Das Glück



im Westen



Mary sprang aus dem Bett, als die Sonne über den flachen Hügel hinter der Farm kroch und die Felder in goldgelbes Licht tauchte. Sie hatte in der Nacht kaum ein Auge zugetan, denn heute war ein besonderer Tag. Mary lief zur Kommode, auf der die Waschschüssel stand und goss Wasser aus der Kanne hinein, um sich der Morgentoilette zu unterziehen. Das kalte Nass tat gut auf ihrer jungen Haut und ließ ihre Wangen rosenrot erblühen. Sie hatte sich gestern Abend das blaue Sonntagskleid herausgelegt, schlüpfte eilig hinein und setzte sich auf das Bett, um sich ihr rotblondes Haar zu bürsten. Der kleine runde Spiegel zeigte ein bildhübsches Mädchen im besten Alter mit kecken Sommersprossen um die Nase und grünen Augen, in die man sich auf der Stelle verlieben musste. Jedenfalls behauptete das ihr Dad und lachte dabei.

Als draußen ein Pferd wieherte, sprang sie auf und lief zum Fenster. Unten führte Jose die Pferde aus der Scheune und zu dem Wagen, an dem er sie anschirrte. Das Schwarze hatte sie Rose getauft und das Weiße Snow.

Heute würde die Familie Anderson in die Stadt fahren und den ganzen Tag dort verbringen. Dad würde Einkäufe erledigen und Mum würde mit ihr in das Geschäft von Mrs. Perkins gehen, in dem es all die schönen Sachen zum Anziehen gab. Aber das war nicht der Grund, weswegen sie sich freute, und schon gar nicht, um das blaue Kleid anzuziehen. Das trug sie, weil es einen Grund zum Feiern gab, denn in Angel Falls wurde die Eröffnung der Telegrafenstation gefeiert. Andy vom Nachbarhof war gestern vorbeigekommen und hatte erzählt, dass es einen Tanzboden geben würde, sowie Bowle. Als Dank hatte Mary ihm gleich fünf Tänze versprochen. Andy Mckinney war zwar ein Ire und die mochte Dad nicht besonders gerne, weil er sie für faule Strauchdiebe hielt, aber sie konnte ihn gut leiden.

Unten saßen ihre Eltern bereits beim Frühstück. Es gab Speck mit Bohnen und frischem Fladenbrot, das Mum nach dem Aufstehen gebacken hatte. Heute war wahrlich ein Feiertag. Mary setzte sich hin und beobachtete verträumt den flirrenden Staub im Sonnenlicht.

Dad lächelte sie an. »Du wirst mit jedem Tag hübscher, Mary.«

Mary erwiderte sein Lächeln, doch sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Es schwang ein Unterton in seiner Stimme mit, der besorgt klang. Draußen wirbelte eine Böe trockenes Laub auf, das raschelnd über die Veranda flog. »Dad? Stimmt etwas nicht? Hab ich was … falsch gemacht?« Sie sah unsicher zu ihrer Mum, doch deren Blick war ausdruckslos, irgendwie leer.

Dad nahm Marys Hand. »Wir wollten es dir schon früher sagen, aber du warst immer so … glücklich.« Er atmete durch. »Du erinnerst dich doch noch an den Hagel im Frühjahr?«

Mary nickte verunsichert. Ihr Gefühl schien sie nicht getäuscht zu haben. »Ja … und?«

»Ein Großteil unserer Saat ging dabei verloren. Letzte Woche hat uns dieser Mistkerl Carson das Wasser abgedreht. Braucht es für seine Rinder, hat er gesagt, und dass der Fluss durch sein Land fließen würde und es somit sein Wasser ist.«

»Dad, du machst mir Angst«, flüsterte Mary und spürte, dass sie zitterte.

»Es tut mir leid, aber wir wollen, dass du alles weißt. Dieses Jahr wird unsere Ernte ausfallen. Ich habe bereits mit Jose gesprochen. Er hat gesagt, er bleibt, auch ohne Lohn.« Marys Dad fuhr sich mit seinen schwieligen Händen durchs Gesicht. »Wenn wir überleben wollen, müssen wir zur Bank gehen und hoffen, dass die uns nicht nur die Raten stunden, sondern auch etwas mehr geben, damit wir über den Winter kommen.« Ihr Dad sah betreten zu Boden. Er war ein stolzer Mann und es war ihm sichtlich peinlich, um Geld betteln zu müssen. Doch der Erhalt der Familie stand für ihn schon immer an erster Stelle.

»Du musst ihr alles sagen«, sprach Mum leise. Das Zittern in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

Dad nickte. »Es gibt einen Ausweg, der uns die Bank ersparen würde. Aber …«, er schien sichtlich mit seiner Fassung zu ringen, »… das würde dich betreffen.«

Mary bekam große Augen. »Mich?« Wenn sie der Familie helfen konnte, würde sie das tun. »Ganz gleich, was es ist. Ich werde es machen!«

»Das ist nicht ganz so leicht, Mary«, antwortete Dad. »Es geht um Carson, du weißt, dass er letztes Jahr seine Frau verloren hat.«

Mary nickte. Carson war so etwas wie der Rinderbaron des Tals. Ihm gehörte so gut wie alles, die Bank eingeschlossen. Er hatte die Telegrafenstation bauen lassen und sich die Rechte am Bahnhof gesichert, als die Bahn ihre Gleise bis nach Angel Falls verlegt hatte.

Mary mochte Carson nicht. Er war ein alter, grober Mann, der stets eine Waffe trug und sich nicht scheute, sie auch einzusetzen. Er kaufte eine Farm nach der anderen, riss die Zäune nieder und ließ sein Vieh auf den Feldern weiden, einfach, weil er es konnte. Dann waren da noch Carsons Männer – grobschlächtige Revolvermänner, von denen mindestens die Hälfte dem Galgen ziemlich nah gewesen war. Außerdem roch Carson schlecht – nach scharfem Kautabak und Whiskey, sowie nach seinen Rindern, die zum Himmel stanken.

»Was ist mit ihm?«, wollte Mary zaghaft wissen.

»Er wäre bereit, uns zu helfen.«

Marys Magen zog sich zusammen. »Wenn?«

Dad räusperte sich und Mum schüttelte seufzend den Kopf. »Wenn du ihn heiraten würdest …«

Mary hatte irgendwie damit gerechnet, dass es darauf hinaus lief. Doch es aus dem Mund ihres Vaters zu hören, traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Carson war nicht nur hässlich, er war vierzig Jahre älter als sie. Und sie wusste, dass er sie nur wollte, weil er lediglich eine Tochter namens Marilyn hatte und keinen Sohn. Obgleich seine Tochter ein besserer Sohn war, als es ein Echter vermutlich sein konnte.

Mary konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen stiegen. Eben noch glücklich und voller Vorfreude auf den bevorstehenden Tag, zerplatzte alles wie eine Seifenblase auf dem Jahrmarkt. Sie würde heute nicht mit Andy tanzen, sondern mit einem alten, verbrauchten Mann. Sie würde nicht lachen und scherzen, sondern weinen. Als wäre es ein Zeichen, schob sich eine Wolke vor die Sonne und machte den Tag trüb. »Und wenn ich nicht will?«

Dad atmete durch. »Wir haben beschlossen, dich zu nichts zu zwingen. Wenn du ihn nicht heiraten möchtest, gehen wir von hier fort, suchen uns einen anderen Ort, um neu anzufangen.« Er kaute auf seiner Unterlippe herum. »Ich habe gehört, dass sie in den Minen noch Männer suchen oder für den Schienenbau.«

»Aber wir haben doch nichts«, erwiderte Mary unglücklich. Sie machte eine umfassende Handbewegung. »Das alles hier gehört der Bank.«

Dad nickte, weil er wusste, dass sie recht hatte. Er hatte die Farm mit seinen eigenen Händen erbaut und ihnen ein Zuhause geschaffen, wie sie es nur einmal im Leben haben würden. Mary atmete tief durch. »Ich mach’s.«

Die Entscheidung fiel ihr alles andere als leicht, aber welche Wahl blieb ihr? Ihre Eltern hatten bisher alles für sie getan, damit sie ein glückliches und wohlbehaltenes Leben führen konnte. Wie könnte sie sie jetzt in ihrer schwersten Stunde im Stich lassen? Carson war alt. Vielleicht müsste sie diese Ehe nicht lange erdulden, zwanzig Jahre womöglich. Die konnte sie opfern. Ja, das war sie ihren Eltern schuldig.

Ihr Dad drückte ihre Hand und lächelte traurig, aber auch dankbar zugleich. »Du bist ein gutes Kind. Das warst du immer. Aber bist du dir wirklich sicher? Du musst das nicht für uns tun.«

»Doch, das muss ich.« Sie lächelte ebenso und legte die freie Hand auf die ihrer Mum. Erst jetzt klärte sich deren Blick, aber Tränen traten dafür in ihre Augen.

»Nicht weinen, Mum. Alles wird gut. Das wird es doch immer.«

»Ich kann nur hoffen, dass du auch diesmal Recht hast«, antwortete sie leise.



***



Die Hochzeit war schneller arrangiert, als es Mary lieb war. Andererseits war sie aber auch dankbar, denn so blieb ihr weniger Zeit zum Nachdenken.

Schon zwei Tage später saß sie in ihrem Zimmer und wurde von ihrer Mum zurechtgemacht, die all ihre Tränen bereits vergossen hatte. Ihr Hochzeitskleid hing an einem Bügel an der Tür und schien sie zu verhöhnen. Es war kein neues Kleid, sondern schon lange im Familienbesitz. Mary hatte sich immer darauf gefreut, es irgendwann tragen zu dürfen, aber jetzt machte es ihr Angst.

»Mum? Darf ich dich etwas fragen?«

Ihre Mutter nickte hinter ihr und Mary betrachtete sie im Spiegel, während sie sich das Haar von ihr kämmen ließ. Sie wirkte gealtert und ihre Tochter konnte es ihr nicht verdenken.

Die folgende Frage fiel Mary schwer, aber sie hatte sonst keine Freundin, an die sie sich hätte wenden können. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und sie senkte die Lider, um den Blick ihrer Mutter nicht sehen zu müssen.

»Wird es sehr weh tun? Ich meine …« Unschlüssig zuckte sie mit den Schultern und ließ den Rest unausgesprochen. Am Schluchzen ihrer Mum konnte sie jedoch erkennen, dass sie sie sehr wohl verstanden hatte.

»Nicht so sehr. Er ist kein junger, ungestümer Bursche.« Die Bürste wurde auf den Tisch vor Mary gelegt und sie spürte ein Zupfen an ihren Haaren, als ihre Mum ihr den Kopf gerade rückte, um mit dem Flechten beginnen zu können. »Schließ die Augen dabei und denk dich an einen anderen Ort. Eine schöne Erinnerung wird dich hindurchbegleiten«, bekam sie den letzten Ratschlag ihrer Mutter.



***



Eine Stunde später saß sie mit ihrer Familie im Wagen. Die Pferde wieherten lautstark und machten sie darauf aufmerksam, dass sich ein Gewitter näherte. Das passende Wetter für einen solchen Tag, dachte sich Mary betrübt. Verzweiflung und Angst waren ihr bis zu diesem Tag in solchem Ausmaß fremd gewesen, doch jetzt schnürten ihr diese Gefühle die Kehle zu. Es war nicht die Hochzeit und die ungewisse Zukunft, die sie so schmerzten, sondern die Trennung von ihren Eltern. Nur weil man rechtlich alt genug zum Heiraten war, bedeutete das noch lange nicht, dass man auch bereit dazu war. Sie würde die tröstende Hand ihrer Mutter vermissen, ebenso wie die wärmenden Worte ihres Vaters. Bald war sie auf sich allein gestellt, musste ein ganzes Haus bewirtschaften und sich um ein Kind kümmern, das ihr so gut wie fremd war. Wie sollte jemand in ihrem Alter das bloß schaffen?

»Mary? Wir haben noch eine Kleinigkeit für dich. Es ist nichts Großartiges, aber wir wollen, dass du es bekommst.« Ihr Dad holte mit diesen Worten eine kleine Kiste unter dem Sitz hervor und stellte sie neben ihr ab. Unschlüssig und gerührt zugleich, legte Mary eine Hand darauf.

»Was ist das?«

»Mach es auf! Für eine richtige Aussteuer hat es nicht gereicht, aber wir hoffen, dass du dich trotzdem daran erfreust.«

Den Tränen nahe zog Mary die Kiste auf ihren Schoß und öffnete sie zögerlich. Zum Vorschein kamen zwei wunderschöne handbemalte Teller, die Mutter immer zu besonderen Anlässen benutzte. Zudem fand sie noch eine Brosche, ein paar Münzen und das Lieblingsbuch ihres Vaters darin. »Aber … das wäre doch nicht nötig gewesen! Die Münzen kann ich nicht annehmen, ihr braucht sie selbst.«

»Wir wollen, dass du sie für den Notfall versteckst. Womöglich kommst du nicht weit damit, aber für eine Weile wird es reichen.« Ihr Dad sprach die Worte mit Nachdruck, dass Mary nicht anders konnte, als den Deckel schnell wieder zu schließen und zu nicken. Sie wollte hoffen, dass dieser Notfall nie eintreten würde.

Der Wagen kam zum Stillstand und Mary sah aus dem Fenster zum Haus des Ranchers. Ihrem neuen Zuhause.

Ihr Vater wollte gerade die Tür öffnen, als Mary ihn noch einmal am Ärmel zurückhielt. »Ich danke euch. Für alles.«

Ihre Mutter blinzelte die Tränen fort und forderte sie beide zur Eile auf, da die ersten Regentropfen bereits den Boden benässten.

Mary Anderson war alles andere als bereit, als sie von ihrem Vater den Gang entlang geführt wurde. Das Stoffdach, das noch in aller Hektik in den Garten gespannt wurde, in dem die Hochzeit stattfand, bog sich bereits leicht durch. Das stetige Plätschern trieb die Braut in den Wahnsinn. Ihr beiges Kleid war an der Schärpe bereits durchnässt und die etwas höheren Schuhe taten ihr Übriges, um Mary den Tag noch mieser zu gestalten, als er sowieso schon war.

Der Mann am Ende des Ganges war das größte Übel. Würde Mary ihn jemals liebhaben können? Zumindest sollte sie sich gut mit ihm stellen, ihm so wenig Probleme wie möglich bereiten und am besten versuchen ihm so oft es ging aus dem Weg zu gehen. So war der Plan. Einfach in den Schatten verschwinden und am besten nie wieder auftauchen.

Ihr Dad zögerte, als sie vorne ankamen und die organisierte Musikergruppe, bestehend aus einem offensichtlich betrunkenen Banjospieler und einer Sängerin, ihr Stück beendeten. Die Zeit war gekommen sie loszulassen.

Unruhe kehrte in die Gästeschar ein, an die Mary bisher keinen Blick verschwendet hatte.

»Dad?«, fragte sie vorsichtig und leise nach.

Sie spürte sein Nicken mehr, als das sie es wirklich sah. Ihr Herz zog sich zusammen und sachte legte sie ihre freie Hand auf die seine. Ihre Blicke trafen sich, dann brach die Hölle los.

Schreie wurden laut, Stühle flogen durch die Gegend, als ihre Besitzer hektisch aufsprangen und an einer Seite brach sich die Stoffbahn los. Eine Flut aus Wasser stürzte auf das verdorbene Land, das einmal ein Rasen gewesen war.

Mary brauchte einige Sekunden, um die Ursache des Tumults zu entdecken. Erst als Schüsse laut wurden, reagierte ihr Körper intuitiv. Sie schob ihren Vater in die andere Richtung, fort von dem Mann, der schon sein Heil in der Flucht suchte und sie hier zurückgelassen hätte.

Fremde Pferde pflügten sich ihren Weg durch die aufgeweichte Erde und amüsiertes Lachen vermischte sich mit ängstlichem Gewimmer.

Die junge Braut zog ihren Vater hinter sich her, bis sie getrennt wurden. Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie sich ihr Dad zu ihrer Mutter beugte, die am Boden lag. Als sie ihm nacheilen wollte, wurde ihr jedoch plötzlich die Route versperrt.

»Wohin so eilig, schönes Kind?«

Mary musste den Blick anheben, um zu dem Reiter sehen zu können. Breite Schultern, ein verwegenes Lächeln und struppiges braunes Haar, fielen ihr auf dem ersten Blick an ihm auf.

»Lasst mich gefälligst durch«, befahl sie in ruhigem Ton, auch wenn ihr das Herz fast aus der Brust hüpfte. Die Waffe in seiner Hand war ihr ebenfalls aufgefallen.

»Ich habe sie!«, wurde ein Ruf aus einer anderen Richtung laut und Mary sah über die Schulter. Keuchend betrachtete sie den Gegenstand, den der andere Reiter in seiner Hand hielt, denn es war die Kiste mit ihrer Aussteuer.

Mary war gerade im Begriff sich umzudrehen und zu dem Fremden zu stürmen, um ihr Eigentum zurückzuerhalten, als sie von hinten gepackt wurde. Starke Hände schlossen sich um ihre Hüfte und hoben sie unsanft in die Höhe, bis sie quer über dem Pferd landete.

»Was macht ihr da?« Empört und wütend begann sie mit den Füßen zu treten, auch wenn sie damit lediglich das arme Pferd bestrafte.

»Ich habe auch alles! Lasst uns abhauen!« Der Mann hinter ihr schnalzte mit der Zunge und Mary schrie auf, als das Pferd sich mit ihr in Gang setzte.

Die berüchtigte Hendriks Bande, jedenfalls vermutete Mary das, denn wer sollte in ihrem Dorf sonst für Unruhe sorgen, lieferten sich noch ein kurzes Feuergefecht mit den herbeigeeilten Cowboys der Carson Ranch. Anschließend galoppierten sie mit donnernden Hufen davon. Mary lag quer über dem Sattel und sah noch, wie sich ihr Vater aufrappelte, um ihr einige Schritte hinterherzulaufen, dann verschwand alles hinter dem dunstigen Schleier des prasselnden Regens.

Das Sattelhorn bohrte sich schmerzhaft in ihre Seite. Erst wollte sie zappeln, besann sich dann aber, es nicht zu tun. Ein Sturz vom Pferd in vollem Galopp, das auch noch kopfüber, hätte auf dem steinigen Boden fatale Folgen. Also verhielt sie sich ruhig und hoffte, dass sie die Banditen freilassen würden, sobald sie außer Sichtweite der Ranch waren.

Schon bald begriff sie, dass sie sich geirrt hatte. Die Männer verfielen in einen langsamen, für die Tiere kräfteschonenden Trab, hielten aber nicht an. Der Kerl, der sie entführt hatte, zog sie hoch und hockte sie hinter sich in den Sattel.

»Mach kein’n Fehler, Mädch’n, son’s schieß ich dir in’n Kopf«, erklärte er ihr in dem für Texas typischen nuschelnden Slang.

Mary zweifelte keine Sekunde daran, dass er es ernst meinte. Wo sollte sie auch hin, ohne Pferd und mitten in der Wildnis. »Werde brav sein«, antwortete sie schnell, »aber meine Eltern haben nichts, sind arm wie Kirchenmäuse.« Sie hatte davon gehört, dass manche Banden Kinder entführten, um Lösegeld zu erpressen. Selten kehrte eines der Opfer lebend zurück.

Der Kerl lachte kehlig. »Wer sacht’n, das’es um Geld geht, hm?«

Mary klammerte sich an ihm fest, um nicht vom Pferd zu fallen. Sein Nacken war muskulös, sein Schweiß roch nach einem wilden Leben und animalischem Tier. Anstatt einer Antwort sah sie sich die anderen Reiter ein. Zwei davon sahen dem, hinter dem sie saß verblüffend ähnlich. Der Jüngere der beiden wirkte nervös, während der Ältere gelassen die Hände auf’s Sattelhorn gelegt hatte und zu dösen schien. »Sind die zwei vor uns deine Brüder? Und wie heißt du überhaupt?«

»Warum willst’n das wissen?«

»Weil ich gerne weiß, mit wem ich reite«, antwortete Mary und hoffte, nicht zu fordernd zu klingen.

»Schon von ner Hendriks Bande gehört, Mädchen? Jon Hendriks is mein Name … der Ältere is mein Bruder Cole und der Heißsporn is Buck.« Er drehte sich zu ihr im Sattel um. »Also weißt ja, was Sache is, right?«

Mary beeilte sich zu nicken, und wich seinem direkten Blick aus, der ihr mit seiner Kälte einen Schauer über den Rücken jagte. »Ja, Sir …« Es war nicht so, dass der Mann unattraktiv war. Rasiert und gewaschen würde er vermutlich verdammt gut aussehen. Aber er war ein Verbrecher, da gab es nichts dran zu rütteln. Mary hatte tatsächlich schon von der Hendriks Bande gehört, dass sie Züge und Banken überfielen und dabei nicht gerade zimperlich mit den Leuten umgingen. Mehr wusste sie nicht und wollte sie auch nicht.

Gegen Abend durchquerten sie einen kleinen Fluss und ritten durch hügeliges Gelände. Mary versuchte, sich die markantesten Wegmarken einzuprägen, auch wenn sie wusste, dass sich eine etwaige Flucht nicht in eine bestimmte Richtung planen ließ. Vielleicht hatte der Sheriff schon ein Aufgebot bestellt, um die Banditen zu stellen, wenn auch nicht wegen ihr.

Die Reiter folgten einem sanften Tal und erreichten schließlich eine einfache Hütte. Mary sah sie erst, als Jon sein Pferd zügelte, so gut war es zwischen Bäumen und dornigen Büschen versteckt.

Jon gab ihr einen groben Stoß, so dass sie über die Kruppe des Pferdes rutschte und zu Boden fiel. »Endstation, Kindchen«, lachte er. Die Männer fielen allesamt mit ein, einer schlug sich vor Lachen sogar auf die Schenkel.

Mary kam auf die Beine und schnaubte vor Wut. »Ihr verdammten Arschgeigen, ich …«

Jon war schneller vom Pferd, als sie zu ende sprechen konnte. Seine Faust knallte in ihren Magen und Mary gegen einen Pfosten. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie daran herunterrutschte. Es tat höllisch weh.

Der Mann baute sich vor ihr auf und zog ein ziemlich langes Bowiemesser. »Was hab ich’n gesagt, Schlampe? Soll ich’s reinprügeln, hä?«

Mary kroch von ihm weg, konnte aber nicht verhindern, dass sie sein Stiefel schmerzhaft in die Seite traf. Wimmernd rollte sie sich in fötaler Haltung zusammen und weinte. »Bitte … ich … es … es tut mir leid!«

Jon wollte nachsetzen, doch sein älterer Bruder Cole hielt ihn zurück. »Lass gut sein, Jon, is doch nur n Mädchen … nur n Mädchen, hörst du?«

»Die is meins«, stieß er zornig aus. »Meins, hört ihr?«

»Keiner will was von der«, antwortete ein Mann in staubigem Anzug und mit einer Melone auf dem Kopf. Seine Hosenbeine steckten wie bei den anderen in hohen, texanischen Stiefeln. »Ist mir eh zu dünn …«

»Halt’s Maul, Milton«, schnappte Jon. »Is meine Sache.«

Mary schloss die Augen und wartete auf den nächsten Tritt, einen Schlag oder, was nicht ausgeschlossen war, die angedrohte Kugel in den Kopf. Sie blieb einfach liegen und hörte, wie die Männer die Pferde festbanden und in die Hütte gingen.

Bis auf einen, der vor ihr in die Hocke ging. Der scharfe Geruch von Kautabak stieg ihr in die Nase. Mary öffnete die Augen. Vor ihr kniete ein stämmiger Mann in kariertem Hemd und zugeknöpfter Weste. Quer über seinen Beinen lag ein langes Gewehr. Er trug einen breitkrempigen Hut und hatte einen dichten Schnauzbart. Aus zusammengekniffenen Augen sah er sie warnend an. »Mein Name ist Dick Broadwell. Den solltest du dir gut merken, denn wenn du davonläufst, werde ich es sein, der dich erschießt.« Damit stand er auf, legte sich die Waffe über die Schulter, und lief mit klirrenden Sporen zur Hütte. »Hinten ist’n Brunnen, hol Wasser und mach uns’n Kaffee …« Dann knallte die Tür hinter ihm zu.

Mary brauchte eine Weile, bis sie sich traute, aufzustehen. Magen und Rippen taten weh, wo sie Jon getroffen hatte. Sie wusste jetzt, dass der Mann meinte, was er sagte. Mary warf einen Blick zu den gesattelten Pferden und wollte schon eins nehmen, es losbinden und davonreiten, so schnell sie konnte. Sie war eine gute Reiterin und die Tiere der Banditen waren sicher nicht so störrisch wie die zu Hause.

Ob ich meine Eltern je wiedersehe, ging ihr durch den Kopf. Hält Carson sein Wort und erlässt ihre Schulden, wie er es vor der Hochzeit versprochen hat?

Mary vertrieb die Gedanken schnell wieder, weil Carson ein böser Mensch war und sein Wort bestimmt brechen würde.

Noch ein Grund, schnell wieder nach Hause zu kommen …

Doch Dick Broadwells Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Mary wusste, dass man mit einem Gewehr wesentlich weiter schießen konnte, als mit einem Colt. Und Broadwell war sicher skrupellos genug, sie rücklings vom Pferd zu schießen. Sie ging zum Brunnen und ließ den Eimer hinab, bis er ins Wasser klatschte. Als er gefüllt vor ihr stand, wusch sie sich das Gesicht und löschte ihren Durst. Mary beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu warten, bis die Kerle schliefen. In der Nacht standen ihre Chancen auf Flucht besser. Sie würde wie ein Schemen in der Dunkelheit verschwinden, als wäre sie nie da gewesen. Bis dahin galt es durchzuhalten und dazu musste sie mit diesem brutalen Schwein Jon Hendriks klarkommen. Sie schnappte sich den schweren Eimer und machte sich auf den Weg, dem Befehl des Banditen nachzukommen.

In der Hütte stank es nach ungewaschener Kleidung und altem Schweiß. Die Männer saßen um einen grob gezimmerten Tisch, auf dem ihre Beute lag. Darunter war auch das Kästchen, das eigentlich ihr gehörte. Mary fachte das Feuer an, hing eine große Kanne darüber und kochte Kaffee. Dabei entgingen ihr die lüsternen Blicke der Kerle keineswegs. Vor allem der junge Buck hatte ein Auge auf sie geworfen.

Cole war der Einzige, der stand. Er lehnte neben der Feuerstelle an der Wand, kaute auf einem Stück Dörrfleisch herum und ließ sie nicht aus den Augen.

»Solltest doch froh sein, dass wir dich mitgenommen hab’n, hm?« Seine Stimme klang angenehmer als die von Jon, war aber trotzdem hart. »Hab den alten Scheißer gesehen, den du heiraten solltest …«

Mary rührte das Kaffeepulver ins heiße Wasser. »Niemand hat mich gezwungen …«

»Ich seh’s doch an deinem Blick«, beharrte Cole weiter und nickte wissend. »’s Geld hat dich dazu getrieben, stimmt’s?«

Sie zuckte mit den Schultern. Der Mann hatte recht, aber es ging ihn verdammt nochmal nichts an. Sie nahm die Kanne und stellte sie zu den Männern auf den Tisch. Dabei blieb ihr Blick auf ihrem Kästchen hängen, das noch immer ungeöffnet dalag. Jon bemerkte ihren Blick, packte sie bei den Hüften und zog sie zu sich auf den Schoß. »Mädchen, hab noch gar nich nach deinem Nam’n gefragt.«

»Mary«, antwortete sie leise. »Mary Anderson.«

»All right, Mary Anderson. Woll’n wir mal sehen, was sich in deinem Kästchen befindet, hm? Is deine Aussteuer, nicht wahr?« Jon nickte seinem jüngeren Bruder zu, der dem Kästchen einen Stoß verpasste, dass es vor Jon schlitterte.

Mary keuchte. Gerne hätte sie es sich genommen und an sich gedrückt, stattdessen sah sie den Banditen nur vorwurfsvoll an. »Ist ’ne Schande, was du tust. Nimmst einem armen Mädchen alles, was sie hat.« Allein der Gedanke an das, was sich in dem Kästchen befand, ließ Tränen in ihre Augen steigen.

»Wer sagt’n sowas, Mary? Will’s mir nur anseh’n, nichts weiter. Also, machs ruhig auf.« Jon nickte ihr auffordernd zu.

Zögerlich streckte sie die Hand danach aus, sah in die Gesichter der Männer, die sie abwartend anstarrten. Mary klappte den Deckel auf, drehte die Kiste so, dass nur sie und Jon hineinsehen konnten. Ihre Fingerspitzen berührten die wenigen Dinge, die ihr von ihrer Familie geblieben waren. Sie wagte nicht, etwas herauszunehmen.

Jon beugte sich nach vorne und runzelte die Stirn. »Das ist dein Leben, Mary. N’paar beschissene Münzen und wertloser Tand, den nich mal n Indianer nehmen würde.«

Mary versetzten seine Worte einen Stich, der mehr schmerzte als die Hiebe, die er ihr verpasst hatte. Sie sprang von seinem Schoß und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, ehe sie begriff, was sie tat. Schallendes Gelächter ertönte, als Jons Kopf zur Seite flog. Seine Hand glitt zum Revolver, dann sah er ihren wutentbrannten, zu allem entschlossenen Gesichtsausdruck und stockte verwundert über so viel Zorn.

»Du hast kein Recht, so zu reden, Jon Hendriks!«, fuhr ihn Mary aufgebracht an. Dann brach sie in Tränen aus und rannte zu den Betten, die etwas abseits im Halbdunklen standen, warf sich auf die stinkende Matratze und schluchzte ungehalten.

Jon rieb sich die Wange, sah zu seinen Männern und fiel in das Lachen mit ein. »Muss wohl noch zugeritt’n werd’n, die Stute«, rief er feixend und setzte sich die Whiskyflasche an den Hals. »Werd’s ihr schon besorg’n …«



***



Es dauerte lange, bis es in der Hütte ruhiger wurde. Die Männer spielten Karten und tranken viel. Einmal geriet der junge Buck mit dem Melonenträger Milton Sharp in einen lautstarken Streit, der durch Cole geschlichtet werden konnte, bevor die Männer zu den Waffen griffen.

Ein hagerer Mann von Statur und Alter ihres Vaters kam zu ihr rüber und stellte ein Whiskyglas auf einen Schemel neben ihrem Bett. »Solltest’n Schluck trinken, Mädchen. Und sieh’s Jon nach, er ist’n anständiger Kerl, wenn er nüchtern ist …« Mary trank. Ihr wurde von dem scharfen Zeug ein klein bisschen schwindelig, aber der Alkohol tat mit seiner Wärme gut in ihrem Bauch. »Danke, Mister …?«

Der Mann schob sich den Hut in den Nacken und lächelte. »Bill Tilghman. Ich ritt mit der Doolin Bande.« Er sah sie an, als würde das alles erklären, bevor er aufstand und wieder zu den anderen ging. Mary sah ihm nach und sinnierte darüber, was diese Männer dazu trieb, als gesetzlose Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass sie es taten, weil sie Spaß daran hatten, andere Menschen zu terrorisieren. So etwas passte nicht in ihre Welt.

Ihr Blick heftete sich immer wieder auf Jons Rücken. Mit seinen breiten Schultern und dem wilden Haar sah er aus wie ein Cowboy, der hart anpacken konnte. Dass seine Brüder mit ihm ritten, konnte nur bedeuten, dass deren Familie etwas aus der Bahn geworfen hatte. Sie hatte schon von solchen Schicksalen gehört und dachte an ihre Eltern, die ohne Carsons Hilfe vor dem Aus standen. Dennoch konnte sie sich nicht vorstellen, dass ein Leben als Outlaw besser war, oder dass sie etwas dazu bewegen könnte, so zu sein wie Jon.

Während sie darüber sinnierte, verging die Zeit wie im Flug. Bald legten sich die Männer nach und nach schlafen. Cole und Tilghman waren die Letzten, die sich auf die schäbigen Matratzen warfen und in einen tiefen Schlaf fielen, woraufhin die Hütte von dem Schnarchen der Männer erfüllt wurde. Mary hatte sich mit dem abscheulich schmeckenden Kaffee wachgehalten, um ihren Plan auch ausführen zu können. Sie wagte kaum zu atmen, als sie vor der Tür stand und den Riegel vorsichtig zurückschob. Das Metall schabte über das Holz, aber keiner wachte davon auf. Die Tür selbst ließ sich lautlos öffnen.

Mary dachte kurz darüber nach, eines der Gewehre mitzunehmen, entschied sich jedoch dagegen. Sie war sich nicht sicher, ob sie auf einen Menschen schießen konnte, also ließ sie es lieber. Natürlich hätte sie die Waffen auch außer Reichweite der Räuber schaffen können, aber auch das wagte sie nicht. Sie könnte unmöglich alle tragen, ohne ein zu lautes Geräusch zu verursachen. So schlich sie also auf leisen Sohlen zu den Pferden, wobei sie ihre Auswahl schon vor der Ankunft getroffen hatte: Jons schwarzen Hengst.

Beruhigend tätschelte sie den Hals des Tieres, als sie ein Geräusch von der Hütte hörte. Schnell schlüpfte sie zwischen die Pferde und machte sich klein. Es war der wilde Buck, der im Longjohn, Hut und Stiefeln hinaustrat und sich am Hintern kratzte. Er ging einige Schritte von der Hütte weg, knöpfte sich den Hosenladen auf und pisste in den Sand. Mary hielt die Luft an. Buck spuckte aus, verstaute sein Gemächt in der Hose und schlurfte gähnend zurück zur Hütte. Erst, als er darin verschwunden war und die Tür sich wieder geschlossen hatte, wagte Mary auszuatmen.

Das weiche Maul des Tieres schmiegte sich an ihre Hand, als sie den Anbindeknoten löste. Seine Berührung war sanft und genau das, was sie jetzt brauchte. Anstatt sich in den Sattel zu schwingen, führte sie das Pferd am Zügel, bis die Hütte hinter einer Biegung verschwunden war. Dann stieg sie auf und trieb den Hengst in den Galopp. Das Tier flog mit wirbelnden Hufen geradezu dahin, während Mary das Gefühl der Freiheit genoss. Sie hatte sich noch nie so lebendig gefühlt, wie in diesem Moment. Die Luft rauschte in ihren Ohren, ihr Haar wehte im Wind und trieb ihr ein Lächeln ins Gesicht.

Im Mondlicht fand sie ihren Weg durch die Hügel, erinnerte sich an den Kaktus mit der absonderlichen Form, an den Felsen, der auf einem kleineren lag, und erreichte schließlich das schillernde Band des Flusses. Danach kam nur noch Weideland. In der Mitte hielt sie das Pferd an, damit es noch einmal trinken konnte.

Das hätte sie besser nicht getan, denn hinter ihr brachen Zweige und kollerten Steine einen Abhang hinab. Hufe trappelten auf harten Untergrund, Pferde schnaubten und Mary wusste: Ihre Verfolger waren da.

Jetzt schon? Wie kommen die so schnell hierher …

Der Kopf des Hengstes schnellte hoch und traf Marys Gesicht, weil sie nach vorne gebeugt im Sattel gesessen hatte. Licht explodierte vor ihren Augen. Fast wäre sie von dem tänzelnden Pferd gestürzt, konnte sich aber gerade noch am Sattelhorn festhalten.

Ihre Verfolger hatten das Wasser erreicht, bevor sie den Hengst richtig antreiben konnte. Ein Pferd wieherte und jemand lachte. Das war Buck Hendriks!

Endlich machte ihr Pferd einen weiten Satz und sprang in den Galopp. Mary jauchzte hoffnungsvoll, denn noch war nichts verloren.

Einer der Reiter war schon auf der anderen Seite des Flusses und ihr dicht auf den Fersen. Sie erkannte Cole, der ein Lasso schwang und freihändig ritt.

Ein Johlen hinter ihr, das Platschen von Hufen im Wasser. »Erinnerst dich an meine Worte, hä?«, schrie ihr Dick Broadwell hinterher. Die ganze verdammte Bande war ihr auf den Fersen.

Der Körper des Hengstes spannte sich an, wurde hart, als er die Uferböschung hinaufsprang und dadurch direkt in Coles Pferd hinein. Doch Cole war ein guter Reiter. Mit den Schenkeln dirigierte er sein Tier gerade noch zur Seite, das es strauchelte, aber nicht fiel. Der Abprall ließ Coles Gaul laut aufschreien. Der Mann drehte sich im Sattel um und warf das Lasso.

Mary sah die Prärie schon vor sich, das weite, flache Land ihrer Heimat. Sie glaubte, dass kein Bandit der Welt sie noch aufhalten konnte, dann schlang sich die Schlinge um ihren Körper und riss sie mit einem brutalen Ruck vom Pferd. Erst schlug sie auf die felsige Böschung, dann ins aufgewühlte Wasser.

Mary sah sich für einen Sekundenbruchteil von Pferdebeinen umgeben, wurde untergetaucht, kam wieder hoch und schnappte gierig nach Luft. Dann straffte sich das Lasso und riss sie durch den Fluss ans andere Ufer zurück. Ihr Kopf schlug an einen Stein, ihr Rücken gegen einen abgestorbenen Baumstamm. Cole zerrte sie noch ein gutes Stück hinterher. Mary rutschte über Sand und Steine, zerriss sich erst die Kleidung, dann die Haut.

Ein Schuss knallte. »Is gut, Cole!« Das war Jon’s Stimme. Marys Rutschpartie stoppte abrupt und sie schlitterte gegen die Beine der Pferde. Sie hörte, wie jemand von einem der Tiere sprang und sich mit klirrenden Sporen näherte.

Mary drehte sich keuchend auf den Rücken, versuchte wegzurobben, doch ihre Haut brannte wie Feuer. Sie konnte nur verschwommen sehen, weil sie Sand in den Augen hatte. Jemand sah auf sie herab – es war Jon Hendriks. »Bist mir ja ’ne ganz Schlaue, hä? Hast nix gelernt? Gedacht, dass ich nur daherrede?« Jon packte sie am Kragen ihres zerfetzten Kleides, riss sie nach oben und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht, so dass ihr Kopf schmerzhaft zur Seite ruckte.

Mary stöhnte schmerzerfüllt auf. Wo ihr Kopf auf den Stein getroffen war, pochte es unangenehm. Alles tat ihr weh. Als sie sah, wie Jon seinen Colt zog und ihn auf sie richtete, wusste sie, dass sie gleich sterben würde.

»Sollte dir ’ne Kugel in dein’n scheiß Kopf schießen, Mädchen!« Jon drückte jedoch nicht ab. Er steckte den Colt weg und ließ sich von Cole das Lasso geben. Dann stieg er auf seinen Hengst und machte es am Sattelhorn fest. »Ab nach Hause, Jungs. Die Show is vorbei.« Jon gab dem Pferd die Sporen. Mary kam noch auf die Knie, dann straffte sich das Seil mit einem brutalen Ruck und riss sie hinter dem Pferd her.

Jon zügelte sein Pferd erst, als er den engen Durchgang zum Tal passierte. Mary schaffte es irgendwie, hochzukommen. Dick Broadwell lachte schrill und schoss neben ihren Füßen in den Boden, ließ sie tanzen. Etwas lief in Marys Augen und sie wusste, dass es Blut war. Angst und Gleichgültigkeit wechselten sich in ihrem Inneren ab.

Der Weg bis zur Hütte erschien Mary wie der Kreuzweg, von dem der Pfarrer eines Sonntags in Angel Falls erzählt hatte. Wie Jesus trug auch sie nur blutgetränkte Fetzen am Leibe. Anstelle einer Dornenkrone hatte sie ein Loch im Kopf. Die Reiter, die Umgebung, alles verschwamm zu einem Brei aus Lärm und düsteren Farben, stank nach Pferdeschweiß und Whisky. Die letzten Meter zur Hütte legte Mary kriechend zurück.

Als ihre Finger das Holz der wackligen Veranda vor der Hütte berührten, brach sie vollends zusammen. Das Letzte, das sie sah, war Jon’s Gesicht, als er sich zu ihr nach unten beugte.



***



Die nächsten Tage vergingen eintönig. Mary lauschte den Gesprächen und Witzen der Männer, versorgte ihre Wunden und spielte für sie das Hausmädchen. Sie kochte ihnen das Essen, versuchte das Haus in einen sauberen Zustand zu versetzen und den Kerlen aus dem Weg zu gehen. Jeder einzelne Knochen in ihrem Leib schmerzte, aber sie biss die Zähne zusammen.

Diese verfluchte Bande hatte sie genug leiden sehen und sie würde ihnen keinen weiteren Angriffspunkt bieten. Nachts war das hingegen etwas anderes. Sobald sie das Schnarchen der Männer vernahm, steckte sie ihren Kopf in das Kissen und weinte. Sie vermisste ihre Familie. Ihre Heimat. Andererseits, wäre sie nicht entführt worden, würde es ihr vielleicht jetzt auch nicht besser gehen. Ihr Körper war zwar gezeichnet von den vielen Schrammen und Prellungen, aber ansonsten hatte sie niemand berührt.

Jon war zwar ein harter Drecksack, der sie offenbar gerne leiden sah, aber er sorgte auch dafür, dass sie niemand unsittlich berührte. Buck hatte ihr einmal auf den Hintern geschlagen, was in einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen den Brüdern geendet war. Seitdem war Ruhe eingekehrt.

Heute war ein besonderer Tag, sie wusste nicht genau warum, aber die Männer waren aufgeregt. Sie hatten sie früher als üblich geweckt und zum Brunnen geschickt, um Wasser zu holen und Kaffee aufzusetzen. Als sie wieder das Haus betrat, steckte die Bande gerade ihre Köpfe zusammen.

»Is‘n guter Plan. Wird schon laufen.«

Zustimmendes Gemurmel ertönte auf Jons Worte und Mary fragte sich, was sie jetzt wieder ausheckten. Einen Überfall? Vielleicht wäre ihr das Glück hold und keiner von ihnen, würde wieder zurückkehren.

Schweigend ging sie ihrer Arbeit nach und versuchte gleichzeitig, etwas von dem Gespräch mitzubekommen. Viele Informationen erhielt sie jedoch nicht. Scheinbar hatten sie das Wichtigste schon besprochen, als sie vor der Tür war.

»Heute bleibt die Küche kalt. Kannst dir und Milton die Reste von gestern machen«, brummte Jon sie von der Seite an, als sie gerade den Kaffee aufsetzte. Überrascht blickte sie zu dem breitschultrigen Mann, der neben ihr an der Wand lehnte.

»Mir und Milton? Esst ihr auswärts?«

»Haben noch was zu erledigen, Schätzchen.«

Mary warf einen Blick in die Runde. Fred war gerade dabei seinen Revolver zu reinigen, während Cole eine Karte zusammenfaltete und in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Ihr Verdacht erhärtete sich und sie unterdrückte sich ein Lächeln. Milton sollte demnach ihren Aufpasser spielen, aber das interessierte sie nicht. Ungerührt zuckte sie also mit der Schulter, als sie wieder zu Jon sah.

»Mir soll´s recht sein.«

Damit war das Thema offenbar für Jon erledigt. Zu ihrer Verblüffung nahm er ihr die heiße Kanne ab und schenkte sich und seinen Männern selbst den kochenden Kaffee ein. Sogar Mary schob er eine dampfende Tasse zu. Sie wunderte sich über sein Verhalten, denn so zahm hatte sie ihn bisher noch nie erlebt. Entweder machte er sich Sorgen, oder gewöhnte sich langsam an sie und sie wusste nicht, was davon die bessere Alternative für sie wäre.

Kaum eine Stunde später verließen die Männer das Haus. Mary und Milton sahen ihnen von der Terrasse aus nach, bis der Staub sich langsam wieder legte und die unberührte karge Landschaft freilegte, in der sie sich befanden.

»Tut mir leid, dass du hier bei mir bleiben musst.«

»Ich habe in einem fairen Duell den Kürzeren gezogen.« Milton zwinkerte Mary zu und ihr war sofort klar, dass er auf das Hütchenspiel der letzten Nacht anspielte, das sie fast um ihren kostbaren Schlaf gebracht hatte. Bisher hatte sie immer geglaubt, dass es ein friedliches Spiel wäre, aber die Männer hatten sie eines Besseren belehrt. Selbst aus Kinderspielen machten sie einen Faustkampf.

Schmunzelnd ließ sie sich in einen der alten Stühle fallen, der seine besten Tage bereits hinter sich hatte, aber dennoch trotzig seinen Dienst tat. »Du wirst mir auch nicht verraten, was da vor sich geht, oder?«

»Willst du denn wirklich wissen, was wir so treiben, Mädchen?«

Mary dachte kurz über seine Worte nach, ehe sie den Kopf schüttelte. Er hatte recht. Es war besser für sie, wenn sie es nicht wusste.

Schweigend starrten sie eine Weile in die Ferne, ehe Milton zurück ins Haus ging, der keine Angst hatte, sie vor der Tür allein zurückzulassen. Sie hatte ihre Lektion gelernt und wusste, dass sie selbst gegen einen von ihnen keine Chance hatte. Milton war zwar nicht so raubeinig wie die anderen der Bande, aber sie hatte etwas in seinen Augen gesehen, dass ihr manchmal Angst machte. Fast noch mehr, als sie vor den anderen hatte. Er war nicht so einfach zu durchschauen und definitiv nicht so grob gestrickt wie die anderen Männer. Oft fragte sie sich, was gerade er hier machte. Er war gebildet und gut erzogen, das hatte sie ihm angemerkt. Sie war sich sicher, dass er eher zu den Menschen zählte, die diese Männer ausraubten. Was war mit ihm passiert? Mary wagte es nicht, ihn direkt darauf anzusprechen, nahm sich aber vor es nachzuholen. Vielleicht irgendwann, wenn sie länger hier wäre. Schmerzhaft stellte sie fest, dass sie sich mittlerweile an den Umstand gewöhnt hatte, weil sie ahnte, dass die Kerle sie nie wieder nach Hause zurückkehren lassen würden. Wehmütig blickte sie kurz in die Richtung ihrer alten Heimat, ehe sie sich erhob und Milton ins Haus folgte. Irgendwie fühlte sie sich hier wohl und wollte nicht wirklich nach Hause. Zu ihren Eltern, ja, aber das war es dann auch schon. Ob es an Jon lag, der so vieles machte, um ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen? Der auf sie achtete und nicht wollte, dass ihr einer der Männer zu nahekam? Sie wusste es nicht, aber sie war ihm dankbar dafür und versuchte ihm durch Gehorsam etwas davon zurückzugeben. Deswegen wollte sie die Stube kehren, bevor die anderen zurückkehrten.

Es war bereits später Abend, als die anderen das Haus betraten. Mary stand am Fenster und beobachtete ihre Ankunft, während ihr Aufpasser nach draußen eilte, um ihnen bei den Pferden zu helfen. Sie wollte sich gerade abwenden, als sie Schreie hörte – die Schreie einer Frau.

In der Dämmerung konnte Mary nicht viel erkennen, aber das war auch nicht nötig, da kurz darauf die Meute ins Haus polterte. Zu Marys Verdruss war die Bande noch vollzählig, sie schienen alle halbwegs unversehrt, abgesehen von Buck, den eine Schramme über dem rechten Auge zierte. Dafür hatte er aber auch die Beute einkassiert, denn er zog eine junge Blondine hinter sich her.

Mary schlug sich bei ihrem Anblick die Hände vor den Mund, um nicht selbst aufzuschreien. Das Mädchen war nicht älter als sie selbst, wenn überhaupt. Ihre Kleidung, ein schlichtes weißes Kleid, das auch ein Hochzeitskleid sein konnte, hing nur noch in Fetzen an ihrem Körper. Das Mieder hatte man offenbar mit einem Messer aufgeschnitten und ließ ihre nackten Brüste hervorquellen wie reifes Obst. Das schlimmste waren die Striemen, die die Hände des Mädchens zierten. Ihre Fesseln waren eindeutig zu eng und Marys Herz begann zu bluten, als sie zusehen musste, wie Buck sie grob auf eins der Betten warf, um sie dort erneut zu fesseln.

»Was macht ihr da?«, keuchte Mary und presste sich an den Fensterrahmen, um so weit weg wie möglich von dem Geschehen zu sein.

»Wir nehm’n uns unsre Beute. Was denkst du, Weib?«

Mary war von Freds kurzer Erklärung so abgelenkt gewesen, dass sie erst bei den erneuten Schreien der Frau wieder zum Bett sah. Die Schreie des Mädchens wurden immer panischer, weil Buck ihr den Unterrock nach oben schob und sich danach an seiner Hose zu schaffen machte.

Fasziniert und angewidert zugleich beobachtete Mary wie, der junge Heißsporn seinen Schwanz in dem um Hilfe schreienden Mädchen versenkte. Ihre Beine flehten sie an zu rennen und ihre Gedanken rasten, aber Mary war nicht fähig sich diesem Schauspiel zu entziehen. Bucks Hose bedeckte immer noch seinen Arsch, er hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, sie richtig auszuziehen, dafür legte er all seine Kraft in die Stöße, mit denen er in das Mädchen eindrang. Das Wimmern und Heulen brach ihr fast das Herz und unweigerlich fragt sie sich, ob das Mädchen noch Jungfrau war, ehe es dieses Haus betreten hatte.

»Du solltest dir das nicht ansehen«, vernahm sie eine leise Stimme neben sich. Ihr Kopf war wie in Watte gepackt. Als sie nicht reagierte, legt sich eine Hand auf ihre Schulter und schob sie vor sich her.

Sie kam langsam wieder zu sich, als sie auf der Veranda stand und ihr die kühle Abendluft entgegenschlug. Erst dort erlaubte sie ihrem Körper nachzugeben, und hätte Jon sie nicht im richtigen Augenblick gestützt, wäre sie einfach in sich zusammen gesackt. Mary spürte seine starken Hände an ihrer Hüfte und für eine Sekunde fragte sie sich, wie sie sich auf ihrer nackten Haut anfühlen würden. Verunsichert und ängstlich schüttelte sie den Kopf über sich selbst.

»Geht‘s wieder?«

»Warum macht ihr das? Sie ist doch …«, den Rest des Satzes bekam Mary nicht über die Lippen. Sie schob Jon von sich und ließ sich in den Stuhl sinken, ehe ihre Knie ihr noch einmal den Dienst versagen konnten.

»Wie du? Das is nich wahr, Mädch‘n.«

Zitternd verbarg sie ihr Gesicht in den Händen, während sie dem Schluchzen und Stöhnen aus dem Inneren des Hauses lauschte. Sie hörte das Ächzen der Holzdielen und wie Jon sich neben ihr auf den Boden sinken ließ.

»Das ist nicht richtig«, flüsterte sie in ihre Hände. »Das ist verdammt nochmal nicht richtig.« Sie ließ ihre Hände sinken und sah Jon aus tränennassen Augen an. »Warum?«

Der Anführer der Hendriks Bande hockte mit ausgestreckten Beinen auf den ausgetrockneten Brettern und starrte ins Nichts. Es schien fast so, als würde er über ihre Worte nachdenken. Schließlich zuckte er mit den Schultern. »Weiß nich … ist eben so, wie’s is.«

»Das ist Bullshit«, schnappte Mary und schluchzte. »Und was ist mit mir, hm? Bin ich die Nächste?«

Jon schüttelte den Kopf. »Werd’s nich zulassen, solange du spurst.« Er sah sie an, seine Augen funkelten intensiv, als würde er ihr damit zeigen wollen, dass er auf sie achtete. »So weit wird’s nicht kommen, hörst du?« Damit stand er auf und ging in die Hütte zurück, aus der das derbe Lachen der Männer ertönte. Mary blieb noch eine Weile sitzen und betrachtete die Umgebung. Wie ruhig und still es hier draußen war.

Um diese Zeit sitzt Dad immer auf der Veranda im alten, knarrenden Schaukelstuhl und raucht seine Abendpfeife, erinnerte sie sich sehnsüchtig und spürte, wie ihr die Trauer von ganz tief unten aufstieg.

Wenn er meiner überdrüssig wird, werden sie mich vergewaltigen und danach umbringen …

Mary hatte nicht vor, es so weit kommen zu lassen. Sie hörte das Mädchen leise weinen und schluchzte erneut. Sie konnte nicht zulassen, dass dem armen Ding weiterhin Leid angetan wurde. Sie musste hier so schnell wie möglich weg und sie würde das Mädchen mitnehmen, koste es, was es wollte. Grimmig und zu allem entschlossen fasste sie einen waghalsigen Plan.

»Mary, schieb dein’n knochigen Arsch hier rein und bring Wasser mit!«, brüllte einer der Männer aus der Hütte. Sie erkannte die Stimme als die von Buck Hendriks, dessen Zunge schwer vom Alkohol war. Mary stand auf und ging zum Brunnen. Insgeheim war sie froh darüber, dass Jon seine schützende Hand über sie hielt, denn das war der einzige Grund, warum Buck noch nicht über sie hergefallen war.

Als Mary mit dem vollen Eimer die Hütte betrat, empfing sie ein süßlich schwerer Gestank, geschwängert von Alkohol, Schweiß und Sex. Letzteres jagte ihr einen Schauer über den Rücken, erhitzte ihre Wangen ungewollt.

Während Buck, Bill Tilghman, Dick Broadwell und Fred McCarthy am Tisch saßen und Karten spielten, standen Jon und sein Bruder Cole an der Feuerstelle und rauchten. Milton Sharp lag ausgestreckt auf einer der Pritschen und hatte sich die Melone tief ins Gesicht gezogen, um zu schlafen. Dennoch war er komplett angezogen.

Als die beiden älteren Hendriks-Brüder Mary bemerkten, verstummte deren Gespräch, als hätte sie die Männer bei etwas Verbotenem ertappt.

»Geht’s um mich?«, wollte Mary wissen. Sie drängte sich zwischen die Männer und leerte den Inhalt des Eimers in den eisernen Kessel über dem Feuer.

Cole versuchte sich in einem schrägen Lächeln. »Bist’n hübsches Mädchen, Mary, aber nein, um dich ging’s nich bei dem Gespräch.«

»Mein ja nur«, erwiderte Mary und zuckte mit den Schultern. Als sie den Eimer abstellte, sah sie das fremde Mädchen. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt, so dass nur ihr Schopf zu sehen war, und sich wie ein kleines Kind zusammengekauert. »Was ist mit ihr?«, wollte Mary wissen.

»Was soll’n schon sein«, knurrte Cole missmutig. »Fängst an, zu viele Fragen zu stell’n …«

»Lass sie in Ruhe«, murmelte Jon warnend.

Mary wurde aus Jon nicht schlau. Er war zweifelsohne ein brutales Dreckschwein, das keine Skrupel kannte, doch gleichzeitig schien er sie aus irgendeinem Grund zu beschützen. Aber noch etwas anderes bemerkte sie, und zwar an sich selbst. Etwas, das sie beängstigte, denn sie fing allmählich an, Gefallen an Jons Verhalten zu finden. Er war ohne Zweifel ein gutaussehender Mann, der mit Leichtigkeit jede Frau haben konnte, doch er hatte sich für sie entschieden. Es machte sie stolz, dass der Anführer der Hendriks Bande gefallen an ihr fand und das widerte sie an.

»Verdammt, Schlampe, hab dich gerufen!«, brüllte Buck und schmetterte wütend seine Karten auf den Tisch. »Scheißblatt, verfluchtes!«

Mary zuckte unter seinen Worten zusammen, doch sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Jeder verdammte blaue Fleck, jede Schramme erinnerten sie daran, dass sie stark bleiben musste. Knickte sie ein, würde sie enden wie die Schlampe auf der Pritsche.

Schlampe? Hab ich das wirklich gedacht? Bei Gott, ich muss hier weg, sonst werde ich noch wie die …

»Was willst du von mir, Buck?«, rief sie laut genug, dass jeder es verstehen konnte. »Brauchst wieder ein Mädchen, um es zu verprügeln?«

Schlagartig wurde es still und Mary wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Dass sie zu weit gegangen war. Buck sprang auf und drehte sich zu ihr um. »Du verdammtes Drecksstück, werd dich lehren …« Seine Hand zuckte schon zu seinem Messer.

»Nichts wirst du tun«, zischte Jon gefährlich leise und mit zu Schlitzen verengten Augen. »Wirst dich hinsetz’n und weiterspielen.«

Auch Cole nickte warnend. »Solltest besser tun, was dein Bruder sagt.« Dann drehte er sich um und versetzte Mary eine schallende Ohrfeige, so dass sie gegen die Wand geschleudert wurde. »Und dir sag ich, treib’s nicht zu weit! Verstanden?«

Mary prallte gegen die Ofenwand und schrie schmerzerfüllt auf. Ihre Wange brannte von dem Schlag wie Feuer. Sie sah zu Jon, der sie nur ausdruckslos anstarrte, aber wohl wie sein Bruder dachte. Sie rappelte sich auf und vermied es, die Männer direkt anzuschauen. »Wollte nicht frech sein … es tut … es tut mir leid.«

Buck nickte. »Hättest längst tun soll’n, Cole … war längst fällig.« Dann an Mary gewandt. »Ich hab beschissenen Hunger, alle haben Hunger, hä?« Er sah sich zu den Männern am Tisch um, die bestätigend nickten. »Also trag deinen verdammten Fraß auf!«



***



An diesem Abend hatte Mary eine wichtige Lektion gelernt. Jon mochte so etwas wie Zuneigung für sie empfinden, doch die Bindung zu seinem Blut war fester. Es gab für ihn keine Wahl zwischen ihr und seiner Familie. Das bestärkte sie in ihrem Entschluss, erneut zu verschwinden. Sie hockte sich still auf einen Schemel in der Ecke, aß und sah dabei zu, wie die Männer sich die Bäuche füllten und tranken. Manchmal ging einer raus, um zu pissen, doch Mary ließen sie weitgehend in Ruhe.

Wie immer wurde es spät, bis die Männer größtenteils betrunken in ihre Decken krochen. Cole war der Letzte, der sich schlafen legte.

Mary wartete, bis nur noch die gleichmäßigen Atemzüge der Männer zu hören waren. Manchmal redete einer im Schlaf oder wälzte sich unruhig umher, aber das kannte sie schon von den vergangenen Nächten. Sie zog die Beine an und wartete eine weitere halbe Stunde, bis sie ganz sicher war, dass auch wirklich jeder schlief. Dann stand sie auf, nahm sich einen der Staubmäntel, gurtete sich einen Revolver um, von dem sie dachte, dass es Broadwells war, zog sich einen der Hüte auf und nahm sich die Winchester von McCarthy. So ausgerüstet ging sie zu dem noch in gleicher Position daliegenden Mädchen und berührte es sanft an der Schulter.

»Hey«, wisperte sie leise. »Ich bin’s, Mary. Brauchst keine Angst zu haben …«

Das Mädchen riss die Augen auf und wimmerte. Fast hätte sie geschrien, doch Mary presste ihr im letzten Moment die Hand auf den Mund. »Shhhht, sei leise. Ich bringe dich von hier weg … verstehst du das?«

Das Mädchen sah sie aus großen, feuchten Augen an und nickte. Behutsam nahm Mary die Hand weg und legte sich den Zeigefinger an die Lippen. Sie stand auf und bedeutete ihr, zu folgen. Ihr Kleid bestand nur noch aus Fetzen, also nahm sich Mary ein langes Hemd und einen weiteren Mantel und ließ das Mädchen durch den Türspalt schlüpfen, nachdem es sich umgezogen hatte.

Mary drehte sich um und sah auf die schnarchenden Männer, vor allem verharrte ihr Blick an Jons Silhouette, bevor sie sich wehmütig abwandte. Sie dachte kurz darüber nach, eine der Petroleumlampen ins Feuer zu werfen und die Tür zu verrammeln, entschied sich aber dagegen. Sie war nicht wie diese Bestien. Sie war besser, ein Mensch, der ein Leben hatte, also trat sie zu dem Mädchen nach draußen und schloss die Tür.

Sie schlichen zu den Pferden und lösten den Anbindestrick eines der Tiere. Doch anstatt sich auf den Sattel zu schwingen und davonzureiten, so schnell sie konnten, gab Mary ihm einen festen Klaps auf den Hintern, dass es erschrocken davon galoppierte. Sie wartete, bis es in der Dunkelheit verschwunden war, dann nahm sie das Mädchen bei der Hand und zog es in entgegengesetzter Richtung davon und die Hügel hinauf.

Sie liefen eine ganze Weile im schnellen Schritt, die Hütte war längst nicht mehr zu sehen, als das Mädchen Mary das erste Mal ansprach. »Wie … heißt du denn überhaupt?« Ihre Stimme klang gestresst. »Dachte, gehörst zu denen …«

Mary zog sie weiter hinter sich her. Anhalten kam für sie nicht in Frage. »Mary … Mary Anderson aus Angel Falls. Und du bist?«

»Myra Maybelle Shirly aus Missouri, doch Maybelle reicht. Aber in meiner Heimat haben sie mich nicht geschnappt. War mit meinem Bruder ’nen Tagesritt von hier unterwegs …«, keuchte sie erschöpft. »Wo willst denn eigentlich hin, hm?«

Da war etwas im Klang von Maybelles Stimme, die Mary aufhorchen ließ, ihr nicht gefiel und sie stutzig machte. »In die Hügel, wohin die nicht reiten können … denn das andere hab ich schon versucht …«

Sie kletterten jetzt mehr zwischen den Steinen entlang, als dass sie liefen, zerkratzten sich die Hände an dornigen Büschen. »Macht Sinn«, meinte Maybelle. Trotz, dass die Männer sie geschunden hatten, hielt sie durch, vielleicht auch gerade deswegen. Von der schwachen Frau war nichts mehr zu erkennen, als wäre sie in Marys Gegenwart aufgeblüht.

Drei Stunden waren sie schon unterwegs, als sie aus der Ferne einen Schuss hörten. Unwillkürlich duckten sie sich hinter einen Felsen, doch der Schütze hatte vermutlich nur in die Luft geschossen, wollte wohl die anderen wecken. »Jetzt wissen sie, dass wir abgehauen sind«, flüsterte Mary aufgeregt.

Maybelle nickte und ihre Augen funkelten im Mondlicht. Sie sah auf das Gewehr in Marys Hand. »Kannst damit umgehen, Mary?«

»Glaub schon …« Sie traute Maybelle nicht über den Weg und würde ihr Teufel nochmal keine Waffe geben. Ihre sonderbare Wandlung hatte Mary verwundert. »Erzähl mir deine Geschichte und wie es dazu kam.«

Und lass mich bitte glauben, dass es kein Fehler war, dich mitzunehmen …

»Na ja, gibt nicht viel zu erzählen«, begann Maybelle zäh.

Mary verdrehte die Augen und fühlte sich in ihrem Misstrauen bestätigt. »Komm schon … ich riskiere mein Leben für dich.«

»Reg dich ab …«, schnauzte Maybelle zurück. »War mit meinem Bruder nach El Paso unterwegs, weil wir aus Missouri … weg mussten.« Als ein weiterer Schuss ertönte, duckten sie sich hinter den Felsen. Maybelle sah Mary erschrocken an. »War jetzt näher, oder?«

Mary nickte. »Komm, wir steigen weiter hinauf. Kannst mir beim Laufen alles erzählen.« Sie stand auf und kletterte los.

»Scheiße, mir gehts nicht so gut«, erklärte Maybelle mit zittriger Stimme.

Mary blieb stehen und drehte sich um. »Was ist los, hm?«

Maybelle fummelte im halbdunkeln an sich herum, zog die Hand unter ihrem Kleid hervor und hob sie Mary entgegen. Ihre Finger waren dunkel und glänzten feucht. »Dieses Schwein hat mich ziemlich hart gefickt. Hat wohl was … zerrissen …«

Mary keuchte. Derart vulgär hatte noch keine Frau in ihrem Beisein gesprochen. Es war einfach ekelhaft, dennoch weckte es ihre Neugier. »Du meinst, er hat dich … verletzt?«

»In den Arsch gevögelt hat er mich«, blaffte Maybelle und verzog das Gesicht zu einer Fratze, so dass sie gar nicht mehr hübsch aussah. »Kennst das nicht, hm? Bist’n Farmermädchen, hab ich recht?«

Mary spürte, wie ihr das Blut in die Ohren stieg. Sie kam sich verdammt dämlich vor. So unerfahren. »Red nicht so mit mir, hörst du?« Sie hob das Gewehr, ohne, dass sie es merkte. »Und ja, ich komm von einer Farm und bin stolz darauf. Meine Eltern haben hart dafür …«

Ein Pfiff zerschnitt die Nacht. Er kam von weiter unten. Mary glaubte, Steine kollern zu hören. Sie erinnerte sich an Broadwells Warnung, dass er sie von überall mit seinem Gewehr treffen konnte. »Scheiße, wir müssen weiter rauf!«

»Komm schon, gib mir den verdammten Revolver, ich kann damit umgehen!«, zischte Maybelle wie eine giftige Schlange.

Mary wollte loslaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Was war das nur für ein Mädchen, das sie gerettet hatte, die mit einem Revolver umgehen konnte? Keine Frau sollte das können.

Maybelle kam auf sie zu. Ihre zu schmalen Schlitzen verengten Augen hatten selbst in der Dunkelheit einen gefährlichen Glanz. »Gib. Mir. Die. Scheiß. Waffe!« Ihre Gesichtszüge hatten sich verhärtet. »Weißt wohl nicht, mit wem du es zu tun hast, hm? Noch nie was von Bell Starr gehört?«

»Nein«, sagte Mary leise. Ihre Hände zitterten und sie schwitzte. Dieses Mädchen jagte ihr mehr Angst ein als die ganze Hendriks Bande. Ihr Gesicht wirkte hart, nahezu dämonisch.

Maybelle sprang nach vorne, um Mary das Gewehr zu entreißen. »Du verdammte Fotze, ich sagte, gib …«

Das Gewehr in Marys Händen krachte, ohne dass sie es wollte. Der Schuss zerfetzte die Nacht und Maybelles Sprung wurde jäh gestoppt, doch sie fiel nicht um. Sie blieb stehen und schwankte, presste sich ihre Hand auf den Bauch, dann sah sie verblüfft auf das viele Blut, das wie eine dunkle Rose auf ihrem zerfetzten Kleid erblühte. »Du Schlampe hast mir in den Bauch gescho…«

Danach fiel Myra Maybelle Shirly einfach um. Ihr Körper lag schlaff vor Marys entsetzten Füßen. »Das … das wollte ich nicht …«, stammelte sie leise in die dunkle Nacht hinein.

Mary bekam weiche Knie und kippte gegen einen Stein. Das Gewehr entglitt ihrer Hand und klapperte auf den Boden. Alles drehte sich auf einmal. »Ich habe … ich habe …« Dann klappte sie zusammen und erbrach sich zwischen die Steine.

Sie schaffte es erst wieder, auf die Beine zu kommen, als sie erneut das Poltern einiger Steine hörte, dieses Mal ganz in ihrer Nähe. »Scheiße …«

Mary raffte sich auf und rannte nach oben, so schnell sie konnte. Eine Kugel fetzte dicht neben ihrem Kopf in den Felsen. Steinsplitter jaulten durch die Luft und zerschnitten ihr die Wange.

»Bleib sofort steh’n, verdammte Schlampe«, tönte Bill Tilghmans Stimme gar nicht weit entfernt.

»Wir haben dich!« Das war Buck Hendriks irgendwo an ihrer Seite. Und Dick Broadwell lachte dazu. »Brauch nur den Finger zu krümmen …«

Mary blieb mit klopfendem Herzen stehen und spürte die Tränen nicht, die ihr die Wangen hinab liefen und in der Wunde brannten. »Bitte, lasst mich einfach gehen«, flehte sie die Männer an.

»Das wird leider nicht gehen«, erklärte Cole und trat zwischen einigen dürren Büschen hervor. »Hättest nicht mit der hier Zeit verlieren sollen …« Er beugte sich zu der Toten hinab und schüttelte den Kopf. »Du hast Bell Starr erschossen. War mit Bluford Duck nach Younger’s Bend unterwegs.« Er sah zu ihr auf. »Das war das übelste Weib zwischen El Paso und Washington. Hättest du ihr die Waffe gegeben, hätte sie dich eiskalt erschossen.«

Mary schluchzte, als Cole auf sie zu kam. »Bleib weg, oder ich …« Sie zog den Revolver, spannte mit beiden Händen den Hahn und setzte sich die Mündung an den Kopf.

»Wow, Mädchen, wow!« Cole hob seine Hände in ihre Richtung, sah sich kurz um. »Waffen runter, Männer. Hab’s im Griff.« Dann sah er Mary wieder an. »Willst du so enden wie sie, hm? Ich glaub nicht …«

»Ihr werdet mich doch eh umbringen. Oder …«, sie schluchzte, »das machen, was ihr mit ihr gemacht habt …«

Cole sah sie überrascht an und schüttelte langsam den Kopf. »Wir werden dich nicht töten und wir werden dich auch nicht anfassen. Aber du hast recht, du kannst nicht bleiben. Können nicht ständig auf dich aufpassen …«

Mary wusste nicht, was Cole meinte. Es war Jon, der es ihr erklärte. Er kam hinter ihr den Hügel runter und sah sie traurig an. »Zweimal bist du abgehau’n, Mary. Hast uns ne Menge Schwierigkeiten gemacht.« Er ging an ihr vorbei und blieb neben seinem Bruder stehen. »Hab nich vor, dich zu töten. Aber verkaufen werd’ ich dich.« Er schnaufte schwer. »Das haben wir beschlossen, gemeinsam …«

Sie glaubte nicht, was sie da hörte. Ihr Gehirn befahl ihrem Finger, abzudrücken, damit sie diesem Albtraum entkommen konnte. Doch der Finger weigerte sich. Er bewegte sich keinen Millimeter. »Bitte … ich will doch nur glücklich sein …«

Jon nahm ihr die Waffe vorsichtig aus der Hand und steckte sie sich in den Hosenbund. Dann zog er sie an sich. Mary heulte hemmungslos an seine Brust, presste sich zitternd an ihn, wollte ihn nie wieder loslassen. »Ich … ich werde nicht mehr … davon … laufen«, schluchzte sie.

Jons raue Hand fuhr ihr tröstend über den Kopf. In seiner Stimme schwang Wehmut. »Hast schon’mal gesagt, Kleines. Morgen früh kommen die Mexikaner … is entschieden.«

Jon griff erstaunlich sanft nach ihrer Hand und führte sie den Hügel hinab. Der Weg zurück erfolgte schweigend, nicht einmal Buck riss seine üblichen Witze. Mary hatte mit einer Schimpftirade oder Schlimmerem gerechnet, aber nichts davon kam über sie. Das Schweigen der Männer stellte sich als schmerzhafter heraus, als alle anderen Möglichkeiten sie zu verletzen.

Die Sonne ging bereits auf, als sie beim Haus ankamen. Mary holte unaufgefordert Wasser aus dem Brunnen und machte sich an das Frühstück, während weiterhin Grabesstimmung herrschte. Sie fragte sich, wann die Männer ihre Abreise entschieden hatten. Vermutlich schon lange vor der heutigen Nacht. Offenbar hatte sie sich in Jons Gefühlen getäuscht. Sich etwas vorgemacht, wie schon so oft in ihrem jungen Leben. In der Prärie gab es eben keine Liebe, zumindest nicht für Mary Anderson. Sie stutzte kurz, als sie Jon und Liebe in einem Satz dachte. Verstohlen ging ihr Blick zu dem Anführer der Hendriks Bande.

Mary und Jon hatten sich den halben Morgen nicht von ihrem Platz bewegt. Fred, Dick und Buck spielten in einer Ecke Karten, während die anderen Männer ausgeflogen waren. Sie wusste nicht, wohin sie gegangen waren, und im Grunde war es Mary auch gleich. Vermutlich waren sie aufgebrochen, um ihren neuen Herrn irgendwo abzuholen und herzuführen.

In den ersten Stunden hatte Mary lange darüber nachgedacht, was sie erwarten würde, aber mittlerweile war sie dazu übergegangen, nichts mehr zu denken. Es hatte ihr bisher auch nichts gebracht. Die vielen Überlegungen über ihre anstehende Hochzeit waren ebenfalls unnütz gewesen. Ebenso die Gedanken, wie es mit ihrer Familie weitergehen würde. Mary würde es nie erfahren. Vielleicht waren sie bereits weggezogen, hatten sich ein neues Leben aufgebaut. Sie wünschte es ihren Eltern von Herzen.

Jons Hand legte sich auf ihre und ihr Kopf ruckte zu ihm hoch. Sein Blick war in Richtung Tür gerichtet und da vernahm sie selbst das Wiehern der Pferde. Ihre Zeit zum Aufbruch war gekommen.

»Wünschte es wäre anders gekommen. Ehrlich. Hast uns keine Wahl gelassen, Mädchen«, sprach er leise, so dass nur sie es hören konnte.

»Man hat immer eine Wahl, Jon Hendriks.«

Sie entzog ihm ihre Hand und erhob sich von ihrem Platz. Ihrem neuen Herrn wollte sie nicht als Häufchen Elend gegenübertreten. Egal was sie erwartete, es konnte nicht viel schlimmer werden, zumindest redete sie sich das ein.

»Hab noch was für dich. Gehört ja eigentlich dir.« Jon schob seinen Stuhl zurück, wobei er lautstark über den Boden schrammte. Er ignorierte es, ebenso wie Marys ablehnende Haltung ihm gegenüber. Als sie nicht reagierte, wandte er ihr schulterzuckend den Rücken zu und zog eine Schachtel unter seinem Bett hervor. Mary erkannte sie sofort.

»Ich dachte, ihr hättet die Sachen verkauft.« Sie eilte zu ihm und nahm ihren Schatz entgegen.

»Warst so garstig als es darum ging, dass ich es nicht verkaufen konnte.« Abermals zuckte er mit den Schultern. Ihr blieb nicht verborgen, dass ihn der Abschied nicht so kalt ließ, wie er sie glauben machen wollte. Unerwartet gerne dachte sie an den ersten Abend mit der Bande zurück. Sie hatten viel erlebt in den letzten paar Wochen und obwohl Mary mehr oder weniger eine Gefangene gewesen war, war es ihr ansonsten nicht schlecht ergangen. Nicht wie Maybelle. Im Grunde hätte sie es schlimmer treffen können.

»Warum habt ihr mich überhaupt mitgenommen? Ihr hättet euch die Kiste mit dem Geld nehmen und verschwinden können.«

»Wir brauchten ein Mädchen.«

»Mehr nicht? Ich meine, ihr habt mich nicht einmal angerührt.«

»Hast die Hausarbeit gemacht.« Er vermied Augenkontakt und ließ Mary über seine Worte nachdenken. Sie wusste, dass es nur die halbe Wahrheit war, aber sie beließ es bei der Antwort. Mehr hatte Jon dazu nicht zu sagen.

»Danke, Jon.« Sie stellte sich auf die Zehen und hauchte dem jungen Mann einen Kuss auf die Wange. Seine Bartstoppeln schabten über ihre zarten Lippen, aber dennoch musste sie lächeln.

»Scheiß die Wand an! Er verkauft sie und kriegt dafür noch nen Schmatzer! Versteh einer die Weibsbilder heutzutage.« Auf Freds Ausruf folgte Gelächter, in das selbst Mary einstimmte. Die letzten Minuten waren ihre unbeschwerteste Zeit bei den Banditen gewesen. Sie wünschte sich, dass es immer hätte so sein können.

Die sich öffnende Tür in ihrem Rücken, riss sie allerdings in die Wirklichkeit zurück. Mary wagte nicht, sich umzudrehen. Erst Jons Hände, die sich auf ihre Schultern legten, zwangen sie dazu.

»Mary, das ist Mister Sanchez. Ab jetzt … bist du seinen Befehlen unterstellt.«

Mary musste bei Jons Wortwahl fast auflachen, aber das freundliche Lächeln ihres Gegenübers hielt sie davon ab. Mister Sanchez war ein ausgesprochen gut gekleideter und großgewachsener Mann um die Vierzig. Er trug einen dieser witzigen Zwirbelbärte, dazu eine Melone und hübsche Hosenträger. Auf den ersten Blick war Mary klar, dass sie keinen dummen Viehhirten vor sich hatte, sondern einen gebildeten Mann. Einerseits beruhigte sie der Umstand, andererseits machte es sie stutzig. Warum kaufte so jemand Frauen von einer Räuberbande?

»Miss Mary! Darf ich Sie Mary nennen? Es ist mir eine Freude, dass wir uns kennenlernen.« Mister Sanchez verbeugte sich lächelnd vor ihr und lüpfte dabei seine Melone. Irgendwie amüsierte er Mary. Er hatte etwas Jugendliches, Spitzbübisches an sich, dass sie sofort für ihn einnahm.

»Natürlich. Mister Sanchez, right?« Sie war sich nicht sicher wegen der Aussprache, aber der Mann vor ihr nickte anerkennend.

»Right, Mary. Wollen wir aufbrechen? Ich würde ungern bei Nacht unterwegs sein.«

Mary warf noch einen Blick in die Runde und wurde zeitgleich von Jon nach vorne geschubst. »Ja … ich bin hier fertig.«

Der Abschied verlief kurz und schmerzlos. Mary drückte das kleine Kästchen an sich, als sie in den Wagen stieg, der sie abermals in ein neues Leben bringen würde. Der Kutscher, ein breitschultriger Hüne, der sicherlich auch für Mister Sanchez Schutz zuständig war, gab den Pferden die Zügel, als sie beide hinten saßen. Mary warf einen sehnsüchtigen Blick zurück, als sie um eine Kurve bogen. Die gesamte Bande stand versammelt vor dem Haus, als es außer Sichtweite geriet.

»Miss Mary, ich hoffe, dass Sie keine Angst haben. Ihnen wird nichts mehr zustoßen.«

Fast hätte sie den Mann neben sich vergessen. Sie zuckte leicht zusammen, als er die Hand auf ihren Oberschenkel legte, aber merkte schnell, dass es sich lediglich um eine fürsorgliche Geste handelte. Sie presste das kleine Kästchen fester an sich und fühlte sich ein paar Wochen zurückversetzt, als sie ebenso ängstlich in einer ähnlichen Situation war wie jetzt. Es kam ihr vor, als hielt das Leben viele Überraschungen für sie bereit und trotzdem drehten sich alle im Kreis. Ihr ganzes Leben drehte sich im Kreis und niemals würde sie ankommen.

Trotzdem nickte sie dem Mann neben sich freundlich zu. Sie schenkte ihm ein Lächeln, auch wenn sie sich nicht sicher war, was sie eigentlich fühlen sollte. Doch Mister Sanchez entpuppte sich als einfühlsamer Ehrenmann.

Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend. Er respektierte Marys aufgewühlte Gefühlswelt und ließ ihr die Zeit, die sie brauchte, um zur Ruhe zu kommen. Bereits am Mittag hatte sich die Landschaft um sie herum verändert. Es wurde merklich grüner, je weiter sie in Richtung Osten fuhren. Mary kannte sich nicht mehr aus. Sie hatte nie eine Karte gelesen, ihr Horizont war auf ihre Heimat begrenzt gewesen. Unweigerlich fragte sie sich, ob sie in eine Stadt fuhren. Mit Sicherheit lebte doch so jemand wie Mister Sanchez nicht auf dem Land. Mary wurde unruhig, je länger sie fuhren, weil die Unsicherheit und Ahnungslosigkeit sie nicht zur Ruhe kommen ließ. Sie war zuvor weit von ihrer Heimat entfernt gewesen, aber jetzt war sie sich sicher, nie wieder zurückzufinden.

Es war später Nachmittag, die Sonne fast hinter dem Horizont verschwunden, als sie auf eine Straße einbogen. Die weite Wildnis blieb hinter ihnen zurück und machte der Zivilisation Platz. Sie hatte ja nicht geahnt, wie nah sie der Freiheit gewesen war. Nie hätte sie nur einen halben Tagesritt entfernt eine Stadt vermutet.

Zu ihrer Verblüffung nahmen sie nicht den Weg in die Stadt, deren Namen Mary so schnell nicht lesen konnte, als sie an dem Schild vorbeifuhren, sondern bogen wieder ein Stück weit in die Berge.

»Wir sind gleich da. Ich hoffe, dass du dich wohlfühlen wirst.«

Mary nickte abermals und blickte aus dem kleinen Fenster. Zuerst sah sie weite Felder. Erst beim Näherkommen erkannte sie, dass es sich um eine Baumwollplantage handelte. Eine in dieser Größe hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. Ihr Mund blieb einen Moment lang offen stehen, als das große Gebäude vor ihr auftauchte. Mister Sanchez musste wohlhabend sein, stinkreich sogar. Der Schotterweg, über den sie fuhren, war gut ausgebaut und führte direkt vor das Herrenhaus. Auf dem Weg dorthin sah sie einige der Arbeiter, die in den Feldern ihrer schweren Tätigkeit nachgingen. Trotzdem wirkten sie ausgelassen. Es waren Weiße, ebenso wie Dunkelhäutige. Sie fragte sich, ob es alles Sklaven wie sie waren. War sie das überhaupt? Mary wusste es nicht.

Der Wagen kam vor den großen Eingangsstufen zum Stillstand und Mister Sanchez hielt ihr galant die Tür auf, damit sie auf seiner Seite aussteigen konnte.

»Herzlich Willkommen auf El Algodón, Mary«, hieß Mister Sanchez sie feierlich willkommen. Er wollte gerade weitersprechen, als die Tür aufgerissen wurde und eine rundliche schwarze Frau die Treppenstufen nach unten geeilt kam.

Mary hörte, wie die Kutsche davonfuhr und ihr kam es einen Moment lang vor, als hätte der Kutscher es verdammt eilig. Auch Mister Sanchez wurde unruhig, sie spürte es in der Anspannung seiner Körperhaltung.

»Da seid Ihr ja endlich! Das Essen ist bereits kalt! Ich hatte Euch bereits gegen Mittag erwartet. Und seht Euch die Sauerei an! Das arme Mädchen braucht ein Bad! Habt Ihr euch nicht um sie gekümmert? Schämen solltet Ihr euch!«

Mary sah zwischen der Schwarzen und Mister Sanchez hin und her. Sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte. Noch nie hatte sie eine Dienerin, die sie offensichtlich war, denn sie trug eine Kochschürze, so mit ihrem Herrn reden hören. Die Frau war bestimmt schon um die Sechzig, trug ihre Haare streng nach hinten gebunden und traf das typische Bild einer Hausfrau.

»Ähm … Mary, das ist Miss Greta. Sie ist die gute Seele des Hauses. Solltest du Fragen haben, dann wende dich an sie. Ich glaube, ich muss … ja, ich habe noch einen Termin.«

Mister Sanchez war so schnell verschwunden, dass Mary ihm nur mit offenem Mund nachstarren konnte. Unschlüssig wandte sie den Blick zu der Frau vor ihr.

»Komm erstmal mit. Du müffelst irgendwie … nicht böse gemeint. Wir kriegen das schon wieder hin. Bist doch so ein hübsches Ding.«

Ehe sich Mary versehen konnte, steckte sie bis zum Kinn in einer Badewanne und wusch sich den Schmutz der letzten Wochen vom Körper. Miss Greta war freundlich, aber auch irgendwie unheimlich. Sie schien alles fest im Griff zu haben, dass sogar die Männer vor ihr spurteten.

Das Bad und die frische Kleidung taten ihrer Seele gut, ließen Mary sich endlich wieder wie ein Mensch fühlen. Man hatte ihr sogar eine eigene Schlafstatt zugewiesen. Sie teilte sich zwar ein Zimmer mit zwei anderen Mädchen, aber das war ihr gleich. Vielleicht würde sie sich wirklich hier einleben können.

Beschwingt und munter machte sich Mary auf die Suche nach Greta. Sie hatte ihr zwar den Weg zur Küche gewiesen, aber sie fand sich in dem großen Haus nicht zurecht. Sie irrte durch die Flure und bestaunte das Innenleben des Herrenhauses. Gemälde zierten die Wände und auf fast allen war dieselbe Unterschrift zu lesen. Es würde gut zu Mister Sanchez passen, dass er der Künstler war. Immerhin war er kultiviert und sie erkannte ein schwungvolles S bei der Signatur. Letztendlich gefiel Mary der Gedanke, dass er die Bilder gemalt hatte, weil es ihr einen Hauch von Hoffnung vermittelte.

Wer so schönes Erschaffen kann, muss ein gefühlvoller, äußerst empfindsamer Mensch sein …

Vor einem besonders schönen Exemplar, das den Sonnenuntergang in der Prärie zeigte, blieb sie stehen. Ein kleines Häuschen war auch darauf abgebildet und Heimweh überkam sie. Mary spürte die Tränen aufsteigen und wollte sich hastig abwenden, als sie mit jemandem zusammenstieß.

»Entschuldigt«, stammelte sie hastig und versuchte sich gleichzeitig heimlich die Tränen fortzuwischen.

»Schon gut. Ist noch alles dran. Obwohl du einen ziemlichen Dickschädel hast«, grinste sie ein Mann im besten Alter an. Er war untersetzt und nicht größer als sie selbst. Ein Lächeln zierte sein sonnengebräuntes Gesicht, als er weitersprach. »Du musst das neue Dienstmädchen sein. Ich bin Tuck.«

Er streckte ihr die Hand entgegen, die Mary freundlich schüttelte. »Ja … ich denke schon.«

»Du denkst?« Der ältere Herr lachte und legte eine Hand auf ihren Rücken, um sie in die richtige Richtung zu schieben. »Meine Greta wird dir alles zeigen, mach dir keine Sorgen, Mädchen. Du bist in den besten Händen.«

Mary stutzte kurz. Bisher hatte sie in ihrem Leben nur selten Schwarze getroffen, aber diejenigen die sie gesehen hatte, waren Sklaven gewesen. Eine Beziehung zwischen den beiden Hautfarben hatte sie daher für unmöglich gehalten.

»Ihre Greta?«

»Ja. Ist mein Weib. Das Beste, das man ostwärts finden kann. Bin ein verdammt glücklicher Mann, auch wenn sie mich oft mit Sachen bewirft. Meint es nicht böse, hat halt Feuer unterm Arsch.« Er lachte schallend, während er sie durch die Gänge führte.

Sie stiegen die Treppe hinab und Tuck führte sie in den Westflügel des Hauses. Das Gespräch mit ihm war erheiternd und Mary fand einige Antworten auf ihre Fragen. Mister Sanchez war nicht der Maler der Gemälde, sondern seine verstorbene Frau. Sie war vor sechs Jahren im Kindbett gestorben und ließ ihn alleine zurück. Die Plantage hatte früher seinen Schwiegereltern gehört und nun war er hier der Chef, sofern man von Greta absah. Sklaven gab es hier keine, weil er nichts davon hielt. Deswegen wurde Mister Sanchez von einigen gemieden, weil er sich für die Rechte der Schwarzen einsetzte, aber er war ein guter Geschäftsmann, an dem kein Weg vorbeiführte, wenn man die entsprechende Qualität wollte. Mary wurde immer leichter ums Herz, als sie Tucks Worten lauschte. Sie war an einem guten Ort angekommen, dessen war sie sich sicher.

Die Arbeit, die Greta ihr zuteilte, fiel Mary leicht von der Hand. Ihr wurde bewusst, dass sie zwangsläufig vieles in ihrer Gefangenschaft gelernt hatte, das ihr fürs weitere Leben nützte. Sie half beim Zubereiten der Speisen, was nicht wenig war, da ja auch die Mäuler der Angestellten gefüttert werden mussten. Dazwischen putzte sie und wusch Kleidung. Sie lebte sich schnell ein und fand sogar Anschluss. Ihre Zimmergenossinnen behandelten sie freundlich und einmal gingen sie gemeinsam in die Stadt, um sich Kleider anzusehen. Mary erhielt wöchentlich einen kleinen Lohn für ihre Dienste. Von Tag zu Tag blühte sie mehr auf und genoss nach einigen Wochen das Leben auf der Plantage.

Das Heimweh kehrte nur noch selten zurück, meistens wenn sie abends mit den Arbeitern am Lagerfeuer saß. Charles sang Lieder von der Ferne und der Liebe. Er war ein strammer Bursche mit hübscher Hautfarbe – der Sohn von Tuck und Greta, wie Mary erst nach ein paar Tagen erfuhr. Manchmal machte er ihr verstohlene Avancen, aber Mary war noch nicht bereit sich ein Bild darüber zu machen, weil sie noch oft an Jon dachte. Er hätte sie nicht hergebracht, wenn sie ihm egal gewesen wäre. Er wollte sie in Sicherheit wissen und hatte einen guten Herrn für sie ausgesucht. Trotzdem wurde sie nicht schlau aus ihm.

Die neuen Gewohnheiten auf der Plantage machten das Leben angenehm. Trotzdem durfte sie die Ranch nicht alleine verlassen, weil es für eine junge Frau gefährlich war und sich nicht schickte. Davon abgesehen verspürte sie nicht das Bedürfnis, es zu tun, denn die Angst saß immer noch tief. Auf ihre Bitte hin, hatte ihr Mister Sanchez Papier, Schreibfeder und Tinte von einer seiner Geschäftsreisen mitgebracht. Wenn abends die häuslichen Arbeiten erledigt waren, zog sie sich zurück und fing an, Briefe an ihre Eltern zu schreiben. Dass es ihr nach all den Widrigkeiten gut ginge und sie eine gute Anstellung gefunden hatte, in der es ihr an nichts mangelte. Dass sie hoffte, dass es ihnen gut ginge und Carson ihnen trotz ihrer Entführung das zugestanden hatte, was versprochen war. All das Zeug, das ihr auf der Seele brannte. Es tat gut, die Worte zu Papier zu bringen, auch wenn sie wusste, dass die Briefe ihre Eltern nie erreichen würden. Also faltete sie die Briefe zusammen und legte sie zu ihren anderen Sachen in das Kästchen, das sie unter einer losen Bodendiele in ihrem Zimmer versteckte.



***



Mary saß mit Miss Greta auf der Veranda hinter der Küche in der angenehm warmen Morgensonne und schälte Kartoffeln. Heute würde es Reibekuchen geben, ein Essen, dass sie als Kind schon sehr gemocht hatte. Während sie dasaßen und ihrer Arbeit nachgingen, konnten sie einigen Männern dabei zusehen, wie sie das Dach der Scheune gegenüber reparierten. Vögel zwitscherten in den schattenspendenden Bäumen beim Brunnen, irgendwo wieherte ein Pferd. Butch, der rote Hofhund, lag lang ausgestreckt zu ihren Füßen und schlief. Mary ließ eine Kartoffel in den mit Wasser gefüllten Eimer fallen. »Es ist so wunderschön hier …«

Greta nickte. »Oh ja … wir haben großes Glück, Mary. Mister Sanchez ist ein guter Herr. Und …«, sie zwinkerte Mary zu, »ich bin mit meinem Tuck zusammen, wir haben einen wunderbaren Sohn …«

»Es ist wie eine Insel des Glücks«, sinnierte Mary und kicherte, als einer der Arbeiter fluchte, weil ihm der Hammer vom Dach gefallen war.

»Besser hätt‘ ich’s nicht sagen können«, pflichtete ihr Greta bei und knuffte ihr spielerisch in die Seite. »Eine Insel, von Raubfischen umkreist …«

Mary musste lachen. »Raubfische haben zum Glück keine Beine, um uns hinterherzulaufen.« Das Wort Raubfische weckte eine andere Erinnerung in ihr. Sie hatte es verdrängt geglaubt, doch ihr kam die Hendriks Bande wieder in den Sinn. Die Männer entstanden vor ihrem geistigen Auge. Der Heißsporn Buck, der ruhige Cole, dann der grobe Tilghman. Milton Sharp, der Gentleman, der unverschämte Dick, dazu Fred McCarthy und natürlich Jon, der Anführer der Bande. Seinen letzten, traurigen Blick würde sie nie vergessen können. Damit verbunden kam ihr wieder eine Frage in den Sinn, die sie schon lange stellen wollte, sich aber nie getraut hatte, sie auszusprechen.

»Darf ich dich was fragen, Greta?«

Greta runzelte die Stirn. »Alles, was du willst, Kindchen.«

Mary nickte dankbar. Sie mochte Gretas offene, direkte Art. Es tat gut, mit ihr zu reden oder einfach mit ihr zusammen Arbeiten zu verrichten. Es war fast so, als würde Mum neben ihr sitzen. »Mister Sanchez ist ein ehrenwerter Mann«, begann sie zögerlich, als wollte sie sich schon zuvor für das Entschuldigen, was sie gleich sagen würde.

»Das ist er …«

»Als er mich damals von den Banditen weggeholt hat, hat er mir ganz sicher das Leben gerettet.«

»Oh ja … das macht Mister Sanchez manchmal.«

Mary seufzte. »Dennoch habe ich mich immer gefragt, was Mister Sanchez mit den Banditen verbindet. Er ist so ein nobler Mensch und diese Kerle sind einfach nur …«

»Böse?«, sprach Greta aus, was Mary verschluckte.

»Ja, das meine ich …«

Greta nickte wissend. »Und jetzt fragst du dich, wie Mister Sanchez und die Banditen zusammenpassen, hm?«

»Ja …«

»Damit hat eigentlich seine verstorbene Frau, Gott sei ihrer armen Seele gnädig, angefangen«, begann Greta zu erzählen. »Hier im Grenzland herrscht Krieg zwischen Ranchern und Farmern. Die einen wollen das Land für ihre Rinder, die anderen, um etwas Wachsendes anzubauen …«

So, wie bei meinen Eltern, dachte Mary.

»Dazu gibt es eine Menge Banditen, die junge Dinger wie dich entführen und sie auf der anderen Seite der Grenze verkaufen …«

Mary erschauerte, weil sie sich an ihre Hochzeit erinnerte. Als die Banditen kamen und wild um sich schossen, sie auf’s Pferd zerrten und aus ihrem Leben rissen, wie karg es auch immer gewesen sein mochte. Es war ihr Leben gewesen, ihr Zuhause.

»Wann immer Mister Sanchez von einem Mädchen erfährt, das sich in der Gewalt von Banditen befindet, kauft er es frei. Wenn du dich hier umsiehst, wird es einige geben, die die gleiche Erfahrung wie du gemacht haben.« Greta schüttelte den Kopf. »Das dürfte nicht sein, so traurig ist das …«

»Mir kam es so vor, als würden Mister Sanchez und Jon Hendriks sich besser kennen als nur über ihre Geschäfte«, stellte Mary fest. Da war etwas in dem Blick der beiden Männer gewesen, der sie das vermuten ließ.

Greta nickte wissend. »Er kennt Jon schon seit der Geburt. Die Hendriks hatten eine Farm ganz in der Nähe.«

»Was ist passiert?«, wollte Mary wissen.

»Ich sag’s mal so«, sagte Greta und ließ eine Kartoffel ins Wasser plumpsen. Sie blinzelte in die Sonne und hob ihre Hand, um Tuck zuzuwinken, der Limonade zur Scheune brachte. Die Männer saßen im Schatten eines Baums und machten Pause. »Ein mächtiger Rancher hat die Hendriks aufgefressen und Jon die Schuld in die Schuhe geschoben. Jon und seine Brüder haben sich das nicht gefallen lassen … was dabei rausgekommen ist, hast du am eigenen Leib erfahren, hm?«

Mary dachte über Gretas Worte nach. Also war Jon eher so etwas wie ein Opfer der Umstände?

»Er hätte zum Sheriff gehen können.«

Greta lachte, als hätte Mary einen Witz gemacht. »Du meinst der Sheriff, der durch das Geld des Ranchers gewählt wurde? Eher unwahrscheinlich … hier im Grenzland regelt man seine Angelegenheiten selbst.«

»Jon und seine Brüder hätten weggehen und woanders neu anfangen können«, sinnierte Mary weiter. Erneut hatte sie den sanften, traurigen Blick des Outlaws vor Augen und fing an zu begreifen, was dahinter steckte.

Greta schüttelte energisch den Kopf. »Kindchen, so naiv bist du doch nicht. Was würdest du tun, wenn einer kommt und alle umbringt, die du liebst? Davonlaufen? Alles, wofür du dein Leben lang gearbeitet hast aufgeben? Das hätten sie wohl besser getan, auch, wenn’s schmerzt. Für die Hendriks Brüder kam das nicht in Frage. Als sie den Rancher schließlich zur Rede stellten, kam eins zum anderen.« Sie legte Schälmesser und Kartoffel in den Schoß und sah Mary eindringlich an. »Sie wählten einen Weg, der zwangsläufig am Galgen endet.« Damit hatte sie alles gesagt und nahm ihre Arbeit wieder auf. »Und jetzt sollten wir uns sputen, denn die Männer werden hungrig sein, wenn sie von den Feldern kommen …«



***



Mary mochte die Abendessen am liebsten. Sie saßen alle gemeinsam um einen großen Tisch, nachdem der Herr versorgt oder gerade auf Reisen war. Mister Sanchez fuhr oft in die Stadt, um seine Waren anzubieten. Meistens wurde er von dem schweigsamen Kutscher, namens Rufus begleitet. Ein ungewöhnlicher Name, für einen ebenso ungewöhnlichen Mann. Mary hatte sich noch nie groß mit ihm unterhalten, aber das traf auf vermutlich alle zu. Er war gerne alleine und jeder hier respektierte diesen Umstand. Er hatte wohl ebenso eine Vergangenheit, wie alle anderen, also stellte niemand seine Entscheidungen in Frage. Aus Tagen waren Wochen geworden und aus Wochen Monate. Mary konnte nicht mehr genau sagen, wie lange sie schon auf El Algodon verweilte, aber sie wusste, dass ihre Hochzeit vor genau neun Monaten hatte stattfinden sollen. Neun Monate … hätte sie ihrem Mann, diesem alten Sack, jetzt schon ein Kind geboren? Vermutlich. Insgeheim war sie froh, dass es anders gekommen war.

»Schmeckt es dir heute nicht?«

Mary zuckte zusammen, als Charles sie von der Seite ansprach. Wie immer lag ein Lächeln auf seinen hübschen Lippen, auch wenn sie ihm seine Besorgnis ansah. Hastig schüttelte sie den Kopf, genoss seine Fürsorge. »Ich war nur in Gedanken.«

»Die Vergangenheit liegt hinter uns. Wir Menschen haben keine Augen am Hinterkopf, damit wir nicht zurückschauen können, sondern nur nach vorne. Hat schon seine Gründe«, sagte er tiefsinnig und Mary musste ihm dafür einen Kuss auf die Wange hauchen.

»Du bist manchmal echt ein kluger Bursche, Charles.« Sie schenkte ihm ein Lächeln, das ihn sichtlich erfreute.

»Nur manchmal?«, fragte er keck.

Beide lachten ausgelassen, worauf der Rest der Arbeiter einstimmte. Sein Vater setzte sogar noch einen drauf: »Hat er natürlich von mir!«, brüstete Tuck sich, woraufhin er einen mit dem Kochlöffel übergezogen bekam.

Es war der ausgelassenste Tag seit langem, der Mary sogar die Tränen vor Lachen in die Augen trieb. Sie ließ Charles heute gewähren, als er seine Hand auf ihren Oberschenkel ablegte, genoss seine Nähe und die Berührungen, die sich angenehm anfühlten. Die Blicke, die sie tauschten, blieben natürlich keinem verborgen, aber noch war nichts weiter zwischen den beiden geschehen. Mary wusste nicht, warum sie überhaupt noch überlegte, weil Charles hübsch und gescheit war. Vielleicht keine gute Partie, da er auch nur ein Arbeiter war, aber sie würden hier dennoch ein schönes Leben führen können. Mister Sanchez würde sie sicher nicht wegschicken, sollte sie einen dicken Bauch bekommen. Trotzdem haderte Mary noch mit sich selbst. Es war zwar nicht so, dass sie Charles nicht wollte, aber noch lebte ein Funken Hoffnung in ihr, egal wie winzig und unsinnig er war, dass sie Jon wiedersah. Sie schalt sich selbst eine Närrin, wenn sie an den Verbrecher dachte, dem eigentlich ihr Herz gehörte. Sie musste das Kapitel Jon Hendriks endlich beenden und ein neues beginnen, sonst würde sie womöglich nie ihr Glück finden.



***



Weitere Tage gingen ins Land, und Mary versuchte sich weiter zu öffnen, insbesondere Charles gegenüber. Sie wusste, dass sie mit Jon abschließen musste, wenn sie jemals wieder glücklich werden wollte. Er würde ihre Gefühle niemals erwidern, geschweige denn, dass sie sich jemals wiedersehen würden. Sie verbrachte abends viele Stunden zusammen mit Charles, nur zu zweit und unbeobachtet auf dem Heuboden der Scheune. Er war ein Ehrenmann und berührte sie niemals unsittlich, auch wenn sie sich langsam danach sehnte. Mit den Tagen lernte sie, seine Nähe zu genießen, und spürte, wie sich ihr Herz nach ihm verzehrte. Sie sprachen viel über ihre Träume und Wünsche, überlegten, was die Zukunft ihnen bringen könnte. Mary wünschte sich nichts sehnlicher, als seine karamellbraune Haut zu berühren, aber war zu scheu, um es auszusprechen. Charles dagegen zu gut erzogen, um sich zu nehmen, was er sich wünschte. Trotzdem spürten beide das Band, das sich zwischen ihnen knüpfte. Es schien alles perfekt zu sein und als sie sich schüchtern trennten, legte Mary sich glücklich ins Bett.

Mitten in der Nacht wurde sie von lautem Hufgetrappel geweckt. Noch halb benommen stand Mary auf, strich sich ihr Nachthemd glatt, und ging zum Fenster, um zu sehen, was los war. Männer mit Fackeln liefen aufgeregt auf dem Hof umher. Tuck war auch dabei und versuchte, etwas Ruhe reinzubringen. Einer der Männer hielt ein schwarzes Pferd am Zügel fest. Im Sattel saß ein zusammengesunkener Mann.

Mary keuchte, denn sie erkannte ihn sofort. Es war Jon!

»Mein Gott …« Anstatt Abscheu gegenüber dem Outlaw zu verspüren, machte sich Mary Sorgen. So schnell sie konnte, schlüpfte sie in ihren Morgenmantel, eilte aus dem Zimmer und die Treppen hinunter. Fast wäre sie dort mit Mister Sanchez zusammengestoßen, der ihr von unten entgegenkam.

»Zu dir wollte ich gerade«, sagte er atemlos. »Es ist vielleicht am besten, du bleibst auf deinem Zimmer, bis wir alles geregelt haben, liebe Mary …«

Mary hatte anderes im Sinn. Sie wollte an ihm vorbei, doch Mister Sanchez hielt sie fest. »Mary, bitte …«

»Ich weiß, es hört sich vielleicht verrückt an«, versuchte sie, sich zu erklären, »… ich möchte Jon helfen!«

Sanchez sah sie verwirrt an. »Hast du vergessen, was er dir angetan hat? Ich meine …«

Mary wandte sich aus seinem Griff. »In Jon steckt ein guter Kern, das weiß ich …« Sie sah ihrem Herrn in die Augen. »Bitte!«

Resignierend machte ihr Mister Sanchez Platz. »Du hast ein unglaublich großes Herz, Mary … bring es nicht in Gefahr!«

Mary hörte das nicht mehr. Sie stürmte die Treppe hinab, durchquerte den Flur und trat durch die offenstehende Haustür ins Freie. Die Männer hatten Jon schon aus dem Sattel gehievt und auf die Veranda gelegt. Tuck kniete neben dem anscheinend bewusstlosen Mann und zog ihm die Jacke aus. Sie hoffte, dass es nicht zu spät war. Mary schrie erschrocken auf, als sie das viele Blut sah. Jons Gesicht war blass und verschwitzt, er musste lange und schnell geritten sein.

Sie ging neben Tuck in die Knie. »Um Himmels willen, Tuck, was ist mit ihm? Lebt er noch? … kannst du ihm helfen?«

Tuck untersuchte eine stark blutende Wunde in Jon’s Schulter und eine weitere in seinem Arm. »Hat zwei Kugeln abbekommen und viel Blut verloren. Werd’ seh’n, was ich für ihn tun kann …«

Er sah Mary an. »Hilfst du mir, ihn nach oben zu bringen und zu versorgen, bis der Doc da ist?«

»Natürlich …«

Viel tun konnten sie nicht für den hageren Mann. Sie zogen ihm die Stiefel und das Hemd aus, verbanden seine Wunden und legten ihn in einem der Gästezimmer auf das Bett. Jon musste Fieber haben, denn er wälzte sich unruhig umher und redete wirres Zeug.

Der Doc donnerte eine halbe Stunde später mit seinem Einspänner auf den Hof und machte sich sogleich an die Arbeit. Tuck fasste Mary am Arm und zog sie aus dem Zimmer. »Komm, Kindchen, lass den Doktor machen. Das ist nichts für dich …«

»Aber ich …«, sträubte sich Mary.

»Du kannst dich später um ihn kümmern, wenn du das unbedingt willst. Aber jetzt lass den Doktor seine Arbeit machen, Mary.« Tuck gefiel offensichtlich nicht, dass sich Mary so für den Outlaw interessierte, dennoch nahm er sie in den Arm und brachte sie auf ihr Zimmer. »Jetzt geh schlafen, der Bandit wird dir morgen nicht bei deiner Arbeit helfen.«

Widerwillig fügte sich Mary Tucks Anweisung. Gretas Mann meinte es nur gut mit ihr. Sie wusch ihre Hände und ging zu Bett, doch in den Schlaf fand sie die ganze Nacht nicht mehr.

Noch bevor der Duft von frisch gebrühten Kaffee am Morgen durch das Haus zog, war sie auf den Beinen und schlich sich in Jons Zimmer. Sie musste unbedingt wissen, was geschehen war. Zu ihrer Überraschung war Jon wach. Er hatte sich im Bett aufgesetzt und sah sie in einer Mischung aus Überraschung und Freude an. Dennoch war der Schatten auf seinem Gesicht unverkennbar. »Mary …«, flüsterte er schwach. »Siehst … gut aus.« Er lachte unsicher, wohl weil er sich albern vorkam.

Mary lächelte ihn an, wich aber seinem direkten Blick aus, hatte Angst, die Gefühle könnten wieder hochkommen. »Du … was ist geschehen? Und … wo sind die anderen?«

Jons Blick verfinsterte sich. Der sonst so harte Mann wirkte auf einmal sehr traurig. »Nach alldem fragst du nach den Männern und sorgst dich um mich?«

Mary fasste sich ein Herz und trat näher. »Du bist kein schlechter Mensch, Jon Hendriks … ein grober vielleicht, aber kein schlechter …«

Jon lachte rau. »Hast mich durchschaut, Mary …« Er knetete unsicher seine Hände. »Und das andere, nun … will’s dir erzählen, wenn du Zeit hast …«

Mary beeilte sich zu nicken und setzte sich auf den Bettrand. »Natürlich habe ich Zeit. Die anderen schlafen noch …«

Jon nickte und verzog schmerzerfüllt sein Gesicht, als er seine verletzte Schulter bewegte. »War’n nach Younger’s Bend geritten in Myras Versteck, weil wir dort ihre Beute vermuteten.« Jon schüttelte den Kopf. »Wie sich herausstellte, ‘n verdammter Fehler, denn die Texas Ranger hatten ’nen schön’n Hinterhalt vorbereitet.«

»Daher also deine Verletzungen«, sagte Mary leise.

Jon nickte. »Jep … bin noch gut weggekomm’n. Tilghman und Sharp hat’s noch im Sattel erwischt, Broadwell vor der Tür der Hütte und McCarthy, als er aus dem Fenster auf die Bastarde feuerte. Die hab’n die Hütte durchlöchert wie’n verdammter Käse.«

»Aber was ist mit deinen Brüdern?«, wollte Mary wissen. Sie konnte nicht fassen, dass die Männer tot waren. Es war nicht so, dass sie es bedauerte, dennoch hatte sie eine sehr intensive Zeit mit ihnen verbracht, die sich nicht so leicht tilgen ließ. Und Jon, den mochte sie noch immer. Anders als Charles natürlich, zu dem sie sich hingezogen fühlte und dessen Nähe sie glücklich machte. Manchmal, wenn sie nachts wach lag und in die Sterne schaute, hatte sie sich vorgestellt, wie es wohl war, an Jons Seite zu reiten, doch seine Schilderung der Schießerei ließ sie schnell anders darüber denken.

»Meine Brüder«, sinnierte Jon. »Wir haben einen Ausbruch versucht, es sogar auf die Pferde geschafft. Buck haben sie den Wallach unter dem Hintern weggeschossen. Ich sah, wie er stürzte, als mich die Kugeln trafen. Cole schlug meinem Pferd auf den Hintern, dass es mit mir davon galoppierte. Er selbst ritt zu Buck und zog ihn hinter sich auf den Sattel.«

»Bitte nicht Cole …«, flüsterte Mary aufgeregt. Jon’s älterer Bruder war immer der ruhende Pol der Drei gewesen. Auf gewisse Weise hatte sie diesem Mann vertraut. Und jetzt …

Sie erschrak, als Jon ihre Hand berührte. Unwillkürlich hielt sie die Luft an und erwartete … ja was überhaupt?

»Cole und Buck leben«, sagte Jon. »Die Ranger haben sie sicher nach Fort Smith gebracht, wo sie ihnen den Prozess machen werden …«

»Die werden sie hängen«, sprach Mary aus, was Jon dachte. Mehr gab es dazu wohl nicht zu sagen. Sie hatten das Risiko gekannt, das sie mit dem Leben als Outlaw eingegangen waren. Sie hatten geraubt, vergewaltigt und getötet. Wenn sie an Buck dachte, empfand sie das mehr als verdient.

Aber was ist mit mir. Ich habe Myra getötet. Also bin ich auch eine Mörderin … Auch, wenn die Umstände anders waren, an meinen Händen klebt Blut …

»Und du, wie geht es mit dir weiter?«

Jon dachte eine Weile über Marys Frage nach. »Hierbleiben kann ich nich … die sind mir auf den Fersen. Und mein’n Brüdern helfen kann ich auch nich … dort wimmelt‘s nur so von schießwütigen Rangern … also«, druckste Jon unschlüssig herum, »hab mir gedacht, wegzugeh’n …«

Mary sah ihn überrascht an. »Wegzugehen?«

Jon nickte knapp. »Yeah … in’n paar Wochen könnt ich in Boston sein. Hab in mein’n Packtaschen genug Geld, um übers Meer nach England oder Frankreich zu geh’n …«

»Das ist … weit«, meinte Mary. Sie hatte in der Schule einiges über die alte Welt gelernt. »Gott, kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, dort zu leben … So richtig über dem Meer … ist bestimmt alles alt dort und, na, egal …«

Die Länder werden dort noch von Königen regiert. Wir haben hier die verdammten Rancher, ist auch nicht besser …

»Wollt dich fragen, ob du mitkommst …«, stellte Jon eine heisere Frage. Er sah sie an. »Wir hab’n dir schlimme Dinge angetan, ich weiß, aber …«

Mary legte ihm den Finger auf die Lippen und schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Jon. Ich kann nicht mit dir gehen.« Sie löste sich von ihm und stand auf, um aus dem Fenster zu sehen. »Ich werde dich pflegen, bis du wieder gesund bist, aber ich werde die Farm von Mister Sanchez nicht mehr verlassen …«

Jon senkte den Kopf. »Hm …«

Mary drehte sich zu ihm um. »Du hast das Zeug zu einem feinen Kerl und wirst sicher eine finden, die zu dir passt. Und ich …«, sie spielte mit einer Haarsträhne, »… glaube, dass ich hier mein Glück finden werde …« Sie dachte dabei an Charles, der so einfühlsam war und in seiner zurückhaltenden Art die Geschwindigkeit ihrer keimenden Beziehung ihr überließ. Natürlich war es aufregend, einem Outlaw wie Jon zu folgen, der nicht zögern würde, einen für sie umzubringen, doch irgendwann würde ihn jemand töten und genau davor hatte sie Angst. Es wäre ein Leben ohne Frieden, gegründet auf Geld, das ihnen nicht gehörte. »Wäre ein gestohlenes Leben, Jon …«

Er fuhr sich mit der gesunden Hand über die Haare. »Ich weiß deine Aufrichtigkeit zu schätzen, Mary … und ich versteh’s«, antwortete er zerknirscht. »War nur so ne Idee, aus nem Gefühl raus, verstehst du, was ich sagen will?«

»Klar … aber so spontan wie du bin ich nun mal nicht. Ich habe mir hier etwas aufgebaut …« Mary sah aus dem Fenster, weil jemand Pferde aus dem Stall führte. »Wenn ich das hier sehe, die Menschen und Pferde, dann vermisse ich meine Eltern. Sie fehlen mir so sehr …«

»Vermiss meine auch«, flüsterte Jon und sah noch trauriger aus.

»Ich habe ihnen eine Menge Briefe geschrieben. Mister Sanchez war so nett, mir Papier und Tinte zu besorgen.«

»Und, haben sie geantwortet?«, wollte Jon wissen. Er schien sich wirklich für sie zu interessieren.

Mary lachte verlegen. »Hab sie nicht abgeschickt. Es wäre Mister Sanchez gegenüber nicht recht, es zu tun.«

»Aber du würdest sie gerne abschicken«, mutmaßte Jon.

»Das würde ich schon gerne tun, ja.«

Jon wirkte nachdenklich. Er bemerkte kaum, dass Mary das Zimmer verließ, um bei den Arbeiten im Haus zu helfen.



***



Jons Zustand verbesserte sich zum Glück täglich. Mary sah, so oft es ging, nach ihm, brachte ihm Essen und wusch seine Wäsche. Fast fühlte es sich wie Früher an, nur dass es diesmal zu ihren Bedingungen geschah – und zu Mister Sanchez natürlich. Sie hatte den Mann wirklich zu schätzen gelernt und nahm sich vor, bald mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Bis jetzt hatte sie sich immer gehütet, Fragen zu stellen, aber sie war mittlerweile lange genug hier, um es darauf ankommen zu lassen. Sie nutzte daher die Gelegenheit, als sie ihn vor Jons Zimmer traf.

»Mister Sanchez?«

Der Herr von El Algodon schloss gerade die Zimmertür hinter sich und zog seinen Hut wieder auf, als er lächelnd zu Mary blickte. »Mary! Gut zu wissen, dass wir so eine gute Pflegekraft hier haben. Da ist man fast in Versuchung krank zu werden.« Er lachte und tätschelte Mary sachte die Schulter.

»Danke, Mister Sanchez.« Sie errötete, so wie sie es oft tat, wenn er sie lobte. Es war ein schönes Gefühl, gebraucht und geschätzt zu werden. »Aber darf ich Sie etwas fragen?«

»So ernst? Aber sicher doch, Kindchen.«

»Jon … Mister Hendriks … es ist sicherlich gefährlich, ihn hier zu haben. Trotzdem macht Ihr das für ihn.«

Mister Sanchez nickte nachdenklich. »Mag schon sein. Du willst wissen, warum ich das mache?«

Mary nickte und kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Hoffentlich war sie mit ihrer Fragerei nicht zu weit gegangen. Ihr Gegenüber lächelte jedoch weiterhin. Sein Blick senkte sich dabei versunken auf eines der Bilder im Flur.

»Du weißt, dass die von meiner verstorbenen Liebe sind?«

»Ja.« Mary nickte und betrachtete ebenfalls das Bild. Es war das, das sie am liebsten mochte, weil es sie an ihre Heimat erinnerte.

»Mein Julia war eine gute Frau. Stark und eigensinnig. Ihr Körper war schon immer zerbrechlich gewesen, aber das merkte man ihr nicht an, wenn sie es nicht wollte.« Mister Sanchez hielt kurz inne und Mary ließ ihm die Zeit, die er brauchte, um weiterzuerzählen. »Das hier war ihr Elternhaus. Sie kannte die Hendriks von Geburt an. Ihre Familie hat auf die Jungs aufgepasst, als sie klein waren. War eine ziemliche Rasselbande, die nur Unfug anstellte, aber meine Julia hatte sie fest im Griff.« Er lachte kurz, auch wenn es etwas wehmütig klang. »Sie konnte alle um den Finger wickeln.«

»Dann sind sie so etwas wie Familie für Euch«, stellte Mary langsam fest.

Mister Sanchez schenkte ihr ein Lächeln und nickte dabei. »Irgendwie schon. Sie können nicht wirklich etwas dafür, dass es so endete. Ich knüpfe nicht ihren Strick.«

»Danke, Mister Sanchez.«

»Nichts zu danken, Kindchen.« Er winkte ab und trat an ihr vorbei. Bevor er den ersten Fuß auf die Treppe setzte, drehte er sich jedoch noch einmal zu ihr um. »Charles ist ein guter Junge, Mary. Stoß ihn nicht vor den Kopf.«

Für einen Moment war sie so perplex, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ihr klar wurde, was er damit sagen wollte. »Hat er sie um ihre Zustimmung gebeten?«

Mister Sanchez nickte lächelnd. »Sofern du mir keinen Grund nennen kannst, der dagegen spricht, werde ich sie ihm erteilen.«

»Keinen Grund.« Mary schüttelte strahlend den Kopf. Sie konnte ihr Glück in diesem Moment kaum in Worte fassen. Mister Sanchez verschwand aus ihrem Blickfeld und Mary trat vor sich hin grinsend in Jons Kammer.

»Jon! Tolle Neuigkeiten! Jon?« Verwirrt musste Mary feststellen, dass die Kammer leer war. Das Bett war gemacht und Jons Tasche verschwunden. Ein paar Kleidungsstücke lagen zusammengelegt auf der Bettdecke. Ihr Blick ging zum offenen Fenster und sie fragte sich, ob der Outlaw wirklich so verrückt gewesen war, sich einfach aus dem Staub zu machen? Trotzdem lächelte sie bei der Vorstellung. Verabschiedungen waren nicht wirklich ihr Ding gewesen.



***



»Du siehst einfach bezaubernd aus!«

Mary drehte sich lachend vor dem Spiegel. Das schlichte weiße Kleid passte ihr wie angegossen, auch wenn sie sich schwer vorstellen konnte, dass es einmal Gretas Hochzeitskleid gewesen war. Die üppige Frau, die in wenigen Stunden ihre Schwiegermutter sein würde, stand strahlend hinter ihr.

»Danke, dass ich es anziehen darf.«

»Ach, Kindchen.« Greta winkte ab und platzierte sie auf dem Stuhl vor dem Spiegel. Mary hatte es sich abgewöhnt, ihr Widerworte zu geben. Greta nahm die Bürste zur Hand und strich ihr damit durch das lange Haar.

Erinnerungen an ihre letzte geplante Hochzeit kamen ihr in den Sinn. Es schmerzte sie sehr, an ihre Mum und ihren Dad zu denken. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr eine Träne über die Wange kullerte.

»Mary? Ich bin doch da, mein Kind. Ich weiß, dass es kein Ersatz ist, aber ich bin da.« Greta hatte gelernt, wie in einem offenen Buch in ihr zu lesen. Sie wusste ebenfalls, wie es war, ohne ihre Familie zu heiraten, und hatte daher vollstes Verständnis für sie.

»Danke. Du weißt, dass ihr mir viel bedeutet, aber meine Mum … Ich vermisse sie so sehr. Gerade heute.«

Greta nickte verständnisvoll und legte die Bürste zur Seite. »Kinder bleiben immer Kinder ihrer Eltern. Egal wie alt sie sind. Trotzdem werden wir diesen Tag heute gebührend feiern!«

»Natürlich!« Mary lächelte und wischte sich die einzelne Träne fort. Sie würde gleich den tollsten Mann der Welt heiraten und keine Sehnsucht würde sie davon abhalten.

»Mary?« Es klopfte an der Tür und Greta rief Mister Sanchez herein, den sie schon an der Stimme erkannt hatte.

Ihr Herr trug einen schlichten, aber schicken schwarzen Anzug, als er eintrat. Seine Lippen zierte ein fast diabolisches Grinsen. »Ich habe eine Überraschung für dich! Eigentlich ist sie nicht von mir, aber ich nehme die Danksagung dennoch gerne an.«

Mary lachte, denn so aufgeregt hatte sie ihren Herrn noch nie erlebt. »Eine Überraschung?«

»Alles Gute zur Hochzeit, Mary!« Mit diesen Worten trat Mister Sanchez zur Seite und gab die Tür frei.

Mary traute ihren Augen kaum, als zwei ihr nur allzu bekannte Menschen das Zimmer stürmten. »Mum? Dad?«

Sie wusste, was Mister Sanchez damit gemeint hatte, dass es eigentlich nicht seine Überraschung war. Die Briefe, die sie so gut versteckt hatte, waren nämlich gemeinsam mit Jon Hendriks verschwunden. Sie erlaubte sich noch einen letzten Gedanken an ihn. Der Räuber, der vielleicht ihre erste Liebe war, vielleicht aber auch einfach nur ihr Retter. Mary war angekommen, als sie ihre Eltern in ihre Arme schloss.