Kapitel 1
I ch kenne dich! Du glaubst mir nicht? Das solltest du aber. Ich weiß, wo du wohnst, wo du dich heute herumgetrieben hast, mit wem du rumhurst. Ich weiß alles über dich. Ich bin dein stiller Liebhaber. Mache ich dir Angst?
Nein?
Warum nicht?
Weil du mir nicht glaubst?
Das solltest du aber.
Ich weiß, wann du nach Hause kommst, erschöpft und unzufrieden von der Arbeit. Ich weiß, wo dein Schlafzimmer ist und ich weiß, dass du immer kurz nach elf Uhr abends ins Bett gehst, da du um sieben Uhr schon wieder aufstehen musst.
Überrascht?
Ich weiß noch mehr über dich. Viel mehr. Ich weiß, dass du, bevor du ins Bett gehst, die Fenster im Schlafzimmer öffnest. Dass du, während du lüftest, ins Badezimmer verschwindest, um deine Zähne zu putzen, dein Make-up zu entfernen und dich bettfertig zu machen.
Und ich weiß, dass du Single bist, seit einigen Monaten, und dass du darüber sehr unglücklich bist. Es ist halt nicht leicht, in deiner Position einen verständnisvollen Freund zu finden.
Woher ich das alles weiß?
Weil ich dich kenne, sehr gut sogar. Wie gesagt, ich bin dein stiller Liebhaber.
Du bist nicht anders als die meisten Menschen, die meisten anderen Schlampen. Deine Gewohnheiten machen dich schwach, angreifbar, und mich stark.
Während du gerade im Bad bist, habe ich mir durch dein Fenster Zugang zu deiner kleinen schnuckeligen Wohnung verschafft. Ich höre, wie du deine Zähne putzt, du nutzt eine elektrische Zahnbürste, wie süß …
Ich lege mich in dein Bett, wärme es für dich vor. Ich hoffe, es gefällt dir. Deine Bettwäsche riecht gut, du riechst gut. Aber was tue ich überrascht, das weiß ich doch bereits, denn ich war schon öfter bei dir. Immer dann, wenn du im Bad warst und das Fenster zum Lüften aufgemacht hast, habe ich dich besucht. Du hast es sicherlich nie bemerkt, oder?
Ich war aber da, ich konnte einfach deinem Duft nicht widerstehen.
Warum ich mich dir noch nicht vorgestellt habe? Die Zeit war noch nicht reif. Doch jetzt ist sie es. Gleich wirst du mich endlich kennenlernen, und ich freue mich darauf. Auch mein kleiner Freund freut sich.
Vielleicht können wir ja Freunde werden oder ein Paar? Lass mich nachdenken – nein, ich glaube nicht.
Ob ich mich vielleicht doch ausziehen sollte, bevor du kommst? So mit Klamotten im Bett liegen wäre vielleicht unhöflich, oder?
Egal, ausziehen kann ich mich auch noch später. Du hast gerade aufgehört, deine Zähne zu putzen, die Zahnbürste ist verstummt und ich muss gestehen, dass ich ein wenig aufgeregt bin, mein Herz schlägt schneller. So müssen sich frisch Verliebte fühlen, die zum ersten Mal Sex haben.
Schließlich weiß ich nicht, wie du dich anfühlst. Ich habe dich ja bisher nur gesehen, zwar auch von Nahem, aber deinen Körper habe ich noch nie berührt.
Aber glaube nicht, dass es keine Gelegenheit dazu gab, die gab es reichlich, so leichtsinnig wie du bist. In der U-Bahn, in der Fußgängerzone, selbst im Schwimmbad war ich dir sehr nahe, näher als du glaubst. Du hast mich nie wahrgenommen, aber was meinst du, wie oft ich dich hätte berühren können, wenn ich nur gewollt hätte. Ich hätte dir gar in die Sauna folgen können, ohne dass du mich bemerkt hättest. Aber ich wollte es nicht. Mein erstes Mal sollte etwas ganz Besonderes sein, ich wollte dich zum ersten Mal berühren, wenn du nackt bist. Gleich.
Ich muss mich beherrschen, meine Aufregung und Geilheit unter Kontrolle halten, da ich gerade höre, wie du die Tür zum Badezimmer schließt.
Wie immer wirst du jetzt deinen Kindle aus dem Wohnzimmer holen, um noch ein paar Seiten zu lesen, wie an jedem Abend.
Wie leicht du mir doch alles machst. Das ist schön, denn andere werden es mir auch sehr leicht machen. Eine wunderbare Zeit kommt auf mich zu.
Wie recht ich hatte. Ich spüre deinen Atem, ich sehe deine Silhouette, die vom Mondlicht sanft beschienen wird. Du bist verdammt sexy.
Zum Glück schläfst du bei offenem Fenster, im Sommer erst recht. Und da dein Kindle beleuchtet ist, machst du nicht einmal das Licht an.
Ich würde gerne laut loslachen, weil alles so einfach ist. Aber sei ohne Sorge, es gibt viel mehr Frauen wie dich, und einige von ihnen werde ich in den nächsten Tagen aufsuchen, aber jetzt gilt meine volle Konzentration nur dir.
Du steigst ins Bett, ich rieche dich immer stärker. Dein Geruch macht mich wahnsinnig. Du liest und bemerkst mich nicht einmal, so ein Doppelbett hat schon seine Vorzüge, muss ich sagen.
Ich kann dir nicht mehr widerstehen, ich muss dich berühren, dich spüren und besitzen.
Dann geht alles ganz schnell. Du schreist, als ich meine Hand auf deinen Arm lege, versuchst, dich zu wehren, doch schnell verstummst du, als du die kalte Klinge an deinem Hals spürst. Ich kann deine Angst förmlich riechen und das macht mich noch geiler.
Glaubst du mir jetzt, dass ich dich kenne, du aber mich nicht?
Und das ist auch gut so.