Ein unsichtbares Biest?

Tom und Elenna stürzten zu dem Hengst, dessen sonst so kräftige Beine unter ihm nachgegeben hatten. Storm lag auf dem Boden und Tom entdeckte weitere kahle Stellen in seinem Fell. Er konnte den schwachen, rasselnden Atem seines Hengstes hören und den Schweiß riechen, der ihm ausbrach, als er sich mühsam bewegte.

Elenna hob eines seiner Augenlider und kontrollierte das Weiß. Tom sah, dass Storms Augen gelb getrübt waren.

„Jetzt wissen wir es“, sagte Elenna mit erstickter Stimme. „Der Biss der Fledermaus war giftig.“

„Wir müssen etwas unternehmen!“, rief Tom.

Elenna schüttelte hilflos den Kopf. „Wenn wir eine Weide finden, dann könnte ich aus der Baumrinde Medizin machen. Aber ich habe in ganz Gwildor noch keine Weide gesehen.“

Toms Magen zog sich zusammen. „Ich auch nicht“, sagte er. „Nein, warte … hab ich doch.“

Er schloss die Augen. Umgestürzte Bäume erschienen vor seinem inneren Auge. Wo hatte er sie gesehen? Natürlich – in Tion!

„In Tion gibt es Weiden!“, rief er. „Ich bin mir ganz sicher, ich habe sie gesehen, als ich vom Todesfelsen abgestürzt bin.“

„Ich hoffe, dass in Gwildor die Medizin genauso wirkt wie in Avantia“, erwiderte Elenna und stand auf.

„Ich werde gehen“, sagte Tom und zog die Handschuhe aus. „Du passt auf …“

Leise schnaubend schüttelte Storm den Kopf und richtete sich langsam auf. Trotz des Gifts, das durch seine Adern floss, hob der Hengst stolz den Kopf.

„Er wehrt sich gegen das Gift“, stellte Tom fest. Er war stolz auf seinen treuen Begleiter. „Er will mit uns kommen.“

„Dann hören wir besser auf ihn“, meinte Elenna. „Storm weiß am besten, ob er weiterlaufen kann.“ Sie nahm die Zügel, um Storm zu führen.

Tom packte die Handschuhe in die Satteltasche. Er gab Storm einen liebevollen Klaps. „Lass uns schnell nach Tion gehen“, sagte er zu Elenna. „Dort werden wir Medizin für Storm finden … und das nächste Biest.“

Sie liefen so schnell sie konnten, Silver trottete hinter ihnen her. Storm begann sogar zu traben und Tom und Elenna rannten neben ihm her. Sie wollten nicht auf dem geschwächten Hengst reiten. Tom fragte sich, ob Storm wusste, wie krank er war, und sich deshalb so beeilte.

„Oh, nein!“, rief Elenna plötzlich.

„Was?“, fragte Tom.

„Das goldene Kästchen“, sagte sie. „Wir haben es liegen gelassen.“

„Das macht nichts“, erklärte Tom. „Ich habe die Handschuhe. Das Kästchen gehört Freya. Eines Tages wird sie es wiederfinden.“

Bald standen sie vor dem Tor von Tion. Tom ließ den Blick über zerstörte Häuser, Überreste von Strohdächern und Baumstümpfe schweifen. Die Stadt war von hoch aufragenden Bergen umgeben. Nur eine Lawine konnte sie so zerstört haben, aber nirgends waren Felsbrocken zu sehen.

„Vielleicht war es gar keine Lawine“, überlegte Tom laut. „Vielleicht war es ein Biest.“

Elenna nickte. „Das würde auch erklären, warum keine Menschen hier sind.“

„Komm, suchen wir nach den Weidenbäumen“, sagte Tom. „Wir können Storm in eine der unzerstörten Hütten bringen und ihn dort heilen.“

Tom griff nach Storms Zügeln und führte ihn in die Stadt. Er spürte den inzwischen vertrauten Schmerz in seiner rechten Hand. Tom brachte Storm zu einem Haus und der Hengst duckte sich brav, als er ihn durch die Tür hineinführte.

Auf dem Tisch in der Ecke stand noch ein halb aufgegessenes Frühstück – Eier und Milch. Gegenüber befand sich ein schmales Bett.

„Die Leute sind hastig aufgebrochen“, stellte Elenna fest.

Tom versuchte, es Storm gemütlich zu machen, als auf einmal ein lautes Rums! ertönte. Der Hengst erschrak und Silver bellte verängstigt. Staub rieselte auf Toms Schultern. Er blickte nach oben. Das Dach brach ein! Stroh fiel wie Regen auf sie herab.

Tom und Elenna drückten sich mit dem Rücken an die Wand, Silver kauerte sich hinter Elennas Beine. Storm trottete Schutz suchend in eine Ecke.

Etwas langes Braunes drang durch das zerstörte Dach – ein riesiger Steinarm! Er hatte das Dach durchstoßen, als wäre es aus Papier.

Rokk!

„Raus hier!“, brüllte Tom und zog sein Schwert.

Elenna packte Silver im Nacken und Tom rannte zu Storm. Der Hengst war vor Schreck wie erstarrt. Tom versuchte, ihn zu beruhigen. Als er nach den Zügeln griff, hörte Tom ein tiefes, kratzendes Geräusch – es klang fast wie ein Brüllen – dann folgte ein Wusch! und Tom sah, wie der steinerne Arm zu einem weiteren Schlag ausholte.

„Pass auf!“, schrie er Elenna zu.

Steine und Stroh flogen in alle Richtungen. Das Biest hatte den Rest vom Dach abgerissen.

Tom duckte sich und warf die Arme über den Kopf. Dreck und Mörtel regneten herab. Tom konnte nichts mehr sehen und kaum atmen. Staub verklebte seine Augen, Ohren und Nase. Zersplittertes Holz und zerborstene Steine trafen ihn und schürften seine Haut auf. Tom strich mit der Hand über seine Schulter, wo eine Beule wuchs. „Der Schmerz muss warten“, dachte er. „Ich muss meine Mission erfüllen.“

Plötzlich wurde es still. Tom richtete sich auf und sah sich um. Der Dreck rieselte an ihm herab. Elenna war ebenfalls staubbedeckt und sah aus wie ein Gespenst, aber ihr war nichts passiert.

„Was war das?“, fragte sie.

Angespannt zückte Tom sein Schwert. „Rokk“, antwortete er und zog seinen Schild vom Rücken. „Das muss er gewesen sein.“

Elenna kam zu ihm. „Aber … wo ist er jetzt hin?“

Tom sah sich um. Wo sich zuvor noch die Wände der Hütte befunden hatten, bot sich ihnen jetzt ein Blick auf die umliegenden Berge. Aber von dem Biest war keine Spur mehr zu sehen. So schnell wie es gekommen war, war es auch wieder verschwunden.

Tom senkte sein Schwert.

„Das verstehe ich nicht“, sagte er mit gerunzelter Stirn und suchte kopfschüttelnd mit den Augen die Umgebung ab. „Rokk ist verschwunden.“

Was hatte das Biest nur vor?