KAPITEL 44
1989
Dass Mikey alles erzählen würde, war nur natürlich. Dass er der Geschichte aber auch noch neue Wendungen hinzufügen würde, damit hat Gil nicht gerechnet. Es war doch auch so schon genug, mit dem Ködersack, der alten Kühltruhe, den Bestechungsversuchen. Aber jetzt kommen noch Drohungen mit einer Nagelpistole hinzu und dass er Mikey an Händen und Füßen gefesselt hätte.
Gil weiß, wie ernst die Situation ist. Der Gesichtsausdruck seines Großvaters sagt ihm das und dass Bill Nord mit seinem Abzeichen der Nachbarschaftswache am Küchentisch sitzt und alles aufschreibt.
Dutch schenkt Kaffee nach und setzt sich dazu.
Bill sieht von seinem Notizbuch auf. »Du sagst also, du hattest keine Nagelpistole, Gil?«
»Ach, komm schon!«, sagt Dutch. »Du kennst die Zanettis so gut wie ich, Bill, die trichtern dem Jungen ein, was er sagen soll. Sie lassen die ganze Sache viel schlimmer klingen.«
Bill hebt eine Hand, während er mit der anderen weiterschreibt, langsam und sorgsam. Nachdem er die letzten Zeilen noch einmal gelesen hat, schließt er sein Notizbuch.
Er sieht Gil an und sagt mit einem strengen Unterton in der Stimme: »Bleib im Camp deines Großvaters, im Interesse deiner eigenen Sicherheit. Die Gemüter auf der Insel sind gerade ziemlich aufgeheizt.«
Gil kommen die Tränen. »Ich wollte das doch so nicht.«
Schweigend sitzen die drei Männer am Tisch. Selbst Dutch sieht weg.
Roper wird ihn sich schnappen. Er wird ihn umbringen, zu Ködern zerhacken und über tiefem Wasser ins Meer werfen. Heute sitzt Joss draußen auf der Veranda, und Dutch ist bei ihm und spielt auf seiner Gitarre. Aber morgen werden sie beide draußen auf See sein, und Gil ist allein.
Köder für die Reusen. Wen wird es stören? Selbst wenn die Leute Roper verdächtigen, werden sie es nicht riskieren, bei Papa Frank in Ungnade zu fallen, indem sie den Mund aufmachen. Und Joss und Dutch werden wahrscheinlich froh sein, wenn sie ihn los sind. Gil wird einfach nur das verkorkste Kind sein, das verschwunden ist. Sie werden schon eine Geschichte erfinden – dass er wie ein Irrer hinaus in die Brandung gerannt und ertrunken ist. Ans Bett hätte er gebunden werden sollen, wie ein Kleinkind oder Schlafwandler.
Enkidu schläft fest in seiner Kiste. Gil streichelt seinen mit Kupferlinien überzogenen Panzer, fragt sich, ob sein Freund träumt, und sammelt die ungefressenen Blätter ein.
Dutch kommt spät zurück. Ein leises Gespräch auf der Veranda. Gil schlüpft aus dem Bett ins Wohnzimmer. Er hockt sich ans Fenster und lauscht.
Dutchs Stimme klingt ernst: »Sie wollen ihn von der Insel.«
»Die können mich mal.«
»Der Kleine ist echt verstört. Roper dreht durch.«
»Ist das was Neues?«
»Sie sagen, du hast Gil hergeholt, obwohl du wusstest, dass er nicht normal ist und dass du ihn wieder wegschicken musst.«
»Ja, und wohin?«
»Zu einem anderen Teil der Familie.«
»Den gibt es nicht.«
Schweigen auf der Veranda.
Dann wieder Joss: »Zu Ende der Saison nehme ich ihn mit nach Gero.«
»Und bis dahin?«
»Kann er im Camp bleiben, wie Bill gesagt hat.«
»Super, Joss. In Grannys Kleidern und mit einer sterbenden Schildkröte im Arm. Und Roper ist auf dem Kriegspfad.«
»Roper wird ihn nicht anrühren. Er ist hinter mir her.«
Eine Pause, dann: »Vielleicht sollte er in Behandlung?«
»Dutch, ich verpass dir gleich eine.« Dann sagt der alte Mann leise: »Sie würden ihn mir nur wegnehmen.«
»Was mit Dawn passiert ist. War das richtig, war das gesund?«
Der alte Mann antwortet nicht.
»Gil braucht Normalität, ein geregeltes Leben, Kontakt zu anderen Kindern …«
»Er hat gerade versucht, eins in eine verdammte Kühltruhe zu sperren. Ich würde sagen, das klingt nach Einzelgänger.«
»Joss, komm, überlege, was ihm im Moment wirklich helfen würde.«
»Die verdammten Zanettis nicht wiederzusehen.«
Gil streckt die Hand aus und berührt die Wand. Sein Großvater ist auf der anderen Seite, im Knarzen eines Stuhls, dem Anreißen eines Feuerzeugs. Nach einer Weile steht einer der Männer auf. Sein Schatten streicht über das Fenster, aber Gil liegt bereits im Bett.