KAPITEL 3

ADDY

ZU EINER UNBESTIMMTEN ZEIT,
IN DER SPHÄRE DER TRÄUME

Addy erklomm einen Hügel nach dem anderen und warf immer wieder gehetzte Blicke zurück. Die Panik hatte sie fest im Griff und ließ ihren Puls rasen. Ihr Atem überschlug sich beinahe und ihre Lunge brannte.

Von der Welt, die sie kannte, war nichts mehr zu erkennen. Die Müllhalde, in die sie geraten war, lag nicht am Rande einer Stadt, irgendwo in England, sondern erstreckte sich bis zum Horizont. Und wo der Schrott auseinanderdriftete, kamen eisige Fluten zum Vorschein. Es war, als wäre ganz England versunken, und geblieben war nur der Unrat, den die Menschen hinterlassen hatten.

Mehrmals schon war Addy abgerutscht und dabei beinahe ins Wasser gestürzt. Es war dunkel, zäh und von einer schmierigen Ölschicht bedeckt, mit der sich Addys Jeans bis zu den Knien vollgesaugt hatte.

Die Kreaturen, die es auf sie abgesehen hatten, gaben nicht auf. Ob es Haie oder etwas anderes war, wusste Addy nicht. Sie wusste nur, dass sie keinen Ausweg sah. Es schien nur sie, das von Müll geprägte Meer und diese Monster zu geben.

Casimir hatte gesagt, dass es in Terra Maters Sphäre keine Zeit gab. Sie hätte eine Ewigkeit in dieser Welt verbringen können, während bei den Menschen erst eine Sekunde vergangen war. Bis man ihr Herz wieder zum Schlagen brachte, wäre sie vielleicht schon Hunderte Tode gestorben. Vielleicht aber auch nur einen, endgültigen, durch den es für sie kein Zurück mehr in ihre Welt gab. Dieser Gedanke legte sich so schwer auf ihre Brust, dass sie kaum noch atmen konnte.

Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln, aber sie gab nicht auf. Sie durfte nicht aufgeben! Irgendwo in diesem Höllenloch wartete Casimir auf sie und sie hatte nicht vor innezuhalten, bis sie bei ihm war.

Sie rief nach ihm, erklomm einen weiteren Hügel und griff nach einer rostigen Duscharmatur, doch dabei gab der Schrott unter ihren Füßen nach und sie stürzte schreiend ins pechschwarze Wasser.

Die Fluten verschluckten sie und Addy tauchte für einen Moment komplett unter, bevor sie sich wieder an die Oberfläche kämpfen konnte. Sie griff verzweifelt um sich, versuchte, irgendwo Halt zu finden, da krachte es hinter ihr so laut, dass sie vor Schreck herumwirbelte und geradewegs in den Schlund einer Bestie blickte.

Panisch krallte sich Addy an den Schrott, versuchte, sich wieder auf den Hügel zu ziehen, und trat nach dem zahngespickten Maul des Monsters.

Der lose Berg aus aufgehäuftem Müll trieb einfach unter ihr weg. Wieder verschlang sie das Meer, doch diesmal schaffte sie es nicht, zurück an die Oberfläche zu gelangen. Sie wusste nicht einmal, wo oben und wo unten war.

Es war so kalt, dass Addy ihre Arme und Beine kaum noch spüren konnte. Hilflos schwebte sie im Wasser, hielt die Luft an, bis ihr Körper so sehr nach einem tiefen Atemzug gierte, dass ihr Verstand aussetzte und sie den Mund aufriss. Das Wasser füllte ihre Lungen. Es brannte darin wie Feuer und ließ sie noch tiefer sinken.

In dem Moment berührte sie etwas am Bein, und ihr wurde schlagartig bewusst, dass das Monster noch da sein musste. Und es würde sie bei lebendigem Leib auffressen! Todesangst ließ ihr Herz hektisch pochen. Noch einmal versuchte sie, es an die Wasseroberfläche zu schaffen, doch mehr als ein paar hilflose Zuckungen bekam sie nicht zustande.

Erneut streifte etwas ihren Körper. Es mussten mehrere dieser Wesen sein, die sie umzingelt hatten, denn sie spürte ihre Berührungen überall. Sie umschlangen Addy regelrecht, drohten sie zu zerquetschen und hoben sie dabei so weit an, dass ihr Kopf durch die Wasseroberfläche brach.

Sie schnappte nach Luft, spuckte schwarzen Schlick und hustete. Ein öliger Film klebte ihr auf den Augen und machte es ihr schwer, etwas zu erkennen. Doch was sie verschwommen sah, war keine riesige Müllhalde mehr und auch nicht das offene Meer. Sie trieb in einem Becken, über und über mit wuselnden Fischen gefüllt. Und es war auch kein Öl, das ihr am Körper klebte. Es war nicht einmal Wasser, in dem die Fische schwammen. Es war Blut!

Addy konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie wollte schreien, doch dazu fehlte ihr die Kraft. Es war in diesem Becken zu eng, um sich auch nur zu bewegen. Allein das Wuseln der Fische hielt sie an der Oberfläche und immer wieder sackte sie bis zum Kinn ab.

Sie musste raus aus dieser Hölle! Raus aus dem Blut, dem Gestank nach totem Fisch und Verwesung. Aber wie?

Noch einmal sammelte sie all ihre Kraft und versuchte, die Arme zu heben. Sie griff um sich. Die glitschigen Fische schlüpften ihr unter den Händen weg, doch irgendwie gelang es ihr, sich durch die Masse bis zum Beckenrand zu kämpfen, wo sie sich hochzog und auf den Boden sank.

Dort blieb sie liegen. Ihr Kopf war leer und ihr Inneres aufgewühlt. Sie schluchzte leise und wagte es nicht, sich zu bewegen. Wieso tat Terra ihr das an? Wieso quälte sie Addy mit diesem nicht enden wollenden Albtraum? Sie hielt das einfach nicht länger aus. Sie konnte nicht mehr.

Alles, was sie wollte, war Casimir zu finden. Wie gerne hätte sie seinen Namen gerufen – ihn wenigstens geflüstert. Doch ihr Körper versagte ihr den Dienst. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Sie lag einfach nur da und alles, was sie tun konnte, war atmen.

»Das ist nicht mein Körper.« Addy sagte sich das immer wieder. Sie lauschte diesen Worten, klammerte sich daran fest und hoffte, sie dadurch endlich wahr werden zu lassen. Ihr wahrer Körper war in der Sphäre der Materie. Sie hatte ihn in der Menschenwelt zurückgelassen und nur ihre Seele war auf Terra Maters Ebene gewechselt.

Die Schmerzen, die sie fühlte, die Kälte und sogar der Gestank waren nicht echt. Das alles war nur ein Traum.

Wieso gelang es ihr dann nicht aufzuwachen?

Addy blinzelte. In ihren Ohren dröhnte es, sie zitterte am ganzen Leib und alles, was sie hören konnte, war das stete Tropfen des Blutes, das von ihr zu Boden fiel.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie hatte. Jede Sekunde könnte man sie wiederbeleben. Ebenso hätte es Jahrhunderte dauern können. Wenn es ihr nicht gelang, ihre Angst und Verzweiflung zu überwinden, würde sie noch bewegungslos daliegen, wenn es so weit wäre. Das durfte nicht passieren. Sie musste Casimir finden, bevor man sie zurückholte, sonst wäre er für immer verloren.

Dieser Gedanke schenkte ihr neue Kraft. Erst krümmte sie nur ihre Finger, und als ihr das gelang, versuchte sie, sich hochzustemmen, und kam wackelig auf die Knie.

Ein Blick zurück verriet ihr, dass dieser Ort aus unzähligen Fischbecken bestand, in denen es von Lachsen, Thunfischen und Heringen nur so wimmelte. Sogar Delfine und andere Meeresbewohner konnte sie im Gewusel entdecken. Über ihr flimmerten Neonröhren, aber von Wänden war in der drum herum liegenden Dunkelheit nichts zu erkennen.

Wo war sie bloß gelandet? Sie verstand nicht, warum Terra Mater ihr das alles zeigte.

Auch vor ihr lagen unzählige weitere Becken. Das verwässerte Fischblut, das ihr von der Kleidung tropfte, führte in einer Spur zwischen ihnen hindurch. Es wirkte, als hätte eben noch jemand neben Addy gesessen und wäre geflohen, bevor sie die Augen aufgeschlagen hatte. Ihr schauderte bei dem Gedanken, doch dann kam ihr etwas ganz anderes in den Sinn und ihr Herz schlug schneller.

»Casimir?«, rief sie.

Sie hatte das unbändige Gefühl, ihm ganz nahe zu sein. Es war fast so, als könne sie seinen Blick auf sich spüren. Aber wieso hätte er sich vor ihr verstecken sollen? Wieso hatte er nichts gesagt, als er bei ihr gewesen war?

Bibbernd schlang sie sich die Arme fest um den Körper, nahm allen Mut zusammen, stand auf und folgte der Spur – fort von dem albtraumhaften Anblick.

Bei dem fahlen Licht konnte sie kaum sehen. Ihre Schritte hallten durch die Dunkelheit und eine Art Nebel zog sich knöchelhoch über den Boden. Er wirbelte auf, wo Addy entlanglief, und machte es ihr schwer, der Blutspur weiter zu folgen.

Flüchtig warf sie einen Blick zurück. Von den Becken war nichts mehr zu sehen, und als sie sich wieder nach vorne wandte, erhob sich neben ihr ein monströses Gebilde. Beinahe wie ein Berg inmitten einer Lagerhalle.

Mit Ehrfurcht näherte Addy sich dem grauen Etwas und blieb abrupt stehen, als ihr klar wurde, was sie dort liegen sah. Ihr Inneres verkrampfte sich.

Es war ein Wal. Ein riesiger Blauwal. Addy schluckte schwer und konnte sich kaum regen.

Leblos lag er auf dem blutbesudelten Fliesenboden. Sein Leib war von der Rückenflosse bis hin zum Schwanz aufgeschlitzt und seine Gedärme quollen daraus hervor. Addy wurde schlecht bei dem Anblick und sie musste sich die Hand vor Mund und Nase legen. Alles in ihr drängte darauf, auf dem Absatz kehrtzumachen und davonzulaufen, doch gerade als sie einen Schritt rückwärtsmachte, bemerkte sie, wie sich das Auge des Tieres bewegte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Der Wal sah sie an! Er lebte.

Der Blick des Tiers war trübe und lag schwer auf ihr. Er war von so viel Trauer und Leid geprägt, dass Addy nicht fähig war, auch nur zu atmen, während er sie so ansah. Es zerriss sie förmlich.

Wie fremdgesteuert ging sie auf das Tier zu, hob die Hand und legte sie auf seine von Narben überzogene Haut. Sein großes, mondrundes Auge ruhte weiter auf Addy und er stöhnte auf eine Weise, dass es einem Klagelied glich.

Addy war wie versteinert. Sie konnte nichts tun, ihm weder die Schmerzen nehmen noch ihn retten. Wie lange sie neben ihm stand und hoffte, ihm dadurch ein wenig Trost spenden zu können, wusste sie nicht. Irgendwann glitt sein Blick von ihr ab, verlor sich in der Ferne und alles Leben wich aus ihm.

Addy zog die Hand wieder weg. Sie zitterte und konnte gar nicht aufhören damit.

»Das …«, stotterte sie und stolperte rückwärts. »Das ist nicht echt!« Sie schrie die Worte in die Dunkelheit, wo sie sich als leises Echo verloren.

Das alles waren nur Träume! Es waren keine echten Tiere, die sie leiden und sterben sah, keine echten Monster, die es auf sie abgesehen hatten. Terra quälte sie, folterte sie und zeigte ihr die schlimmsten Seiten der Menschheit, doch wozu? Wieso – wo Addy doch alles daran gesetzt hatte, Elekreen aufzuhalten. Womit hatte sie das verdient?

Addy rannte weiter, rannte blindlings an Dutzenden toter, aufgeschlitzter Tiere vorbei, an Bergen aufgehäufter Robben, an Delfinen und Schildkröten, bis sich das Bild änderte, sie keine Meeresbewohner mehr sah, sondern Schweine und Kühe, die dicht an dicht in viel zu kleinen Ställen zusammengepfercht waren.

Addy hörte ihre Schreie, ihr Quieken, Stöhnen und Ächzen, ihre verzweifelten Hilferufe. Sie sah im Augenwinkel tote Körper an Ketten von der Decke hängen, hetzte durch stinkende Gehege voller Hühner, vorbei an Fließbändern, über die in rasender Geschwindigkeit Küken an ihr vorbeiflitzten, zerschreddert wurden und die Luft mit ihren Daunen füllten.

Addy rannte immer weiter, presste sich die Hände auf die Ohren, kämpfte gegen ihre Übelkeit an, zwang sich, geradeaus und nicht zur Seite zu blicken, und erkannte schließlich ein Licht, auf das sie zusteuerte.

Sie brach aus der Dunkelheit, stolperte ins Freie und fand sich auf einem Feld wieder. Als sie sich umdrehte, war von den Hallen, dem Schlachthaus und den viele toten Tieren nichts mehr geblieben. Und sie schämte sich dafür, dass sie weggesehen hatte. Nicht nur in diesem Albtraum, sondern ihr ganzes Leben lang.

Schwerfällig wandte sie sich wieder nach vorne. Das Feld, auf dem sie gelandet war, schien ausgedorrt. Fugen zogen sich durch die trockene Erde, nur hier und dort erhob sich struppiges Unkraut und über allem lag der chemische Geruch nach Pestiziden.

Addys Atem ging stoßartig, ihre Knie zitterten und die Seite tat ihr weh. Sie hielt sich die Rippen, beugte sich vor und versuchte, zur Ruhe zu kommen.

Als sie wieder hochblickte, erkannte sie Gestalten in der Ferne. Waren das Menschen? Verwundert sah sie sich um und bewegte sich langsam auf sie zu. Doch erst, als sie sehr viel näher war, bestätigte sich Addys Vermutung.

Ihre Körper waren ebenso ausgedörrt wie das Feld, das sie im Gleichtakt mit ihren Hacken bearbeiteten. Dass diese Menschen überhaupt noch stehen konnten, glich einem Wunder. Die Knochen stachen aus ihren Körpern hervor, um ihre Hüften trugen sie nichts weiter als einen Fetzen Stoff und ihre Arme und Beine waren beinahe dünner als die Stiele ihrer Werkzeuge.

Addy war sich sicher, dass auch sie zu diesem Albtraum gehörten. Das waren keine echten Menschen. Zumindest hoffte sie das, denn andernfalls musste sie sich fragen, ob auch sie irgendwann so enden würde.

»H-hallo?«, sprach sie einen der Arbeiter an. Sie konnte nicht einmal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war. Ihre Körper waren kaum noch von Mumien zu unterscheiden.

Der Fremde reagierte nicht, also versuchte Addy es weiter. »Ich suche Terra Mater.« Noch immer bekam sie keine Reaktion. »Sie muss irgendwo sein. Sie versteckt sich vielleicht, aber sie muss da sein. Wisst ihr, von wem ich spreche? Wisst ihr überhaupt, wo ihr seid?«

Sie griff nach der Schulter eines Arbeiters, der daraufhin zu ihr aufsah. Erschrocken stolperte Addy vor ihm zurück. Wo seine Augen hätten sein sollen, waren bloß leere Höhlen.

Auch die anderen hatten zu hacken aufgehört und starrten Addy blind an. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fuhr fort. »Es muss in dieser Welt ein mächtiges Wesen geben. Mächtiger als alles andere. Vielleicht ist es wütend, gefährlich. Ich weiß es nicht. Versteht ihr mich überhaupt?«

Fragend sah sie von einem Arbeiter zum nächsten. Waren sie nicht nur blind, sondern auch stumm und taub? Addy wollte gerade aufgeben, da hoben sie alle zeitgleich ihre Hacken und deuteten auf Berge, die Sekunden zuvor noch nicht da gewesen waren.

»Dort entlang?«, fragte sie.

Die Fremden antworteten nicht. Reglos hielten sie ihre Hacken erhoben und starrten Addy durch schwarze, leblose Augenhöhlen an. Sie taten das so lange, bis Addy sich gezwungen fühlte, in die Richtung zu blicken.

»Also gut«, sagte sie und wandte sich den Arbeitern wieder zu, doch die waren verschwunden.

Addy stand allein auf diesem toten, von Chemikalien verseuchten Acker, der Wind pfiff über den staubigen Boden und die Berge erhoben sich bedrohlich am fernen Horizont. Sie waren der einzige Fixpunkt in dieser trostlosen Welt und Addy wurde das Gefühl nicht los, von ihnen angezogen zu werden.

Alles in dieser Sphäre schien darauf ausgelegt zu sein, dass man sie durchwanderte. Man wurde immer weitergetrieben – aber was wartete an ihrem Ende? Das Vergessen? Der endgültige Tod? Mit Sicherheit gab es dann kein Zurück mehr. Man würde sich auflösen und aufhören zu existieren. Das wurde Addy beim Anblick der Berge bewusst.

Aber sie war noch nicht bereit, zu sterben und ein Teil des Energiefeldes der Erde zu werden. Ihr Körper wartete darauf, dass sie jemand wiederbelebte.

Dennoch konnte sie nicht einfach still stehen und hoffen, zurückgeholt zu werden. Sie hatte keine andere Wahl, als weiterzugehen. Nur so konnte sie Casimir finden und Terra Mater zur Rede stellen.