Der schwarze Sturm
„Es wird immer schwieriger für Storm“, sagte Elenna, als der Weg gefährlich steil wurde und die Hufe des Hengstes abrutschten. „Der Boden ist zu uneben.“
Tom sah geradeaus. Sie waren schnell geritten und befanden sich jetzt in den Bergen. Der Himmel war leuchtend blau und die schneebedeckten Bergspitzen glitzerten blendend weiß. Aber der Weg war steil.
„Du hast recht“, stimmte Tom ihr zu und stieg ab. „Lass uns lieber laufen. Rokk könnte sich hier irgendwo versteckt halten. Wenn wir langsam gehen, bemerken wir eher, wenn sich etwas bewegt.“
Er nahm Storms Zügel mit der unverletzten Hand und führte seinen Hengst den gewundenen, steinigen Pfad hinauf. Silver trottete mit hoch erhobener Nase vor ihnen her. Nach einer Weile kamen sie zu einer breiten Fels-Terrasse, auf der sie rasten konnten. Die Sonne stand hoch oben am Himmel und es war so heiß, dass Tom der Schweiß von der Stirn tropfte.
„Es ist wunderschön hier“, sagte Elenna bewundernd. Sie stand am Rand der Terrasse und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Unter ihnen erstreckte sich ein Tal. Das Gras war dunkelgrün und sprudelnde Quellen glitzerten im Sonnenschein. „Es ist seltsam, dass es in so einem schönen Land so viel Böses gibt.“
„Die Biester werden wieder gut werden“, sagte Tom. „Wir müssen sie nur von Velmals Fluch befreien.“
„Ich meine nicht die Biester“, erwiderte Elenna. Sie holte Brot und Käse aus Storms Satteltasche. „Ich meine Velmal und Freya.“
„Freya kann gerettet werden, da bin ich mir ganz sicher“, erklärte Tom. Er spürte ein seltsames Ziehen im Herzen. Warum kümmerte es ihn so sehr, was mit Freya geschah? Auf seinen Missionen war er schon vielen Menschen begegnet, die unter einem bösen Bann standen. Warum war es bei dieser Frau anders als bei den anderen? „Ich werde sie von Velmals Fluch befreien, so wie die Biester auch“, sagte er. Vor Entschlossenheit bebte seine Stimme.
Elenna sah ihn an. „Tom, warum –“
„Wir müssen die Handschuhe finden“, unterbrach er seine Freundin. „Lass uns essen. Wir werden sie nicht finden, wenn wir ewig hier rumsitzen.“
Den ganzen Tag wanderten sie weiter. Als es dunkel wurde, mussten sie ein Nachtlager aufschlagen. Nachdem seine Freundin unter einem Felsvorsprung eingeschlafen war, saß Tom noch hellwach da. Er war enttäuscht, dass sie keine Spur von dem Biest gesehen hatten. Dem Ende ihrer Mission waren sie keinen Schritt näher gekommen.
Tom konnte nicht einschlafen. Seine Hand pochte schmerzhaft und in seinem Kopf wirbelten die Gedanken herum.
„Wenn ich nicht bald schlafe, werde ich zu müde sein, um Rokk zu befreien“, dachte er. Er erinnerte sich an einen Trick, den ihm sein Onkel beigebracht hatte, um besser einschlafen zu können.
„Sieh zu den Sternen hoch und versuche, sie zu zählen“, hatte sein Onkel ihm geraten.
Tom nestelte sein Schwert vom Gürtel und legte es neben sich. Er drehte sich auf den Rücken und sah zum Nachthimmel hoch. Da oben waren so viele Sterne, dass es sein ganzes Leben dauern würde, sie alle zu zählen.
„Eins … zwei … drei … vier …“ Weiter und weiter zählte er. „Zweihunderteins, zweihundertzwei …“
Seine Augenlider wurden schwer. Zu schwer, um sie weiter offen zu halten. Das Letzte, was Tom sah, war eine Sternschnuppe, die über den Himmel sauste.
„Sturm!“, schrie Elenna und riss Tom aus seinem Traum. Er öffnete die Augen und setzte sich auf. Storm stand neben ihm.
„Er muss im Schlaf über mich gewacht haben“, dachte Tom. Er war glücklich, einen solch treuen Begleiter zu haben. Auf der anderen Seite des erloschenen Lagerfeuers sammelte Elenna hektisch ihre Sachen ein.
„Was ist los?“, fragte Tom verwirrt.
„Ein Sturm zieht auf!“, antwortete Elenna und stopfte Decken in Storms Satteltaschen.
Tom sprang auf die Füße, alle Müdigkeit war aus seinen Gliedern gewichen. Er sah ins Tal hinab. Bäume schwankten im starken Wind. Unnatürlich heftig fegte er über das Land auf sie zu.
„Das ist kein normaler Sturm“, sagte er und sein Magen zog sich zusammen.
Elenna stellte sich neben ihn und schirmte die Augen mit der Hand ab.
„Du hast recht, Tom“, stimmte sie zu. „Aber ich kann nicht –“ Elennas Stimme verstummte, als eine schwarze Masse am Horizont erschien, die sich über das Tal schob. Die Masse kam direkt auf sie zu und bewegte sich schneller als alles, was Tom je gesehen hatte.
„Fledermäuse“, wisperte Tom.
Massen von Fledermäusen flogen wie eine rasende Welle auf sie zu. Sie schlugen mit ihren Flügeln und kreischten, als sie über Tom und Elenna waren. Sie kreisten in der Luft, beobachteten sie und warteten. Der Wind, den sie mit ihren ledernen Flügeln erzeugten, war orkanartig. Die Haare von Tom und Elenna wurden hin und her gepeitscht und ihre Augen tränten. Storm und Silver standen still da, als ob sie nicht wüssten, wohin sie flüchten sollten. Silver jaulte verängstigt.
„Tom!“, rief Elenna. Ihre Stimme war im Wind kaum zu hören. „Ihre Augen!“
Tom legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Die Augen der Fledermäuse leuchteten blutrot. Tom ballte die Fäuste vor Zorn. Er wusste, was das bedeutete.
„Velmal hat sie geschickt!“, rief er. Elennas Gesicht wurde vor Angst blass. Bösartige Fledermäuse, die vor nichts zurückschreckten, würden sie gleich angreifen. Wie sollten sie das überleben?