Der letzte Kampf

Mit all seiner Kraft zog Tom sich hoch und rollte sich erschöpft in die Augenhöhle hinein. Mit dem Arm schirmte er seine Augen gegen das grelle grüne Licht ab, das aus dem Augeninneren drang und ihn blendete.

Tom drehte sich um und blickte aus der Augenhöhle hinaus. Das Biest rieb sich mit den Felshänden verzweifelt über das Gesicht, um ihn zu erwischen. Tom krabbelte noch tiefer in die Höhle hinein, um außer Reichweite zu sein. Wenn er nicht bald Velmals Bann beseitigte, würde sich Rokk wer weiß was antun.

„Woher kommt das grüne Licht?“, überlegte Tom. Er sah sich um. Dort! Ein Stück Jadestein so groß wie eine Orange steckte tief in einer Spalte.

„Ich muss schnell machen“, murmelte Tom keuchend und kroch auf das Jadestück zu.

Aber plötzlich wurde er gegen die Wand geschleudert. Und sofort danach zur anderen Seite gestoßen. Er stöhnte, als seine Rippen gegen den Stein prallten.

Rokk schüttelte den Kopf!

„Er versucht, mich rauszuschleudern“, dachte Tom. Er streckte die Hände aus und die Handschuhe blieben rechts und links an den Wänden haften. Rokk schüttelte seinen Kopf noch heftiger, um Tom endlich loszuwerden. Toms Füße hoben ab und all seine Knochen wurden durchgerüttelt. Ohne die Handschuhe wäre Tom hilflos gewesen und in hohem Bogen aus der Höhle geworfen worden.

Einen Moment ließ das Schütteln nach. Tom hörte Rokk vor Schmerz tief und grunzend stöhnen. Tom richtete sich auf, Schweißperlen rannen seinen Nacken hinunter. Mit den Händen tastete er sich zu dem Jadestück hin. Er vermied jede plötzliche Bewegung, um Rokk nicht zu reizen. Langsam setzte er eine Hand vor die andere und krabbelte weiter. Jedes Mal, wenn er die Hände hob, machten die Handschuhe ein klebrig-schmatzendes Geräusch.

Tom näherte sich dem Jadestück. Es glänzte so hell, dass er den Blick abwenden musste.

Endlich war das Jadestück in seiner Reichweite.

Tom schloss die Augen, um sich vor dem grellen grünen Licht zu schützen. Er streckte den rechten Arm aus, bis seine Finger die glatte Oberfläche des Jadesteins berührten. Er zog, aber das Jadestück bewegte sich nicht. Tom nahm den linken Arm zu Hilfe, aber der Stein steckte immer noch fest.

Rokk begann wieder, seinen Kopf zu schütteln. Mit aller Kraft hielt Tom sich an dem Jadestein fest. Doch auch mit den klebrigen Handschuhen gelang es ihm nicht, den Stein zu lockern. Er musste seine letzte verbliebene Kraft aufwenden. Tom stemmte die Füße gegen den Jadestein und zog.

„Eins … zwei …“ Er holte tief Luft. „Drei!“

Mit einem dröhnenden Krachen, das in der Höhle widerhallte, löste sich das Jadestück aus der Verankerung. Das grüne Licht verschwand.

Doch Tom wurde durch den starken Ruck aus der Augenhöhle des Biests katapultiert.

„Mein Schild!“, dachte er. Im Fallen löste er eine klebrige Hand vom Jadestein und versuchte verzweifelt, seinen Schild vom Rücken zu ziehen.

„Uff!“ Tom landete keuchend. Die Luft wurde aus seiner Lunge gepresst und rote Punkte tanzten vor seinen Augen. Aber er war nicht auf den Boden gestürzt, der lag noch immer weit unter ihm.

Er war auf Rokks ausgestreckter Hand gelandet!

Tom rappelte sich auf. Wenn Rokk die Finger schloss, würde er zerquetscht werden.

Das Biest starrte ihn an und Verständnis schimmerte in seinen Augen.

„Er ist nicht mehr böse“, begriff Tom.

Auf Rokks Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Dann bückte er sich und setzte Tom sanft ab.

Rokk nickte ihm zu. Tom verstand, dass er sich bei ihm bedankte. Dann streckte ihm das Biest die geöffnete Hand hin und schaute ihn auffordernd an.

„Er will den Jadestein“, dachte Tom.

Tom legte den grünen Stein auf Rokks Hand. Einer nach dem anderen schlossen sich Rokks Finger um das Jadestück und zermalmten es. Mit einem Fingerschnipsen verteilte Rokk die Überreste in der Luft. Vom Luftstrom erfasst, wehte der dicke grüne Staub über die Stadt. Toms Brust schwoll an vor Erleichterung und Freude. Er hatte seine Aufgabe erfüllt und ein weiteres Biest befreit. Velmals böse Magie war zerstört.

„Was habe ich verpasst?“, fragte eine Stimme.

Tom drehte sich um und sah Elenna auf sich zuhumpeln.

„Elenna!“, rief Tom. „Dir geht es wieder gut.“ Sie nickte lächelnd. Silver und Storm standen neben ihr. Der Hengst wieherte zur Begrüßung. Sein Fell schimmerte und die Trübung in seinen Augen war fast völlig verschwunden. Er war gesund!

„Ihr habt nicht viel verpasst“, scherzte Tom, als seine Freunde neben ihm standen. „Ich habe nur ein weiteres Biest gerettet.“

„Nichts Großartiges also“, sagte Elenna grinsend.

Sie sahen zu, wie Rokk in die Berge zurückmarschierte, aus denen er gekommen war. Vor einer Steilwand blieb er stehen. Langsam purzelten die Felsen, aus denen sein Körper bestand, zu Boden. Sie sammelten sich am Fuße des Berges und blieben dort liegen. Von dem Biest war nichts mehr zu sehen.

Tom wusste, dass das mächtige Steinwesen endlich nach Hause zurückgekehrt war.

Tom zog die Handschuhe aus. „Hoffentlich kommen die Menschen bald zurück und bauen die Stadt wieder auf. Velmals böse Herrschaft über Tion ist damit endgültig vorbei.“

In Windeseile hatte Tom mit Eposs’ Feder Elennas Kratzer und Schnitte geheilt. Sie eilte sofort zu den Weidenbäumen und sammelte Rinde. Die Rinde bröselte sie in Wasser, damit Storm sie trinken konnte.

„Es geht ihm jetzt schon viel besser“, sagte sie zufrieden. „Aber die Medizin wird ihm dabei helfen, noch schneller ganz gesund zu werden.“

Ein paar kahle Stellen hatte der Hengst noch im Fell, aber er bewegte sich wieder geschmeidig und kraftvoll.

„Ich glaube, es ist eine gute Idee, wenn wir etwas Weidenrinde mitnehmen“, sagte Elenna. „Man weiß nie, wann sie nützlich werden könnte.“

„Ich hole noch welche“, bot Tom an und rannte zu den Bäumen. Er kletterte auf einen Baum und zog gerade sein Schwert, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte.

„Das kann nicht sein“, dachte Tom.

Ein Stückchen entfernt stand Freya und starrte ihn an. Tom konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.

Die Herrin der Biester holte plötzlich aus und schleuderte einen Stein nach Tom. Er hob seinen Schild. Der Stein krachte so heftig dagegen, dass Tom beinahe vom Baum gefallen wäre. Er konnte sich gerade noch festhalten. Verärgert drehte Freya sich um und verschwand.

„Warum …?“, murmelte Tom. Dann sah er zu der Stelle, wo der Stein gelandet war. Er kletterte den Baum hinunter. Elenna kam zu ihm gerannt.

„Wo kam der Stein her?“, fragte sie.

„Freya“, antwortete er.

Elenna keuchte auf. „Sie will dich töten!“

Tom begann zu nicken, aber er hörte wieder auf, als er den Stein näher betrachtete. Er war so schwer, dass er eine Furche in die Erde gerissen hatte. Unter ihm lagen Zweige, Blätter … und etwas dunkles Ledernes.

„Was ist das?“, fragte Tom und wuchtete den Stein zur Seite. Er bückte sich und hob einen kleinen Lederbeutel auf.

Elenna runzelte die Stirn. „Wer hat das hier versteckt?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Tom und schaute neugierig hinein. „Er ist leer, aber ich könnte ja die Schatzstücke hineinstecken und ihn mir umhängen, dann werden Storms Satteltaschen nicht noch voller.“

„Hm“, machte Elenna und grinste. „Das war bestimmt nicht Freyas Absicht, als sie den Stein geworfen hat.“

Tom spürte ein aufgeregtes Kribbeln in seinem Körper. „Was, wenn doch?“, fragte er. „Was, wenn der gute Teil in ihr mir das zeigen wollte? Wir können sie immer noch retten, Elenna. Ich weiß, dass wir es können!“

Elenna nickte. „Vielleicht“, meinte sie. „Aber jetzt haben wir erst mal wieder ein gesundes Pferd und eine Mission, die wir erfüllen müssen.“

Tom zog die magischen Handschuhe aus seiner Tasche und steckte sie mit der Perle und dem Ring in den Lederbeutel. Dann gingen Elenna und er zu Storm und Silver zurück. Tom war erschöpft, aber dennoch war er voller Energie und Entschlossenheit. Solange Blut in seinen Adern floss, würde er sie nicht aufgeben – die Biester nicht und Freya auch nicht.

„Gehen wir“, sagte er zu Elenna und stieg in Storms Sattel. Er blickte über die Berge von Gwildor und spürte den guten Geist von Rokk.

Welche Biester erwarteten ihn da draußen wohl noch? Er lenkte Storm auf den Weg. Elenna ging neben ihm und Silver rannte voraus. Tom wusste, dass sie alle bereit waren für den Kampf mit dem vierten Biest.

„Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht“, sagte Tom.