Tages, als mein Alter betrunken war, hat er es mir erklärt. Er sagte, es sei das erste Mal gewesen, dass er sie so glücklich gesehen habe.«
Natürlich konnte sein Verhalten auch einen anderen Grund gehabt haben. Hass, Rachsucht, Wut, so extrem sie sein mögen, können sich wie alles andere im Universum nach und nach auflösen und verschwinden. Als Jeongan einmal wegen eines Auftrags auf den Philippinen gewesen war, hatte Raeseng ihn nachher gefragt, ob er seine Mutter dort getroffen habe. Jeongan hatte ihn verloren angeschaut.
»Wozu?«, hatte er gefragt. »Nachdem sie sich solche Umstände gemacht hat, um glücklich zu sein, soll ich da reinplatzen und ihr alles verderben? Wer immer wir sind, jeder von uns muss um sein eigenes Glück kämpfen.«
Jeongans Vater war ein drittklassiger Tracker, aber Jeongan war einer der besten. Er fand jede Zielperson – wirklich jede, vorausgesetzt, die Person lebte noch irgendwo auf der Erde und nicht etwa auf dem Mars –, und normalerweise brauchte er nicht mehr als zwei Wochen dazu. Aber so begabt er darin war, Leute zu finden, noch besser verstand Jeongan es, sie zu beschatten. In der Welt der Plotter nannte man Leute wie ihn auch »Schatten«. Sie verfolgten ihre Ziele ganz unbemerkt, machten Fotos und behielten alle ihre Aktionen im Raster, und diese Informationen verkauften sie an einen Plotter. Wie der Name schon andeutete, konnte Jeongan seinem Ziel den ganzen Tag auf den Fersen bleiben, ohne je entdeckt zu werden. Als Raeseng ihn einmal fragte, was sein Geheimnis sei, hatte Jeongan geantwortet: »Alltäglichkeit. Niemand erinnert sich je an das Alltägliche.«
Jeongan behauptete, es sei weder Flinkheit, geschickte Tarnung und Finesse noch eine ausgefallene Verkleidung, was man als Schatten brauche. Und es ginge nicht einfach darum, unsichtbar zu sein. Wirklich wichtig sei es, jemand zu sein, an den andere sich nicht zu erinnern brauchten oder der von Anfang an nichts an sich hatte, woran sich zu erinnern lohnte.
»Dazu musst du zunächst mal begreifen, was ›alltäglich‹ bedeutet. Du musst die Essenz der Alltäglichkeit werden. Die Menschen achten nicht auf alltägliche Dinge, und wenn sie es doch tun, vergessen sie sie bald wieder. Aber es ist wirklich schwierig, jemand zu sein, an den man sich nicht erinnert. Du musst bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. Dich so lautlos und undeutlich bewegen wie ein Dunstschleier, bis du nach und nach völlig verschwindest. Lass die Menschen an dir vorbeistreichen, als wärest du gar nicht da, als wärest du Luft. So jemand zu werden ist äußerst schwierig.«
»Hm.« Raeseng nickte. »Das klingt unmöglich.«
»Wenn du es dir genau überlegst, ist alltäglich zu sein genauso schwierig wie der Versuch, etwas Besonderes zu sein. Ich frage mich ständig, was alltäglich zu sein eigentlich bedeutet. Muss man durchschnittlich groß sein? Ein Durchschnittsgesicht haben? Eine durchschnittliche Persönlichkeit oder einen durchschnittlichen Job haben? Nein, so einfach ist es nicht. So was wie ein Durchschnittsleben gibt es ja nicht. Ob brillant oder mittelmäßig, jeder Mensch ist einzigartig. Darum ist es so kompliziert, auf alltägliche Weise zu lieben, auf alltägliche Weise nett zu sein, jemanden auf alltägliche Weise kennenzulernen und zu verlassen. Dazu kommt, in dieser Art von Leben gibt es weder Liebe noch Hass, weder Verrat noch Kränkung, und auch keine Erinnerungen. Es ist fade und geschmacklos, farblos und geruchlos. Ob du es glaubst oder nicht: Mir gefällt dieses Leben. Ich kann Dinge, die zu schwer sind, nicht ertragen. Darum lerne ich zu verhindern, dass Leute sich an mich erinnern. Das ist schwierig. Es steht in keinem Buch, und niemand unterrichtet es. Jeder möchte ein Leben führen, das ihn zu etwas Besonderem macht, damit andere sich an ihn erinnern. Die Alltäglichkeit, die ich hingegen anstrebe, ist ein Leben, an das niemand sich erinnert. Ich will ein Leben, das man vergisst. Darum bemühe ich mich.«
Raeseng hatte gefallen, wie das klang, und deshalb hatten sie sich angefreundet. Jeongan war hinter seinem Vater hergetrottet, hatte gelernt, wenn er Zeit dazu hatte, und die Oberschule absolviert, er war auf die Universität gegangen und hatte ein Examen in Geologie abgelegt. Nicht, weil seine Noten nicht gut genug waren, um Jura oder Wirtschaftswissenschaften zu studieren – nein, Geologie war seine erste Wahl gewesen. Er erzählte, dieses Hauptfach habe er sich ausgesucht, weil er immer, wenn ihm auf Reisen mit seinem Vater langweilig wurde, kleine Steine lutschte wie Bonbons, um ihren unterschiedlichen Geschmack kennenzulernen.
»Steine haben Geschmack?«
»Selbstverständlich. Granit und Gneis sind so verschieden wie Pflaumen und Zitronen.«
»Das soll heißen, du hast Geologie studiert, um mehr darüber zu lernen, wie Steine schmecken?«
»Sozusagen, ja, aber wahrscheinlich hätte ich stattdessen Gastronomie studieren sollen.«
Raeseng konnte sich nicht vorstellen, auf einer solchen Grundlage eine Entscheidung fürs Leben zu treffen. Aber Jeongan, den geborenen Optimisten, schien das nicht zu kümmern. Jeongan hatte die Dinge an der Uni genommen, wie sie kamen, er hatte nie geschwänzt, und er hatte sein Diplom bekommen. Aber seinen speziellen Fähigkeiten und seiner Begabung entsprechend, konnte sich hinterher keiner seiner Kommilitonen an ihn erinnern.
Jeongan hatte immer eine Freundin, ja, seine Freundinnen wechselten häufig. Ein Liebesleben wie seins wäre für jeden normalen Menschen ein Fulltime-Job gewesen.
»Wie kommt es, dass alle Mädchen dich mögen?«, fragte Raeseng.
»So ist es nicht. Tatsächlich mögen sie mich gar nicht. Kein Mädchen kann einen Mann lieben, der gar nicht existiert.«
»Ach ja? Sieh dir doch an, wie viele Freundinnen du schon hattest.«
»Die waren bloß einsam. Das ist eine vorübergehende Phase, in der sie einen Mann brauchen, der ihnen Gesellschaft leistet. Sie hätten sich auch für einen Baum oder eine Zimmerpflanze entscheiden können. Du weißt, das ist meine Spezialität: unauffällig wie eine Zimmerpflanze.« Jeongan lächelte.
Immer wenn Raeseng mit Jeongan zusammenkam, dachte er an dessen Streben nach Alltäglichkeit. Es war eine sehr ungewöhnliche Alltäglichkeit, wie bei einem Gesicht, das man überall erkennen würde und doch noch nie gesehen hatte. Jeongans Gesicht erreichte allmählich das Maß an Alltäglichkeit, das er anstrebte: Man war sicher, dass man ihm schon irgendwo begegnet war, denn irgendetwas an ihm war vertraut und nahbar. Zugleich war er so alltäglich, dass es unmöglich war, die richtigen Worte zu finden, um ihn zu beschreiben. Raeseng vermutete, dass die Sicherheit und Entspanntheit, die Frauen bei Jeongan spürten, ein Bestandteil seiner Alltäglichkeit war. Vielleicht fiel es Jeongan und den Frauen, die auf ihn standen, deshalb so leicht, eine Beziehung anzufangen und auch wieder zu beenden.
Raeseng warf einen Blick auf die Uhr: 14 Uhr 40. Die Frau telefonierte immer noch. Er wandte sich wieder der Akte zu.
»Ist Mito ihr richtiger Name?«, fragte er.
»Sieht so aus. Ihre jüngere Schwester heißt Misa.«
»Sie heißen ›Erde‹ und ›Sand‹? Ihr Vater muss einen merkwürdigen Humor haben.«
Raeseng hielt Jeongan die Fotokopie eines Zeitungsartikels unter die Nase. Er handelte von einer Familie, die einen Autounfall gehabt hatte. »Was hat das hier zu suchen?«
Jeongan nahm ihm das Foto aus der Hand. »Das war ein Unfall vor zwanzig Jahren. Ihre Eltern haben vorn gesessen. Sie waren sofort tot. Sie und ihre jüngere Schwester saßen hinten. Die beiden haben überlebt, aber ihre Schwester hat eine schwere Wirbelsäulenverletzung davongetragen und ist von der Taille abwärts gelähmt. Ihr Vater hat am Steuer gesessen – hier steht, die Unfallursache war Geschwindigkeitsübertretung unter Alkoholeinfluss. Den Reifenspuren nach muss er über hundertfünfzig Stundenkilometer schnell gefahren sein.«
»Trunkenheit am Steuer bei dem Tempo, und das mit seinen geliebten Töchtern und seiner Frau im Wagen?«
Raeseng überflog den Artikel noch einmal. Der Wagen war an einem warmen Tag im Mai ausgebrannt und schrottreif am Fuße einer acht Meter hohen Steilwand in der Nähe eines stillen Städchens auf dem Land gefunden worden. Es gab keinen Grund, weshalb der Vater betrunken so schnell gefahren sein sollte. Die Sache roch eindeutig danach, geplant gewesen zu sein. Und es musste ein ziemlich abgedroschener Plan gewesen sein. Schlimmer noch, man hatte schlampig gearbeitet. Warum nahm man sich die ganze Familie vor? Wenn der Vater das Ziel gewesen war, hätte man ihn säuberlich allein erledigen können.
»Was hat ihr Vater gemacht?«
»Er war ein hochrangiger Regierungsbeamter. Irgendwas war faul an ihm, aber ich hatte zu viel damit zu tun, sie zu beschatten, als dass ich mich auch noch darum hätte kümmern können.«
»Aber selbst wenn ein Plotter hinter dem Unfall der Familie steckt, wieso zum Teufel ist sie dann hinter mir her? Sie war elf, als das passiert ist. Und ich war kaum zwölf!« Raeseng war plötzlich wütend.
»Wieso bist du jetzt sauer auf mich? Geh einfach hin und erkläre ihr in aller Ruhe, dass du damals zwölf Jahre alt warst. Und lass dein Messer aus dem Spiel, weißt du, damit die Sache nicht gleich unfreundlich wird.«
Raeseng schaute wieder auf die Uhr. 14 Uhr 55. Sie würde jetzt jeden Augenblick Feierabend machen. Er schob die Fotos und die Akte in den Umschlag zurück, stand auf und zog sich die Kleidung zurecht. Er fühlte das Gewicht von Chus Messer in der Innentasche seiner Lederjacke. Er band seine Schnürsenkel neu und zog sie straff, damit er bereit wäre, ihr zu folgen, sobald sie heraustrat. Er konnte sie drinnen lachen sehen.
Aber um drei Uhr stand sie immer noch hinter der Theke. Sie machte nicht nur nicht Feierabend, sondern kicherte und schwatzte zehn Minuten später immer noch in das verdammte Telefon. Eine junge Frau, die aussah wie eine Teilzeitkraft, betrat das Geschäft, aber die Frau hinter der Theke machte keine Anstalten zu gehen, obwohl es inzwischen schon halb vier war. Raeseng sah Jeongan an.
»Ich dachte, du hättest gesagt, sie macht um drei Schluss.«
»Sie muss ihren Dienstplan geändert haben.« Jeongan kratzte sich am Kopf. »In der vergangenen Woche ist sie jeden Tag um drei gegangen. Sie versucht bloß, mich in ein schlechtes Licht zu rücken.«
Es war immer heikel, wenn eine Zielperson plötzlich ihre Gewohnheiten änderte. So etwas war ärgerlich und kostete Nerven, denn dann machte ein Killer häufig Fehler. Ob die Zielperson ihre Gewohnheiten änderte oder der Killer seine – in beiden Fällen nahm das nur allzu oft ein schlechtes Ende. Man macht Fehler, man hinterlässt belastende Spuren, der Plan geht schief. Und wenn ein Plan schiefgeht, stirbt der Killer. Warum? Wenn man die Ereignisse zurückverfolgt, sind es immer Kleinigkeiten. Man vergisst das Portemonnaie zu Hause, am Morgen geht das Shampoo aus, man geht durch eine Gasse, als plötzlich ein Kind mit einem Dreirad aus dem Nichts herangeschossen kommt.
Die Frau war immer noch im Geschäft. Egal. Unter keinen Umständen würde Raeseng an diesem Tag jemanden umbringen. Aber trotzdem hatte er rasendes Herzklopfen, und seine Nerven vibrierten vor Anspannung und Sorge. Sie hätte um drei Uhr herauskommen sollen. Raeseng wäre ihr gefolgt, und Jeongan hätte sie langsam mit dem Auto beschattet. Ganz in der Nähe war eine stille Seitenstraße, in der es auf einer Strecke von zweihundert Metern keine Überwachungskameras gab. Durch diese Seitenstraße ging sie immer. Raeseng hätte ihr dort auf die Schulter geklopft. Wenn er ihre Zielperson war, hätte sie ihn sofort erkannt. »Wollen wir uns irgendwo in aller Ruhe unterhalten?« Wenn sie zugestimmt hätte, wäre die Sache erledigt gewesen. Lange Erklärungen oder drohende Worte wären nicht nötig gewesen, und sein Messer auch nicht.
Raeseng und Jeongan warteten schweigend noch eine halbe Stunde. Um vier setzte Raeseng seine schwarze Sonnenbrille auf und marschierte hinüber zum Geschäft.
»He, warte!«, schrie Jeongan. »Du kannst nicht einfach mit dem Messer in der Hand in einen Supermarkt stürmen. Diese Läden sind voll von Überwachungskameras!«
»Willkommen«! Die Frau legte eine Hand auf den Telefonhörer und begrüßte Raeseng mit lauter Stimme. Sie klang fröhlich. Raeseng blieb in der Tür stehen und starrte sie an. Aber sie wandte sich ab, ohne auch nur den Eindruck zu erwecken, dass sie ihn kannte, und telefonierte weiter. Alle Kunden im Supermarkt konnten hören, was sie sagte.
»Ach, du kennst doch dieses eine Lied. Ich bin verliebt in das Mädchen meines besten Freundes, was soll ich nur tun … Ja, genau! Er hat es gesungen, als würde er gleich in Tränen ausbrechen! Und dabei schüttelte er dauernd das Tamburin, obwohl es doch eine Ballade ist! Ich hätte mich fast totgelacht … Sei still! Ich und ein Duett mit dem Kerl?! Aber dann kommt er zur zweiten Strophe und fängt echt an zu heulen, als ob es das Mädchen seines Freundes gewesen wär, das einen Hammer an den Kopf bekommen hat. Und er ist ein großer, kräftiger Typ … ich schwör’s … Was hätte ich denn tun sollen? Ich hab den Arm um ihn gelegt und ihm die Schulter getätschelt. Ich fand, das musste ich tun. Er hat den Kopf an meine Brust gelegt und versucht, so zu tun, als müsse er immer noch heulen, aber ich hab genau gesehen, wie er auf meinen Minirock geschielt hat dabei. Der Typ hat tatsächlich gedacht, das würde mich in Stimmung bringen. Und ich so: Soll das ein Witz sein? … Na ja, weißt du, ich konnte jetzt nicht mehr vermeiden, ihn zu küssen. Aber das hat dem Kerl nicht genügt … Nein, nicht, dass ich nicht wollte, ich wollte nur nicht, dass er ein falsches Bild von mir kriegt. Wir hatten ja gerade erst angefangen, miteinander auszugehen. Es wäre eine Sache, wenn wir in ein Hotel gegangen wären. Aber in eine Karaoke-Bar?! Der Typ hatte wirklich keinen Schimmer … Nein, nein, er ist nicht so übel. Ist auch irgendwie süß und scheint ganz in Ordnung zu sein … Genau, es ist wichtig, dass man nicht auf dem falschen Fuß anfängt. Wenn sie einmal falsche Vorstellungen haben, gibt es kein Zurück.«
Raeseng stand immer noch im Eingang und funkelte sie an. Endlich schaute sie zu ihm herüber. Er nahm die Sonnenbrille ab. »Warte, leg nicht auf.« Wieder hielt sie den Telefonhörer zu und den Kopf schräg, als müsse sie überlegen.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, mein Herr?«, fragte sie mit melodiöser Stimme.
»Sie kennt mich nicht«, murmelte Raeseng vor sich hin.
Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Angst oder Misstrauen. Plotter kannten die Gesichter ihrer Ziele immer, genau wie Killer ihre Ziele überall erkannten. Sobald der Plan bekannt gegeben war, konntest du gar nicht anders, als das Foto deiner Zielperson in jeder freien Minute anzustarren. Das sind die Nerven. Das Gesicht deines Ziels verlässt dich nicht, sondern schwebt wochenlang in deinem Kopf herum, noch nachdem du es eliminiert hast. Du siehst Leute auf der Straße, die genauso aussehen, und erschrickst fast zu Tode. Du hast immer wiederkehrende Albträume, in denen du ihr oder ihm begegnest. Diese Frau war keine Plotterin. Ein Killer war sie auch nicht. Wer zum Teufel war sie dann? Hatte Jeongan einen Fehler gemacht?
»Mein Herr, kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie noch einmal.
»Was? Oh. Schokolade! Wo finde ich Schokolade?« Raesengs Mund bewegte sich von allein.
»Schokolade? Da drüben, links, im zweiten Regal von oben.« Ihre Stimme klang immer noch freundlich.
Warum hatte er Schokolade gesagt? Er mochte überhaupt keine Schokolade. Er ging zu dem Regal und nahm sich zwei Schokoriegel. Weil er durstig war, nahm er auch noch einen Fitnessdrink aus dem Kühlfach. Als er die Kühlschranktür schloss, hörte er, wie sie ins Telefon sagte: »Hey, ich rufe dich zurück. Ich will dir die Einzelheiten persönlich erzählen.« Sie hatte stundenlang telefoniert – was für Einzelheiten konnte sie da noch ausgelassen haben? Das war verrückt. Er würde die Frauen nie verstehen. Er legte die Schokoriegel und den Energydrink neben die Kasse.
»Schokoladenfan, hm?«, fragte sie.
Raeseng nickte knapp; ihm war nicht nach Small Talk.
»Ich mag auch gern Schokolade, aber ich sehe, Sie kaufen zwei Snickers. Haben Sie Hot Break schon mal probiert?«
»Was?« Raeseng starrte sie an.
»Hot Break. Snickers ist für den amerikanischen Gaumen gemacht, aber Hot Break mehr was für unseren, und es klebt nicht an den Zähnen. Es bietet eine äußerst hohe Leistung für seinen Preis, aber es kostet nur halb so viel wie ein Snickers, obwohl sie den Rigel natürlich immer weiter schrumpfen lassen mussten, um den Preis zu halten, den sie vor zehn Jahren dafür genommen haben – das ist die traurige Wahrheit, aber in Anbetracht dessen, dass alles immer teurer wird, ist das vielleicht nicht so schlimm. Also, was meinen Sie? Möchten Sie eins von Ihren Snickers gegen ein Hot Break tauschen?«
Die Frau sprach so schnell, dass Raeseng nicht sicher war, ob er alles verstanden hatte. Vermutlich hatte sie ihm erzählt, ihr sei Hot Break lieber. Na und? Wen interessierte es einen Scheißdreck, ob sie Hot Break mochte oder nicht oder ob es halb so viel kostete wie ein Snickers oder nicht. Sie sollte die Klappe halten und sein Geld nehmen.
»Wie teuer ist das?« Er zeigte auf die Snickers.
»Tausend won . Hot Break kostet nur fünfhundert won .« Sie hielt fünf Finger hoch und lächelte provozierend.
Raeseng trug ein Snickers zurück und nahm sich stattdessen ein Hot Break. Er wollte die Sache gern rasch hinter sich bringen und öffnete sein Portemonnaie.
»Sie werden es nicht bedauern.« Die Frau stieß die Faust in die Luft. »Hot Break!«
»Vielen Dank.«
»Haha! Haha! Dank ist nicht nötig! Es ist wichtig, dass man wertvolle Informationen mit seinen Landsleuten teilt.« Sie lachte herzlich, als wären sie einander soeben mitten in der sibirischen Wildnis begegnet.
Als Raeseng aus dem Supermarkt kam, parkte Jeongan draußen mit laufendem Motor. Er sah besorgt aus. Raeseng öffnete die Tür und stieg ein.
»Was ist passiert?«, fragte Jeongan ungeduldig.
Raeseng warf ihm den Hot-Break-Riegel ins Gesicht. Es prallte von Jeongans Stirn ab und fiel ihm in den Schoß.
»Was ist das?«, fragte Jeongan verwundert.
»Wie sieht es denn aus? Ist ein Schokoriegel. Wird dich mit brüderlicher Liebe erfüllen.«
Jeongan runzelte die Stirn. »Du marschierst da rein, als wolltest du einen Stier mit einem Küchenmesser abstechen, und dann kommst du raus mit einem Schokoriegel?«
»Mit zwei Schokoriegeln, genau genommen.« Raeseng öffnete seinen Energydrink und nahm einen Schluck. »Sie ist kein Plotter. Und ein Killer eindeutig auch nicht. Sie hat mich nicht erkannt.«
»Nicht?«, fragte Jeongan ungläubig.
Raeseng schüttelte den Kopf.
Jeongan holte das Keramikgehäuse der Bombe heraus und betrachtete es eingehend.
»Wir wissen, das Ding wurde von einem Amateur gemacht, und das bedeutet, sie kann auch kein professioneller Bombenbauer sein. Also wer ist sie?«
»Bist du sicher , dass sie es war?«, fragte Raeseng.
»Was bin ich, ein Anfänger? Ich habe dir gesagt, sie hat mit Sicherheit drei der Komponenten bestellt.«
Raeseng schaute zu dem Supermarkt hinüber. Die Frau sprach mit der jüngeren Angestellten, die sich zum Schichtwechsel eingefunden hatte. Nach einer Weile schaute die jüngere Angestellte auf die Uhr, verbeugte sich ein paarmal vor der Frau und ging.
»Anscheinend übernimmt sie die Schicht von dem Mädel«, sagte Raeseng. »Mein Gott, die bringt heute aber auch allen den Zeitplan durcheinander.«
»Sieht so aus, was? Typisch. Warum könnten die Leute nicht bei dem bleiben, was sie tun sollen? Warum müssen sie die Pläne von allen anderen durcheinanderbringen? Darum ist unser Land so rückständig! Man braucht mehr als Autobahnen und Wolkenkratzer für ein entwickeltes Land! Als Erstes muss man die richtige Einstellung entwickeln, verdammt!«
»Was hat irgendwas von alldem mit einem entwickelten Land zu tun?« Raeseng packte seinen Schokoriegel aus und biss hinein.
Jeongan riss die Augen auf. »Hey, wieso hast du einen anderen Schokoriegel als ich?«
»Meiner ist Made in USA, deiner ist von hier. Meiner kostet tausend won , deiner fünfhundert.«
»Du verdammter …!« Jeongan zog einen Schmollmund. »Wieso kaufst du mir den billigen? Du weißt, das amerikanische Zeug ist mir lieber.«
Raeseng reichte ihm seinen Schokoriegel. Jeongan strahlte wie ein Kind, als sie tauschten.
»Du musst tiefer in ihrem Hintergrund graben. Ihr Job, ihre Eltern, das Labor, in dem sie gearbeitet hat, ihre Bankgeschäfte – alles, aber auch alles, was du findest.«
»Was denn? Du erwartest, dass ich das alles für einen beschissenen Schokoriegel mache? An welche finanzielle Ausstattung hast du gedacht? Meine Preise sind gestiegen, Freundchen! Da gibt’s diese Kleinigkeit namens ›Marktwert‹, weißt du.«
»Dein Kumpel ist in Gefahr, und du krähst hier was von ›Marktwert‹ …«
»Na schön. Ich mach’s, wenn du mich ›älterer Bruder‹ nennst. Denn ich bin viel zu human, um einen kleinen Bruder, der in Gefahr ist, im Stich zu lassen. Und seien wir ehrlich: Ich bin zwei Jahre älter als du.«
Raeseng funkelte ihn an. Als er nicht wegschaute, klopfte Jeongan ihm auf die Schulter, und sein Blick fragte: Verstehst du keinen Spaß?
»Bitte, älterer Bruder«, sagte Raeseng mit ausdrucksloser Stimme.
Jeongan schaute ihn an und tat empört. »Scheiße noch mal, wo ist denn dein Stolz?! Du bist aber leicht rumzukriegen! Sei ein Mann!«
Es war fast dunkel, als er in der Tierhandlung Katzenfutter und -snacks gekauft hatte und auf dem Heimweg war. Im Hausflur warf Raeseng einen Blick in den Briefkasten. Rechnungen und Werbung. Er wandte sich ab und wollte gerade die Treppe hoch, als er auf der untersten Stufe jemanden sitzen sah, vornübergebeugt und halb im Schlaf. Die eine Hand war verbunden, in der anderen hielt er eine Präsenttüte aus dem Kaufhaus. Raeseng beugte sich runter, um das Gesicht zu sehen. Es war Minari Pak. Raeseng packte ihn bei der Schulter und schüttelte ihn. Minari riss die Augen auf und sah sich verwirrt um. Dann gähnte er ausgiebig und stand grunzend auf.
»Was willst du hier?«, fragte Raeseng.
»Ich wollte zu dir.«
»Du hättest vorher anrufen sollen.«
»Ich dachte, ich komme einfach vorbei.«
»Dann lass uns reingehen.«
»Nein, nein, hier ist es mir recht.«
Minari schwenkte die verbundene Hand und zog eine Grimasse.
»Was machen die Finger?«
»Geht so. Ich habe sie wieder annähen lassen. Der medizinische Fortschritt heutzutage! Ich hätte nicht gedacht, dass die Ärzte das können, obwohl ich sofort mit meinen Fingern zum Krankenhaus gerannt bin, aber was soll man sagen? Sie waren im Handumdrehen wieder dran. Wie ein Eidechsenschwanz, der nachwächst. Ja … wie ein Eidechsenschwanz.«
Minari murmelte das Wort Eidechsenschwanz noch einmal leise vor sich hin, als sei er von diesem Bild selbst beeindruckt. Er drehte die verbundene Hand hin und her, um sie Raeseng zu zeigen. »Ach ja«, sagte er dann, »das hier!«, als habe er beinahe etwas Wichtiges vergessen, und reichte Raeseng die Tüte.
»Was ist das?«
»Jukbang -Anchovis. Ich weiß doch, wie gern du Bier trinkst. Und zu einem kalten Bier gibt es keinen besseren Snack als getrocknete Anchovis. Ich habe sie aus dem Kaufhaus, genau wie die, die ich für Old Raccoon gekauft habe. Aus dem klassischen Sortiment von Namhae! Sehr teuer!«
Minari war aufgeregt. Raeseng zog eine Braue hoch. Hatte Minari echt den weiten Weg gemacht, um ihm ein Geschenk zu bringen?
»Du schenkst mir was, nachdem ich dir die Finger abgeschnitten habe? Ich habe dich nicht mal im Krankenhaus besucht. Jetzt habe ich wirklich ein schlechtes Gewissen.«
»Oh, nein, nein. Das musst du nicht. Wir andern sollten ein schlechtes Gewissen haben, weil wir Old Raccoon so behandelt haben. Das war nicht richtig. Tatsächlich leben wir doch nur seinetwegen so gut. Ich weiß jedenfalls, wie gut er zu mir gewesen ist. Aber kleine Leute wie wir haben es nicht leicht. Alle schnallen sich den Gürtel enger bis ins letzte Loch, und doch ist es schwer, über die Runden zu kommen. Wir haben nicht vergessen, wo unser Platz ist oder so was, aber das Leben rückt uns immer weiter auf die Pelle.«
Minari zog eine Zigarette aus der Packung, aber er hatte Mühe, das Feuerzeug mit der linken Hand zu benutzen. Raeseng holte sein eigenes Feuerzeug raus und zündete ihm die Zigarette an. Minari nahm einen tiefen Zug und musterte Raeseng von oben bis unten.
»Was hat Old Raccoon gesagt?«, sagte er.
»Wozu? Dass ich dir die Finger abgeschnitten habe?«
»Nein, dass wir in Zukunft für Hanja arbeiten. Ich dachte mir, Old Raccoon muss das doch mittlerweile wissen. Natürlich sind wir alle selbstständig und unabhängig, jeder nimmt eigene Aufträge an, und deshalb kann ich genau genommen nicht behaupten, dass Hanja uns komplett unter seinen Fittichen hat. Trotzdem ist es mir unangenehm.«
»Und deshalb bist du hier? Um zu sehen, woher der Wind weht?«
»Nicht ganz«, sagte Minari stockend. »Das ist nur einer der Gründe.«
Minari starrte zur Straßenlaterne hinaus und rauchte seine Zigarette. Zwischendurch sah es aus, als wollte er etwas sagen, aber dann hielt er lieber den Mund. Nach einer langen Pause warf er die Zigarette auf den Boden und zertrat sie unter der Schuhsohle. Mit seiner steif gebügelten grauen Hose und den blank polierten roten Schuhen erinnerte er an einen Clown.
Er schaute Raeseng an und machte ein trauriges Gesicht. »In letzter Zeit reden die Jungs alle von einem Krieg zwischen Hanja und dem »Dog House«. Von einem richtigen Krieg, wie in alten Zeiten. Das wird unschön, wenn es nur so wimmelt von Kriminalpolizisten und Staatsanwälten, die hart durchgreifen, während die Plotter jeden ausschalten, nur um ihren eigenen Arsch zu retten. Verzweifelte Killer streunen herum wie die wilden Hunde und legen sich mit allen möglichen Leuten an. Unter solchen Umständen werden die wenigen Kunden, die ich habe, wegbleiben, und ich kann nicht mehr arbeiten. Am Ende sind die kleinen Leute wie wir die Gearschten. Raeseng, ich bin zu alt, um zwischen die Fronten zu geraten. Old Raccoon und Hanja sind hart im Nehmen und ehrgeizig. Sie werden tun, was nötig ist, um ihren Stolz zu retten. Aber was ist mit uns, die wir dabei unter die Räder kommen? Wenn wir uns auf Hanjas Seite retten, müssen wir uns vor Old Raccoon hüten. Und wenn wir auch nur einen Blick zur Bibliothek werfen, kriegen wir es mit Hanja zu tun. Wir geraten zwischen Hammer und Amboss, und ich sage dir, ich bin zu alt für so was! Ich habe Angst! Du weißt, ich bin nicht der ehrgeizige Typ. Ich versuche nur, irgendwie durchzukommen.«
»Worauf willst du hinaus?«
»Hanja will dich sehen. Triff dich mit ihm, nur einmal.«
Raesengs Augen waren nur noch Schlitze. »Und dann?«
»Du weißt, es kann keine zwei Tiger auf demselben Berg geben. Seien wir ehrlich, die Bibliothek hat keine Chance gegen Hanja. Es ist nicht wie in den alten Zeiten. Wenn ein Krieg ausbricht, sind wir alle tot. Und Old Raccoon? Der ist auf jeden Fall tot. Du und ich auch. Und Hanja kann dabei nichts gewinnen. Wir haben die ganze Zeit gearbeitet, um unsere Geschäfte aufzubauen, aber wegen dieser Präsidentschaftswahl wird jemand anders die ganzen Lorbeeren ernten.«
Raeseng warf ihm die Geschenkpackung mit den Jukbang -Anchovis vor die Füße. »Glaubst du, ein paar lausige Anchovis sind genug als Ausgleich dafür, dass du mir sagst, ich soll Old Raccoon das Messer in den Rücken stoßen?«
Minari machte ein erschrockenes Gesicht, und hastig hob er das Päckchen wieder auf. »Weißt du nicht, wie teuer die sind?«, murmelte er. Schmollend hielt er das Päckchen ans Ohr, schüttelte es und streichelte es, als wäre es eine antike Vase. Dann machte er wieder ein trauriges Gesicht. »Ich habe doch nicht gesagt, du sollst Old Raccoon verkaufen. Ich sage nur, wie die Dinge liegen. Es ist lange her, dass die Bibliothek Arbeit für uns hatte. Geschäftsleute warten nicht lange. Das weißt du. So etwas wie Loyalität gibt es in unserer Branche nicht. Alte Zeiten? Gefälligkeiten? Damit kommt man nicht weit. Die Leute gehen immer dahin, wo das Geld ist. Old Raccoon kommt in die Jahre, und er verlässt die Bibliothek nie. Deshalb weiß er nicht, wie sehr sich alles geändert hat. Wenn ein Krieg ausbricht, werden sich alle auf Hanjas Seite stellen. So weit ist es gekommen. Es wird keinen Kampf geben. Darum musst du zu Hanja gehen. Weil du die Hände und Füße von Old Raccoon bist. Wenn das Gespräch zwischen dir und Hanja gut läuft, muss es keinen Krieg geben. Old Raccoon kann sich still und leise auf dem Land zur Ruhe setzen und den Rest seines Lebens in Frieden verbringen. Und wir werden unsere Geschäfte ganz friedlich wieder in Gang bringen. So gewinnt jeder.«
Raeseng sah plötzlich den General mit seinem alten Hund Santa in seiner Berghütte vor sich. Jemand musste das Gleiche zu ihm gesagt haben, als er sich zur Ruhe gesetzt hatte: Ziehen Sie sich an einen stillen Ort auf dem Land zurück und genießen die restlichen Jahre. Das ist eine Win-win-Situation für alle . Was hatten sie damit gemeint? Blumen züchten, Kartoffeln pflanzen, einen Hund halten und die eigene letzte Ruhestätte aussuchen? Die Nachmittagssonne genießen und nur noch die Augenlider bewegen wie ein alter, kranker Elefant? Oder in ein Pflegeheim ziehen, wo die einzige Beschäftigung das langweilige Geschwätz alter Leute ist, mit denen du absolut nichts gemeinsam hast, oder endlose Kartenspiele? Oder du stiehlst Steine vom gemeinschaftlichen baduk -Brett für deine wachsende Sammlung nutzloser Dinge. Tage, die sich bis zum Erbrechen wiederholen. Bis eines Nachts der Tod wie ein Meuchelmörder in dein Zimmer geschlichen kam.
Minari Pak hielt ihm immer noch die Anchovis entgegen. Raeseng sah, wie das Päckchen in seiner Hand zitterte.
»Nimm doch«, sagte Minari. »Das klassische Sortiment.«
»Gib sie deiner Frau. Oder Hanja. Mir egal. Wie kommst du darauf, dass ich sie vertrage?«
»Wenn du weiter so stur bist, wird Hanja nichts anderes übrig bleiben, als dich zu eliminieren.«
»Ist das eine Drohung?« Raeseng starrte Minari finster an.
»Bitte mach keine Schwierigkeiten. Dieser Kampf muss nicht stattfinden. Ich sage dir das als einer, der doppelt so alt ist wie du: Jemandem in den Arsch zu kriechen ist besser, als selbst ein Arsch zu sein.«
Minari legte Raeseng die Anchovis vor die Füße, wandte sich langsam ab und ging. Raeseng starrte die Packung an. Plötzlich dachte er: Old Raccoon muss sehr einsam sein . Die Geschäftsleute, die an allen Feiertagen Geschenke in die Bibliothek gebracht hatten, zeigten ihm die kalte Schulter. Die Welt gehörte jetzt Hanja. Wie lange würde Raeseng noch leben, wenn er zu ihm ginge? Drei Jahre? Fünf? Vielleicht länger. Vielleicht sogar bis zu seinem natürlichen Ende, wenn er jetzt auf die Knie fiel und Leuten in den Arsch kroch wie Minari Pak. Na klar, gegen einen Arsch vor dem Gesicht ab und zu war nichts einzuwenden. Es war ja nicht so, als hätten Ehre und Würde ihm jemals etwas bedeutet.
Old Raccoon sagte gern scherzhaft, er habe Raeseng nur aus einem einzigen Grund aus dem Waisenhaus geholt: um jemanden zu haben, auf den er sich beim Gehen stützen könne. Das sagte er, um Raeseng zu ärgern, aber wenn Raeseng es sich überlegte, war da etwas Wahres dran.
Er war Old Raccoons Krücke gewesen, seit er elf Jahre alt war. Er holte Bücher aus den Regalen, er erledigte Botengänge auf dem Fleischmarkt, überbrachte Briefe von einem gesichtslosen Plotter, der sie ihm, verborgen hinter einer Tür, zusteckte. Und als Old Raccoons langjähriger Auftragskiller, Trainer genannt, gestorben war, hatte Raeseng auch sämtliche Mordaufträge übernommen. Wenn Raeseng sich jetzt von ihm abwendete, würde Old Raccoon ohne Krücke weiterhumpeln müssen.
»Ich schätze, das ist nicht das Schlimmste, was einem in dieser Branche passieren kann«, murmelte er.
Als Trainer vor zehn Jahren gestorben war, hatte Old Raccoon nichts unternommen. Er hatte stillgehalten trotz der Gerüchte, dass Hanja dahintersteckte. Damals lagen die Dinge anders; Old Raccoon stand noch an der Spitze, aber es gab keine Vergeltung, keine Strafe, keine Ermittlungen. Old Raccoon war nicht einmal wütend geworden, obwohl Trainer drei Jahrzehnte lang an seiner Seite gestanden hatte. Er hatte einfach Trainers Leiche gewaschen, die nach einem offensichtlich heftigen Kampf von zahlreichen Stichen übersät war, und hatte sie in aller Stille in Bears Ofen eingeäschert. Es war eine traurige Bestattung gewesen; Raeseng war der einzige Trauergast neben Old Raccoon, der Trainers Asche auf dem windgepeitschten Gipfel eines Hügels verstreut hatte.
»Wirst du nichts unternehmen?«, hatte Raeseng gefragt.
»So läuft das für Killer. Man kann nicht das Schachbrett umwerfen, weil man gerade einen Bauern verloren hat.«
So läuft das . Das waren Old Raccoons Abschiedsworte für einen Mann, der dreißig Jahre an seiner Seite gestanden hatte.
Raeseng hatte alles von Trainer gelernt. Wie man mit Schusswaffen umging, wie man ein Messer benutzte, wie man Bomben baute und entschärfte, wie man eine Sprengfalle aufstellte, wie man seine Beute aufspürte und jagte, ja, sogar wie man einen Bumerang warf. Nach dem Vietnamkrieg hatte Trainer einen Job bei einem ausländischen Unternehmen gefunden, das Söldner beschäftigte, und er war in Kriegsgebiete auf der ganzen Welt gereist. Bei seinem sanften Gesichtsausdruck fiel es schwer, ihm zu glauben, wenn er behauptete, er habe Hunderte von Menschen auf dem Schlachtfeld getötet. Und er liebte die Hausarbeit. Seinen Körpermassen zum Trotz waren seine Hände täuschend zierlich. Seine gesamte Ausrüstung hatte er selbst gemacht, alles, was er baute, war sorgfältig und präzise angefertigt, und er war ein ausgezeichneter Koch. Besonderes Vergnügen hatte ihm immer die Wäsche gemacht. An sonnigen Tagen sah man ihn unweigerlich dabei, wie er Bettzeug und Vorhänge mit der Hand wusch und im Garten auf die Leine hängte. Eine Zigarette baumelte von der Unterlippe, und sein Gesicht war der Inbegriff der Zufriedenheit, wenn er zusah, wie die Laken im Wind wehten. Dann pflegte er zu sagen: »Wenn ich mein Leben nur auch so sauber bekommen könnte.«
Ja, hätte er es nur gekonnt. Er hätte ein nettes Mädchen heiraten, Kinder großziehen und ein friedliches Familienleben führen können, er hätte kochen, putzen und waschen können, wie es ihm Spaß machte. Aber leider ist das Leben kein Bettlaken. Man kann seine Vergangenheit nicht wegwaschen, nicht seine Erinnerungen, weder Fehler noch das, was man bereut. Und so stirbt man damit. Wie Old Raccoon sagte: So lief das für Killer.
Raeseng hob das Anchovispäckchen auf und stieg die Treppe hinauf. Als er die Tür öffnete, kamen Bücherbord und Leselampe ihm entgegen, um ihn zu begrüßen, und rieben sich an seinen Waden. Raeseng füllte ihre Schalen mit der Hühnersuppe, die er in der Tierhandlung gekauft hatte. Schnurrend leckten die Katzen die Suppe auf. Er streichelte ihnen über den Kopf.
»Habt ihr eine Ahnung, wie schwer es eure Schwestern auf der Straße haben? Wenn ich euch vor die Tür jage, werdet ihr Angsthasen nicht mal eine Woche überleben. Es ist die Hölle da draußen.«
Das Katzencafé hieß »Katzenliebe«.
Als Raeseng sich hinsetzte, fingen Bücherbord und Leselampe in ihrem Tragekäfig an zu miauen. Er öffnete den Riegel, aber sie warfen nur einen Blick auf die paar Dutzend Katzen, die im Café umherstreiften, und kamen nicht heraus. Die Cafébesitzerin brachte ihm eine Tasse Kaffee.
»Oooh, sieh mal, wer uns da besuchen kommt! Sind das Bücherbord und Leselampe?«, fragte sie begeistert.
Seine Katzen freuten sich offensichtlich, sie zu sehen. Schnurrend kamen sie aus dem Korb. Alle Katzen schienen diese Cafébesitzerin auf der Stelle zu mögen. Was war ihr Geheimnis? Nach ihrer Heirat hatte sie angefangen, mehr als zwanzig Katzen in ihrer Wohnung zu halten. Aber dann waren es immer mehr geworden. Ihr Mann hatte das nicht ausgehalten und ihr gesagt, sie müsse sich entscheiden: er oder die Katzen. Da hatte sie sich einfach scheiden lassen und war ausgezogen. Bei den Versammlungen der Katzencafé-Mitglieder lachte sie und erzählte die Geschichte immer wieder. »Ist das zu glauben? Er hat mich gezwungen, mich zu entscheiden! Ha!«
»Endlich haben Sie sie einmal mitgebracht, nachdem ich Sie so lange darum gebeten habe!«, rief die Cafébesitzerin. »Gibt es einen besonderen Anlass?«
Raeseng zog einen Umschlag aus der Jackentasche und reichte ihn ihr. Sie schaute ihn erstaunt an und nahm zwei Eine-Million-won -Schecks heraus.
»Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie auf die beiden aufpassen könnten«, sagte Raeseng. »Vielleicht nur für kurze Zeit, vielleicht aber auch für sehr lange. Es ist sogar möglich, dass ich überhaupt nicht mehr zurückkomme.«
»Wollen Sie eine weite Reise machen? Ins Ausland?«
»Nicht so weit, aber ich weiß nicht genau, wo diese Reise enden wird.«
Sie nickte, als habe sie verstanden, was er meinte. »Wir alle haben ab und zu eine dunkle Phase«, sagte sie und gab ihm den Umschlag zurück. »Ich verstehe, was Sie durchmachen, aber das hier ist nicht nötig. Ich kümmere mich auch so um Ihre Katzen, bis Sie zurückkommen.«
»Da Sie verstehen, was ich durchmache, nehmen Sie bitte das Geld.«
Er senkte flehentlich den Kopf. Der Umschlag lag zwischen ihnen mitten auf dem Tisch.
Sie schaute ihn an, und nach einer langen Pause nickte sie. »Als ich in Ihrem Alter war, bin ich auch mal sehr weit weg gewesen. Ich war so weit weg, dass ich dachte, ich könnte nie mehr zurück. Aber wenn man dann schließlich zurückkehrt, wird einem klar, dass man nicht annähernd so weit weg war, wie man befürchtet hat.«
Raeseng tätschelte Bücherbord und Leselampe, und die beiden schnappten verspielt nach seinen Händen. Anscheinend fühlten sie sich hier schon ganz wie zu Hause. Er stand auf und verabschiedete sich von der Besitzerin.
»Viel Glück«, sagte sie.
»Danke.«
Er streichelte die beiden Katzen noch ein letztes Mal, und zögernd verließ er das »Café Katzenliebe«.
Raeseng fuhr mit dem Taxi zum L. Life Insurance Building in Gangnam. Hanjas Büros lagen im siebten, achten und neunten Stock. Es ging das Gerücht, hier seien ungefähr siebzehn verschiedene Firmenadressen registriert. Und als wäre es nicht schon Ironie genug, dass die nationale Nummer eins der Morddienstleister seine Büros unverschämterweise im Gebäude einer Lebensversicherung angesiedelt hatte, unterhielt dieser Morddienstleister unter seinem Dach auch noch einen Bodyguard-Service und eine Sicherheitsfirma. Aber ganz so, wie ein Impfstoffhersteller, der vor dem Bankrott steht, am Ende nicht überlebt, weil er den besten Impfstoff der Welt herstellt, sondern indem er das schlimmste Virus der Welt züchtet, brauchen Bodyguard- und Security-Firmen den übelsten Terroristen der Welt, nicht den besten Sicherheitsexperten. Das war Kapitalismus. Hanja wusste, dass die Welt sich drehen und sich selbst in den Schwanz beißen konnte wie die Schlange Ouroboros. Und er wusste, wie man diese Erkenntnis ins Geschäftsleben übertrug, damit sich Einkünfte und Ergebnisse die Waage hielten. Es gab kein besseres Geschäftsmodell, als Virus und Impfstoff gleichzeitig zu besitzen. Mit der einen Hand verteilte man Angst und Instabilität, mit der anderen garantierte man Sicherheit und Frieden. Ein Geschäft, das niemals scheitern konnte.
Raeseng fuhr mit dem Aufzug in den siebten Stock. Hanjas Büro lag im neunten, aber um hinzukommen, musste man auf der siebten Etage aussteigen und wie am Flughafen durch einen Metalldetektor treten. Als Raeseng hindurchging, kreischte ein Alarm los. Eine Angestellte im schwarzen Anzug kam zu ihm. Sie hielt einen Detektor in der Hand. Nach einer höflichen Begrüßung bat sie ihn, die Arme zu heben. Er gehorchte. Kaum kam der Detektor in seine Nähe, fing er an zu piepsen. Raeseng schob die Hand in seine Innentasche, zog die Lederscheide mit Chus Henckels-Messer heraus und legte sie auf den Tisch. Die Frau schaute ihn erschrocken an.
»Ich habe mir gerade was gekocht, bevor ich losgegangen bin. Offenbar habe ich vergessen, es wegzulegen. Ich bin so verdammt geistesabwesend.« Er lächelte.
Die verdatterte Angestellte warf einen Blick hinter sich, und ein stämmiger Security-Mitarbeiter kam heran. Er trug einen Taser und eine Tränengaspistole am Gürtel.
»Gibt’s ein Problem?«
Er kniff die Augen zusammen und musterte Raeseng von Kopf bis Fuß. Die Art, wie seine Uniform sich über den Speckrollen spannte, erinnerte Raeseng an eine Packung Cocktailwürstchen. Er hatte die Figur eines Nightclub-Rausschmeißers, und seine Schultern waren angespannt. Raeseng hatte fast Mitleid mit ihm, als er ihm Hanjas goldumrandete Visitenkarte gab.
»Haben Sie einen Termin?«
»Nein.«
»Was soll ich sagen, wer Sie sind?«
»Sagen Sie ihm, ich komme aus dem ›Dog House‹.«
Nach kurzem Warten kam eine Frau zu ihm und stellte sich als Hanjas Sekretärin vor. Sie wirkte geschliffen und intellektuell, und sie führte ihn zu einem einzelnen Aufzug, der nur in den drei von Hanja gemieteten Etagen hielt. Im neunten Stock stiegen sie aus und gingen in einen Raum, der als »VIP Lounge« bezeichnet wurde.
Er nahm Platz, und die Sekretärin fragte in geschäftsmäßigem Ton: »Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen? Tee, Kaffee, Wasser? Wir haben auch Alkohol, wenn Ihnen das lieber ist.«
»Nein, danke. Ich hatte etwas, bevor ich hergekommen bin. Ist das hier ein Nichtraucherraum?«
Er sah sich um und fand keinen Aschenbecher.
»Der Vorschrift nach ja. Das ganze Gebäude ist eine Nichtraucherzone.«
Raeseng runzelte die Stirn, und sie lächelte verstohlen. Ihr Tonfall wurde sanfter, als sie hinzufügte: »Aber Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden.«
»Würden Sie mir in dem Fall denn einen Aschenbecher bringen?«
»Es wird ungefähr eine halbe Stunde dauern, bis der Boss mit Ihnen sprechen kann. Möchten Sie so lange warten?«
»Ja, das ist okay.« Er nickte.
Als der Aschenbecher da war, zündete Raeseng sich eine Zigarette an und schaute sich in aller Ruhe in dem großen Raum um. Hanjas Vorliebe für alles Makellose entsprechend gab es keinen Raumschmuck außer einem einzigen Gemälde an der Wand. Raeseng nahm den Aschenbecher in die Hand und trat ans Fenster, um hinauszuschauen. Auf allen zehn Fahrstreifen des Teheran Boulevard stauten sich die Autos. Es war seltsam: die luxuriösen Räumlichkeiten eines Mordservice-Providers mitten im Herzen der Republik Korea. Die Tatsache, dass Hanjas Büro in dieser Straße mit ihren himmelhohen Mieten lag, bedeutete, dass das ökonomische Zentrum des Landes einen verzweifelten Bedarf an Auftragsmördern hatte.
Raeseng war bei seiner dritten Zigarette, als Hanja endlich hereinkam.
»Entschuldige bitte. Du hättest wirklich vorher anrufen sollen. Dann hättest du nicht zu warten brauchen.«
Hanjas Versuch, sich zu entschuldigen, wirkte eher einschüchternd als nachsichtheischend. Er setzte sich auf die Couch, und seine Sekretärin kam wieder herein.
»Möchtest du nichts? Ich trinke jetzt was. Ich kriege nicht jeden Tag Besuch von einem so besonderen Gast.«
Hanja klang beschwingter als sonst. Seine Sekretärin schaute Raeseng an, und der zögerte. Diese merkwürdige Gastfreundschaft bereitete ihm Unbehagen.
»Haben Sie Jack Daniel’s?«, fragte er die Sekretärin.
Sie nickte.
»Den nehme ich auch«, sagte Hanja. »On the rocks.«
Als die Sekretärin gegangen war, sah Hanja sich nervös im Zimmer um, als rechnete er damit, dass noch jemand da wäre. Er tat so, als sei das nur Aufregung, eine Folge seiner Hochstimmung, aber das klappte nicht. In Anbetracht dessen, dass sie auf seinem Territorium waren, wo er alles zu bestimmen hatte – wer oder was konnte da hinter ihm her sein? Raeseng wäre plötzlich vor Neugier fast gestorben. In verlegenem Schweigen saßen sie da, bis die Sekretärin mit den Drinks kam.
»Ich bin wirklich froh, dass du hier bist. Ich hatte schon befürchtet, du würdest nicht kommen.«
Hanja hob sein Glas, um ihm zuzuprosten, aber Raeseng erwiderte die Geste nicht. Hanja schaute sein einsames Glas an, das er in die Höhe hielt. Verlegen trank er einen Schluck.
»Worauf hast du es abgesehen?«, fragte Raeseng. »Auf das ›Dog House‹? Old Raccoons Leben?«
Hanja legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Was soll ich mit einer muffigen Bibliothek voller Secondhandbücher? Oder auch mit dem Leben eines hinfälligen alten Mannes?«
»Alle sagen es.«
»Zum Teufel mit diesen erfundenen Gerüchten.«
Hanja hob sein Glas und trank. »Weißt du, Old Raccoon hat mir beigebracht, niemals jemanden zu töten, wenn ich nicht anständig bezahlt werde. Das ist eine Weisheit, die alle Unternehmer sich hinter die Ohren schreiben sollten. Ehre, Treue, Freundschaft, Loyalität, Rache, Liebe, das Wahren des Gesichts – auf all diese Gründe kommt es nicht an, denn kein anständiger Unternehmer wird jemanden umbringen, wenn es dabei nichts zu verdienen gibt. Aber was sollte es mir einbringen, wenn ich Old Raccoon umbringe? Ich meine, sicher würde etwas Gutes dabei herauskommen. Weniger Kopfschmerzen, zum Beispiel. Aber alles in allem, und wenn man es genau durchrechnet, springt dabei für mich nichts heraus. Vielleicht wünscht Old Raccoon mir das, aber ich bin nicht dumm.«
»Deine Rechnerei interessiert mich nicht.«
»Das sollte sie aber. Dich umzubringen würde mir einen hübschen Profit einbringen. Oder deinen Buddy Jeongan.« Hanja trank sein Glas leer.
»Ich hatte keine Ahnung, dass ich so wertvoll bin.« Raeseng nippte an seinem Whisky. Das ausgeprägte Aroma des Jack Daniel’s flutete seine Nase.
Hanja lächelte spöttisch. »Mach dir keine falschen Vorstellungen, du bist es nicht. Du bist nur in einer einzigartigen Position.«
»In welcher denn?«
»Das große Geld ist in der Politik zu machen. Aber die alten Knacker, die da die Strippen ziehen, weigern sich, irgendjemandem außer Old Raccoon zu trauen. Sie empfinden so was wie Nostalgie, wenn es um die Bibliothek geht. Vielleicht haben sie auch kein Vertrauen zu irgendetwas, das weniger als hundert Jahre alt ist. So oder so ist es ein Witz. Seit wann interessiert sich ein Unternehmer für Tradition? Aber so sind alte Männer. Sie sind argwöhnisch, und sie hassen Veränderungen. Das ist frustrierend, aber was willst du machen? Es ist die Realität. Was ich folglich brauche, ist ein toter Zhuge Liang.«
Raeseng schaute ihn fragend an.
»In der Schlacht auf der Wu-Zhang-Ebene«, erklärte Hanja. »Als General Zhuge tot war, schnitzte seine Armee eine Holzfigur, die aussah wie er, und damit täuschten sie Sima Yis Armee, sodass alle dachten, er lebe noch, und die Flucht ergriffen. Aber ein lebender Zhuge Liang ist zu viel. Man weiß nie, was er tun wird. Wenn Old Raccoon einfach still und brav in seinem ›Dog House‹ sitzen bliebe, würde ich mich nicht beklagen. Da du und ich in der Bibliothek aufgewachsen sind, liegt es nahe, dass wir beide das Vermächtnis des alten Furzes weiterführen. Es ist ja auch ein nettes kleines Geschäft. Das Problem ist, dass du ihn nicht in Frieden ruhen lässt.«
»In Frieden … ruhen.« Raeseng wiederholte langsam Hanjas Worte.
»Du bist seine Hände und seine Füße. Und Jeongan, diese Pfeife, dient ihm als Augen und Ohren. Jeongan bringt dem Alten seine Informationen – er ist wie eine Spatzenmutter, die dem Spatzenbaby die Würmer in den Schnabel stopft –, und du rennst rum und wischst ihm den Arsch ab. Ich will ehrlich sein. Ich habe mich ziemlich darüber geärgert, dass du den alten General in einer Urne zurückgebracht hast.«
»Und?« Raesengs Miene verdüsterte sich.
»Und?« Hanja verzog höhnisch den Mund. »Und Old Raccoon umzubringen bringt mir geschäftlich nichts ein, aber gleichzeitig kann ich nicht zu Ende bringen, was ich angefangen habe. Was soll ich tun? Es ist wirklich tragisch, aber ich muss einen Einschnitt machen. Manchmal muss man, um den Körper am Leben zu erhalten, einen Teil davon abtrennen. Zum Beispiel eine Hand, einen Fuß oder … ein Ohr.«
»Hast du deshalb Trainer umgebracht?«
Hanja wurde rot. Er schwieg einen Moment und strich sich über das Kinn. »Anscheinend kapierst du immer noch nicht, worüber man reden darf und worüber nicht.«
Er wollte noch mehr sagen, aber dann ließ er es bleiben, bediente die Gegensprechanlage und bat seine Sekretärin, ihm noch ein Glas Whisky zu bringen. Sie kam herein, stellte das neue Glas hin und nahm das leere mit. Er trank einen kleinen Schluck.
»Ich weiß, du hast mich auf dem Kieker deswegen. Er war wie ein Vater für dich und wie ein älterer Bruder für mich. Alles, was ich weiß, habe auch ich von Trainer gelernt. Aber die Welt ist viel komplizierter, als du glaubst. Wir müssen tun, was wir können, um an diesem unverständlichen Ort zu überleben.«
»Mir ist egal, was für eine Welt dies ist. Was bringt es ein, Familienmitglieder umzubringen? Dass du dir ein schickes Büro leisten kannst?«
Hanja funkelte ihn wütend an. »Erzähl mir nicht, dass du wirklich glaubst, wir wären eine Familie. Wer ist denn da verwandt? Du und Old Raccoon? Ich und Old Raccoon? Fuck , das ist doch ein Riesenwitz. Du weißt genauso gut wie ich, dass wir nur seine Krücken waren, die er benutzt und wegwirft. Du siehst verwirrt aus, und deshalb will ich versuchen, dir die Sache zu erklären: Wenn du in dieser Minute erstochen und zu Bear gekarrt würdest, würde Old Raccoon nicht mit der Wimper zucken. Er würde sich einfach eine neue Krücke suchen. Das habe ich vor zwanzig Jahren gelernt. Aber du Wunderknabe hast es immer noch nicht kapiert.«
Er trank wieder einen kleinen Schluck, und Raeseng starrte ihn finster an. Hanja drehte sich zum Fenster um. Er sah verärgert aus; das Gespräch lief nicht so, wie er es gehofft hatte. Die Sprechanlage summte.
»Okay. Sagen Sie ihm, ich bin in zehn Minuten da.«
Er drückte die Aus-Taste. Raeseng zündete sich eine Zigarette an. Hanja sah auf die Uhr.
»Das ist B, aus der Nationalversammlung. Sein idiotischer Sohn ist dauernd in Schwierigkeiten, aber diesmal hat der Bengel gekriegt, was er verdient. Er hat ein Mädchen in einem Hotelzimmer eingesperrt und versucht, ihr seinen Schwanz gewaltsam in den Mund zu schieben, aber da hat sie reingebissen. Hat die Zähne so tief hineingeschlagen, sagt er, dass das Ding kaum noch an einem Hautfetzen hing. Hat sie gut gemacht. Ich schätze, ein Schwanz ist nicht so leicht wieder anzunähen wie Finger.« Er warf Raeseng einen boshaften Blick zu und fuhr fort: »Vor ein paar Tagen kam B zu mir und heulte mir vor, wie seinem kleinen Liebling, seinem Augenstern, dem einzigen Sohn des einzigen Sohnes eines einzigen Sohnes, der Schwanz abgebissen worden sei – und damit alle Hoffnung darauf, dass er den Namen der Familie weitertragen könne. Er griff nach meiner Hand und erklärte, ich sei der Einzige, der die Sache in Ordnung bringen könne. Das war so peinlich! Wie du gesagt hast, ich habe dieses elegante Büro im Herzen von Gangnam, und anscheinend führe ich ein gutes Leben. Aber die Wahrheit ist: Was kann ich tun? Wenn ich über die Runden kommen will, muss ich ihm helfen, seine Wunden zu lecken. Wenn ein Abgeordneter der Nationalversammlung der Republik Korea seine schmutzige Wäsche hier vor mir ausbreiten kann, wie kann ein bescheidener Unternehmer wie ich es dann wagen, zu sagen: ›O nein, ich könnte niemals so tief sinken.‹ Ich hätte zu viel Angst! Mein Leben ist nicht anders als das aller anderen. Deshalb solltest du deinen Stolz runterschlucken und dich mir anschließen. Du wirst am Leben bleiben, dein Freund Jeongan wird am Leben bleiben, und gottlob werde ich auch am Leben bleiben. Ich verlange nicht viel von dir. Bleib einfach in der Bibliothek, aber ruf mich an, wenn Arbeit hereinkommt.«
Hanja schaute Raeseng fest in die Augen. Raeseng paffte an seiner Zigarette und schwieg. Hanjas Lächeln verschwand langsam, und seine Gesichtszüge verhärteten sich.
»Die Wahl steht vor der Tür«, sagte er. »Die Situation ist heikel. Alle rennen herum und versuchen, sich ihren Anteil zu sichern. Da kann es zu tödlichen Fehlern kommen. Wusstest du, dass die D Group mehr als zwanzig Tochtergesellschaften hat und die Staatsanwaltschaft trotzdem nicht mal sechs Monate gebraucht hat, um alles auseinanderzunehmen? Und ihr einziges Verbrechen bestand darin, dass sie sich geweigert haben, eine politische Partei im Wahlkampf zu unterstützen. Wenn also Leute wie wir einen Fehler machen, sind wir tot und zerlegt, bevor wir auf dem Boden landen. Bei dem bloßen Gedanken daran kriege ich Kopfschmerzen. Also hör auf, die Dinge kompliziert zu machen. Ich will dich nicht umbringen, aber wenn du dich weiter widersetzt, bleibt mir nichts anderes übrig.«
»Wir wissen immer noch nicht, wer am Ende ein Messer im Leib hat«, sagte Raeseng lahm.
»Da hast du recht. Das wissen wir nicht. Aber du kannst in diesem Geschäft nicht arbeiten, wenn du nicht darauf vorbereitet bist, irgendwann abgestochen zu werden. Bist du vorbereitet?«
Die Sprechanlage piepte wieder. »Bin gleich da«, sagte Hanja und drückte auf Aus. »Ich muss jetzt gehen. Benimm dich. Und sag deinem Freund Jeongan, was ich gesagt habe.«
»Hast du mir eine Bombe ins Klo gehängt?«
Raeseng stellte seine Frage, als Hanja schon im Begriff war zu gehen. Hanja drehte sich um und sah ihn verwirrt an. Eine Sekunde später hatte er begriffen, und sein Gesicht verriet verletzten Stolz.
»Sehe ich aus, als hätte ich Zeit, meine Hand in dein dreckiges Klo zu stecken?«
Hanja schloss die Tür hinter sich. Raeseng setzte sich und rauchte seine Zigarette zu Ende. Zu viele Gedanken gingen ihm auf einmal durch den Kopf. Er drückte die Zigarette aus und fuhr mit dem Aufzug hinunter in die siebte Etage. Die Frau in dem schwarzen Anzug nahm Chus Henckels-Messer aus dem Fach und gab es ihm zurück. Die Packung Cocktailwürstchen starrte ihn an und bemühte sich, tough auszusehen. Raeseng schaute auf Chus Messer hinunter, und Scham drückte ihm die Schultern nieder. Er steckte das Messer in die Tasche, fuhr mit dem Aufzug nach unten und lief aus dem Gebäude. Er konnte nicht schnell genug wegkommen.
Raeseng fuhr nach Hause. Aber Leselampe und Bücherbord waren nicht mehr da, um sich an seinen Waden zu reiben. Einen Augenblick lang blieb er in der Tür stehen und schaute sich mit ausdrucksloser Miene im Apartment um. Außer den beiden Katzen fehlte nichts, und trotzdem kam ihm die Wohnung leer vor. Er zog die Schuhe aus und trat ein. Die leeren Katzennäpfe standen unter dem Tisch. Er starrte sie an, und dann öffnete er den Schrank, nahm das Katzenfutter heraus und füllte die Näpfe bis zum Rand.
Er beschloss, sich ein Bad einzulassen. Er hatte nicht viel getan, aber er war erschöpft, und seine Glieder fühlten sich an, als wären sie mit einem Hammer zerschlagen worden. Er sah zu, wie der Dampf aus der Wanne emporstieg, und fühlte sich hilflos und nutzlos. Als wäre er ein Zahnrad, das eine Uhr ausgespuckt hatte, ein Zahnrad, das einmal ein integraler Bestandteil des Uhrwerks gewesen war und jetzt plötzlich in den komplexen inneren Mechanismus hineinstarrte, der ohne es weiter tickte.
Jedes Mal, wenn Raeseng von einem Auftragsmord nach Hause kam, fühlte er sich so träge. Er hatte keine Ahnung, warum. Es war kein Schuldgefühl und auch kein Missfallen und kein Selbsthass. Es war Trägheit, schlicht und einfach. Das überwältigende Gefühl, er könne nicht länger für irgendjemanden verantwortlich sein, und für sich selbst schon gar nicht. Alles kam ihm zu schwer vor – mit anderen zu schwatzen und zu lachen, sich mit Frauen zu treffen und Dates mit ihnen zu haben, sich mit einem Hobby zu befassen, ein Modellboot zu bauen oder auch nur ein Essen zu kochen. Das einzige Leben, das er bewältigen konnte, bestand darin, Dose um Dose Bier zu trinken, bis er betrunken war, mit unscharfem Blick aus dem Fenster zu stieren oder auf dem Bett zu liegen und die Muster von Decke und Wandtapete zu betrachten, bis der Hunger unerträglich wurde, und er aß, was immer er im Kühlschrank fand, bevor er einschlief. »Das ist nur natürlich«, murmelte er matt. Wirklich merkwürdig wäre es, wenn jemand, der seinen Lebensunterhalt mit dem Ermorden anderer verdiente, sich dadurch frisch belebt fühlen würde.
Als er im heißen Bad lag und zusah, wie das Kondenswasser die Decke beschlagen ließ, dachte Raeseng über Hanjas, Raccoons und Minari Paks Kalkulationen nach. Jeder hatte seine eigene, spezielle Art der Buchführung. Selbst die kleinen Geschäftsleute auf dem Fleischmarkt, die Entbehrlichen und die abgewrackten Berufsmörder, die so tief gesunken waren, wie man nur sinken konnte – sie alle liefen herum und folgten ihren eigenen privaten Berechnungen. Ob ihre Zahlen stimmten oder nicht, letzten Endes basierten all ihre Ambitionen, ihre Handlungen, Drohungen und Morde auf ihrer eigenen Mathematik.
Raeseng fischte eine Handvoll Seifenblasen auf, die in der Wanne schwammen, und fragte sich, wie Old Raccoons Mathematik wohl aussehen mochte. Ihm leuchtete sie nicht ein.
Er tauchte den Kopf unter Wasser und fing an, die Leute zu addieren, die er bisher umgebracht hatte. Dabei erfasste ihn das Gefühl des Untergangs und setzte sich in ihm fest wie ein übler Geruch.
Jeongan kreuzte gegen Mitternacht auf. Die Türglocke weckte Raeseng aus dem Tiefschlaf. Mit halb geschlossenen Augen öffnete er die Tür. Jeongan sah verärgert aus.
»Du schläfst? Muss schön sein. Inzwischen hüpfe ich mitten in der Nacht durch die Gegend wie ein Frosch in der Bratpfanne.«
Er kam herein und sah sich in der Wohnung um. »Bücherbord! Leselampe! Kommt schon her mit euren blöden Namen. Ich weiß, ihr habt euch danach gesehnt, den hübschen Onkel wiederzusehen, und hier bin ich!«
Jeongan spähte in den Katzenturm, unter die Couch und hinter die Vorhänge. »Wo stecken die Mädels denn? Warum sind sie plötzlich so schüchtern?«
»Ich habe sie weggegeben.«
»Wohin?«
»Dahin, wo sie es besser haben als hier.«
»Wo könnten sie es denn besser haben als in den Armen ihres liebevollen Herrchens?«
»Wenn man mich auf der Straße ersticht, werden sie verhungern.«
Jeongan starrte Raeseng entsetzt an und lachte dann. »Du Idiot! Niemand wird dich … Keine Sorge. Dein älterer Bruder hat soeben eine sehr gründliche Recherche abgeschlossen.« Er zog einen dicken braunen Umschlag aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tisch.
»Hast du mal von Dr. Kang Jigyeong gehört?«, fragte Jeongan.
»Dem Rechtsmediziner?«
»Ja, er hat lange Zeit im Staatlichen Forensischen Institut gearbeitet. Es stellte sich raus, dass er ein Plotter war. Ich habe mich bei ihm immer gefragt. Wenn ich sein Bild in der Zeitung sah, hatte ich immer ein komisches Gefühl.«
»Warum?«
»Dieses Institut hatte eine beunruhigende Geschichte. Damals, als all diese schwachsinnigen Militärs an der Macht waren, brauchte man kein Komplott, man brauchte nur eine Unterschrift.«
»Eine Unterschrift?«
»Sie brauchten keine schicken Plotter, denn sie brauchten nur den Rechtsmedizinern Honig ums Maul zu schmieren und sie zu überreden, ihnen gefälschte Totenscheine zu unterschreiben. Das staatliche Amt für Sicherheitsplanung konnte so viele Leute zusammenschlagen, wie es wollte, denn solange der Rechtsmediziner auf dem Obduktionsbefund als Todesursache ›Selbstmord‹ angab und eine Unterschrift daruntersetzte, war der Fall abgeschlossen. Sie hatten ein ziemlich entspanntes Leben, verglichen mit den Plottern von heute, die ausflippen, wenn sie auch nur die geringste Spur hinterlassen. Jedenfalls, so kamen diese Leute in die Branche. Anfangs blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Unterlagen zu unterschreiben, weil sie an ihre Frauen und Kinder denken mussten und das Militär so mächtig war. Aber wenn sie erst da hineingezogen worden waren, sanken sie immer tiefer. Glaubst du, die Unternehmer lassen sie einfach davonspazieren? Du weißt doch, wie die sind.«
»Aber was ist mit diesem Dr. Kang?«
»Diese Frau, Mito, war seine Laborassistentin.«
Raeseng nickte. »Verstehe.«
»Du verstehst? Aber das ist die Antwort. Mit wem, glaubst du, würde ein Spitzenmann wie Dr. Kang arbeiten? Mit Minari Pak? Wer’s glaubt. Mit Hanja würde er arbeiten oder mit Old Raccoon. Aber jetzt, wo Old Raccoon praktisch im Ruhestand ist, halte ich es für wahrscheinlich, dass er Hanjas Plotter war.«
Raeseng zündete sich eine Zigarette an. Was Hanja oder Old Raccoon anging, war er nicht überzeugt. Außerdem waren er und dieser Dr. Kang einander noch nie begegnet. Und selbst wenn – warum sollte ein Plotter von seinem Standing sich die Mühe machen, eine Bombe im Klo eines bescheidenen Killers zu platzieren?
»Was treibt Dr. Kang in letzter Zeit?«, fragte Raeseng.
»Er ist tot.«
»Tot?«
»Ja, und es heißt, es war Selbstmord. Ist das zu glauben? Einer, der sein Leben lang Morde als Selbstmorde hat durchgehen lassen, dreht sich um und begeht selber Selbstmord. Verdächtig, was?«
»Wie ist er denn gestorben?«
»Vom Dach gesprungen. Oder jemand hat ihn runtergeworfen. Er wog über hundert Kilo, also muss es ein ziemlich starker Jemand gewesen sein.«
Jeongan reichte ihm einen Stapel Fotos vom Schauplatz des Unfalls. Ein übergewichtiger Mann lag ausgestreckt auf dem Boden wie ein nasser Tonklumpen. Sein Schädel war zerschmettert, und die rechte Schulter und der Hals waren so schlimm gebrochen, dass der Kopf nach hinten gedreht war. Das dunkle Kirschrot der Blutpfütze, in der er lag, hob sich von dem harten Weiß des Laborkittels ab, den er bei seinem Tod getragen hatte. Merkwürdiger war, dass auf dem getrockneten Blut ein einzelner Pantoffel lag.
»Er ist nur fünf Stockwerke tief heruntergefallen, aber was für eine Sauerei«, bemerkte Jeongan. »Aber je schwerer sie sind, du weißt ja … Er hatte einen guten Appetit für einen, der den ganzen Tag Autopsien machte. So groß ist er ja nicht, also muss er sich ganz schön vollgestopft haben. Er hätte ein bisschen auf seine Ernährung achten sollen.«
»Woher hast du die Fotos?«
»Woher wohl? Von den Bullen. Die Bullen sind heutzutage nett zu den Leuten.«
»Er hat sich in Pantoffeln umgebracht.«
Raeseng legte den Kopf schräg. »Die amtliche Todesursache war Selbstmord?«
»Du weißt, wie die Bullen sind. Sie tun das Notwendigste, um sich das Leben nicht unnötig schwer zu machen. Außerdem hat er ein Testament hinterlassen, und es gab keinen Hinweis auf Mord.«
»Was stand im Testament?«
Jeongan blätterte in den Papieren und nahm ein einzelnes fotokopiertes Blatt heraus.
»Es tut mir leid um all die Leben, die ich zerstört, und die Menschen, die ich verletzt habe. Ich schäme mich dafür« , las er.
»Eine Gewissenskrise?«, fragte Raeseng.
»Der Kerl hatte nie ein Gewissen. Die Leute bei seiner Beerdigung sahen aus, als ob sie feierten. Wie bei einer Hochzeit.«
Raeseng zog an seiner Zigarette. Plotter wurden manchmal zu Zielen. Sie machten Fehler, genau wie Killer. Sie hinterließen Spuren, sie wurden erwischt. Aber sie wurden immer in aller Stille eliminiert. Denn anders als Killer, die nie irgendwelche Informationen weitergeben konnten, so tief man auch grub, kam mit einem Plotter, der wieder an die Oberfläche kam, auch die Vergangenheit hoch, die man mit ihm begraben hatte. Plotter mussten sorgfältiger umgebracht werden, heimlicher und leiser als jede andere Zielperson. Das war das ungeschriebene Gesetz dieser Welt.
»Wer hat ihn umgebracht?«, fragte Raeseng.
»Ich glaube, sie war es.«
Jeongan hielt ein Foto von Mito hoch.
Raeseng lachte. »Na klar. Diese kleine Quasselstrippe dürfte kein Problem damit haben, einen Mann von diesem Kaliber umzubringen. Lass mich raten. Sie hat ihm ein Hot Break über den Schädel gezogen, und dann hat sie ihren Boyfriend, diesen Gorilla, gerufen, damit er ihn vom Dach wirft. Aber schön, sagen wir, sie war es. Warum hat sie es getan?«
»Ich weiß es nicht, aber etwas an ihr ist oberfaul. Wir wissen beide, dass Plotter niemals unter ihrem eigenen Namen arbeiten. Und sie halten alles fein auseinander – die Adresse, an die ihre Post geliefert wird, das Versteck, in dem sie ihre Komplotte ausbrüten, ihre klammheimlichen Treffen mit Maklern –, für all das gibt es eigene Orte, damit ihnen nicht das Ganze mit einem Mal um die Ohren fliegt. Dazu kommt, dass sie an jedem dieser Orte einen anderen Namen benutzen. Aber diese Frau hat die Komponenten für die Bombe auf ihren eigenen Namen geordert.«
»Vielleicht hat Dr. Kang sie als Adresse verwendet?«
»Wozu die Umstände, wenn es mehr als genug falsche Namen und Einwohnerregisternummern für alle gibt?«
Raeseng starrte Mitos Foto an. Sie hatte das Gesicht zum Himmel gewandt und lächelte. Naiv, beinahe einfältig sah sie aus. Ein Mädchen, das beim Anblick einer Kakerlake bestimmt loskreischte. Er konnte nicht glauben, dass sie irgendetwas mit dieser Sache zu tun haben sollte. Selbst wenn Jeongan recht hatte, ergab das alles keinen Sinn. In seinem Leben dürfte sich Dr. Kang eine Menge Feinde gemacht haben. Vielleicht war diese Mito einer davon. Und vielleicht hatte sie ihn deshalb umgebracht. Aber was hatte das mit Raeseng zu tun und mit der Bombe in seinem Klo? Es wollte ihm nicht einleuchten.
»Ich glaube, du bist bloß scharf auf sie.« Raeseng warf die Fotos auf den Tisch. »Du bist auf dem Holzweg.«
Jeongan zog ein genervtes Gesicht. »Du kennst sie nicht. Sie ist echt zum Fürchten. Die Leute, die auf dem Markt arbeiten, wo sie aufgewachsen ist, sagen, sie hat nonstop geschuftet – Milch und Zeitungen ausgefahren und Gelegenheitsarbeiten für alle erledigt, vom Fischmann bis zum Gemüsehändler –, um ihre Schwester zu ernähren, die im Rollstuhl sitzt, und um die Schule für sich zu bezahlen. Und die ganze Zeit Bestnoten. Alle, mit denen ich gesprochen habe, haben sie über den grünen Klee gelobt und erklärt, sie sei ein Geschenk des Himmels. Sie sagen, sie sei so gescheit und hübsch und nett und ehrlich und fleißig, dass sie alle jeden Monat ein bisschen Geld beigesteuert hätten, um ihr Schulgeld zu bezahlen. Und obwohl sie jeden Tag im Morgengrauen auf den Beinen gewesen sei, um auf dem Markt zu arbeiten, habe sie auch das Medizinstudium als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Das ist wirklich zum Fürchten!«
Jeongan sah regelrecht verliebt aus.
»Mädchen, die ihr Examen als Jahrgangsbeste bestehen, sind zum Fürchten?«
»Ach, komm, das meine ich doch nicht. Ich will sagen, warum soll sie danach als Assistentin für einen Plotter arbeiten? Die harten Zeiten lagen hinter ihr. Sie war auf der besten medizinischen Fakultät in ganz Korea.«
»Ein Medizinstudium ist teuer. Und die Arbeit für einen Plotter bringt leicht verdientes Geld.«
»Aber diese Frau, Mito, ist nicht so schlicht. Ich habe Hunderte von Leuten beschattet. Bin mit Dutzenden von Frauen zusammen gewesen. Man kann sagen, ich habe einen Doktorgrad auf dem Gebiet der Frauen. Wieso verstehst du mich nicht?«
»Na schön. Wieso sollte eine so ehrliche, fleißige Frau einen Arzt umbringen und eine Bombe in meinem Klo deponieren? Das ergibt doch keinen Sinn.«
»Nein, aber wir kennen ja auch noch nicht das ganze Bild. Das wird sich bald ändern. Ich spüre es.«
Jeongan wühlte in seiner Tasche und zog einen Stadtplan heraus, den er Raeseng reichte.
»Was ist das?«
»Ich habe Kringel um die höchstwahrscheinlichen Lageorte der Geheimverstecke gemacht, die Dr. Kang und Mito benutzt haben. Die solltest du dir ansehen.«
»Und du?«
»Ich habe Pläne. Bin in einer Woche wieder da.«
»Was für Pläne?«
»Das ist geheim.« Jeongan grinste.
»Du fährst mit irgendeinem Mädel in den Urlaub, während das Leben deines Freundes auf Messers Schneide steht? Welche ist es diesmal?«
»Es macht keinen Spaß, hier abzuhängen, wenn deine Katzen nicht mehr da sind. Du weißt, mit Frauen komme ich besser aus«, sagte Jeongan scherzhaft, während er seine Tasche packte und sich die Schuhe anzog. Die Sneaker waren nicht besonders alt, aber sie waren hinten bereits heruntergetreten.
»Erledigst du einen Auftrag für Old Raccoon?«, fragte Raeseng.
»Und wenn?«
»Ich habe heute mit Hanja gesprochen. Ich weiß nicht, ob es an der bevorstehenden Wahl liegt, aber er war ein noch größeres Arschloch als sonst. Er sagt, wenn wir nicht aufhören, muss er uns umbringen. Ich wäre Old Raccoons Hände und Füße und du seine Augen und Ohren – so was in der Art hat er erzählt. Ein Witz! Jedenfalls, nach der Sache mit dem alten General ist Hanja ziemlich wütend und will, dass wir uns bedeckt halten, bis die Wahl vorbei ist.«
»Oooh, hat unser kleiner Raeseng Angst? Wenn du in dieser Branche auf jeden Bluff reinfällst, wie willst du dann durchkommen?«
»Diesmal ist es schlimmer. Er wird sich wieder beruhigen, wenn die Wahl vorbei ist. Also tu bis dahin nichts.«
»Du weißt, wie sehr Old Raccoon sich langweilt, wenn ich ihm seine Zeitung nicht bringe. Davon abgesehen, wird Hanja, der alte Fuchs, jetzt nichts anfangen. Er blufft. Er will dir nur Angst einjagen. Also hör auf, dir Sorgen zu machen, und hol die Kätzchen zurück. Ohne die Mädels ist es hier nicht das Gleiche. Ich kann nicht glauben, dass der große Raeseng seine Katzen evakuiert, weil in seiner Toilette eine klitzekleine Bombe rumhängt. Findest du nicht, dass du da überreagierst?«
Als Jeongan schon halb draußen war, drehte er sich noch einmal um, als sei ihm gerade noch etwas eingefallen. Er schnallte den Gürtel auf und zog die Jeans herunter. »Hey, sieh dir das an. Potenzunterwäsche Marke Scorpion! Hab ich für hundertsiebzigtausend won gekriegt. Schau her – kristallisierte Jade und gelbe Tonerde, die Infrarotstrahlen absondern, um maximales Stehvermögen zu bewirken. Als ob ich Supermans Unterhose anhätte.«
Raeseng starrte ihn entgeistert an. »Der Typ, dem der Laden an der Ecke gehört, trägt so was.«
»Ach ja? Ich wette, er sagt, die ist erstaunlich, oder?«
»Sie hat so gut funktioniert, dass er einen Schlaganfall gekriegt hat.«
Jeongan zog seine Jeans schmollend wieder hoch. »Wie konnte ich nur annehmen, ich könnte ein produktives Gespräch mit jemandem führen, dessen Lebensziel es ist, als Jungfrau zu sterben. Ich bin weg.«
Raeseng schaute Jeongan grinsend nach, als er mit dem Hintern wackelnd hinausging.